FILM-KRITIK (Si apre in una nuova finestra)
„Denn jenseits der Komik, die sich aus dieser Amoral ergibt, geht es im Kern um eine Solidarität unter den Menschen im Dorf. Menschen, die sich im Stich gelassen fühlen und kaum über die Runden kommen. Das plötzliche Auftauchen von Geld wirft faszinierende Fragen zur Moral der Figuren auf. Und es wird schnell klar, dass Cathy weniger Skrupel als Michel hat! Aber da das Geld aus einer ziemlich fragwürdigen Quelle stammt, bleibt alles irgendwie im Rahmen.“ Laure Calamy (Cathy) über den Film und ihre Rolle
Die meisten Unfälle passieren zu Hause. Oder eben doch auf einer verlassenen Landstraße im Département Jura im Osten Frankreichs. Ganz verlassen? Nein, ein Bär steht mitten auf der Straße, dem Förster und Weihnachtsbaumzüchter Michel (Franck Dubosc) erschrocken ausweicht. Immerhin sollte es im Jura(gebirge) keine Bären geben! Das schlingernde Ausweichmanöver kostet zwei Fremde das Leben, die dort ebenfalls nicht hingehören, aber zwei Millionen und eine Pistole im Kofferraum zurücklassen. Die dort an sich wiederum ebenfalls nicht hingehören. Haben diese zwei toten Fremden etwa etwas mit der Gruppe junger Männer zu tun, die mit von einem anderen Mann durch den Wald geführt und auch vom – dort nicht hingehörenden – Bären überrascht wurden?
.jpg?auto=compress&w=800&fit=max&dpr=2&fm=webp)
Fragen über Fragen und da läuft die Film-noir-Crime-Comedy von Regisseur sowie gemeinsam mit Sarah Kaminsky Co-Autor und Hauptdarsteller Franck Dubosc (Fast perfekte Weihnachten) How to Make a Killing noch nicht einmal mehr als zehn Minuten. Fremder Bär und fremde Tote werden nicht die einzigen Rätsel bleiben, in diesem Weihnachtsfilm, dessen hoher Bodycount beinahe sinnbildlich für übliche Streitigkeiten während der Festtage stehen könnte. Es geht in dem Film, der im Original passender Un Ours dans le Jura (“Ein Bär im Jura”) heißt, nicht zuletzt um zwischenmenschliche Beziehungen.

Da sind Michel und Ehefrau Cathy (Laure Calamy) mit ihrem Sohn Dominique (Timéo Mahaut), von allen „Doudou“ genannt und ihrer eingeschlafenen Ehe. Der Gendarme Roland (Benoît Poelvoorde) und Kollegin Florence (Joséphine de Meaux) sowie Rolands eigenwillige Tochter Blanche (Kim Higelin). Alle haben ihre kleinen bis mittelgroßen Lebenspäckchen zu tragen, die an sich eher Alltagsprobleme als große Dramen sind. Und doch merken wir schnell, wie sehr solche vermeintlichen 08/15-Probleme eben doch die Existenz beeinflussen bis bedrohen.
Wenn da nun plötzlich zwei Millionen auftauchen, von denen zunächst einmal kaum jemand zu wissen scheint, ändert dies natürlich so einiges. Michel und Cathy beschließen die zwei Leichen zu entsorgen... oder doch nicht? Oder doch? So oder so: Das Geld wird behalten. Wenn sie doch nur hier bereits wissen, dass sie in einer herrlich abstrusen, düster-ironischen und doch liebevollen, winterlichen Krimi-Komödie stecken, die bei aller stattfindenden Brutalität selten die Bodenhaftung verliert. (Was ihn schließlich etwa von den meisten Coen-Filmen unterscheidet, an die mensch hier dennoch unweigerlich denken mag.)

Das liegt natürlich vor allem an dem Drehbuch, das manch einer Erwartungshaltung ein Bein stellt, dabei aber nie die Charaktere verrät oder sich über sie lustig macht. In den Worten von Roland-Darsteller Benoît Poelvoorde: „Ich hatte das Gefühl, dass Franck sich auf eine besonders feine stilistische Übung eingelassen hatte, als würde er beim Schreiben die Bilder schon vor Augen haben. Mit der Besonderheit, dass er nie dorthin ging, wo man es erwartet hätte.“
.jpeg?auto=compress&w=800&fit=max&dpr=2&fm=webp)
Dem kann nur zugestimmt werden. Die Geschichte schlägt immer mal wieder einen Haken, vermutete Konfrontationen verlaufen anders oder finden erst gar nicht statt, Dummheiten werden aus gutem Grund gemacht und manch ein wenig sauberes Spiel gespielt. An nicht wenigen Stellen überrascht die Paarung von Warmherzigkeit und Kaltschnäuzigkeit. Beides sehr gut aufgefangen im eingängigen Score von Sylvaine Goldberg. Die Bilder von Dominique Fausset sowie der Schnitt Audrey Simonauds bilden das Juragebirge (bspw. Cascade de la Billaude) in seiner Pracht wie auch kargen Brutalität bestens ab. Was wiederum How to Make a Killing spiegelt, der nicht nur keine blutarme Geschichte erzählt...
https://youtu.be/0tnAtzFtgZ0 (Si apre in una nuova finestra)Für uns wohl der Weihnachtsfilm 2025. Und dies, nachdem uns der letztjährige Fast perfekte Weihnachten doch schon zusagte. (Emmanuelle Devos, die in diesem Duboscs Ehefrau spielte, übernimmt im Komödien-Noir die kurze aber wichtige Rolle der Swinger-Club-Inhaberin Sabine – donnerstags ist übrigens immer Gangbang, bei uns immer dienstags.)
Ein herrlich makaberer Weihnachtsfilm, um einen Bären, ein verstopftes Klo, Drogen und Geld sowie einer Honigfalle der etwas anderen Art (Si apre in una nuova finestra) – alles an einem Ort, an den es doch gar nicht gehört. Ihr gehört dafür ins Kino.
AS
PS: Vom „Irokesen“ (Louka Meliava) hätte ich mir durchaus etwas länger und etwas mehr anschauen können.
PPS: Zum Thema Blut: Am vergangenen Donnerstag ist Luc Bessons Dracula – A Love Tale im Kino gestartet. Unsere Gedanken dazu gibt es morgen in Kombination mit einem weiteren Horrorfilm namens Bone Lake...
IN EIGENER SACHE: Da unser reguläres Online-Magazin noch immer nicht wieder am Start ist, veröffentlichen wir vorerst hier. Mehr dazu lest ihr in unserem Instagram-Post (Si apre in una nuova finestra) oder auf Facebook (Si apre in una nuova finestra). Außerdem freuen wir uns immer, wenn ihr uns einen Kaffee spendieren wollt (Si apre in una nuova finestra) oder uns direkt via PayPal (Mail: info_at_thelittlequeerreview.de) unterstützen mögt.
.jpg?auto=compress&w=800&fit=max&dpr=2&fm=webp)
HOW TO MAKE A KILLING startet am heutigen Donnerstag, 06. November 2025, im Kino.
Regie: Franck Dubosc; Drehbuch: Franck Dubosc, Sarah Kaminsky; Kamera: Dominique Fausset; Schnitt: Audrey Simonaud; Musik: Sylvain Goldberg; Darsteller*innen: Franck Dubosc, Laure Calamy, Benoît Poelvoorde, Joséphine de Meaux, Louka Meliava; Laufzeit ca.: 114 Minuten; FSK: 16; im Verleih von Weltkino
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/b8ea5b34-d68b-41eb-acfa-2d3d9a848fc8 (Si apre in una nuova finestra)