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Erster Krokus

Europa!/Gilda Sahebi/Château d’Orion/Serie The Pitt/Hervés Huhn

Ich habe schon manchen Samstagvormittag angestrengt grübelnd damit verbracht, nach hellgrünen Hälmchen der keimenden Hoffnung zu fahnden, um die Leserschaft dieses Newsletters nicht auch noch am Sonntag zu betrüben. Allerdings möchte ich auch wahrhaftig bleiben, das war in den letzten Monaten eine echte Gratwanderung. Jetzt endlich öffnet sich ein etwas breiterer Pfad zur Zuversicht.

In den USA gerät der amtierende Präsident unter Druck. Nicht mal Harry Houdini könnte sich noch aus dem Schlamassel der Epstein-Akten befreien. Seine eigenen Leute beginnen Fragen zu stellen und allmählich wird der Geist der Republik wieder wahrnehmbar. Was ich lange für eine zu simple Erklärung gehalten habe, klingt plausibel: Trump ist wegen seiner Taten zu Zeiten seiner Freundschaft mit Jeffrey Epstein möglicherweise erpressbar. Darum hat er noch so ziemlich jeden Menschen in seinem Leben verraten, einschließlich seines einstigen Vizepräsidenten, außer eben Wladimir Putin.

Angesichts dieser Entwicklung und der umfassenden Destruktivität seiner Politik verliert die extreme Rechte auch in Europa an Schwung. In Frankreich müssen sich die Leute vom Rassemblement National arg anstrengen, um nicht als seine Freunde zu gelten. Die sie aber bis eben noch waren.

Trump schreckt auch die Rechten ab: Wer ohne woke Rücksichten über Minderheiten lästern möchte, im Namen der Meinungsfreiheit, scheut vor den Trumpschen Kontrollen privater Smartphones und seiner Gängelung der Medien. Wer strenge Grenzkontrollen möchte, duldet darum noch lange keine ICE-Truppe, die harmlosen Menschen nach Lust und Laune in den Kopf schießt.

Die Kälte in der Ukraine lässt nach, das Wetter wird besser und die barbarischen russischen Angriffe führen zu keinem Durchbruch für Putin. Die Schwäche Europas bei der effektiven Verteidigung unserer ukrainischen Partner ist eine wahre Schande, aber heute findet sich kaum noch jemand, der sich damit abfinden möchte. Es wird Zeit, das Europa danach zu denken – an der Seite einer starken, souveränen Ukraine. Welche Möglichkeiten unserer Subkontinent noch bereit hält!

Die Münchner Sicherheitskonferenz bescherte uns eine Grundsatzrede des Bundeskanzlers und dieses Mal war diese Bezeichnung auch verdient. Die strategische Souveränität Europas ist ein Programm, das die Bürgerinnen und Bürger überzeugt und schlafende Ressourcen wecken könnte. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde die Öffentlichkeit in jeder Krise vor allem als Konsumentenverein angesprochen: Geht weiter einkaufen, damit die Wirtschaft nicht schwächelt. In der Covid-Pandemie hat man aber gesehen, wie viel Bereitschaft und Geschick vorhanden ist, wenn man alle dazu aufruft, sich anzustrengen, umzustellen und etwas einfallen zu lassen. Dennoch setzten die allermeisten Politiker auf beschwichtigende, die Leute infantilisierende Formeln, um “die Menschen” nicht weiter zu enervieren. Sie schließen sowohl Kürzungen als auch Steuererhöhungen aus, suchen nach den abenteuerlichsten Lösungen, damit alles beim Alten bleiben könnte. Eine konsequente Umstellung auf erneuerbare Energie, die Schaffung eines europäischen Kapitalmarkts und die Einführung von Eurobonds sind die nächsten Schritte. Auch Medien und politische Parteien müssen sich an eine neue Ära der europäischen Integration anpassen. Ich träume ja schon lange von europäisch besetzten Talkrunden und von Abendnachrichten, in denen das Wetter nicht an der Landesgrenze endet. Und wie überzeugend wirken politische Parteien, die nicht europäisch organisiert sind?

Alles braucht seine Zeit, aber nach zehn Jahren rechtsradikaler Umtriebe, die auf der Illusion ihres unaufhaltsamen Aufstiegs basierten, wendet sich das Blatt. Es ist wie mit dem Wetter gerade. An einen Nachmittag in der Sonne oder ein Bad unter freiem Himmel ist nicht zu denken. Aber ich sehe schon erste Krokusse.

Viele Talkshowrunden unterscheiden sich kaum von Kappensitzungen: Man kann jedes Lied mitschunkeln, auch wenn man es zum ersten Mal hört, denn die Melodien, Rhythmen und Rituale bleiben immer gleich. Dort gibt es Tusch und Helau, Alaaf oder im Saarland Alleh hopp, die politischen Abendrunden haben ähnliche Standards. Die Gesellschaft ist gespalten, die Woken haben es übertrieben, die AfD ist auf dem Vormarsch, weil die Busse nicht fahren und die Woken es übertrieben haben. Migration ist die Mutter aller Probleme und die Armen beuten die Reichen aus. Kaum jemand macht sich noch die Mühe zu fragen, ob das alles so vorhersehbar sein muss. Oder ob es überhaupt stimmt.

Gilda Sahebi widmet sich in ihrem neuen Buch den gängigsten Aufregerthemen und automatischen Debatten der Gegenwart und nimmt sich dann Zeit, sie einmal gründlich zu betrachten. Sie geht vor wie eine kluge und geduldige Nachbarin, der man in heller Aufregung etwas erzählt und die dann ruhig alles mal auseinander nimmt.

Ihre Anschauung gewinnt sie aus dem Alltag, im Bus und in der Nachbarschaft und erläutert überzeugend, warum die Menschen ganz anders erleben und empfinden, als es ihnen attestiert wird. Dabei gelingen ihr immer wieder nahezu poetische Sätze: “Menschen spielen zwar die Hauptrolle im jeweils eigenen Leben, aber eine Nebenrolle im Leben anderer Menschen.” Sie schaut sich Polarisierungsunternehmer an und ordnet viele angeblich politische und soziale Debatten wieder in ihre eigentliche Kategorie an: destruktive Unterhaltung in kommerzieller Absicht. Sehr zu empfehlen (Leider habe ich vergeblich nach einem hat tip , einem diskreten Gruß für den allzu vergessenen Johannes Rau gesucht, dessen lebenslanges Motto “Versöhnen statt spalten” dem Titel des Buches sehr ähnelt! Denkt man sich eben hinzu.)

Zu den zauberhaftesten Möglichkeiten, sich in einem deutsch-französischen Kontext universelle Gedanken zu machen und zugleich dem guten Leben zu huldigen, zählt ein Besuch im Château d’Orion. Hier wird man nicht von Luxus und Superreichtum erschlagen, sondern in Gastfreundschaft aufgehoben und inspiriert. Ich habe es selbst leider noch nicht hingeschafft, es steht aber ganz oben auf meiner Liste. Mein Freund und Kollege Georg Diez zählt zu den diesjährigen Dozenten und seine Denkwoche verspricht höchsten Ansprüchen gerecht zu werden – ohne Freundlichkeit, Witz und Eleganz zu vernachlässigen. Besser kann man Geld und Zeit kaum investieren. Es sind sogar noch Plätze frei!

https://www.chateau-orion.fr (Abre numa nova janela)

In den letzten Jahren gab es jeweils zu Jahresbeginn ambitionierte Produktionen, die die schwarzen Seelen der amerikanischen Superreichen erforschen, etwa Succession oder The White Lotus. Nun schaue ich eine Serie, die die amerikanische Gesellschaft eher sozialstaatlich und gesundheitspolitisch beschreibt, also von unten. In The Pitt verfolgen wir eine Schicht in der Notaufnahme eines Großstadtkrankenhauses in Pittsburgh. Sagen wir, in der Schwarzwaldklinik ging es beschaulicher zu. Es wirkt recht lebensecht, nach einer Folge braucht man selbst einen Moment im Ruheraum. Aber vor allem ist es gute, inspirierende Unterhaltung, die europäischen Zuschauerinnen und Zuschauern in Erinnerung ruft, wie schön es ist, in einem Land mit real existierendem Gesundheitssystem zu leben.

https://www.youtube.com/watch?v=ufR_08V38sQ (Abre numa nova janela)

In diesen bewegten Zeiten freue ich mich über jedes Rezept, das im Airfryer gelingt – unter anderem auch deshalb, weil unser getreuer Ofen nach vielen Jahren den Geist aufgibt, genauer: die Türfedern, aber die Firma ist pleite und es gibt keine Ersatzteile mehr. Ein Fall für Gabriel Yoran! (Abre numa nova janela) Jedenfalls ist das Sonntagshuhn auch in dieser Lage nicht verloren, denn Hervé hilft uns aus der Bredouille:

https://www.youtube.com/watch?v=e4xYDIZh-5E (Abre numa nova janela)

Kopf hoch,

ihr

Nils Minkmar

PS: Jeden Sonntag kommt dieser Newsletter, am Freitagnachmittag und Samstagvormittag schreibe ich ihn. Um mir diese Zeit von anderen Aufträgen freihalten zu können, brauche ich finanzielle Unterstützung durch Mitgliedschaften. Die kann man hier abschließen:

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