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Das doppelte Dunkelfeld

Redaktion free.fem.minds MAGAZIN

Wenn Frauen nicht wissen, dass sie Gewalt erleben.
Und was passiert, wenn Frauen sich wehren?

Fast alle vier Minuten erlebt eine Frau in Deutschland Gewalt. 187.128 weibliche Opfer erfasste das Bundeskriminalamt in seiner Statistik (Bundeslagebild Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten 2024)

für 2024 und damit eine Steigerung zum Vorjahr von 3,5 Prozent. Diese Zahlen bilden im sogenannten Hellfeld die Gewaltvorfälle ab, die Frauen anzeigen oder die anderweitig über das Hilfesystem erfasst werden können. Expert:innen gehen davon aus, dass rund das Sieben- bis Achtfache von Gewalttaten gegen Frauen nie zur Anzeige gebracht wird.

Zusätzlich zu diesen nicht angezeigten und damit nicht erfassten Fällen von Gewalt, dem sogenannten Dunkelfeld, existiert ein Bereich, den das Bundeskriminalamt als das sogenannte doppelte Dunkelfeld bezeichnet. Dieser Anteil gewaltbetroffener Frauen zeigt ebenfalls nicht an.

Der Grund ist hier jedoch nicht etwa Einschüchterung, Angst oder fehlende Unterstützung, sondern die Tatsache, dass diese Frauen nicht wissen, dass das, was sie erleben, Gewalt ist. Beim doppelten Dunkelfeld, das Expert:innen auch als das absolute Dunkelfeld bezeichnen, kommt hinzu, dass Opfer eine so große Scham empfinden, dass sie nicht nur niemals anzeigen, sondern nicht einmal anonym über ihre Gewalterfahrung sprechen würden. In erster Linie ist es den Frauen vor sich selbst nicht möglich einzugestehen, dass sie zu jenen zählen, die Gewalt erleben. Diese Frauen zeigen nicht nur nicht an, sondern suchen keine Hilfe, gehen nicht ins Gespräch mit ihrem Umfeld. Das absolute Dunkelfeld gilt daher in Fachkreisen als nicht erfassbar.

Je öfter Gewalt in Gesellschaft und Medien besprechbar und
damit greifbar gemacht wird, desto kleiner werden die Hürden
für Frauen in diesem Dilemma.

Scham ist eine kraftvolle Waffe männlicher Täter

In der Gemengelage aus der Normalisierung von Gewalt, dem inneren Unrechtserleben und dem Gaslighting über Ereignisse ergibt sich für Opfer eine gefährliche Situation, in der sie einerseits nie genug Informationen zur Verfügung haben, um die Gewalt an ihnen verlässlich als solche einzuschätzen. Andererseits ist da ein überzeugender Täter, meist Partner, der ihnen versichert, dass das am Ende gar keine Gewalt ist und dass sie das Problem sind. Dass sie es sind, die provozieren und dass ihnen niemand glauben würde. Den Frauen wird eingeredet, dass sie es sind, die sich schämen sollten, ihn in diese Situation gebracht zu haben. Oft vermitteln die Täter, beide seien gleichermaßen an der Gewalt beteiligt. Und diese Taktik wirkt, denn wer sich schämt, zeigt in der Regel nicht an. Dieses Vorgehen lässt sich den Tätermechanismen von Coercive Control zuordnen. Eine Gewalt, die ein aus Gedanken und Worten geschaffenes Gefängnis für Betroffene kreiert, in dem es ihnen fast unmöglich gemacht wird, sich von außen Hilfe zu suchen.

Was passiert, wenn Frauen sich wehren

Selbst dann, wenn von Gewalt betroffene Frauen wissen, dass sie Gewalt erleben, wird ihnen suggeriert, dass ihr Anteil an den Vorfällen so groß ist, dass sie sich schämen müssen und dass niemand sie als Opfer sehen wird. Ein Mechanismus, bekannt als Reaktiver Missbrauch spielt hier eine Rolle, der jedoch in Fachkreisen so nicht genannt werden sollte. Er suggeriert falsch, dass Frauen, die sich wehren, ebenfalls missbräuchlich handeln würden. Gemeint ist jedoch schlicht die Gegenwehr von Opfern. Reaktiver Missbrauch sollte daher Selbstverteidigung heißen.

Wird ein Mann auf der Straße überfallen, würde ihm wahrscheinlich niemand vorwerfen, dass er sich wehrt. Bei Frauen in Beziehungen oder bei sexuellen Übergriffen ist das konsequent anders. Wenn Frauen sich gegen Tätergewalt wehren, wird das oft falsch als gleichwertige Gewaltbeziehung eingestuft. Das ist ein Fehler, der Opfer zu Täterinnen erklärt. Erleben Menschen im öffentlichen Raum Gewalt, sollen sie sich sogar wehren, sonst wird ihnen unterstellt, alles sei erfunden. Erleben Frauen dagegen im privaten Zuhause Gewalt, dann sollen sie lautlos und ohne Gegenwehr gehen, sich Hilfe suchen, Anzeige erstatten. Wehren sie sich hier und jetzt und bleiben zunächst in der Situation, dann werden sie zum Teil des Problems erklärt.

Diese Perspektive verkennt die Dynamiken bei Männergewalt in Beziehungen. Hinzu kommen Machtverhältnisse und Abhängigkeiten. Es verkennt auch die spezifische Gefährdungslage von Trennungen, wie sie die Studie FEMIZIDE1 der Universität Tübingen zuletzt anschaulich herausstellte. Nie ist das Risiko getötet zu werden für Frauen so hoch, wie im Kontext einer Trennung. Sich situativ gegen Gewalt wehren, kann hingegen den Selbstwert und die Scham über die Situation für die betroffene Frau intakt halten. Zum Gehen kann sie im Moment womöglich jedoch außerstande sein. Diese Gegenwehr, ob verbal oder körperlich, nutzen Täteranwälte regelmäßig, um Frauen zu beschuldigen, die eigentlichen Täterinnen zu sein. Gegenwehr ist kein gleichwertiger Missbrauch, sondern der Versuch, den anderen fernzuhalten oder zu stoppen.

Frauen schämen sich zu sehr für eine Anzeige und das nicht nur, weil die Taten an ihnen Scham erzeugen, sondern weil Täter, System und Umfeld eine Frau, die sich wehrt, nicht akzeptieren.


Täter wissen, dass diese Form der Täter-Opfer-Umkehr in den Gerichten und bei der Polizei häufig funktioniert. Opfer sollen verängstigt, verweint und lila verprügelt in der Ecke kauern, fliehen, sich Hilfe holen. Eine gesunde, wütende Fight-Response, für deren Ausbleiben Frauen draußen beim Joggen im Park eine Mitschuld an einer Vergewaltigung gegeben wird, darf Frau daheim hingegen nicht zeigen, ohne zur Co-Täterin erklärt zu werden.

Das soll Gewalt sein? Wenn Täter und soziales Umfeld Gewalt normalisieren.

Ein großer Teil des doppelten Dunkelfelds sind Frauen, die nicht zuordnen können, dass ihre Erfahrungen mit dem Partner Gewalt im Sinne von strafrechtlich verfolgbarer Gewalt sind. Oft handelt es sich Untersuchungen zufolge um Frauen aus sozialen Milieus, in denen sie bereits in der Kindheit, in ersten Jobs und ersten Beziehungen Gewalt erfahren haben. In ihren Leben sind Übergriffe und Grenzüberschreitungen die Norm. Studien nach handle es sich zudem entweder um sehr junge Frauen aus sozial benachteiligten Milieus oder Frauen mit Migrationshintergrund, die keinen oder nur sehr eingeschränkten Zugang zu Informationen haben. Einen weiteren Anteil machen Frauen aus sozialen Milieus aus, in denen Gewalt durch Männer als Tradition normalisiert und im Umfeld bagatellisiert wird. Wenn Männer im ländlichen Raum etwa nach übermäßig Bier und Schnaps übergriffig werden oder Ehemänner nach dem Weinfest zuschlagen, dann empfinden es viele Frauen aus diesen Gruppen als, bis zu einem bestimmten Punkt zu normal, um es tatsächlich zur Anzeige bringen zu können. In einer zugehörigen Studie2 sagen junge Frauen, ihnen würde es helfen, wenn sie Aufklärung erreichen würde, was Gewalt ist, was genau unzulässige Grenzüberschreitungen sind und wo und wie sie Hilfe bekommen.

Es ist für viele 2025 nicht nachvollziehbar, dass Frauen nicht wissen, was ihnen widerfährt und wohin sie sich wenden können. Dennoch existieren diese Gruppen als gewaltbetroffene Frauen da draußen, auf den Dörfern, in den Kirchen, in den Hochhäusern und in den Doppelhaushälften und erleben jeden Tag Männergewalt, die sie nicht einordnen können, vor der sie nicht nicht wissen, wie sie sich schützen können, die ihr Umfeld normalisiert und die sie nicht anzeigen werden.

Bist Du Dir nicht sicher,
ob Du Gewalt erlebst?

Wenn Du meinst, dass das was Dir passiert, Gewalt sein muss, dann trügt Dein Bauchgefühl meist nicht.

Schubsen, würgen, einsperren, an der Kleidung reißen, Schlüssel wegnehmen, ins Lenkrad greifen, im Auto vor Wut beschleunigen, anbrüllen, beleidigen, Gegenstände werfen, Drohungen, Dir Gewalt zuzufügen, gegen Wände schlagen, Geld vorenthalten, das Telefon wegnehmen, Dich nicht schlafen lassen, Kinder instrumentaliseren, gegen dein Haustier treten – all das ist schwere Gewalt, auch dann, wenn der Täter sich danach tränenreich entschuldigt oder Du ihn angeblich provoziert hast.

Was Du empfindest und wie Du es einordnest hat Gewicht und auch wenn Dein Partner oder Deine Familie und Freundinnen sagen, das sei normal, dann ist es das nicht! Wenn Dein Gefühl Dir sagt, dass Du Gewalt erlebst, dann wende Dich anonym, telefonisch oder per Chat an das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen. Du bekommst hier Hilfe, so wie Du sie brauchst. Ohne Druck, ohne Namen, ohne Verpflichtung und in 16 Sprachen. Gerade bei deiner Geschichte solltest du keine Sprachbarriere fühlen. Du kannst nur über Deine Erfahrungen sprechen oder schreiben und Du entscheidest alleine, was danach passiert.
Wenn Du nichts weiter unternehmen möchtest, ist das Deine Entscheidung, die respektiert wird.

Doch eine Meinung, ein Blick von außen, ein Wort für das, was da passiert, ist oft der erste Schritt. Frauen brauchen bis zu acht Anläufe, um sich bei Gewalt zu trennen oder sich Hilfe zu suchen. Du bist nicht alleine, wenn Du dazu noch nicht bereit bist. Alles, das Du für Dich entscheidest, ist ok. Wichtig ist, dass Du lernst, dass Dein Bauchgefühl richtig ist, wenn Du meinst, jemand überschreitet Deine Grenzen. Deine Wahrnehmung zählt.

Hilfe, wie Du sie brauchst, bekommst Du hier

  1. Studie „Femizide in Deutschland“, Institut für Kriminologie der Universität Tübingen und Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen, 2025 unter www.uni-tuebingen.de

  2. Gewalt und Milieus Einstellungen zu Gewalt und Gewalterfahrungen in sozialen Milieus in Bayern im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales Abschlussbericht von Prof. Dr. Carsten Wippermann DELTA-Institut für Sozial- und Ökologieforschung, Penzberg 2022 über www.bayern-gegen-gewalt.de

Argomento Gewalt gegen Frauen

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