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StreetLetter #27: A supposedly fun thing. Über Martin Parr (unter anderem)

Martin Parr in Düsseldorf, 2018

Da befinde ich mich also gerade beruflich auf einem Kreuzfahrtschiff und klicke mich in der Bar durchs Handy, um mich kurz ein bißchen abzulenken, auch wenn man das aus Höflichkeitsgründen eigentlich nicht macht, wenn man in Gesellschaft anderer Menschen ist. Und da ereilt mich die Nachricht, daß Martin Parr gestorben ist.

Es ist ein seltsames Ding mit diesen Todesmeldungen öffentlicher Personen, manche nimmt man achselzuckend hin, bei manchen wundert man sich, daß die Person überhaupt noch gelebt hat und wieder andere erwischen einen kalt. Das war jetzt so eine, die mich kalt erwischt hat. Und vielleicht gibt es keinen besseren, keinen parreskeren Ort, als eben ein Kreuzfahrtschiff mit seinen Whirlpools und seinen bunten Cocktails, so ein Ort organisierter Freizeit, wie sie auf seinen Bildern immer wieder zu sehen sind.

Letztes Jahr erst war Martin Parr in Frankfurt und eröffnete eine Ausstellung mit Frühwerken im Fotografie-Forum. Er saß da fidel neben Barbara Klemm, und am nächsten Tag saß er auch noch in der Leica Galerie, um gleich noch eine zweite Ausstellung zu eröffnen, und da bin ich dann doch mal hingegangen. Also zu Martin Parr. Ich bin wirklich nicht gut darin, Prominente anzusprechen. Ich habe mir dann aber doch ein Buch signieren lassen und ihm einen Abzug von dem Bild geschenkt, das ich von ihm 2018 in Düsseldorf gemacht habe. Das liegt jetzt wohl irgendwo in Bristol in diesem wuchernden Archiv, was eine schöne Vorstellung ist. Und gerade vor Kurzem wurde er noch in Nürnberg gesichtet.

Das in Düsseldorf war ein Pressetermin, zu dem ich mal fahren durfte (Si apre in una nuova finestra). Damals plante das NRW-Forum eine große Retrospektive, und verband sie mit einem Auftrag. Parr sollte in der Nähe von Düsseldorf Kleingärtner fotografieren. Daraus entstand auch ein Buch (Si apre in una nuova finestra). Besonders spannend war, Parr bei der Arbeit zu beobachten (Si apre in una nuova finestra), und ehrlich gesagt auch ein kleines bißchen ernüchternd. Alle Kleingärtner waren vorgewarnt, daß ein berühmter englischer Fotograf kommen sollte, der Vereinsvorsitzende hatte Freiwillige rekrutiert, um Parr herum schwirrte ein Assistententeam, das sich um die Kameras kümmerte. Als Parr die Leute arrangiert hatte, wie er sich das vorstellte, reichte ihm jemand das Arbeitsgerät, dann ging die Sache recht schnell und unzeremoniell vonstatten. Auslösen, Blitz, ein paarmal, fertig. Ich weiß nicht genau, was ich mir vorgestellt hatte. Ein nettes Buch ist es dennoch geworden. Auch mit vielen Details, die Parr am Rande noch fand, Wachstuchtischdecken, Fallobst. An so einem Tisch führte ich ein Gespräch, einer der Kleingärtner hatte Kaffee gekocht. Und ich bekam mein Parr-Porträt in den blühenden Dahlien.

Es ist nicht leicht, Menschen in der Freizeit bei diesen typischen Freizeitaktivitäten zu fotografieren, ohne sofort so einen Parr-Blick aufzusetzen. Vor allem in Tourismuskontexten ist es schwer. Martin Parr hat die vermutlich endgültigsten Strandfotos überhaupt gemacht, genau wie David Foster Wallace die absolut endgültige Kreuzfahrtreportage geschrieben hat. Sie heißt “A supposedly fun thing I’ll never do again” (Auf deutsch: “Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich” (Si apre in una nuova finestra)) und niemand wird jemals wieder eine Kreuzfahrtreportage schreiben können, ohne um diese herumzukommen, weil darin alles schon gesagt ist, bis hin zum Geräusch der Toiletten. Und wie fotografiert man irgendwas auf einem Kreuzfahrtschiff, ohne dass alles sofort nach Martin Parr aussieht?

Keine Ahnung. Sagt ihr’s mir.

Die Meldung vom Tod Martin Parrs erwischte mich wohl auch deshalb so kalt, weil das so jemand ist, von dem man dachte, er sei irgendwie immer da. Die letzte Person, bei der es mir so ging, war die Queen. Päpste kommen und gehen, aber die Queen und Martin Parr schienen für die Ewigkeit gemacht. Schade, daß ich mich darin offenbar geirrt habe.

Morgen früh legen wir jedenfalls in Rotterdam an. Dann in Zeebrügge, dann in Le Havre. Und dann in Southampton.

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