Gedanken zum Unsichtbarwerden als Frau im öffentlichen Raum +++ und muss ich das geil finden?
Neulich schrieb Stefanie de Velasco in der FAZ (Si apre in una nuova finestra) darüber, wie toll sie es findet, nicht mehr auf der Straße angeguckt und gecatcalled zu werden. Wie entspannend. Wie befreiend. Wenn der Male Gaze beginnt, an einem abzurutschen weil die fuckable years offiziell over sind, und man als Frau anfängt, durch die Maschen des Netzes der männlichen Aufmerksamkeit zu fallen. Dann beginnt die Ära der Unsichtbarkeit, die man beispielsweise dazu nutzen kann, völlig unbehelligt im Kaufhaus Lippenstift zu klauen, wie Ruths Freundin Bettina in Six Feet Under vormacht. Noch so ein Kreis, der sich schließt, denke ich bei dieser Szene immer, denn: Stand nicht der Lippenstiftklau als Freizeitaktivität auch ganz am Beginn unserer fuckable years?
(Die Unsichtbarkeit könnte in diesem speziellen Fall allerdings auch mit Ruths Kleidungsstil zusammenhängen. Schließlich ist »kein Kadaver, wie entstellt auch immer, je so furchteinflößend wie Ruth Fishers Garderobe« (Si apre in una nuova finestra) und ich habe Spaß mit diesem Satz und stimme zu, auch wenn ich finde, dass Brendas Garderobe in der Serie das weitaus größere Problem darstellt.)
Ich kann im Gegensatz zu de Velasco nicht behaupten, dass ich begeistert darüber bin, für den Male Gaze uninteressant zu werden. Ich bin eher bei dem, was Meike Stoverock (Si apre in una nuova finestra) dazu schreibt. Klar, mein heutiges Leben hat sich in so gut wie jeder erdenklichen Hinsicht verbessert; meine unfuckable years sind den fuckable years intellektuell, sexuell, spirituell und finanziell so weit überlegen, man müsste mir schon eine schwindelerregende Summe anbieten, damit ich mich dazu bereit erkläre, nochmal einundzwanzig zu sein. Trotzdem würde ich lügen, wenn ich sagen würde, das Schwinden sexueller und romantischer Optionen versetze mich in Euphorie.
nächste Lesungen Rausch und Klarheit
01/10 — Mülheim | Hochschule Ruhr-West, HS 5 / Gebäude 06 | 17:00
13/11 — Lübeck | Aktionstag Suchtberatung | Hansemuseum | 11:30
Ich bin zwar noch nicht 45 und meine Haare sind noch weitgehend schwarz und meine Haut noch so gut wie faltenfrei, aber der Prozess des Unsichtbarwerdens ist schon länger im Gange. Wahrscheinlich hat er schon lange begonnen, bevor ich es überhaupt bewusst mitgeschnitten habe. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen, es ist ein langes, langsames Ausfaden, und es fällt mir eigentlich nur auf, wenn ich mich bewusst erinnere, wie es mal war.