Ausgabe vom Sonntag, 15. März 2026 - Die große, freie Sonntagskolumne aus Altentreptow
Guten Tag, liebe Mitleidenden und Mitlachenden, hier spricht – oder besser: schreibt – Ihre Erna. Mit Gummistiefeln, die im Schlamm feststecken, und einer Feder, die heute besonders spitz geschliffen ist. Wer am Wochenende dachte, Altentreptow hätte endlich ein neues Frei- und Seebad eröffnet, der irrte gewaltig. Es war lediglich unser traditionsreicher Fußballplatz, der beschlossen hat, unter die Hydrologen zu gehen.
Manch einer im Amt raunte ja bereits hinter vorgehaltener Hand von „kaputten Rohren“. Aber ich sage Ihnen: Das ist purer Quatsch. Unsere Rohre sind – wie alles in dieser Stadt – natürlich über jeden Zweifel erhaben. Nein, es war der gute alte Torney-Bach. Dieses kleine Flüsschen, ein Nebenfluss der Tollense, hat sich durch das Tauwetter und den anschließenden Dauerregen am Wochenende so aufgepumpt, als wollte es bei den Olympischen Sommerspielen im Langstreckenschwimmen antreten. Erst hat der Torney-Bach den Sportplatz in ein Feuchtbiotop verwandelt und dann – als wäre das nicht genug – die Kellereinfahrt am Vereinshaus als Abkürzung genommen. Jetzt steht das Wasser im Gebäude, und die Pokale im Schrank lernen vermutlich gerade das Tauchen.
Ein Wächter mit feiner Nase: Baron Tollensius
Mittendrin in diesem aquatischen Desaster stand mein treuer Begleiter, Baron Tollensius. Für einen deutschen Schäferhund seines Formats ist so eine Überschwemmung kein Grund zur Panik, sondern ein Auftrag. Der Baron thronte auf einem der wenigen noch trockenen Maulwurfshügel und hatte alles fest im Blick. Mit aufmerksamen Ohren und dieser unerschütterlichen Ruhe, die er immer hat, wenn es brenzlig wird, beobachtete er das Treiben.
Ab und zu gab er ein kurzes, trockenes Bellen von sich – genau in dem Moment, als ein besonders wichtiger „Anleitender“ fast im Matsch ausrutschte. Es klang fast wie ein Kommentar zur allgemeinen Lage. Der Baron weiß eben genau, wer hier wirklich arbeitet und wer nur so tut. Er ist mein Fels in der Brandung und der Einzige, dem ich blind vertraue, wenn die Pfoten nass werden.
Die Löwen im Schlamm: Ein Hoch auf unsere Feuerwehr
Doch während die Natur sich austobte, gab es eine Gruppe, der ich heute förmlich Honig um den Bart schmieren möchte: Unsere Feuerwehr. Meine Güte, was für Prachtexemplare! Wenn es in diesem Land noch Heldenmut gibt, dann trägt er blaue Overalls und riecht nach Diesel. Sie waren da, bevor der erste Sachbearbeiter im Amt überhaupt den Deckel seiner Kaffeetasse gefunden hatte. Ein Ballett der Effizienz! Während die Wellen gegen die Auswechselbank klatschten, zogen die Kameraden Schläuche aus, als wären es die Rettungsanker der Zivilisation. Ein dreifaches „Gut Schlauch!“ – ihr seid die wahren Giganten in diesem Sumpf!
Nusseltrud taucht auf (und unter)
Mitten in dieser bürokratischen Slapstick-Einlage gab es jedoch einen Lichtblick an Lebensfreude: Nusseltrud. Unsere lokale Koryphäe für alles, was nicht ganz der Norm entspricht. Plötzlich gab es Bewegung im Schlamm. Ein gelber Punkt tauchte zwischen den Fluten auf. Unsere gute Nusseltrud hatte sich in einen neongelben Taucheranzug geworfen, der im Sonnenlicht fast blendete und ihr das Aussehen einer sehr motivierten Zitrone verleih.
„Erna!“, prustete sie und spuckte einen Schwall Flusswasser aus, während sie bis zum Bauchnabel im Bereich des Anstoßkreises stand. „Ich hab sie fast! Meine Glückskastanie! Ich hab sie hier im letzten Herbst verloren, und jetzt, wo der Platz weich wird, muss sie ja irgendwo sein!“ Mit einem beherzten „Gluck“ verschwand sie wieder unter der Oberfläche, nur um Sekunden später mit einer alten, aufgequollenen Bierdose wieder aufzutauchen. „Nicht die Kastanie, aber auch ein historisches Fundstück!“, rief sie begeistert und schwenkte die Dose wie eine Trophäe. Nusseltrud ist wirklich die Einzige, die in einer Katastrophe eine Schatzsuche sieht.
Die Hierarchie der Untätigkeit
Während Nusseltrud tauchte, entfaltete sich am Rand die „Altentreptower Pyramide der Zuständigkeit“. Ganz unten standen die Arbeitenden. Drei wackere Seelen, die mit einer Schaufel versuchten, das Wasser höflich zu bitten, doch bitte woanders zu steigen. Über ihnen thronten die Tragenden. Das sind die Leute, die sehr wichtig aussehende Klemmbretter tragen und Notizen über die Fließgeschwindigkeit machten.
Darüber wiederum gestikulierten die Anleitenden. Sie standen in sicherem Abstand zum Schlamm auf einer Kiste und riefen Dinge wie: „Wir müssen das Wasser ganzheitlich betrachten!“ Und an der Spitze? Da residierten natürlich die Besserwissenden. Sie kamen im Dienstwagen angefahren, ließen das Fenster genau drei Zentimeter herunter und erklärten, dass dieses Ereignis eigentlich eine Chance für den Tourismus sei – ein „temporärer Biotopverbund“.
Alwin Anstand und die trockene Analyse
Alwin Anstand, im Heimatfilm-Look der 50er (Bügelfalte trotz 90 Prozent Luftfeuchtigkeit), erlitt am Rand fast einen Herzinfarkt. Nusseltruds Auftritt verstieß gegen mindestens siebzehn ordnungspolitische Richtlinien. „Das ist unanständig!“, flüsterte er entsetzt. „Man taucht nicht im Amtlichen! Das ist Wildbaden ohne Genehmigung!“
„Alwin“, entgegnete Kantig, der trocken wie ein Knäckebrot neben ihm stand und die Szenerie sezierte, „lass sie doch. Nusseltrud ist die einzige hier, die eine klare Zielsetzung hat. Der Rest von uns wartet nur darauf, dass die Schwerkraft die Arbeit der Stadtverwaltung übernimmt. Das Wasser wird sinken, Alwin. Die Dummheit leider nicht.“
Der Nordmumpitz: Journalismus mit Herz
In diesem Chaos materialisierte sich Falko Federling vom Nordmumpitz. Was für ein Mann! Er blickte auf das Elend mit der scharfsinnigen Melancholie eines echten Journalisten. Der Nordmumpitz ist das Flaggschiff unserer Region. Während das Amt schweigt – und zwar so laut, dass es in den Ohren dröhnt –, findet Federling Worte, wo andere nur Aktenzeichen haben. Falko, falls du das liest: Ein kleiner Platz für eine Kolumne, vielleicht direkt neben den Kleinanzeigen für gebrauchte Boote? Man muss ja die Synergien nutzen!
Ein Fazit im Schlamm
So stehen wir also da am 15. März 2026. Der Torney-Bach zieht sich zurück, Nusseltrud hat statt ihrer Kastanie einen alten Gummistiefel von Meister Munter gefunden („Auch schön!“), und die Feuerwehr räumt ein. Was bleibt? Ein Sportplatz mit gründlicher Bewässerung und die Erkenntnis, dass wir in Altentreptow alles überstehen – solange wir die Feuerwehr, den Baron und eine gehörige Portion Galgenhumor haben.
Schreiben Sie mir! (Si apre in una nuova finestra)
Sind Sie auch schon mal knietief im amtlichen Schlamm versunken oder haben vergeblich versucht, gegen den Strom der Bürokratie zu schwimmen? Welche Geschichten aus unserem Amt bringen Sie zum Kopfschütteln oder Lachen? Schreiben Sie mir Ihre Erlebnisse in die Kommentare – ich freue mich auf jede „amtliche“ Anekdote!
Halten Sie die Ohren steif! Am kommenden Sonntag erwartet Sie hier die große freie Kolumne: Pustekuchen aus dem Windpark. Da weht ein ganz anderer Wind durch Altentreptow! Wenn Sie mögen, kommt die Kolumne direkt in ihr Postfach:
Und für meine treuen Clubmitglieder
wird es schon am Mittwoch richtig spannend: Der Blick hinter die Kulissen. Da packe ich exklusiv aus, was sonst nur hinter verschlossenen Rathaustüren geflüstert wird. Das wollen Sie nicht verpassen – werden Sie Teil der Erna-Gemeinschaft!
Bis dahin, bleiben Sie bissig und bürgernah!
Mit Amtswitz und Aufpassblick
Ihre Erna Schippel
Norddeutsch, nüchtern – aber nie ganz ohne Hoffnung.
Altentreptow, Sonntag, 15. März 2026
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