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Unter Gruftis

Mia besucht einen okkulten Teufels Talk

Ich gehe zu einem Talk in einem okkulten Mystik Shop in Kreuzberg, von dem mir jemand in der Schreibgruppe erzählt hat; die machen dort Tarot Readings und Geisterbeshwörungen und ich muss es mir definitiv anschauen. Ich nehme meine Freundin Claire mit, die gleichzeitig eine der gebildetsten und der unkonventionellsten Menschen ist, die ich kenne.

Der Laden besteht aus 20 Quadratmetern Keller in einem normalen Wohnhaus, die Wände sind mit Schlangenskeletten, Fröschen in Formaldehyd, nach Größen geordneten Herzen verschiedener Wirbeltiere, medizinischen Modellen und pseudo-religiösen Reliquien dekoriert. In den Regalen Bücher über den Tod aus einer okkulten Perspektive. Alles riecht nach Räucherstäbchen, ich fühle mich zurückversetzt in meine Gruftijugend der frühen Nuller Jahre.

Die Leute, die sich zu dem Talk versammeln, verhalten sich in der Ausgestaltung ihrer Gruppenzugehörigkeit absolut unironisch. Alle tragen schwarzes Leder und Lack, Silberschmuck in Form von Krallen und umgedrehten Kreuzen, lange schwarze Haare, Kampfstiefel, Undercuts mit darunter tätowierte Kopfhaut – überhaupt sind alle vom Hals bis zu den Fingerspitzen zutätowiert. Einer hat es stilistisch bis zum äußersten Ende des Spektrums gebracht: Sein Arm ist vollständig schwarz, als hätte er ihn einmal komplett in die Tinte getaucht. Claire und ich sind die einzigen in Jeans, meine weißen Sneaker leuchten wie Laternen.

Eine Frau mit slawischen Zügen und französischem Akzent moderiert die Veranstaltung. Claire flüstert mir zu: »She’s so sexy!«. Der Vortrag selbst wird von einem Typen mit hüftlangen blonden Dreads gemacht, der vermutlich zu old school ist, um sich noch mit dem leidigen Thema der Cultural Appropration auseinanderzusetzen. Seine Freundin neben ihm ist hübsch wie eine Puppe aus Nightmare before Christmas und es ist eine der häufigen Gelegenheiten, bei denen es mich verwundert, wie so ein Typ so eine Frau abkriegen konnte.

Der Talk beginnt als etwa acht Leute anwesend sind. Es geht um Baphomet, die Gottheit, die vielleicht der Teufel ist, aber vielleicht auch nicht. Der Typ mit den Dreads zeigt Gemälde von HR Giger, doziert mit ausladenden Gesten, schmeißt seine Dreads hin und her und erzählt von den Baphomet-Ritualen, die er kürzlich abgehalten hat, von den »abgefahrenen« Energien, die dadurch entstehen und davon, dass man Baphomet nicht zuordnen oder verstehen könne, da er irgendwie alles verkörpere.

Danach diskutieren die Anwesenden ein bisschen über das Konzept des Teufels, seine mutmaßliche Genderfluidität, seine Darstellung in der Bibel, seine Bedeutung aus der Perspektive jungianischer Psychologie. Ein Brite namens Bruce, mit Undercut, schwarzen Chucks und blasiertem Grinsen gefällt sich in der Rolle des Außenseiters unter Außenseitern und macht sarkastische Kommentare über Ziegenkäse. Kurz vor Ende versucht er die Suppe noch ein bisschen umzurühren, indem er harsche Kritik daran übt, dass alle wie die Schafe akzeptieren, dass Luzifer als dunkel und gefährlich gesehen wird, wohingegen es doch bloß wieder mal die katholische Kirche sei, die diese langweiligen alten Geschichten streue.

Claire, die sich bisher zurückgehalten hat und neben mir auf der bordeauxroten Recamière ein wenig eingenickt war, erwacht zum Leben und beginnt mühelos, einen Vortrag zu improvisieren, in dem sie die Darstellungen des Teufels im alten und neuen Testament, die Ideen der Christen und Juden über die Hölle und die Genesis einfließen lässt.

Bruce ist zunehmend entsetzt, dass so viel religionsgeschichtliche Bildung aus so unerwarteter Ecke kommt, Claire macht unbeeindruckt kurzen Prozess mit ihm. Der Rest des Hexenzirkels hängt an ihren Lippen, sie schließt mit einer locker aus dem Ärmel geschüttelten Interpretation des Charakters des alttestamentarischen Gottes und Bruce lächelt, als hätte er Schmerzen. Die Frau mit dem Undercut kommt hinterher zu uns und sagt zu Claire: »Can you please come every time?«

Als wir wieder draußen sind, sagt Claire: »Usually, when I am in groups like this, I am filled with cynicism, but when I see how nice people are, I feel it melt away.«

Wir schieben unsere Bikes durch Kreuzberg und reden über Lifestyle-Satanismus. Warum nur fällt den glühenden Gegnern des christlichen Dogmatismus in ihrer Rebellion gegen die Kirche nichts anderes ein, als ihrerseits eine Kirche zu gründen?

Ich sage, ich fand es schon immer bemerkenswert, wie spießig und altmodisch die Gruftis sind – eigentlich sind sie die konservativste Subkultur überhaupt. Meine Theorie; sie wollen im Prinzip alles, was die Christen auch wollen, nur mit Sex. Wir gehen Ramen essen und sind uns einig darüber, dass skurrile Subkulturen zu den besten Sachen gehören, die das Leben in der Stadt ausmachen. 

Argomento Bi-Weekly

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