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Die Grenzkontrollen emotionaler Care-Arbeit müssen verschärft werden

Es ist umzugsbedingt schon eine Weile her, dass ich eine tegut-Filiale besucht habe. Für alle, denen das Akronym nichts sagt: tegut (benannt nach Theo Gutberlet) ist eine in der hessischen Provinzstadt Fulda gegründete Supermarktkette, die mit ihrem Mix aus günstigen Waren, Markenprodukten und Bio-Alternativen den Wocheneinkauf für alle Geschmäcker, Konsumwünsche und Geldbeutel ermöglichen möchte. Bevor hier jemand nach einem tegut-Rabattcode fragt: Es soll hier nicht um Firmenphilosophie und Sortimentspolitik eines Lebensmitteleinzelhandelsunternehmens gehen, sondern um die Menschen, die selbiges anzieht. So wie eine Person, die ich weiblich las und in ihren 30ern verortete, als sie eine tegut-Filiale betrat, mich nach einem Einkaufswagenchip wühlend im Eingangsbereich wahrnahm und sich zielstrebig auf mich zu bewegte.

Als sie mich verlegen, fast ängstlich, anlächelte und mit einem Fingerzeig auf meine Bluetooth-In-ears deutete, mutmaßte ich, dass sie mir gerne mitteilen möchte, wie toll sie meinen Instagram-Kanal findet. Offenbar war ich zu jener Zeit schon so grenzenlos abgehoben, dass ich nicht für möglich hielt, was dann tatsächlich folgte, nachdem ich einen Stöpsel aus meinem Ohr entfernt hatte. Die Person teilte mir mit zunächst verletzlicher, dann verschwörerisch werdender Stimme mit: „Entschuldigung, aber ich muss sie dringend ansprechen… Diese Dinger in ihren Ohren“, nun nahm sie den Fingerzeig wieder auf und bohrte mir angedeutet in den Gehörgängen herum, „die sind gefährlich. SEHR gefährlich! Hören Sie damit lieber auf!“. Nun durchbohrte sie mich weiter, nicht mehr mit ihrem Zeigefinger, sondern ihren Augen, bis sie sich schließlich rückwärts laufend ins Ladeninnere bewegte, ohne mich bis zum Erreichen der Backwaren-SB-Theke aus dem Blick zu verlieren.

Bio-affine, leicht abgedrehte, aber harmlose Frau im Post-Pandemie-Zeitalter – so könnte ich die Situation abtun. Etwas abzutun, birgt aber immer die Gefahr, inakzeptable Übergriffigkeiten zu entschuldigen, so wie diese hier. Sicher, diese Person mit mutmaßlich großem Umweltbewusstsein und ebenso großen Phobien vor der Komplexität des technischen Fortschritts meinte es – in ihrer Welt – mit ihrer Ermahnung nur gut. Vordergründig. Denn unter dem Vorwand, Gutes zu tun und einen anderen Menschen vor vermeintlichen Gefahren zu warnen, lag schlichtweg das Ziel, sich selbst emotional zu entlasten. Den Weg zu dieser Entlastung sah sie darin, einem wildfremden Menschen Angst einzujagen – damit sie diese nicht mehr alleine tragen muss.

Auf dem schmalen Grat, authentische Begegnungen zu erfahren oder aber ungefragt in die Position der emotionalen Care-Arbeiterin und Lastenträgerin gedrängt zu werden, bewege ich mich öfter, seitdem ich öffentlich sichtbar geworden bin. Parasoziale Beziehungen nennt man das Phänomen einseitiger, nur scheinbarer persönlicher Beziehungen von Follower*innen zu einer Medienpersönlichkeit. Dieses Gefühl der Verbindung wird in Social-Media-Welten durch teilprivate Einblicke von Content Creator*innen genährt, zum Beispiel durch die ständige Verfügbarkeit von Storys aus dem Alltag. Wenn Follower*innen versuchen, die Einseitigkeit dieser Beziehung aufzubrechen – durch die ebenso leichter gewordene Kontaktaufnahme mittels DMs und Co. –, kann die Projektion zum Übergriff werden.

Eine erste längere Social-Media-Pause musste ich einlegen, als sich die DMs – insbesondere nächtliche – häuften, von einigen Menschen, die mich mit der Therapeutinnenpersona aus meinen Reels verwechselten. Sie baten in unzähligen Nachrichten um Hilfe in verzweifelten Situationen, oft in Sekundenfolge. Es ging so weit, dass ich einen Textbaustein mit Hilfsangeboten und Telefonnummern ständig parat hielt. Nach Veröffentlichung meines Buches kamen E-Mails und Kontaktformularanfragen über meine berufliche Website hinzu, die als Danksagung formuliert waren, hin und wieder aber sehr detaillierte Gewalt- und Missbrauchserfahrungen offenbarten oder (zumeist nicht justiziable) Täterschaften beichteten. Bei allem Mitgefühl und aller Anerkennung für den Mut, sich mir anzuvertrauen: Es war und ist eine zementschwere Belastung, dies alles aufzunehmen und zu verarbeiten. Es baute sich aber auch eine Wut in mir auf, dafür, mir diese emotionale Care-Arbeit aufzubürden – ohne mein Einverständnis.

Es mag sein, dass eine solche Eskalation der Fan-Kontakte teilweise dem Thema geschuldet ist, dem ich mich auf Social Media, auf Bühnen und in Buchform verschreibe. Doch auch abseits davon, in anderen Berufskontexten, finde ich mich immer und immer wieder in der Rolle der Kümmerin wieder, für die ich ursprünglich nicht gebucht war: in Telefonaten mit Politiker*innen, Professor*innen und Speaker*innen, die sich eigentlich inhaltlich mit mir für eine Podiumsdiskussion abstimmen wollten, das Gespräch dann aber in ein Coaching gegen Bühnenangst umwandeln. Beim Get-together nach Veranstaltungen, wenn sich dem Überreichen der Visitenkarte die Erzählung einer ganzen Lebensgeschichte anschließt.

Mittlerweile frage ich mich immer dann, wenn ich geneigt bin, diese schnelle Nähe zu mir als Kompliment für meine Person zu werten, als Wertschätzung meiner Empathie zu lesen und mich von Worten wie „Mit Ihnen kann man sich so gut unterhalten!“ geschmeichelt zu fühlen: Würde das gerade auch passieren, wenn ich ein Mann wäre?

Ich schließe meist noch eine Bonusfrage an, nämlich: Werde ich dafür bezahlt? Die Entlohnung muss nicht monetär sein, das muss ich, die Feminismus immer auch als Kapitalismuskritik erklärt, hoffentlich nicht extra betonen. Wenn aber mein Energie- und Care-Depot nach einer Begegnung vollends entleert ist, ohne dass ich willentlich an der Dynamik der Begegnung mitgewirkt habe, dann ist es an der Zeit, Grenzen zu setzen.

In Zeiten, in denen Grenzkontrollen im Schengen-Raum legitim und alltäglich geworden sind, sollten wir lieber die Grenzen zur ewig verfügbaren emotionalen Sorgearbeit verschärfen. Das Credo aller (vor allem) weiblich gelesener und sozialisierter Menschen, denen alltäglich auferlegt wird, als fürsorgliches Ventil und Tragfläche für das Seelenleben ihrer Mitmenschen zu dienen, sollte lauten: No borders, but boundaries. Letztere setzen nicht auf Spaltung, sondern stärken wahrhafte Verbindung – nämlich zu uns selbst, in einer patriarchalen Welt, die uns mehr und mehr Kraft abverlangt.

Argomento Kolumne