Frankreich in der Seelenkrise/Serie Happy Valley/Judith Hermann/Pizza zuhause

In den vergangenen zwei Wochen ist Frankreich in eine tiefe Seelenkrise gerutscht. Auslöser war der Mord an Lyhanna, einem elfjährigen Mädchen im beschaulichen Gers. Der mutmaßliche Täter hat nicht zum ersten Mal zugeschlagen, die Anzeigen und Berichte über ihn stapeln sich in den grauen Blechschränken der französischen Justizbehörden. Verstauben dort. Viel zu vielen Frauen und Mädchen wurde nicht geglaubt oder man wollte keine unnötigen Wellen machen oder zuwarten, bis jeder Fall wasserdicht und gerichtsfest war. Eigentlich weiß niemand so genau, warum der Mann nicht längst aus dem Verkehr gezogen wurde. Aber für Lyhanna war es zu spät.
Sexualierte Gewalt, genauer: Jahrelang verübte sexualisierte Gewalt, die längst bekannt, bezeugt und angezeigt ist, aber vollkommen folgenlos bleibt, prägt die französischen Nachrichten seit langer Zeit. Der Fall Pélicot ist noch in bedrückender Erinnerung, aber die Liste ist länger und viel zu lang.
Eine ferne Nebenwirkung des Falls im Gers ist das plötzlich konsequente Vorgehen gegen Patrick Bruel. Der Sänger und Schauspieler ist einer der berühmtesten Franzosen – ebenso bekannt ist sein Hang, Frauen in seiner Umgebung gegen deren Willen zu bedrängen, anzufassen oder zu vergewaltigen. Die ersten Berichte darüber sind uralt, aber kaum jemand hatte ein Interesse, die Cashcow der populären Unterhaltung zu verfolgen. Die Frauen hatten keine Zeugen und vor Gericht keine realistischen Chancen. Vermutlich wurde, wie im Fall des Noir- Désir-Frontmanns Bertrand Cantat, geschäftsschonend weggesehen. Cantat und Bruel galten als ausgesprochene Gutmänner, als engagierte, beliebte und aufgeklärte Künstler, die Gewalt gar nicht nötig haben und ihr Tun reflektieren. Die konsequent leugnen. Man wollte es eben nicht sehen. Wie im Fall Strauss-Kahn. Schon lange vor seiner Vergewaltigung einer Hotelangestellten in New York hatte ich in Paris schweigende und kopfschüttelnde politische Sympathisanten von ihm erlebt, die mir knapp erklärten, dass DSK nie und nimmer Präsident werden könne. Warum haben sie nicht gesagt. Als ich fragte, ob es wegen seiner Affären sei, verneinten sie. Viel schlimmer sei es. Auch ihn haben Frauen der Vergewaltigung beschuldigt.
Diese Zustände haben tiefreichende kulturgeschichtliche Wurzeln. Die anarchische, diabolische Kraft von Sexualität und Erotik ist in Frankreich ein hohes Gut, geschützt von einer nahezu pathologischen Diskretion. Bevor jemand gefragt wird, was er sich eigentlich so denkt bei seinem erotischen Tun und Treiben, muss schon die Welt vor dem Untergang stehen. Traditionellerweise organisierten Frauen ihre Gegenwehr selbst : Als eine Cousine in der Bibliothek angegrapscht wurde, reagierte sie mit einer doppelten Ohrfeige und das galt in der Familie als vorbildliche Reaktion. Einen Gang zur Polizei, daran dachte niemand. Sie wäre gnadenlos ausgelacht worden. Der Übergriff galt als schlechtes Benehmen, dabei durchaus als Ausweis gesunder Männlichkeit, die eben erzieherisch einzuhegen ist. Nicht als Straftat.
In der Zeit der Aufklärung und vor der Französischen Revolution etablierten sich Pornographie und Libertinage als Manifestationen der Freiheit, irdische Freuden gegen die klerikale und absolutistische Oppression. Seitdem gilt jede leise Kritik oder auch der Mangel Begeisterung unter Männern für Zoten, Nacktbilder und Ausschweifungen als Unterstützung der Reaktion. Es ist ein völlig falsches Verständnis dessen, was das gute Leben ausmacht, aber niemand möchte als Spielverderber gelten.
Die nun in Rede stehenden Verbrechen haben mit dieser Thematik, mit Liebe und Sex nichts zu tun, sondern sind das genaue Gegenteil davon, Manifestationen von Gewalt und Grausamkeit. Aber Tätern wird es durch dieses kulturelle Missverständnis und die Verkleidung von krimineller Energie in Lust oder Trieb leicht gemacht: Gnadenlose Gewalt von romantischem Gefühlsgewühle zu unterscheiden, das haben viele französische Polizisten und normale Zeugen nie gelernt. Täter nutzen das.
Dahinter verbirgt sich eine Frage der Macht. Hier ist Frankreich schlecht aufgestellt, denn eine Teilung der Macht zwischen Männern und Frauen gibt es nur auf dem Papier. Präsident, Premierminister, Innenminister, Justizminister und die gesamte Befehlskette hinunter bis zum Gendarmen, alles Männer. Und zwar schon immer, mehr oder weniger seit Julius Caesar. Ebenso die Parteichefs, die Fraktionsvorsitzenden, Unternehmer und nahezu alle Anwärter auf die Nachfolge Emmanuel Macrons. Marine Le Pen bezöge einen großen Vorteil aus ihrer Position als einziger Frau auf dem Wahlzettel, sollte die Justiz ihre Wählbarkeit in zweiter Instanz wieder herstellen. In Bezug auf dieses immense Problem haben sie und ihre Partei aber nichts anzubieten, denn die Täter sind keine Migranten und dann endet das Latein des Front National.
Das Problem und die Gefahren sind so gewaltig, dass die bewährte französische Lösungsmethode – alle feuern, alle Regeln außer Kraft setzen und ein neues System errichten, also Geschichte schreiben – hier nicht wirken wird. Que faire? Immerhin ist die Republik zum ersten Mal seit langem wieder geeint – in Ratlosigkeit.
In Deutschland liegen die Dinge noch mal anders und solche Fälle beherrschen zumindest nicht die politischen Nachrichten. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das Problem geringer ist und wenn man die Bücher von Christina Clemm liest, kann man da so seine Zweifel hegen.
https://www.arte.tv/de/videos/126957-001-A/happy-valley-in-einer-kleinen-stadt-staffel-1-1-6/ (Abre numa nova janela)Diese grimmige Aktualität hat mich dann auch bewogen, die erste Staffel der Serie Happy Valley, die in Halifax spielt, bis zum Ende zu schauen. Ich habe mir zwar angewöhnt, immer aufzuhören, wenn Frauen in erschütternder Weise als Opfer, als Geisel oder Leiche inszeniert werden. Aber es gibt diese Fälle ja tatsächlich und so eine Serie kann eine aufklärende Wirkung entfalten.
Vorsicht ist geboten: Es geht hier um Gewalt und Grausamkeit in einem Ausmaß und einer Drastik, auf die man als Zuschauer nicht vorbereitet ist. Darin wirkt sie als Warnung, denn eine postmoderne Gesellschaft ist ja auch nicht vorbereitet auf entschlossene und konsequente Brutalität. Die hat in der Serie mittelbar auch mit dem internationalen Drogenhandel zu tun, der gerade die Märkte der Welt mit altbewährten Raubrittermethoden aufteilt. Man lernt also viel in dieser vorzüglich gemachten, vorzüglich gespielten Serie – auch wenn man sich das lieber erspart hätte.
Uff.
Vor dem Schlafengehen lieber nochmal in The Rooster (Abre numa nova janela)reinschauen.

Es ist das erste Buch von Judith Hermann, dessen Titel mit Ich beginnt. Damit wird sein Thema gesetzt: Es geht um die Aneignung der Familiengeschichte nach Jahren des Beschweigens, um eine aktive Aufklärung der Rolle des Nazi-Großvaters in der Identität einer Familie und der Erzählerin.
Ihre Methode ist konsequent hermannesk: Reisen, lesen und genau beobachten. Sie macht alles anders als Menschen mit vergleichbaren Vorhaben. Keine Archivbesuche, keine Zeitzeugenbefragung, keine Zitate üblicher Historiker, sondern lange Winterwochen und Spaziergänge in der polnischen Stadt, in der der Opa gewirkt und gewütet hat. Ein Hallenbadbesuch und Versuche, mit Mutter und Schwester über das deutsche Erbe zu reden. Mehr oder weniger vergebliche Versuche. Die Reise geht von Polen bis Neapel und Pompei, die Anwesenheit der Toten ist dabei ein wichtiges Motiv. In der Fähigkeit des Erzählens liegt eine sensationelle Kraft, sie verscheucht die verdrucksten Nazi-Gespenster. Dazu muss man sie aber auch sagen können, die Sätze die mit ich beginnen. Ihr bestes Buch. So far.
Selbst mir ist nicht entgangen, dass die Fussball-WM begonnen hat. Neu war mir eine Statistik, die ich im Radio aufgeschnappt habe: dass nämlich in Frankreich während der Spiele zu 80% Pizza gegessen wird, meist bestellte. Zu meinem Bedauern hat meine einst große Leidenschaft für Pizza nachgelassen. Früher habe ich gerne welche gebacken, einmal zu einem Kindergeburtstag unserer Tochter. Doch die Teller kamen nahezu unangetastet zurück! Ich wollte natürlich die heutige Jugend dafür kritisieren, bemerkte dann aber, dass ich statt der passenden Gewürze zu Chili-Flocken gegriffen hatte.
Zu einem Fußball-Abend würde ich auf das Bestellen verzichten und - no risk no fun - selbst eine backen. Das geht durchaus auch mit einem E-Herd und man kann sich das Leben auch mit Poolish, also Vorteig erleichtern. Einfach alles so machen, wie Vincenzo das sagt.
https://www.youtube.com/watch?v=xUEYRiZlyUM (Abre numa nova janela)Kopf hoch,
ihr
Nils Minkmar
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