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Ein Freitag in Europa

Lecornu handelt, Merz schweigt/Serie Privilèges/Film Silent Friend/Houellebecq 2026/Herzog kocht

Am Freitagnachmittag trat ein wie immer Sempé-haft verhuschter französischer Premierminister vor seinen Amtssitz, das Hôtel de Matignon im 7. Arrondissement und verkündete die Reaktion seiner Regierung auf die Energiekrise. Üblicherweise besteht so eine Regierungsreaktion in Frankreich aus einem schönen Blankoscheck an alle. Die genaue Ausgestaltung kann diverse Formen annehmen, aber das Prinzip bleibt gleich: Der Staat fängt die hohen Kosten auf. Manchmal ist das noch verbunden mit einer Einbestellung der Chefs entsprechender Branchen. Wenn Brot und Butter zu teuer werden, müssen die Bosse der Supermarktketten in den Élysée-Palast und bekommen geschimpft. Dann wird ein bisschen was billiger, es ist ein altbekanntes politisches Ritual.

Aber zurück zum Freitag. Sébastien Lecornu tat nichts von alledem, obwohl der politische Druck auf ihn sehr groß ist. Nicht nur von den extremen Parteien links und rechts. Man konnte schon vor Tagen verfolgen, wie der populäre und manchmal populistische Moderator Cyril Hanouna sich in seiner täglichen Talkshow Tout beau tout n9uf aka TBT9 über den Premierminister beschwerte. Der regiere am Volk vorbei, an der Tankstelle sei es immer noch viel zu teuer. Das ist für die Astrologen der französischen Politik insofern ganz interessant, als Hanouna privat in die Nähe der Macron-Familie gerückt ist. Er ist der Freund von Tiphaine Auzière, der Tochter Brigitte Macrons. Möglicher Hintergrund: Derzeit ist der Premierminister 10 Punkte beliebter als der Präsident - sowas kann Macron leicht mal nerven. Hat Hanouna vielleicht mal was aufgeschnappt, beim Sonntagsessen? Aber ich spekuliere.

Lecornu möchte die Krise für eine strategische Umstellung des französischen Energieverbrauchs nutzen. Einzelne Schritte verkündete er am Freitag: Gasheizungen werden in Neubauten verboten, Elektrifizierung und Wärmepumpen werden gefördert. E-Mobilität für bestimmte Branchen und soziale Gruppen wird mit einem günstigen, geförderten Leasingprogramm für E-Fahrzeuge unterstützt. Kurz: Es gab am Freitag keinen Scheck und vor allem kein weiter so. Denn neue geopolitische Konstellationen erfordern neue politische Ausrichtungen. Elementare politische Logik. Wir erleben, dass die Vereinigten Staaten von einem Mann regiert werden, der anderen Staaten mit völliger Vernichtung ihrer Zivilisation droht. Da kann man nicht schweigen oder so tun, als sei nichts. Sondern schaut, möglichst rasch auf eigenen Beinen zu stehen.

Die Bundesregierung lebt in einer anderen, ihrer privaten Zeitzone. Die Union hat einige Mühen darauf verwendet, Gasheizungen in Neubauten wieder möglich zu machen. Die Wirtschaftsministerin hat ein Herz für fossile Energie und hört nicht, was die Stunde geschlagen hat. Man fragt sich, ob sie mal Zeitung liest und Nachrichten schaut.

Der Bundeskanzler war angetreten mit dem Versprechen einer besseren deutsch-französischen Kommunikation, aber der Freitag hat gezeigt, wie es da gerade steht. Wie glänzend wäre eine gemeinsamer Auftritt, eine gemeinsame strategische Entscheidung gewesen!

Friedrich Merz hat überhaupt eine stringentere Kommunikation und Führung angekündigt, wollte sich darin von Scholz absetzen. Doch seine Koalition dreht sich im Kreis und während die Welt sich täglich verändert, schweigt der Kanzler.

In unserer Stadt ist es mit der Kinolandschaft kompliziert. Immerhin hat eines wieder aufgemacht nach langer Renovierung, das legendäre Caligari. Ich begann die neue Saison mit Silent Friend, einem langen wunderschönen Film rund um einen uralten Gingko-Baum im Alten Botanischen Garten zu Marburg. Er spielt übrigens sich selbst.

https://www.youtube.com/watch?v=DPmWEFPx5eU (Abre numa nova janela)

Dann gibt es drei Geschichten, die auch dort spielen und die diachron erzählt werden. Man kann die Handlung aber nicht wiedergeben, ohne in ungläubige, ja spöttische Gesichter zu blicken, aber das ist in Zeiten allseitiger Vorhersehbarkeit und künstlerischer Risikovermeidung eher ein Vorteil. Man beginnt, nachzudenken.

Paris wirbt gern mit seiner touristischen Benutzeroberfläche, vor allem mit den Luxushotels der obersten Kategorie, den Palaces. Eine neue, schonungslose Serie, Privilèges, erzählt eine Geschichte in diesem Milieu: Eine junge Strafgegangene darf in solch einem Haus ein Praktikum als Freigängerin absolvieren. Drehort war das La Réserve, aber eigentlich ist in der Geschichte wohl das Ritz gemeint, denn es gibt eine Anspielung auf die Zeit der Besatzung durch die Nazis.

Doch schon bald zeigt sich, wo die wahren Kriminellen wohnen. Die Serie ist super besetzt und überrascht immer wieder. Kein Sozialkitsch nirgends, es geht überall rund. Eine dramatische Geschichte in der Manier der großen Romane des 19.Jahrhunderts, ein Theater der menschlichen Abgründe und Illusionen, großartig!

https://www.youtube.com/watch?v=ITtpzp_njNM (Abre numa nova janela)

In diesem Frühjahr sind mal wieder Michel Houellebecq Festspiele. Er hat sich verändert. Er kommt auch nicht mit einem neuen Roman, sondern mit dem Gedichtband „Combat toujours perdant“ und dem Album „Souvenez-vous de l’homme“. Seine Rolle ist eine andere geworden. Womit soll man die Öffentlichkeit heute noch schocken, die Apokalypse kommt schon in den Abendnachrichten. Er redet lieber über Kultur und erinnert uns so daran, was die Beschäftigung mit den Werken der Kunst gerade in schwierigen Zeiten an Ressourcen freizusetzen vermag. Hier ein tolles Gespräch, KI Untertitel verfügbar.

https://www.youtube.com/watch?v=N-IoTuMJXhM (Abre numa nova janela)

Selbstverständlich bin ich wie eigentlich die ganze Welt ein großer Werner-Herzog-Fan. Er ist der coolste lebende Deutsche. Obwohl ich seine Filme eigentlich so gut wie nie schaue. “Gehen im Eis” ist hingegen eines meiner Lieblingsbücher. In der NYT war ein Bericht über eines seiner Filmseminare (Abre numa nova janela) auf den Azoren. Die Teilnehmer sollten eine Kuh dazu bringen, eine Kirche zu betreten. Er ist längst sein eigenes Medium: Diese Kombi aus dem Herzog- Englisch, dem hochkomischen Ernst und seiner trockenen, leicht irren Art ist nicht zu toppen. Hier kocht er ein banales Gericht, aber bei ihm wird direkt ein Film draus.

https://www.instagram.com/p/DWuAQj-jHHp/ (Abre numa nova janela)

Kopf hoch,

ihr

Nils Minkmar

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