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Schönwetterfußball

Die Saison ist jetzt in ihrer heißen Phase, dabei wird gerade gar kein Profifußball in Deutschland gespielt. Der Grund für die Hitze ist der Klimawandel, der in den Sommermonaten die Temperaturen hierzulande wie allseits auf der Welt überdurchschnittlich in die Höhe schießen lässt. Was macht das mit dem Körper von Menschen, wenn sie professionell Fußball spielen? Inwieweit verändern hohe Temperaturen die Leistungsfähigkeit und stellen sogar ein Gesundheitsrisiko dar, und was hat das mit der FIFA-Fußballweltmeisterschaft 2026 zu tun? Diese Fragen beantworte ich in diesem Text.

Die untergehende Sonne hinter dem Dach der Haupttribühne des Millerntorstadions im Mai 2023. Darüber steht der Titel dieses Textes.

Hohe Temperaturen sind ein bekanntes (Ei-)Problem

Wenn bei hohen Außentemperaturen Fußball gespielt wird, kann der Körper schlechter Wärme abgeben. Das ist so, als würde ich gekochte Frühstückseier zum Abschrecken in warmes Wasser geben … Die wären vermutlich zum Mittagessen noch nicht ausgekühlt. Bei einer längerfristig erhöhten Körpertemperatur während körperlicher Aktivität geht es unseren Körpern ähnlich: Sie erwärmen sich, und wenn der Hitzeeinfluss zu stark wird, kommt es zu ersten Fieber-ähnlichen Symptomen: Müdigkeit, Kopfschmerz, Schwindel, Übelkeit. Wird dann nicht schnell gegengesteuert mit Flüssigkeitszufuhr, Ruhepausen und Abkühlung, kann es zu ernsten Herz-Kreislauf-Problemen kommen, schlimmstenfalls entsteht sogar ein Hitzschlag.

Bei dieser potenziell lebensbedrohlichen Komplikation steigt die Körperkerntemperatur auf über 40 °C. Warum ist das ein Problem? Unsere Körperfunktionen werden von Eiweißmolekülen ausgeführt. Diese Proteine können am besten bei einer Körpertemperatur von 37°C arbeiten. Steigt das Thermometer und damit auch die Temperatur in unseren Körperzellen, verlieren die Eiweiße ihre Struktur und arbeiten nicht mehr so gut – sie “denaturieren”. Einmal aus der Form, kann man den Proteinschrott auch nicht mehr reparieren, sondern muss ihn ersetzen (ein hartgekochtes Ei kriegt man auch nicht ohne Weiteres wieder flüssig). Deshalb kann ein Hitzschlag irreparable Schäden verursachen, und schlimmstenfalls fällt man in ein Koma, aus dem man vielleicht nicht mehr erwacht. Selbst wenn es nicht zum Hitzschlag kommt, kann der Körper sehr unter hohen Temperaturen leiden. Das hat auch Konsequenzen beim Fußballspielen.

Nahaufnahme des gegarten Eigelbs in einem hartgekochten Ei.
Sport bei hohen Temperaturen ist nicht immer das Gelbe vom Ei. Quelle: Bev Sykes (Davis, CA, USA)

Sommer, Sonne, Lapsus

Erhöhte Außentemperaturen können zu Hitzestress im Körper führen. Im Profifußball führt das in erster Linie zu einer verminderten Laufleistung. Sowohl die Gesamtdistanz, als auch die Zahl der intensiven Läufe und Sprints geht bei höherer Außentemperatur zurück. Die wissenschaftlichen Untersuchungen dazu sind nur schwer vergleichbar und schwanken, aber grob scheint zu gelten: Ab 22 °C Außentemperatur führt die Erhöhung um +1 °C zu einer durchschnittlichen Verminderung der Laufparameter um etwa 1,5 %. Ob dann bei 22 °C oder 27 °C gespielt wird, kann an der Laufleistung eines Teams schon mal zehn Kilometer ändern. Auch die Höchstgeschwindigkeit bei Sprints wird in der Hitze ausgebremst. Wobei die Forschenden nicht wissen, ob Spieler:innen (unter-)bewusst langsamer sprinten, um nicht zu überhitzen, oder ob die Physiologie einfach nicht mehr hergibt, weil die Muskeleiweiße denaturieren. Besonders stark wirkt sich der Hitzestress übrigens auf die Performance in der zweiten Halbzeit aus. Dann nehmen Erschöpfung und Dehydrierung so stark zu, dass die Leistung noch stärker sinkt.

Höhere Außentemperaturen führen auch zur Verschlechterung von mentalen Prozessen und der Entscheidungsfindung auf dem Fußballplatz. Die Anzahl der erfolgreichen Pässe nimmt ab, und es kommt vermehrt zu taktischen Unsauberkeiten und Konzentrationsfehlern. Sicher kann nicht jeder Fehlpass auf die starke Sonneneinstrahlung geschoben werden, mit der Außentemperatur steigt aber auch die Wahrscheinlichkeit für einen solchen Lapsus. Wer wird angelaufen, wann wird gepresst, wie organisieren wir die Restverteidigung? All diese Fragen werden in Abhängigkeit vom Hitzestress individuell unterschiedlich beantwortet. In der wissenschaftlichen Fachliteratur wird dabei die psychologische Komponente betont. Fußballprofis nehmen gefährliche Spielsituationen anders wahr, wenn sie bei hohen Temperaturen spielen. Sie berichten von unangenehmen Gefühlen auf dem Platz, was dazu führt, dass sie merklich nicht mehr an ihr physiologisches Leistungsmaximum gelangen.

In der Fachliteratur werden auch kritische Schwellenwerte genannt. Beim Überschreiten dieser Kipppunkte kommt es meist zum Einbruch der Performance auf dem Platz bei Fußballprofis. Dabei wird etwa eine Körperkerntemperatur von 39 °C genannt. Das ist nicht weit von den 40 °C-Körperkerntemperatur entfernt, ab der ein Hitzschlag auftreten kann. Falls du dich in Sachen 1,5 °C-Ziel bei der Erderwärmung also schon mal gefragt hast, ob denn jetzt 1,5 °C oder 3 °C so einen großen Unterschied machen… Die kurze Antwort ist: Ja. Auch mehr als ein Prozent sind ein Problem. Wenn nämlich mehr als ein Prozent der Körpermasse an Flüssigkeit verloren geht, sinkt die fußballerische Leistungsfähigkeit messbar. Dafür müsste ich weniger als einen Liter Wasser ausschwitzen – das ist nicht viel. Es ist zwar kaum vorstellbar, dass ich noch schlechter Fußball spiele, aber bei Profis, die drei bis vier Prozent ihrer Körpermasse an Flüssigkeit verlieren, führt die Dehydrierung dazu, dass sie ihr Spielniveau technisch und physisch nicht mehr aufrecht erhalten können.

Alles cool beim Fußball?

Vielleicht denkst du jetzt: Mit dem Hitzestress haben ja alle Menschen auf dem Fußballplatz gleichermaßen zu kämpfen. Das stimmt jedoch nicht. Es gibt dokumentierte Fälle, in denen einzelne Profis top performt haben, obwohl ihre Körperkerntemperatur die 40 °C deutlich überschritt. Ein Grund dafür ist unter anderem die Genetik. Denn unser Erbgut regelt etwa, wie (stark, häufig und salzig) wir schwitzen und wie schnell wir uns an veränderte klimatische Bedingungen anpassen können.

Eine Sache muss ich aber noch festhalten: Leider gibt es in der wissenschaftlichen Fachliteratur aber auch hier wieder einmal den Gender Bias: Über Männer existieren mehr wissenschaftliche Studien zum Thema Hitzestress im Profifußball, als es bei Frauen der Fall ist. Insofern sind Vergleiche zwischen den Geschlechtern schwierig. Einen interessanten Aspekt habe ich zur Dehydrierung gelesen: In einer Untersuchung konnten die Spieler:innen während der Matches ad libitum trinken (also wann immer sie wollten). Das führte dazu, dass die Frauen ihren Flüssigkeitsverlust adäquat ausglichen, während Männer weniger als nötig tranken, obwohl sie jederzeit mehr hätten trinken können.

Um den negativen Auswirkungen von Hitzestress vorzubeugen, können einige nützliche Maßnahmen ergriffen werden, die nicht nur im Profisport sinnvoll scheinen. Die zugrundeliegenden Studien beziehen sich allerdings auf Profis und können deshalb nicht vollumfänglich verallgemeinert werden.

In der Vorbereitung

  1. Akklimatisierung: Ein bis zwei Wochen vor den Matches sollte sich der Körper an erhöhte Außentemperaturen gewöhnen. Das geschieht besonders effizient, wenn in dieser Zeit zehn bis 14 einstündige Trainingseinheiten absolviert werden, bei denen die Körperkerntemperatur 38,5 °C übersteigt.

  2. Medizinische Voruntersuchungen können Personen mit Sichelzellanämie oder mit erhöhtem Risiko für Herzmuskelerkrankungen identifizieren, bei denen besondere Vorsicht geboten ist.

Matchplanung

  1. Anstoßzeiten sollten nicht um die Mittagszeit angesetzt werden sondern eher in den frühen Morgen oder späten Abend verlegt werden, was in unteren Ligen mitunter bereits praktiziert wird.

  2. Bei großem Hitzestress empfiehlt u.a. der Sportwissenschaftler G.P. Nassis weniger intensive Spielstile und entsprechende Matchpläne .

Unmittelbar vor/während der Spiele

  1. Die Kombination von gefrorenen Handtüchern auf hinteren Oberschenkelmuskeln zur äußeren Kühlung und das Trinken von Eisbrei (“ice slurry”) zur inneren Kühlung wird als effizienter beschrieben als eine der beiden Maßnahmen allein.

  2. Nicht mehr als zehnminütiges Warm-Up.

  3. Cooling breaks: Dreiminütige Trinkpausen während der Spiele zum Abkühlen waren von der FIFA ab einer Außentemperatur von 32 °C vorgesehen, dabei empfohlen die einige Expert:innen um Rob Duffield von der School of Sport, Exercise & Rehabilitation in Sidney, Australien, bereits ab 25 °C (siehe Quelle: E. Schwarz u.a.)

Was heißt das für die FIFA Fußballweltmeisterschaft der Männer 2026?

Zur Erinnerung: Die FIFA-Fußballweltmeisterschaft der Männer 2022 in Katar wurde aufgrund der hohen Temperaturen vor Ort nicht in der Sommer- sondern in der Winterpause ausgetragen. Außerdem wurde die Umgebungsluft mit Klimaanlagen in den Stadien gekühlt. Die dafür benötigte Energie kam laut Le Monde übrigens zu mehr als 90% aus fossilen Brennstoffen (Link (Si apre in una nuova finestra)). Warum sollte man in der Wüste auch auf Solarenergie setzen?! Gemäß der Sportschau sind beim Turnier dieses Jahr nur acht von 16 Stadien klimatisiert (Link (Si apre in una nuova finestra)). Die erwartete Hitzebelastung gerade auf den Trainingsplätzen wird bei Außentemperaturen weit über 30 °C enorm sein. Wie The Guardian berichtete, wird es schließlich bei der WM dieses Jahr immerhin Trinkpausen bei allen Spielen geben, unabhängig von den Temperaturen (Link (Si apre in una nuova finestra)).

Die Umweltbedingungen an den 16 Austragungsorten in Kanada, den USA und Mexiko werden enorm divers sein, liegen sie doch in neun unterschiedlichen Klimazonen. Zehn der 16 Austragungsorte weisen ein sehr hohes Risiko für extremen Hitzestress aus. Das Risiko ist für die Nachmittagsmatches (15:00 bis 18:00) besonders hoch, vor allem in Arlington, Houston und Monterrey. Es wird geschätzt, dass die Spieler bei Nachmittagsspielen dort mehr als ein Kilogramm Körperflüssigkeit innerhalb von 60 Spielminuten verlieren. Erschwerend hinzu kommt, dass sich das Aztekenstadion in Mexiko-Stadt mehr als 2.200 Meter über dem Meeresspiegel befindet. In solchen Höhen ist die Luft besonders dünn und den Spielern stehen weniger als ¾ des normalen Sauerstoffgehalts zur Verfügung. Ihnen wird also schneller die Puste ausgehen, entsprechend verminderte Laufleistungen und vermehrte Krämpfe sind zu erwarten.

Drohnen-Luftaufnahme des Aztekenstadions in Mexiko-Stadt nach seiner Renovierung im Jahr 2026 als Banorte-Stadion.
Das legendäre Aztekenstadion auf über 2.200 Metern Höhe trägt mittlerweile (2026) einen Sponsorennamen. Quelle: ProtoplasmaKid

Macht das jetzt alles mehr Bock auf die WM? Ich werde vermutlich nur ein paar Spiele der FCSP-Nationalspieler ansehen. Wenn du boykottierst oder alles schaust, ist das auch vollkommen in Ordnung. Hier kommen zum Abschluss noch:

Drei Nerd-Fakten in aller Kürze

  • Dein Körper kocht (fast) wie ein Frühstücksei. Unsere Proteine arbeiten optimal bei 37 °C. Steigt die Körperkerntemperatur darüber, verlieren sie ihre Struktur und denaturieren. Genau wie ein hartgekochtes Ei lässt sich dieser Proteinschrott nicht zurückverwandeln. Deshalb kann ein Hitzschlag irreparable Schäden hinterlassen.

  • Weniger als ein Liter Schweiß genügt, um messbar schlechter zu kicken. Schon ab einem Prozent Flüssigkeitsverlust der Körpermasse sinkt die fußballerische Leistung. Oberhalb von 22 °C kostet jedes zusätzliche Grad im Schnitt rund 1,5 % Laufleistung. Über ein ganzes Team summiert sich das schnell auf etwa zehn Kilometer pro Spiel.

  • In Mexiko-Stadt geht buchstäblich die Luft aus. Das Aztekenstadion liegt über 2.200 Meter hoch. Dort stehen den Spielern weniger als 75 % des normalen Sauerstoffgehalts zur Verfügung. Hitze plus Höhe ergibt also einen doppelten Leistungsdämpfer, mit mehr Krämpfen und weniger Laufleistung.

Quellen
  • G. P. Nassis, O. Girard, G. T. Chiampas, P. Krustrup, und S. Racinais, „In-match strategies to mitigate the effect of heat on football (soccer) players’ health and performance“, Br J Sports Med, Bd. 58, Nr. 11, S. 572–573, Juni 2024, doi: 10.1136/bjsports-2023-107907 (Si apre in una nuova finestra).

  • J. W. F. Aldous, B. C. R. Chrismas, I. Akubat, C. A. Stringer, G. Abt, und L. Taylor, „Mixed‐methods pre‐match cooling improves simulated soccer performance in the heat“, European Journal of Sport Science, Bd. 19, Nr. 2, S. 156–165, März 2019, doi: 10.1080/17461391.2018.1498542 (Si apre in una nuova finestra).

  • D. B. Read, D. T. Evans, S. Breivik, J. D. Elliott, O. R. Gibson, und L. P. Birdsey, „Implementation of a mixed-methods heat acclimation programme in a professional soccer referee before the 2022 FIFA world cup in Qatar: a case study“, BMJ Open Sport Exerc Med, Bd. 10, Nr. 4, S. e002185, Okt. 2024, doi: 10.1136/bmjsem-2024-002185 (Si apre in una nuova finestra).

  • T. Modric, F. M. Clemente, S. Versic, P. Chmura, und M. Andrzejewski, „Environmental Heat Stress Detrimentally Affects Match Running Performance of Elite Soccer Teams Competing in the UEFA Champions League“, 2025.

  • C. M. P. Meylan, K. Bowman, T. Stellingwerff, W. A. Pethick, J. Trewin, und M. S. Koehle, „The Efficacy of Heat Acclimatization Pre-World Cup in Female Soccer Players“, Front. Sports Act. Living, Bd. 3, S. 614370, Mai 2021, doi: 10.3389/fspor.2021.614370 (Si apre in una nuova finestra).

  • K. J. Donnan, E. L. Williams, und N. Stanger, „The effect of exercise-induced fatigue and heat exposure on soccer-specific decision-making during high-intensity intermittent exercise“, PLoS ONE, Bd. 17, Nr. 12, S. e0279109, Dez. 2022, doi: 10.1371/journal.pone.0279109 (Si apre in una nuova finestra).

  • J. R. Silva, „The soccer season: performance variations and evolutionary trends“, PeerJ, Bd. 10, S. e14082, Okt. 2022, doi: 10.7717/peerj.14082 (Si apre in una nuova finestra).

  • E. Schwarz u. a., „Effects of Pre-cooling and Cooling Breaks on Thermoregulatory, Physiological and Match Running Responses During Football in Moderate and Hot Temperatures“, Sports Med, Bd. 56, Nr. 2, S. 573–587, Feb. 2026, doi: 10.1007/s40279-025-02325-z (Si apre in una nuova finestra).

  • K. Lindner-Cendrowska, K. Leziak, P. Bröde, D. Fiala, und M. Konefał, „Prospective heat stress risk assessment for professional soccer players in the context of the 2026 FIFA World Cup“, Sci Rep, Bd. 14, Nr. 1, S. 26976, Nov. 2024, doi: 10.1038/s41598-024-77540-1 (Si apre in una nuova finestra).

  • J. Grantham u. a., „Current knowledge on playing football in hot environments“, Scandinavian Med Sci Sports, Bd. 20, Nr. s3, S. 161–167, Okt. 2010, doi: 10.1111/j.1600-0838.2010.01216.x (Si apre in una nuova finestra).

  • R. J. Maughan u. a., „Living, training and playing in the heat: challenges to the football player and strategies for coping with environmental extremes“, Scandinavian Med Sci Sports, Bd. 20, Nr. s3, S. 117–124, Okt. 2010, doi: 10.1111/j.1600-0838.2010.01221.x (Si apre in una nuova finestra).

  • S. M. Shirreffs, „Hydration: Special issues for playing football in warm and hot environments“, Scandinavian Med Sci Sports, Bd. 20, Nr. s3, S. 90–94, Okt. 2010, doi: 10.1111/j.1600-0838.2010.01213.x (Si apre in una nuova finestra).

  • S. Plakias, T. Tsatalas, M. A. Mina, C. Kokkotis, A. D. Flouris, und G. Giakas, „The Impact of Heat Exposure on the Health and Performance of Soccer Players: A Narrative Review and Bibliometric Analysis“, Sports, Bd. 12, Nr. 9, S. 249, Sep. 2024, doi: 10.3390/sports12090249 (Si apre in una nuova finestra).