Wir freuen uns sehr, heute einen Auszug aus Helena Barops neuem Sachbuch zu veröffentlichen:
»Mythen, Macht und Muttermund: eine feministische Geschichte der Geburt (Si apre in una nuova finestra)« erscheint am 16. April im Siedler Verlag und hier könnt ihr heute schon einen Auszug daraus lesen.
Wenn ihr SodaKlub Mitglied seid, dann könnt ihr außerdem eins von drei Exemplaren gewinnen! Schreibt dazu einfach eine Mail an hallo@sodaklub.com (Si apre in una nuova finestra) mit dem Betreff: Mutter.
Bitte vergesst nicht, in der Mail schon eine Postadresse anzugeben, an die wir das Buch schicken können.
Viel Glück 💙 und viel Spaß beim Lesen.

Der Retter der Mütter: Die ungehörten Erkenntnisse des Ignaz Philipp Semmelweis
Ignaz Philipp Semmelweis war Mitte des 19. Jahrhunderts als junger Arzt an der Wiener Universitätsklinik angestellt. Er arbeitete dort zunächst in der Pathologie, wo er Frauenleichen obduzierte, um herauszufinden, in welchem Verhältnis die Tastbefunde am Krankenbett zu den tatsächlichen inneren Zuständen der Brüste von verstorbenen Frauen standen. Ende der 1840er-Jahre wechselte er dann von den verstorbenen zu den lebendigen Patientinnen und begann seine Arbeit als Gynäkologe in der größten Gebäranstalt der Welt.
Zufällig starb zu jener Zeit der Pathologe Jakob Kolletschka an einer Pyämie, also an einer speziellen Art der Blutvergiftung. Kolletschka war ein Freund von Semmelweis gewesen,und als besorgter Freund und Pathologie-Kollege las nun Dr. Semmelweis den Sektionsbericht Kolletschkas, der offensichtlich nach seinem Tod selbst obduziert worden war. Bei dieser Lektüre stellte Semmelweis eine auffällige Parallele fest: Die Symptome, an denen Kolletschka gelitten hatte, erinnerten ihn stark an die Symptome des Kindbettfiebers, an dem auf den Gebärstationen der Wiener Klinik weiterhin so viele junge Mütter starben. Ausgehend von dieser Beobachtung, dachte er darüber nach, in welchem Zusammenhang Kolletschkas Pyämie und das Kindbettfieber stehen könnten. Er wusste, dass sein Kollege bei einer Obduktion versehentlich von einem Studenten mit dem Skalpell an der Hand verletzt worden war und dass diese Verletzung die Ursache für die Blutvergiftung gewesen war. Dieser Umstand brachte ihn auf die Idee, dass Kolletschkas Erkrankung mit der von ihm obduzierten Leiche zu tun haben könnte.
Wenn das stimmte, dann konnte es vielleicht ein Mysterium erklären, das Semmelweis in seinem Berufsalltag beobachtete: Seit 1839 gab es in der Wiener Geburtsklinik mehrere Abteilungen. Seit 1840 wurden in Abteilung 1 die Hebammen ausgebildet, in Abteilung 2 hingegen die Studenten. Entgegen den misogynen Vorurteilen der Zeitgenossen fiel seitdem auf, dass in Abteilung 2 –unter der Aufsicht der (männlichen) Studenten – deutlich mehr Wöchnerinnen an Kindbettfieber erkrankten als in Abteilung 1. Der Fall Kolletschka brachte nun Dr. Semmelweis auf die Idee, dass diese Tatsache mit den Obduktionen zusammenhängen könnte: Anders als die Hebammen wurden die Studenten auch »an der Leiche« ausgebildet, sie sezierten also verstorbene Wöchnerinnen und gingen dann häufig direkt von einer Obduktion in den Kreißsaal oder auf die Wochenbettstation.
Konnte es sein, dass dieser indirekte Kontakt mit den Leichen die Gebärenden ebenso vergiftete, wie es bei Semmelweis’ Freund Kolletschka geschehen war?
Semmelweis wollte diese Hypothese nicht einfach äußern, er wollte sie überprüfen und belegen. Also führte er als erster österreichischer Mediziner eine Studie durch, die den Regeln der modernen, evidenzbasierten Wissenschaft folgt: Er verglich systematisch die Fallzahlen von Kindbettfieber in den beiden Abteilungen der Wiener Geburtsklinik. Und tatsächlich: In Abteilung 2 starben in den Jahren 1841 bis 1846 knapp 10 Prozent der Entbundenen an Kindbettfieber. In Abteilung 1, also bei den Hebammenschülerinnen, starben nur 3,4 Prozent. In Wirklichkeit war der Unterschied zwischen den Sterblichkeitsraten sogar noch größer, weil bei »überhandnehmender Sterblichkeit« Mütter ins allgemeine Krankenhaus verlegt wurden. Wenn sie dort starben, wurden sie von der Statistik der Gebärklinik nicht erfasst.
Wenn es einen Zusammenhang zwischen den Obduktionen und der hohen Sterblichkeit in Abteilung 2 gab, dann konnte der Grund für die Erkrankungen nicht in »atmosphärischen, cosmischen« Veränderungen liegen, die man nach dem aktuellen Stand der medizinischen Wissenschaft für Epidemien verantwortlich machte. Das erklärte auch, warum im Gebärhaus so viel häufiger Mütter an Kindbettfieber starben als bei Hausgeburten in Wien, die ja der gleichen Atmosphäre ausgesetzt waren. Semmelweis stellte also mit seiner Forschung einen wichtigen Grundsatz der zeitgenössischen Medizin infrage: Er behauptete, dass Ansteckungen nicht über die allgemeine Atmosphäre, also über die Luft stattfanden, sondern über direkten Kontakt.
Aufgrund seiner Beobachtungen führte er daraufhin in der Wiener Gebärklinik die Händedesinfektion ein:
Wer eine Patientin behandeln wollte, musste sich vorher die Hände mit Chlorkalklösung säubern. Noch ohne wissen zu können, dass die Studenten in Wirklichkeit ihre Patientinnen mit Krankheitserregern (aus den obduzierten Leichen oder auch von anderen Patientinnen) infizierten, hatte Semmelweis aus seiner Studie den richtigen Schluss gezogen – und damit die Antiseptik erfunden, noch bevor das Prinzip der Infektion (und damit der Desinfektion) verstanden war.
Heute gilt Semmelweis als »Retter der Mütter«, denn durch die Desinfektionsmaßnahmen sanken die Sterblichkeitsraten in der Wiener Geburtsklinik rapide: Waren zwischen 1839 und 1847 fast 10 Prozent der Mütter gestorben, starben zwischen 1848 und 1859 nach der Einführung der Chlor-Desinfektion nur noch 3,5 Prozent der Mütter in Abteilung 2. In beiden Abteilungen herrschte damit wieder die gleiche Sterblichkeitsrate. Doch wenn Semmelweis gehofft hatte, »dass die Wichtigkeit und die Wahrheit der Sache jeden Kampf unnöthig mache«, dann irrte er sich. Was er herausgefunden hatte, wurde als frontaler Angriff auf die geltende Lehre und damit auf die Ärzteschaft wahrgenommen. Denn in seiner Interpretation waren es die Ärzte selbst, die mit ihren Händen Krankheit und Tod zu ihren Patientinnen brachten, während sie glaubten, ihnen zu helfen. Noch schlimmer: Es waren vor allem die Ärzte und ihre Studenten, denen das passierte, nicht aber die Hebammen in der Abteilung nebenan, auf deren Tätigkeit man weiterhin mit so viel Leidenschaft herabblickte.
Diese Vorstellung war – trotz der eigentlich erschlagenden Evidenz – für viele Mediziner nicht zu ertragen.
Chefarzt Eduard Caspar von Siebold in Göttingen glaubte nicht daran, ebenso wenig der Narkosepionier James Young Simpson in Schottland. Schon 1849 verlor Semmelweis seine Stelle, ging zurück in seine Geburtsstadt Budapest und kämpfte bis zu seinem Lebensende um die Anerkennung seiner Erkenntnisse, wurde aber nur von wenigen gehört. 1865 wurde er aufgrund von psychiatrischen Symptomen in die geschlossene Psychiatrie in Wien eingeliefert. Mehrere seiner Biograf*innen gehen davon aus, dass er zwar psychisch instabil war, dass er aber nur stationär untergebracht wurde, um ihn aus dem Weg zu schaffen. Das gelang: Weil er sich gegen die Hospitalisierung wehrte, wurde er heftig von den Wärtern misshandelt und trug dabei mehrere innere Verletzungen und blutende Wunden davon. Medizinisch versorgt wurde er nicht, und so entzündeten sich die Wunden, er bekam Fieber und starb. Kurz darauf lag sein Körper auf einem Obduktionstisch in der Wiener Klinik, in der er selbst einst gearbeitet hatte, und der obduzierende Arzt protokollierte die Symptome einer allgemeinen Entzündung. Hätte Ignaz Semmelweis vor Kurzem ein Kind zur Welt gebracht gehabt, hätte man wahrscheinlich »Kindbettfieber« als seine Todesursache eingetragen und nicht »Pyämie«.
Semmelweis erfuhr nicht mehr, dass die Antiseptik die Medizin revolutionieren würde.
Während Semmelweis in Budapest erste psychische Auffälligkeiten zeigte, experimentierte der englische Chirurg Joseph Lister gerade mit antiseptischen Methoden, um das Operieren sicherer zu machen. Inspiriert hatte ihn dazu nicht etwa der geächtete Semmelweis, von dem Lister nie gehört hatte, sondern die Forschung von Louis Pasteur, der für die Zersetzung von organischen Materialien Mikroorganismen verantwortlich machte. Joseph Lister übertrug daraufhin die Grundsätze der Antiseptik auf die Chirurgie – mit Erfolg. Waren bisher mindestens die Hälfte aller Operationspatient* innen an Infektionen, Blutvergiftungen oder Wundstarrkrämpfen (Tetanus) gestorben, sank die Sterblichkeit nach einer Operation auf ungefähr 15 Prozent – seit Lister damit begonnen hatte, vor Operationen seine Hände und Instrumente zu desinfizieren und so Keime von den Operationswunden fernzuhalten.
Innerhalb weniger Jahre waren damit zwei epochale Entwicklungen geschehen: Die Narkose hatte die Schmerzen unter Kontrolle gebracht, und die Antiseptik brachte die Voraussetzungen dafür, dass das massenhafte Sterben im Wochenbett zumindest eingedämmt werden konnte. Kurz darauf kam ein dritter Meilenstein hinzu. 1881 führte Ferdinand Kehrer in Meckesheim den ersten Kaiserschnitt nach neuen Regeln durch. Zunächst betäubte er dazu die Gebärende mithilfe von Chloroform und desinfizierte seine Hände, seine Instrumente und den Bauch. Anstatt dann Bauch und Gebärmutter von unten nach oben aufzuschneiden, führte er einen Querschnitt am unteren Ende des Uterus durch und hob ein gesundes Mädchen samt Nabelschnur und Plazenta heraus. Anschließend nähte er die Haut nicht einfach wieder zusammen und überließ die Mutter dem beinahe sicheren Tod. Vielmehr nähte er dreimal: erst die Muskulatur des Uterus, dann das Bauchfell und danach erst die Haut. Es gelang ihm, all das unter einigermaßen keimfreien Umständen zu tun, und so bekam die Operierte zwar Fieber, erholte sich aber bald. Ihre Wunde verheilte, und sie konnte nach fünf Wochen das Bett verlassen. Der Kaiserschnitt an der Lebenden war damit zum ersten Mal zu einer echten Option für die Geburtshilfe geworden. Der schon seit Shakespeares Zeiten antizipierte plot twist war mit 250-jähriger Verzögerung endlich da, und der Kaiserschnitt konnte vom Todesurteil zur Lebensrettung avancieren.
»Mythen, Macht und Muttermund« könnt ihr gewinnen, wenn ihr eine Mail mit eurer Postadresse an hallo@sodaklub.com (Si apre in una nuova finestra) schreibt.
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