
Hallo,
erst einmal: Danke für die viiiiielen lieben Mails, die als Antwort auf die letzte Postkarte kamen. Deshalb gibt es hier auf euren Wunsch die zweite Postkarte – und zahlende Mitglieder kriegen am Ende noch ein kleines Video mit Bewegtbildern von den Tieren und der Landschaft.
Aktuell werde ich oft von der Amerikanischen Kieferwanze (Leptoglossus occidentalis) begrüßt, sobald ich aus der Tür trete. Die ist schon seit einigen Jahren bei uns in Europa eingewandert, und jetzt im Winter findet man die hier öfter mal im Haus, weil die sich natürlich auch lieber hier einmuckeln wollen, als draußen in der Kälte zu frieren. Da die recht groß sind, erschrecken viele Leute vor ihnen, die sind aber für uns Menschen harmlos. Die saugen nur gern an Kiefernzapfen, that’s it.


Was ich hier besonders mag, ist die tolle Lichtstimmung im Winter. Bin tatsächlich am liebsten im Herbst/Winter hier in Dänemark, da stimmt die Atmosphäre für mich am meisten. Da von euch auch die Frage kam, mit welchem Equipment man so schöne Lichtbilder wie das untere machen kann: Das habe ich mit meiner Canon R5 und einer fast 20 Jahre alten Canon EF 50 mm 1.2 L Linse geschossen. Die hat einfach so ein besonderes Rendering, die modernen Linsen sind mir für solche Situationen alle zu scharf. Also: Neu und teuer ist nicht immer besser!

Ich bin so durch die gefrorene Landschaft marschiert, plötzlich fiel ein ganzer Schwung Kiefernzapfen auf mich. Als ich hochgeschaut habe, habe ich direkt diesen Frechdacht entdeckt: Ein Fichtenkreuzschnabel (Loxia curvirostra)!



Diese Vögel brauchen definitiv keine Nussknacker zu Weihnachten. Ihr namensgebender Schnabel, bei dem Ober- und Unterschnabel überkreuzt sind, funktioniert wie ein perfektes Werkzeug zum Aufbrechen von Nadelholzzapfen. Sie klemmen den Zapfen fest, schieben den Schnabel zwischen die Schuppen und hebeln sie mit einer Drehbewegung auseinander. Dann angeln sie mit der Zunge die Samen heraus. Dabei fällt natürlich einiges herunter, sehr zur Freude von Mäusen und anderen Bodenbewohnern.
Fichtenkreuzschnäbel leben nomadisch. Sie folgen den Zapfenernten und tauchen manchmal jahrelang nicht an einem Ort auf, um dann plötzlich in großen Schwärmen einzufallen, so wie es hier gerade der Fall ist. Wenn die Fichten oder Kiefern gut tragen, können sie ab Dezember brüten. Die fettreichen Samen liefern genug Energie für Eltern und Küken.
Die Männchen leuchten in kräftigem Ziegelrot bis Orange, die Weibchen sind grünlich-grau gefärbt, wie du auf dem unteren Foto siehst.

Zuerst dachte ich, das seien Kernbeißer, bis ich mir die Fotos mal genauer angeguckt und den gekreuzten Schnabel entdeckt habe. Die Männchen waren zudem super rot, weshalb ich Fichtenkreuzschnabel sagen würde. Könnte natürlich auch Kiefernkreuzschnabel sein, dafür fand ich das Gefieder der Männchen jedoch zu farbsatt und die Weibchen zu gelb. Ich bin beim Thema Vögel jedoch noch Anfängerin und gar nicht sattelfest, doch das will ich im nächsten Jahr ändern. Dazu später mehr. Solltest du dir jedoch sicher sein: Jasmin, das ist ein Kiefernkreuzschnabel, ich kenne die schon mein Leben lang und bin mir 100 Prozent sicher!!, sag mir das gern.

Im Wald habe ich auch wieder meine Kumpel, die Wintergoldhähnchen (Regulus regulus) gefunden. Die sind wirklich schwer zu entdecken, da die sich unglaublich schnell bewegen. Ich stand bestimmt 20 Minuten vor dem Reisighaufen, in dem das unterwegs war, und hab gewartet, bis mal nicht 100 Zweige vor ihm waren. Uff. War direkt die erste Herausforderung, die ich meinem neuen Teleobjektiv gestellt habe. Mit meiner alten Möhre konnte ich denen nicht gut folgen, aber künftig gibt es dann mit dem Neuen hoffentlich mehr Vogelfotos und -videos, auch, wenn das finanziell sehr geschmerzt hat. Aber ich hatte das schon so lange geplant und jetzt war es endlich Zeit. Kennen bestimmt einige von euch.


Natürlich findet man auch eins hier viel: Möwen. Vögel haben generell oft Routinen, das bedeutet: Wenn du an einer Stelle Vögel beobachtest, kann es sehr gut sein, dass sie auch immer wieder da auftauchen, manchmal auch in bestimmten Rhythmen. Hier über das Haus ziehen aktuell jeden Tag zwischen 15 und 15:45 riesige Schwärme Möwen vom Meer ins Landesinnere, um sich ein geschütztes Schlafplätzchen zu suchen, das nicht so windgebeutelt ist wie die Küste. Auch die Seeadler treten jeden Tag zwischen 14:30 und 15:30 den gleichen Weg an. Ist praktisch, wenn man das einmal rausgefunden hat!

Ich habe die letzten Tage erfolglos versucht, eine Haubenmeise (Lophophanes cristatus) zu fotografieren. Ich habe sie oft gehört und stundenlang im Wald verfolgt, jedoch ohne Erfolg. Haubenmeisen sind super schüchtern und hüpfen gern 40 Meter über mir durch die Fichten, um mich zu quälen. Ich hoffe, ihnen mit dem neuen Objektiv jetzt noch in den nächsten 2-3 Tagen zu Leibe rücken zu können, aber mal sehen, ob das was wird. Fand es jedenfalls lieb und tröstlich, dass stattdessen die Blaumeisen (Cyanistes caeruleus) für mich ihre kleinen Hauben aufgestellt haben:




Hier in diesem Waldstück habe ich bei Gefrierschranktemperaturen stundelang auf die Haubenmeise gelauert. Schade, dass ich sie nicht vor die Linse kam (ein Grund ist auch, dass ich immer auf den Wegen bleibe und nicht durchs Unterholz trample), dennoch hat sich der Ausflug gelohnt. Wenn man ganz früh losgeht und es ein sonniger Wintertag ist, hat man das Glück, ganz besondere Lichtstimmungen einzufangen, die man sonst verpassen würde.




Hier geht der Mond immer schon kurz nach Mittag auf. Finde das passt optisch immer sehr gut zum Bodenfrost.



Zu diesem Gewässer habe ich mich auf der Suche nach der Haubenmeise verlaufen, und das war ein Glück. Tatsächlich passieren mir so ziemlich alle meiner cooleren Fotos durch irgendeinen Zufall oder Fehler. Jedenfalls bin ich da herumgestolpert (bin falsch abgebogen) und habe plötzlich einen Reiher aufgeschreckt, was mir total leid getan hat, hatte ihn nicht gesehen. Der Reiher wiederum hatte ein Entenpärchen aufgeschreckt, das DIREKT vor mir hochgeflogen ist, sodass ich mich super erschreckt habe und mich wie eine Comicfigur auf den Hodenboden gesetzt habe. Die Enten hatte ich nämlich auch nicht auf dem Schirm.


Wer mich aber auf dem Schirm hatte, war dieser Kollege hier: Ein Mäusebussard beobachtete mein Herumwinden in meiner erbärmlichen menschlichen Existenz, während er auf Beute lauerte. Gnädig ließ er sich (da leider noch mit meinem alten Objektiv und viel zu weit weg) von mir bewundern, bis er dann doch der Meinung war, dass er mich würdelos hinter einem Busch kauernden Menschling dann doch satt hat und machte sich vom Acker.


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Seitdem sehe ich ihn aber jeden Tag zwischen 14 Uhr und 14:30 an immer der gleichen Stelle, beispielsweise hat er mich hier überflogen, als ich meine Nemesis, die Haubenmeise (ja, ja, es geht immer um sie, I know) gesucht habe:




Was es hier an der Nordsee natürlich viel gibt, ist Wind. Und vorgestern gab es davon so viel, dass ich nicht gerade, sondern so schräg in den Wind gelehnt laufen musste, da es mich sonst umgehauen hätte. Teleobjektiv geradehalten war unmöglich, dabei wollte ich euch doch die Vögel der Salzwiesen mitbringen. Die haben sich bei dem Wetter aber auch nicht gezeigt, keine einzige Möwe war am Himmel oder am Strand, die blieben alle landeinwärts eingekuschelt in kleinen Tälern zwischen den Dünen und in Wäldern.


Die Mitglieder sehen es ja im Video, das sah in Live aus, als sei ich auf Dune. Die Leute sind mit Händen vor den Augen und komplett zugezogenen Kapuzen blind umhergeirrt, es war absolut wild. Konnte auch kaum gucken und war sehr froh, dass meine Kamera und die Objektive gut abgedichtet sind.



Muss aber sagen, dass das optisch natürlich alles 12/10 war, auch, wenn ich noch Stunden später auf Sand herumgekaut habe.



Wer hier immer mit den Blaumeisen und Wintergoldhähnchen unterwegs ist, sind die Tannenmeisen (Periparus ater). Die Tannenmeise ist die kleinste der auch bei uns heimischen Meisen und Nadelwaldbewohner. Mit ihrer schwarzen Kopfplatte, den weißen Wangen und dem auffälligen weißen Nackenfleck sieht sie etwas aus wie eine Kohlmeise, dieser helle Streifen im Nacken und die Größe unterscheiden sie aber auf den zweiten Blick von ihr. Das Gefieder ist insgesamt auch dezenter als das der bunteren Verwandten: oberseits bläulich-grau, unterseits rahmfarben ohne das gelbe Leuchtfeuer der Kohlmeise. Was ihr an Farbe fehlt, macht sie durch Lebhaftigkeit wett. Rastlos turnt sie durch Fichten und Kiefern, oft kopfüber an den Zweigspitzen hängend, um Insekten und Spinnen zwischen den Nadeln rauszupicken.
Im Herbst und Winter sind dann aber Samen ihre Hauptnahrung. Dabei zeigt die Tannenmeise ein besonderes Verhalten: Sie legt Vorräte an! Einzelne Samen versteckt sie in Rindenritzen, unter Flechten oder zwischen Nadeln, um sie später wiederzufinden. Ihr räumliches Gedächtnis ist dabei deutlich besser als meins.




So, das war die zweite Postkarte, und mein Winterurlaub neigt sich auch bald dem Ende zu. Fürs nächste Jahr habe ich mir vorgenommen, das Thema “Birding”, also die Vogelbeobachtung, endlich mal ernsthaft anzugehen. Hab jetzt die Ausstattung, um mal herauszufinden, wer da so alles in meiner Gegend (und auch woanders) wohnt. Meine Spezialisierung liegt ja bei den Gliederfüßern, ich bin quasi Baby im Bereich Vogelkunde, aber ich bin gespannt, was ich alles lernen werde. Natürlich nehme ich dich hier im Naturarium mit auf die Reise.
Jetzt, wo PostCovid zu 90 Prozent weg ist (über die nervigen 10 Prozent reden wir mal nicht, ne), kann ich wieder häufiger raus und das machen, was ich ja mit dem Naturarium eigentlich viel mehr machen wollte: Die heimische Natur von draußen rein in dein Postfach holen. Und je mehr Leute das hier auf Steady unterstützen, umso mehr kann ich das auch machen. Daher: Wenn dir meine Arbeit etwas gibt – sei es Wissen über Natur, neue Perspektiven oder einfach Freude an kleinen Beobachtungen – dann kannst du mich mit einer Mitgliedschaft unterstützen! Und bevor du sagst iiih, neee, nicht noch ein Abo: Als Selbstständige gibt's kein Gehalt pünktlich am 1. des Monats und auch keinen Inflationsausgleich. Schreibers Naturarium lebt davon, dass ich Zeit in Recherche, ins Draußen-Herumstiefeln, ins Zeichnen und Schreiben stecke. Als Mitglied hilfst du mir, das langfristig weiterzumachen, und ich krieg Planungssicherheit. Denn nichts killt Kreativität und befeuert Depression mehr als Existenzängste, ask me how I know, hust. Das Naturarium sorgt dafür, dass ich unabhängig das machen kann, was ich will, und dass ich mich nicht hinstellen und jeden Post hier sponsorn lassen muss, damit das mit der Miete klappt. Und je nach Paket gibt's für dich auch kleine und große Extras, digitale Goodies und manchmal sogar Post! ☺️💌 Ist also ein Win-Win:
Also, ich hoffe, dass ich dich bald als Mitglied begrüßen kann. Und falls du schon ein Farn, ein Elch oder ein Wal bist, kommt jetzt hier gleich für dich das Video.
Bis zum nächsten Mal
Jasmin ❤️