Hallo,
das ist der Media-Rewilding-Newsletter mit meinen Learnings dazu, wie Journalismus durch Live-Events und Dritte Orte zukunftsfähig wird. Nach einer Winterpause startet er jetzt in die zweite Phase. Wöchentlich! Denn das Thema nimmt gerade richtig Fahrt auf. Und es gibt zunehmend Projekte, die Antworten geben können. Streiche dir gerne den Mittwoch als Media-Rewilding-Tag in deinem Kalender an. Wenn du willst: in Grün.
Heute blicke ich darauf, wie sich unser gemeinsames Thema in immer mehr Prognosen und Studien wiederfindet. Und was das zu bedeuten hat.
(Si apre in una nuova finestra)Als ich vor einem Jahr die ersten konkreten Gedanken zu diesem Projekt sammelte, stieß ich auf den Report „Life Trends 2025 (Si apre in una nuova finestra)“ des Beratungsunternehmens Accenture. Er führte Social Rewilding als eine von fünf entscheidenden aktuellen Entwicklungen auf und meinte damit das Phänomen, dass Menschen im digitalen Kommunikationsalltag zunehmend nach authentischen Erlebnissen und echten sozialen Verbindungen suchen. Und ja, daher kommt auch der Begriff Media Rewilding, den ich davon abgeleitet habe. Er betrifft die Frage, wie Journalismus und Medienhäuser auf dieses Bedürfnis reagieren können. Und wie wir mit einer gesellschaftlichen Renaturierung der Medienprodukte einen Baustein für die Zukunftsfähigkeit von Journalismus schaffen können.
2025 war es noch ein Gefühl, dass das bald immer wichtiger für uns wird. Also für Journalist:innen, für Medienorganisationen, und ja, auch für die Gesellschaft. 2026 zeigt sich, dass wir uns wirklich beeilen müssen, die Möglichkeiten der realen Begegnung in unsere journalistischen Produkte einzubauen. Wenn die Möglichkeiten von KI weiterhin die Mediennutzung so schnell verändern wie in den letzten Monaten, dann wird sich die schlechte Sichtbarkeit von Journalismus exponentiell verschärfen.
Deswegen ist es ein gutes Zeichen, dass das Thema zunehmend diskutiert wird. Ich habe es in weiteren Trendstudien und Prognosen für die Medienbranche wiederentdeckt. Hier findest du Beispiele:
Der jährliche Trendreport des Reuters Institute zeichnet ein nüchternes Bild: Journalismus gerät gleichzeitig unter Druck durch KI-getriebene Distributionslogiken und eine wachsende Creator-Ökonomie. Klassische Medien verlieren an Bindung und Vertrauen, während Persönlichkeiten, Podcasts und Plattformformate an Relevanz gewinnen. Gleichzeitig beschreibt er, dass Community‑Aufbau durch Live‑Events und physische Präsenz als strategische Antwort auf AI‑Druck und Plattformabhängigkeit gesehen wird. Hier geht es zu Journalism and Technology Trends and Predictions 2026 (Si apre in una nuova finestra))
Im ARD Trendradar ist „Neue Nähe“ als Fokustrend definiert. Gemeint sind lokale Vertrautheit, Gemeinschaft und echte Erlebnisse als zentrales Bedürfnis. Übertragen auf Medien könne dies bedeuten, über ortsnahe, authentische Formate neue Bindung zu schaffen. In den Handlungsanweisungen für die ARD führen die Autor:innen einige interessante Punkte an. Zum Beispiel die Frage, wie es gelingen könne, lokal und persönlich, aber trotzdem vollumfänglich und unabhängig für ein Massenpublikum zu berichten? Und die Warnung, nicht in die Falle einer „Gute alte Zeiten“-Nostalgie zu tappen. (Hier geht es zum ARD Trendradar 2026 (Si apre in una nuova finestra))
Unter dem Überpunkt „Menschliche Ankerpunkte“ nennen die Medientrends 2026 des MedienNetzwerks Bayern sogenannte „Real-Life-Rituale“ als Antwort auf die digitale Überreizung. Formate, die digitalen Content bewusst in physische Gemeinschaftserlebnisse übersetzen. Ausgangspunkt ist auch hier eine messbare Sehnsucht nach echter Begegnung. Rituale fungieren dabei als soziale Anker: Sie schaffen Orientierung, reduzieren Stress und machen Werte wie Zusammenhalt konkret erfahrbar. (Hier geht es zu den Medientrends 2026 (Si apre in una nuova finestra))
In den jährlichen Prognosen des Nieman Lab blickt Knight-Fellow Terry Parris Jr in diese Richtung: „Journalism establishes a physical presence.“ Er sagt, wir hätten die Branche so schnell beschleunigt, dass wir dabei die Menschen zurückgelassen hätten. Deshalb würde physischer Raum wieder wichtig. Gemeinschaftsorientierter physischer Journalismus könne sich mit den Räumen und Routinen verbinden, in denen sich die Menschen bereits treffen. Das bestätigt mich sehr in meinen Gedanken zu Journalismus und Dritten Orten, denen ich in diesem Jahr noch an vielen Stellen folgen werde. (Hier geht es zu den Predictions for Journalism 2026 (Si apre in una nuova finestra))
Das Thema ist gerade wirklich sehr gegenwärtig. Und vermutlich bist du auch schon an anderer Stelle auf aktuelle Studien und Texte dazu gestoßen. Schick mir gerne entsprechende Hinweise. Ich versuche sie dann im Newsletter aufzugreifen.
Können wir Journalismus-Samenbomben in den Alltag der Menschen werfen und so nach und nach Medien wieder in der Gesellschaft auswildern? Ich glaube fest daran. Was daraus werden kann, beschreibt dieses utopische Szenario-Interview, das taz-Mitbegründerin Ute Scheub für die Infothek für Realutopien mit mir zu meinem Media-Rewilding-Ansatz geführt hat. Es war nicht ganz einfach, mich während des Interviews gedanklich 15 Jahre nach vorne zu versetzen und das alles gleichzeitig zu modellieren. Das Ergebnis ist natürlich holzschnittartig und die von mir schnell in der Interviewsituation skizzierten Rahmenbedingungen sind nicht vorhersagbar. Auf der anderen Seite bietet eine Utopie gute Möglichkeiten, den Blick in eine Zukunft zu werfen, die man selbst positiv mitgestalten kann. Ich glaube, dass es gerade sehr darauf ankommt, dass wir alle Verantwortung für diese Gesellschaft übernehmen. Hier das Zukunftsinterview – viel Spaß mit dem Szenario:
https://realutopien.info/zukunftsinterview/neue-orte-des-vertrauens/ (Si apre in una nuova finestra)Nächste Woche bin ich am Donnerstag mit Media Rewilding wieder selbst auf der Bühne. Dann darf ich bei Press Ahead (Si apre in una nuova finestra), dem Newcomer-Camp des Bayerischen Journalisten-Verbands, in München ein paar Impulse dazu geben, wie wir Journalismus wieder in der Gesellschaft auswildern. Es geht in der Keynote auch um: Pinguine, Vinyl und Dritte Orte. Im Kern aber vor allem natürlich um Begegnung.
(Si apre in una nuova finestra)Und vorher kommt noch am Mittwoch der nächste Media-Rewilding-Newsletter. Darin werfe ich einen letzten Blick zurück auf meine Learnings von 2025. Und es gibt für dich als Mitglied der Media-Rewilding-Community einen Report als PDF dazu.
💚 Alexander
Mein Name ist Alexander von Streit. Ich bin Journalist und beschäftige mich seit über 20 Jahren mit dem Spannungsfeld, das die Digitalisierung in der Gesellschaft erzeugt. Mein Projekt MEDIA REWILDING dreht sich um die Frage, wie Journalismus durch Live-Events und Dritte Orte zukunftsfähig wird. Ich habe es im Rahmen des Future of News Fellowships (Si apre in una nuova finestra) des Media Lab Bayern 2025 gestartet.
Konkret versuche ich herauszufinden, wie wir journalistische Recherche aus dem überfüllten digitalen Raum in analoge oder hybride Formate überführen können. Also wie wir systematisch Orte oder Veranstaltungen schaffen oder nutzen, an denen Menschen Recherchen erleben, mitgestalten, diskutieren und dadurch direkten Zugang zu hochwertigem Journalismus erhalten können. Und was das mit Vertrauen und Markenbeziehung zu tun hat. Und natürlich wie sich das alles finanzieren lässt.
Dafür mache ich eine Bestandsaufnahme dessen, was bereits in diesem Bereich ausprobiert wird, recherchiere die Erfahrungen der Redaktionen damit, untersuche die Geschäftsmodelle dahinter und systematisiere die Erkenntnisse als Blaupause für die Medienbranche.
Hier ist die Website von Media Rewilding: media-rewilding.de (Si apre in una nuova finestra)
Hier ist meine Website: von-streit.de (Si apre in una nuova finestra)
Hier ist mein LinkedIn-Profil: linkedin.com/in/vonstreit (Si apre in una nuova finestra)