Wie Zohran Mamdani den Neoliberalismus in New York das Fürchten lehrt.
von Stefan Hünl

Der eiskalte Morgen, der alles veränderte
Der 1. Januar 2026 markierte weit mehr als nur einen Jahreswechsel. Er war das weithin sichtbare Ende einer Ära der politischen Korruption und der neoliberalen Beliebigkeit.
Während das Establishment der Demokraten noch die Trümmer der Vetternwirtschaft von Eric Adams (Abre numa nova janela) sortierte, einer Amtszeit, die New York ein heilloses Finanzchaos und ein Defizit von bis zu 12 Milliarden Dollar hinterließ, wehte vor dem Rathaus ein neuer, schneidender Wind. An diesem Morgen nahm Bernie Sanders dem demokratischen Sozialisten Zohran Mamdani den Amtseid ab. Alexandria Ocasio-Cortez brachte es auf den Punkt: New York hat sich für Mut statt Angst entschieden, für den Wohlstand der Vielen statt der Privilegien der Wenigen.
Zohran Mamdanis erste 100 Tage sind der empirische Beweis, dass linke Regierungsfähigkeit nicht Anpassung an den Status quo bedeutet, sondern die Rückeroberung staatlicher Machtmittel.
Während Neoliberale behaupten, man müsse "Erwartungen herunterschrauben", hat Mamdani klargestellt: Die einzige Erwartung, die neu justiert werden muss, ist die Hoffnungslosigkeit der Arbeiterklasse.

Das Ende des Mietenwahnsinns ist eine Frage des Willens
In einer Stadt, in der die Durchschnittsmiete bei 4.000 Dollar liegt, ist Wohnungspolitik nackter Klassenkampf. Mamdani hat diesen Kampf am ersten Tag angenommen: Er reaktivierte das »Mayor’s Office to Protect Tenants (Abre numa nova janela)« und besetzte es mit Cea Weaver (Abre numa nova janela), einer Ikone der Mietrechtsbewegung. Doch er blieb nicht bei Personalien stehen.
Der strategische Triumph liegt in der schieren Skrupellosigkeit gegenüber dem Kapital. Mamdani zwang sogar seinen ideologischen Erzfeind Donald Trump dazu, mit Bundesmitteln 12.000 neue Sozialwohnungen in New York zu bauen. Das ist die Essenz sozialistischer Realpolitik: Den Gegner durch massiven öffentlichen Druck zur Finanzierung der eigenen Agenda zu zwingen. Parallel dazu setzte er durch das »Rent Guidelines Board (Abre numa nova janela)« einen Mietenstopp für eine Million Wohnungen durch und erzielte einen 2,1-Millionen-Dollar-Vergleich mit einem kriminellen Großvermieter. Mamdani zeigt, wenn der politische Wille da ist, kollabieren die "Sachzwänge" der Immobilienlobby.
"Mir wurde gesagt, dies sei der richtige Anlass, um Erwartungen herunterzuschrauben. Ich solle die Gelegenheit nutzen, um den Menschen in New York zu sagen, dass sie nur wenig verlangen können und noch weniger zu erwarten haben. Aber das werde ich nicht tun."
(Zohran Mamdani, Antrittsrede)

Universelle Versorgung als taktischer Brückenkopf
Mamdani hat verstanden, dass soziale Sicherheit keine Gnade, sondern ein Recht ist. In einem harten Ringen mit Gouverneurin Kathy Hochul (Abre numa nova janela) rang er ihr 1,2 Milliarden Dollar für den Ausbau der Kinderbetreuung ab. Dieser Kompromiss ist kein Verrat an den Idealen, sondern ein taktischer Brückenkopf. Mit dem Programm »2-Care (Abre numa nova janela)« für Zweijährige schafft er universelle Leistungen, die nicht an Bedürftigkeitsprüfungen geknüpft sind.
Indem alle profitieren, entzieht er der rechten Erzählung vom "Sozialschmarotzertum" die Grundlage. Er macht aus Sozialpolitik eine infrastrukturelle Selbstverständlichkeit. Dass die Stadtverwaltung zudem proaktiv Eltern über ihre Ansprüche informiert, statt sie in bürokratischen Hürdenläufen verzweifeln zu lassen, markiert den Bruch mit der alten Almosenpolitik.

Effizienz als linke Waffe
— Den Berater-Sumpf austrocknen
Nichts entlarvt neoliberale Inkompetenz besser als die Verschwendung öffentlicher Gelder an Beratungsfirmen. Während Council-Sprecherin Julie Menin, selbst Tochter eines Immobilienmilliardärs, Mamdani mangelnde Finanzkompetenz unterstellt, beweist dieser echte Haushaltsdisziplin. Durch die Kündigung überflüssiger McKinsey (Abre numa nova janela)-Verträge sparte er der Stadt sofort 9 Millionen Dollar.
Erinnern wir uns: Unter Adams kassierte McKinsey 1,6 Millionen Dollar für das Design einer Mülltonne, die am Ende exakt wie eine gewöhnliche Mülltonne aussah.

Mamdanis Strategie des "Insourcing" gewinnt staatliche Souveränität zurück. Er zeigt, dass Privatisierung den Staat nicht effizienter, sondern unfähiger und teurer macht.
Effizienz ist in seinen Augen kein Vorwand für Kürzungen, sondern das Austrocknen des Sumpfes, in dem sich Beratercliquen auf Kosten der Allgemeinheit bereichern.

»Movement, not a moment«
— Die Stadt als Organisator
Ein sozialistischer Bürgermeister ist nur so stark wie die Bewegung auf der Straße. Mit dem »Office of Mass Engagement (Abre numa nova janela)« hat Mamdani die Verwaltung in ein Werkzeug des Organizing verwandelt. Die Stadt verwaltet Bürger nicht nur, sie befähigt sie, ihre Interessen kollektiv zu verteidigen.
Diese Politik ist physisch greifbar. Während der Winterstürme zahlte die Stadt Helfern 30 Dollar pro Stunde für das Schneeschaufeln, eine direkte Umverteilung städtischer Mittel in die Taschen der Arbeiterklasse statt in die Bilanzen von Subunternehmern. Mit 100.000 geschlossenen Schlaglöchern in 100 Tagen beweist er, dass ein sozialistisches Rathaus schlicht besser funktioniert.

Standhaftigkeit gegen den rechten Kulturkampf
Die Murdoch-Presse (New York Post) und die transatlantische Rechte schäumen, doch Mamdani knickt nicht ein. Mit der »Executive Order 13 (Abre numa nova janela)« machte er New York zur echten "Sanctuary City" und verbot ICE-Abschiebebehörden den Zutritt zu städtischen Gebäuden ohne richterlichen Beschluss.

Besonders beeindruckend ist seine moralische Integrität im Angesicht reflexhafter Antisemitismus-Vorwürfe wegen seiner Palästina-Solidarität.
Mamdani lässt sich nicht spalten. Er weiß, dass die jüdische Gemeinde kein Monolith ist und sein Kurs von einer wachsenden jüdischen Linken ("Seder in the Streets") mitgetragen wird. Mit der Ernennung von Taylor Brown (Abre numa nova janela), einer Transgender-Frau, zur Leiterin einer städtischen Behörde, setzt er zudem ein unmissverständliches Zeichen gegen den reaktionären Kulturkampf der Rechten.
Was Deutschland von Mamdani lernen muss
Der Erfolg in New York entlarvt die "pragmatische Lähmung" der SPD, sowie auch Teile der Linken in Deutschland als das, was sie ist: Mutlosigkeit.
Während eine CDU-Wirtschaftsministerin wie Katherina Reiche 2 Millionen Euro für Outsourcing-Berater aus dem Fenster wirft, müssen wir eigentlich den Spieß der Effizienz umdrehen.
Wir brauchen:
• Radikales Insourcing: Schluss mit dem Berater-Sumpf in deutschen Ministerien. Jede Million, die nicht an McKinsey fließt, gehört in die Sanierung unserer Schulen.
• Kommunale Organizing-Büros: Stadtverwaltungen dürfen keine reinen Behörden sein. Sie müssen Mieter und Arbeitnehmer aktiv gegen Konzerne organisieren.
• Machtbesetzung statt Konsenssuche: Wir müssen Gremien wie Mietpreisbremsen-Ausschüsse mit Aktivisten besetzen, die bereit sind, die Eigentumsfrage zu stellen, statt den sozialen Frieden mit Immobilienhaien zu verwalten.

Der Funke aus New York
Zohran Mamdanis erste 100 Tage sind die lebende Widerlegung des "There is no alternative (Abre numa nova janela)”. Er hat ein Defizit von 12 Milliarden Dollar vorgefunden und es durch den Stopp von Beraterverträgen und den Druck auf die Reichen angegangen, ohne bei den Armen zu kürzen. Er hat bewiesen, dass man im Herzen des Kapitalismus gewinnen kann, wenn man die Machtfrage stellt.
Mamdani ist kein Zufall, er ist ein Signal.
Wenn ein Sozialist in New York die Regeln bricht und dabei die höchsten Zustimmungswerte seit Jahrzehnten einfährt – was hält uns in Deutschland eigentlich noch auf?
Es ist Zeit für Macht statt Ausreden.

City of New York (Office of the Mayor):
Mayor Mamdani Takes Bold, Unapologetic Actions to Protect New Yorkers (Abre numa nova janela).
New York City Rent Guidelines Board:
Annual Report on Rent Stabilized Apartment Increases & Tenant Protection Strategy 2026 (Abre numa nova janela).
The New York Times:
Mamdani’s First 100 Days: A Radical Shift in Gracie Mansion (Abre numa nova janela).
AP News: In his 100 days, Mamdani brings a unique star power to New York (Abre numa nova janela).
taz (die tageszeitung):
Zwischenbilanz: Der rote Besen von New York (Abre numa nova janela).
Jacobin Magazin:
Gegen Berater-Sumpf und Haushaltslügen: Mamdanis Effizienz-Offensive (Abre numa nova janela).
Rosa-Luxemburg-Stiftung:
100 Tage Mayor Mamdani: Eine positive Zwischenbilanz für die globale Linke (Abre numa nova janela).
(Abre numa nova janela)
(Abre numa nova janela)