Passa al contenuto principale

„Unser System ist darauf ausgelegt, dass alles schnell wieder funktioniert“

Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – der Newsletter gegen mentalen Dauerlärm. Heute: Eine Sonderausgabe mit der Paar- und Sexualtherapeutin Julia Henchen.

Hi!

Die Punkte in meinem Leben, an denen ich das Gefühl hatte, den Verstand zu verlieren, hingen erstaunlich oft mit Beziehungen zusammen. Und mit Sex. Warum sind so viele Paare so ratlos bei dem Thema?

✨ Neu hier? Abonniere den Newsletter kostenlos (Si apre in una nuova finestra).

Ich dachte, wenn mir jemand die Antwort darauf geben kann, dann ist es Julia Henchen. Sie ist Paar- und Sexualtherapeutin, Podcasterin und hat unter anderem das Buch Kopf aus, Lust an geschrieben. Deswegen gibt es heute eine Premiere: das erste Interview in diesem Newsletter. Julia und ich haben eine Stunde geredet. Es wurde sehr ehrlich.

Julia Henchen lehnt lässig auf einer Theke und schaut direkt in die Kamera.
Julia Henchen findet, dass wir in Beziehungen oft die falschen Fragen stellen. Foto: Annika Fußwinkel

Theresa: In deine Praxis kommen Paare und fragen: „Warum haben wir keinen Sex mehr?“ Du sagst, das ist die falsche Frage. Warum?

Julia: Man individualisiert es. Die Frage lautet dann: Warum hat meine Frau keine Lust? Oder: Warum haben wir keinen Sex? Eigentlich müsste sie lauten: Welche Bedingungen brauchen wir, damit Lust entsteht?

Theresa: Also die Vorstellung ist: Lust müsste da sein. Und wenn sie nicht da ist, stimmt etwas nicht.

Julia: Genau. Das ist natürlich auch ein Konstrukt. Unser gesamtes Gesundheitssystem baut darauf auf, dass Sex scheinbar gesund ist. Die ICD-10, das Klassifikationssystem für psychische Krankheiten, ist total patriarchal geprägt. Wenn du ein halbes Jahr kein sexuelles Interesse hattest, hast du eine sexuelle Funktionsstörung. Das System geht also davon aus, dass Sex zu haben gut und gesund ist.

Theresa: Und vor allem: Normal. 

Julia: Ja. Aber das ist schon eine falsche Vorstellung, weil Sex nicht für jeden Menschen gesund ist. Wenn du ein traumatisches Erlebnis damit hattest oder einfach kein Interesse daran, ist er für dich nicht gesund, sondern belastend oder neutral. Nicht jeder Mensch muss Sex haben. Es passiert auch nichts, wenn wir keinen haben. Offensichtlich werden Leute nicht krank davon. Und trotzdem ist unser System darauf ausgelegt, dass alles schnell wieder funktioniert. Nach einer Geburt, nach einer Krankheit, schnell kommt die Frage: Klappt es wieder? Es muss repariert werden.

Theresa: Ich beschäftige mich schon lange mit diesen Themen und merke immer wieder, dass das Bild davon, was normal ist und wie viel Lust und Sex man haben soll, wahnsinnig platt ist.

Julia: Ich sage immer: Es ist nur Sex. Und ich meine es genauso. Dadurch, dass ich tagtäglich mit so vielen Menschen über Sex spreche, bin ich, was meinen eigenen angeht, super entspannt. Wenn ich keine Lust habe, bedeutet das für mich gar nichts. Es passiert dann schon wieder, wenn es soll. Es bedeutet nichts über mich.

Theresa: Also nichts über deine Gesundheit, und auch nichts über deine Beziehung?

Julia: Genau. Aber das ist natürlich das, womit die Menschen zu mir kommen. Das stresst sie enorm. Und deswegen entwickle ich mit ihnen eine Haltung dazu: Auf welchen Säulen steht unsere Beziehung eigentlich? Ist Sex eine davon? Wenn sie wegbricht, wird die Beziehung instabil. Das ist dann etwas, das man aushandelt. Aber ich als Julia würde sagen: Ich finde es schade, wenn Sex eine Säule ist.

Theresa: Du meinst, Sex sollte keine Bedingung für eine Beziehung sein?

Julia: Auf gar keinen Fall. Gesellschaftlich machen wir den Unterschied zwischen romantischer Beziehung und Freundschaft ja vor allem an Sex fest. Aber das ist schade, wenn es wirklich nur das ist. Es gibt so viele andere Dinge: geteilte Verantwortung, Commitment, die Art, wie man füreinander da ist. Und gleichzeitig priorisieren wir Zweierbeziehungen sehr stark. Feste Beziehung, heiraten, Kinder, Haus. Wer das nicht hat, passt nicht rein. Bei mir sitzen Frauen in der Beratung, die sagen: „Eigentlich wäre jetzt das zweite Kind dran, aber ich möchte das gar nicht.“ Was wieder zeigt, dass wir versuchen, ein Ideal zu bedienen, und das kostet am Ende Authentizität. Oder Glück. Ich glaube, das ist oft das Größte, was es kostet.

Theresa: Kommen Paare häufig wegen Lustlosigkeit zu dir?

Julia: Ständig.

Theresa: Du hast mal geschrieben, dass Lustlosigkeit eines der komplexesten Themen in der Paartherapie ist. Warum?

Julia: Weil so viel mit reinspielt. Beim Thema Orgasmus wissen alle sofort, worüber wir sprechen. Das Ziel ist klar, die Schritte dahin auch. Bei Lust ist es für viele viel diffuser.

0 commenti

Vuoi essere la prima persona a commentare?
Abbonati a Wie du nicht den Verstand verlierst e avvia una conversazione.
Sostieni