
TEIL 42: VOM ERNEUERN UND VERWERFEN
Von diesem Text gibt es mittlerweile sieben verschiedene Entwürfe. Sieben Versuche etwas zum Jahresanfang zu schreiben. Sieben gelöschte Versionen, weil sie jeweils vom aktuellen Geschehen überholt wurden…
Wir hatten recht kurzfristig beschloßen über den Jahreswechsel drei Tage nach Frankreich in die Normandie zu fahren und das neue Jahr mit Blick aufs Meer und die Kreideklippen der Alabasterküste zu beginnen. Das Wetter meinte es so gut mit uns, dass wir Ende Dezember sogar noch für eine Weile draußen in der Sonne sitzen und ein Glas Wein trinken konnten. Am Morgen des 31. Dezember stand ich morgens früh auf und setzte mich zum Rauchen auf eine Bank mit direktem Blick auf die Wellen und schreib einige Ideen in mein kleines Notizbuch. Themen und Gedanken mit denen ich diese Textreihe im neuen Jahr eröffnen wollte. Ich dachte viel über die sogenannte Jahreslosung nach, die die Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen jedes Jahr als eine Art spirituele Überschrift oder Leitwort für das neue Jahr festlegt. Für das Jahr 2026 ist das ein Vers aus dem letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes, Kapitel 21, Vers 5: Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu! Beim Spaziergang am Strand dachte ich über Stellen nach, auf denen ich jetzt einigermaßen trockenen Fußes entlang gehen, Spuren hinterlassen und Angespültes aufheben konnte, die aber in ein par Stunden wieder vom Wasser bedeckt sein würden, wodurch ich die exakte Stelle meiner Spur höchstens noch erahnen könnte. Gezeiten. Zeit. Veränderung. Erneuerung. Ich schlug die Bedeutung des griechischen Wortes für „neu“ in der Offenbarungsstelle nach und las, dass es im Neuen Testament zwei Begriffe gibt, neos und kainos, die mit „neu“ übersetzt werden. Neos (νέος): bezieht sich auf etwas, das zeitlich neu ist — kürzlich, jung oder neu erschaffen. Ein neos-Objekt hat zuvor nicht existiert. Kainos (καινός): bedeutet etwas, das in Qualität oder Wesen neu ist. Es ruft Erneuerung, Verwandlung, Wiederherstellung hervor. Es ist etwas, das bereits existierte, aber erneuert, aufgefrischt oder mit einem neuen Charakter neu gemacht wurde. (Si apre in una nuova finestra)
Im Vers der Jahreslosung wird das zweite Wort verwendet. Das fand ich sofort schön, weil es auf meine Hoffnung einzahlt, dass mit diesem neu machen keine Zerstörung, Vernichtung oder Eroberung verknüpft ist, die zuerst passieren muss, bevor dan das ganz neue, das ganz andere kommen kann. Kein Abriss wegen Neubau, sondern dass es wohl eher um Heilung und Transformation und Wiederherstellung geht. Trotzdem rätselhaft genug. Mit all diesen Gedanken im Kopf schrieb ich noch in Frankreich das folgende Gedicht:
Aber dann erreichte mich die Nachricht von dem furchtbaren Brand in der Silvesternacht in einer Bar im Schweizer Ort Crans-Montana, wo junge Menschen feiernd das neue Jahr begrüßen wollten und von denen 40 starben und über 100 weitere schwer verletzt wurden in dieser Tragödie. Ich hörte das schcoiert und sah fassunglos die Bilder in den Nachrichten und die Augenzeugenberichte eines Überlebenden. Und fühlte mich so gar nicht mehr danach etwas über alles neu zu schreiben. Also löschte ich meinen ersten Entwurf dieses Textes und suchte nach etwas Hoffnungsvollem.
Aber dann kam die Nachricht des völkerrechtswidrigen Überfalls der USA auf Venezuela, die Entführung von Staatschef Nicolás Maduro und den unverfroreren Statements seitens der US-Regierung, die ankündigten das Land und vor allem das Öl ab sofort kontrollieren zu wollen. Verbunden mit der Ansage als Nächstes Grönland zu brauchen und mit kaum versteckten Drohungen Richtung Kolumbien, Kuba und anderer Staaten.
Am ersten Montag-Morgen des neuen Jahres sitze ich im Auto, um nach Lingen im Emsland zur jährlich stattfindenden Schülerakademie zu fahren, wo ich eine Woche lang intensiv mit Schüler*innen der umliegenden Schulen an eigenen Texten arbeiten und über die Bedeutung von Kunst- und Redefreiheit und die Wichtigkeit von Gedichten und Geschichten reden und nachdenken werde.
Auf dem Weg dorthin höre ich den Ok, America-Podcast (Si apre in una nuova finestra) der ZEIT an, wo die absurde Dramaturgie des amerikanischen Venezuela-Überfalls, die direkt aus einem schlechten amerikanischen Action Film aus den 8oern oder 90ern stammen könnte, detailliert besprochen und eingeordnet wird. Soweit man solche Absurditäten überhaupt mit vernünftigen Kategorien analysieren kann. Kurz vor den Feiertagen habe ich das Buch Liturgies for Resisting Empire: Seeking Community, Belonging, and Peace in a Dehumanizing World (Si apre in una nuova finestra) der kubanisch-amerikanischen Theologin Kat Armas gelesen. Sie beschreibt dort u.a. die Denk- und Verhaltensweisen imperialer Machtsysteme und wie das Evangelium von Jesus und die prophetisch-poetischen Texte der Bibel einen gänzlich anderen, einen Gegenweg vorschlagen. Ein Gott, der auf der Seite der Schwachen und Ausgrenzten und Übersehen und Ausgebeuteten steht…
Auch daran denke ich viel während dieser Tage und angesichts der Nachrichtenlage. Genau das meinten wir, als wir ENTWHÖHN’ DICH VON EMPIRE-ERZÄHLUNGEN und EMPIRE-ENTHEMMUNG in unserem Track VOM ENTWÖHNEN gesprochen haben, poste ich auf Instagram unter dem Video einer Live-Performance dieses Textes. Mehr fällt mir gerade nicht ein.
Seit 2018 ist die Schülerakademie ein Jahreshighlight für mich. Und auch in diesem Jahr bin ich wieder sehr berührt davon, wie in so kurzer Zeit über das gemeinsame Schreiben und das gegenseitige Zuhören, Vertrauen entsteht, wo Mobbing-Erfahrungen, erlebter Rassismus und Sexismus oder das Unwohlsein mit dem eigenen Körper miteinander geteilt werden und wo sich junge Menschen, die sich zu Beginn der Woche untereinander noch gar nicht kannten, nun gegenseitig Respekt und Empathie entgegenbringen, Wertschätzung ausdrücken und sich und die anderen ermutigen.
Gemeinsam schauen wir uns ein Video der Dichterin Amanda Gorman an, wie sie bei der Amtseinführung von Joe Biden im Januar 2021 ihr Gedicht The Hill we climb (Si apre in una nuova finestra) vorträgt. Zum Zeitpunkt des Videos ist sie ungefähr so alt wie die Workshop-Teilnehmer*innen. Obwohl ich Amanda Gormans Performance schon mehrmals gesehen habe, fällt mir beim erneuten Hören auf, das in dem Gedicht ein Bibel-Zitat vorkommt, das ich nicht direkt zuordnen kann. Ich recherchiere und schlage nach und finde:
Er schlichtet Streit zwischen vielen Völkern.
Er sorgt für das Recht unter mächtigen Staaten,
bis hin in die fernsten Länder.
Dann werden sie Pflugscharen schmieden
aus den Klingen ihrer Schwerter.
Und sie werden Winzermesser herstellen
aus den Eisenspitzen ihrer Lanzen.
Dann wird es kein einziges Volk mehr geben,
das sein Schwert gegen ein anderes richtet.
Niemand wird mehr für den Krieg ausgebildet.
Jeder wird unter seinem Weinstock sitzen
und unter seinem Feigenbaum.
Niemand wird ihren Frieden stören.
Die letzten drei Sätze sind das Zitat aus Amanda Gormans Gedicht und der Kontext der Verse davor machen sie noch eindrücklicher. Ich notiere mir diesen Vers und beginne über den Traum einer Utopie zu schreiben, einen Gegenentwurf zu Empire-Erzählungen und Allmachtsfantasien. Über die Respekt und Empathie und die Macht der Worte und die Wirkung von Sprache und Geschichten.
Aber dann wurde Renee Good von einem ICE-Beamten in Minneapolis am hellichten Tag auf offener Straße erschoßen und mir war nicht mehr nach Träumen oder Utopie-Beschreibungen.
Mittlerweile gibt es weitere Tote. Und die Art und Weise und die Sprache mit der die US-Regierung diese kaltblütigen Morde rechtfertigt und gutheißt, ja sogar regelrecht zelebriert, entsetzen mich fast nocheinmal so sehr wie die Morde selbst. What a time to be alive, wo man neben Katzenmemes und Coffee-Art in Echtzeit Live-Footage durch die Feeds geballert bekommt, wo du dabei zuschauen kannst, wie Menschen auf der Straße erschossen, brutal verschleppt und sogar Kinder festgenommen werden.
Renne Good war Mutter dreier Kinder, etwas jünger als ich und sie war eine Lyrikerin. Sie wurde getötet, weil sie mit ihrem Auto eine Straße blockierte, um ICE-Beamte daran zu hindern Menschen aus ihrer Nachbarschaft zu verhaften, zu verschleppen oder ihnen Gewalt anzutun.
Im Gedenken an Renne Good habe ich für die aktuelle Folge unseres Hossa Talk-Podcasts eines ihrer Gedichte (Si apre in una nuova finestra) frei übersetzt und vorgelesen:
Am heutigen Sonntag darf ich für die Community der projekt:gemeinde in Wien kurz erzählen, was für mich Gemeinde oder Kirche oder Gemeinschaft bedeutet. Ich habe dafür einen Vers aus dem Brief an die Galater ausgewählt: Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus (Galater 3,28). Ich lese diese Worte und denke an Dorothee Sölle, die schon vor vielen Jahren vor dem Christo-Faschismus Evangelikaler Christen in den USA und hierzulande gewarnt hat. Ich denke an die vielen mutigen Geistlichen, die sich in Minneapolis und an anderen Orten der USA laut und entscheiden gegen diese Politik, gegen körperliche und sprachliche Gewalt und die Anwesenheit und das Vorgehen von ICE protestieren. Einige von ihnen wurden bei Protesten bereits verhaftet. Sie tun das aus Empathie, aus Menschlichkeit und weil ihr Glaube sie darin bestärkt, dass genau das das Richtige ist. Weil es sich lohnt für Orte die Stimme zu erheben und Widerstand zu leisten, in denen alle Menschen willkommen und sicher sind, egal welchen Glauben, Nationalität, Aufenthaltsstatus, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Vergangenheit oder Gegenwart jemand hat. Alle sind eingeladen zu dem Tisch, den Gott, der oder die Liebe ist, für jeden Menschen gedeckt hat. Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben (Johannes 13,34).
Und so bleibt dieser Text ein Fleckenteppich mit losen Anfängen und keinem richtigen Ende. Eine Sprachsuche angesichts dieses Januars 2026, der noch nicht mal ganz zu Ende ist und doch schon für so viel Entsetzen und Wut und Trauer und Fassungslosigkeit und Erschrecken und Angst gesorgt hat.
Vor einigen Wochen hat mich ein befreundeter Lyriker gefragt, warum ich denn nach wie vor so viel über Gott und Glaube und Kirche schreiben würde, wenn ich doch ständig den dort vorhandenen Fanatismus und Sexismus, die Homophobie, die Ausgrenzung und den (Macht)missbrauch anprangere. Warum nicht einfach gehen und akzeptieren, dass das System krank und kaputt und nicht zu retten ist? Über diese Frage denke ich viel nach und mit der Antwort auch noch nicht fertig. Fürs erste vielleicht: Weil der Glaube in diesen Debatten eine große und größer werdende Rolle spielt und ich es wichtig finde nicht den den Extremisten und Faschisten und Fundamentalisten die Deutungshoheit über die biblischen Texte und Symbole und Sprache und Narrative zu überlassen. Ich meine gerade Christ*innen sind jetzt besonders aufgefordert dagegenzuhalten und aufzustehen und beständig darauf hinzuweisen, dass Nationalismus, Faschismus, Imperialismus und all diese Scheußlichkeiten, die von anderen im Namen Gottes und des Christentums oder der christlichen Werte begangn werden niemals mit dem Evangelium in Einklang zu bringen sind. Es ist nicht schweigend hinzjnehmen, wenn ein Kriegsminister den Text des Vater Unser mit Bildern von Kampfflugzeugen, Waffen und Soldaten unterlegt. Dagegen müssen wir klar und eindeutig Stellung beziehen. Weil es Menschen verletzt, in Gefahr bringt und wie wir gesehen haben auch tötet. Und weil es gegen alles steht, was meiner Überzeugung nach Jesus-mäßig wäre.
Und der Grund ist der, weil diese Texte und das Erinnern daran in Gemeinschaft mir dabei helfen nicht zu verzweifeln und die Hoffnung nicht hohl werden zu lassen und weiter an Barmherzigkeit und Sanftmut und Empathie und ja, die Liebe zu glauben. Oder zumindest glauben zu wollen.
Hier kannst Du Dir die ganze Hossa Talk-Folge anhören, in der ich am Ende das Gedicht von Renee Good vorlese. Jay, Gofi und ich unterhalten uns über den Begriff des Segens. Was bedeutet das eigentlich, wie wird das verstanden und welche Schönheit und auch Gefahren bergen diese Deutungen. Ich freue mich, wen Du reinhörst:
https://open.spotify.com/episode/6pC035mfDZvr5zTrvSE4kD?si=XeCa0imNTcCD2QGUsEtd_A (Si apre in una nuova finestra)oder Du kannst direkt über die Webseite von Hossa Talk reinhören: ZUR FOLGE (Si apre in una nuova finestra)
Ab sofort gibt es neben allen #poetrymeetsbeats-Releases von Manuel Steinhoff und mir auch meine beiden Gedichtbände Wir werden alle verwandelt werden und Alles wird ein bisschen anders als Hörbücher auf der Plattform BANDCAMP (gelesen und performt von mir). Auf Bandcamp kann man Alben, Songs und Hörbücher von bekannten- vor allem aber auch von Indie-Künstler*innen streamen und kaufen. Teilweise kann man sogar selbst bestimmen, ob und wieviel man bezahlen möchte. Ich nutze die sehr schön gestaltete App seit Jahren selbst und kann sie als eine tolle Möglichkeit empfehlen abseits der großen Tech-Giganten Künstler*innen, die du gut findest ganz direkt zu unterstützen oder neue Releases zu entdecken:
https://poetrymeetsbeats.bandcamp.com/album/wir-werden-alle-verwandelt-werden (Si apre in una nuova finestra)Herzliche Grüße aus Wien und bleib barmherzig