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Sind wir eine gewaltvolle Gesellschaft?

Redaktion free.fem.minds MAGAZIN

Morgens in der Tram: Der Teenager quetscht sich durch die schließenden Türen und drückt nach innen. Der Typ im Anzug fährt die Ellbogen aus. Beim Rausgehen schiebt die ältere Dame den Fahrgästen den Einkaufstrolley gegen die Knie. Verbissenes Räume Verteidigen auf allen Seiten.

9 Uhr in der Schule: Die Lehrerin schickt den Viertklässler, der nicht aufhören kann, mit dem Stuhl zu kippeln, zum Direktor. Er stört. Im Pausenhof stoßen zwei Jungs einen Kleineren hin und her, bis er weint. Drei Mädchen stehen in einer Ecke und lästern lautstark über eine Mitschülerin in Hörweite. Die Pausenaufsicht tratscht über den Instagram-Account der Kollegin.

Vormittags im Büro: „Die Zimmerlinde soll mal dazukommen“, schallt der Kollege jovial. Die anwesenden Männer lachen. Hoffentlich hat sie sich nicht so, die Neue.

11 Uhr in der Arztpraxis: „Nein, wenn sie nicht genug deutsch sprechen, kann sie leider auch die Frau Doktor nicht verstehen. So geht das hier nicht“, raunzt die Mitarbeiterin am Empfang genervt, so dass alle Patient:innen es hören.

Mittags in der Familie: „Wenn du nicht isst, was es gibt, dann bekommst du nichts und darfst heute nicht fernsehen. Und wenn du keine Hausaufgaben machst, dann darfst du auch nicht raus und Freunde treffen.“

Nachmittags im Freizeittreff: Eine heiße Diskussion entbrennt, ob nur die Mädchen aus schlechten Elternhäusern so bauchfreie Tops anziehen. Sie zupft beschämt am Saum und schweigt.

Am frühen Abend: Wieder so ein Typ, der ihr hinterherruft. Ab morgen geht sie den Umweg von der U-Bahn nach Hause.

Abends im Sportverein: „Den will seine Ex so richtig fertigmachen. Er hat sie nicht mal richtig angefasst, sie hat keine Beweise, nicht mal nennenswert blaue Flecken und jetzt will sie die Scheidung, die Kinder und sein ganzes Geld. Ne Hexe, wie sie im Buche steht.“

Ist das denn Gewalt?

Gewalt ist für die Mehrheit der Deutschen ein Schlag, ein Hieb, ein Akt, der blaue Flecken oder Schlimmeres hinterlässt. Aber das oben? Das ist doch keine Gewalt. Das ist normal, ja vielleicht manchmal ruppig, deutlich oder auch „nur ehrlich“. Aber wenn das Gewalt sein soll, dann wäre Gewalt ja überall.

Nicht wäre. Denn genau das ist sie. Wir haben Gewalt so sehr normalisiert, dass wir es als unangenehm, woke oder belehrend empfinden, wenn uns jemand darauf stößt. Schließlich haben
wir (oder andere) Gründe und alles muss doch auch seine Ordnung haben. Ordnung ist weltweit die Nummer eins Legitimation von Gewalt.

Wir wachsen da schon rein

Gewalt steckt unserer Gesellschaft förmlich in den Genen. Mütter der Nachkriegsgeneration haben sie schreienden Babys mit der fehlenden Wärme und den eigenen ungesehenen Bedürfnissen in die Wiege gelegt. Viele Menschen in Deutschland sind in der tiefen Überzeugung aufgewachsen, dass hart sein, nicht weinen dürfen, nicht auffallen, nicht ausbrechen zum Dasein dazugehören. Was man selbst nicht bekommen hat, gesteht man auch anderen nicht zu. In der Schule merkt man diese Prägung noch heute besonders stark. Wer sich nicht an die Regeln halten will und kann, hat schlechte Karten. Der Deal lautet: Bildungschance gegen Anpassung. Wer das eine nicht leistet, dem bleibt das andere verwehrt. Und was von Schule und Elternhaus ausgeht, überträgt sich auch auf das Miteinander. Bewertung, Abwertung, Einordnung. Und davon abgeleitet werden Handlungen, die als soziale Korrektur verstanden werden wollen, im Kern aber kontrollierende Gewalt sind. Wer sich mit Coercive Control beschäftigt, sieht ein Muster. Jemand definiert, wer Macht haben soll. Und wer sich fügen muss. Die Machtpersonen entscheiden. Ihre Grenzüberschreitungen, Wertungen und moralischen Fehltritte werden nicht als Gewalt, nicht einmal als Fehler betrachtet. Die Stellung gibt an, wer sich was erlauben darf.

In Schule und Job sind diese Hierarchien klar. Lehrkraft und Chefetage sagen an, Schüler:innen und Angestellte müssen sich in der Regel fügen. Wer jetzt zurecht auf Betriebsrat und Schülervertretungen verweist, hat meist keine realen Erfahrungen mit den Systemen gemacht. So berichten Schülerinnen, von sexistischen Witzen durch Lehrer. Und wie nichts passiert. Andere von sexueller Belästigung im Job. Und infolge Getuschel im Team und der Empfehlung, für den Betriebsfrieden selbst zu kündigen.

Wer Gewalt ausüben darf, hängt hierzulande mit Status und Beliebtheit zusammen. Das fängt damit an, wer in der Schule wen mobben darf. Und wer fürs „Petzen“ als schwierig gilt und geht weiter, wenn migrantische Menschen beim Jobcenter schlechter behandelt werden, als Deutsche beim gleichen Sachbearbeiter. Ob wir es wahr haben wollen oder nicht – Gewalt und die Akzeptanz davon, hängt stark mit sozialer Position, Herkunft, Pretty Privilege, Geschlecht und Gesundheit zusammen. Wir sind im Kern keine inklusive Gesellschaft und Menschen mit Einschränkungen, mit Migrationsgeschichte, mit Trauma und Gewalterfahrung oder durch Armut benachteiligte Menschen werden tagtäglich ausgegrenzt, diskriminiert, beschämt und schlechter behandelt. Klassismus, Rassismus, Misogynie und Ableismus, sind kein Mythos, sondern gelebte Realität in Deutschland. Auch Kinder sind täglich damit konfrontiert.

Staatsgewalt und Männergewalt

Was im Privaten passiert, setzt der Staat institutionell um. Staatsgewalt findet ein Großteil der Deutschen gut und wichtig, wenn es „die Richtigen“ trifft. „Die Linken Penner“ auf den Demos, „das arabische Gesindel“ auf den Straßen. Die „hässlichen Feministinnen“ mit ihrem Mist. „Behinderte darf es schon geben, aber bitte nicht solche, die den Betrieb in staatlichen Schulen aufhalten“ und „Integration muss halt vor allem von den Leuten kommen, die hier leben wollen“. Dass der Staat hart durchgreift, wenn Demonstranten auf die Straße gehen? Kein Problem für viele. Dass die Polizei nur Menschen mit dunkler Hautfarbe kontrolliert, finden ebensoviele völlig ok. Die Wahrheit ist, die Mehrheit unserer Gesellschaft hat kein Problem mit Gewalt, solange sie sich mit denjenigen, die sie ausüben identifizieren kann.

Im Privaten dann bringt Gewalt gleich zwei Probleme mit sich. Sie wird nicht gesehen. Und wer darüber spricht, gilt per se als unanständig. Statistisch sind es fast immer Frauen und Kinder, die Gewalt erleben. In einer Gesellschaft, die sie ohnehin benachteiligt, ist das fatal. Ihnen wird nicht geglaubt. Und wenn irgendetwas bewiesen ist, dann wird es schon richtig gewesen sein. Die Deutungshoheit darüber, was richtig und falsch – und damit, ob physische und psychische Übergriffe gerechtfertigt sein sollen, wird nach wie vor, dem Familienoberhaupt zugeschrieben. Das merkt man spätestens, wenn Frauen wegen Vergewaltigung in der Ehe Anzeige erstatten, wenn sie nach Trennungen Stalking zur Anzeige bringen oder wenn Kinder vor Männergewalt geschützt werden sollen. Das geht so weit, dass Ehemänner dafür entschuldigt werden, wenn sie (ihre) Frauen töten. Schließlich sei ihre Trennung für ihn eine emotionale Ausnahmesituation gewesen.

Gewalt herrscht da, wo Fragen verboten sind

Gewalt ist das, was die Mehrheit als solche definiert. Und nicht etwa, was im Strafgesetzbuch steht. Das eine bedingt zudem das andere. Wer die Deutungshoheit hat – in einem Unternehmen, im Klassenzimmer, im Amt, auf der Straße im Büro, auf der Wache, in der Familie oder im Gerichtssaal, der kommt meist mit Gewalt gut durch. Dessen Handeln wird entschuldigt, legitimiert und weit weniger scharf verurteilt, wie die probate Gegenwehr der anderen Seite.

Gewalt liegt meist da verborgen, wo Fragen stellen verboten ist. Demokratie kann Transparenz. Doch wo Kontrolle herrscht, sind klärende Fragen unerwünscht.

Sind wir also im Kern eine Gesellschaft, die gewaltvolles Handeln so normalisiert hat, dass sie Gewalt gar nicht als solche erkennt? Wahrscheinlich nicht, denn sonst würden die meisten Grenzüberschreiter:innen und Täter:innen nicht versuchen, Beweise zu verhindern, zu leugnen und Tatsachen zu verdrehen. Vielmehr sollte uns zu denken geben, wie oft wir Gleichbehandlung aufgeben, um Status zu billigen. Weder Vorgesetzte, noch Lehrkräfte, Polizei oder Richter:innen sollten mehr (diskriminieren) dürfen als andere. Nichts, das über ihr Amt und seine Aufgaben hinausgeht. Nicht grundsätzlich und nicht ungestraft. Wer hier Spielraum zulässt, schafft Raum für klassistische Kontrolle.

Was es dafür jedoch bräuchte, wäre eine grundlegende Debatte um die Wertigkeit von Menschen innerhalb einer Gesellschaft. Ist der Mann im Anzug mehr wert, als das Mädchen mit Kopftuch? Ist der junge Migrant weniger wert als der blonde Azubi im dörflichen Betrieb? Ist die Frau, die ihren Mann nach dem ersten Schlag verlässt, eine Familienzerstörerin? Ist ein hibbeliges ADHS-Kind unangenehmer, als das brave Mädchen in der ersten Reihe?

Worum es hier im Kern geht, ist Komfort und Angst. Und Angst vor Komfortverlust. Was es braucht, ist alte Denkmuster und Zugehörigkeiten aufzubrechen und neue Ordnungen zuzulassen. Auch dann, wenn sie uns nicht mehr in erster Linie selbst dienen.

Am Ende sollten die umfassende Verurteilung von Gewalt und eine Solidarität mit allen Menschen, die sie erfahren, stehen. Zudem braucht es Aufklärung, wo überhaupt Gewalt beginnt. In den Köpfen und jenseits der Stirn. Und dann braucht es einen neuen demokratischen Plan, wie wir nach diesen neuen Erkenntnissen ins Handeln kommen.

Argomento Stimme gegen Gewalt

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