Johann Christoph Bach: Lamento “Ach, dass ich Wassers gnug hätte”
In den Schleichwegen zur Klassik stelle ich Musik aus Klassik und Umgebung vor, die du vielleicht noch nicht kennst. Und führe dich durch die Musik: Worauf soll ich hören? Wie kann ich diese Musik besser verstehen und damit mehr genießen? Damit ich auch weiterhin auf die Schleichwege gehen kann, unterstütze mich auf Steady mit einer Mitgliedschaft! (Si apre in una nuova finestra)
(Si apre in una nuova finestra)Wenn du vor allem dafür bekannt bist, der Sohn von jemand Berühmtem zu sein, ist das blöd. Wenn die berühmte Person aber so berühmt ist, dass du selbst als vierzig Jahre vor ihr geborener Sohn ihres Großonkels noch von ihrem Jahrhunderte-währenden Ruhm abbekommen kannst, dann ist das eigentlich wieder ganz cool.
So ist nämlich das Verwandtschaftsverhältnis zwischen Johann Sebastian Bach und dem Vetter seines Vaters, Johann Christoph Bach, um den es heute geht. (Der guten Ordnung halber erwähne ich, dass es in der Familie Bach noch, je nach Zählweise, vier oder sechs weitere Johann Christophs gibt.)
Von unserem Johann Christoph sind nur wenige Werke überliefert und das, was ich euch heute vorstellen will, gehört zu seinen bekanntesten, das Lamento “Ach, dass ich Wassers gnug hätte”.
Ein Lamento ist ein Klagelied und beklagt wird hier, inspiriert von mehreren Bibelstellen, die Sündigkeit des Menschen. Der Klagende ist zutiefst zerknirscht, vermutlich auch, weil Gott ihn bestraft hat. Das ist der Text:
Ach, dass ich Wassers gnug hätte in meinem Haupte
Und meine Augen Tränenquellen wären,
Dass ich Tag und Nacht beweinen könnte meine Sünde!
Meine Sünden gehen über mein Haupt.
Wie eine schwere Last sind sie mir zu schwer worden,
Darum weine ich so, und meine beiden Augen fließen mit Wasser.
Meines Seufzens ist viel, und mein Herz ist betrübet,
Denn der Herr hat mich voll Jammers gemacht
Am Tage seines grimmigen Zorns.
Ich mag an dieser Musik, dass sie nicht in Trauer versinkt, sondern Kummer und Leid in vielen Facetten ausdeutet:
es wird geschluchzt (im unten verlinkten Video von 0:30-0:35)
es wird geheult (1:12-1:14)
es wird gejammert (2:21-2:35)
es fließen die Tränen herab (2:46-3:02)
Und bei 3:40 wird geradezu beleidigt aufgestampft, “denn der Herr hat mich voll Jammers gemacht”.
Wie Johann Christoph Bach die Klage in diese vielen Affekte zerlegt, ist nicht nur treffend, sondern oft auch richtig apart – zum Beispiel wenn er (u.a. bei 0:59) den Schmerz in stark betonten Dissonanzen kurz aushält.
Hör dir diese attraktiven barocken Seufzer an. Auch wenn du vielleicht nicht deine Sünden, sondern die Weltlage beweinen willst – diese musikalischen Gesten werden nicht alt:
https://www.youtube.com/watch?v=OqNtnFyj1zU (Si apre in una nuova finestra)Hier kannst du das Stück streamen (Si apre in una nuova finestra).
Und hier ist noch eine Bearbeitung, in der der Gesang durch eine Trompete ersetzt wurde (hier gespielt vom Jazztrompeter Eric Vloeimans):
https://www.youtube.com/watch?v=_gFN7Y52t3Q (Si apre in una nuova finestra)Schöne Grüße aus Berlin
Gabriel