Gelesen, gesehen, gehört: Die Welt geht unter, aber dafür ist die Musik super
Ich bin eigentlich eine stoische Person, die sich wenig Sorgen über die Zukunft macht. Sich Sorgen machen ist nämlich ebenso nützlich wie eine Gleichung lösen, indem man Kaugummi kaut. Wenn aber eines der kulturell einflussreichsten und mächtigsten Weltreiche, dem inzwischen all unsere Kommunikationsmedien gehören, die wiederum weite Teile der hiesigen Presse im Würgegriff haben, in atemberaubender Geschwindigkeit in einen bizarren Neo-Faschismus abdriftet (Ballsaal statt White House, Geheimpolizei, Bücherverbannung), dann fühle ich doch ganz schön viel. Hauptsächlich die Faschismus-Klassiker: Angst, Wut und Machtlosigkeit.
Aber wir haben die Kunst.
Kreative Menschen sind per definitionem Optimisten, denn allein der anstrengende Akt, ein Buch, einen Film, ein Album in die Welt zu bringen, zeugt von Lebensliebe und Zukunftsglaube. Kunst hat das Potenzial, uns zu trösten, oder uns zumindest in unserer Untröstlichkeit beizustehen. Die Kunst blüht in Zeiten des (persönlichen oder gesellschaftlichen) Zerfalls mit einer ganz besonderen Fiebrigkeit. Es ist die Dringlichkeit der Endlichkeit: Vielleicht ist dieses Album, dieses Buch, dieser Film das letzte, was ich jemals sagen werde?
Hier also meine Herbst- und Endzeitliste: Was ich gesehen, gelesen, gehört habe. Und was ich dabei gefühlt habe.

Eddington
Ari Aster ist in mein Leben gekommen als ich 2023 den Podcast The Nightlight Horror Movie Club (Si apre in una nuova finestra) entdeckte, ein Rabbithole, aus dem ich nie wieder wirklich rausgefunden habe. In dem unglaublich charmanten Podcast reden ein paar sehr schnelle, witzige, amerikanische Tierärztinnen über Horrorfilme, die sie lieben oder hassen. NHMC ist der Hauptgrund, aus dem ich im Frühling 2024 eine ersthafte Horrorfilm-Phase hatte. Inzwischen würde ich mich als Horror-Fan (Si apre in una nuova finestra) bezeichnen, obwohl ich gar nicht sooo viel Horror geguckt habe (ich habe oft zu viel Angst). Jedenfalls war Ari Asters wahnsinns Film Midsommar die erste Folge, die ich hörte, und das brachte mich trotz Angst dazu, auch den Film zu gucken, und als ich mich dann wirklich stark gefühlt habe, guckte ich sogar Hereditary!
Jetzt war ich auf das Premieren-Screening von Eddington eingeladen. Aster (der nett und harmlos aussieht, und einen dann mit den schlimmsten, düstersten Albtraumfantasien komplett fertigmacht, wie es für Horror-Creators üblich zu sein scheint, Michael fucking Haneke!) sagte vorab in einem aufgezeichneten Interview: Eddington handle von einer kleinen Stadt, in der Leute paranoid werden, und dann wird der Film paranoid. Okay. Kein Spoiler, keine Untertreibung.
Ein paar Gedanken, die ich zu Eddington hatte:
1—Meine (unsere?) kollektive Weigerung, die Zeit der Corona-Pandemie auf der Leinwand oder im Fernsehen zu sehen oder in Büchern zu lesen, ist beeindruckend. Wenn ich in einem Film eine Maske sehe, oder jemanden über Masken und Maßnahmen oder andere Pandemie-Themen reden höre, bin ich sofort raus. Ich habe This is Us abgebrochen, als sie angefangen haben, Masken zu tragen. Leute, ich bin wegen des Eskapismus hier, nicht, um mich an meine eigene, miese Realität zu erinnern. Würde ich ein Memoir schreiben, das während der Pandemie spielt, ich würde die Pandemie nicht vorkommen lassen. Die Pandemie war auf allen Ebenen vergessenswert, nicht zuletzt aus ästhetischer Perspektive.
2—Das gleiche Gefühl hatte ich in der ersten Stunde von Eddington. In dem Film ist nicht nur Pandemie, die Figuren gucken auch die ganze Zeit auf ihre Screens, die voll sind mit hysterischer Misinformation und alternativen Fakten. Klar, es geht hier darum, dass sich alle Leute in unterschiedlichen Filterbubbles radikalisieren und dazu müssen Algorithmen eine Rolle spielen, aber es macht leider genauso wenig Spaß, Screens auf einem Screen anzugucken wie seinen eigenen Screen anzugucken.
3—Joaquin Phoenix und Pedro Pascal sind großartig, vor allem zusammen. Deirdre O’Connell ist großartig spooky. Auch der junge Verschwörungspriester, gespielt von Austin Butler, ist magnetic. Nur Emma Stone hat in ihrer Rolle eindeutig zu wenig zu tun, außer ätherisch-märtyrerhaft zu halblächeln oder weinend im Bett zu liegen. Diese Rolle ist eine Verschwendung von Stones Fähigkeiten.
4—Der Genre-Mix ist toll. Ich glaube, das Verschmelzen aller Genres wird in allen Kunstformen über Kurz oder Lang die Norm sein. Eddington ist: Neo-Western plus politisches Drama plus Horror-Satire. Außerdem kann man es als eine Art filmische Autofiktion beschreiben: die fiktionale Geschichte steht auf einem Gerüst aus realen Ereignissen.
5—Strukturell erinnert Eddington an The Substance: Auf halber Strecke eskaliert die Handlung auf unvorhergesehene Weise, es passiert eine Art Genre-Explosion. Wie man das findet, darüber kann man streiten. (Hinterher hatte eine Gruppe verstörter Influencerinnen, von denen wir uns vor dem Kino Feuer schnorrten, Redebedarf. Fehlende Triggerwarnung und so.)
6—Aber ich mochte ihn mehr als The Substace. Beide Filme sind ein bisschen zu lang, und bei beiden fühlte mich ein bisschen missbraucht, als ich nach fast drei Stunden aus dem Kino kam. (Ernsthaft, warum müssen Filme jetzt immer so lang sein? Ist es ein Minderwertigkeitskomplex, den zeitgenössische Filme gegenüber Serien haben?) Aber während The Substance unnötig Dinge in die Länge zieht, die man schon in den ersten 30 Minuten verstanden hat, gibt es bei Eddington ein paar abgefahrene Wendungen und mehr als eine Interpretationsmöglichkeit.
7—Für wen ist das? Für Fans von The Substance und David Lynch. Für Leute, die keine Triggerwarnung brauchen. Nicht unbedingt was für Fans von Asters vorherigen Filmen. Definitiv nichts für Leute, die Eskapismus suchen.