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„Schreiben ist mein Leben“

Der Theologe und Autor Pierre Stutz beantwortet den Taktvoll-Fragebogen.

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Pierre Stutz wurde 1953 in Hägglingen, einem kleinen Dorf im Schweizer Kanton Aargau, geboren. Seit seinem 15. Lebensjahr lebte er in der französischen Schweiz, trat mit 20 Jahren als Novize in den Orden der Frères des écoles chrétiennes (Brüder der christlichen Schulen) ein, wurde katholischer Priester und Bundesjugendseelsorger.

Mit 38 Jahren erkrankte Stutz an einem Burnout. Danach gründete er ein offenes Kloster im Schweizer Jura, in dem Singles, Frauen und Männer, Familien mit Kindern lebten.

Mit 49 Jahren hatte Stutz sein Coming-out. Er legte das Priesteramt nieder. Ein Jahr später lernte er Harald Weß kennen. Seit 2018 ist er mit ihm verheiratet, beide leben in Osnabrück. Als einer der bekanntesten spirituellen Lehrer unserer Zeit hat Pierre Stutz viele erfolgreiche Bücher (Si apre in una nuova finestra) zu einer engagierten Lebenspraxis geschrieben.

„Ich habe die schmerzliche und zugleich heilsame Erfahrung gemacht, dass Brüche im Leben zu einem Durchbruch zu mehr Lebendigkeit werden können.“

Zu seinem 70. Geburtstag ist seine Autobiografie erschienen: „Wie ich der wurde, den ich mag“ (bene! Droemer Knaur Verlag, München, 4. Auflage 2023)

 1.     Lerche oder Eule?

Lerche!

 

2.     Was gehört für Sie unbedingt zu einem guten Start in den Tag?

Am Morgen beim Aufstehen einige Momente stehen bleiben, tief ein- und ausatmen, gerade stehen für mein Leben, mich verbinden mit allen, die auch heute Friedensschritte wagen ...

3.     Pflegen Sie eine spirituelle Praxis?

Ich bin sehr gerne spirituell unterwegs: geerdet, bodenständig und himmelwärts ausgerichtet. Jeden Morgen sage ich nach meiner Dusche: „Merci la vie!“ Ich danke dem LEBEN, der göttlichen Segenskraft, für das große Geschenk meines Lebens.

 4.     Wie bereiten Sie sich auf ein besonderes Ereignis vor (einen Wettkampf, ein Konzert, ein schwieriges Gespräch …)?

Ich versuche, gegenwärtig zu sein, präsent im Augenblick. Konkret: Ich achte auf meinen Atem und auf meine Füße. Zu lange war ich „bodenlos“ unterwegs, weil ich meine beiden Füße nicht wirklich auf den Boden gestellt habe. Bis zu meinem Burnout mit 38 Jahren war mein Lebensgefühl: Es kommt nur auf mich an! Und es genügt trotzdem nicht.

Ich kenne zur Genüge, nicht zu genügen!!! Ohne Atemtherapeutin wäre ich nicht so gelassen, weil ich auch dank vieler weiser Frauen und Männer (Hildegard von Bingen, Meister Eckhart) entdeckt habe, dass es wohl auf mich ankommt, jedoch nie alleine von mir abhängt. Seither versuche ich, kämpferisch gelassen unterwegs zu sein. Es gelingt mir mehr oder weniger und das ist gut so!

 5.     Was bringt Sie aus dem Takt?

 Gewalt und Ungerechtigkeit erschüttern mich. Alte Lebensmuster, in denen ich mich anstelle eines tiefen Durchatmens leider zuerst verkrampfe ...

 6.     Welche Jahreszeit mögen Sie besonders? Warum?

 Ich bin ein Herbstkind und ich mag diese Jahreszeit, weil da nochmals die ganze pralle, bunte Lebenskraft aufscheint, verknüpft mit einer melancholischen Endlichkeit. Wie ein goldener Faden zieht sich diese Grundhaltung durch mein Leben und all meine Bücher. Die Einsicht, nicht mehr zu trennen, was zu einem liebend-leidenschaftlichen Leben zusammengehört: Lachen und Weinen, Tanzen und Zerbrechlichkeit, Vertrauen und Verlorenheit, Hoffen und Zweifeln. Glücklich werde ich, wenn ich auch jeden Tag unglücklich sein darf. Diese Spur entdecke ich besonders im Herbst.

 7.     Schreiben Sie Tagebuch?

 Schreiben ist mein Leben, meine Meditation. Wenn ich eine längere Zeit nicht schreibe, dann geht es mir physisch-psychisch nicht gut. Im Schreiben versuche ich, mein Leben zu vertiefen, ohne es zu bewerten (schreibt sich so leicht!!!), das Schöne und Sinnliche noch mehr auszukosten, das Schwere tastend anzunehmen, damit es verwandelt werden kann. In meinem regelmäßigen Tagebuchschreiben versuche ich, mein Leben zu ordnen, um erahnen zu können, dass es in einem größeren Ganzen gut aufgehoben ist.

Kostenfrei:

8.     Welche Rituale ihrer Kindheit praktizieren Sie heute noch, evtl. jetzt mit den eigenen Kindern?

Ich zünde gerne Kerzen an, zu Hause und in Kirchen. Viele Vertrauenskerzen entzünde ich täglich, um mein Mitgefühl mit Menschen in Not, mit schwerkranken Menschen, auszudrücken.

 9.     Tanzen Sie?

 Ich tanze gerne. Da kann ich erfahren, was interreligiös viele Menschen als „unio mystica“, als tiefe Einheitserfahrungen umschreiben: Wir kennen alle Momente, in denen wir voll da und ganz weg sind, in denen die Tänzerin, der Tänzer zum Tanz wird.

 10.  Sie kommen nach einem anstrengenden Tag nach Hause. Welche Musik hören Sie?

 Nach einem anstrengenden Tag sitze ich oft zuerst im Wintergarten und versuche, all die Eindrücke in der Stille, im achtsamen Atmen setzen zu lassen. Dank meiner Lieblingssängerin Loreena McKennitt werde ich von einer Schwere in eine Leichtigkeit hinein begleitet.

 11.  Ein freier Tag liegt vor Ihnen, was machen Sie am liebsten?

 Vieles: die Bäume, meine Freundinnen und Freunde im Wald besuchen, achtsam-still gehen, ins Cinema gehen (drei- oder viermal pro Monat!), mit meinem Lebensgefährten und/oder Freundinnen in der Stadt lecker essen ...

 

https://pierrestutz.ch/film-momente/ (Si apre in una nuova finestra)

12.  Welche Rhythmen in der Natur begeistern Sie?

 Ich bin dankbar, in einem Land zu leben, in dem der Rhythmus der vier Jahreszeiten mich einlädt, einen gesunden Lebens- und Arbeitsrhythmus zu pflegen. Die vier Jahreszeiten verdichten, was zu einem leidenschaftlichen Leben gehört: Neuanfang im Frühling, Leichtigkeit im Sommer, Erntedank im Herbst, Brachzeit im Winter.

 13.  Wie sehen kleine Atempausen in Ihrem Alltag aus?

 Wo immer ich bin, auch am Bahnhof Paris Nord, versuche ich regelmäßig, tief ein- und auszuatmen, meine Schultern zu lockern, zu mir zu stehen, mich zu verbinden mit allen Friedensmenschen – es sind unendlich viele, die sich für eine Welt einsetzen, die anders sein sollte, zärtlicher und gerechter.

 14.  Zeitung lesen: Papier oder digital?

 Papier, wie all die Bücher, die ich lese ...

 15.  Urlaub: immer das gleiche Ziel oder jedes Mal Neues entdecken?

 Beides: Die Vertrautheit eines Ortes ermöglicht mir, mich noch mehr gehen zu lassen, und ein neuer Urlaubsort fördert mein Staunen!

 16.  Wie wichtig sind Ihnen gemeinsame Mahlzeiten mit dem Partner/der Partnerin, der Familie?

 Miteinander zu essen, ist keine Selbstverständlichkeit mehr, genauso wie das achtsame Auskosten einer Mahlzeit. Sich wirklich Zeit zu nehmen zum Essen, um sich dabei auch persönlich mitteilen zu können, ist wesentlich für mich.

 17.  Partnerschaft, Ihre Erfahrung: „Gegensätze ziehen sich an“ oder „Gleich und gleich gesellt sich gern“?

 Beides: Eine Seelenverwandtschaft spüren und, je länger wir zusammen sind, miteinander in einer wohlwollenden Konfliktfähigkeit eine Verbundenheit in der Vielfalt zu kultivieren.

https://www.youtube.com/watch?v=dXLINrTuAoY&t=1s (Si apre in una nuova finestra)

 

18.  Lesen Sie vor dem Einschlafen? Welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch?

 Am Tag schreibe und lese ich viel, abends nicht mehr. Dann versuche ich, mich zu entspannen. Im Moment lese ich ein spannendes Buch von Sandra Richter: „Rainer Maria Rilke oder Das offene Leben. Eine Biographie“.

 19.  Gibt es eine Zahl, die eine besondere Bedeutung in Ihrem Leben hat?

 SIEBEN ...

 20.  Welche Rituale oder Rhythmen sind Ihnen unangenehm?

 Rituale, die missbraucht werden, um Menschen zu manipulieren, aufzuhetzen gegen andere.

 21.  Was fällt Ihnen zum Begriff „taktvoll“ ein?

 „Taktvoll“ – ein inspirierendes Wort. Ich lasse mich tanzen! Ich kultiviere einen taktvollen Lebensrhythmus. Ich versuche, mit Achtsamkeit und Mitgefühl taktvoll mir und anderen zu begegnen. Ich darf auch außer Takt sein und wild, spontan mich ins Leben hinein bewegen ....

Der Wochenimpuls “Taktvoll – über die Rhythmen des Lebens” ist ein Projekt der freien Wissenschaftsjournalistin Dr. Ulrike Gebhardt. Hier unterstützen, damit ich weitermachen kann. Dankeschön!

https://steady.page/de/taktvoll/posts/1e63590e-e4a5-49a1-a9e5-02a7c433c2b1 (Si apre in una nuova finestra)https://steady.page/de/taktvoll/posts/f3531188-f9f1-421d-aede-6effc5a1992c (Si apre in una nuova finestra)

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Argomento Spiritualität + Rhythmus

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