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Don’t leave your Tea unattended

CN: (Sexualisierte) Gewalt gegen Frauen

Es gibt Momente, die Gesetzmäßigkeiten außer Kraft zu setzen scheinen und Gewissheiten zertrümmern. Momente, in denen klar ist: Es wird nie wieder so sein, wie es vorher war. Solche Momente werden gern als Zäsur bezeichnet. Eine Zäsur teilt die Zeit. Plötzlich gibt es ein Davor und ein Danach.

Die Epstein-Files sind eine solche Zäsur. Der Fall Pelicot. Der Fall Ulmen/Fernandes. Oder die jüngsten CNN-Recherchen zu Telegram-Gruppen, in denen sich Männer gegenseitig Tipps geben, wie sie ihre Partnerinnen betäuben und vergewaltigen können, und Videos davon miteinander teilen. (🔗 Watson.ch (Si apre in una nuova finestra), CNN (Si apre in una nuova finestra))

Die Journalistinnen Isabell Beer und Isabel Ströh veröffentlichten bereits Ende 2024 eine vergleichbare Recherche für das Format Strg_F (🔗 ZDF (Si apre in una nuova finestra))

Von jetzt auf gleich heißt es nicht mehr (nur): „Lass deinen Drink im Club nicht aus den Augen.“ Von jetzt an heißt es (auch): „Pass auf, dass dein Mann dir nichts in den Abendtee mischt.“ Auch die Floskel „Komm gut nach Hause“ will so gar keinen Sinn mehr ergeben. Und statistisch gesehen hat sie das noch nie.

Eine rosafarbene Tasse vor blauem Hintergrund. Ein Bändchen von einem Teebeutel mit gelbem Etikett hängt über den Rand.
Foto von Olena Bohovyk auf Unsplash.com

Am Montag ging ein Ausschnitt aus dem heute Journal viral. Die Journalistin Dunja Hayali interviewt darin Dirk Peglow, den Vorsitzenden des Bundes Deutscher Kriminalbeamter zur PKS, der Polizeilichen Kriminalstatistik. Am Ende des Gesprächs fragt sie: „Was raten sie Frauen?” Und Peglow antwortet:

„Wenn man nach der statistischen Anzahl geht, besser keine Beziehung mit einem Mann eingehen. Da ist das Risiko erheblich höher, Opfer von psychischer oder physischer Gewalt zu werden.“

So weit, so wahr. So weit, so bekannt. Trotzdem bekommt Peglow nun Hass und Hetze im Netz zu spüren – genau wie Hayali im Übrigen.

https://www.instagram.com/reel/DXaIK47Dp4k/?utm_source=ig_web_copy_link&igsh=NTc4MTIwNjQ2YQ== (Si apre in una nuova finestra)

Er würde alle Männer unter Generalverdacht stellen und Beziehungen zwischen Männern und Frauen grundsätzlich für gefährlich erklären und davon abraten. Kontext-Kollaps nennt man das auch: Eine Aussage wird aus dem Kontext gerissen, verbreitet sich ohne diesen und wird verzerrt. Ein Strohmann-Argument entsteht. Es wird über etwas debattiert, was nie gesagt wurde. Und das eigentliche Anliegen geht unter. Peglow versucht nun in Interviews, seine Worte wieder in den richtigen Kontext zu rücken. (🔗 RND (Si apre in una nuova finestra))

„Hätte ich mehr Zeit gehabt, hätte ich deutlicher erklärt, dass es mir um die statistisch erkennbare Gefährdung von Frauen durch Gewalt im sozialen Nahraum geht, insbesondere durch aktuelle oder ehemalige Partner, und nicht um ein Pauschalurteil über Männer.“

Ist das nicht eine interessante Dynamik? Der arme Mann, und das schreibe ich ohne jede Häme, glaubt, er hätte es nur besser erklären müssen und dann wäre er verstanden worden. Dabei hat er sich absolut verständlich ausgedrückt. Alle, die wollten, haben ihn verstanden. Auch Männer.

Hier lässt sich auf struktureller Ebene beobachten, was so viele Menschen, insbesondere Frauen, auf individueller Ebene täglich erleben. Eine Problematik wird adressiert, ein Verantwortlicher genannt. Aber statt des Problems wird die Person angegriffen, die das Problem adressiert.

Eine Zäsur zeichnet sich durch ihren Seltenheitswert aus. Wir haben es angesichts der anhaltenden Gewalt gegen Frauen aber nicht mit einem einzelnen Moment zu tun, sondern mit einer Kette von Momenten. Eine Kette, die nicht abzureißen scheint und immer Schlimmeres zu Tage fördert, immer tiefere Abgründe des Menschlichen beleuchtet. Wieviele Zäsuren können aufeinander folgen, ehe sie sich gegenseitig aushebeln? Das ganze Konzept der Zäsur ad absurdum führen? Wie viele Momente braucht es, damit ein Momentum entsteht? Eine kollektive Bewegung?

Ich schreibe hier von Frauen und Männern. Das liegt daran, dass wir, wenn wir über männliche Gewalt sprechen, immer auch über Cis- und Heteronormativität sprechen. Und letztlich über konstruierte Binarität, die den Kern dieser Normativität ausmacht. Das bedeutet jedoch nicht, dass Menschen, die sich außerhalb dieser Pole auf dem geschlechtlichen Spektrum befinden, von der Gewalt und den damit verbundenen Dynamiken nicht betroffen wären. Und während viele cis Männer zu der geschlechtsspezifischen Gewalt gegen Frauen auffällig laut schweigen, gehen unsere queeren, unsere trans- und intergeschlechtlichen, unsere nicht-binären Geschwister mit uns auf die Straßen.

Ich glaube, ich kann für das gesamte Team des Lila Podcasts sprechen, wenn ich sage, dass wir uns immer um Differenzierung bemühen. Es stimmt: nicht alle Männer. Aber ich bin müde. Ich möchte meine Kritik, meine Analysen nicht mehr nett verpacken. Ich möchte nicht antizipieren, wer mich, um das eigene Ego zu schützen, falsch verstehen könnte.

Wer angesichts der multiplen Zäsuren, angesichts der unvorstellbaren Gewalt, die immer sichtbarer wird und die unverkennbar struktureller Bestandteil unserer Gesellschaft ist, noch immer reflexartig „Not all men!” schreit, um sich und die eigene Peergroup zu schützen, ist Teil des Problems.

Nichts zu tun, ist nicht dasselbe wie keinen Schaden anzurichten, solange die ganze Umgebung schädlich ist. Nichts zu tun, das ist Enabling. Nichts Böses zu tun, macht dich nicht automatisch zu einem guten Mann. Macht dich nicht automatisch zu einem guten Menschen. Kein Täter zu sein – das reicht nicht.

Aber was heißt das überhaupt, gut und böse? Schon Hannah Arendt hat mit ihren Gedanken zur „Banalität des Bösen“ aufgezeigt, dass das vermeintlich Monströse im Menschlichen angelegt ist.

„Feminism is the radical notion that women are people“, lautet eine bekannte Losung. Dieser Tage gewinnt sie für mich noch einmal an Tiefe. Für unser Buch Resist – Weich bleiben in harten Zeiten schrieb ich, dass das Patriarchat Frauen entmenschlicht und Männer zu Unmenschen macht. Ciani-Sophia Hoeder schreibt in ihrer Kolumne für Femtastics (Si apre in una nuova finestra):

(…) Hier geht es um Männlichkeit. Nicht den Mann, sondern die Idee vom Mann."

Es gibt mehrere Formen von Männlichkeit, führt Hoeder weiter aus, aber eine dominiert. Ich bin versucht zu sagen: tyrannisiert. Und dann sind da die Männer, die vielleicht selbst nicht Täter sind, aber dennoch von Gewalt und Hierarchie profitieren.

Veronika Kracher nannte das bei uns im Lila Podcast mit Verweis auf Raewyn Connell die patriarchale Dividende.

▶️ Lila Podcast hören (Si apre in una nuova finestra):
Bitch Hunt: Frauenhass, Tech-Faschismus und der Spaß an Grausamkeit – mit Veronika Kracher

Hoeders Text ist überschrieben mit der Frage „Fernandes, Pelicot, Epstein: Wie soll das gehen – mit Männern leben?“ Die eigentliche Frage aber laute: Mögen Männer Frauen? Denn:

„Wir können erst mit Männern auf Augenhöhe leben, wenn sie Frauen mögen. Nicht als Ehefrauen. Nicht als Mütter. Nicht als Projektionsflächen. Sondern als Menschen.“

Sie hat Recht. Und ich möchte eine weitere Frage ergänzen: Mögen Männer sich selbst? Ich glaube, damit Männer Frauen mögen können, müssen sie sich auch selbst mögen. Nicht als Projektionsflächen. Als Menschen.

Diesem Gedanken möchte ich kommende Woche im Lila Podcast weiter nachgehen. Zusammen mit dem Berater und Anti-Gewalt-Coach Mario Stahr sowie dem Psychologen Björn Süfke, versuche ich mich einer Antwort auf die Frage anzunähern: Warum tun Männer Böses? Wenn ihr unsere Arbeit finanziell unterstützen und feministischen Journalismus möglich machen möchtet, könnt ihr das z.B. mit einer Direktüberweisung oder einem Steady-Abo machen. Alle Infos findet ihr hier (Si apre in una nuova finestra).

Aktuell verlieren wir Unterstützer*innen. Das ist angesichts der steigenden Lebenshaltungskosten total verständlich. Aber wir brauchen Menschen, die uns auffangen. Die mit uns zusammen weich bleiben in diesen harten Zeiten.

Bis bald im Podcast oder im Postfach

💜

Laura

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