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Ronja über ihre Gefühlswelt als Trennungskind, warum sie sich verletzlich macht und das Ding im Brustkorb

Bei Universal Music in Berlin treffe ich Ronja. Auf dem Weg höre ich mir noch einmal ihren Song Eine Familie an. Tiefgehend persönlich und beeindruckend ehrlich gibt Ronja darin Einblicke in ihre Gedanken- und Gefühlswelt als Trennungskind, insbesondere ihre innere Zerrissenheit und den Wunsch nach einem Zuhause, das es so nie gab. Kurz bevor ich das Gebäude betrete, packe ich meine Kopfhörer ein. Ich frage mich, warum es ihr wichtig war, über dieses Thema einen Song zu schreiben, warum sie sich so verletzlich macht und ob jede solcher Veröffentlichungen Überwindung kostet. Aber das frage ich sie besser gleich selbst.

Interview & Fotos Florian Saeling

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Ich würde gerne mit deinem Song Eine Familie einsteigen. Das ist ein sehr persönlicher Song über deine Gedanken und Gefühle als Trennungskind. Wie bist du darauf gekommen, dieses Thema zu verarbeiten?
Ich hatte letztes Jahr im November ein Telefonat mit meiner Mama und dabei ist mir in den Kopf gekommen: „Warte mal, wie war das eigentlich, als meine Eltern noch zusammen waren und wir als Familie irgendwie heil waren und Dinge unternommen haben am Wochenende?“

Es gibt zwar ganz viele Fotos und Videos von meiner Kindheit und ich weiß, dass diese Dinge passiert sind. Aber daran kann ich mich nicht mehr erinnern, obwohl ich mich an sehr viel erinnern kann. Ich kann mich auch an viele unangenehme Konflikte von meinen Eltern erinnern, als ich noch sehr jung war. Das heißt, es hat nichts mit meinem Gedächtnis zu tun.

Ich kann mich an das Schöne einfach nicht mehr erinnern.


Eine Woche später war ich dann in einer Songwriting-Session und je später es wurde, desto mehr habe ich mich getraut, einfach aus mir heraus sprechen zu lassen. Dabei ist dieser Song entstanden.

Hast du im Entstehungsprozess des Songs auch mal gezögert und gedacht: Das ist vielleicht zu privat und sollte lieber nicht veröffentlicht werden?
Mir war relativ schnell klar, dass der raus muss – auch, weil er so viel von mir als Person beschreibt. Aber natürlich habe ich dann darüber nachgedacht, ob der zu intim ist. Also, ich rede nicht schlecht über meine Familie, aber es ist natürlich schon eine intime Geschichte über meine Eltern und meinen Bruder.

Deshalb hatte ich schon ein bisschen Angst und habe meinen Eltern den Song auch nicht vorher gezeigt. Nicht, weil ich das Gefühl hatte, dass sie sagen würden, ich darf den nicht veröffentlichen. Aber ich hatte das Gefühl, dass es Reaktionen gibt, die dann in mir auslösen, dass ich den Song nicht mehr veröffentlichen will, weil ich denke: Ist das überhaupt so richtig, was ich da singe? Sind meine Gefühle überhaupt wirklich so klar oder gibt es da nicht andere, die man vielleicht eher in dem Song hätte beleuchten sollen? Davor hatte ich Angst, dass mich das zu sehr beeinflusst. Aber es gab kein Zurück mehr. Ich war mir unsicher, aber ich wusste, der Song muss raus und was ich damit sage, ist auch wichtig.

Ist die Unsicherheit etwas, das generell Einfluss auf deinen Schreibprozess hat?
Nein, tatsächlich nicht. Ich habe beim Schreiben nie darüber nachgedacht, dass mein Umfeld denken könnte: War das wirklich alles so drastisch für Ronja? Ich hatte auch nie den Gedanken, einen Song nicht herauszubringen, weil er zu verletzlich ist. Es geht für mich eher darum, den Song verletzlich genug zu machen, damit er rauskommen kann.

Das ist eine Challenge, die ich mir stelle: Immer persönlicher und immer verletzlicher zu werden und damit auch immer unangenehme Gefühle, Sorgen und Gedanken auszusprechen, die ich in mir trage.

Einfach, weil ich glaube, dass sich zu wenig Menschen verletzlich zeigen und man Dinge tabuisiert, über die man nicht spricht – in der Öffentlichkeit und auch nicht mit Freunden oder mit der Familie. Dadurch fängt man dann schnell an zu glauben, dass man total verrückt ist, das zu denken oder diese Gefühle und Sorgen zu haben, obwohl sie so viele Leute haben. Also zum Beispiel gibt ein paar Songs darüber, Trennungskind zu sein. Aber es gibt nicht genug Songs darüber, dafür, dass es so viele Menschen betrifft.

Trennungskinder, die mit beiden Eltern in gutem Kontakt sind, versuchen oft, Erwartungen von beiden Seiten zu erfüllen. Manche nehmen dabei auch zwei Rollen ein. Wie war das bei dir?
Bist du mit beiden im guten Kontakt?

Auf jeden Fall – und das war auch immer so. Dafür bin ich sehr dankbar, dass ich immer fair zwischen meinen Eltern war und mit beiden ein sehr gutes Verhältnis habe.

Ich hatte immer zwei Orte, die sich für mich nach Zuhause angefühlt haben.


Das fängt damit an, indem ein Elternteil anders berichtet als das andere und beide über dich kommunizieren. Dann weißt du, einer von beiden lügt gerade – und kein Kind wünscht sich, von seinen Eltern angelogen zu werden. Gleichzeitig wollen sie von dir dann logischerweise, dass du Position beziehst. Wenn Mama über Papa schlecht redet, verteidigst du Papa. Und wenn Papa über Mama schlecht redet, dann verteidigst du Mama. Das lässt dich dann ganz zerrissen fühlen, weil du in dem Moment ja irgendwie herausfinden musst, wer gerade der Gute und wer der Böse ist und das eigentlich gar nicht möchtest.

Meine Eltern haben sich getrennt, als ich sechs Jahre alt war. Mein Papa ist dann in ein anderes Haus gezogen und meine Mama ist in dem Haus wohnen geblieben, wo ich aufgewachsen bin. Das war mein Zuhause, das ich kannte. Da war mein Zimmer, mein Garten, mein Wohnzimmer. Ich hatte ab dann aber zwei Kinderzimmer, die grundverschieden aussahen.

Es gab zwei unterschiedliche Ideen und Konzepte davon, was Familie und was ein Zuhause eigentlich sein soll, mit unterschiedlichen Regeln und Routinen. Es fühlte sich manchmal so an, als würde ich jede Woche zwischen zwei Persönlichkeiten hin- und herwechseln müssen.

Wo fühlst du dich heute zu Hause?
In meiner eigenen Wohnung. Das ist für mich mein Zuhause. Und ich sage zwar, „Ich fahre nach Hause“, wenn ich in die Heimat fahre, aber wenn ich dort bin und mir das alles zu viel wird, dann sage ich „Ich freue mich auf zu Hause“ und meine damit die Wohnung in Berlin, wo ich niemandem gerecht werden muss, nicht jede Woche meine Sachen zusammenpacken muss und mein ganzes Leben auf einen Rucksack minimiere, sondern, wo ich das machen kann, was ich möchte, sich niemand streitet und ich das irgend- wie aushalten muss.

Wann hast du angefangen, deine Gefühle und Gedanken zu Songs zu verarbeiten?

Angefangen zu schreiben habe ich, als ich zwölf Jahre alt war. Aber es war nicht in dem Maßstab, in dem das heute passiert. Das war auch noch auf Englisch, weil ich nur englische Musik gehört habe. Und dann habe ich immer mehr deutsche Indie-Musik gefunden, die mich inspiriert hat und in der ich mich als junge Person gesehen und angesprochen gefühlt habe. Dann habe ich den ersten deutschen Song geschrieben, den ich 2023 auch veröffentlicht habe: Tempelhof. Danach kam Blumengarten, der dann auch schon bei Universal Music veröffentlicht wurde.

Was würdest du sagen, was gibt dir Musik, was Worte allein nicht können?
In meiner Musik romantisiere ich vor allem Gefühle und Ängste und Selbstzweifel, weil man es so schön zusammendichten kann, dass es irgendwie tragisch, aber trotzdem schön klingt – was es für mich immer einfacher macht, das Gute in beispielsweise Wut, Trauer oder Herzschmerz zu sehen. Dann fühlt es sich automatisch nicht mehr so schwer an.

Was wünschst du dir, was Menschen spüren, wenn sie deine Musik hören?
Dass sie eine gewisse Form von Wehmut und Melancholie spüren. Weil das ist ja auch das, was ich gespürt habe, als ich die Songs gemacht habe. Und natürlich auch, dass sie sich gesehen fühlen davon. Eine Familie ist ein gutes Beispiel für so einen Song, aber es gibt auch andere auf der EP, bei denen ich mir wünsche, dass Leute sich gesehen fühlen und merken: Krass, da konnte jemand in Worte fassen, was ich schon lange fühle, aber dachte, dass ich damit alleine bin. Das wäre das Schönste, wenn das passiert.

Du studierst Gender Studies und Erziehungswissenschaft. Inwieweit fließen Themen aus dem Studium in deine Musik ein?Ich bin sehr glücklich darüber, dass mein Studium nicht so viel mit meiner Musik zu tun hat. Die wenigsten in der Uni wissen überhaupt, dass ich Musik mache, sondern ich bin dort einfach Ronja, die sich für Bildungsgerechtigkeit, Beratung und Menschen in prekären Lebenssituationen interessiert. Weil das sind Themen, die eine andere Wichtigkeit und einen anderen Wert als die Musik haben.

Natürlich nehme ich Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft schärfer wahr, seitdem ich mich auf einer wissenschaftlichen Ebene damit beschäftige. Und Rage, also wütend auf Dinge zu sein, nimmt in meinen Songs auch immer mehr Platz. Ich weiß nicht, ob das etwas mit meinem Studium zu tun hat oder einfach mit dem Erwachsenwerden. Aber mich beschäftigt das sehr und es verändert auch meinen Blick auf die Musikindustrie, auf das Artist-Dasein und auf Konkurrenzdenken, um zu verstehen, warum man das hat und warum man das nicht haben sollte.

Warum sollte man das nicht haben?
Konkurrenz ist ein wahnsinniges Konzept. Zum Beispiel lernen Frauen schon von klein auf, dass es nur eine geben kann und man Erfolg für andere möglichst schwer halten sollte, weil es für sie selbst schwer war, es nach oben zu schaffen. Deswegen sollte man das vermeiden und sich für alle freuen, die etwas geschafft haben und es dabei genauso schwer hatten wie man selbst.

Mir ging es vor allem letztes Jahr so, dass ich bei Newcomerinnen spannend fand, was sie gemacht haben. Aber sobald sie irgendwo waren, wo ich gerne sein wollte, z.B. in Support-Shows, Interviewformaten oder Playlists, habe ich immer gedacht: Weil sie jetzt da ist, kann ich da nicht sein – und das stimmt ja nicht. Ich wurde dabei manchmal auch ein bisschen gemein – nicht zu den Leuten direkt, aber in meinen Gedanken über sie. Das fand ich dann nicht fair, dass ich kritisiere, was andere machen, nur weil ich nicht damit zufrieden bin, was für eine Aufmerksamkeit ich bekomme oder meine Erwartungen an mich selbst nicht erfüllen konnte.

Das ist jetzt nicht mehr so. Ich konnte das Konkurrenzdenken komplett loslassen und freue mich immer, wenn ich vor allem andere FLINTA*- Artists kennenlernen und mich mit ihnen austauschen kann.

Ich supporte andere wahnsinnig gerne.


Wenn du noch mal ganz neu starten würdest, Songs zu schreiben, was würdest du dir selbst mit auf den Weg geben?
Ich glaube, ich würde nichts anders machen, als ich es gemacht habe. Es gab auf meinem Weg schon immer Momente, in denen ich sehr daran gezweifelt habe oder dachte, das ist nicht gut so, wie ich es mache und ich mir gewünscht hätte, ich wäre mehr sichtbar für Menschen, für die ich nicht sichtbar war.

Aber man sollte auch akzeptieren, wenn Türen sich noch nicht öffnen.


Rückblickend war es perfekt so, wie ich es gemacht habe. Weil dadurch stehe ich heute hier und habe die Freiheiten, für die andere wahrscheinlich sehr viel geben würden. Ich kann Dinge machen, für die andere sehr viel tun würden, damit sie das machen dürften. Also, ich bin zum Beispiel nach Georgien geflogen, um Musikvideos zu drehen und das ist absurd, dass da vierzig Leute waren, die mit mir nachts irgendwo draußen stan- den und das gedreht haben, was ich in meinem Kopf hatte zu den Songs.

Ich würde einfach sagen, dass man sehr geduldig sein soll und immer sein Bestes geben sollte. Aber man sollte auch wissen, dass das nicht immer dafür sorgt, dass man auch überall hinkommt, nur weil man sein Bestes gibt. Ansonsten sollte man sich selbst treu bleiben, sich viel damit befassen, wer man eigentlich sein will und authentisch sein, echt und ehrlich Songs schreiben und nicht probieren, in etwas reinzupassen oder genauso zu sein wie eine andere Künstlerin. Das funktioniert am Ende nicht. Inspiration ist immer wichtig, aber man sollte sich einfach genug Zeit geben und genug Zeit lassen, um herauszufinden, was man mit seinem Projekt machen möchte.

Das hast du ja alles gemacht.
Genau. Deswegen würde ich das auch nicht anders machen, wenn ich nochmal neu starten würde.

Danke, dass du dabei bist!
Ich danke euch!


Sei mutig und verletzlich.

– Ronja

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