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Die kontroverseste Review des Jahres

Hi! Dennis von Indie Fresse hier.

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Ein kluger (?) Gedanke: Schlechte Wertung, weil KI?

Screenshot #3

Ich habe lange nicht mehr erlebt, dass eine Games-Rezension, dass ein Test, solche Wellen schlägt, wie die Review zu Arc Raiders von Rick Lane auf Eurogamer.

Was ist passiert?

Rick bespricht Arc Raiders, einen phänomenal erfolgreichen neuen Multiplayer-Shooter. Das Prinzip: Ich suche nach Ressourcen und Artefakten in einer Welt, die von übermächtigen Robotern überrannt wurde. Dabei treffe ich immer wieder auf andere Spieler*innen und kann mit ihnen kurzlebige Allianzen eingehen oder versuchen, sie auszurauben. Wenn ich dabei sterbe, verliere ich nicht nur meine gesamte Beute, sondern auch die Ausrüstung, die ich mit ins Spiel genommen habe. Extraction Shooter, nennt sich das.

Screenshot #5

Das Problem: Arc Raiders wurde mit Einsatz von KI entwickelt. Zum einen wurden KI-Tools benutzt, um das Dev Team mit Animationen von Robotern zu unterstützen und ihr Verhalten zu steuern; zum anderen sind offenbar alle Stimmen von NPCs im Spiel KI-generiert. Dazu gehören etwa Händler aber auch Figuren, die mir Quests geben und so die Geschichte der Spielwelt erzählen.

Von Rick Lane und Eurogamer gibt es deswegen nur 2 von 5 Sternen. Die Begründung:

You made a game about the tragedy of humans being replaced by robots while replacing humans with robots, Embark! It displays a total lack of awareness, or worse, wilful ignorance of Arc Raiders' own semantics. […] However smartly designed Arc Raiders is, I cannot recommend it, because Embark does not value the thing that makes it special.

Klar, in den Kommentaren drehen nun Fans von Arc Raiders am Rad. Wie kann ein Spiel, das sie lieben und stundenlang spielen, eine schlechte Wertung bekommen? So weit, so erwartbar.

Nicht gerechnet habe ich allerdings damit, dass dieser Text auch noch steinreiche Games-Bosse zum Durchdrehen bringt.

Erstes Beispiel (Si apre in una nuova finestra): Tim Sweeney, der Chef von Epic Games (Fortnite). Auf X postet er, die Rezension sei schlecht. Denn “politische Meinungen” sollten bitte in Meinungsbeiträgen bleiben. Außerdem läge der Autor falsch. KI erhöhe menschliche Produktivität. Sie ermögliche kleineren Studios wie Embark, schneller größere Spiele zu entwickeln und würde im Gegenteil zu mehr Jobs, mehr Möglichkeiten im Spiele-Sektor für mehr Menschen führen.

Auch Junghun Lee, der Chef von Nexon, den Publishern von Arc Raiders gibt seinen Senf dazu (Si apre in una nuova finestra). Man müsse annehmen, dass wirklich alle Spiele-Studios KI einsetzen. Darum müsse man auch KI einsetzen. Denn man müsse auf eine Strategie setzen, die die Wettbewerbsfähigkeit erhöhe. Ergo: KI.

Und so vieles daran ist schräg. Lasst uns das mal zusammen durchgehen.

  1. Reviews und “politische Meinungen”: Was für ein Humbug. Was ist eine Rezension, wenn nicht eine Meinung? Ich spiele ein Spiel, ich bilde mir dazu eine (informierte) Meinung. Ich teile meine Meinung mit. Und was ist politisch daran, wenn ein Autor sagt, er fände den Einsatz von KI im Spiel geschmacklos, unpassend und wenig überzeugend? Das ist die alte, langweilige Forderung nach Waschmaschinen-Tests für Kulturprodukte.

  2. KI, Produktivität und Jobs: Ich bin nicht überzeugt. Vielleicht wegen den tausenden Jobs (Si apre in una nuova finestra), die Menschen dieses Jahr schon im Games-Sektor verloren haben (Si apre in una nuova finestra). Vielleicht weil Games-Schauspieler*innen in den USA in einen langwierigen Streik (Si apre in una nuova finestra) gezogen sind, weil sie ihre Jobs akut bedroht sehen durch KI. Und vielleicht auch, weil es immer wieder Nachrichten (Si apre in una nuova finestra) gibt darüber, dass der bloße Einsatz von KI eben nicht auf wundersame Weise zu mehr Leistung führt.

  3. Alle in Games nutzen KI: Natürlich nicht. Es gibt Studios, die sich explizit gegen den Einsatz von KI-Tools aussprechen. Und es gibt Menschen, die den KI-Hype gar nicht so toll finden (ähem (Si apre in una nuova finestra)).

Aber gerade über den letzten Punkt stolpere ich selbst ein bisschen. Denn: Was genau meinen wir eigentlich, wenn wir von KI in der Spieleentwicklung sprechen?

Screenshot #4

Bei KI-Stimmen ist die Lage, glaube ich, total klar. Bei Texten, die per KI generiert werden oder bei Musikstücken auch.

Aber wenn man dann ein bisschen tiefer reingeht in die Entwicklung wird es, finde ich, schon komplizierter. Einige meiner besten Freunde arbeiten als Programmierer. Sie berichten, dass sie KI-Tools wie Cursor einsetzen, um beim Coden quasi eine Autovervollständigung zu haben. Vorher haben sie nach funktionierenden Code-Schnippseln in Developer-Foren oder auf Github gesucht. Ist das kontrovers? Für einige ja, für viele gehören diese Tools inzwischen zum professionellen Alltag.

Anderes Stichwort: Prozedurale Generation. Spiele nutzen Algorithmen, um in bestimmten Parametern Welten und Figuren zu generieren. Sie benutzen Tools, um Sounds zu generieren und zu verfremden. Oder sie coden NPCs, deren Verhalten auf Aktionen von Spieler*innen reagiert und die dazulernen. Bestes Beispiel: Das Alien aus Alien Isolation (Si apre in una nuova finestra).

All das könnte man auch KI nennen (oder machine learning).

Ich tue mich schwer damit im Angesicht dieses Einsatzes von KI zu sagen, es sei unmoralisch oder falsch KI für Games einzusetzen — auch wenn ich glaube, dass es durchaus Hardliner geben könnte, die sagen, auch das sollte alles “von Hand” gecodet werden.

Im Übrigen macht das der Autor der kontroversen Arc Raiders Review auch gar nicht. Rick Lane bemängelt ausschließlich den Einsatz von KI für die Stimmen im Spiel.

Und ich glaube, er hat damit absolut recht. Denn die Stimmen im Spiel sind der allerletzte Schrott.

Ich spiele Arc Raiders gerade selbst. Ich liebe es total. Es ist ein Spiel, das sofort für unglaublich spannende Situationen sorgt und das mich immer wieder mit anderen Menschen auf überraschende Art interagieren lässt.

Aber jedes Mal wenn ich die Stimmen der Questgeber höre, denke ich: Was für ein Schund. Keine Persönlichkeit, flach, uninteressant. Eine Performance so spannend wie eine Reiswaffel. Vor dieser Rezension habe ich gar nicht so viel darüber nachgedacht. Nach diesem Text kann ich diesen Aspekt nicht ignorieren.

Und genau zeigt für mich: Rezensionen sind wichtig. Sie können provozieren, zum Nachdenken anregen und vor allem auch: Debatten anstoßen.

Schamlose Selbstpromo und anderes Zeug

  • Wir lieben Obra Dinn, Outer Wilds und co. Aber wir nennt man eigentlich dieses Genre? Metroidbrainia ist ein Vorschlag. Bitte nicht, sagt Bruno Dias. Against Metroidbrainia (Si apre in una nuova finestra) ist der Blogpost, den ihr lesen solltet.

  • Eine Gruppe von GTA-Entwicklern wollten eine Gewerkschaft gründen. Dann wurden sie gefeuert. People Make Games (Si apre in una nuova finestra) hat mit ihnen gesprochen.

  • Ich, Dennis, bin ab heute im Urlaub \o/ In der nächsten Folge Indie Frese gibt’s also keinen Dennis, aber die Folge kommt trotzdem, mit einem ganz besonderen Gast! Ich freu mich schon sehr drauf!

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