
Ich war einige Tage in Frankreich, am Atlantik und somit auch am Ende der Welt. Die milde Anarchie des Winters hatte sich ausgebreitet. Straßen und Wohnviertel waren leer - die meiste Hektik wurde von runden Rotkehlchen entfaltet. Der Fischhändler hatte geöffnet, allerdings war die Auslage ungewöhnlich spärlich. Er verkaufte alles zum halben Preis, dann schloss er den Laden, gleich nach unserem Einkauf – Wiedereröffnung Ende März.

Es war kalt, am Meer gab es ein bisschen Schnee, die Nachbarn baten um Fotos ihrer verschneiten Gärten. Ein einziges Restaurant, direkt auf der Düne, hatte noch geöffnet. Das ist Programm: Le Kayoc ist ein Vorposten der Zivilisation und schließt nie, keinen einzigen Tag.
Mit dem Frankreich, aus dem die nationalen Fernsehsender berichten, hat die winterliche Strandlandschaft wenig zu tun. Dort herrscht klimatischer Ausnahmezustand, werden meteorologische Bomben erwartet und Todesgefahr beschworen. In den Nachrichten ging es stundenlang um Glatteis und Auffahrunfälle, um Blizzardgefahren und die korrekte Art, auf Schnee zu gehen. Jeder Blechschaden, jeder vom Weg abgekommene Bus wurde landesweit kommentiert, es war übertrieben. In Fernsehfrankreich tobte auch ein Aufstand der ländlichen Welt –Sondersendung auf Sondersendung über die Nöte der Bauern. Dabei waren gerade mal 20 Traktoren bis nach Paris getuckert, um die rituellen Proteste abzuhalten. Es geht um das Mercosur-Abkommen und billige Importe aus Südamerika, also irgendwie gegen Brüssel. Aus der französischen Politik findet sich niemand, der mal darauf hinweist, dass das Leben aus Kompromissen besteht: Ohne die Zuwendungen der Europäischen Union übersteht die französische Landwirtschaft keinen Monat. Die Sender wechselten sich ab in der Panikmache zwischen Winter und Bauern, in meiner Provinz war nichts davon relevant. Die Rückreise - ich sah uns schon gestrandet auf irgendwelchen Feldbetten - verlief ohne Verspätungen.
Nun ist es nicht so, dass gar kein Grund zur Panik besteht – nur eben nicht wegen Schnee im Winter oder protestierenden Treckern. Selten war ein Jahresbeginn politisch so dramatisch aufgeladen, die Lage so brenzlig. Vor der amerikanischen Regierung kann man sich nur abwenden und auf die dortige Zivilgesellschaft und die Wahlen im November hoffen.
Kein grund zur Überheblichkeit: Als Europäer kann man sich wegen der Passivität und peinlichen Einfallslosigkeit der Europäischen Union nur schämen: Außer Treffen und Versprechen kommt da nicht viel. Sanktionen gegen Russland bleiben halbherzig und löchrig, die Verteidigung Europas ein Flickenteppich nationaler Ambitionen. Es fehlt der elementare politische Wille oder das Know-how, die europäischen Rechte und Werte auch zu verteidigen. Es scheint, als passten unsere politischen Strukturen nicht mehr in die neue Zeit des unverhohlenen Machtkampfs zwischen den Blöcken. Vielleicht brauchen wir auch neue Parteien, die international agieren, so wie das Kapital und die Rechtsradikalen es schon ewig praktizieren. Die Lage erfordert längst eine große Rede, die die Öffentlichkeit auf Verzicht einstimmt und zum Widerstand aufruft. Konsequente Taten müssten folgen. Trump und Putin wollen ein Europa der Vasallenstaaten und das Mindeste wäre, ihnen in diesem Punkt zu widersprechen.
Grund zur Hoffnung gibt es aber auch: Es sind Menschen im Iran und der Ukraine, die unter Einsatz von Leib und Leben für die Freiheit kämpfen, auch für unsere. Aber wir tun nicht genug. Weder, um ihnen zu helfen, noch, um uns zu wehren. Jene politischen Kräfte, die diese moralische Frustration aufgreifen und ihr überzeugend, transnational entgegen wirken, hätten eine gute Chance, die Zukunft Europas zu gestalten.
Durch Zufall habe ich im Schaufenster einer Buchhandlung diesen Titel entdeckt – im Netz hätte ich nie danach gesucht. Es ist der nüchterne Bericht von den sechzehn oder siebzehn Jobs, die der Autor in der chinesischen Hauptstadt und einigen Provinzstädten übersteht. Das Buch steht damit in der Tradition der Arbeiterliteratur, die auch in Europa mal eine große Sache war. Liest sich wie Charles Bukowski, nur ohne Schnaps und Sex.

Anyan arbeitet nahezu rund um die Uhr, kann sich für den Lohn aber kaum etwas leisten. Gesetzlichen oder gewerkschaftlichen Arbeitsschutz gibt es nicht, allerdings sind Arbeitskräfte knapp – das verleiht ihm und seinen Kollegen doch eine gewisse Verhandlungsposition. Man bekommt einen guten Einblick in moderne chinesische Moralvorstellungen und in die Verfahren, mit denen Konflikte gelöst werden. Und dann hat seine Lebenswelt auch wieder sehr viel mit unserer zu tun, denn alle großen Marken und Produkte, die unseren Alltag bevölkern, haben ihre physischen Wurzeln in China. Eine weitere Gemeinsamkeit ist Anyans Vertrauen in die Power der Literatur, beschriebene Zustände dann auch zu überwinden. (Es gibt auch eine deutsche Fassung, ich bin wie gesagt eher zufällig an diese hier geraten.)
Es sind schon einige Jahre vergangen, seit meine Frau mir von einem bemerkenswerten Serienprojekt erzählt hat: Eine feministische und humorvolle Chronik der bundesdeutschen Gesellschaft, erzählt anhand einer Berliner Tanzschule. Eine Mutter und ihre drei Töchter als Protagonistinnen, geschrieben von Annette Hess. Heute ist aus den Staffeln der Ku’damm-Reihe rund um die Tanzschule Galant der Familie Schöllack längst ein Kult entstanden, sogar ein Musical gibt es. In diesen Tagen startet eine neue Staffel - und bricht schon jetzt Rekorde in der ZDF-Mediathek. Für mich eine der besten deutschen Serien – aber ich bin zugegebenermaßen auch befangen.
https://www.zdf.de/play/serien/kudamm-104/kudamm-77-114?staffel=4 (Abre numa nova janela)Ich finde die obskure Zahlenmagie öffentlicher Gedenktage zunehmend lächerlich, aber manchmal führen sie zu spannenden Entdeckungen. Aus Anlass des dreißigsten Todestages von François Mitterrand gibt es jedenfalls einen Dokumentarfilm seiner Tochter, der Autorin Mazarine Pingeot über das geheime, das literarische und geistige Leben ihres komplizierten Vaters. Es ist ein diskreter, aber hochpolitischer Film, der die Folgen des Verzichts auf Literatur und Bildung in der Politik anprangert.
https://www.youtube.com/watch?v=Z234R-5f0g8 (Abre numa nova janela)Am Kühlschrank hängt ein neuer Jahreskalender, auch das Notizbuch wartet auf Listen, Pläne und Termine – das Jahr kann Fahrt aufnehmen. Für mich gehören dazu auch neue Ideen, was man an kurzen Abenden nach langen Tagen denn so kochen könnte.
https://cooking.nytimes.com/article/easy-healthy-recipes (Abre numa nova janela)Kopf hoch,
ihr
Nils Minkmar
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