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Wahrheit oder Trauma?

Eine Collage aus bunten Papieren, eine Frau wird von einer großen Hand ins Bild gesetzt, links im Bild eine blonde Frisuer, statt eines Gesichts eine Blume.
Collage April 2026 © Kristina Klecko

Mit dem warmen Licht der Lampen das Zimmer ausleuchten. Durch die großen Fenster Morgenfrische reinlassen. Oberflächlich Ordnung schaffen, während der Kaffee durchläuft und die Brötchenreste auf dem Toaster wieder warm und knusprig werden.

Warten.

Jeder Handgriff sitzt, weil er seit Jahren eingeübt ist. Alles macht Sinn und es gibt keinen Grund, die Routine zu ändern.

Dann lese ich ein Buch: Ein Paar aus einem nicht näher benannten Land im südlichen Europa zieht kurz nach „arm, aber sexy“ nach Berlin. Jedes Klischee der Hauptstadt jener Zeit wird ausgebreitet. Der unfassbar günstige lichtdurchflutete Altbau mit einer Monstera in der Wohnzimmerecke, die Flohmarktbesuche, die Kunstgalerien von Freund*innen, eine berufliche Laufbahn, die sich organisch aus einem kreativen Hobby unter Zugabe neuer digitaler Möglichkeiten ergab.

„Während sie auf den Kaffee warteten, knipsten sie die Lampen in den Wohnzimmerecken an, schüttelten die Sofakissen, falteten die Fischgrätdecke, klaubten das verdorbene Obst vom Boden der großen Schale, wuschen die Tassen ab oder versteckten sie in der Spülmaschine.“

Vincenzo Latronico, Die Perfektionen, übers. v. Verena von Koskull

Und jetzt? Sich ertappt fühlen? Gut, dass ich nicht in Berlin lebe, keine Monstera (mehr) habe, keiner Online-Tätigkeit nachgehe. Schade, dass der Autor mir das tägliche Anknipsen der Lampen verdorben hat. Plötzlich ist die eingeübte Routine ein täglicher Beweis, wie wenig individuell ich in einer Gruppe Gleichaltriger bin. Kann und will ich etwas daran ändern oder entscheide ich vorerst, und vielleicht zum Selbstschutz, dass auch der Ruf nach Individualität letztlich ein Reflex ist?

Wie viele Milliarden Lebensentwürfe kann es geben? Welcher lohnt sich? War alles Trug und hat nichts Freude bereitet, was nicht zu etwas Bedeutendem geführt hat?

Eigentlich mag ich keine Geschichten über trostlose Vergangenheiten, wenn diesen bloß eine noch nicht reflektierte Gegenwart gegenüber steht. Wird hier die Wahrheit erzählt, oder ein unverarbeitetes Trauma?

„Und diese Unmöglichkeit, zu einer objektiven Version der Vergangenheit zu gelangen und die Wehmut auf das gehörige Maß zurechtzustutzen, wird die Erfahrung der Wehmut sein.“

Vincenzo Latronico, Die Perfektionen, übers. v. Verena von Koskull

Ich kenne solche Narrative aus Romanen, die angeblich vom sozialen Aufstieg handeln, mir aber vor allem beweisen wollen, dass „jemand es geschafft“ hat. Solche literarischen Figuren scheinen danach zu streben, sich zu erheben, um auf das graue Damals herabschauen zu können. Die in der Vergangenheit handelnden Menschen, die Einrichtung der Zimmer, die Gerüche und das Aussehen der zubereiteten Speisen – auf allem ruht der unbarmherzig abschätzige Blick der Erzähler*innen.

Doch auf diese Weise und in diesem Ton kann über jeden Alltag geschrieben werden. Alles kann monoton und dumpf erscheinen, wenn das echte Leben zwischen die Rillen fällt.

Latronico beschreibt auf etwas mehr als 100 Seiten eine Generation, die enttäuscht wurde.

Nur: Welche Generation wurde das nicht?

Schon wollte ich mit der Vermutung abschließen, dass meine Generation, zu eigenem Vor- und Nachteil, von den Versprechen, die ihr gemacht wurden, Screenshots gemacht hat, und nun die Enttäuschung öffentlich ausstellen kann. Aber ich möchte keine Geschichten trostloser Vergangenheiten erzählen, wenn diesen lediglich eine noch nicht reflektierte Gegenwart gegenüber steht.

„(…) die Schere geführt, wenn ich so sagen darf – hatte: die seelische Not – das verzweifelte Ringen der auch damals – gequälten und enttäuschten Jugend, die schon ihr Vaterland, die Kulturgüter: persönliche Freiheit und Menschlichkeit von einer verantwortungslosen Staatsführung zertreten fand.“

Hannah Höch, 1948, zitiert in Rollig, Waldmeier, Zimmer (Hrsg.): Hannah Höch. Montierte Welten

Danke, dass du mitliest! Bis in zwei Wochen.

Viele Grüße

Kristina

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und tschüss

Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.

Argomento Lesen & Schreiben

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