
So sah der Himmel über der Salutekirche aus, als ich auf dem Weg zur Vorstellung meines Buches mit dem signifikanten Titel Diventare italiana (Si apre in una nuova finestra), also “Italienerin werden” war, im Hotel Gabrielli (Si apre in una nuova finestra). Und weil ich ein schlichtes Gemüt bin, wollte ich noch schnell ein Foto vom Sonnenuntergang machen. Also betrat ich einen der unzähligen Anleger der Ausflugschiffe an der Riva degli Schiavoni - einen, der nicht verrammelt und verriegelt war (allein das schon absurd). Zwei wie Rambo kostümierte Typen lungern in der Nähe herum, ich spaziere rein, nehme den Sonnenuntergang ins Visier und schon drehen die beiden Typen durch und rennen hinter mir her. Ich sage: Hey, regt Euch ab, ich will hier nur ein Foto machen. Rambo 1 sagt: Hier machen Sie keine Fotos. Rambo 2 sagt: Das ist verboten. Ich sage: Was soll hier verboten sein? Das ist öffentlicher Raum, natürlich mache ich hier ein Foto. Rambo 1 sagt: Löschen Sie sofort das Foto. Ich: Ich lösche hier gar nichts. Darauf Rambo 2: Das ist eine Ausländerin. Ich: Ich bin italienischer als Sie beide zusammen. Jetzt Rambo 1: Ich bin in Venedig geboren, ich bin Venezianer. Ich: Ja klar, einer aus San Donà.
Dazu muss man wissen, dass sich hier jeder als Venezianer bezeichnet, der in irgendwelchen Nestern auf dem Festland lebt. Und als eine, die sich mühsam die italienische Staatsangehörigkeit erkämpft hat, lasse ich mich nicht von so einem Rambo-Verschnitt anmachen und auch nicht darüber belehren was “echt venezianisch” ist. Echt nicht. Schon gar nicht von einem, der zu diesen Ausflugschiffen gehört, die mit ihrem Wellengang die Lagune zerstören. Das nur zum “Das ist eine Ausländerin”, die beiden kamen mir gerade recht. Vor allem für die anschließende Buchvorstellung im Hotel Gabrielli, die ein großer Erfolg war!
Apropos Lagune zerstören: Neulich war ich wieder bei einem Treffen der Gruppe No Grandi Navi - die - natürlich - dagegen protestieren, dass der Kanal für Erdöltanker, größter Killer der Lagune und der stark verseuchte und teilweise zugeschüttete Kanal Vittorio Emanuele III tiefer gegraben werden sollen, um große Kreuzfahrtschiffe mit bis zu 70 000 Bruttoregistertonnen wieder zurück zum Kreuzfahrtterminal ins Herz Venedigs zu bringen. By the way soll noch eine (durch Sondergesetze verbotene) neue, 46 Hektar große Insel für den verseuchten Schlamm des Kanals Vittorio Emanuele und zwei weitere Anlegeplätze für Kreuzfahrtschiffe über 100 000 Bruttoregistertonnen geschaffen werden.

Der Versammlungssaal war bei weitem nicht so voll wie sonst bei Debatten über den Schutz der Lagune, was möglicherweise auch daran liegen mag, dass die No Grandi Navi, wie ich festgestellt und mir damit auch keine Freunde gemacht habe, in der letzten Zeit, also praktisch seit dem Draghi-Dekret im Sommer 2021 (Si apre in una nuova finestra), mehr oder weniger abgetaucht sind (die Homepage (Si apre in una nuova finestra) ist auf dem Stand von 2021), und ihren Pyrrhussieg feierten, nachdem die Regierung Draghi verkündet hatte, dass Kreuzfahrtschiffe über 25 000 Bruttoregistertonnen nicht mehr über das Markusbecken und den Giudecca-Kanal einfahren dürfen.
Dass damit keine Verbannung der Kreuzfahrtschiffe erreicht ist und die Zerstörung der Lagune weiter geht, egal, welche Route die Kreuzfahrtschiffe nehmen, müsste den No Grandi Navi angesichts ihres Sachverstands eigentlich klar gewesen sein, hier aber haben sie sich nicht wie eine Bürgerinitiative, sondern wie eine politische Partei verhalten, der es wichtig war, sich etwas als “Sieg” an die Brust zu heften, um ihre Anhänger bei der Stange zu halten.
Anhänger, von denen viele abhanden gekommen sind, weil sich die Fake-News von der “Vertreibung” der Kreuzfahrtschiffe in der Weltöffentlichkeit mit rasender Geschwindigkeit verbreitet hat. Seit Jahren schreibe ich vergeblich dagegen (Si apre in una nuova finestra) an. Googeln Sie mal “Dekret Draghi Kreuzfahrtschiffe Venedig” und schon werden Sie lesen: “Italien verbietet Kreuzfahrtschiffe in der Lagune” (Si apre in una nuova finestra) oder “Aus für Kreuzfahrtschiffe” (Si apre in una nuova finestra), “Keine Kreuzfahrtschiffe mehr in der Lagune von Venedig” (Si apre in una nuova finestra) - obwohl das nie gestimmt hat. Hinzu kommt, wie an dem Abend in der Sala Leonardo (einer einstigen Kirche, in der es, wie in Kirchen üblich, eiskalt ist, schon deshalb sind die tapferen Venezianer zu bewundern, die anwesend waren) festgestellt wurde - dass es jetzt keine Fotos mehr von den Monsterschiffen gibt, die am Markusplatz vorbeifahren, weil sie, aus den Augen, aus dem Sinn, über den Kanal der Erdöltanker einfahren. Es wird nicht einfach sein, die Weltöffentlichkeit wieder zu mobilisieren - aber es geht kein Weg dran vorbei. Auch weil die Unesco keine Hilfe für Venedig ist, sondern eine Lachnummer (Si apre in una nuova finestra), die als erste die Fake-News von der Vertreibung der Kreuzfahrtschiffe in die Welt gesetzt hat, um damit zu rechtfertigen, Venedig nicht auf die rote Liste des gefährdeten Weltkulturerbes zu setzen.
Der Venezianer an meiner Seite interessiert sich, wie die Leser nicht zuletzt von “All’italiana” (Si apre in una nuova finestra), und jetzt auch von “Diventare italiana” (Si apre in una nuova finestra) wissen, weniger für Politik, um so mehr aber für Kunst, was für einen ehemaligen Kunsthändler nicht unbedingt erstaunlich ist. Er liest regelmäßig das “Giornale dell’Arte” (Si apre in una nuova finestra) und machte mich auf die Titelseite der letzten Ausgabe aufmerksam, die von dem Künstler Emilio Isgrò (Si apre in una nuova finestra) gestaltet wurde. Isgrò ist ein vielseitiger Künstler, der oft als Konzeptkünstler bezeichnet wird - als Konzeptkunst wird bezeichnet, wenn die Idee hinter einem Werk angeblich wichtiger ist als seine Ästhetik (wobei man über so eine Definition auch schon wieder streiten könnte, etwa wenn man an die Ästhetik des verhüllten Reichstags denkt, Christo (Si apre in una nuova finestra) gilt ja auch als Konzeptkünstler). Isgrò ist auch Maler – und dazu noch Dichter, Schriftsteller, Dramatiker und Regisseur. Er war sogar Journalist: Kulturchef der venezianischen Tageszeitung Gazzettino von 1960 bis 1967 - also mitten in der Hochzeit der Popart - über die Isgrò angemerkt hat, wie kurios es doch war, dass die Werke der amerikanischen Popartkünstler zur Biennale 1964 mit den Flugzeugen des Pentagons eingeflogen wurden.
Bekannt ist Isgrò vor allem für seine Löschungen (Si apre in una nuova finestra), ich würde sie eher Schwärzungen nennen - die er auch hier auf der Titelseite des Giornale dell’Arte angewendet hat (wenn Sie das Bild großziehen, werden Sie sehen, dass “Emilio” das einzige Wort im Text ist, das er stehen gelassen hat.)

Und mit der Technik der Löschungen/ Schwärzungen habe Isgrò eigentlich am Schreibtisch beim „Gazzettino” begonnen, als er die Streichungen des Chefredakteurs in einem Text, der an die Druckerei geschickt wurde, in Kunstwerke verwandelt habe (Si apre in una nuova finestra).
Folglich ist mein geschwärztes Mafiabuch (Si apre in una nuova finestra) auch ein Kunstwerk. (Besonders wertvoll sind übrigens die Exemplare, die von Studenten in Handarbeit mit schwarzem Filzstift geschwärzt wurden)

Die Streichung/Löschung ist an sich im Grunde eigentlich nichts anders als eine Technik, mit der jeder Künstler arbeite, sagte Isgrò im Interview: Maler übermalen ihre Werke, Schriftsteller löschen ganze Seiten (früher strichen sie sie durch) Isgrò hat auch sowohl das Bürgerliche Gesetzbuch als auch das Strafgesetzbuch Italiens bearbeitet, da hat er nicht nur ausgelöscht, sondern ließ auch Ameisen über den geschwärzten Text laufen - wobei die Ameise übrigens ein weiteres Thema seines Schaffens sind: Dank ihm fuhr eine Ameise in einem 17 Meter langen LKW von Mailand zur Art Basel.
Ich finde, dass Isgròs Kunst gerade heute um so aktueller denn je ist, im Interview sagte er: “Heute, als Europäer, fühle ich mich irgendwie bedrängt. Europa hat nicht viel für sich selbst getan. Es muss mehr tun. Und mehr tun heißt auch, mehr für die Künste zu tun. Denn ein freies Land baut man auch mit Kultur auf.” Und als guter Sizilianer, der es liebt, sich selbst zu widersprechen, erinnert er noch daran, dass die Kunst auch nicht unschuldig ist, wenn man nur an die Aggression des Futurismus - und seine enge Verbundenheit mit dem Faschismus denkt.
Heute ist Isgrò 88 Jahre alt. Ich habe ihn erst spät entdeckt, aber nicht zu spät.
Diventare italiana (Si apre in una nuova finestra) wurde in Venedig wirklich sehr gut aufgenommen, ich wurde mit einem ganzseitigen Interview im Gazzettino (Überschrift: “Von der Deutschen zur Venezianerin mit jeder Menge Schimpfwörtern”) beglückt - schöner Gruß an Bürgermeister Brugnaro -

mit einer langen Besprechung auf Ytali:
https://ytali.com/2025/11/28/italiana-per-scelta-veneziana-per-amore/ (Si apre in una nuova finestra)und noch mit einem langen Interview von Salto, dem Südtiroler Online-Nachrichtenportal, in dem ich über die Auswirkungen der touristischen Monokultur spreche, die ja auch Südtirol treffen Überschrift: “Europa verkauft sich an den Meistbietenden”. Grazie, grazie, grazie!
https://salto.bz/it/article/28112025/leuropa-si-vende-al-miglior-offerente (Si apre in una nuova finestra)Und damit wären wir am ersten Advent angekommen, der in Venedig so aussieht:

Ich denke, dass ein Abo für Reskis Republik sich geradezu anbieten, wenn nicht sogar aufdrängen würde. Hier ist der Link (Si apre in una nuova finestra), mit der Sie die Mitgliedschaft als Ehrenvenezianer verschenken können.
Einen wunderbaren ersten Advent wünscht Ihnen mit den besten Wünschen aus Venedig, Ihre Petra Reski
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