“Ich lese den Artikel erst jetzt im Detail”, schreibe ich meiner Freundin über Signal. “Das macht echt was mit mir.” Wir haben beide psychische Gewalt erlebt und überlebt. Und sind heute beide wieder in Beziehungen mit cis Männern. Ich tippe: “Du glaubst, diesmal einen von den Guten erwischt zu haben. Aber was heißt das noch? Einer von den Guten?” Meine Freundin schreibt: “Eben. Das Gefühl habe ich auch.”

Sechs Tage ist die Ausgabe vom SPIEGEL alt, nach der ich heute Ausschau gehalten habe. Die Ausgabe, in der die Schauspielerin Collien Fernandes die analoge wie digitale Gewalt benennt, die ihr angetan wurde – von dem Menschen, der ihr am nächsten stand. Ihrem eigenen Partner. Mutmaßlich muss ich ergänzen. Denn natürlich gilt die Unschuldsvermutung. Der Artikel im SPIEGEL (Si apre in una nuova finestra) fällt in die Kategorie der Verdachtsberichterstattung. Aber auch für die (gerade für die!) gelten strenge Regeln. Und überhaupt … Unschuldsvermutung. Was für ein halbgares Konzept. Die Anwältin und Autorin Christina Klemm plädierte einmal dafür, der Unschuldsvermutung eine Opfervermutung gegenüberzustellen. Davon abgesehen gilt die Unschuldsvermutung ja auch für Fernandes. Jemanden fälschlicherweise einer Straftat zu bezichtigen, ist eine Straftat. Collien Fernandes gab außerdem eidesstattliche Erklärungen ab. Was bedeutet, sie würde sich strafbar machen, sollte sich herausstellen, dass sie gelogen hat. Ich jedenfalls hege nicht den geringsten Zweifel an der Richtigkeit ihrer Schilderungen.
Ich bin, auch wenn sich das in der Rolle als Journalistin nicht gehört, solidarisch mit Collien Fernandes. Und dankbar. Ich weiß nicht mehr, wer den folgenden Satz geprägt hat. Es muss im Kontext der Rammstein-Geschichte gewesen sein, aber er gilt nach wie vor: Lieber solidarisiere ich mich mit einem falschen Opfer als mit einem falschen Täter. Und wie bezeichnend ist das, dass ich diese Gedanken habe? Diese Gedanken niederschreibe? Geht es da wirklich um professionelle Distanz und Einordnung? Oder ist die Vorsicht Ausdruck meiner eigenen internalisierten Misogynie?
Natürlich habe ich gleich am ersten Tag von dem Fall gehört. Bei Instagram und im Radio. “Hat jemand den Link? Ich habe kein Abo” – ein Satz, der häufig gefallen sein dürfte in der vergangenen Woche. Aber es ist doch wichtig, für Journalismus zu bezahlen! Für solche Recherchen Geld auszugeben. Ich wollte unbedingt noch eine Printausgabe ergattern. Mehrere Zeitungsläden muss ich abklappern. Offenbar ging der SPIEGEL besonders gut weg in der vergangenen Woche. Bei mir im Kiez habe ich Glück. Die Verkäuferin holt das allerletzte Exemplar aus dem Lager. Morgen kommt ja schon der neue SPIEGEL. Wie es wohl mit dem Fall weitergehen wird? Welche Headlines folgen? Welche Wellen wird der Fall schlagen? Ist es jetzt endlich da, das große Momentum? Ist es jetzt endlich genug, nach Weinstein, nach Epstein, nach Pelicot? Wird etwas kippen? Werden Gesetze geändert?
In Spanien, so lese ich im SPIEGEL, gibt es Gerichte und Staatsanwaltschaften, die auf Gewalt gegen Frauen spezialisiert sind. Sowas wünsche ich mir auch in Deutschland. Vor allem auch an den Familiengerichten, nicht “nur” an den Strafgerichten. Fernandes und Ulmen haben eine gemeinsame Tochter. Das treibt mich um. Gewaltschutz sollte über dem Umgang stehen, so will es die Istanbul-Konvention (Si apre in una nuova finestra). Doch obwohl diese seit Jahren geltendes Recht in Deutschland ist, gibt es noch immer Richter*innen, die noch nie von ihr gehört haben. Müssen Opfer in einem Verhandlungssaal mit ihren Tätern sitzen. Noch immer raten Anwält*innen davon ab, Gewalt vor Gericht zu benennen. Leider in vielen Fällen begründet. Weil Konsequenzen für Mutter und Kind drohen – nicht etwa den Täter. Noch immer werden Kinder zum Umgang mit ihren gewalttätigen Vätern gezwungen. Die Gewalt habe schließlich nur die Mutter betroffen, nicht die Kinder. Ein schlechter Partner könne trotzdem ein guter Vater sein.
Ein schlechter Partner? So normalisiert sind Gewalt und Machtmissbrauch. Man könnte meinen, dass eine Partner*innenschaft sich durch die Abwesenheit von Gewalt auszeichnet, von Augenhöhe und wechselseitiger Fürsorge. Damit will ich sagen: Sobald Gewalt im Spiel ist, ist es keine Partner*innenschaft mehr. Sondern eben: Gewalt. Missbrauch.
Ulmen und Fernandes sollen eine toxische Beziehung gehabt haben, heißt es im SPIEGEL. Ich beginne, den Begriff immer kritischer zu sehen. Ist er nicht irgendwie verharmlosend? Kommt da nicht gleich eine gewisse Beidseitigkeit auf im Kopf? So nach dem Motto: “Naja, sie wird sicher ihren Teil dazu beigetragen haben. Und überhaupt: Warum ist sie denn so lange bei ihm geblieben?” Sie habe gehofft, ihr Mann könne sich ändern, so Collien Fernandes. Und dass sie ihre Familie nicht auseinanderreißen wollte. Es tut weh, das zu lesen. It hits home. Hard. Für so viele Frauen.
Es ist schon bemerkenswert: Geschieht ein Femizid und wird darüber berichtet, so heißt es oft, eine Frau habe ihr Leben verloren. So als sei es ihr versehentlich abhanden gekommen und nicht gewaltsam von einem Mann genommen worden. Dieser Tage lauten viele Überschriften in etwa so: “Collien Fernandes erhebt schwerwiegende Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann”, ganz so als wären die Vorwürfe das Problem. Und nicht etwa die (mutmaßlichen) Gewalttaten von Christian Ulmen.
“Wie kann sie ihrem Kind so etwas antun?”, schreiben manche in den Sozialen Medien. Und ich möchte am liebsten laut schreien. Collien Fernandes hat sich das nicht ausgesucht. Sie tut das FÜR ihre Tochter. Für unser aller Töchter. Dazu sagt man einfach Danke. Oder am besten nichts.
Noch mehr, was bemerkenswert ist. Etwa, dass der SPIEGEL in dem gesamten Artikel nicht einmal den Begriff Coercive Control (Si apre in una nuova finestra)verwendet, obwohl er eins zu eins das bezeichnet, was Collien Fernandes beschreibt. Oder, dass unser Bundeskanzler, selbst wenn ein weißer Christian der Täter ist und eine Frau of Colour das Opfer, nicht in der Lage ist, Männlichkeit als Problem zu benennen. Stattdessen spricht er über Migration. (Si apre in una nuova finestra)
Im aktuellen Freitag schreibt Samira El Ouassil (Si apre in una nuova finestra):
In Partnerschaften, Ehen und Freundschaften basiert das Vertrauen auf der Annahme, dass der andere einem nicht schaden will. (…) Doch wenn Intimität, das gemeinsame Denken, die geteilten Witze, die gegenseitige Kenntnis von Schwächen und Ängsten kein Schutz sind, sondern als Waffe missbraucht werden könnten, wie lebt man ohne permanentes Misstrauen?
Eine Frage, die ich nicht beantworten kann. Nicht heute.
Alles Liebe.
💜
Laura