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Körper von außen, Körper von innen

Mia wiegt mehr Kilos als je zuvor

Ich wiege mehr als je zuvor in meinem Leben. Ich bin zudem auch noch älter als je zuvor in meinem Leben — beides Sachen, die man, wie ich aus meiner GNTM-Sozialisierung weiß, dringend vermeiden sollte. Heidi Klum, die uns allen das beigebracht hat, ist gerade einundfünfzig geworden und sie begegnet dem verhassten Aging mit der ultimativen Medizin, die vom Patriarchat persönlich erfunden wurde: Jüngere Gespiel:innen. Niemand hätte vor achtzehn Jahren! gedacht, dass diese Show so lange überleben würde. Wie schockiert ich war, als ich darüber nachdachte, dass Heidi Klum, als GNTM startete, erst dreiunddreißig war. Drei-und-dreißig! Naja.

Ich wüsste eigentlich gar nicht, dass ich mehr wiege als je zuvor, ich weiß es nur, weil ich neulich im Fitnessstudio die Haare geföhnt habe, und da eben eine Waage stand, und ich aus Neugier mal drauf gegangen bin. Ich wiege 65 kilo, sieben mehr, als ich den Hauptteil meines Lebens als mein Normalgewicht definiert hatte. Noch vor ein paar Jahren hätte ich total viele Gefühle dazu gehabt, jetzt hatte ich überhaupt keins. 

Keine Sorge. Mir ist schon klar, dass 65 Kilo nicht viel sind, und dass auch noch deutlich mehr und ein paar weniger Kilos vollkommen im normalen Bereich liegen und nicht einmal einen Kommentar wert sein sollten, und mir ist auch klar, dass die heutige Generation schon viel weiter ist mit ihrer Body Positivity und Body Neutrality, und wahrscheinlich schon diese ganze Debatte total lächerlich und rückständig findet, aber ich komme aus einer Linie von normalgewichtigen Frauen, für die es vollkommen normal war, immer drei bis fünf Kilo abnehmen zu wollen. Immer. Immer. Immer. 

Immer. 

Meine Mutter, meine Tanten, meine Großmütter, sie alle wogen, was Frauen eben so wiegen und sie alle sagten ständig Sachen wie: Nach diesem Weihnachten muss ich aber wirklich mal ein paar Kilo abnehmen! Nur noch dieser Urlaub, und dann kein Süßkram mehr. Sie waren ständig auf dem Weg, einen Idealzustand zu erreichen, den sie aber nie erreichten. Niemals hörte ich eine von ihnen sagen: Ja, also ich habe jetzt diese drei bis fünf Kilo abgenommen (oder auch nicht, whatever) und ich bin jetzt gut, so wie ich bin.

Auch ich wollte immer drei bis vier Kilo abnehmen, das ist eben sowas wie Tradition in meiner Familie, vielleicht ist es Tradition in den Familien aller Frauen, wie Weihnachten.

Wir wissen es alle, eine ganze, große Industrie lebt davon, dass sie Frauen einredet, sie seien zu dick oder zu dünn oder zu groß oder zu asymmetrisch oder zu speckig oder zu knochig oder zu flach oder zu kurvig. Irgendwas findet man immer falsch, sogar das größte Sexsymbol unserer Generation (Megan Fox) findet sich selbst sehr optimierungsbedürftig, und ist unglücklich über ihren Körper. Also darüber, wie er aussieht. 

Was dein Körper macht, kann, will und wie er sich anfühlt, ist vergleichsweise unwichtig, das lernen wir immer und immer wieder, auf tausend unterschiedliche Arten und es macht uns krank. Cunnilingus fühlt sich beispielsweise sehr gut an, aber viele Frauen merken das gar nicht, weil sie sich darüber Sorgen machen, wie ihre Geschlechtsteile aussehen. Sport fühlt sich sehr gut an, aber Frauen merken das gar nicht, weil sie sich darüber Sorgen machen, dass sie schwitzen könnten. Stark sein fühlt sich sehr gut an, aber viele Frauen merken das gar nicht, weil sie sich Sorgen machen, dass sie Muskeln aufbauen und breiter werden könnten. Alles mögliche könnte sich so gut anfühlen, wenn wir bloß nicht immerzu darüber nachdenken würden, wie es aussieht.

Ich weiß schon. Wenn jemand als Kind oder Teenager dick war oder schlimm Akne hatte oder auf irgendeine andere Art den hundert Millionen Beauty Standards nicht genügt hat, dann denken der sich: Die hat gut reden, denn ich bin schon immer irgendwo im Bereich der Normschönheit gewesen. Was soll ich wissen über die Struggles mit dem Körper, ich habe ja überhaupt kein richtiges Problem. Stimmt, ich bin noch mal davon gekommen. Ich bin privilegiert. Aber ich habe auch permanent den Stress gehabt. Man muss nicht wirklich ungewöhnlich schwer oder ungewöhnlich asymmetrisch sein, um den Stress zu haben. 

Ich wollte immer drei bis fünf Kilo abnehmen. Ich wollte immer kleinere, symmetrische Brüste (ich hatte sogar mal die Idee, mir das operativ machen zu lassen), einen größeren Hintern, geradere Beine, schlankere Schenkel, weniger knubbelige Knie, voluminösere Haare, größere Lippen und natürlich, immer, immer: weniger Hüft- und Bauchfett. Weniger Arm- und Beinfett, weniger Fett an den Knien. Weniger, weniger, weniger. 

Meine Mutter hatte früher ein Buch zuhause, ich habe vergessen, von wem es war oder worum es ging, aber es war eine Art Ratgeber aus den toxischen Neunziger Jahren und darin stand, dass wenn man einen Bleistift unter die Brust legen kann, ohne dass er runterfällt, dass diese Brust dann eine Problemzone ist. (Das Wort Problemzone kannte ich schon mit neun. Ein praktisches Wort, um Bereiche an Körpern zu problematisieren, die bis eben überhaupt kein Problem waren.) 

Wie auch immer, dieser Schwachsinn hat sich in meinen Kopf eingebrannt und bleibt da wohl jetzt für den Rest der Ewigkeit. Unnötig zu sagen, dass meine Brüste einen Bleistift einklemmen konnten, seit ich ein Teenager bin.  Es sind C-Brüste, was sollen sie machen? Davonschweben?

Vor dem Hintergrund dieses machtvollen Brainfuck ist es erstaunlich, dass mir dieses ganze extra Fett neulich vollkommen egal war. Es war nicht mehr als ein: Ach ja, guck an, interessant, mehr Fett als je zuvor. 

Ich weiß nicht, was passiert ist. Vielleicht ist es diese Gelassenheit des Älterwerdens, von der immer alle reden. Vielleicht ist es die Tatsache, dass ich mehr wiege als je zuvor und mein Sex gleichzeitig besser ist als je zuvor. Vielleicht hat die Body-Positivity-Bewegung doch was gebracht. Vielleicht liegt es daran, dass es kein Frust-Fett ist, sondern Glücks-Fett. 

Vielleicht hilft mir das eines Tages in dunklen Stunden, vielleicht wird es mit allen wichtigen, quälenden Sachen so laufen: Akzeptanz kommt von alleine, vielleicht ist sie einfach eines Tages da, wenn du dich daran gewöhnt hast, dich auf die wichtigeren Dinge zu konzentrieren. Die innerlichen Sachen. Die äußeren Sachen werden nie irgendwas fixen. Geld, Drogen, Anerkennung, Status oder objektive Schönheit werden nie lange und nie nachhaltig tragen, wenn innen irgendwas kränkelt. 

Objektiv weiß man das ja schon lange, wir wissen es immer irgendwie — jajajaaa, innere Werte, dies das — aber um es richtig zu fühlen, muss irgendeine Magie passieren. Und scheinbar ist diese Magie mir irgendwann in den letzten paar Jahren passiert. 

Und auf einmal kaufe ich nie mehr die falschen Klamotten, weil ich nicht versuche, jemand anders zu sein, und ich fühle mich, auch wenn ich in Jogginghosen und ehemals weißen Nikes vor die Tür gehe um Limo zu kaufen, immer ordentlich angezogen. 

Und auf einmal würde es mir nicht im Traum einfallen, beim Sex an mein Bauchfett zu denken. 

Und auf einmal brauche oder erwarte ich überhaupt nichts mehr von Dates.

Und auf einmal habe ich nicht mehr so viel Angst davor, irgendwen wütend zu machen oder zu irritieren, weil ich nicht mehr auf die Meinung von anderen Leuten angewiesen bin. 

Und auf einmal muss ich nicht mehr jede Nachricht und jeden Brief beantworten. 

Die Fokusverschiebung nach Innen ist eines der süßesten Geschenke, die ich je bekommen habe.  

Mia 🖤

Argomento Bi-Weekly

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