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    <title>Queerer Kanon?</title>
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    <description>Von Proust bis Preciado: Begleitet uns auf unserer Reise durch queere Literaturgeschichte(n).</description>
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      <title>Queerer Kanon?</title>
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      <title><![CDATA[“Und Jetzt Queer! Lesen jenseits der Norm” erscheint]]></title>
      <description><![CDATA[Im März erscheint unser erstes gemeinsames Buch, das wir mit Bianca-Maria Braunshofer geschrieben haben. "Und Jetzt Queer! ist ein Streifzug durch die queere Literatur.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Im letzten Jahr gab es keine reguläre Ausgabe unseres Newsletters. Den Grund dafür können wir jetzt verraten: Wir haben gemeinsam mit Bianca-Maria Braunshofer, Co-Gründerin der Wiener queer-feministischen Buchhandlung <a href="https://www.o-books.at/">o*books</a> ein Buch über queere Literatur geschrieben, das am 03. März im Leykam Verlag erscheinen wird.</p><p>Es heißt <a href="https://www.leykamverlag.at/produkt/und-jetzt-queer/"><em>Und Jetzt Queer! Lesen jenseits der Norm</em></a> und ist ein Streifzug durch die queere Literatur. Darin beschäftigen wir uns unter anderem mit der Frage, was queere Literatur eigentlich ist, werfen einen Blick auf die queere Literaturgeschichte und stellen einige Klassiker vor, zeigen auf, welche Genres besonders wichtig sind, welche Rolle queere Verlage spielen und in der Vergangenheit gespielt haben und fragen, wie queere Literatur in der Schule vermittelt wird.</p><p><em>Und Jetzt Queer! </em>soll vor allem eine Einladung sein, über queere Literatur ins Gespräch zu kommen. Denn eine ihrer größten Stärken ist ihre Vielfalt. Wir hoffen, dass weitere Bücher, Texte, Veröffentlichungen etc. anderer Autor*innen folgen werden und freuen uns sehr auf den Austausch mit allen, die an queerer Literatur interessiert sind.</p><p>Dieser Austausch kann vielerlei Formen haben: Über E-Mails, Social Media, Gespräche, Lesungen, Panels, Diskussionen etc. Wenn ihr Lust darauf habt, schreibt uns, kommt zu unseren Buchpremieren in Berlin (14.03.) und Wien (28.03.), ladet uns ein, bei euch zu lesen oder mit euch zu diskutieren (wir sind sowohl einzeln als auch zusammen unterwegs). </p><p>Wir sind offen für jede Form und jeden Ort, ob Solidaritäts-Lesung, Schulbesuch, Panels oder Festivals, denn queere Literatur und queere Menschen gab und gibt es überall. Gleiches gilt selbstverständlich für Interviews, (Gast-)Artikel, Beiträge, Podcasts etc. </p><p>Wendet euch für Feedback, Anfragen, Rezensionsexemplare und Ideen entweder via Mail an Tobi (<a href="mailto:tobiasschiller.st@gmail.com">tobiasschiller.st@gmail.com</a>) oder an den Leykam Verlag. Weitere Infos zum Buch findet ihr <a href="https://www.leykamverlag.at/produkt/und-jetzt-queer/">hier</a>. </p><p>Im April wird es dann wieder eine reguläre Ausgabe des <em>Queeren Kanon?</em> geben.</p><p>Vielen Dank und auf bald,</p><p>Tobi &amp; Marlon</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/4c14c403-8e31-49c8-bbcc-a59609b54df3/uploads/images/ntkiq5al7x/Und-jetzt-queer_Cover_FINAL-1.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p> </p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Newsletter]]></category>
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      <pubDate>Sun, 22 Feb 2026 16:24:12 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Zwischen Utopie und Vergänglichkeit: Fire Island in der queeren…]]></title>
      <description><![CDATA[Das vor der US-Ostküste gelegene Fire Island prägt seit Jahrzehnten die queere Kultur der USA. Auch zahlreiche Autor*innen schrieben über den flüchtigen Sehnsuchtsort. ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Zwischen Utopie und Vergänglichkeit: Fire Island in der queeren Literatur</h1><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/ebc8c805-3454-4286-a8d3-6a28521a4bd5/uploads/images/4igwog4d6u/Fire_Island.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Vor der Küste Long Islands, den Launen des Atlantiks ausgesetzt, liegt eine schmale, langgezogene Sandbank, die wohl am treffendsten als eine Art Xanadu des queeren Amerikas bezeichnet werden kann. Die Rede ist von Fire Island. Einer schwullesbischen Utopie an der Grenze des Kontinents, in der sich zu gleichen Teilen Trugbild und Heterotopie destillieren und deren Name zutiefst mit Sonne, normschönen Körpern, Discomusik und enthusiastischem Cruising verbunden ist. </p><p>Fire Island nimmt einen besonderen Platz in der queeren Kultur der USA ein. Irgendwo zwischen mythischer Überhöhung und neoliberal geprägter Realität. Spätestens seit den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat sich die Insel den Ruf eines hedonistischen Paradieses für vorwiegend schwule Männer erworben. Dabei handelt es sich streng genommen nicht um die ganze Sandbank. Denn Fire Island beherbergt auch ruhigere Gemeinden, in denen etwa heterosexuelle Familien und einige Künstler*innen ihre Sommer verbringen.</p><p>Wenn über das Eiland gesprochen wird, sind vor allem die beiden Gemeinden Cherry Grove und Fire Island Pines gemeint, die in unmittelbarer Nachbarschaft liegen und nur von einem Pinienwald getrennt sind. Letzterer erfreut sich tags wie nachts großer Beliebtheit unter Cruisenden und trägt den vielsagenden Beinamen <em>Meat Rack </em>(etwa &#39;Fleischregal&#39; / &#39;Fleischtrog&#39;). </p><p>Im Sommer beherbergen Cherry Grove und Fire Island Pines zahlreiche wohlhabende queere New Yorker*innen, deren Inselleben zwischen Strand, privaten Parties in großzügigen Ferienhäusern, Tea Dances in den Bars und Clubs, Disconächten und Meat-Rack-Besuchen oszilliert.</p><p>Doch schon lange bevor die Sandbank ihren heutigen Status als Mekka der schwullesbischen New Yoker Mittelklasse erlangte, gastierten dort queere Autor*innen und Künstler*innen, wie Jack Parlett in seiner 2022 erschienenen Literatur- und Kulturgeschichte <a href="https://granta.com/products/fire-island/"><em>Fire Island: Love, Loss and Liberation in an American Paradise</em></a>  schildert. </p><p>So verbrachte etwa das Maler*innenehepaar Margaret Hoening French und Jared French von 1937 an seine Sommer auf der Insel. Begleitet wurden sie von Paul Cadmus, ebenfalls Maler und Jared Frenchs Liebhaber. Neben einer ganzen Reihe an Gemälden schufen sie ein beeindruckendes fotografisches Werk, das unter dem gemeinsamen Decknamen <a href="https://www.metmuseum.org/art/collection/search/264344"><em>PaJaMa</em></a> veröffentlicht wurde.</p><p>In den 1940ern erkoren die Dichter W. H. Auden, Stephen Spender und Tania Stern Cherry Grove zu ihrer Sommerresidenz und empfingen dort unter anderem Christopher Isherwood. Auden störte sich jedoch zunehmend an der schwulen Freikörperkultur, die am Strand von Cherry Grove ausgelebt wurde. Er fühlte sich durch den offensiv praktizierten Körperkult an die faschistische Körperideologie der Nationalsozialisten erinnert. Im Jahr 1948 beschrieb er die Insel in seinem Gedicht  <em>Pleasure Island</em>: </p><p><em>The sunset happens, the bar is copious / With fervent life that hopes / To make sense / but down the beach some / decaying / Spirit shambles away / Kicking idly at driftwood and dead shellfish / And excusing itself / to itself</em></p><p>(Ausschnitt aus W. H. Auden, <em>Pleasure Island</em> (1948))</p><p>1959, als Cherry Grove bereits im Begriff war, sich zu einem beliebten Treffpunkt für schwule und lesbische Gäste zu entwickeln, fand sich James Baldwin in der Gemeinde ein, um in Ruhe an seinem Roman <em>Another Country</em> (1962) zu arbeiten. Sechs Jahre später kehrte er zurück und traf durch Zufall auf den bekannten schwulen Dichter Frank O&#39;Hara, mit dem er fortan im Austausch stand.</p><p>O&#39;Hara reiste seit Mitte der 50er-Jahre regelmäßig auf die Insel und widmete ihr sein Gedicht <a href="https://www.ronnowpoetry.com/contents/ohara/TrueAccount.html"><em>A True Account of Talking to the Sun at Fire Island</em></a><em> </em>(1958). 1966, ein Jahr nach dem Treffen mit Baldwin, wurde O&#39;Hara nach einem Baraufenthalt in Fire Island Pines von einem Strandtaxi erfasst und starb im Alter von 40 Jahren.</p><p>Wenig später wurden Cherry Grove und Fire Island Pines zu dem (Sehnsuchts-)Ort, der durch unzählige popkulturelle Repräsentationen das Bild der meisten von Fire Island bestimmt. In Clubs wie dem <em>Sandpiper</em> und dem <em>Ice Palace</em> wurde die <a href="https://www.mixcloud.com/pinewalkcollection/stream/">Disco-Musik revolutioniert</a>; die Tea Dances, die nachmittags begannen und von viktorianischen Teezeremonien inspiriert waren, wurden zur Tradition und das Image eines Paradieses des zügellosen queeren Hedonismus verfestigte sich. Beschrieben unter anderem von George Whitmore, dessen Ich-Erzähler (und Alter Ego) Danny Slocum das Treiben wie folgt zusammenfasst: </p><p><em>It was disco, disco, disco - morning, noon, and through the sleepless night. As my dancing friend often says, disco should stay </em>in <em>the disco not be allowed to follow us into &#39;real life&#39;. </em>(George Whitmore, <em>The Confessions of Danny Slocum</em> (1980))</p><p>Diese Hochzeit Fire Islands, die in etwa mit den <em>Stonewall Riots</em> (1969) begann und Anfang der 1980er Jahre endete, wurde von zahlreichen Schriftsteller*innen literarisch eingefangen. Unter ihnen Larry Kramer, Edmund White und Felice Picano. Eine besondere Rolle nimmt dabei Andrew Hollerans Romandebüt <em>Dancer from the Dance </em>(1978) ein, das betörende Beschwörung und Schwanengesang zugleich ist. Hollerans poetische wie wehmütige Prosa durchzieht bereits ein Hauch der Vergänglichkeit, der das jähe Ende des sorglosen Lebens vorwegzunehmen scheint.</p><p>Denn mit dem Aufkommen von HIV und AIDS in den frühen 1980er-Jahren legten sich Trauer und Schwermut wie ein Wolkenschleier über Cherry Grove und Fire Island Pines. Zahlreiche Stammgäste verschwanden, die Körper der Strandschönheiten wurden kritisch beäugt. Wer zu schlank war, galt als krank. Einige ließen nach ihrem Tod ihre Asche von Freund*innen am Strand verstreuen, um so Teil der Dünen und Pinienwälder zu werden, in denen sie ihre Sommer verbrachten. </p><p>Die damalige Alltäglichkeit des Todes auf Fire Island spiegelt sich beispielsweise in David Barnetts 1991 veröffentlichter Kurzgeschichte <em>The </em>Times<em> as It Knows Us </em>wider. Darin diskutieren sieben Bewohner eines Ferienhauses einen Artikel sowie Nachrufe auf an AIDS Verstorbene in der <em>New York Times</em> und ergänzen diese um Details, die von der Times ausgelassen wurden, etwa die Todesursache der Verstorbenen.</p><p>Zu dieser Zeit kamen zunehmend mehr lesbische Frauen und Paare auf die Insel. Zwar urlaubten auch vorher schon Lesben auf Fire Island, etwa Patricia Highsmith, Jane Bowles und Carson McCullers, die 1950 Cherry Grove besuchten. Die Zahl der schwulen Sommerfrischler war aber ungleich höher. Viele der neu Hinzugezogenen kümmerten sich um ihre an AIDS erkrankten Freunde, wie Parker Sargent in seinem Film<em> </em><a href="http://www.parkersargent.com/girls.html"><em>Grove Girls</em></a> (2019) dokumentiert.</p><p>Auch die fehlende Diversität in Cherry Grove und Fire Island Pines, die seit Langem von Schwarzen queeren Aktivist*innen kritisiert wurde, fand in den Achtzigern immer stärker literarisch Ausdruck. So bezeichnete Joseph Beam, ein enger Freund <a href="https://steadyhq.com/de/queerer-kanon/posts/6a706f83-26b8-4be6-8911-ee79a3e5ff79">Essex Hemphills</a>, das schwule weiße Bürgertum der Ostküste als &quot;the incestuous literatti of Manhattan and Fire Island&quot; (1986). Eine Kritik, die sich zwei Jahrzehnte später auch in Michael R. Jacksons mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneten Musical <em>A Strange Loop </em>(2019)<em> </em>wiederfindet. Jacksons Erzähler empfindet sich zwischen all den normschönen Strandflaneuren als &quot;too fat and Black to live at all.&quot;</p><p>Mit der Entwicklung erster antiviraler Therapien Ende der 90er sowie der Verfügbarkeit von PrEP ab den späten 2010er-Jahren, wurde Fire Island wieder  zu einem Zentrum ausgelassenen queeren Lebens. Vielleicht noch stärker als zuvor wurde jedoch sichtbar, dass dieser Ort nicht allen offen steht. Die Preise für Unterkünfte stiegen stark an, die Glorifizierung athletischer Körper scheint nach wie vor in vollem Gang und eine stärkere Diversität nur in langsamer Entwicklung begriffen.</p><p>All diese Dynamiken thematisieren auch Joel Kim Booster und Andrew Ahn in <em>Fire Island</em> (2022), ihrer queeren Filmadaption des Jane-Austen-Klassikers <em>Stolz und Vorurteil</em>. Darin besucht der von Kim Booster gespielte Protagonist Noah, ein attraktiver asiatisch-amerikanischer Anfangdreißiger, gemeinsam mit seinen Freund*innen ein letztes Mal die Insel, bevor das Haus ihrer Gastgeberin verkauft wird. Auf dem Weg zu einer Privatparty kommentiert er süffisant aus dem Off: </p><p><em>&quot;A lot of people think you have to be successful, white and rich, with 7 percent body fat to vacation on Fire Island.&quot;   </em></p><p>Doch auch Ahn und Kim Booster verzichten schlussendlich nicht darauf, ihre Kamera bewundernd an den gestählten Körpern ihres Ensembles entlanggleiten zu lassen. Denn Noah verfügt zwar über begrenzte finanzielle Mittel und beeindruckende Bücherstapel (auf denen sich unter anderem Austen und Jeremy Atherton Lins<a href="https://steadyhq.com/de/queerer-kanon/posts/429ba00d-e25a-4049-b80f-cb510c6b7020"> <em>Gay Bar</em></a><em> </em>befinden), sieht aber aus wie ein Abercrombie-&amp;-Fitch-Model. Sein Love Interest ist indes ein wohlhabender NGO-Anwalt, der sowohl einen muskulösen Körper als auch einen ausgewählten Literaturgeschmack aufbietet und sich jederzeit zu Diskussionen über Alice Munro hinreißen lässt. </p><p>Die Attraktivität Fire Islands als (literarischer) Topos und (Handlungs-)Ort scheint indes ungebrochen. Die Kombination aus (vermeintlichem) queerem Paradies, freier Sexualität und Natur wirkt insbesondere vor dem Hintergrund der immer rigideren, queerphoben Gesetzgebung in einer Vielzahl US-amerikanischer Staaten mitunter wie ein Paralleluniversum. Doch kein Paradies ist von Dauer. Erst recht nicht, wenn es auf Sand gebaut ist. Klimawandel und Gentrifizierung bedrohen das prekär gelegene Eiland. Wahrscheinlich ist es gerade diese Vergänglichkeit, die die Anziehungskraft jenes Königreichs aus Sand ausmacht. (Tobi)</p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Essays]]></category>
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      <pubDate>Sun, 03 Aug 2025 11:19:50 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Queerer Kanon #15]]></title>
      <description><![CDATA[Warum das Label "Queere Literatur"? Ein Blick auf aktuelle Erscheinungen von Can Mayaoglu, Evan Tepest und Ricardo Domeneck und eine Würdigung des Autors Gary Indiana.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Liebe Leser*innen</h1><p>die erste Ausgabe unseres Newsletters in diesem Jahr hat ein wenig länger gebraucht, als geplant. Wir bitten dies zu entschuldigen. Ab sofort erscheint der <em>Queere Kanon? </em>wieder in einem engeren Rhythmus.</p><p>Mit Blick auf den Veröffentlichungskalender befinden wir uns derzeit noch in der Frühjahrssaison, die mit einer großen Vielfalt queerer Titel aufwartet. Von Luca Mael Milschs Debütroman <a href="https://www.haymonverlag.at/produkt/sieben-sekunden-luft/"><em>Sieben Sekunden Luft</em></a>, über Adam Mars-Jones 70er-Jahre BDSM-Novelle <a href="https://www.albino-verlag.de/produkt/box-hill"><em>Box Hill</em></a><em>,</em> bis hin zu Chukwuebuka Ibehs <a href="https://www.fischerverlage.de/autor/chukwuebuka-ibeh-1020436"><em>Wünschen</em></a><em> </em>und Isabel Waidners <a href="https://www.dumont-buchverlag.de/buch/isabel-waidner-vielleicht-ging-es-immer-darum-dass-wir-feuer-spucken-9783755810070-t-5921"><em>Vielleicht ging es immer darum, dass wir Feuer spucken</em></a><em>.</em></p><p>Die Anzahl und inhaltliche wie formale und stilistische Vielfalt der Titel kann auch als erfreuliche Reaktion auf Kim de l’Horizons Deutscher-Buchpreis-Gewinner <em>Blutbuch </em>(2022) gewertet werden. Umso größer ist die Hoffnung, dass es sich hierbei nicht um einen Trend, sondern um eine dauerhaftere Entwicklung handelt.</p><p>Neben drei aktuellen Titeln widmen wir uns in dieser Ausgabe mit Gary Indiana auch einem queeren Klassiker, der in Deutschland bisher nur am Rande entdeckt wurde. Zudem setzen wir uns mit dem Label “Queere Literatur” auseinander und der Frage, ob es notwendig ist.</p><p>In den <em>Queeren Freuden </em>stellen wir einen neuen Podcast vor und <em>In eigener Sache </em>weisen wir auf ein Instagram Live zu queerer italienischer Literatur hin, in dem Marlon Frage und Antwort stehen wird.</p><p>Wie immer freuen wir uns auf euer Feedback, eure Fragen, Vorschläge und Kommentare.</p><p>Tobi &amp; Marlon</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Status Queer Vadis: Warum <em>Queere Literatur</em>?</h2><p>Braucht es wirklich das Label „Queere Literatur“? Handelt es sich bei diesem (vermeintlichen) Gattungsbegriff nicht wieder um eine dieser Zuschreibungen, denen sich das Queere eigentlich qua Definition entzieht?</p><p>Diese Frage ist keineswegs neu. Vermutlich setzen sich alle, die sich in irgendeiner Form mit queerer Literatur beschäftigen, damit auseinander. Ist der Akt der Benennung nicht auch zwangsläufig ein Prozess der Eingrenzung? „Ist queere Literatur nicht einfach Literatur?“, wurden Marlon und ich etwa vor kurzem vom <a href="https://www.literaturmagazin-bremen.de/beitraege/queerer-kanon"><em>Literaturmagazin Bremen</em></a><em> </em>gefragt. </p><p>In eine ähnliche Richtung ging eine Frage, die mir die Moderatorin Andrea Gerk im Rahmen eines <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/kanon-fuer-queere-literatur-dlf-kultur-bdf78895-100.html">Radiointerviews</a> mit <em>Deutschlandfunk Kultur</em> stellte. Sie wollte wissen, ob unser Newsletter, der sich ja auf die Fahnen schreibe, Festschreibungen zu hinterfragen bzw. aufzubrechen, mit seinem Fokus auf queerer Literatur nicht wieder Festschreibungen produziere?</p><p>Zunächst einmal handelt es sich hierbei um legitime Fragen, denn natürlich ist queere Literatur vor allem erst einmal eines: Literatur. Die Tatsache, dass diese Fragen gestellt werden, zeugt von der Relevanz des Labels „Queere Literatur“. Es irritiert, wird womöglich als Mode angesehen, scheint zunächst nicht greifbar – und entspricht damit der Queerness, die es im Titel trägt.</p><p>Wenn es doch schon Literatur gibt, wozu braucht es dann „Queere Literatur“? Eine Antwort liegt in der Unmöglichkeit eines singulären Literaturbegriffs. Zwar ist „Literatur“ als Begriff für eine Art Gesamtheit gedacht. Die Art und Weise, wie er im kulturpolitischen Diskurs in Deutschland verwendet wird, spiegelt jedoch (ungleiche) gesellschaftliche Machtverhältnisse wider. Und in diesen ist Queerness nach wie vor marginalisiert.</p><p>Das Label „Queere Literatur“ ist dementsprechend nicht einfach eine Mode, keine Gattung, kein Genre. Es ist ein Begriff-gewordener Emanzipationsprozess. Eine Art Leuchtturm, dessen Licht auf das fällt, was es seit Beginn der Literatur(en) gibt: Queeres Schreiben.</p><p>„Queere Literatur“ irritiert auch deswegen, weil es sich zwar vermeintlich um ein Label handelt, sich gleichzeitig aber nicht einordnen lässt. Es passt in keinen Schrank. Denn queere Texte gibt es in allen Gattungen, Genres, Sprachen und Formen. Ob in der Kinder- und Jugendliteratur, im Krimi- und Thriller-Segment, der Fantasy oder dem Sachbuch.</p><p>Diese Tatsache macht die queere Literatur auf ihre Art intersektional und fluide. Sie durchzieht alle Genres und Gattungen und verfügt gleichzeitig über eigene Referenzen, Tropen, Themen und Stile. Ihr Korpus ist offen, überlappt mit anderen Korpora; sie weiß um die Notwendigkeit von Codes, die Zensur und das Spiel mit Auslassungen und Mehrdeutigkeiten.</p><p>„Queere Literatur“ ist demzufolge keine Festschreibung. Sie ist sowohl existenzielle Notwendigkeit als auch eine Einladung zur Auseinandersetzung mit Texten, denen die Literarizität mitunter abgesprochen wurde, deren Platz im Korpus der Literatur keineswegs selbstverständlich oder gar sicher ist.</p><p>Und sie ist irritierend. Sie provoziert Fragen, macht damit die Grenzen vorherrschender Literaturbegriffe in Kritik und kulturellem Mainstream sichtbar und regt im besten Fall zu einem offeneren Diskurs an. So ist die Frage, ob es das Label „Queere Literatur“ denn braucht, fast schon rhetorisch zu nennen. Die einzig mögliche Antwort ist ein lautes „Ja!“ (Tobi)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Out &amp; Proud: Aktuelles &amp; Neuerscheinungen</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/71b8c7c6-90d7-450e-b189-dd779234fac5/uploads/images/as6gy2nclz/Design_ohne_Titel_(33).png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><a href="https://www.albino-verlag.de/produkt/nadia">Cam Mayaoglu: <em>Nadia</em></a></h3><p><em>Nadia</em> ist der Debütroman der Hamburger Schriftstellerin Cam Mayaoglu. Der Künstlerinnenroman erzählt von Trauer und Verlust, Identität, lesbischem Begehren und davon, was Kunst zu bewegen vermag.</p><p>Die titelgebende Protagonistin kehrt nach Jahren in ihre alte Heimat Hamburg zurück. Lange Zeit ist sie umhergereist, um ihre Installation STIP in den verschiedensten Museen der Welt auszustellen. In den Deichtorhallen soll diese Reise nun passenderweise einen Abschluss finden, gäbe es STIP doch nicht ohne die schrecklichen Ereignisse, die sich hier in der Vergangenheit in Nadias Leben ereignet haben: das spurlose Verschwinden ihrer jüngsten Schwester Dilhan.</p><p>Stets auf Reisen, stets in Bewegung – und doch steht Nadia still. Das trifft auch auf ihre Zeit in Hamburg zu, lässt sie sich doch von einer ruppigen Taxifahrerin als ihre private Chauffeurin durch die Stadt kutschieren. Dabei wird sie wie der Erzähler aus Prousts <em>Auf der Suche nach der verlorenen Zeit</em> – ein Werk, auf das der Text immer wieder ganz bewusst verweist – unwillentlich von Erinnerungen an ihre Schwester, aber auch an ihre große Liebe Rahel heimgesucht. Wie Nadia liest man als Leser*in den Text mit einem ständigen Blick in den Rückspiegel, die wichtigen Ereignisse spielen sich in der Vergangenheit ab.</p><p><em>Nadia</em> ist ein Roman mit eigenem Sound – und das in mehrerlei Hinsicht. Dem Text vorangestellt ist eine Kapitelübersicht, jedem der insgesamt 21 Kapitel ist ein Lied mitsamt Songzeile zugeordnet. Auch Nadias Installation STIP besteht aus verschiedenen Etappen. Ein multimediales Spiel aus Raum und Zeit mit eigenem Soundtrack.</p><p>Dass die Playlist des Romans per QR-Code ganz einfach aufgerufen werden kann, ist nicht unbedingt neu. Was sie im Kontext des Romans jedoch so spannend macht, ist, dass der Text durch die verschiedenen Referenzen und den Soundtrack versucht, den multimedialen Charakter der Installation zu imitieren. </p><p>Die Referenzen des Romans reichen von Proust, über <em>Interpol</em> bis hin zu <em>Interstellar</em>. In diesem Sinn ist <em>Nadia</em> auch ein Anschreiben gegen die Grenzen zwischen Hoch- und Unterhaltungskultur und auch sprachlich schwankt der Text zwischen Literatur und Alltagssound. Künstlerische Institutionen und Normen, die scheinbare Dichotomie zwischen persönlichen Erfahrungen und Theorie – wie auch ihre Protagonistin hat Can Mayaoglu mit all diesen Dingen recht wenig am Hut.</p><p>Nadia ist eine Protagonistin, die sich in einem ständigen Kampf befindet – mit ihrer Umwelt, mit sich selbst und ihren Erinnerungen. Interpretiert wurde dieser Aspekt unter anderem auch als Künstlerin als Genie. Das mag auf den ersten Blick stimmen, lässt einige wichtige Aspekte außer Acht. Denn zum einem thematisiert Mayaoglu mit ihrer Protagonistin weibliche Wut, zum anderen heben Nadias Verhalten und die Reaktionen ihrer Freund*innen eine sehr menschliche Komponente hervor: Empathie und die Fähigkeit zu verzeihen.</p><p>Mit <em>Nadia</em> hat Can Mayaoglu ein sperriges Debüt vorgelegt, das nicht allen gefallen kann oder gefallen will. <em>Nadia</em> ist so frustrierend und menschlich wie seine Protagonistin – und gerade auch deswegen umso eindringlicher. (Marlon)</p><hr aria-hidden="true"/><h3><a href="https://www.piper.de/buecher/schreib-den-namen-deiner-mutter-isbn-978-3-492-07271-7">Evan Tepest: <em>Schreib den Namen deiner Mutter</em></a></h3><p>Fast genau ein Jahr nach Veröffentlichung seines viel beachteten Essay-Bands <a href="https://www.maerzverlag.de/shop/buecher/literatur/power-bottom/"><em>Power Bottom</em></a> erscheint nun Evan Tepests Debütroman <a href="https://www.piper.de/buecher/schreib-den-namen-deiner-mutter-isbn-978-3-492-07271-7"><em>Schreib den Namen deiner Mutter</em></a>. Darin begleiten wir die Hauptfigur Alex auf einem Familienbesuch im Rheinland. Auslöser ist der Tod des Großvaters, der sich bereits vor Jahrzehnten von der Familie gelöst hatte und wohl das war, was man in seiner Jugend nachsichtig als Hallodri, aus heutiger Sicht aber wohl eher als toxisch bezeichnen würde.</p><p>Vor Ort trifft Alex auf die etwas überspannte Mutter, eine Polizistin, die mit ihrem Mann in einer Kleinstadtvilla wohnt und ihre eigenen Routinen pflegt. Das Verhältnis der beiden ist angestrengt, geprägt von Auslassungen, Geschehnissen aus der Vergangenheit, über die nicht gesprochen wird. Es sind genau diese Leerstellen, über die Alex seit längerem versucht, einen Essay für ein Kunstprojekt zu schreiben, das den Namen des Romans trägt. Doch so richtig will sich der Schreibfluss nicht einstellen.</p><p>Der Besuch in der Heimat wird einige Wochen dauern und Alex auf frühere Wegbegleiter*innen treffen, eine alte Affäre neu aufflammen lassen und versuchen, Dinge sagbar zu machen, die so lange verschwiegen wurden, dass sie sich der Sprachlichkeit zu entziehen scheinen. Gleichzeitig scheint gerade das flache Land nahe der holländischen Grenze samt der vielen Erinnerungen vieles in Alex in Bewegung zu setzen.</p><p><em>Schreib den Namen deiner Mutter</em> gelingt das Kunststück, temporeich zu unterhalten und dabei viele spezifisch queere Aspekte zu thematisieren, ohne jemals verkopft zu wirken. Einige der Themen aus <em>Power Bottom</em> hallen in Tepests erstem Roman nach, etwa die Schwierigkeit, sich als queere Person auf Heimatbesuch nicht selbst abhanden zu kommen, die Anziehungskraft des Katholizismus und die Referenzen auf queere Kultur und Geschichte. So funktioniert der Text sowohl rein auf Plotebene als auch auf einer Metaebene, auf der verschiedene (queere) Diskurse behandelt werden, bis hin zur Psychoanalyse.</p><p>Tepest erzählt so präzise wie nebenbei von Klassismus, queeren und familiären Traumata, Freundschaft und sexueller und geschlechtlicher Identität. Es ist ein vielstimmiger Roman, der um die produktive Kraft widerstreitender Perspektiven weiß und der auch auf formaler Ebene durch das gekonnte Wechselspiel aus Roman und Essay zu besticht. Grundiert wird das Ganze mit einem angenehm trockenen Witz, der den Text zu einer modernen, queeren Comedy of Manners macht. (Tobi)</p><hr aria-hidden="true"/><h3><a href="https://verlagshaus-berlin.de/programm/koerper-ein-handbuch/">Ricardo Domeneck: <em>Körper: Ein Handbuch</em></a></h3><p>Ricardo Domeneck ist Autor mehrerer Lyrikbände und eines Romans. <em>Körper: Ein Handbuch</em> (aus dem Portugiesischen von Odile Kennel) enthält Gedichte aus den bisherigen Veröffentlichungen, ist allerdings – wie auch Odile Kennel in ihrem Nachwort betont – nicht als Best-of zu verstehen, enthält der Band doch auch Neues und bisher Unveröffentlichtes.</p><p>In seinem deutschsprachigen Debüt deckt der in Brasilien geborene und in Berlin lebende Dichter ein vielfältiges Themenspektrum ab. Domeneck schreibt in seinen Gedichten über das Leben im Exil, Begehren, Sprache, Einsamkeit und Körperlichkeit. Genauso vielfältig wie seine Themen sind auch seine Referenzen, sie erstrecken sich spielerisch über griechische Mythen, wie auch Portishead, Björk und Gertrude Stein.</p><p>Trotz der Themenvielfalt ist es der Körper, der im Zentrum dieser Sammlung von Gedichten steht: der Körper, der Lust empfindet, sich durch die Welt bewegt und mit ihr kommuniziert, der Bedeutungsträger ist und Bedeutung produziert. Eine Kartographie des menschlichen Körpers und der menschlichen Erfahrungen. Mühelos zeigt Domeneck die komplexe Verzahnung dieser Aspekte:</p><p><em>überrascht wie viel von der Welt / mir nicht gehört, wie / komisch (wieder / einmal) zu entdecken /  dass Landwechsel nicht / Körperwechsel bedeutet / und Sprachwechsel / einhergeht mit der / fortwährenden Produktion / des gleichen Speichels.</em></p><p>Und so wird bei Ricardo Domeneck <em>Eine kleine Abhandlung über Körperausscheidungen</em> schnell eine Reflexion über Einsamkeit.</p><p>Domenecks Nachdenken über den Körper ist auch immer ein Nachdenken über Sprache, die hier eine eigene Körperlichkeit und eine eigene Erotik entwickelt:</p><p>„<em>Ich übersetze die Texte des hübschen / Dichters, als glättete ich seine Beine / ermäße erregt seine Muskeln mit / Augen und Fingern, seinen knackigen / Stil, der nur die Erweiterung seines / knackigen Hinterns, die Straffheit / der Metonymien, die Hände auf der Brust / seiner Metapher, das bodenlose „o“ / in „Loch“, das nicht verraten werden will</em>“.</p><p>Und weil der Dichter sein Handwerk versteht, schließen sich Ernst und Humor bei ihm nicht aus.</p><p>Ricardo Domeneck ist das, was man wohl einen <em>poet’s poet</em> nennt, seine Gedichte legen unweigerlich Zeugnis von seiner Leidenschaft für die Sprache und die Lyrik ab. Das heißt aber nicht, dass sie verkopft wären oder nur schwer zugänglich sein, interessiert er sich doch gleichermaßen für Hoch- wie für Unterhaltungskultur.</p><p>‚<em>Körper: Ein Handbuch</em>‘ ist geschrieben von jemanden, der das Leben, die Liebe und die Lyrik in all ihren Facetten liebt. Es ist also wenig verwunderlich, dass dabei Gedichte entstehen, die Freude und Lust bereiten. (Marlon)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Over the Rainbow: Queere Klassiker</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/71b8c7c6-90d7-450e-b189-dd779234fac5/uploads/images/qgopihr5os/Design_ohne_Titel_(32).png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><a href="https://mitpress.mit.edu/9781635901863/do-everything-in-the-dark/">Gary Indiana: <em>Do Everything in the Dark</em></a></h3><p>Gary Indiana ist eine Art schwuler Tausendsassa des amerikanischen Literatur- und Kulturbetriebs. Der 1950 geborene Autor, Journalist, Filmemacher, Schauspieler, Dramatiker, Theaterregisseur und bildende Künstler ist gleichzeitig legendär wie unterschätzt. In den 1970er- und 80er-Jahren war er sowohl Chronist als auch einer der Fixsterne der New Yorker Kunstszene rund um das East Village.</p><p>Als Kunstkritiker schrieb er unter anderem für die <em>Village Voice</em> und zählte den Fotografen Peter Hujar zu seinen Freunden. Als Schauspieler wirkte er in Filmen von Valie Export, Ulrike Ottinger, Christoph Schlingensief und Dieter Schidor mit. Seine Erfahrungen am (chaotisch-psychedelischen) Set von Schidors Film <em>Kalt in Kolumbien </em>(1985) verarbeitete er in seinem Roman <em>Gone Tomorrow</em> (1993).</p><p>Neben seinen Romanen schrieb er Kurzgeschichten, eine Autobiografie, Monografien, Ausstellungskataloge und Filmkritiken. Zu seinen bekanntesten Werken zählt die True-Crime-Trilogie <em>Resentment</em> (1997), <em>Three Month Fever: The Andrew Cunanan Story</em> (1999) und <em>Depraved Indifference </em>(2002), in der er sich unter anderem mit dem Mord an Gianni Versace beschäftigte.</p><p>In Indianas Werk verschmelzen die Grenzen von Fiktion und Realität, Roman und Memoir oft so stark, dass eine klare Trennung weder möglich noch sinnhaft wäre. Ein gutes Beispiel hierfür ist sein im letzten Jahr neu aufgelegtes Werk <em>Do Everything in the Dark</em>, das zuerst 2003 erschien. Angesiedelt im New York des Sommers 2001, handelt es sich bei Indianas Roman um eine Art Vignetten- und Anekdotensammlung, in der eine Vielzahl seiner Freund*innen und Bekannten mal mehr, mal weniger stark anonymisiert, auftreten.</p><p>Am bekanntesten wahrscheinlich Susan Sontag, hier in Gestalt der Figur Tova Finkelstein, einer überaus eitlen, unangenehmen Narzisstin. Aber auch zu dieser Zeit bereits verstorbene Weggefährt*innen und Künstler*innen finden ihren Platz, etwa der bereits erwähnte Peter Hujar, aber auch David Wojnarowicz oder Cookie Mueller. Gerade Letztere ist außerordentlich liebevoll gezeichnet. Denn <em>Do Everything in the Dark</em> ist keineswegs eine Abrechnung des Autors mit seinem privaten Umfeld. Dafür schätzt der Erzähler seine Figuren zu sehr, mögen sie ihm mitunter auch auf die Nerven gehen.  </p><p>Seine Charaktere sind rastlos, dem Alkohol verfallen, sie kämpfen gegen den schwindenden Ruhm und das Gefühl der eigenen Bedeutungslosigkeit. Zu Beginn des neuen Jahrtausends ist wenig von dem geblieben, was ihr Leben einmal ausmachte. Im New Yorker East Village hinterlässt die Gentrifizierung ihre Spuren, viele Freund*innen, Lebensbegleiter*innen, Bekannte und selbst Intimfeinde sind an AIDS gestorben.</p><p>Ihre Geister durchziehen diesen Text, der schlussendlich ein bedrückend schöner, sehr unterhaltsamer Trauergesang auf eine Ära ist und der just am Vorabend es 11. September endet, dem großen Wendepunkt des noch jungen Jahrtausends.</p><p>Man könnte Indiana einen Truman Capote des späten zwanzigsten Jahrhunderts nennen. Als Stilist und Chronist ist er von ähnlich großem Talent, sein Blick seziert mühelos selbst aufwendig aufgebaute Fassaden. Doch dahinter verbirgt sich eine Menschenliebe, die sein Werk durchzieht und die jede Wiederentdeckung wert ist. (Tobi)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Queere Freuden</h2><p><em>Hier möchten wir auf Texte, Posts und andere Formate aus dem queeren Themenkosmos verweisen, die uns in den letzten Wochen beschäftigt haben.</em></p><p>Seit ein paar Jahren wird das Aufkommen von HIV/AIDS und dessen massive Auswirkungen auf die schwulen und queeren Communities wieder stärker beleuchtet und aufgearbeitet. Sowohl literarisch in einer Reihe neuer Erscheinung und der Wiederauflage von Klassikern der HIV-/AIDS-Literatur wie etwa Hervé Guiberts <em>Dem Freud, der mir das Leben nicht gerettet hat</em>, als auch in Filmen und Fernsehserien wie etwa <em>It’s a Sin.</em></p><p>Auch unser Newsletter begann ursprünglich als Instagram-Live-Diskussion über <a href="https://www.instagram.com/p/CUQTFc_g38i/?hl=de">HIV-/AIDS-Literatur</a>. Der bayerische Rundfunk hat nun einen siebenteiligen Podcast veröffentlicht, in dem anhand von Mitgliedern der Münchner queeren Community die Ausbreitung von und der Kampf gegen HIV/AIDS in Deutschland erzählt wird.</p><p>Durch viele O-Töne, historische Einordnungen und die Einbindung der heutigen Lage schafft es der Podcast, die Situation greifbar zu machen. Lobend zu erwähnen ist auch, dass neben schwulen Männern auch trans Frauen zu Wort kommen, die in der Berichterstattung oft vergessen wurden und werden.</p><a href="https://www.br.de/mediathek/podcast/i-will-survive-der-kampf-gegen-die-aids-krise/912">https://www.br.de/mediathek/podcast/i-will-survive-der-kampf-gegen-die-aids-krise/912</a><hr aria-hidden="true"/><h2>In eigener Sache</h2><p>Italien ist in diesem Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse. Zeit also, einen Blick auf die queere Literatur des Landes zu werfen. Am Donnerstag, den 23.05., wird Marlon gemeinsam mit Tim vom Team der Buchmesse im Rahmen eines Instagram Lives über Italien und queere Literatur sprechen. Mehr Informationen findet ihr hier:</p><a href="https://www.instagram.com/p/C7OHNNYM0T0/?utm_source=ig_web_copy_link&amp;igsh=MzRlODBiNWFlZA==">https://www.instagram.com/p/C7OHNNYM0T0/?utm_source=ig_web_copy_link&amp;igsh=MzRlODBiNWFlZA==</a>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Newsletter]]></category>
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      <pubDate>Wed, 22 May 2024 06:19:58 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Something pure to emulate: Essex Hemphill (1957-95)]]></title>
      <description><![CDATA[Essex Hemphill gehört zu den wichtigsten amerikanischen queeren Schwarzen Stimmen der HIV/AIDS-Ära. Ein Blick auf sein Leben und Werk.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/4ce8db04-2c73-4cad-82a4-795c00204c2e/uploads/images/ykpeknb5pe/Essex_Hemphill.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>&quot;It is not enough to tell us that one was a brilliant poet, scientist, educator, or rebel. Whom did he love? It makes a difference. I can&#39;t become a whole man simply on what is fed to me: watered-down versions of Black life in America. I need the ass-splitting truth to be told, so I will have something pure to emulate, a reason to remain loyal.” </em></p><p>Dieser Absatz aus Essex Hemphills Essay <em>Loyalty </em>steht symptomatisch für das Schaffen des 1995 verstorbenen Dichters und Aktivisten. Darin lässt sich Hemphills poetologisches Prinzip erkennen; das Bedürfnis, freimütig Zeugnis abzulegen, aufzuklären, Sichtbarkeit zu schaffen, die Lyrik als Verhandlungsort des Spannungsfelds der Identität(en) zu nutzen. </p><h2><strong>Sexuelles Begehren trifft auf Gesellschaftskritik</strong></h2><p>Hemphills Werk löst konsequent die Grenze zwischen dem Politischen und dem Privaten auf. Es adressiert Homophobie, Rassismus und Klassismus, verbindet sexuelles Begehren mit Gesellschaftskritik, ist explizit und körperlich, konfrontativ und erotisch. Exemplarisch hierfür ist etwa seine Wahl des Begriffs &quot;ass-splitting&quot; als Metapher im obigen Zitat, der eigentlich eine raue Form des Analsex bezeichnet.</p><p>Hemphill wurde 1957 in Chicago geboren und wuchs in Washington D. C. auf, wo er den Großteil seines Lebens verbringen sollte, bevor er sich in Philadelphia niederließ. Die Lyrik bot ihm bereits in seiner Jugend eine Zuflucht vor den ärmlichen Verhältnissen, in denen er aufwuchs und dem Gefühl des Andersseins, das sich aus seinen Erfahrungen als Schwarzer Jugendlicher und seiner aufkeimenden Homosexualität, speiste.  </p><p>Nach einem abgebrochenen Journalismusstudium wurde er Teil der Washingtoner Kunstszene und präsentierte seine <a href="https://www.youtube.com/watch?v=yS4DB7NCMEY&amp;ab_channel=DCArts90s%2FSlumberParty">Spoken-Word-Gedichte</a> unter anderem bei Open-Mic-Nights und auf verschiedenen Kleinkunstbühnen. 1979 gründete er gemeinsam mit Kathy Elaine Anderson das <em>Nethula Journal of Contemporary Literature</em>, das zeitgenössischen Schwarzen Autor*innen eine Plattform bot. Ein Jahr später outete er sich im Rahmen einer Lesung öffentlich als homosexuell.</p><h2><strong>Chronist seiner Zeit</strong></h2><p>Anfang der 1980er-Jahre begann Hemphill eigene Gedichtbände zu veröffentlichen. Größere Aufmerksamkeit bescherte ihm die Publikation einiger seiner Werke in Joseph Fairchild Beams Anthologie <a href="https://www.redbonepress.com/products/in-the-life-ed-by-joseph-beam"><em>In the Life</em></a> (1986), einer als bahnbrechend geltenden Sammlung von Texten Schwarzer, schwuler Autoren. </p><p>Beam, ein enger Freund Audre Lordes, war ein angesehener und einflussreicher Journalist, Aktivist, Autor und Dichter, der wie Hemphill Rassismus, Klassismus und die Homophobie innerhalb Schwarzer Communites anprangerte. Er spielte eine wichtige Rolle in Hemphills Leben und Werk, sowohl als Idol und Mentor als auch als Freund und kurzzeitiger Liebhaber. </p><p>Nachdem Beam 1988 an einer AIDS-bedingten Krankheit starb, widmete Hemphill ihm das Gedicht <em>When My Brother Fell, </em>eine Mischung aus Klagelied und Fanal gegen die Ignoranz der US-amerikanischen Regierung den Erkrankten und Verstorbenen gegenüber.</p><p><em>When my brother fell / I picked up his weapons / and never once questioned / whether I could carry / the weight and grief, / the responsibility he shouldered. / I never questioned / whether I could aim / or be as precise as he. / He had fallen, / and the passing ceremonies / marking his death / did not stop the war</em></p><p>(erste Strophe)</p><p>Mit &quot;sewing quilts&quot; referenziert Hemphill den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/NAMES_Project_AIDS_Memorial_Quilt"><em>AIDS Memorial Quilt</em></a>. Die Kriegsmetaphorik, die das Gedicht prägt, durchzieht sowohl viele seiner Texte über die AIDS-Epidemie als auch den damaligen Diskurs. Sie illustriert den verzweifelten Kampf von Betroffenen und deren Angehörigen um Unterstützung und Anerkennung. </p><h2><strong>Die Auswirkungen der AIDS-Krise in Hemphills Werk</strong></h2><p>Die Auswirkungen von HIV und AIDS auf die queeren und Schwarzen Communities und die damit einhergehende Stigmatisierung und Untätigkeit politischer wie gesellschaftlicher Institutionen, thematisierte der Dichter bereits in seinen Bänden <em>Earth Life </em>(1985) und <em>Conditions </em>(1986). Im Gedicht &quot;Now We Think&quot; adressierte er die Angst, die mit dem Aufkommen von HIV/AIDS in das Sexualleben vieler schwuler Männer einzog:</p><p><em>Now we think / as we fuck / this nut / might kill us. / There might be / a pin-sized hole / in the condom. / A lethal leak.</em></p><p><em>We stop kissing / tall dark strangers, / sucking mustaches, / putting lips / tongues / everywhere. / We return to pictures. / Telephones. / Toys. / Recent lovers. / Private lives.</em></p><p><em>Now we think / as we fuck / this nut might kill. / This kiss could turn / to stone.</em></p><p>Im Jahr 1991 gab Hemphill die Anthologie <em>Brother to Brother: New Writing by Black Gay Men </em>heraus, eine Fortsetzung von Beams <em>In the Life, </em>die er nach dessen Tod vollendete. Ein Jahr später veröffentlichte er mit <em>Ceremonies:  Prose and Poetry</em> sein umfangreichstes Werk, das sowohl bereits veröffentlichte Gedichte als auch neue Lyrik und Prosatexte enthielt.</p><p>In den darin enthaltenen Essays <em>To Be Real </em>und <em>Does Your Mama Know About me </em>setzt er sich unter anderem am Beispiel von Madonnas Song <em>Vogue </em>mit kultureller Aneignung auseinander und kritisiert die Fetischisierung Schwarzer Männerkörper in der schwulen Community und im Werk des Fotografen Robert Mapplethorpe.  </p><h2><strong>Lebenszeichen als Abschied</strong>  </h2><p>Kurz nach der Publikation von <em>Ceremonies</em> erhielt er mehrere Stipendien prestigeträchtiger Institutionen und eine Position als Gastdozent in Santa Monica. </p><p>Hemphill dokumentierte seine eigene AIDS-Erkrankung in seinem epischen Gedicht <em>Vital Signs</em>, das im Jahr 1993 entstand. Darin reflektiert er sein bisheriges Leben und setzt sich mit dem Verschwinden der lebenswichtigen Helferzellen (auch T-Zellen genannt) auseinander, das symptomatisch für die Krankheit ist:</p><p><em>I am sorting out / my patterns of habit, / those things genetics / cannot precisely pinpoint, / those things religion / cannot precisely refute</em></p><p><em>Those things / the paramedics cannot save.</em></p><p><em>This kiss, this cum, / this single T cell / I cling to, / these are my referents, / this is my religion, / my resistance, / my desire.</em></p><p>(Auszug aus <em>Vital Signs </em>XXIX)</p><p>Von Sommer 1994 an verschlechterte sich Hemphills Gesundheitszustands zusehends. Am 4. November 1995 starb er an Komplikationen, die im Rahmen seiner Krankheit auftraten.  </p><h2><strong>Einfluss und Filmauftritte</strong></h2><p>Essex Hemphills Werk hat vor allem in den USA viele Autor*innen, Dichter*innen und andere Künstler*innen beeinflusst. Unter ihnen etwa der queere Schwarze Dichter Jericho Brown, der Hemphill in seinem 2020 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneten Band <em>The Tradition</em> das Gedicht <a href="https://theadroitjournal.org/issue-twenty-six/issue-twenty-six-jericho-brown/"><em>After Essex Hemphill</em></a><em> </em>gewidmet hat. Auch der queere Dichter <a href="https://www.nytimes.com/2019/06/16/us/danez-smith-lgbtq-essex-hemphill.html">Danez Smith</a> zählt Essex zu seinen Vorbildern. </p><p>Darüber hinaus wirkte Hemphill in den Dokumentationen <a href="https://www.youtube.com/watch?v=RcoQURNlNxU&amp;ab_channel=FileUnderArt"><em>Tongues Untied</em></a><em> </em>(1989) und <a href="https://www.youtube.com/watch?v=XZoRIkdoDlQ"><em>Black is... Black Ain&#39;t</em></a><em> </em>(1991) seines Freundes Marlon Riggs mit und trat 1989 in Isaac Juliens Film <em>Looking for Langston</em> auf, der sich mit Schwarzer und schwuler Identität im Zeitalter der Harlem Renaissance auseinandersetzt.</p><p>Essex Hemphills Gedichte und Texte wurde bislang nichts ins Deutsche übersetzt. Auch die englischen Ausgaben seiner Werke sind selbst antiquarisch nur schwer erhältlich. (Tobi)</p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Essays]]></category>
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      <pubDate>Mon, 11 Mar 2024 07:46:24 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Queerer Kanon #14: Ein vergessener Klassiker & intensive Neuheiten]]></title>
      <description><![CDATA[Dale Pecks virtuose Variationen einer Liebe im mittleren Westen, eine queere Graphic Novel, die Grenzen sprengt und Meilensteine der Queer Theory auf Deutsch. ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Queerer Kanon #14:</h1><p>Liebe Leser*innen</p><p>unsere Sommerpause hat leider etwas länger gedauert, als geplant. Umso mehr freuen wir uns, wieder zurück zu sein.</p><p>In den Herbstprogrammen der deutschen Verlage findet sich in diesem Jahr eine vergleichsweise große Anzahl queerer Titel. Ein Grund zur Freude, verbunden mit der Hoffnung, dass es sich hierbei nicht um einen vorübergehenden Trend, sondern eine dauerhafte Entwicklung handelt.</p><p>Einige der Titel werden wir in den nächsten Monaten hier besprechen. Vorneweg sei schon mal auf die Veröffentlichung von Mary Renaults erstmals 1944 erschienenen lesbischem Klassiker <a href="https://www.rowohlt.de/buch/mary-renault-freundliche-junge-damen-9783499012808"><em>Freundliche junge Damen</em></a><em> </em>(aus dem Englischen von Gertrud Wittich) im Rowohlt Verlag hingewiesen. Er erscheint innerhalb der von Magda Birkmann und Nicole Seifert herausgegebenen Reihe <em>rororo Entdeckungen</em>, die sich vergessenen Autorinnen widmet.</p><p>In dieser Ausgabe widmet sich Marlon mit Dale Pecks <em>Martin and John</em> einem ebenfalls vergessenen Klassiker der HIV-/AIDS-Literatur und bespricht darüber hinaus mit David Santos Donaldsons <em>Grönland</em> einen Debütroman, in dem ein anderer queerer Klassiker eine gewichtige Rolle spielt.</p><p>Tobi stellt einen Roman von Maurizio Fiorino und eine Graphic Novel von Leonie Ott und Mazlum Nergiz vor. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit dem von Ben Trott und Mike Laufenberg herausgegebenen Band <em>Queer Studies: Schlüsseltexte</em>, der einige der wegweisendsten Texte der Queer Theory zum ersten Mal auf Deutsch präsentiert.</p><p>Darüber hinaus ist in der <a href="https://www.moka-publishing.com/moka-ausgaben/">aktuellen Ausgabe</a> des Büchermagazins MOKA ein Interview mit uns erschienen, in dem wir über den <em>Queeren Kanon? </em>und unseren Blick auf queere Literatur sprechen sowie drei Titel empfehlen.</p><p>Wie immer freuen wir uns auf euer Feedback, eure Fragen, Vorschläge und Kommentare.</p><p>Tobi &amp; Marlon</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Over the Rainbow: Queere Klassiker</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a8b99417-76f7-4bfa-a797-6ed14ebc69b3/uploads/images/vq4bbcwudf/Design%20ohne%20Titel%20(31).png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><strong>Dale Peck: <em>Martin and John</em></strong></p><p>“<em>How can this story give Martin immortality when it can&#39;t even give him life? Now I wonder, Has this story liberated anything but my tears? And is that enough? I want to ask. To which I can only answer, Isn&#39;t that enough?</em>”</p><p><em>Martin and John</em> von Dale Peck erzählt von einer Liebe in Variationen. Vielleicht ist es auch eine Geschichte über die ewige Wiederkehr, zumindest aber ist es eine Geschichte über die rettende Kraft der Literatur. Der Roman ist 1992 erschienen und ist das Debüt des 25-jährigen Dale Peck, der schon damals ein unglaubliches Gespür für menschliche Emotionen hatte und mit der Beobachtungsgabe eines weitaus erfahrenen Schriftstellers glänzte. Eine deutsche Übersetzung von Michael Hofmann ist 1995 bei List (und 1997 bei Droemer Knauer) erschienen. Wie ein Großteil der AIDS Literatur ist die deutsche Ausgabe nur noch antiquarisch erhältlich.</p><p>Pecks Debüt ist das, was man allgemeinhin schwule Literatur nennt und trotzdem erstaunlich queer – zumindest was seine Form betrifft, löst ‚<em>Martin and John</em>‘ doch die Grenzen zwischen Roman und Kurzgeschichtensammlung auf. Die Rahmenhandlung – vom Rest des Textes kursiv abgesetzt – erzählt von John, der sich in Martin, einen Stricher, verliebt, der an AIDS stirbt. Seine Trauer verarbeitet John in Geschichten über Martin und John, die unter verschiedensten Umständen und in unterschiedlichsten Situationen zueinander finden. Literatur ist hier Trauerarbeit, aber auch der Versuch, Liebe und die geliebte Person in all ihren Facetten einzufangen. Mehr als das, Literatur ist hier in mehrerlei Hinsicht ein Mittel, um das Abstrakte greifbar zu machen.</p><p>Dale Peck taucht in diesen Geschichten mühelos in die unterschiedlichsten Milieus ein. Sei es das höllische Vorstadtleben wie man es von David Lynch kennt, ein Kreis aus Intellektuellen rund um eine charismatische Frau, die an Susan Sontag erinnert, oder das kleine Haus in der Nähe einer Fabrik in einer Kleinstadt, aus der zwei Männer auszubrechen versuchen. All diese Geschichten erzählen jedoch von Gewalt, von Homophobie, von Inzest und vom Verrat an der Mutter und der Komplizenschaft mit dem Vater – und das auf eine Art, wie es sich schwule und queere Literatur auch heute noch selten traut.</p><p><em>Martin and John</em> gleicht einer Heimsuchung und ist trotz seiner Brutalität und seiner Thematik doch versöhnlich, ja, hoffnungsvoll. Es ist ein Text, der seiner Ambivalenz gewachsen ist, welcher Ästhetik, Form und Inhalt mit Bravour zusammenführt. (Marlon)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Out &amp; Proud: Aktuelles &amp; Neuerscheinungen</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a8b99417-76f7-4bfa-a797-6ed14ebc69b3/uploads/images/jehqgitiah/Design%20ohne%20Titel%20(30).png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><a href="https://www.albino-verlag.de/produkt/groenland"><strong>David Santos Donaldson: <em>Grönland</em> (aus dem Englischen von Joachim Bartholomae, erschienen im Albino Verlag)</strong></a></p><p><em>Grönland </em>ist der Debütroman von David Santos Donaldson, der dieses Jahr für die Hotlist der unabhängig verlegten Literatur nominiert war. Ausgestattet mit dem allernötigsten – Salzcracker, Cappuccino, Wasser, ein MacBook ohne Internetanschluss und einen Revolver – hat sich Kip Starling in sein Arbeitszimmer im Souterrain eingeschlossen. Denn ihm bleiben gerade einmal drei Wochen, um seinen Roman zu schreiben.</p><p>Der Roman ist eigentlich fertig, er handelt von der Liebesbeziehung zwischen E. M. Forster, dem Autor von Romanen wie <em>Maurice</em>, <em>Zimmer mit Aussicht</em> und <em>Reise nach Indien</em>, und dem Ägypter Mohammed El Adl, und ist aus der Sicht des Schriftstellers geschrieben – doch sein Roman bietet nichts Neues, weder inhaltlich noch stilistisch. Eine Lektorin rät ihm: „<em>[V]ielleicht sollten Sie die Geschichte aus der Perspektive von </em>Mohammed<em> erzählen. </em>Das<em> wäre interessant!</em>“</p><p>Doch in knapp drei Wochen übernimmt ein Medienkonzern den Verlag, ein Konzern der nicht an literarischen Texten interessiert ist. Sollte Kip es schaffen, seinen Text in drei Wochen zu überarbeiten, wäre er das letzte Manuskript, welches die Verlagslegende erwerben würde. Diese Chance kann sich Kip, dessen größer Wunsch es ist, ein veröffentlichter Schriftsteller zu sein, nicht entgehen lassen.</p><p>Eingeschlossen in dem kleinen Zimmer beginnen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität schnell zu verschwimmen, denn Kip erkennt immer mehr Ähnlichkeiten zwischen sich und Mohammed. Beide sind sie queer, beide lieben sie einen älteren, weißen Mann und beide sind sie sich „<em>vollkommen klar darüber, wie sehr </em>[sic]<em> schwarz zu sein</em>“ ihr Leben beeinflusst.</p><p>Kip ist ein „<em>verrücktes, anachronistisches Wesen</em>“. Seine Eltern stammen aus der Karibik, doch aus einer Zeit „<em>als der britische Kolonialismus in voller Blüte stand</em>“. Wie auch ihr Sohn sind sie britischer als die meisten Briten. Auch als Kip in die USA zieht, dem Land seines literarischen Vorbilds James Baldwins, ist er weiterhin ein Außenseiter. Seine Schwarzen Kommiliton*innen nehmen ihn als affektiert und hochnäsig war, in ihren Augen ist er ein Verräter, jemand, der sich selbst hasst. Kip ist dementsprechend nirgends daheim, seine Existenz befindet sich im Transit.</p><p>Kips innerster Wunsch ist es, wahrgenommen zu werden – doch er wird ebenso von Paranoia geplagt, wie er als Schwarzer Mann wahrgenommen wird und kann deswegen niemanden sein wahres Ich zeigen. Er ist „<em>Treibgut im Kielwasser einer eigentümlichen Erfindung mit Namen Whiteness.</em>“ Doch Donaldson begnügt sich nicht damit, seinen Protagonisten als reines Opfer darzustellen. Auch er hat diese <em>Whiteness</em> verinnerlicht und begegnet seinen Mitmenschen mit Vorurteilen.</p><p>Doch auch in der Isolation seines eigenen Zimmers ist er vor dieser Whiteness nicht geschützt, denn dem Biss in eine proustsche Madeleine gleich löst die Auseinandersetzung mit Mohammed „<em>eine Flut lang vergessener Erinnerungen aus, lebhaftester Gefühle, Erinnerungen an halb vergessene, folgenreiche Ereignisse.</em>“ Und so tritt Kip die Flucht an, eine Flucht, die ihn in die Wildnis Grönlands führen wird.</p><p><em>Grönland</em> ist ein Buch der Heimsuchungen, der Visitationen und Geister. Das Spiel mit dem Magischen Realismus wird auch als solcher verstanden, Visitationen sind real und alltäglich, sie benötigen ganz im Sinne von Susan Sontag keine Interpretation. Dabei handelt es sich um ein weitverbreitetes Motiv in der Literatur afroamerikanischer Autor*innen. Das bekannteste Beispiel ist vermutlich Toni Morrison, deren Texte voller Wiedergänger sind.</p><p>Gerade zum Ende hin stellte ich mir die Frage, ob nicht zu viele Fragen beantwortet, ob ein gewisses Maß an Offenheit nicht interessanter gewesen wäre. Allerdings kommt hier vielleicht auch ein eurozentristischer Blick ins Spiel, ein Blick, der Erwartungen an den Text stellt, die er gar nicht erfüllen will. Und vielleicht führt der Text hier ja auch ganz absichtlich, Leser*innen ähnlich wie auch Kip die eigenen Vorurteile vor Augen, die zu hinterfragen sind, um den Text richtig einordnen zu können.</p><p><em>Grönland</em> von David Santos Donaldson ist ein spannendes Debüt. Ein Debüt, das umso gespannter macht auf das, was noch folgen wird. (Marlon)</p><hr aria-hidden="true"/><p><a href="https://nonsoloverlag.de/shop/k-o/"><strong>Maurizio Fiorino: <em>K.O.</em> (aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt, erschienen im Nonsolo Verlag)</strong></a></p><p>Maurizio Fiorinos Roman <em>K.O.</em> nimmt seine Leser*innen mit ins provinzielle Süditalien der frühen 1980er-Jahre, das geprägt ist von toxischer Männlichkeit, klaren Hierarchien und den damit einhergehenden zementierten Rollenbildern und -erwartungen. Unter dieser Glasglocke wächst Biagio, Fiorinos Ich-Erzähler, auf. Seine Mutter ist kurz vor seinem ersten Geburtstag bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Der Vater, ein Choleriker, verdient als Dorfmetzger sein Geld und behandelt seinen Sohn mit großer Kälte und Ablehnung.</p><p>Biagio leidet unter der klaustrophobischen Enge des Dorfes und seiner Moralvorstellungen, findet aber keinen Ausweg. Den einzigen Gegenentwurf zu den starren Erwartungshaltungen findet er in Vittorio, einer überaus klischierten älteren Figur, die im Nachwort der Übersetzerin Christiane Burkhardt als trans beschrieben wird (der Text selbst bleibt hier ambivalent). Doch Vittorio löst vor allem Ekel in Biagio und den anderen Dorfbewohner*innen aus und ist regelmäßiges Ziel gewalttätiger Übergriffe.</p><p>Ohne Berufsausbildung und Perspektiven schlägt sich Biagio durch, heiratet eine ehemalige Mitschülerin, die er immer wieder demütigt und verliebt sich schlussendlich in einen Künstler aus einer benachbarten Stadt. An Erlösung und Aufbruch ist dennoch nicht zu denken.</p><p>Fiorinos schmaler Roman will eine Art Panorama der toxischen Männlichkeit in all ihrer Härte zeichnen. Dabei macht er sich deren Perspektive und Sprache zunutze. Sein Erzähler reduziert viele Figuren auf Klischees, verwendet durchgängig diskriminierende Begriffe und ist voller Wut und Ressentiments. Hier ließe sich argumentieren, wie es übrigens auch die Übersetzerin in ihrem Nachwort tut, dass dies konsequenter Teil der Milieuzeichnung ist. Allerdings fehlt es mir dafür an einer filigraneren Charakterzeichnung.</p><p>Das fängt schon bei Biagio an: Zum einen ist er der unsympathische Erzähler, der seine Frau verachtet und quält und selbst zum Agenten der toxischen Männlichkeit wird, unter der er leidet. Auf der anderen Seite erfahren die Leser*innen später im Text, dass er unter einer psychischen Beeinträchtigung leidet und nur über begrenzte Intelligenz verfügt. Dieser vermeintliche Kniff des Autors ist ein Ärgernis, denn er wirkt wie eine konstruierte und problematische nachgeschobene Erklärung für dessen Verhalten.</p><p>Zudem spiegelt sie sich auf textueller Ebene nicht wider. Biagio erweist sich bisweilen als sehr analytischer Beobachter, der komplexe Zusammenhänge mühelos zu erfassen weiß. An anderen Stellen wiederum wirkt er so klischeehaft empathie- und verständnislos, so eindimensional, dass er als Erzähler schwer ernst zu nehmen ist.</p><p>Die literarische Be- und Verarbeitung toxischer Männlichkeit ist so wichtig wie diffizil, das zeigt schon ein Blick auf aktuelle Diskurse. <em>K.O.</em> scheitert schlussendlich daran, dass Fiorino sich nicht entscheiden kann, ob er die Milieuschilderungen für sich stehen lassen und damit den Leser*innen erlauben will, ihre eigenen Rückschlüsse zu tätigen, oder das Geschilderte doch erklären bzw. reflektieren möchte.</p><p>So offenbart er im letzten Drittel mit Hilfe einer halbwegs überraschenden Wendung noch eine semi-plausible Erklärung für das Verhalten des Vaters. Auch die im Klappentext angekündigte Coming-out-Geschichte findet sich in <em>K.O.</em> nicht, denn ein klassisches Coming-out sieht der Text gar nicht vor. Dennoch kann er als Ausgangspunkt für Diskussionen über die Fallstricke und die Wirkmacht toxischer Männlichkeit und deren literarischer Verarbeitung dienen. (Tobi)</p><hr aria-hidden="true"/><p><a href="https://www.suhrkamp.de/buch/queer-studies-t-9783518299081"><strong>Mike Laufenberg &amp; Ben Trott (Hrsg.): <em>Queer Studies: Schlüsseltexte</em> (erschienen bei suhrkamp taschenbuch wissenschaft)</strong></a></p><p>Wer in den letzten Jahren Meinungsbeiträge, populärwissenschaftliche Texte oder auch den ein oder anderen polemischen Essay über die Queer Theory und/oder die Queer Studies gelesen hat, könnte das Gefühl bekommen, sich einem äußerst vagen Forschungsfeld gegenüber zu sehen. Denn über die Queer Theory und die Queer Studies wird viel geschrieben, sie werden als Argumentationsgrundlagen und Herleitungen für allerlei fadenscheinige Argumentationen missbraucht, eine wirkliche Auseinandersetzung findet außerhalb des wissenschaftlichen Kontexts und der Kunst jedoch noch zu selten statt.</p><p>Letzteres mag auch darin begründet liegen, dass eine Vielzahl der prägenden Texte der Queer Theory bisher nicht auf Deutsch erschienen sind. Die Veröffentlichung von <em>Queer Studies: Schlüsseltexte</em>, herausgegeben von Mike Laufenberg und Ben Trott, kann daher als ein Meilenstein bezeichnet werden. An dessen Anfang steht sogleich eine - vielleicht die wichtigste - Erkenntnis: Die Queer Theory ist multiperspektivisch, besteht aus widerstreitenden Ansätzen, ist als Diskursfeld zu betrachten, das über sich selbst hinausreicht.</p><p>Diese Erkenntnis mag zwar denjenigen, die sich ein wenig mit der Queer Theory und ihren Vertreter*innen beschäftigt haben, bekannt sein. Jüngste Veröffentlichungen wie etwa Chantalle El Hellous so irritierend kenntnisloser wie argumentativ unhaltbarer Essay <em>Vom Queersexismus zur Emanzipation</em> (2023) zeigen jedoch, dass die Queer Theory noch erstaunlich oft als singulärer Monolith betrachtet wird.</p><p>Dabei zeigt etwa der anti-social turn (manchmal auch anti-relational turn genannt) in den Queer Studies, dessen bekannteste Vertreter Leo Bersani und Lee Edelman sind, die Heterogenität und Dynamik der Queer Studies und der Queer Theory: Edelman argumentierte in seinem 2004 veröffentlichten Buch <em>No Future: Queer Theory and the Death Drive</em>, aus dem sich auch ein Auszug in <em>Queer Studies</em> wiederfindet, unter anderem, dass die Zukunft der Bereich der heterosexuellen Prokreation, des „reproductive futurism“, sei und folglich für Queerness nicht erreichbar bzw. relevant.</p><p>Queere Politiken, zum Beispiel der Einsatz für die Privilegien Heterosexueller wie die Ehe oder die Möglichkeit, Kinder aufzuziehen, würden schlussendlich nur zu einer Anpassung an die heteronormativen Strukturen führen. Queerness und damit Homosexuelle (denn Edelman schreibt fast ausschließlich über männliche Homosexuelle) sollte sich vielmehr auf ihre Rolle außerhalb der heteronormativen Mehrheitsgesellschaft fokussieren.</p><p>Eine Gegenposition hierzu nahmen José Esteban Muñoz und Jack Halberstam ein, die ebenso in Laufenbergs und Trotts Band vertreten sind. Ihre queertheoretischen Ausführungen und Konzepte sind stärker auf die Zukunft gerichtet. Muñoz betonte als Kubanomerikaner zudem die fehlende Intersektionalität von Edelmans Überlegungen. Sich im Status quo am Rande der Gesellschaft einzurichten, wie Edelman es vorschlägt, ist laut Muñoz nur für diejenigen möglich, die in einer vergleichsweise bequemen, wenig marginalisierten Situation leben.</p><p>An diesem Beispiel verdeutlicht sich, was die beiden Herausgeber in ihrem sehr aufschlussreichen Einführungstext formulieren: &quot;[...] das Betreiben einer Genealogie der Queer Studies [ist] keineswegs ein geradliniges Vorhaben: Ihre Ursprünge sind letztlich weniger eindeutig, als oftmals angenommen wird [...] [.] Sie lässt sich nicht anhand eines gemeinsamen theoretischen Bezugsrahmens, einer gemeinsamen Methodologie und auch nicht anhand eines gemeinsamen Gegenstandes definieren; dennoch teilen jene früheren und neueren Arbeiten - mehr oder weniger - ein Interesse an ähnlichen Problemstellungen.&quot;</p><p>Genau dies wird anhand der Textauswahl deutlich. Die versammelten Beiträge behandeln kulturelle, soziale, geschlechtliche und sexuelle Identität, es gibt intersektionale Ansätze, so steht etwa Muñoz&#39; wegweisender Desidentifizierungs-Begriff neben Robert McRuers Auführungen zu (Zwangs-)Abilität. Ann Cvetkovich, die sich seit Jahrzehnten mit queeren Traumata, Affekten und Emotionen auseinandersetzt, beleuchtet das Erbe des ACT-UP-Aktivismus der AIDS-Krise, während Roderick A. Ferguson eine Queer-of-Color-Kritik entwirft.</p><p>Die Queer Theory ist in den USA entstanden, woher auch die meisten ihrer Vertreter*innen stammen. Laufenberg und Trott weiten jedoch den Blick. Ihr Sammelband beinhaltet auch Texte von Gayatri Gopinath zu queeren Diaspora und südasiatischen öffentlichen Kulturen, Karma R. Chávez Blick auf queere Migrationsmanifeste und Petrus Lius Analyse von queerem Marxismus und Liberalismus in beiden Chinas.</p><p>Natürlich sind diese Beschreibungen nicht ansatzweise in der Lage, die Vielfalt der Texte, ihre Originalität, Multiperspektivität - und ja, auch ihre Lust am Spiel mit Form und Inhalt, der Trennung zwischen privat und professionell - einzufangen. Umso stärker sei daher dieser Band empfohlen, umso größer der Dank an die beiden Herausgebenden. (Tobi)</p><hr aria-hidden="true"/><p><a href="https://www.maerzverlag.de/shop/buecher/literatur/koma/"><strong>Leonie Ott &amp; Mazlum Nergiz: <em>KOMA </em>(erschienen im MÄRZ Verlag)</strong></a></p><p>“Was ist der Unterschied zwischen meiner Lust und meiner Verzweiflung?” - diese Frage prangt über dem Klappentext von Leonie Otts (Bilder) und Mazlum Nergiz’ Graphic Novel <em>KOMA</em>, die auf Nergiz’ Theaterstück <em>Coma</em> basiert. Eine gewichtige Frage, denn Lust und Sex können auch Ventil für und Ablenkung von Verzweiflung und Trauer sein, die Lust den Schmerz sublimieren oder betäuben.</p><p>So auch im Fall des namenlosen Erzählers. Der plötzliche Unfalltod seines Bruders reißt seine Welt aus den Fugen, die Realität scheint ein Stück weit verschoben. Kurzerhand trennt er sich von seinem Partner, zieht in eine Stadt in einem anderem Land und nimmt die Einladung eines Literaturfestivals ein. Dort soll er über “autobiografische Täuschungen” sprechen. Ein Thema, von dem er zunächst selbst nicht so genau weiß, was sich darunter verstehen lässt.</p><p>In der Stadt zieht es ihn zu den Darkrooms und Cruising-Orten, wo er Miller kennenlernt, mit dem er sein Bett, Drogen und Erzählungen teilt. Leonie Ott fängt all dies in faszinierenden Bildern ein. Mal grau und unheimlich, mal zärtlich warm. Ihre Figuren wirken oft wie verloren im Raum, sind zu groß oder zu klein für ihre Umgebung, die Gesichter nur spärlich mit Details ausgestattet.</p><p>Dieser Stil passt perfekt zu Mazlum Nergiz’ Text, der in wenigen Worten tiefe Einblicke in das Innenleben des Erzählers zulässt. Neben Trauer und Begehren, Exzess und Zärtlichkeit blitzt immer wieder ein wunderbar pointierter Humor hindurch. Was real und was Traum, was echt und was (autobiografische) Täuschung ist, lässt sich immer weniger unterscheiden.</p><p><em>KOMA</em> ist ein durch und durch queerer Text, voller expliziter und impliziter Verweise und Referenzen. Gleich zu Anfang steht ein Sappho-Zitat, später geht es in einem Tagtraum unter anderem um HIV und AIDS , aber auch um Momente der Gemeinschaft in Darkrooms und an Cruising-Spots. Die Handlung entzieht sich einer klassischen Dramaturgie, spielt mit Erwartungen, um sie dann hinter sich zu lassen.</p><p>Das spiegelt sich auf der Ebene der Bilder wieder, die wie ein Bewusstseinsstrom ihrer ganz eigenen Logik folgen, die Farben und Größen wechseln, die Grenzen verschwimmen lassen, um dann wieder an Schärfe zu gewinnen. Sie sind oftmals von einer faszinierenden, teils bedrückenden Schönheit. Ott lässt aus Nicht-Orten wie den Cruising-Parks funkelnd-geheimnisvolle Oasen werden.</p><p>Mit <em>KOMA </em>haben Ott und Nergiz ein soghaftes Kunstwerk erschaffen, dessen Kraft in der Konsequenz liegt, mit der hier Bild und Text aufeinandertreffen, die Lesenden zugleich betören und verstören, ohne dabei alles preiszugeben. (Tobi)</p><hr aria-hidden="true"/><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Newsletter]]></category>
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      <pubDate>Wed, 01 Nov 2023 17:48:17 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[Queerer Kanon #13: Von Listen und Sommerbüchern]]></title>
      <description><![CDATA[Gedanken über die Liste der einflussreichsten queeren Bücher des New York Times Style Magazine und sieben queere Sommerlektüren für drinnen und draußen. ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Leser*innen,</p><p>seit zwei Tagen ist der Pride Month nun offiziell wieder vorbei, die Logos vieler Unternehmen schmücken sich nicht mehr mit Rainbow- und Progress-Flaggen und die vielerorts prekäre Situation queerer Menschen droht einmal mehr, aus dem Fokus zu geraten.</p><p>Für viele von uns ist dieser jährliche Karneval ermüdend, wirkt er doch oft mehr wie ein kurzer, gönnerhaft zugebilligter zeitlicher Raum und Rahmen, in dem die Bedürfnisse, Sorgen und Themen queerer Communities auf möglichst konsumerable Art und Weise einmal kurz Gehör finden.</p><p>Freilich gibt es auch erfreuliche Ausnahmen, auch wenn sich eine Katerstimmung einstellen mag. Besonders beliebt innerhalb des Pride Month sind die allseits bekannten Listicles. Die wichtigsten queeren Filme, Serien, Bücher etc. In diesem Jahr verkündete das Style Magazine der New York Times sogar eine Liste der einflussreichsten queeren literarischen Werke der Nachkriegszeit kompiliert zu haben.</p><p>Solche Listen können hilfreich sein, um auf vergessene und weniger bekannte Werke aufmerksam zu machen oder eine Orientierungshilfe zu geben. In ihnen lauert jedoch auch immer die Gefahr der Verkürzung. Tobi hat sich mit der Liste des Style Magazins auseinandergesetzt und beschäftigt sich mit deren Auslassungen.</p><p>Da der Sommer auch uns erreicht hat und viele sich in den nächsten Wochen und Monaten auf den Weg in den Urlaub machen oder/und mehr Zeit draußen verbringen, empfehlen wir in dieser Ausgabe sieben Sommerlektüren, die so mitreißend wie humorvoll, facettenreich und soghaft sind.</p><p>Damit gehen wir auch selbst in eine kleine Sommerpause. Die nächste Ausgabe des &quot;Queerer Kanon?&quot; wird Ende August erscheinen.</p><p>Wie immer freuen wir uns auf euer Feedback, eure Fragen, Vorschläge und Kommentare.</p><p>Tobi &amp; Marlon</p><hr aria-hidden="true"/><h3>Auf einigen Augen blind: Die Liste der einflussreichsten queeren Werke des New York Times Style Magazine</h3><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/20d01815-f487-4391-b567-a5073f57f4ee/uploads/images/stbekmmne3/Design%20ohne%20Titel%20(31).png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>The 25 Most Influential Works of Postwar Queer Literature</em>, so der Titel eines <a href="https://www.nytimes.com/2023/06/22/t-magazine/queer-postwar-books-plays-poems.html">langen Artikels</a>, der unlängst im Style Magazine der New York Times erschienen ist. In dieser Proklamation steckt kein Raum für Zwischentöne oder Einschränkungen. Vielmehr sollen hier mit scheinbar vollmundiger Gewissheit Tatsachen geschaffen werden.</p><p>Nun sagen solche Listen und ihre Titel häufig mehr über diejenigen, die sie erstellen, aus als über die Bücher, die darauf gelistet sind. Das haben sich vermutlich auch die Verantwortlichen beim Style Magazine gedacht und eine illustre Reihe queerer Autor*innen als Jury gewonnen: Roxanne Gay, James Ijames, Lisa Kron, Thomas Page McBee, Neel Mukherjee und Edmund White.</p><p>Alle sechs durften jeweils zehn Werke vorschlagen, die dann im Rahmen eines langen Zoom-Meetings gemeinsam diskutiert und auf eine Liste mit 25 Plätzen heruntergebrochen wurden. Um diese Aufgabe etwas bewältigbarer zu machen, wurden einige Parameter für die Titel festgelegt. Und hier fängt das Problem an.</p><p>Denn einer der Parameter bildete die Entscheidung, sich auf englischsprachige Literatur zu beschränken. Selbst Übersetzungen ins Englische wurden ausgeschlossen. Vor diesem eklatant westlichen Blick mutet es fast schon ironisch an, dass betont wird, man habe das gemeinsame Bedürfnis verspürt, eine Liste zu kompilieren, die &quot;less white, less male, less cis than those that’ve come before&quot; sei.</p><p>So ehrenwert Letzeres auch ist und so erfreulich es ist, diesen Wunsch auf der Liste widergespiegelt zu sehen, so irritierend mutet der komplette Ausschluss aller nicht-englischsprachiger Literaturen an. Zeichnet sich nicht Queerness gerade dadurch aus, sich solch binärer Regeln zu entziehen? Lustvoll mit ihnen zu spielen? Auch und gerade im Sprachlichen?</p><p>Hat nicht Monique Wittig gezeigt, wie sich mit Sprache alternative Genealogien entwerfen lassen? Hat nicht Reinaldo Arenas in <em>Bevor es Nacht</em> wird so sinnlich wie kompromisslos über Verfolgung und Sexualität geschrieben? Und war nicht Jean Genet über die Grenzen Frankreichs hinaus eine einflussreiche Persönlichkeit der queeren Literatur?</p><p>Viele der in der Jury versammelten Autor*innen arbeiten in ihrem Schreiben und ihrem Aktivismus gegen imperialistische Strukturen an. Warum sich dann also an einer Liste beteiligen, die nur englischsprachige queere Literatur als die einflussreichste aufführt? Und überhaupt: Nach welchen Gütekriterien lässt sich dieser Einfluss bemessen?</p><p>Die Jury scheint sich da selbst nicht sicher zu sein. Gleich zu Beginn des dokumentierten Gesprächsprotokolls äußert Lisa Kron, sie wisse gar nicht, was &quot;most influential&quot; zu sagen eigentlich bedeute. Wie sollte sie auch? Literaturefahrungen sind höchst subjektiv. Texte können sehr unterschiedliche Dinge und Prozesse in Menschen auslösen und anstoßen.</p><p>Empirisch wäre dies schon schwer zu fassen. Man müsste eine große Gruppe repräsentativer queerer Personen befragen, was fast unmöglich erscheint. Alternativ ließe sich anhand von Artikeln, Interviews etc. rekonstruieren, welche queeren Werke und Autor*innen besonders großen Einfluss auf andere queere Autor*innen und literarische Stile hatten.</p><p>Darum scheint es dem Artikel jedoch nicht wirklich zu gehen. Allein elf der hierin versammelten Werke sind nach 2010 erschienen. Bei einer Liste, die fast acht Jahrzehnte umspannen soll, ist dies ein erhebliches Ungleichgewicht. Es stellt sich einmal mehr die Frage nach der Bedeutung von &quot;einflussreich&quot;. Wie kann etwa ein Werk wie <em>Manhunt </em>von Gretchen Felker-Martin - ungeachtet seiner literarischen Qualität - dieses Gütekriterium erfüllen, wenn es erst im letzten Jahr veröffentlicht wurde?</p><p>Lediglich acht Titel - und damit gerade einmal ein Drittel der Liste - wurden vor 1990 veröffentlicht. Davon ein Großteil in den 1980er-Jahren. Letzteres lässt sich queer-historisch vielleicht noch mit der großen Zäsur durch das Aufkommen von HIV-/AIDS erklären. Dennoch erscheint es rätselhaft, dass auf einer Liste, die sich explizit rühmt, die einflussreichsten queeren Werke der Nachkriegszeit zu enthalten, so wenige Titel aus den ersten 44 Jahren dieses Zeitraums auftauchen.</p><p>Schlussendlich lässt sich dies wohl am besten damit erklären, dass natürlich auch die Jury nicht alles gelesen haben kann und persönliche Vorlieben haben mag. Manche Titel mögen in der engeren Auswahl gewesen sein, es bei der Abstimmung aber nicht geschafft haben. Am Unterhaltensten sind sichelich die Gespräche der Jury-Mitglieder über die einzelnen Titel, die einen Einblick in deren eigenes Schreiben und Leben geben.</p><p>Am Ende ist es eine subjektive Liste, die im besten Fall Leser*innen an Werke heranführt, die sie noch nicht kennen oder vielleicht vergessen haben. Eins ist es jedoch nicht: Eine Liste der einflussreichsten queeren Werke seit dem zweiten Weltkrieg. (Tobi)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Sieben queere Sommerlektüren</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/20d01815-f487-4391-b567-a5073f57f4ee/uploads/images/ec6q3sfjng/Design%20ohne%20Titel%20(30).png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><a href="https://salzgeber.shop/romane/392-tanzer-der-nacht-9783867871839.html"><strong>Andrew Holleran: <em>Tänzer der Nacht / Dancer From the Dance </em>(aus dem Englischen von Christian von Maltzahn, erschienen im Bruno Gmünder Verlag)</strong></a></p><p>Andrew Hollerans 1978 erschienener Debütroman <em>Dancer from the Dance</em> gilt zurecht als einflussreicher Klassiker der queeren amerikanischen Literatur, der unter anderem von Autor*innen wie Andrea Lawlor, Edmund White und Alan Hollinghurst regelmäßig als eines ihrer Lieblingsbücher angeführt wird.</p><p>Holleran führt seine Leser*innen ins schwule New York der 1970er-Jahre, von Underground-Parties hin zu hedonistischen Gelagen auf Fire Island. Im Zentrum seines Romans steht Anthony Malone, ein umwerfend schöner junger Mann, der der enge des mittleren Westens entflohen ist, um sich in der Großstadt als schwuler Mann ausleben zu können.</p><p>Hier trifft er auf Andrew Sutherland, eine Art väterlichen Freund, der alle kennt und ihn unter seine Fittiche nimmt. Sie ziehen von Party zu Party, nehmen Drogen und geben sich dem Hedonismus hin. Malones Schönheit überstrahlt eine Weile lang alles und alle anderen, er wird zum Fixstern der schwulen Partywelt. Doch zunehmend stellt sich eine gwisse Rastlosigkeit ein.</p><p>Holleran entpuppt sich als Gesellschaftchronist des schwulen New Yorks seiner Zeit. Seine Prosa ist so schön wie elegant und erinnert an Henry James. Ob auf den Tanzflächen der Underground-Clubs, im Sand Fire Islands oder im grauen Alltag, <em>Dancer from the Dance</em> ist von einer sehnsuchtsvollen Wehmut durchzogen. Etwas geht zu Ende.</p><p>Holleran konnte natürlich unmöglich wissen, dass die aufkommende HIV-/AIDS-Krise dem bunten Treiben tatsächlich ein jähes Ende bereiten würde. Und doch hat er einen Schwanengesang geschrieben, der nichts von seiner Schönheit verloren hat. (Tobi)</p><p><a href="https://steidl.de/Books/Koller-0203253541.html"><strong>Annika Büsing: <em>Koller</em> (erschienen im Steidl Verlag)</strong></a></p><p>In ihrem zweiten Roman lässt Annika Büsing zwei Männer miteinander kollidieren, die unterschiedlicher nicht sein könnten. <em>Koller</em> beginnt mit einer Zufallsbegegnung und dem Versprechen, gemeinsam zum Meer zu reisen. Ein Versprechen, das nur über mehrere Umwege eingelöst werden kann.</p><p><em>Koller</em> beschreibt eine wilde Reise durch Deutschland voller biblischer Referenzen (Sintflut inklusive), die seltsamerweise aufgehen, und zugleich eine Reise in das Innerste und die Vergangenheit der Figuren. Der Roman ist einfühlsam, ohne je in den Kitsch abzudriften und an den richtigen Stellen mit trockenem Humor gewürzt.</p><p>Annika Büsings Roman erzählt mit großer Leichtigkeit von den großen Dingen im Leben: dem Wunsch das Gegenüber zu retten, der Konfrontation mit der eigenen Schuld und den alles verändernden Begegnungen im Leben eines Menschen. (Marlon)</p><p><a href="https://www.penguinrandomhouse.com/books/671348/the-late-americans-by-brandon-taylor/"><strong>Brandon Taylor: <em>The Late Americans</em> (erschienen bei Riverhead Books / Penguin)</strong></a></p><p>In den letzten drei Jahren ist Brandon Taylor zu einer der wichtigsten queeren literarischen Stimmen der USA geworden. Im Jahr 2020 erschien sein für den Booker Prize nominiertes Debüt <em>Real Life</em>, dem die Kurzgeschichtensammlung <em>Filthy Animals</em> (2022) und vor kurzem sein neuer Roman <em>The Late Americans</em> folgten.</p><p>Zudem schreibt Taylor Essays und Kritiken für große Magazine und betreibt einen Newsletter, in dem er sich mit großer Ernsthaftigkeit und Tiefe Autor*innen wie Sally Rooney, Edith Wharton, aber auch Fernsehserien widmet.</p><p>Sein neuester Roman spielt in Iowa, wo er selbst am bekannten Iowa Writer&#39;s Workshop studierte. Darin lässt er eine Reihe Mittzwanziger aufeinandertreffen, die sich (fast) alle am Ende ihres Studiums befinden. Tänzer*innen, Poet*innen, angehende Schriftsteller und Juristen, die meisten von ihnen schwule Männer.</p><p>Alle sind sie miteinander verwoben, führen Beziehungen, hatten Affären, gelegentlichen Sex oder sind befreundet. Die meisten der Paare sind an einer Wegeskreuzung angelangt, scheinen sich auseinanderzuleben. Gleichzeitig müssen alle für sich entscheiden, wie es nach dem Abschluss mit ihrem Leben weitergehen soll.</p><p>Dabei treten alte Wunden hervor und oftmals überspielte Marginalisierungsmerkmale und Privilegien geraten in den Fokus: Klasse, Aussehen, Rassismus. Doch es geht auch um Freundschaft, um die Wahlverwandtschaften, die wir im Leben eingehen. Taylor beobachtet seine Figuren genau, ihre kleinen und größeren Lebenslügen, Eitelkeiten, Boshaftigkeiten, aber auch ihre Scham und Sorgen.</p><p>Man merkt<em> The Late Americans </em>die Vorliebe des Autors für Edith Wharton, Ann Petry und Elizabeth Bishop an. Es handelt sich um einen sehr eleganten, zeitgenößischen Gesellschaftsroman und Taylors bisher bestes Buch.</p><p>(Taylors Debüt sowie seine Kurzgeschichtensammlung sind auf Deutsch im Piper Verlag erschienen) (Tobi)</p><p><a href="https://www.luftschacht.com/produkt/eric-schwarz-ein-bisschen-freiheit/"><strong>Eric Schwarz: <em>Ein bisschen Freiheit</em> (erschienen im Luftschacht Verlag)</strong></a></p><p>Vier Freunde, zwei von ihnen Brüder, fahren für ein paar Tage gemeinsam nach Frankreich, auf der Suche nach ein bisschen Freiheit.  Doch die Reise, welche die Wände, die ihre Welt sind, aushöhlen soll, wird für einen der Brüder der letzte gemeinsame Trip werden. Doch die gelungene Flucht bedeutet immer auch, jemanden zurückzulassen.</p><p>Mit einem unverwechselbaren Stil erzählt Eric Schwarz in seiner ersten Graphic Novel <em>Ein bisschen Freiheit</em> von der Dringlichkeit, dem eigenen Leben zu entkommen. Gespickt mit popkulturellen Referenzen, darunter auch queere Ikonen wie Keith Haring und Tom of Finnland, fängt Schwarz&#39; Debüt die Naivität und Leichtigkeit der Jugend ein und ist gleichzeitig so weise wie jemand, der das Leben kennt. Große Empfehlung! (Marlon)</p><p><a href="https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/reverse-cowgirl.html"><strong>McKenzie Wark: <em>Reverse Cowgirl</em> (aus dem Englischen von Johanna Davids, erschienen im August Verlag)</strong></a></p><p>McKenzie Warks <em>Reverse Cowgirl</em> ist eine ungemein lustvolle Mischung aus Transitionsnarrativ, Memoir und Komödie. Wark lehnt ihr Werk an Orpheus und Eurydike an, erzählt anekdotisch und gleichzeitig mit größerem Bogen, nimmt uns mit ins Australien der 1960er-, 70er- und 80er-Jahre und führt uns durch ihr Leben.</p><p>Es geht um Transition, Identität, Disco und Punk, jede Menge Sex und Selbstbestimmung, aber auch um (linke) Politiken und die Enge des Patriarchats und der schwulen Kultur, die viel zu oft von patriarchalen Strukturen durchzogen ist. <em>Reverse Cowgirl </em>ist so elegant wie sexy, so clever wie soghaft. Ein umwerfender Text. (Tobi)</p><p><a href="https://www.albino-verlag.de/produkt-schlagwort/zwischen-den-doerfern-auf-hundert"><strong>Lars Werner: <em>Zwischen den Dörfern auf Hundert</em> (erschienen im Albino Verlag)</strong></a></p><p><em>Zwischen den Dörfern auf Hundert</em>, der Debütroman von Lars Werner, ist eine Kampfansage an das deutsche Sommermärchen von 2006 und zugleich ein ganz wunderbarer Coming-of-Age Roman über Punk, Dresden, Queerness und das Finden einer eigenen Meinung.</p><p>Die Gebäude sehen aus, als wäre die SED gerade erst abgehauen, doch Benny und seine Freund*innen kennen die DDR nur noch aus den Erzählungen der Erwachsenen. Als Punk hat man es in Dresden schwer, denn Nazis sind im Gegensatz zur DDR gelebte Realität.</p><p>Lars Werner legt den Fokus jedoch viel mehr auf die Gegenkultur, auf Pogo-Partys, Auseinandersetzungen mit der Polizei und den Versuch, sich in einer feindlich gesinnten Welt einen eigenen Raum zu schaffen. Mit seinem Debüt hat er einen Roman geschrieben in dem sich jeder Satz so sicher und souverän liest, als würde er schon sein Leben lang Romane veröffentlichen, und an dessen Ende man sich nur ungern von den lieb gewonnenen Figuren verabschiedet. (Marlon)</p><p><a href="https://wwnorton.com/books/9781631492945"><strong>Nicole Dennis-Benn: <em>Here Comes the Sun</em> (erschienen bei Liveright Publishing Corporation / W. W. Norton)</strong></a></p><p><em>Here Comes the Sun</em> scheint das Paradies auf Erden zu verkünden, doch tatsächlich entpuppen sich die Strände Jamaikas in Nicole Dennis-Benns Debütroman als Hölle auf Erden. Der Text erzählt von Homophobie, Colourism, Mutterschaft und den Traumata des Imperialismus.</p><p>Im Zentrum stehen die Schwestern Margot und Thandie und ihre Mutter Delores. Margot hat zwei Geheimnisse: Sie verkauft ihren Körper an die Gäste des Hotels, für das sie arbeitet, und sie hat eine Geliebte. Thandie, angestachelt von ihrer Mutter, versucht heimlich ihre Haut zu bleichen – denn nur mit heller Haut kann ein weißer, reicher Mann sie lieben, nur eine Heirat bedeutet die Erfüllung der Hoffnung, die in sie gesetzt wird.</p><p>Über 345 Seiten hinweg legt Nicole Dennis-Benn immer wieder neue Seiten ihrer Figuren zutage, die Handlung erreicht dabei zum Ende hin ein Tempo, das selbst die besten Thriller lahm wirken lässt. <em>Here Comes the Sun</em> wie auch Nicole Dennis-Benns zweiter Roman <em>Patsy</em> wurden bisher nicht ins Deutsche übersetzt – das ist dringend nachzuholen! (Marlon)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Queere Freuden</h2><p><em>Hier möchten wir auf Texte, Posts und andere Formate aus dem queeren Themenkosmos verweisen, die uns in den letzten Wochen beschäftigt haben.</em></p><p><em>Germanist – Pazifist – Schwul</em>. Mit diesem Untertitel gibt Wolfgang Popp (1935-2017) seiner Autobiografie <em>Mein Leben</em> eine entscheidende Richtung. Als Literaturwissenschaftler an der Universität Siegen war er Mitherausgeber der Zeitschrift <em>Forum Homosexualität und Literatur</em>, die mit insgesamt 50 Ausgaben zwischen 1997 und 2007 erschien. Außerdem war er Autor von <em>Männerliebe. Homosexualität und Literatur</em>.</p><p>Wolfgang Popp, dessen Name viel zu wenige Menschen kennen, hat das Forschen zur Homosexualität in der Literatur an deutschsprachigen Universitäten entscheidend geprägt – und das in Zeiten, als das Thema noch als zutiefst unliterarisch galt und die AIDS Epidemie neue Ressentiments geschürt hat.</p><p>Seine Autobiographie ist ein wichtiges Zeitdokument deutscher schwuler Geschichte und kann als kostenlose (!) PDF unter dem folgenden Link heruntergeladen werden (Marlon):</p><a href="https://dspace.ub.uni-siegen.de/handle/ubsi/2517">https://dspace.ub.uni-siegen.de/handle/ubsi/2517</a><hr aria-hidden="true"/><h2>In eigener Sache</h2><p>Und noch ein Sommer-Buch: Für die Juni-Ausgabe der <em>Siegessäule</em> hat Marlon Kevin Junks in diesem Frühling erschienenen zweiten Roman <em>Saturns Sommer</em> besprochen. Was das Buch von anderen Sommer-Büchern und klassischen Trauma-Narrativen unterscheidet und wie der Text ein eigenes Verständnis von queerer Zeitlichkeit entwirft, kann man online unter folgendem Link nachlesen:</p><a href="https://cdn.siegessaeule.de/documents/sis_06_23.pdf">https://cdn.siegessaeule.de/documents/sis_06_23.pdf</a>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Newsletter]]></category>
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      <pubDate>Sun, 02 Jul 2023 07:46:25 +0000</pubDate>
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    <item>
      <title><![CDATA["Die Dinge lagen nicht schon immer so wie heute. Und deswegen müssen…]]></title>
      <description><![CDATA[Benno Gammerl: Queer: Eine Deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis Heute (erschienen im Hanser Verlag) (Öffnet in neuem Fenster) Mit Queer: Eine Deutsche Geschichte vom…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>&quot;Die Dinge lagen nicht schon immer so wie heute. Und deswegen müssen sie auch nicht immer so bleiben.&quot; - Ein Gespräch mit dem Historiker Benno Gammerl</h1><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/eb28960b-f8d4-4f95-b93b-d41dba65a75a/uploads/images/7e4t5s5kme/Design%20ohne%20Titel%20(27).png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/queer/978-3-446-27607-9/"><strong>Benno Gammerl: <em>Queer: Eine Deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis Heute</em> (erschienen im Hanser Verlag)</strong> (Öffnet in neuem Fenster)</a></p><p>Mit <em>Queer: Eine Deutsche Geschichte vom Kaisserreich bis Heute</em> legt der Historiker Benno Gammerl das erste populäre Sachbuch vor, das einen Überblick über die Geschichte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans* und Inter*personen in Deutschland vom späten neunzehnten Jahrhundert bis in die Gegenwart gibt.</p><p>Vor zwei Jahren veröffentlichte er mit <em>anders fühlen</em> bereits die erste Emotionsgeschichte schwulen und lesbischen Lebens in der Bundesrepublik. Benno Gammerl lehrt und forscht als Professor für Gender- und Sexualitätengeschichte am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz.</p><p>Zur Veröffentlichung von <em>Queer </em>haben wir ihn interviewt.</p><p><em>1. Sie schreiben im Buch unter anderem auch über queere Zeitläufe, die bei Geschichtsschreibungen zentral sind. Es geht nicht um ein klassisches, chronologisches Fortschrittsnarrativ. Zudem gibt es in den Queer Studies die Idee einer queeren Zeitlichkeit (bspw. bei Jack Halberstam), die unter anderem losgelöst von der Reproduktion ist. Müssen wir Zeit anders verstehen, um queere Geschichte erzählen/erfassen zu können?</em></p><p>Das ist eine große Frage. Mein Buch präsentiert kein lineares Fortschrittsnarrativ, aber der Übersichtlichkeit halber geht es doch chronologisch vor. Ich würde auch nicht sagen, dass queere Zeitlichkeit losgelöst ist von der Reproduktion. In diesem Punkt bin ich anderer Meinung als Lee Edelman, der in seinem Buch „No Future“ argumentiert, dass die Zukünftigkeit, die im heteronormativen Kontext mit der Figur des Kindes verbunden sei, das queeren Wünschen nicht bestimme. Edelman spricht dann vom Todestrieb und solchen Sachen. Ich finde den dagegen erhobenen Einwand überzeugend, dass eine solche Umkehr der zukunftsorientierten Zeitlichkeit unter anderem aus einer Queer of Colour Perspektive keinen Sinn ergibt. Da geht es zuerst ums Überleben, und nicht ums Sterben-Wollen.</p><p>Außerdem gab und gibt es ja auch im queeren Kontext Generationen von Aktivist*innen, die sich miteinander verbinden, Erfahrungen austauschen und weitergeben. Deswegen finde ich das Konzept von queer kinship, so wie es unter anderen Jennifer Evans diskutiert, sehr spannend. Queere Verwandtschaft würde das im Deutschen wohl heißen. Queere Zeitlichkeit wäre dann nicht das Gegenteil einer heteronormativ-reproduktiven Zeitlichkeit, sondern sie würde mit Differenzen und Abweichungen ein anderes, sozusagen quer und daneben liegendes temporales Verlaufen und Verspringen ermöglichen.</p><p>Carolyn Dinshaws Konzept des queer touch across time, der queeren Berührung über zeitliche Abstände hinweg, halte ich deswegen im historischen Sinn für produktiver als die Ansätze von Edelman oder Halberstam. Etwas in diese Richtung habe ich im Buch versucht. Da schieben sich Zeitebenen übereinander: Die Verfolgung von gleichgeschlechtlich begehrenden und gender-nonkonformen Menschen im Nationalsozialismus erscheint im Licht der seit den 1980er Jahren entwickelten Praktiken des Gedenkens und der jüngsten Konflikte darüber, an wen wie erinnert werden sollte.</p><p>Und dieser Streit verknüpft sich wiederum mit der in den Nachkriegsjahren in West wie Ost verweigerten Anerkennung von LSBTI* Personen als Opfer des Nationalsozialismus. So kann die queere Geschichte die gängige Vorstellung von Zeit als geregeltem Vergehen produktiv verwirren.</p><p><em>2. Queeres Leben und Kultur hinterlassen oft nur flüchtige Spuren, auch weil sie mitunter im Verborgenen stattfinden und / oder von offiziellen Institutionen wie Archiven und Museen selten gesammelt werden. Vor welche Herausforderungen stellt dies eine queere Geschichtsschreibung?</em></p><p>Ja, da haben lesbische, schwule und queere Historiker*innen seit den 1970er Jahren viel Recherche- und Sammelarbeit geleistet, Archive aufgebaut, ein Forschungsfeld entwickelt. Heute gibt es Bestände, auf die man zurückgreifen kann. Es gibt Initiativen wie das Netzwerk Museen Queeren Berlin, QueerSearch, den Dachverband deutschsprachiger queerer Archive, Bibliotheken und Sammlungen, oder das DFG-Netzwerk Queere Zeitgeschichten im deutschsprachigen Europa. Kein Vergleich zur Situation von 50 Jahren.</p><p>Trotzdem bleibt es schwierig, gerade den Aspekten queeren Lebens nachzuspüren, die sich bewusst im Unauffälligen oder im Halbdunkel bewegten. Die Oral History bietet da spannende Möglichkeiten, also das Gespräch mit Menschen, die beispielsweise die 1950er oder die 1970er Jahre durchlebt haben. Oder die Taktiken der critical fabulation, also der kritischen Spekulation, die Saidiya Hartman vorschlägt, um Geschichten wieder zu finden, die die offiziellen Institutionen der Erinnerung übergangen haben und verschwinden ließen.</p><p><em>3. Ihr vorheriges Buch war eine Emotionsgeschichte. Ist für die Beschreibung und Erfassung queerer Geschichte ein stärkerer Blick auf Affekte und Emotionen notwendig?</em></p><p>Für jede gute Geschichte ist es notwendig, oder zumindest hilfreich, Gefühle in den Blick zu nehmen. Wut, Angst und so weiter machen Geschichte und haben eine Geschichte, auch jenseits des Queeren. Das Fühlen bewegt sich in den Grenzbereichen zwischen dem Körperlichen und dem Gesellschaftlichen, zwischen Natur und Kultur. Die Emotionen folgen ein Stück weit den sprachlichen Mustern, die uns zur Verfügung stehen, um sie auszudrücken. Aber gleichzeitig fordern sie unser Vokabular, unser Begreifen immer wieder heraus.</p><p>Gerade gleichgeschlechtlich begehrende Menschen erzählen oft davon, dass sie als junge Menschen etwas empfanden, das sie selbst nicht verstehen konnten. Generell können wir unser eigenes Fühlen meist nicht komplett begreifen. Diese Einsicht hilft auch bei der Verabschiedung von der klassisch modernen Vorstellung vom souveränen Subjekt, das sich selbst durchschauen kann. Wir sind nie souverän gewesen, könnte man sagen. Und das hat mit den bio-kulturellen Phänomenen zu tun, die unser Leben prägen.</p><p>Dazu gehört neben den Gefühlen auch die Sexualität. Die Beschäftigung mit dem Gefühlsleben von Schwulen und Lesben in der Bunderepublik hat mir zudem gezeigt, wie wichtig Ambivalenzen, zwiespältige Gefühlslagen für die queere Geschichte und Gegenwart sind. Ebenso wenig wie früher alles nur dunkles Leid war, löst sich heutzutage alles in sonnendurchstrahltem Wohlgefallen auf.</p><p><em>4. Sie beginnen ihr Buch mit der Zeit des Deutschen Kaiserreichs, als die erste Homosexuellenbewegung entstanden ist und dementsprechend auch ein Verständnis von einer kollektiven Identität, die Sexualität und Geschlecht in ihr Zentrum stellt. Denken Sie, es ist möglich, eine queere deutsche Geschichte vor diesen Ereignissen zu rekonstruieren?</em></p><p>Aber unbedingt. Es gibt großartige queere Geschichten zur frühen Neuzeit, zum Mittelalter oder zur Antike. Die Mittelalterhistorikerin Carolyn Dinshaw habe ich schon erwähnt. Da bewegt man sich dann jenseits der Unterscheidung von Hetero- und Homosexualität. Aber es gab trotzdem Frauen, die mit Frauen schliefen, Männer, die weibliche Kleidung trugen, Hermaphroditen und andere Menschen, die wir heute als queer bezeichnen würden.</p><p>Und die Kategorien und Konzepte, die damals verwandt wurden, um diese Phänomene zu begreifen, waren ganz andere als die heutigen. Die übrigens auch andere sind als die, die in den 1970er oder den 1920er Jahren gängig waren. Queere Geschichten, die weiter zurückblicken, zeigen, dass ganz andere Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität möglich und denkbar sind. Das ist der historische Optimismus: Die Dinge lagen nicht schon immer so wie heute. Und deswegen müssen sie auch nicht immer so bleiben.</p><p><em>5. Gibt es queere deutsche Literatur, die Ihrer Meinung nach integraler Bestandteil der deutschen queeren Geschichte ist?</em></p><p>Klar gibt es die. Einiges wird im Buch ja auch erwähnt. Anna Elisabet Weirauchs Romantrilogie <em>Der Skorpion</em> zum Beispiel, ganz entscheidend für das Selbstverständnis frauenliebender Frauen, die sich in den Weimarer Jahren mitunter als Skorpiongeborene bezeichneten. Oder Klaus Manns <em>Der fromme Tanz </em>(1925) und Stefan Zweigs <em>Verwirrung der Gefühle </em>(1927). John Henry Mackays <em>Der Puppenjunge </em>(1926), ebenfalls aus den 1920er Jahren, ein Roman über die Liebe zwischen einem jungen Mann und einem Sexarbeiter, gehört nicht zum gängigen Kanon, aber fand in seiner Zeit ein großes Publikum.</p><p>Nach 1945 schrieben Rolf Italiaander und Hanns Henny Jahnn wichtige Bücher, dann ab den 1970er Jahren Hubert Fichte und Verena Stefan, oder Ralf König. Das ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt. Oft waren queere Literaturen im Populären angesiedelt, kamen als Broschüren oder Groschenhefte heraus, wie die sogenannte Lesbian Pulps der 1950er Jahre. Vieles davon ist heute kaum mehr bekannt und es würde sich in jedem Fall lohnen, da weiter zu suchen und nachzulesen.</p><p>Vielen gleichgeschlechtlich begehrenden und gender-nonkonformen Menschen boten solche Lektüren Spielfelder der Vorstellungskraft, auf denen sie andere Selbstentwürfe und Praktiken des Intimen erproben konnten. Literaturen eröffneten Möglichkeitsräume und sie tun das auch heute noch.</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Interviews]]></category>
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      <pubDate>Mon, 05 Jun 2023 09:08:17 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Nicht alles, was eine Fahne hat, ist queer: Über die…]]></title>
      <description><![CDATA[Ein kritischer Blick auf die Kommerzialisierung des Pride Month und was dabei verloren geht.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Nicht alles, was eine Fahne hat, ist queer: Über die Kommerzialisierung des Pride Month</h1><p>Der <em>Pride Month </em>wird von Jahr zu Jahr immer mehr zu einer Zeit, in der sich vor allem westliche Unternehmen eine Art Wettbewerb zu liefern scheinen, wer mehr Regenbogenflaggen auf bzw. in seinen Produkten integrieren kann. Von der bunten Mayonnaise über den <em>Pride Whopper</em> bis hin zu unzähligen, in Regenbogenfarben getauchten, Firmenlogos - so viel performative Unterstützung, da kann einem schon schwindelig werden.</p><p>Und wütend. Denn - wie zahlreiche Stimmen in den letzten Jahren angemerkt haben - die Kommodifizierung von Pride und Queer erreicht jeden Juni ihren Höhepunkt. Man könnte denken, die queere(n) Bewegung(en) hätte alles erreicht: Akzeptanz soweit das Auge reicht. Doch bleibt bei vielen der eifrigsten Fahnenschwenker*innen bei genauerem Blick wenig mehr als Selbstdarstellung übrig. </p><p>Die Flagge wird meist nur in Ländern und Märkten (denn darum geht es ja eigentlich) gehisst, in denen den Marken kein großer Backlash droht. Gewinne aus Pride-Artikeln werden häufig nicht an queere Organisationen gespendet. Mitunter werden sie sogar in Billiglohnländern unter ausbeuterischen Bedingungen hergestellt, was dem Grundgedanken der queeren Bewegung auf perfideste Art zuwider läuft. </p><p>Das Bild der queeren Community, das in solchen Kampagnen inszeniert wird, ist ein verzerrtes. Normschön, able-bodied, meist jung und ohne sichtbares Begehren strahlen uns unsere (vermeintlichen) Repräsentat*innen von Plakaten und Posts entgegen. Wiedererkennungswert gering. </p><p>Es wird eine Queerness behauptet, die kein Gedächtnis hat, die den Alltag struktureller Diskriminierung nicht kennt und sich selbst feiert, als gäbe es kein Morgen, als hätte ein Gestern nie existiert. Als könnten wir uns alle ohne Angst im öffentlichen Raum bewegen; als würden wir von Unternehmen hofiert, jeder unserer Schritte enthusiastisch beklatscht.</p><p>Doch die Bühne, auf der dieses performative Virtue Signaling geschieht, ist klar umrissen. Am Abend des 30.06. wird sie wieder abgebaut. Der Alltag queerer Menschen, die steigende Anzahl queer-feindlicher Übergriffe, die entwürdigenden, verleumderischen Kampagnen, die gerade gegen das Selbstbestimmungsgesetz gefahren werden, interessieren nicht. Denn wer zu klar Stellung bezieht, läuft Risiko, Zielgruppen zu verprellen.</p><p>An vielen Stellen liest man dieser Tage zurecht den Slogan <em>Queer is a riot</em>. Er soll innerhalb all dieser Einverleibungen daran erinnern, dass es eigentlich darum geht, die Dinge in Frage zu stellen, am binären (Geschlechter-)System zu rütteln und Sichtbarkeiten zu schaffen. Denn wenn eines aus der queeren Geschichte offenkundig geworden sein sollte, dann, dass wir wehrhaft bleiben müssen. Unsere Rechte, unsere gesellschaftliche wie politische Anerkennung, müssen täglich neu verhandelt werden.</p><p>Leere Performativität, die sich schlussendlich nur der Gewinnmaximierung verpflichtet fühlt, sollte uns nicht von unserer Wehrhaftigkeit ablenken. Ein Burger mit zwei gleichen Hälften, von einer zweifelhaften Fast-Food-Kette angeboten, ist kein Indikator für die Akzeptanz queerer Menschen. Im Gegenteil, er ist ein Wachruf dafür, die Deutungshoheit über uns, unsere Geschichte und unsere Anliegen nicht kampflos aufzugeben. </p><p>Damit soll nicht gesagt sein, dass es nicht auch Unternehmen gibt, die mehr als Symbolpolitik betreiben und welche die Sorgen und Nöte der queeren Community ernstnehmen und adressieren. Dies ist in der Regel aber weniger sichtbar, denn dazu gehört weit mehr, als sein Logo einzufärben. (Tobi)</p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Essays]]></category>
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      <pubDate>Mon, 05 Jun 2023 08:50:59 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Queerer Kanon  #12: Die Besonderheiten Queerer Geschichte & Klassiker]]></title>
      <description><![CDATA[Der Historiker Benno Gammerl spricht im Interview über sein neues Buch, wir widmen uns den Besonderheiten queerer Geschichte und stellen zwei Klassiker vor.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Queerer Kanon #12: Die Besonderheiten Queerer Geschichte &amp; Klassiker</h1><p>Liebe Leser*innen,</p><p>der Fokus dieser zwölften Ausgabe unseres Newsletters liegt vor allem auf queerer Geschichte. Dass es queere Menschen und queere Literatur immer schon gegeben hat, ist so unstrittig wie die traurige Tatsache, dass die Spuren queeren Lebens oft nicht gespeichert oder gar ausgelöscht werden.</p><p>Die wachsende Anzahl an queer- und transphoben Gesetzen in einigen US-Bundesstaaten, welche unter anderem queere Literatur aus Bibliotheken verbannen, die reine Thematisierung queerer Existenzen in Schulen unter Strafe stellen, sind nur eines von vielen Beispielen, die aufzeigen, dass die Sicherheit unserer Geschichte und unserer Geschichten oftmals prekär ist.</p><p>Doch es gibt auch Gründe zur Hoffnung und Freude. In diesem Jahr jährt sich unter anderem die Gründung des Spinnboden Lesbenarchivs zum 50. Mal. Darüber hinaus hat der Historiker Benno Gammerl dieser Tage das erste populäre Sachbuch zur queeren Geschichte Deutschlands ab dem Kaiserreich veröffentlicht.</p><p>Zur Veröffentlichung haben wir ihn interviewt und mit ihm über die Möglichkeiten einer queeren Geschichtsschreibung gesprochen. Daran anschließend beschäftigt sich Tobi mit den Besonderheiten queerer Geschichte und Archivologie.</p><p>In unseren Literaturvorstellungen widmen wir uns in diesem Monat drei queeren Klassikern: Marlon stellt Alison Bedchels Graphic Novel <em>Fun Home</em> sowie zwei Erzählungen Hervé Guiberts vor, während Tobi sich einem von Linda Rosenkrantz festgehaltenen Gespräch mit Peter Hujar annimmt.</p><p>Zum Abschluss empfehlen wir euch noch ein Interview mit dem Schwarzen schwulen Künstler und Aktivisten Isaac Julien, Regisseur des Klassikers <em>Looking for Langston</em>, sowie einen längeren Text über Hervé Guibert.</p><p>Diesen Monat waren wir zudem im Buchplausch-Podcast zu Gast und haben mit den Moderatorinnen Anja und Anne über den queeren Kanon, queere Literatur(-geschichte), Sichtbarkeit und Lieblingsbücher gesprochen (die Folge findet ihr <a href="https://www.digitalpublishers.de/artikel/der-buchplausch-sucht-den-queeren-kanon">hier</a>).</p><p>Wie immer freuen wir uns auf euer Feedback, eure Fragen, Vorschläge und Kommentare.</p><p>Tobi &amp; Marlon</p><hr aria-hidden="true"/><h2><em>&quot;Die Dinge lagen nicht schon immer so wie heute. Und deswegen müssen sie auch nicht immer so bleiben.&quot;</em> - Ein Gespräch mit dem Historiker Benno Gammerl</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/eb28960b-f8d4-4f95-b93b-d41dba65a75a/uploads/images/7e4t5s5kme/Design%20ohne%20Titel%20(27).png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/queer/978-3-446-27607-9/"><strong>Benno Gammerl: <em>Queer: Eine Deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis Heute</em> (erschienen im Hanser Verlag)</strong></a></p><p>Mit <em>Queer: Eine Deutsche Geschichte vom Kaisserreich bis Heute</em> legt der Historiker Benno Gammerl das erste populäre Sachbuch vor, das einen Überblick über die Geschichte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans* und Inter*personen in Deutschland vom späten neunzehnten Jahrhundert bis in die Gegenwart gibt.</p><p>Vor zwei Jahren veröffentlichte er mit <em>anders fühlen</em> bereits die erste Emotionsgeschichte schwulen und lesbischen Lebens in der Bundesrepublik. Benno Gammerl lehrt und forscht als Professor für Gender- und Sexualitätengeschichte am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz.</p><p>Zur Veröffentlichung von <em>Queer </em>haben wir ihn interviewt.</p><p><em>1. Sie schreiben im Buch unter anderem auch über queere Zeitläufe, die bei Geschichtsschreibungen zentral sind. Es geht nicht um ein klassisches, chronologisches Fortschrittsnarrativ. Zudem gibt es in den Queer Studies die Idee einer queeren Zeitlichkeit (bspw. bei Jack Halberstam), die unter anderem losgelöst von der Reproduktion ist. Müssen wir Zeit anders verstehen, um queere Geschichte erzählen/erfassen zu können?</em></p><p>Das ist eine große Frage. Mein Buch präsentiert kein lineares Fortschrittsnarrativ, aber der Übersichtlichkeit halber geht es doch chronologisch vor. Ich würde auch nicht sagen, dass queere Zeitlichkeit losgelöst ist von der Reproduktion. In diesem Punkt bin ich anderer Meinung als Lee Edelman, der in seinem Buch „No Future“ argumentiert, dass die Zukünftigkeit, die im heteronormativen Kontext mit der Figur des Kindes verbunden sei, das queeren Wünschen nicht bestimme. Edelman spricht dann vom Todestrieb und solchen Sachen. Ich finde den dagegen erhobenen Einwand überzeugend, dass eine solche Umkehr der zukunftsorientierten Zeitlichkeit unter anderem aus einer Queer of Colour Perspektive keinen Sinn ergibt. Da geht es zuerst ums Überleben, und nicht ums Sterben-Wollen.</p><p>Außerdem gab und gibt es ja auch im queeren Kontext Generationen von Aktivist*innen, die sich miteinander verbinden, Erfahrungen austauschen und weitergeben. Deswegen finde ich das Konzept von queer kinship, so wie es unter anderen Jennifer Evans diskutiert, sehr spannend. Queere Verwandtschaft würde das im Deutschen wohl heißen. Queere Zeitlichkeit wäre dann nicht das Gegenteil einer heteronormativ-reproduktiven Zeitlichkeit, sondern sie würde mit Differenzen und Abweichungen ein anderes, sozusagen quer und daneben liegendes temporales Verlaufen und Verspringen ermöglichen.</p><p>Carolyn Dinshaws Konzept des queer touch across time, der queeren Berührung über zeitliche Abstände hinweg, halte ich deswegen im historischen Sinn für produktiver als die Ansätze von Edelman oder Halberstam. Etwas in diese Richtung habe ich im Buch versucht. Da schieben sich Zeitebenen übereinander: Die Verfolgung von gleichgeschlechtlich begehrenden und gender-nonkonformen Menschen im Nationalsozialismus erscheint im Licht der seit den 1980er Jahren entwickelten Praktiken des Gedenkens und der jüngsten Konflikte darüber, an wen wie erinnert werden sollte.</p><p>Und dieser Streit verknüpft sich wiederum mit der in den Nachkriegsjahren in West wie Ost verweigerten Anerkennung von LSBTI* Personen als Opfer des Nationalsozialismus. So kann die queere Geschichte die gängige Vorstellung von Zeit als geregeltem Vergehen produktiv verwirren.</p><p><em>2. Queeres Leben und Kultur hinterlassen oft nur flüchtige Spuren, auch weil sie mitunter im Verborgenen stattfinden und / oder von offiziellen Institutionen wie Archiven und Museen selten gesammelt werden. Vor welche Herausforderungen stellt dies eine queere Geschichtsschreibung?</em></p><p>Ja, da haben lesbische, schwule und queere Historiker*innen seit den 1970er Jahren viel Recherche- und Sammelarbeit geleistet, Archive aufgebaut, ein Forschungsfeld entwickelt. Heute gibt es Bestände, auf die man zurückgreifen kann. Es gibt Initiativen wie das Netzwerk Museen Queeren Berlin, QueerSearch, den Dachverband deutschsprachiger queerer Archive, Bibliotheken und Sammlungen, oder das DFG-Netzwerk Queere Zeitgeschichten im deutschsprachigen Europa. Kein Vergleich zur Situation von 50 Jahren.</p><p>Trotzdem bleibt es schwierig, gerade den Aspekten queeren Lebens nachzuspüren, die sich bewusst im Unauffälligen oder im Halbdunkel bewegten. Die Oral History bietet da spannende Möglichkeiten, also das Gespräch mit Menschen, die beispielsweise die 1950er oder die 1970er Jahre durchlebt haben. Oder die Taktiken der critical fabulation, also der kritischen Spekulation, die Saidiya Hartman vorschlägt, um Geschichten wieder zu finden, die die offiziellen Institutionen der Erinnerung übergangen haben und verschwinden ließen.</p><p><em>3. Ihr vorheriges Buch war eine Emotionsgeschichte. Ist für die Beschreibung und Erfassung queerer Geschichte ein stärkerer Blick auf Affekte und Emotionen notwendig?</em></p><p>Für jede gute Geschichte ist es notwendig, oder zumindest hilfreich, Gefühle in den Blick zu nehmen. Wut, Angst und so weiter machen Geschichte und haben eine Geschichte, auch jenseits des Queeren. Das Fühlen bewegt sich in den Grenzbereichen zwischen dem Körperlichen und dem Gesellschaftlichen, zwischen Natur und Kultur. Die Emotionen folgen ein Stück weit den sprachlichen Mustern, die uns zur Verfügung stehen, um sie auszudrücken. Aber gleichzeitig fordern sie unser Vokabular, unser Begreifen immer wieder heraus.</p><p>Gerade gleichgeschlechtlich begehrende Menschen erzählen oft davon, dass sie als junge Menschen etwas empfanden, das sie selbst nicht verstehen konnten. Generell können wir unser eigenes Fühlen meist nicht komplett begreifen. Diese Einsicht hilft auch bei der Verabschiedung von der klassisch modernen Vorstellung vom souveränen Subjekt, das sich selbst durchschauen kann. Wir sind nie souverän gewesen, könnte man sagen. Und das hat mit den bio-kulturellen Phänomenen zu tun, die unser Leben prägen.</p><p>Dazu gehört neben den Gefühlen auch die Sexualität. Die Beschäftigung mit dem Gefühlsleben von Schwulen und Lesben in der Bunderepublik hat mir zudem gezeigt, wie wichtig Ambivalenzen, zwiespältige Gefühlslagen für die queere Geschichte und Gegenwart sind. Ebenso wenig wie früher alles nur dunkles Leid war, löst sich heutzutage alles in sonnendurchstrahltem Wohlgefallen auf.</p><p><em>4. Sie beginnen ihr Buch mit der Zeit des Deutschen Kaiserreichs, als die erste Homosexuellenbewegung entstanden ist und dementsprechend auch ein Verständnis von einer kollektiven Identität, die Sexualität und Geschlecht in ihr Zentrum stellt. Denken Sie, es ist möglich, eine queere deutsche Geschichte vor diesen Ereignissen zu rekonstruieren?</em></p><p>Aber unbedingt. Es gibt großartige queere Geschichten zur frühen Neuzeit, zum Mittelalter oder zur Antike. Die Mittelalterhistorikerin Carolyn Dinshaw habe ich schon erwähnt. Da bewegt man sich dann jenseits der Unterscheidung von Hetero- und Homosexualität. Aber es gab trotzdem Frauen, die mit Frauen schliefen, Männer, die weibliche Kleidung trugen, Hermaphroditen und andere Menschen, die wir heute als queer bezeichnen würden.</p><p>Und die Kategorien und Konzepte, die damals verwandt wurden, um diese Phänomene zu begreifen, waren ganz andere als die heutigen. Die übrigens auch andere sind als die, die in den 1970er oder den 1920er Jahren gängig waren. Queere Geschichten, die weiter zurückblicken, zeigen, dass ganz andere Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität möglich und denkbar sind. Das ist der historische Optimismus: Die Dinge lagen nicht schon immer so wie heute. Und deswegen müssen sie auch nicht immer so bleiben.</p><p><em>5. Gibt es queere deutsche Literatur, die Ihrer Meinung nach integraler Bestandteil der deutschen queeren Geschichte ist?</em></p><p>Klar gibt es die. Einiges wird im Buch ja auch erwähnt. Anna Elisabet Weirauchs Romantrilogie <em>Der Skorpion</em> zum Beispiel, ganz entscheidend für das Selbstverständnis frauenliebender Frauen, die sich in den Weimarer Jahren mitunter als Skorpiongeborene bezeichneten. Oder Klaus Manns <em>Der fromme Tanz </em>(1925) und Stefan Zweigs <em>Verwirrung der Gefühle </em>(1927). John Henry Mackays <em>Der Puppenjunge </em>(1926), ebenfalls aus den 1920er Jahren, ein Roman über die Liebe zwischen einem jungen Mann und einem Sexarbeiter, gehört nicht zum gängigen Kanon, aber fand in seiner Zeit ein großes Publikum.</p><p>Nach 1945 schrieben Rolf Italiaander und Hanns Henny Jahnn wichtige Bücher, dann ab den 1970er Jahren Hubert Fichte und Verena Stefan, oder Ralf König. Das ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt. Oft waren queere Literaturen im Populären angesiedelt, kamen als Broschüren oder Groschenhefte heraus, wie die sogenannte Lesbian Pulps der 1950er Jahre. Vieles davon ist heute kaum mehr bekannt und es würde sich in jedem Fall lohnen, da weiter zu suchen und nachzulesen.</p><p>Vielen gleichgeschlechtlich begehrenden und gender-nonkonformen Menschen boten solche Lektüren Spielfelder der Vorstellungskraft, auf denen sie andere Selbstentwürfe und Praktiken des Intimen erproben konnten. Literaturen eröffneten Möglichkeitsräume und sie tun das auch heute noch.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Fabelhafte Explosionen, flüchtige Spuren: Besonderheiten der queeren Geschichtsschreibung und Archivologie</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/eb28960b-f8d4-4f95-b93b-d41dba65a75a/uploads/images/mkilby7nh2/Design%20ohne%20Titel%20(25).png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>&quot;Queeres Leben ist voll von Beispielen fabelhafter Explosionen, die kaum oder gar keine erkennbaren Spuren hinterlassen haben oder deren dokumentarische und artefaktische Überreste nie systematisch zusammengetragen oder angemessen konserviert wurden.&quot;</em></p><p>Diese Beobachtung <a href="https://read.dukeupress.edu/books/book/1560/DeviationsA-Gayle-Rubin-Reader">Gayle Rubins</a> beschreibt ziemlich gut die zentrale Schwierigkeit queerer Geschichtsschreibung. Im Vergleich zu anderen Formen der Geschichte kann eine queere Historiographie nur sehr begrenzt auf institutionelle Archive und verfügbare Erinnerungsstücke zurückgreifen.</p><p>Dies liegt zum einen daran, dass Queers als marginalisierte Minderheit vielerorts lange kriminalisiert wurden bzw. werden, sodass sichtbare Zeugnisse ihres Lebens, ihrer Erfahrung(en) stets mit der Gefahr der Entdeckung und Bestrafung einhergingen und gehen. Zum anderen haben staatliche und andere institutionelle Archive häufig keine queeren Archivalien gesammelt, da sie diese aus verschiedenen Gründen für nicht relevant hielten, ihre Sammlungen am linearen heteronormativen Fortschrittsnarrativ geschult waren und teilweise auch weiterhin sind.</p><p>Dementsprechend sind die Spuren queeren Lebens oftmals nicht sofort auffindbar. Ihnen geht häufig die Materialität der Dokumente ab, die man gemeinhin in klassischen Archiven findet. Vielmehr handelt es sich häufig um Momentaufnahmen, Gesten, flüchtige Rückstände, für die es ein Gespür zu entwickeln gilt. Der kubanoamerikanische Performance- und Kulturwissenschaftler <a href="https://nyupress.org/9781479874569/cruising-utopia-10th-anniversary-edition/">José Esteban Muñoz</a> bezeichnete diese Spuren als &quot;ephemera&quot; und betrachtete sie als Be- und Nachweise queerer Existenz.</p><p>Eine Perspektive, die auch die Philologin Ann Cvetkovich im Rahmen ihres Buches <a href="https://www.dukeupress.edu/an-archive-of-feelings"><em>An Archive of Feelings: Trauma, Sexuality, and Lesbian Public Cultures</em></a> einnimmt, in dem sie die zentrale Bedeutung von Gefühlen und Affekten für queere Archive betont. Wer sich mit queerer Geschichte auseinandersetzt, sie sichtbar machen will, muss den Blick also auf diese flüchtigen Spuren richten, die ihre Protagonist*innen hinterlassen haben.</p><p>Diese &quot;ephemera&quot; sind meist subjektiv, es handelt sich bei ihnen beispielsweise um Gerüchte, Performances, Flyer, &quot;Überreste, die als verstreute und fragmentarische Behältnisse die Aura des Entschwundenen scheinbar bewahren&quot;, wie Gabriele Brandstetter es treffend zusammenfasst. Eine queere Historiographie und Archivologie ist folglich mit der Spurensuche befasst und dementsprechend mit der Archäologie verwandt.</p><p>Diese Spurensuche ist nicht nur topologisch im Sinne einer Kartographie von Beziehungen und Netzwerken zu begreifen, sondern auch als nicht-chronologisch. Denn Queerness produziert, bzw. unterliegt, oftmals anderen, eigenen Zeitlichkeiten. Der Queer-Theoretiker <a href="https://nyupress.org/9780814735855/in-a-queer-time-and-place/">Jack Halberstam</a> sieht sie etwa als &quot;losgelöst von der heteronormativen, reproduktiven Zeitlichkeit, die alle Vorstellungen des (Hetero-)Normalen und der Respektabilität aufrechterhält.&quot;</p><p>Benno Gammerl hingegen sieht in queere Zeitlichkeit in Bezug auf Jennifer Evans queer-kinship-Konzept, einer Art queerer Verwandschaft, &quot;nicht das Gegenteil einer heteronormativ-reproduktiven Zeitlichkeit.&quot; Vielmehr würde sie &quot;mit Differenzen und Abweichungen ein anderes, sozusagen quer und daneben liegendes temporales Verlaufen und Verspringen ermöglichen.&quot; </p><p>Zwar sind queere und heteronormative Zeitläufe an einigen Stellen miteinander verwoben. Sie verlaufen jedoch nicht parallel. Dies hat auf schmerzliche Weise die AIDS-Epidemie in den 1980ern- und frühen 1990ern-Jahren aufgezeigt. Das massenhafte Sterben junger queerer Menschen und der reaktionäre Backlash, durch den viele mühsam erkämpfte Fortschritte zunichte gemacht wurden, zeigten, dass queere Zeitläufe nicht als chronologische Fortschrittsgeschichte zu denken sind.</p><p>Die AIDS-Ära war sozusagen eine Stunde Null in der queeren Zeitrechnung. Sie hatte direkten und indirekten Einfluss auf zwei konträre Ansätze, die in der Queer Theory der Neunziger- und Nullerjahre entstanden: Der &quot;anti-relational / anti-social turn&quot;, der vor allem mit <a href="https://www.hup.harvard.edu/catalog.php?isbn=9780674406209">Leo Bersani</a> und <a href="https://www.dukeupress.edu/no-future">Lee Edelman</a> verbunden wird und ein queerer Utopismus, zu dessen bekanntesten Fürsprecher*innen die bereits erwähnten José Esteban Muñoz und Jack Halberstam gehörten.</p><p>Erstere argumentierten dafür, dass Queers sich in ihrer Außenseiterposition einrichten sollten, statt sich dem heteronormativen Mainstream anzubiedern. Queere Politiken, etwa der Einsatz für die Privilegien Heterosexueller wie die Ehe oder die Möglichkeit, Kinder aufzuziehen, so der Tenor, führten schlussendlich nur zu einer Assimilation. Die Zukunft, so Edelman, sei die Domäne der heterosexuellen Prokreation, symbolisiert in der Figur des Kindes, von der man sich abwenden solle.</p><p>Die Utopist*innen kritisierten diese Perspektive wiederum als zu pessimistisch und bemängelten ihre fehlende Intersektionalität. So konstatierte Muñoz unter anderem, dass sich nur diejenigen bequem in ihrem Status-quo außerhalb des heteronormativen Mainstreams einrichten könnten, die ohnehin in einer privilegierten Situation lebten, also nicht von anderen Diskriminierungen wie Rassismus oder Klassismus betroffen seien. Muñoz und seine Mitstreiter*innen sahen im Blick auf die flüchtigen Spuren der Vergangenheit die Chance, eine queere Zukunft zu imaginieren, eine Art Möglichkeitshorizont.</p><p>Archive und mit ihnen Historiographien sind - folgt man Muñoz - immer Fiktionen. Niemand wisse dies besser als Queers, so der Kubanoamerikaner, &quot;die mit der Fiktion einer gesellschaftlich vorgeschriebenen Heterosexualität zurechtkommen mussten.&quot; Dementsprechend gehört der Entwurf alternativer Genealogien und Narrative zu den ureigensten Praktiken queerer Kultur.</p><p>Als Beispiele hierfür können etwa das von Monique Wittig und Sande Zeig 1976 veröffentlichte alternative Wörterbuch <em>Brouillon pour un dictionnaire des amantes </em>(in der deutschen Übersetzung von Gabriele Meixner/ Verena Stefan 1983 als <em>Lesbische Völker: Ein Wörterbuch </em>erschienen) sowie Larry Mitchells ein Jahr später publizierte Fabel <a href="https://nightboat.org/book/the-faggots-their-friends-between-revolutions/"><em>The Faggots and Their Friends Between Revolutions</em></a> gelten.</p><p>Beide entwerfen am Vorabend der AIDS-Krise queere Genealogien, die lust- und humorvolle Gegenentwürfe zur heteronormativen Gesellschaft bilden und Leser*innen dazu einladen, sich in ihnen zu verorten. Wittigs und Zeigs Vorgehen wurde jüngst im Rahmen von Eva Tepests und Lynn Takeo Musiols <em>dyke-doggischer Enzyklopädie</em> aufgegriffen, die in Tepests Essay-Band <a href="https://www.maerzverlag.de/shop/buecher/literatur/power-bottom/"><em>Power Bottom</em></a><em> </em>(2023) erschienen ist.</p><p>Anhand der historiographischen Aufarbeitung der AIDS-Epidemie, die sich unter anderem in Veröffentlichungen wie Sarah Schulmans <a href="https://us.macmillan.com/books/9780374185138/lettherecordshow"><em>Let the Record Show</em></a> (2021) niederschlägt, verdeutlicht sich zudem, dass eine queere Geschichtsschreibung für diejenigen, die sie unternehmen, auf affektiver wie emotionaler Ebene herausfordernd sein kann. Die queere US-amerikanische Philologin Heather Love fasst dies sehr treffend zusammen:</p><p><em>&quot;Für Gruppen, die durch historische Verletzungen entstanden sind, besteht die Herausforderung darin, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, ohne von ihr zerstört zu werden.&quot;</em></p><p>Dieses &quot;Feeling Backward&quot;, wie Love es in ihrem <a href="https://www.hup.harvard.edu/catalog.php?isbn=9780674032392">gleichnahmigen Buch</a> nennt, geht zurück an die Wunden, die Queers und der queeren Bewegung(en) zugefügt wurden und argumentiert, dass eine bessere Zukunft nur möglich ist, wenn sie adressiert werden.</p><p>Eine an Muñoz und Love geschulte Historiographie queeren Lebens und queerer Kultur im Deutschland der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, die auch die Wunden der Vergangenheit in den Blick nimmt, ist aktuell im Münchner NS-Dokumentationszentrum zu sehen. Die Ausstellung <a href="https://www.nsdoku.de/tobeseen"><em>TO BE SEEN. Queer Lives 1900-1950</em></a> und der von Karolina Kühn und Mirjam Zadoff herausgegebene <a href="https://www.hirmerverlag.de/de/titel-1-1/to_be_seen-2339/">begleitende Katalog</a>, der neben Fotografien eine Vielzahl sehr informativer Essays verschiedener Autor*innen enthält, sind nicht chronologisch, sondern thematisch geordnet.</p><p>Von der &quot;Selbstermächtigung&quot;, die sich mit dem Beginn queerer Emanzipation in Deutschland beschäftigt über die frühe Sexualwissenschaft im Abschnitt &quot;Wissen, Diagnose, Kontrolle&quot; bis hin zu Körperbildern und dem Leben während der NS-Diktatur, wird ein vielschichtiges Kaleidoskop queeren Lebens entworfen. Geschichte besteht hier vor allem aus einzelnen Geschichten, die Zeitläufe werden miteinander verflochten, Gegenwart und Vergangenheit legen sich übereinander, ragen ineinander hinein.</p><p>Benno Gammerls bereits vorgestelltes Buch <em>Queer: Eine deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis heute </em>ist zwar chronologisch aufgebaut, legt jedoch die Zeitebenen neben- und übereinander und macht so Bezüge und (Dis-)Kontinuitäten sichtbar. Wiewohl Gammerl auch diagnostiziert, dass die queeren Zeitläufe oft mit den &quot;vermeintlich größeren Linien der deutschen Geschichte verwoben sind&quot;.</p><p>Neben diesen Veröffentlichungen sind in den vergangenen Jahrzehnten eigene queere Archive entstanden. Oftmals nahmen sie ihren Beginn als counter-archives, Gegen-Archive, deren Gründung notwendig war, da die klassischen institutionellen Archive nur wenige bis gar keine Spuren queeren Lebens enthielten. Zu den Gegen-Archiven im deutschsprachigen Raum zählen unter anderem das <a href="https://www.schwulesmuseum.de/"><em>Schwule Museum*</em></a><em> </em>(1985 gegründet) und das <a href="https://spinnboden.de/"><em>Spinnboden Lesbenarchiv</em></a><em> </em>(1973 gegründet).</p><p>Obgleich beide inzwischen als queere Institutionen gelten, sind sie nach wie vor auf Spenden und ehrenamtliche Unterstützer*innen und Mitarbeiter*innen angewiesen. Denn queere Archivologie und Historiographie wird immer noch vor allem von Queers selbst betrieben. Folgt man einer Beobachtung Sara Ahmeds, lässt sich dieser Umstand damit erklären, dass queere Archive in erster Linie Archive des Ephemeren und nur möglich sind, &quot;weil Queers auf das Flüchtige, auf das Flimmern, auf die Bedeutung dessen, was ankommt, um dann wieder zu verschwinden, eingestellt sind.&quot;</p><p>Darin mag ohne Zweifel viel Wahrheit stecken. Konkret fehlt es aber nach wie vor an vielen Stellen an einem Bewusstsein für die Bedeutung der Sicherung von Spuren queeren Lebens. Sowohl als Identifikationspotenziale für Queers selbst als auch als Zeugnisse einer pluralistischen Gesellschaft. Ein Umstand, den Veröffentlichungen wie die Gammerls und des NS-Dokumentationszentrums sichtbar machen. (Tobi)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Over the Rainbow: Queere Klassiker</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/eb28960b-f8d4-4f95-b93b-d41dba65a75a/uploads/images/tsqvaxpmrk/Design%20ohne%20Titel%20(28).png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><strong>Alison Bechdel: <em>Fun Home: A Tragicomic</em></strong></p><p><em>Fun Home: A Tragicomic </em>ist einer der Klassiker der lesbischen und der queeren Literatur. Alison Bechdel vereint in ihrem erstmals 2006 erschienenen Buch die Form der Memoiren und die der Graphic Novel, um über Identität, Sexualität, Trauer und die schwierige Liebe zu ihrem Vater zu schreiben, einem emotional kalten Mann, der viele Geheimnisse hütet.</p><p>Das Leben der Bechdels in ihrer viktorianischen Villa in einer Kleinstadt in Pennsylvania ist ungewöhnlich. Das Skurrile und das Absurde, unterdrückte Sexualität, die Allgegenwart des Todes – es scheint aus den Versatzstücken des American Gothic zusammengesetzt zu sein. Der Vater ist ein kontrollierender Tyrann, besessen davon, das Haus mit bescheidenen Mitteln zu renovieren, ja, zu perfektionieren. Er lehrt Englisch an der High School und ist der lokale Bestattungsunternehmer. Der Tod ist allgegenwärtig und wird doch mit Ironie auf Abstand gehalten.</p><p>Trotz der allgegenwärtigen Präsenz des Vaters im Haus, ist er doch abwesend. Alison und ihre beiden Brüder kennen den Mann kaum: „He was an alchemist of appearance, a savant of surface, a Daedalus of decor.” Das wird umso deutlicher, als sich Bechdel während ihres Studiums als lesbisch outet. Die Reaktion ihrer Mutter ist verhalten – denn, wie sie ihrer Tochter gesteht, Bechdels Vater hatte vor und während ihrer Ehe zahlreiche Affären mit Männern.</p><p>Zu einer Aussprache kommt es nicht – Bechdels Vater stirbt bei einem Unfall. Zumindest lautet so die offizielle Todesursache. Doch sie ist überzeugt, dass ihr Vater sich umgebracht hat. Mit seinem Tod beginnt der Versuch, ihn und damit auch sich selbst zu verstehen.</p><p>Bechdel nutzt die Literatur, um sich ihrem Vater zu nähern, ihn irgendwie zu fassen zu bekommen. Literarische Verweise auf Proust oder die Odyssee sind der Versuch, sich selbst eine Geschichte über ihren Vater zu erzählen. Denn wie die Helden Homers ist auch er eine Legende, ein Mythos. Der Verweis auf das Fiktionale ist Beweis dafür, dass sie sich der Wahrheit ihres Vaters nur nähern, sie aber nie ganz wird erreichen können.</p><p>Einer Odyssee gleicht auch die Erkundung der eigenen Sexualität. Es sind die Frauen (und Männer), die vor ihr da waren, die ihr diese Reise zu sich selbst ermöglichen. <em>The Well of Loneliness</em>, <em>Rubyfruit Jungle</em>, <em>Orlando</em> und auch <em>Maurice</em> – während ihres Studiums durchforstet Bechdel die Bibliothek auf der Suche nach Büchern mit dem Schlagwort ‚Homosexualität‘. Literatur ist hier der Schlüssel zu einer kollektiven Identität. Es ist nur folgerichtig, dass Bechdel sich durch den Kanon der queeren Literatur liest und nun selbst Teil davon ist.</p><p>Trotz aller Gegensätze teilen Bechdel und ihr Vater mehr als ihre Homosexualität miteinander. In ihrem Unterfangen, ihren Vater nach dessen Tod näher zu kommen, ist stets eine gewisse Distanz zu spüren. Die gleiche Distanz, mit der auch dieser seinen Mitmenschen begegnet ist. Diese Distanz gibt <em>Fun Home</em> stellenweise gar einen essayistischen Charakter und auch darin liegt die Stärke von Bechdels Geschichte. Sie bleibt stets subjektiv, sie maßt sich nicht an, für ihren Vater sprechen zu können.</p><p>Und auch das Besessene ihres Vaters findet sich in den Zeichnungen Bechdels wieder. Immerhin sechs Jahre hat der Entstehungsprozess von <em>Fun Home</em> gedauert, auch weil Bechdel auf selbstgemachte Fotografien zurückgegriffen hat, die ihr als Vorlage dienten. Mit der gleichen Detailversessenheit, mit der ihr Vater das Fun Home eingerichtet hat, hat Bechdel die Panels ihrer Graphic Novel gezeichnet.</p><p><em>Fun Home</em> macht seinen Namen alle Ehre: Bechdel zeichnet das tragisch-komische Portrait einer dysfunktionalen Familie, die gerade wegen ihrer Unzulänglichkeiten umso vertrauter wirkt. Die Geschichte zeichnet sich vor allem auch dadurch aus, dass Bechdel ihren Vater weder verdammt noch vergöttert. Die Erkenntnis, dass Liebe komplex ist und sich nicht auf eine einfache Wahrheit herunterbrechen lässt, mag banal erscheinen, ist hier aber eine komische wie zärtliche Geschichte, die durchaus erkenntnisreich ist. </p><p>Eine Neuauflage der deutschen Übersetzung von Sabine Küchler und Denis Scheck ist in diesem März <a href="https://www.kiwi-verlag.de/buch/alison-bechdel-fun-home-9783462005943">bei Kiepenheuer &amp; Witsch erschienen</a>. (Marlon)</p><p></p><p><a href="https://magichourphoto.org/books/peter-hujars-day"><strong>Linda Rosenkranz: <em>Peter Hujar&#39;s Day</em> (erschienen bei Magic Hour Press)</strong></a></p><p>Dem US-amerikanischen Fotograf Peter Hujar begegnet man in der queeren Literatur immer wieder. Er war unter anderem mit Susan Sontag, Fran Lebowitz, und Linda Rosenkrantz befreundet, die er fotografierte und für deren Autor*inneporträts er verantwortlich war. Eine Zeit lang war er der Geliebte David Wojnarowicz&#39; mit dem ihn bis zu seinem Tod eine enge Freundschaft verband. Wojnarowicz beschrieb Hujars Sterben an AIDS in seinem Essay <em>Living Close to the Knives</em>.</p><p>In den 2010er-Jahren erlangte Hujar durch Hanya Yanagihara erneut (queer-)literarische Bekanntheit. Letztere verwendete dessen Fotografie <em>Orgasmic Man </em>(1969) für das Cover ihres Bestsellers <em>A Little Life </em>(2015). In Linda Rosenkrantz 2021 herausgegebenem Band <em>Peter Hujar&#39;s Day</em> kommen die Leser*innen ihm sehr nahe, folgen sozusagen seinen eigenen Worten.</p><p>Denn Rosenkrantz&#39; Konzept, das ihrem Buch <em>Talk</em> (1975) entstammt, ist so einfach wie genial: Sie bittet Hujar an einem bestimmten Tag, dem 18. Dezember 1974, alles zu notieren, was er vom Aufstehen bis zum Schlafengehen gemacht hat. Hujar willigt ein. Doch dann vergisst er, sich Notizen zu machen. Rosenkrantz ruft ihn an, er fertigt ein Erinnerungsprotokoll an und erzählt ihr seinen Tagesablauf danach via Telefon.</p><p><em>Peter Hujar&#39;s Day</em> ist das Gesprächsprotokoll ebenjenes Telefonats. Darin treffen wir unter anderem auf Allen Ginsberg, Susan Sontag und Fran Lebowitz. Es wird geklatscht, diskutiert, warum eine Couch zentral ist, um Sex zu haben und die körperlichen Veränderungen des Alters beklagt. All das mit großer Vertrautheit und beschwingter Leichtigkeit.</p><p>Hujar erweist sich im Gespräch als wacher Geist, der seine Umgebung genau wahrnimmt, kritisch mit sich selbst ist und ein Auge für die Besonderheiten des Alltäglichen hat. Man merkt Rosenkrantz&#39; Buch an, dass die beiden eine lebenslange enge Freundschaft verband. Nichts wirkt gekünstelt, vielmeher entsteht der Eindruck, zufällig einem Gespräch beizuwohnen, ohne dass es voyeuristisch wird.</p><p>Ganz nebenbei entwickelt sich im Hintergrund ein Porträt des New Yorks der Mittsiebzigerjahre, in dem die Stadt weit weg von Gentrifizierung und Respektabilität war. Abgerundet wird <em>Peter Hujar&#39;s Day</em> von einem informativen, persönlichen Vorwort Stephen Kochs, den einst Susan Sontag mit Hujar bekannt machte und der dessen Erbe verwaltet.</p><p>Und so ist Rosenkrantz&#39; Buch eine Zeitkapsel, in der einer der stilprägendsten Fotografen des zwanzigsten Jahrhunderts als Mensch hervortritt. Ein Teil queerer Geschichte, der so berührend wie heutig wirkt. (Tobi)</p><p></p><p><a href="https://www.albino-verlag.de/produkt/guibert-vincent-marokko"><strong>Hervé Guibert: <em>Verrückt nach Vincent / Reise nach Marokko</em> (aus dem Französischen Von JJ Schlegel, erschienen im Albino Verlag)</strong></a></p><p>Die beiden autofiktionalen Erzählungen <em>Verrückt nach Vincent</em> (1989) und <em>Reise nach Marokko</em> (1982) legen Zeugnis ab von der Obsession Hervé Guiberts gegenüber dem jungen Vincent, die ihn viele Jahre bis fast zu seinem Tod verfolgt hat. Im Albino Verlag sind beide Erzählungen, in der Übersetzung von JJ Schlegel, erstmals gemeinsam erschienen.</p><p><em>„Was war es? Eine Leidenschaft? Eine Liebe? Eine erotische Zwangsvorstellung? Oder eine meiner Erfindungen?“</em></p><p>Was die Texte eint, ist mehr als ihr Sujet, es ist auch ihre Form: Beide gleichen sie einem Tagebuch, bestehend aus oft skizzenhaften Szenen, die zu perfekt erscheinen, um einfach runtergeschrieben worden zu sein. Doch Guibert hat dieses Schreiben – in Anlehnung an Thomas Bernhard und Roland Barthes – jahrelang mit seinen Tagebucheinträgen perfektioniert. Und so verwundert es auch kaum, dass sich viele der Passagen aus den Erzählungen in seinen Tagebüchern wiederfinden.</p><p><em>Verrückt nach Vincent</em> beginnt mit dem Ende, dem Sprung Vincents aus einem Fenster in den Tod, und arbeitet sich von dort zum Beginn ihrer Beziehung vor. Diese Rückwärtserzählung ist der Versuch, sich freizuschreiben von den Demütigungen, die diese Liebe, dieses Verrücktsein, geprägt haben. Indem Guibert den Anfang ans Ende setzt, vermag er zumindest in der Fiktion zur Unschuld zurückkehren.</p><p>Vincent selbst ist nicht schwul, er weist Guibert aufs Grausamste zurück, nur um ihn wieder von sich abhängig zu machen. In dieser Hinsicht sind Vincent und Guibert Spiegelfiguren: So wie sich Vincent für seine Drogensucht erniedrigt, erniedrigt sich Guibert für seine Sucht nach Vincent.</p><p>Dass der Albino Verlag ‚<em>Verrückt nach Vincent</em>‘ an den Anfang des Buches gestellt hat, um Guiberts rückwärtsgewandtes Schreiben fortzusetzen, ergibt auch dramaturgisch Sinn. Der sieben Jahre später erschienene Text hat mehr Zugkraft und ist rein objektiv die stärkere Erzählung.</p><p>Denn in <em>Reise nach Marokko</em> verliert sich Guibert vor allem in der ersten Hälfte des Textes, in seinem Versuch eine exotische Fremde zu evozieren, die über die Liebe zu einem Jüngling eine Rückkehr zur Unschuld verspricht, in allerlei (rassistischen) Klischees. Darüber kann auch sein bereits hier perfektionierter Stil nicht hinwegtäuschen, der es gerade deswegen oft nicht vermag, seine Leser*innen zu betören. Auch die Thematisierung der Päderastie, die hier im Kontext der Zeit und als Hommage an André Gide (und Oscar Wilde) gelesen werden muss, wird die moderne Leser*innenschaft vermutlich vor den Kopf stoßen.</p><p>Dabei darf nicht vergessen werden, dass es Guibert nicht wirklich um Päderastie geht. Vielmehr dient sie als Mittel zum Zweck, als Ausdruck dessen, was unerreichbar bleiben muss: die kindliche Unschuld. Und nur ein Schriftsteller wie Hervé Guibert kann mit einer denkbar verstörenden Szene ausdrücklich zeigen, dass sein sexuelles Begehren ein anderes ist.</p><p>Hervé Guibert, der sich in Paris auch einen Namen als Photograph und Photographiekritiker gemacht hatte, hat einst sein Schreiben mit seinen Photographien verglichen. Hier liegt das radikale Potential seines schriftstellerischen Werkes verborgen: Im Hinschauen, im nicht Beschönigen oder Retuschieren der eigenen Ungeheuerlichkeit. Und das ist – in all seiner Unvollkommenheit – stets lesenswert. (Marlon)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Queere Freuden</h2><p><em>Hier möchten wir auf Texte, Posts und andere Formate aus dem queeren Themenkosmos verweisen, die uns in den letzten Wochen beschäftigt haben.</em></p><p>Bis August widmet die <em>Tate Britain</em> in London dem schwulen Schwarzen britischen Künstler und Regisseur Isaac Julien die Retrospektive <em>What Freedom is to Me</em>. Julien wurde unter anderem durch seinen experimentellen Film <a href="https://www.youtube.com/watch?v=PReIgWlRw2E"><em>Looking for Langston</em></a><em> </em>(1989)<em> </em>bekannt, einer Mischung aus Dokumentation und Fiktion, in der er unter anderem dem Leben des schwulen Scharzen Dichters Langston Hughes nachspürte, der zu den wichtigsten Stimmen der <em>Harlem Renaissance</em> zählte.</p><p>Der Film enthielt auch Gedichte und Texte von Essex Hemphill und James Baldwin und kontrastierte das New York der 1920er und 30er-Jahre mit zeitgenössischen Aufnahmen. Im Guardian ist vor kurzem ein vielschichtiges, tiefgründiges Interview mit Isaac Julien erschienen, das der Schwarze queere Schriftsteller Paul Mendez, Autor des Romans <a href="https://www.dialoguebooks.co.uk/titles/paul-mendez-2/rainbow-milk/9780349700588/"><em>Rainbow Milk</em></a><em> </em>(2020), mit ihm anlässlich der Retrospektive geführt hat. Der von Isabella Maidment <a href="https://www.hirmerverlag.de/de/titel-2-2/isaac_julien-2475/">herausgegebene Katalog</a> zu Juliens Retrospektive ist im Hirmer Verlag erschienen. (Tobi)</p><a href="https://www.theguardian.com/artanddesign/2023/apr/24/artist-isaac-julien-tate-britain-what-freedom-is-to-me">https://www.theguardian.com/artanddesign/2023/apr/24/artist-isaac-julien-tate-britain-what-freedom-is-to-me</a><p>In den letzten Jahren wird das Werk des französischen Schriftstellers Hervé Guibert nach und nach wiederentdeckt und neu aufgelegt. Im angloamerikanischen Raum erschienen zahlreiche neue Übersetzungen und Neuausgaben. Und auch in Deutschland scheint die &quot;Guibertssance&quot; im Gange, wie etwa die von Marlon besprochene Neuauflage zweier seiner Erzählungen im Albino Verlag zeigt.</p><p>Für das Magazin der AIDS-Hilfe widmet sich Axel Schock Guibert anhand der Neuausgaben seiner Werke <em>Dem Freund, der mir das leben nicht gerettet hat</em> und <em>Zytomegalievirus </em>(beide 2021 in der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel im August Verlag erschienen) sowie dem von Hans Georg Berger herausgegebenen Bildband <em>Phantomparadies </em>(2019 bei Salzgeber erschienen). (Tobi)</p><a href="https://magazin.hiv/magazin/gesellschaft-kultur/aids-klassiker-von-herve-guibert-neu-aufgelegt/">https://magazin.hiv/magazin/gesellschaft-kultur/aids-klassiker-von-herve-guibert-neu-aufgelegt/</a><hr aria-hidden="true"/>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Newsletter]]></category>
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      <pubDate>Sun, 21 May 2023 08:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Queerer Kanon #11: Power Bottoms, Geister, Utopien & Klassiker]]></title>
      <description><![CDATA[Eva Tepest sprengt die Binaritäten, Randall Kenan lässt die Geister einfallen, Elisabeth Klar bringt Quallen zum leuchten und Magnus Hirschfeld ist immer noch aktuell. ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Leser*innen,</p><p>in der kommenden Woche findet die Leipziger Buchmesse erstmals seit 2019 wieder regulär statt. Im Rahmen des Begleitprogramms gibt es auch wieder einige queere Veranstaltungen, unter anderem die<em> </em><a href="https://www.leipziger-buchmesse.de/pco/de/buchmesse/63e516325f777f7be603fe5d"><em>Lesbische Büchernacht &amp; Queer Party</em></a><em> </em>(28.04.2023).</p><p>Nach und nach werden gerade die Herbstprogramme der deutschen Verlage veröffentlicht. Bisher haben wir schon eine ganze Reihe queerer Titel erblicken können, auf die wir uns freuen. Ein besonderes Highlight ist die neue, von Magda Birkmann und Nicole Seifert kuratierte Buchreihe <a href="https://www.boersenblatt.net/news/buchhandel-news/magda-birkmann-und-nicole-seifert-geben-eigene-reihe-heraus-284023">„Wiederendeckte Schätze des 20. Jahrhunderts“</a> des Rowohlt Verlags. Unter den ersten drei Titeln ist mit Mary Renaults <a href="https://www.rowohlt.de/buch/mary-renault-freundliche-junge-damen-9783499012808"><em>Freundliche junge Damen</em></a><em> </em>(aus dem Englischen von Gertrud Wittich) auch ein queerer Klassiker aus dem Jahr 1944 enthalten.</p><p>Besonders gefreut haben wir uns auch über die Nachricht, dass der Clemens-Brentano-Preis für Literatur der Stadt Heidelberg in diesem Jahr an Yael Inokai für ihren queeren Roman <em>Ein simpler Eingriff</em> geht. In unserer nunmehr elften Ausgabe widmet sich Tobi mit Eva Tepests <em>Power Bottom</em> einer Essay-Sammlung, die auf wohltuende Weise Binaritäten sprengt, sowie mit Magnus Hirschfelds <em>Berlins Drittes Geschlecht</em> einem 120 Jahre alten Klassiker, der sich überraschend heutig liest.</p><p>Marlon taucht indes ab in die queere Natur von Elisabeth Klars Roman <em>Es gibt uns</em>, der lustvoll die Grenzen des Menschlichen überschreitet und stellt mit Randall Kenans <em>Der Einfall der Geister </em>einen wichtigen Meilenstein der Schwarzen schwulen Literatur vor, der nach 33 Jahren nun erstmals in einer deutschen Übersetzung erschienen ist.</p><p>Im Rahmen von <em>Queere Freuden </em>erwarten euch zudem Links zu Texten, die uns in der letzten Zeit beschäftigt haben.</p><p>Wie immer freuen wir uns auf euer Feedback, eure Fragen, Vorschläge und Kommentare.</p><p>Tobi &amp; Marlon</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Der Schleim der Tage: Elisabeth Klars <em>Es gibt uns</em></h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8993431b-2445-453d-80ff-3dd2a557ab96/uploads/images/egmftt3evt/Design%20ohne%20Titel%20(21).png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><a href="https://www.residenzverlag.com/buch/es-gibt-uns"><strong>Elisabeth Klar: <em>Es gibt uns</em> (erschienen im Residenz Verlag)</strong></a></p><p><em>„Was tut ihr hier?, fragte xer Verbliebene. Das Gewicht abschütteln, sagte eines der Kinder, und ein anderes packte xien sogleich am Arm, mit einer unangemessen anmutenden Dringlichkeit: Komm, tanz, tanz, sonst sind wir verloren.“</em></p><p><em>Es gibt uns </em>von Elisabeth Klar erzählt von der Natur – den Tieren, den Pflanzen und den Pilzen, Schuppentierchen und Schleimtierchen – und dem Versuch, ihr mit Sprache beizukommen. Der Roman erzählt von Titania, Oberon und dem Müxerl, dem rauschenden Fest Walpurgis und dem Tanz. Der Tanz, der eine konstante Bewegung ist, ein Rausch, ein einander Umarmen, ein sich willkommen heißen, ein Verschmelzen, ein ineinander einbrechen von zwei Wellen.</p><p>Der Roman spielt in der fernen Zukunft, in der postapokalyptischen Stadt Anemos. Genauer gesagt in einer Zeit, in der sich das komplexe Leben im Niedergang befindet und das Myxozän bevorsteht, das Zeitalter, in dem der Schleim alles beherrschen wird. Begriffe haben kaum noch eine Bedeutung, die Lebensbedingungen ändern sich ständig. Spezies verschwinden täglich, neue kommen hinzu<em>: „Was bin ich? Was bist du? Unsere Spezies haben alle keine Namen.“</em> Was bleibt ist das Spiel der Pronomen – sie, er, es oder xier, nin, per, hän – um der Vielfalt der Natur beizukommen, die noch nie binär war.</p><p>Leser*innen werden mit einem Stück im Stück konfrontiert. <em>Es gibt uns</em> sprengt temporale wie räumliche Grenzen, die Einheit von Ort und Zeit des Aristotelischen Theaters werden aufgehoben. Denn es ist Walpurgis und es wird „<em>ein Fest beschworen, das erst kommen wird, das jedes Jahr kommt, und zugleich ein Fest erinnert, das so nur ein einziges Mal vor vielen Jahren stattgefunden hat“</em>. Anemos ist nach der Blume benannt, die an jeder Ecke blüht – auch in anderen Städten. Und deswegen könnte Anemos auch jede andere Stadt sein. Zugleich ist sie mehr. Ein Symbol, weil sie nicht der Schwere anheimgefallen ist, weil sie mit dem Tanz aufbegehrt, weil sie wütet, aufbegehrt am Ende des Tages.</p><p>Die Figuren sind Shakespeares <em>A Midsummer Night’s Dream</em> entsprungen – hier wohnen an der Grenze zu Athen in einem Wald die Feen Oberon und Titania. In Klars Roman begegnen wir ihren mutierten Versionen, einer Titania mit einem Geweih und einem Spinnenwesen auf dem Rücken und Oberon, einx Quallentier. Xier war in Symbiose mit bakteriellen Flora für die Trinkwasseraufbereitung in Anemos zuständig. Und dann ist da noch das Müxerl, dem Schleimaal verwandt, entfernt auch den Nacktkiemern, das die Aufgaben Oberons übernehmen musste, nachdem xier gestorben ist. Wo Shakespeare artenübergreifende Beziehungen noch mit derben Humor dargestellt hat, führt Elisabeth Klar dieses Konzept im Sinne einer queeren Natur konsequent an seine Grenzen.</p><p>Wie viele Vertreter*innen des Nature Writings stellt sich auch <em>Es gibt uns</em> die Frage, wie Natur überhaupt sprachlich fassbar ist. Diese Form des Schreibens hinterfragt sich selbst, ist – wie das Stück im Stück – Performanz. Elisabeth Klar beschreibt eine Welt, in der sich die Grenzen derart verschoben haben, dass selbst Kategorien wie Leben, Tod und Sex neu gedacht werden müssen. Shakespeares Oberon lässt mit dem Saft eines Wilden Stiefmütterchens seine Umgebung in eine unfreiwillige Liebesraserei verfallen. Die Bewohner*innen von Anemos gehen eine freiwillige Beziehung mit den Blüten einer Pflanze ein, die Titania in ihren Gewächshäusern aufzieht. Sie legen die Blüten auf ihre Körper <em>„und denken an Hitze und Schweiß, an Lust und Rausch.“</em> Sex kann im übertragenen, wie im wörtlichen Sinne einen kleinen Tod bedeuten. Denn was bedeutet der Tod noch, wenn Körper im wahrsten Sinne des Wortes miteinander verschmelzen können?</p><p><em>Es gibt uns</em> ist verspielt, aber nie verkopft. Es wäre ein Leichtes, den Roman aufgrund seiner Referenzen und seiner Thematik als ein Buch für Literaturwissenschaftler*innen abzutun, so wie auch Barbaras Frischmuths Kategorisierung des Textes als „posthumanistischer Utopieroman“ diesem nur bedingt gerecht wird. Denn Elisabeth Klar erzählt hier von einer queeren Natur, vom Schleim und vom Tanz, von Konsens, Ektase und körperlicher Autonomie, von der Sprache und von der Hoffnung. Letzten Endes hat sie damit das seltene Kunststück vollbracht, einen Roman zu schreiben, der sich nur selbst beschreiben kann. (Marlon)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>&quot;Ein fliegender Pfeil ins Ungreifbare&quot; - Eva Tepests <em>Power Bottom</em></h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8993431b-2445-453d-80ff-3dd2a557ab96/uploads/images/myc3r5k3oe/Design%20ohne%20Titel%20(16).png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Eva Tepests &quot;Power Bottom&quot; Buch als Bild"/><p><a href="https://www.maerzverlag.de/shop/buecher/literatur/power-bottom/"><strong>Eva Tepest: <em>Power Bottom</em> (erschienen im MÄRZ Verlag)</strong></a></p><p>Schon der Titel von Eva Tepests Essay-Band lässt erahnen, dass die darin versammelten Texte Binaritäten in Frage stellen, sich von ihnen weg bewegen. Denn ein Power Bottom mag im ersten Moment wie ein Oxymoron klingen. Er geht aus der (vermeintlich) binären Aufteilung des schwulen penetrativen Sex hervor: Der Bottom wird penetriert, empfängt, ist unten, ist passiv. Der Top ist dementsprechend der Penterierende. Und damit vielleicht auch das Patriarchat.</p><p>Power Bottom zu sein stellt dieses scheinbar so klare Machtverhältnis lustvoll in Frage. Die Rolle vereint Sub- und Objektivität in sich, will Bottom sein, nimmt sich, was sie braucht und genießt es. Eine Figur der sexuellen Selbstbestimmung, die um die Hybris des Begehrens weiß. Um genau diese Hybris geht es auch im ersten, gleichnamigen, Essay in Tepests Band. Lässt sich das Begehren mit dem eigenen Feminismus, der eigenen Politik vereinen? Sind sexuelle Entmächtigungsfantasien politisch? Welche Rolle spielt die Scham bei alledem?</p><p>Tepests Texte stellen diese und andere Fragen. Ausgehend vom eigenen Erleben beziehen sie andere Autor*innen und Wissenschaftler*innen mit ein. Darunter wegweisende queere Künstler*innen wie Eileen Myles und Monique Wittig. &quot;Ich hatte meine Lust an den Auslassungen und den Geheimnissen entdeckt - der Vermutung, was das Andere, Angedeutete, Unausgesprochene bedeuten könnte&quot;, heißt es an einer Stelle.Besser lässt sich Tepests Vorgehen in <em>Power Bottom</em> schwer beschreiben.</p><p>Man könnte es das poetologische Prinzip des Buches nennen. Tepest entwickelt für ebenjene Auslassungen, das Andere, Unausgepsrochene, eine eigene Sprache, eigene Bilder für Dinge, die sich oftmals dem sprachlichen Zugriff entziehen. Ob Queerness, Religion, Sex, sexuelle Gewalt, Scham oder Handlungsmacht. Erstere wird unter anderem etwa als &quot;ein unmöglicher Möglichkeitsraum, »what is and what is not the case«, ein fliegender Pfeil auf dem Weg ins Ungreifbare&quot; bezeichnet. Darin liege die Chance als auch das Risiko.</p><p>Dieser unmögliche Möglichkeitsraum hat gleichsam utopisches Potenzial, wie spätestens im letzten Text klar wird, in dem Tepest gemeinsam mit Lynn Takeo Musiol eine dyke-doggische Enzyklopädie entwickelt, die an Monique Wittigs und Sande Zeigs alternatives Wörterbuch <em>Lesbian Peoples: Material for a Dictionary </em>(1976) angelehnt ist. Eine Aneignung und Umdefinierung bekannter Begriffe, die Erschaffung einer alternativen Genealogie, ist an sich schon ein queerer Akt, weil er tradierte Bedeutungen (ab)löst und einen vieldeutigen Möglichkeitshorizont eröffnet.</p><p>Und so bildet <em>Power Bottom </em>selbst eine Art Möglichkeitshorizont außerhalb des Binären. Tepests Texte stellen Fragen, wechseln mitunter die Richtung, sind so elliptisch wie präzise, erkennen (vermeintliche) Widersprüche als Chance und Ausgangspunkt, nicht als Ende des Diskurses. Dabei spiegeln sich Form und Inhalt, Lyrik und Prosa vermischen sich so inspirierend wie konsequent. <em>Power Bottom </em>kann auch als Einladung gelesen werden, das Diskursfeld zu erweitern, den Raum zu betreten.</p><p>Und das alles mit Spaß, Mut und Freude. Eva Tepest hat ein Buch geschrieben, bei dem man während der Lektüre merkt, wie sehr es bisher gefehlt hat. Umso schöner, dass wir es nun haben. (Tobi)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Over the Rainbow: Queere Klassiker</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8993431b-2445-453d-80ff-3dd2a557ab96/uploads/images/few5wh3v3j/Design%20ohne%20Titel%20(20).png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><a href="https://salzgeber.de/de/buch/hirschfeld-berlins-drittes-geschlecht/"><strong>Magnus Hirschfeld: <em>Berlins Drittes Geschlecht</em> (aktuell noch lieferbar in der 1991 beim Verlag rosa Winkel erschienenen Ausgabe)</strong></a></p><p>Magnus Hirschfeld nimmt fraglos eine zentrale Position in der queeren Geschichte Westeuropas ein. Der Arzt und Sexualwissenschaftler gründete unter anderem das Berliner <em>Institut für Sexualwissenschaft </em>(1919-1933) und war ein früher Kämpfer für die Gleichstellung homosexueller und trans Personen. Seine Forschungsergebnisse und Thesen hielt er auch in Büchern und Pamphleten fest.</p><p>Mit <em>Berlins Drittes Geschlecht</em> erschien 1904 eines seiner wichtigsten Werke, das inzwischen zum queeren Klassiker geworden ist. Darin beschreibt er die damalige Situation von Menschen, die sich nicht in die binäre Geschlechterordnung einordnen lassen, und setzt sich für ihre Anerkennung und Akzeptanz ein. Viele seiner Beobachtungen lesen sich dabei irritierend aktuell. So zeichnet er ein differenziertes Bild vom Berlin der Jahrhundertwende, in dem es eine ganze Reihe schwuler und lesbischer Versammlungsorte gab, welche die Stadt prägten:</p><p><em>&quot;Wer das Riesengemälde einer Weltstadt wie Berlin nicht an der Oberfläche haftend, sondern in die Tiefe dringend erfassen will, darf nicht den homosexuellen Einschlag übersehen, welcher die Färbung des Bildes im einzelnen und den Charakter des Ganzen wesentlich beeinflusst.&quot;</em></p><p>Mit dem dritten Geschlecht des Titels bezeichnet Hirschfeld Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau identifizieren. Dabei konstatiert er ein weit verbreitetes gesellschaftliches Unverständnis und eine große Ignoranz gegenüber diesen Menschen, gepaart mit Diskriminierung und Stigmatisierung. Hirschfeld argumentiert, dass dies auf der binären Geschlechterordnung beruhe, welche die Vielfalt menschlicher Identitäten und Erfahrungen nicht angemessen berücksichtige.</p><p>Um seine Thesen zu unterstützen, präsentiert Hirschfeld zahlreiche Fallstudien von Menschen, die sich als Teil des dritten Geschlechts identifizieren. Anhand dieser Beispiele zeigt er auf, dass es sich hierbei nicht um eine Abweichung oder Krankheit, sondern um einen Teil der menschlichen Vielfalt handelt, die in vielen Kulturen und Epochen der Geschichte vorkommt. Hirschfeld bekräftigt die Notwendigkeit, das dritte Geschlecht anzuerkennen und zu akzeptieren, um eine gerechtere und inklusivere Gesellschaft zu schaffen.</p><p>Des Weiteren tritt er für eine Trennung von Geschlecht und Sexualität ein und erläutert, dass es eine Vielzahl sexueller Orientierungen gäbe, die unabhängig vom Geschlecht seien. Die Gesellschaft, so Hirschfeld, fördere zudem aktiv die Geschlechterstereotype, was zu einer Einschränkung der Freiheit und Individualität von Menschen führe. Dies wohlgemerkt rund 70 Jahre vor der von Gayle Rubin populär gemachten Distinktion zwischen biologischem und sozialen Geschlecht, die auch bei Hirschfeld schon durchscheint.</p><p>Darüber hinaus wirft der Sexualwissenschaftler seinen Blick auch auf die damaligen medizinischen und rechtlichen Aspekte des dritten Geschlechts. Er beschreibt die verschiedenen medizinischen Theorien und rechtlichen Ansichten, die zu dieser Zeit existierten, und stellt fest, dass viele von ihnen auf Vorurteilen und Stereotypen basierten.</p><p>Auch wenn es vielleicht so klingen mag, ist <em>Berlins Drittes Geschlecht</em> kein akademische Fachbuch. Im Gegenteil, Hirschfeld wollte mit der Publikation auch die Zivilbevölkerung erreichen und erweist sich als versierter Schriftsteller, dessen Prosa auch nach knapp 120 Jahren noch frisch und bildhaft wirkt. <em>Berlins Drittes Geschlecht</em> besticht nicht nur durch sein Plädoyer für die Rechte und Akzeptanz von queeren Menschen, es ist auch ein ebenso empathischer wie an einigen Stellen überraschend humorvoller Text. Ein Sittengemälde der deutschen Hauptstadt, das aufzeigt, wie vielfältig queeres Leben auch Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts schon war.</p><p>Die 1992 im Verlag rosa Winkel erschienene Ausgabe, die über den stationären Buchhandel weiterhin verfügbar ist, enthält zahlreiche Fotografien, ein sehr informatives Nachwort des Herausgebers Manfred Herzer sowie den 1904 erschienenen Text <em>Ein Besuch bei den Homosexuellen in Berlin</em> des Psychiaters und Kriminologen Paul Näcke. (Tobi)</p><hr aria-hidden="true"/><p><a href="https://www.suhrkamp.de/buch/randall-kenan-der-einfall-der-geister-t-9783518430811"><strong>Randall Kenan: <em>Der Einfall der Geister</em> (aus dem Amerikanischen von Eva Bonné und Aminata Cissé, erschienen bei Suhrkamp)</strong></a></p><p>Die Geister sind hartnäckig in Tims Creek, einer ländlichen Kleinstadt im amerikanischen Süden. Mehr als das, sie ist äußerst lebendig, diese geisterhafte Herde, die alles zertrampelt, was ihr in den Weg kommt, Rasenflächen, Blumen, Sträucher und Bäume, und nur darauf wartet, geschlachtet zu werden.</p><p>‚<em>Der Einfall der Geister</em>‘ ist der erste Roman des Schriftstellers Randall Kenan (1963-2020). Im Original bereits 1989 erschienen, erregte er ursprünglich recht wenig Aufmerksamkeit. Erst mit dem Erfolg der Kurzgeschichtensammlung <em>Let the Dead Bury Their Dead</em> (1992) änderte sich das und Kenans Debüt erhielt den Status eines schwulen Klassikers. Dass man den Roman heute eher zu den vergessenen Klassikern der schwulen Literatur zählt, hat vermutlich auch mit einem seiner zentralen Motive zu tun: Der scheinbaren Unvereinbarkeit einer schwulen und Schwarzen Identität.</p><p>Bereits James Baldwin sah sich in den frühen 50ern mit der gleichen Herausforderung konfrontiert. Homosexualität, so das Vorurteil, war ein Produkt der Sklaverei oder entstand durch den Kontakt mit Weißen – darüber zu schreiben, kam einem Verrat gleich. Wie auch der offen homosexuell lebende Bürgerrechtsaktivist Bayard Rustin galt Baldwin bei vielen genau deswegen als Verräter. Randall Kenan greift diesen Konflikt auf und beschreibt, was es bedeutet, mehrfach marginalisiert und in keiner Welt zu Hause zu sein.</p><p>Der sechzehnjährige Horace Thomas Cross wächst im Herzen einer Baptisten-Gemeinde in Tims Creek, North Carolina auf. Er ist mehr als er selbst, <em>„[s]chon sein Vater und der Vater seines Vaters waren Kirchenmänner gewesen, und nun war es an ihm, die Gemeinde zu führen, zu leiten und zu beraten. Er war ein Oberhaupt, ein großer Stammesältester.“</em> Horace ist die Große Schwarze Hoffnung, er ist der Scheißheiland, sein Seufzen ist das eines alten Mannes, resigniert, schicksalsergeben und viel zu alt für einen Sechzehnjährigen.</p><p>Doch Horace will seiner Sünde entkommen. Er will kein Mensch mehr sein, er will ungehindert, ungebunden und frei sein. Auch wenn er ein rationaler Mensch ist, in der Mathematik und der Naturwissenschaft bewandert, kann ihn jetzt nur eines retten: <em>„Er brauchte Glauben statt Fakten; Magie statt Mathematik; Erlösung statt Wissenschaft. Der Glaube würde ihn retten, nicht nur der Glaube, sondern der Glaube an den Glauben, der schon Daniel, Isaak und die Frau am Brunnen gerettet hatte.“</em> Ein magisches Ritual soll ihn in einen Vogel verwandeln. Doch das Ritual misslingt und so wandert Horace nackt, dreck- und rußbeschmiert und mit einem Gewehr bewaffnet durch die Nacht weiter auf der Suche nach Erlösung.</p><p>Horace – das ist von Beginn des Romans an klar – muss und wird durch die eigene Hand sterben. Doch bereits vor seinem Tod ist er wie Toni Morrisons Menschenkind ein Geist, der in dieser einen Nacht die Schauplätze seines eigenen Lebens heimsucht. Horace ist opak, die Leute sehen durch ihn hindurch. Was es bedeutet Schwarz zu sein, kann an dem Theater, für das Horace einen Sommer lang arbeitet und wo er seine Homosexualität offen ausleben kann, keiner verstehen. Seine Gemeinde kann diese nicht akzeptieren, doch sie lehren ihn mit Integrität, Würde und Stolz durch das Leben zu gehen. Mit ihren Geschichten über das Unrecht, das die Weißen ihnen angetan haben, legen sie ihm eine Rüstung an.</p><p>Als Moses Gott fragt, mit welchen Namen er ihn den Israeliten vorstellen soll, sagt er: <em>„Ich bin der, der ich bin.“</em> Ein Gott kann namenlos bleiben, doch ein Mensch, der in der Sprache unsichtbar ist, nicht bei seinem Namen genannt werden kann, ist – auch im politischen Sinne – tot. Und so ist Randall Kenans <em>Der Einfall der Geister</em> auch als der Versuch zu verstehen, eine Schwarze schwule Identität sagbar zu machen.</p><p>Auf seiner Odyssee durch die Nacht wird Horace von einer Horde Dämonen begleitet, seine Doppelgänger, Ausdruck des Unnatürlichen und seines als monströs verstandenen Begehrens. Doch der Einfall der Geister und Dämonen ist auch eine Konfrontation mit einer Vergangenheit, an die Horace sich nicht selbst erinnern kann. Denn Kenan zeigt, wie das Erbe der Sklaverei Horaces Vorfahren und damit auch ihn selbst geprägt haben.</p><p>Randall Kenan, der oft mit James Baldwin und Toni Morrison verglichen wird, hat sich mit <em>Der Einfall der Geister</em> nicht nur einen Platz im Kanon der queeren Literatur gesichert. Er hat sich auch in die Tradition des American Gothic eingeschrieben. Mit Brandon Taylor, Brontez Purnell und Bryan Washington – um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen – hat eine neue Generation von Autoren, Ausdruck dafür gefunden, was es bedeutet, Schwarz und schwul zu sein. Aber auch 30 Jahre später ist eine Übersetzung von großer Literatur wie der von Randall Kenan nicht zu spät oder weniger wichtig. (Marlon)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Queere Freuden</h2><p><em>Hier möchten wir auf Texte, Posts und andere Formate aus dem queeren Themenkosmos verweisen, die uns in den letzten Wochen beschäftigt haben.</em></p><p>Der Ausgangspunkt unseres Newsletters war und ist die Frage, ob es so etwas wie einen queeren Literaturkanon geben kann? Dementsprechend interessant finden wir die neue LGBTQ+-List, die unlängst im britischen <em>Observer</em> erschienen ist. Dafür haben die Redakteur*innen der Wochenzeitung 20 queere Autor*innen, darunter etwa Douglas Stuart, Jackie Kaye, Munroe Bergdorf, Torrey Peters und Ali Smith - gefragt, welche Titel ihrer Meinung nach als queere Klassiker gelten sollten. Die Antworten und Vorschläge sind so vielschichtig wie die Befragten selbst und enthalten einige schöne Überraschungen. Darunter ist auch Essex Hemphills <em>Ceremonies</em>, das von Paul Mendez vorgestellt wird. Zu Hemphill haben wir im letzten Jahr einen Essay im Newsletter publiziert (<a href="https://steadyhq.com/de/backend/publications/c33acc38-9782-49b3-9cf6-524daca97273/posts/6a706f83-26b8-4be6-8911-ee79a3e5ff79/edit">hier</a> könnt ihr ihn nachlesen). (Tobi)</p><a href="https://www.theguardian.com/books/2023/apr/09/lgbtq-lost-classics-books-chosen-by-authors">https://www.theguardian.com/books/2023/apr/09/lgbtq-lost-classics-books-chosen-by-authors</a><p>Wir kehren noch einmal in die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zurück: Im NS-Dokumentationszentrum München läuft noch bis zum 21. Mai die Ausstellung <em>TO BE SEEN. queer lives 19OO–195O</em>, die sich den Geschichten von LGBTIQ* in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts widmet. Dabei wird unter anderem dokumentiert, wie Homosexuelle, trans* und nichtbinäre Personen in ihrem Kampf für gleiche Rechte und gesellschaftliche Akzeptanz erste Erfolge erzielten, aber auch, wie die Machtübernahme der Nationalsozialisten diese weitgehend zerstörten. (Tobi)</p><a href="https://www.nsdoku.de/tobeseen">https://www.nsdoku.de/tobeseen</a>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Newsletter]]></category>
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      <pubDate>Sun, 23 Apr 2023 08:01:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Queerer Kanon #10: Wegweisende Verlegerinnen, ein Klassiker & Neues ]]></title>
      <description><![CDATA[Der lesbische Verlag Krug & Schadenberg, Leslie Feinbergs Klassiker Stone Butch Blues, Young Mungo als untypischer queerer Held & Eileen Myles Pathetic Literature.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Leser*innen</p><p>während diese zehnte Ausgabe unseres Newsletters entsteht, fallen sechs Schüsse auf das Schwule Museum* in Berlin. Einer trifft gezielt den in großen pinken Lettern gehaltenen Schriftzug, der ein weithin wahrnehmbares Zeichen der Sichtbarkeit setzt. Das Schwule Museum* beherbergt neben Ausstellungs- und Community-Räumen auch eines der wichtigsten queeren Archive Europas. </p><p>Ein Angriff auf diese Institution ist ein Angriff auf alle queeren Menschen. Denn Archive ermöglichen es unter anderem, sich in Bezug zu setzen. Zu denen, die schon da waren, unseren Vorfahr*innen, unseren Vorkämpfer*innen, deren Identitäten häufig verlelugnet oder negiert wurden. Die keinen Eingang, keinen Niederschlag in klassische Archive gefunden haben. </p><p>Zur etwa gleichen Zeit jährt sich etwas weiter nördlich in Berlin die Gründung des Spinnboden Lesbenarchivs zum fünfzigsten Mal. Ein weiterer zentraler Ort für die lesbische und queere Community, der uns mit Hilfe seiner Bibliothek und seines Archivs verortet, räumlich wie zeitlich. Und so mischt sich einmal mehr das Gefühl der Freude mit dem einer perkären Sicherheit. Ein Zustand, der vielen Queers (und anderen marginalisierten Minderheiten) nur allzu bekannt ist.</p><p>Eine weitere wichtige Institution hat vor zwei Wochen ihr Ende verkündet: der lesbische Verlag Krug &amp; Schadenberg wird keine neuen Bücher mehr veröffentlichen. Tobi widmet sich in seiner Würdigung dem Schaffen von Andrea Krug und Dagmar Schadenberg, das zentral für die lesbische Sichtbarkeit im deutschen Literaturbetrieb ist.</p><p>Marlon befasst sich indes mit Leslie Feinbergs <em>Stone Butch Blues</em>, einem queeren Klassiker, dessen deutsche Übersetzung von Krug &amp; Schadenberg veröffentlicht wurde. Darüber hinaus verschlägt es ihn ins Glasgow der 90er-Jahre zu Douglas Stuarts Titelhelden <em>Young Mungo</em>. Anschließend stellt Tobi eine neue Anthologie vor, die von der queeren Ikone Eileen Myles zusammengestellt wurde.</p><p>Zum Abschluss weisen wir noch auf zwei Projekte hin, an denen wir selbst gearbeitet haben: ein Podcast über verbotene Liebe(spaare), an dem Marlon mitgewirkt hat sowie einen Gastbeitrag über Autofiktion und Scham, den Tobi für den MCP-Newsletter unserer wunderbaren Freundin Maria-Christina Piwowarski geschrieben hat.</p><p>Im Rahmen von <em>Queere Freuden </em>erwarten euch zudem Links zu Texten, die uns in der letzten Zeit beschäftigt haben.</p><p>Wie immer freuen wir uns auf euer Feedback, eure Fragen, Vorschläge und Kommentare.</p><p>Tobi &amp; Marlon</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Krug &amp; Schadenberg: Eine Würdigung</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/5fd61503-acbc-4d25-a1dc-b9314c09196d/uploads/images/ummqor6dvz/Design%20ohne%20Titel(8).png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Dieser Text soll(te) den Startschuss für eine neue Reihe bilden, die sich lesbischen, schwulen und queeren Verlagen widmet, sowohl national als auch international. Die Wahl für den ersten Verlag fiel auf den lesbischen Verlag Krug und Schadenberg, der am 01. Mai 1993 von Andrea Krug und Dagmar Schadenberg in Berlin gegründet wurde.</p><p>Doch während des Schreibens erreicht uns die Nachricht, dass der Verlag Krug &amp; Schadenberg nach 30 Jahren des Bestehens keine weiteren Bücher mehr veröffentlichen wird. Damit verliert die deutsche Verlagslandschaft eine wichtige Stimme. Denn das Programm von Krug und Schadenberg bestach von Anfang an mit einer so mutigen wie engagierten Bandbreite aus Romanen und Sachbüchern, darunter Krimis, Liebesromane, Autofiktion, wie man sie in dieser Konsequenz selten findet.</p><p>Den Beginn bildete im Herbst 1993 die Veröffentlichung von Susie Brights so humorvollem wie sex-positiven Ratgeber <em>Susie Sexperts Sexwelt für Lesben </em>(im amerikanischen Original 1990 erschienen, ins Deutsche übersetzt von Birgit Scheuch), der sich auf Anhieb großer Popularität erfreute und in aktualisierter und ergänzter Form als <a href="https://krugschadenberg.e-bookshelf.de/products/search?searchBox=susie+bright&amp;searchCheck=quicksearch&amp;qsBtn=Suchen"><em>Best of Susie Sexpert</em></a><em> </em>als E-Book erhältlich ist.</p><p>Darauf folgte 1994 mit Nancy Toders <a href="https://www.krugschadenberg.de/produkt/die-wahl-des-glueecks-ein-klassischer-coming-out-roman/"><em>Die Wahl des Glücks</em></a><em> </em>(im amerikanischen Original 1980 erschienen, übersetzt von Cornelia E. Kähler) ein Klassiker des Coming-Out-Romans. Darüber hinaus erschien mit Leslie Feinbergs <em>Träume in den erwachsenden Morgen </em>(im amerikanischen Original <em>Stone Butch Blues</em>, übers. v. Claudia Brusdeylins)<em> </em>einer der vielleicht wichtigsten, auf jeden Fall aber einflussreichsten, Texte der lesbischen und trans Literatur des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts.</p><p>Auch die international inzwischen sehr bekannte, vielfach adaptierte, britische Autorin Sarah Waters findet sich im Programm von Krug &amp; Schadenberg. Ihr erster Roman <em>Die Muschelöffnerin</em> (im britischen Original <em>Tipping the Velvet</em>) erschien erstmals 2002 auf Deutsch im ebenfalls auf lesbische Literatur spezialisierten Daphne Verlag der Verlegerin Susanne Amrain, die auch für die Übersetzung verantwortlich zeichnete. Nach dem Tod Amrains im Jahr 2008 übernahmen Andrea Krug und Dagmar Schadenberg das Programm des Daphne Verlags und veröffentlichten unter anderem Waters Debüt in einer Neuauflage.</p><p>Neben Übersetzungen publizierte der Verlag auch regelmäßig Belletristik und Sachbücher deutscher Autorinnen. Darunter Manuela Kuck, die zehn Romane unter dem Dach von Krug &amp; Schadenberg veröffentlichte und Claudia Breitsprechers soghaften Ost-West-Roman <em>Vor dem Morgen liegt die Nacht </em>(2005). Auch Sonja Schocks erzählendes Sachbuch <em>Und dann kamst Du…und ich liebte eine Frau</em> (1997), das nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat, sei hier genannt.</p><p>30 Jahre Verlagsgeschichte bedeuten auch, dass Krug &amp; Schadenberg große Umbrüche erlebt hat. Etwa den Wegfall der Frauenbuchläden, die noch zu Verlagsbeginn eine wichtige Verkaufsstelle darstellten, wie Andrea Krug Ende letzten Jahres in einem <a href="https://morehotlist.com/2022/11/29/nachgefragt-der-verlag-krug-schadenberg/">Interview</a> erzählte. Der Sortimentsbuchhandel so Krug, spiele „leider insgesamt keine große Rolle mehr für uns.“ Es gebe Buchhändler*innen, die der Überzeugung seien, keine lesbische Kundschaft zu haben, weswegen sie auch keine lesbischen Bücher bräuchten.</p><p>Diesem Vorurteil, das sich vor allem aus Unwissen speist, ist schwer zu begegnen, sodass sich Krug &amp; Schadenberg bemüht haben, direkt mit ihren Leser*innen in Kontakt zu treten, unter anderem mit Hilfe ihres eigenen Online Shops. Auch die Digitalisierung wurde vollzogen, fast das gesamte Verlagsprogramm ist inzwischen als E-Book verfügbar. 2020 erhielt der Verlag für lesbische Literatur den Deutschen Verlagspreis.</p><p>In den letzten Jahren wurden die Auflagen dennoch immer geringer. Zwar könnte man meinen, dass sich die gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen hin zu einer höheren Akzeptanz queerer Menschen auch in den Verkaufszahlen niederschlagen. Dem war aber leider nicht so. Es fehlt nach wie vor an lesbischer Sicherheit.</p><p>So beobachten Andrea Krug und Dagmar Schadenberg in einem <a href="https://www.boersenblatt.net/news/verlage-news/krug-schadenberg-macht-keine-buecher-mehr-276737">aktuellen Gespräch</a> mit dem Börsenblatt:</p><p>„Das Problem der lesbischen Sichtbarkeit, gegen das wir seit vielen Jahren angehen, scheint sich in der letzten Zeit wieder zu verstärken, und das nicht nur im Buchhandel. Aus dem LGBTQ*-Spektrum wird, wenn überhaupt, eher die schwule oder queere Literatur wahrgenommen.“</p><p>Ferner sei „das Etikett „queer“, unter dem explizit Lesbisches subsumiert und letztlich unsichtbar gemacht wird“, wenig förderlich. Ein Punkt, der zum Nachdenken anregt. Denn so sehr sich das Queere gerade durch das Sprengen von Kategorien, die Existenz außerhalb von Zuschreibungen und Definitionen auszeichnet, so sehr kann es mitunter Gefahr laufen, auf spezifische Personengruppen sowie sexuelle und Gender-Identitäten reduziert zu werden.</p><p>Die Pionierinnenarbeit von Andrea Kruger und Dagmar Schadenberg ist nicht zu überschätzen. Sie haben die deutschsprachige lesbische und queere Literatur enorm geprägt und bereichert. Über die Jahre, so sagen sie, haben sie viel Anerkennung und Wertschätzung erhalten. Darüber hinaus sind sie sich sicher, dass „[n]achwachsende engagierte BüchermacherInnen [] die Lücke, die wir hinterlassen, füllen [werden].“</p><p>Unser Lesen wäre ein anderes, hätte es den Verlag Kruger und Schadenberg nicht gegeben, daher möchten wir beide als Tipp und als Einstieg in dieses so vielfältige Programm unsere Lieblingstitel des Verlags nennen:</p><p>Marlon: Mireille Best: <em>Camille im Oktober </em>(aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer), Leslie Feinberg: <em>Stone Butch Blues: Träume in den erwachsenden Morgen</em></p><p>Tobi: Nancy Toder: <em>Die Wahl des Glücks</em>, Ann Wadsworth: <em>Mrs Medina</em> (aus dem Amerikanischen von Andrea Krug)</p><p>Die Bücher sowie E-Books von Krug und Schadenberg sind weiterhin im Buchhandel sowie auf der <a href="https://www.krugschadenberg.de/">Verlags-Website</a> erhältlich. (Tobi)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Over the Rainbow: Queere Klassiker</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/5fd61503-acbc-4d25-a1dc-b9314c09196d/uploads/images/ie2jbs4vas/Design%20ohne%20Titel(9).png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><strong>Leslie Feinberg: <em>Stone Butch Blues</em> </strong></p><p><em>Stone Butch Blues</em> von Leslie Feinberg (1949-2014) ist einer der wichtigsten Klassiker der lesbischen und der trans Literatur. Der Roman erzählt die Geschichte von Jess Goldberg, einer Butch-Lesbe, die schon als Kind in mehrerlei Hinsicht eine Außenseiterin ist. Sie ist jüdisch und arm und steht von Anfang an außerhalb der binären Geschlechterhierarchie: <em>“‘I’m sick of people asking me if she’s a boy or a girl,‘ I overheard my mother complain to my father. ‚Everywhere I take her, people ask me.‘”</em> Um die Frage im Keim zu ersticken, stecken ihre Eltern Jess in eine Psychiatrie, wo sie lernen soll, sich dem binären System der Geschlechter zu unterwerfen.</p><p>Ein Zuhause findet sie zuerst in den Lesbenbars. Hier lernt sie, was es bedeutet, eine Stone Butch zu sein. In den Bars wird getanzt und gelacht, Jess lernt Frauen kennen, die wie sie sind: <em>„[…] strong, burly women, wearing ties and suit coats. Their hair was slicked back in perfect DAs. They were the handsomest women I&#39;d ever seen. Some of them were wrapped in slow motion dances with women in tight dresses and high heels who touched them tenderly. “</em></p><p>Die Bars dienen aber auch als Schule des Lebens. Die ältere Butch Al nimmt Jess unter ihre Fittiche, um sie auf das vorzubereiten, was unweigerlich geschehen wird. Regelmäßig finden Razzien statt, viele der Frauen werden Opfer von körperlicher Gewalt und Vergewaltigungen durch die Polizei.</p><p>Feinberg zeichnet ein historisches Portrait der queeren und lesbischen Barkultur (der Roman deckt den Zeitraum zwischen den 50er und den frühen 90er Jahren ab), in der Butch-/Femme-Dynamiken eine entscheidende Rolle gespielt haben. Von Seiten der Frauenbewegung kam der Vorwurf, dass Butches sich patriarchaler Machtstrukturen bedienten. Ein Vorwurf, der Butches aus Schutzräumen, auch den emotionalen, ausgeschlossen hat. Für sie war die Gefahr, Opfer sexualisierter Gewalt zu werden, entsprechend hoch. Um zu überleben, mussten sie eine Mauer des Schweigens um sich herum errichten, sie mussten steinern werden – oder auch Stone Butches.</p><p>Jess lässt das Nachtleben hinter sich und sucht sich einen Job in eine der Fabriken, wo es für eine Butch wie sie die Chance gibt, einen festen Job zu finden, ihre Rechnungen zu bezahlen und sich mit einer Femme niederzulassen. Hier nimmt Jess – wie auch Leslie Feinberg selbst – eine entscheidende Rolle im Aufstieg der Gewerkschaften ein. Im Hintergrund von Jess‘ Leben zeigt sich das Bild einer sich verändernden politischen wie gesellschaftlichen Landschaft. Die Bürgerrechtsbewegung, der Vietnamkrieg, Stonewall, die Studenten- und die Frauenrechtsbewegung – die Ereignisse betreffen die Arbeiter*innen in den Fabriken zunächst oft nur peripher, doch Stone Butch Blues zeigt, wie sehr die Rechte von Arbeiter*innen und queeren Menschen letzten Endes doch miteinander verwoben sind.</p><p>Dass ein Roman, der sich selbst als ‚anti-oppression/s novel‘ versteht, ebenso u.a. die Unterdrückung der indigenen Bevölkerung thematisiert oder auch die Segregration bis Mitte der 1960er Jahre, ist nur konsequent. Für einen 1993 veröffentlichen Roman ist der Text also erstaunlich progressiv, ist streckenweise aber schlecht gealtert, auch weil er sich so mancher Klischees bedient. Jess‘ Welt ist bevölkert von Huren mit einem Herz aus Gold, weisen indigenen Frauen – und einer Protagonistin, der man heute einen White-Savior-Komplex attestieren würde.</p><p>Das hat aber sicherlich auch damit zu tun, dass Jess als eine Art Messias-Figur angelegt ist, ähnlich wie Stephen Gordon aus Radclyffe Halls Klassiker <em>The Well of Loneliness</em>. Eine Ahnenreihe, in die sich Feinberg übrigens auch selbst verortet. Denn wie alle Figuren im Roman ist Jess zugleich überzeichnet und seltsam formlos. Das entspricht natürlich Jess‘ Innenleben: Sie muss formlos sein, weil sie in keine der Geschlechterkategorien der Gesellschaft passt. Gleichzeitig steht ihr Pfad stellvertretend für so viele andere gender-queere Menschen, die pionier*innengleich vorangeschritten sind:</p><p><em>“Once again I couldn&#39;t see the road ahead. I was still steering my own course through uncharted waters, relying on constellations that were not fixed. I wished there was someone, somewhere I could ask: What should I do? But no such person existed in my world. I was the only expert on living my own life, the only person I could turn to for answers.”</em></p><p>Auch wenn <em>Stone Butch Blues</em>autobiographische Elemente enthält, handelt es sich um einen fiktionalen Roman. Trotzdem kann man in diesen Worten unschwer sowohl Jess als auch Feinberg als schreibende Person heraushören, die mit dieser Geschichte Neuland betreten hat und mit den zur Verfügung stehenden Worten eine Sprache für etwas finden musste, was so noch keinen Ausdruck in der Literatur gefunden hatte. Feinberg selbst schreibt, dass die im Roman dargestellte (sexualisierte) Gewalt weder überflüssig noch anzüglich sei – vielmehr sei sie allgegenwertig.</p><p>Um ihr Überleben zu sichern, entscheidet sich Jess, männliche Hormone zu nehmen und sich einer Mastektomie zu unterziehen. Erst viele Jahre später wird sie aufhören, sich regelmäßig die Hormone zu spritzen. Was wie eine der Geschichten klingt, die Konservative ausschlachten könnten, um trans Menschen ihr Existenzrecht abzusprechen, ist viel mehr das Zeugnis einer Befreiung und des Erkundens. Dieser Wandel, der heutzutage viel zu schnell als Detransition verschrien ist, zeigt Geschlecht nicht als geradlinigen Weg von A nach B, sondern als Erforschen der Zwischenräume, ein Suchen und Tasten, das keine Reue kennt. Schon vor 30 Jahren war <em>Stone Butch Blues</em> mutig genug, sich für kein entweder/oder-Szenario zu entscheiden.</p><p>Man kann dem Roman einiges vorwerfen. Etwa, dass er zu lang ist und gleichzeitig zu viel auf einmal erreichen will. Die klischeehafte Prosa und die oft zu blasse Figurenzeichnung – und doch vergibt man dem Text all diese Schwächen, weil Feinberg doch etwas Anderes, etwas viel Wichtigeres schafft: das Streben nach Freiheit und die kompromisslose Suche nach einem authentischen Ich der Figur Jess stets greifbar zu machen. <em>Stone Butch Blues</em> ist wie die besten Klassiker so frustrierend wie erhellend, überholt und doch modern, vertraut und doch wegweisend.</p><p>Neben <em>Stone Butch Blues</em> hat Leslie Feinberg zudem die Sachbücher <em>Transgender Warriors: Making History from Joan of Arc to Dennis Rodman</em> und <em>Trans Liberation: Beyond Pink or Blue</em>geschrieben. Feinbergs Texte waren wegweisend für die Gender und Queer Studies. Leslie Feinbergs letzte Worte sollen „Remember me as a revolutionary communist.&quot; gewesen sein, entsprechend hat Feinberg die Rechte an <em>Stone Butch Blues</em> erworben und eine kostenfreie PDF des Romans auf der offiziellen Webseite zur Verfügung gestellt. (Marlon)</p><p>(Die deutsche Version wurde von Claudia Brusdeylins aus dem Amerikanischen übersetzt. Sie ist als <em>Stone Butch Blues – Träume in den erwachenden Morgen </em>beim Verlag Krug &amp; Schadenberg erschienen)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Out &amp; Proud: Aktuelles &amp; Neuerscheinungen</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/5fd61503-acbc-4d25-a1dc-b9314c09196d/uploads/images/gnfumx5o4x/Design%20ohne%20Titel(10).png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/young-mungo/978-3-446-27582-9/"><strong>Douglas Stuart: <em>Young Mungo</em> (aus dem Englischen von Sophie Zeitz, erschienen bei Hanser Berlin)</strong></a></p><p><em>„Mungo rieb sich die Stirn. «Hast du mir gerade ne Kopfnuss gegeben?»</em></p><p><em>«Wenns dir lieber ist, sagen wir, es war ne Kopfnuss?» Das Lächeln auf seinen Lippen verflüchtigte sich wieder.</em></p><p><em>«Quatsch.» Mungo sah sich auf dem Hügel um, und dann küsste er James schnell auf den Mund. Es war wie heißer gebutterter Toast, wenn man am Verhungern war. Es war so gut.“</em></p><p>Glasgow in den 90er Jahren: Mungo ist gerade 15 Jahre alt, von Schottland und der Welt hat er nichts gesehen. In seiner begrenzten Welt herrschen Armut und Arbeitslosigkeit, auf den Straßen bekriegen sich die Protestanten mit den Katholiken. Wie so viele andere auch war seine Mutter bei der Geburt ihrer Kinder zu jung. Sie hat sich dem Alkohol hingegeben. Trinkt sie zu viel, kommt das Monster Tattie-Bogle zum Vorschein. Sein Schicksal ist es, ein Mädchen zu schwängern, und sich seinem Bruder Hamish, genannt Ha-Ha, in seinem Bandenkrieg anzuschließen. Doch Mungo lernt den melancholischen James kennen. Und mit ihm öffnen sich die Grenzen seiner Welt.</p><p><em>Young Mungo</em> von Douglas Stuart erzählt seine Geschichte auf zwei Zeitebenen: dem Januar davor und dem Mai danach. Beides Geschichten über einen Initiationsritus, beides Geschichten, welche die Möglichkeiten von Männlichkeiten verhandeln, ihren Gefahren – und auch ihrer Unschuld.</p><p>Der Mai danach erzählt von einer Reise: Gemeinsam mit Gallowgate und St. Christopher, zwei Alkoholikern, denen seine Mutter ihn anvertraut hat, fährt Mungo für ein Wochenende an einen abgelegenen See, irgendwo im Norden Schottlands. Er soll lernen, ein Zelt aufzubauen, ein Lagerfeuer zu errichten, zu angeln – aus ihm soll endlich ein richtiger Mann werden. Dem gegenüber steht der Januar davor, der von der Initiation der Liebe erzählt. Denn ausgerechnet in James, den Wahren, den Guten, verliebt sich Mungo.</p><p>Douglas Stuart erzählt eine moderne Romeo-und-Julia-Geschichte. Denn die Liebe zwischen dem Protestanten Mungo und dem Katholiken James, ist gefährlich. Sie benutzen ihre Hände, um den Körper des jeweils anderen zu erkunden, nicht, um sie zu bewaffnen und den Körper des Gegenübers zu vernichten. Diese unzählige Male erzählte Geschichte ist erstaunlich, weil Stuart mit den Klischees spielt, genauso schnell aber mit ihnen bricht.</p><p>Es stimmt: Mungo ist zu zart und zu zerbrechlich für die Härte des Glasgower Arbeiterviertels und für die Bandenkriege, die sein Bruder Hamish mit der Strenge eines Offiziers führt. Doch er entspricht genauso wenig dem klassischen Bild des schwulen Außenseiters, wie ihn die queere Literatur so oft hervorgebracht hat. Den strebsamen Erlöser, der sich durch Bildung von den Fesseln seiner Herkunft befreien wird.</p><p>Diese Rolle übernimmt viel mehr Jodie, Mungos ältere Schwester. Vielleicht will Mungo nicht einmal gerettet werden, vielleicht ist er zu abhängig von der Liebe, die er seiner alkoholkranken und selbstsüchtigen Mutter aufopfert: <em>„Ihr Bruder war Mo-Maws Nebenmond, ihre wärmste Sonne, und zur gleichen Zeit ein kleiner Trabant, den sie vergessen hatte. Er würde sie bis in alle Ewigkeit umkreisen, selbst wenn sie, und dann er, in Stücke zersprang.“</em></p><p>Die Liebe der beiden Jungen ist mal zärtlich, mal ein Raufen, mal gleicht sie einem Wunschtraum, mal gleicht sie den Blödeleien zweier pubertierender Jungen. Stuart gibt seinen Figuren genug Freiraum, um nicht nur eine Sache zu sein. Sie widersprechen sich, sind fehlerbehaftet, menschlich.</p><p>Ein Aspekt des Romans, der immer wieder in den Fokus gerät, ist die Darstellung von (sexualisierter) Gewalt. Dabei scheint mir die Fokussierung und die Rezeption dieses Aspekts vor allem ein Problem der Lesenden zu sein und nicht ein Problem des Textes. Zum einem, weil die explizit dargestellte Gewalt der Notwendigkeit geschuldet ist, dieser gerecht zu werden. Zum anderen auch weil Stuarts Erzähler in den entscheidenden Momenten – vor allem, was die sexualisierte Gewalt betrifft – ausblendet und dem emotionalen Trauma seiner Figur Raum gibt.</p><p><em>«Mungo Hamilton, du bist ein kleiner Taugenichts.»</em></p><p><em>Der Briefkasten schnappte wieder zu. Mungo setzte sich auf. Eine kleine Pause entstand, bevor der Deckel wieder aufging. «Aber ich lieb dich trotzdem.» Er klappte zu, dann sprang er wieder auf. «Du kleiner Scheißer.»</em></p><p>Diese Fokussierung ignoriert aber auch, dass <em>Young Mungo</em> keine Geschichte erzählt, die sich im Leid ihrer Figuren suhlt und dieses ausschlachtet. Denn Stuart erlaubt seinen Figuren auch, zu lachen, zu lieben, sich zu freuen, Träume zu hegen und Glück in den kleinen Momenten zu finden. Innerhalb der Grenzen ihres Lebens besitzen die Charaktere Handlungsmacht; sie sind keine bloßen Opfer.</p><p><em>Young Mungo</em>, Douglas Stuarts zweiter Roman nach <em>Shuggie Bain</em>, ist ein Buch über die Grenzen(losigkeit) der Liebe, über Gewalt und Männlichkeit(en), über (Un-)Schuld und Erlösung. Ein Roman, in dessen Zentrum dank der Subtilität seines Autors ein liebenswerter Held steht, wie ihn die (queere) Literatur bisher kaum gesehen hat. (Marlon)</p><p></p><p><a href="https://groveatlantic.com/book/pathetic-literature/"><strong>Eileen Myles (Hrsg.): <em>Pathetic Literature: An Anthology</em> (erschienen bei Grove Press)</strong></a></p><p><em>&quot;In general poems are pathetic and diaries are pathetic. Really Literature is pathetic. Ask anyone who doesn&#39;t care about literature. They would agree. If they bothered at all.&quot;</em></p><p>Die ersten Sätze von Eileen Myles (<em>Chelsea Girls</em>) Einführung in die von ihr*ihm zusammengestellte Anthologie <em>Pathetic Literature</em> mögen zunächst irritieren. Denn wenn Literatur wirklich so Mitleid erregend / armselig, ja jämmerlich sein sollte, wozu braucht es dann dieses rund 650 Seiten lange Kompendium? &quot;Why bother?&quot;, um ins Englische zurückzukehren.</p><p>Diese Frage antizipiert Myles natürlich und rekurriert darauf, dass &quot;pathetic&quot; im 19. Jahrhundert noch etwas berührendes, pointiertes bedeutete, auf die rhetorische Methode des Pathos zurückgehend. Es ist dieser Moment, an dem wir Veränderungen sehen können, der Myles interessiert und den die Texte der von ihm*ihr anthologisierten Autor*innen durchziehen. </p><p>Ob explizit in dem, was sie erzählen oder implizit in ihrer Botschaft, ob formal und stilistisch oder inhaltlich (oft beides). Aber auch die gesellschaftlichen wie politischen Geschehnisse des letzten Jahrhunderts haben Einfluss auf Myles Anthologie. So konstatiert Myles &quot;AIDS is a lot of the reason for this pathetic book.&quot;</p><p>Die Reihe der 106 Autor*innen, die Myles in <em>Pathetic Literature</em> versammelt, beeindruckt sowohl in ihrer Vielfalt als auch in ihrer Anordnung. Unerwartete Resonanzen ergeben sich, wenn etwa Dennis Cooper auf Dodie Bellamy stößt, Jorge Luis Borges neben Judy Grahn steht, Robert Walser sich in Nachbarschaft mit Rose &quot;Rosebud&quot; Feliu-Pettet befindet.</p><p>Bekanntere Namen wie einige der genannten, Myles selbst, Kathy Acker oder Valerie Solanas stehen neben neuen Stimmen, Vergessenen und Übersehenen. Gedichte neben Stücken, Kurzgeschichten und freier Prosa, die sich irgendwo dazwischen bewegt. Zusammen bilden sie ein Kaleidoskop unterschiedlichster Perspektiven, queer, trans, seltsam, freudvoll, skeptisch, offen.</p><p><em>Pathetic Literature </em>ist daher auch weniger ein Buch, das sich für eine chronologisch-lineare Lektüre anbietet. Vielmehr erlaubt es Leser*innen, immer wieder darin einzutauchen. Hier ein Gedicht, dort einen Prosa-Ausschnitt aus einem längeren Werk zu lesen. Und es macht Lust auf die Werke der von Myles ausgewählten Autor*innen. (Tobi)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>In eigener Sache</h2><p>Marlon war im <em>Literatur und Feuilleton</em> Podcast zum Thema &quot;Verbotene Liebe&quot; zu Gast und hat unter anderem über Patricia Highsmith und James Baldwin gesprochen. Die Folge könnt ihr euch hier anhören:</p><a href="https://literaturundfeuilleton.com/2023/02/22/podcast-literatur-und-feuilleton-folge-011-verbotene-liebe/">https://literaturundfeuilleton.com/2023/02/22/podcast-literatur-und-feuilleton-folge-011-verbotene-liebe/</a><p>Tobi hat in einem Gastbeitrag für den MCP-Newsletter von Maria-Christina Piwowarski über Autofiktion und Scham gesprochen. In seinem Text geht es auch um homophobe sowie sexuelle Gewalt, daher sei dies auch als Triggerwarnung verstanden. Darüber hinaus wird er am 24.03., um 20:23 Uhr in <a href="https://www.instagram.com/mariachristinapiwowarski/">Marias &quot;Freitagsstunde&quot;</a> zu Gast sein, die Live auf Instagram stattfindet.</p><a href="https://steadyhq.com/en/mariachristinapiwowarski/posts/8ae7a9cd-e51e-45ff-8228-a0738a23fcdf">https://steadyhq.com/en/mariachristinapiwowarski/posts/8ae7a9cd-e51e-45ff-8228-a0738a23fcdf</a><p></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Queere Freuden</h2><p><em>Hier möchten wir auf Texte, Posts und andere Formate aus dem queeren Themenkosmos verweisen, die uns in den letzten Wochen beschäftigt haben.</em></p><p>Leslie Steinbergs weiter oben vorgestellter Klassiker <em>Stone Butch Blues</em> kann im englischen Original auf der offiziellen Webseite gratis als PDF heruntergeladen werden. (Marlon)</p><p><a href="https://lesliefeinberg.net/wp-content/uploads/2015/08/Stone-Butch-Blues-by-Leslie-Feinberg.pdf">https://lesliefeinberg.net/wp-content/uploads/2015/08/Stone-Butch-Blues-by-Leslie-Feinberg.pdf</a></p><p>In Deutschland ist das Cover von Douglas Stuarts <em>Young Mungo</em> bereits vor Erscheinen in die Kritik geraten. Für so manche Buchhandlung war das Bild zweier sich küssender Männer zu viel. Wieso dieses berühmte Foto von Wolfgang Tillmanns auch heute noch so wichtig ist und warum es die Atmosphäre des Romans perfekt einfängt, verrät euch dieser Artikel:</p><p><a href="https://theface.com/culture/douglas-stuart-young-mungo-new-book-2022-wolfgang-tillmans-cover-photography-lgbtq-queer-culture">https://theface.com/culture/douglas-stuart-young-mungo-new-book-2022-wolfgang-tillmans-cover-photography-lgbtq-queer-culture</a></p><p>Queere Menschen gab es schon lange, bevor der Begriff queer salonfähig wurde. Simon Sales Prado stellt in seinem sehr berührenden Artikel für die Sueddeutsche Zeitung vier von ihnen vor. Alle sind sie vor 1945 geboren und Zeitzeug*innen einer sich wandelnden Gesellschaft und queeren Selbstverständnisses (leider ist der Artikel hinter einer Paywall). (Tobi)</p><a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/gesellschaft/lgbtq-alter-queer-e250019/?reduced=true">https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/gesellschaft/lgbtq-alter-queer-e250019/?reduced=true</a><p>Die queere italienische Schriftstellerin Goliarda Sapienza war in vierlerlei Hinsicht ihrer Zeit voraus. Um sich ihrem Opus magnum <em>Die Kunst der Freude</em> (aus dem Italienischen von Esther Hansen &amp; Constanze Neumann) widmen zu können, bestahl sie eine Freundin, was ihr einen Aufenthalt im Frauengefängnis einbrachte. Der Podcast <em>The Italian Files</em> (englisch) widmet Sapienza eine so spannende wie informative Folge. (Tobi)</p><a href="https://open.spotify.com/episode/6XLKdDm5w5ytRGTuTcflqa">https://open.spotify.com/episode/6XLKdDm5w5ytRGTuTcflqa</a><p></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Newsletter]]></category>
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      <pubDate>Sun, 12 Mar 2023 10:55:29 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Queerer Kanon #9: Nostalgietrips, queere Selbsterweckungen & Klassiker]]></title>
      <description><![CDATA[Bret Easton Ellis kehrt zu seinen Anfängen zurück, Constance Debré schwimmt sich frei, David Wojnarowiczs Wut ist so zeitlos wie Patricia Highsmiths lesbischer Klassiker.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Leser*innen</p><p>mit dieser neunten Ausgabe feiert unser Newsletter seinen ersten Geburtstag. Im Februar 2022 haben wir den ersten <em>Queeren Kanon?</em> verschickt. Daher möchten wir an dieser Stelle allen Leser*innen, Mitstreiter*innen und Unterstützer*innen für die Treue und das regelmäßige Feedback danken.</p><p>Was hinter unserem Newsletter-Magazin steht und wie es entstanden ist, haben wir jüngst dem <em>Börsenblatt</em> erzählt (<a href="https://www.boersenblatt.net/braucht-der-buchhandel-nachhilfe-beim-thema-queere-literatur-272259">hier </a>kann man den Artikel nachlesen). Mehr dazu und wie wir den Kanon als solchen verstehen auch <a href="https://steadyhq.com/de/queerer-kanon/posts/62467306-4fbe-43a4-bc3e-6143fe70a791">hier</a>.</p><p>In dieser Ausgabe folgt Tobi Bret Easton Ellis in die (schwule) Jugend seines Alter Egos im Los Angeles der frühen Achtzigerjahre und stellt euch Constance Debés queere, autofikitonale Selbsterweckung vor.</p><p>Marlon widmet sich mit David Wojnarowiczs <em>Close to the Knives</em> und Patricia Highsmiths <em>Carol </em>zwei großen Klassikern der amerikanischen queeren Literatur, die unterschiedlicher kaum sein könnten.</p><p>Und zum Schluss legen wir euch in <em>Queere Freuden</em> noch eine queer-lesbische Kulturpartie sowie eine sehenswerte Doku über Wojnarowicz ans Herz.</p><p>Wie immer freuen wir uns auf euer Feedback, eure Fragen, Vorschläge und Kommentare.</p><p>Tobi &amp; Marlon</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Im Westen nicht allzu viel Neues</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/03702ab9-0e80-4bae-9c4c-82076713e8c0/uploads/images/yovx77zz5j/Design%20ohne%20Titel(1).png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><a href="https://www.kiwi-verlag.de/buch/bret-easton-ellis-the-shards-9783462004823"><strong>Bret Easton Ellis: <em>The Shards</em> (aus dem amerikanischen Englisch von Stephan Kleiner, erschienen bei Kiepenheuer &amp; Witsch)</strong></a></p><p>Nach Lektüre seines 2019 erschienenen Essay-Bands <em>White</em>, steht zu befürchten, dass Bret Easton Ellis so seine Probleme damit hätte, in einem queeren Literatur-Newsletter thematisiert zu werden. Denn in seinen letzten veröffentlichten Texten kritisierte er unter anderem einen von ihm konstatierten Opferkult unter LGBTI-Aktivist*innen, vor dem Hintergrund einer, so Easton Ellis, flächendeckenden &quot;neue[n] Akzeptanz schwulen Lebens und gesellschaftlicher Gleichheit.&quot;</p><p>Eine Diagnose, die viele, die sich in den letzten Jahren auch nur ansatzweise mit amerikanischer (Gesellschafts-)Politik beschäftigt haben, durchaus überraschen dürfte. Fragen zu seiner Sexualität ist Easton Ellis selbst lange ausgewichen. Unter anderem, weil er befürchtete, sein Werk könne dann anders gelesen werden. Inzwischen ist bekannt, dass er mit dem rund 20 Jahre jüngeren Musiker Todd Michael Schultz zusammenlebt. Über Letzteren und vor allem über dessen Generation (Schultz ist Millennial) hat sich Ellis ausführlich in <em>White</em> und einigen Interviews zu dessen Publikation ausgelassen. </p><p>Nun muss man bei Easton Ellis immer seine Lust an der Provokation und Überspitzung berücksichtigen. Und seine Außenseiterrolle im amerikanischen Literaturbetrieb. In den Achtzigern und vor allem in den frühen Neunzigern, nach Veröffentlichung seines Skandalromans <em>American Psycho </em>(1991)<em>,</em> galt er als Enfant terrible, das leidenschaftlich gehasst und geliebt wurde. <em>American Psycho</em> stand etwa in Deutschland unter anderem aufgrund der darin beschriebenen Gewaltexzesse sechs Jahre lang auf dem Index.</p><p>Doch Zugang zur kulturellen Elite der USA fand er nie. Seine Romane wurden nicht mit Preisen überhäuft und er fühlte sich lange wie ein Ausgestoßener. Dabei hatte er früher als viele seiner US-amerikanischen Kolleg*innen mit Auto- und Metafiktion und der Grenze zwischen Autor und Erzähler gespielt. Nicht zuletzt waren die besten Texte in <em>White </em>diejenigen, in denen er biografische Einblicke gab, etwa seine Jugend an der amerikanischen Westküste nachzeichnete. In seinen letzten Romanen, wie auch in seinem neuen, tauchten immer wieder Versionen seiner Selbst auf, weswegen dieser Text mit einem Blick auf seine eigenen Aussagen beginnt.</p><p>Am bekanntesten ist Easton Ellis wohl aber als eine Art Kartograph des amerikanischen Neoliberalismus der Achtziger- und frühen Neunzigerjahre. Die Zeit, in der er selbst literarisch am erfolgreichsten war. Was nicht zuletzt ein Grund dafür sein könnte, warum er mit seinem neuen Roman <em>The Shards</em> dorthin zurückkehrt. </p><p>Darin erzählt Easton Ellis vom letztem High-School-Jahr seines Erzählers Bret (Easton Ellis Alter Ego) auf einer teuren Privatschule in Los Angeles. Wir schreiben das Jahr 1981, Bret gehört zu den Stars der Schule, nicht zuletzt aufgrund seiner Nähe zu Susan und Thom, dem archetypischen Homecoming-Traumpaar. Er hat eine Freundin, obwohl er eigentlich schwul ist und Affären mit zwei Mitschülern pflegt, die wie fast das gesamte Personal in <em>The Shards</em> überdurchschnittlich gutaussehend, trainiert und privilegiert sind.</p><p>Während sich der Rest der Clique langsam auf den Abschluss vorbereitet, schreibt Bret an seinem ersten Roman, <em>Less Than Zero </em>(1985), der ihn einige Jahre später zum Wunderkind des amerikanischen Literaturbetriebs der Achtzigerjahre machen wird. Doch die schon leicht aufkommende Nostalgie ob des Endes der High-School-Zeit wird von einem neuen Mitschüler gestört. Robert Mallory ist gleißend schön, enigmatisch und undurchdringlich und Bret ist sich von Anfang an sicher, dass er ein falsches Spiel spielt. Währenddessen treibt ein Serienmörder in Los Angeles sein Unwesen, der seine Opfer aufs Grausamste zurichtet. </p><p>Easton Ellis bettet seine Handlung in eine Metaerzählung ein. Zu Beginn lässt der Erzähler Bret die Leser*innen wissen, er habe es erst jetzt, in der Gegenwart, geschafft, die Geschehnisse seines letzten High-School-Jahres zu Papier zu bringen. Ein vorheriger Versuch habe bei ihm eine solch starke körperliche Reaktion hervorgerufen, dass er sich im Krankenhaus wiederfand. Dabei geht er unter anderem auch auf die Rezeption seiner anderen Werke ein und die Tatsache, dass er in den letzten Jahren vor allem Auftragsdrehbücher geschrieben hat, die nicht verfilmt wurden.</p><p>Diese Mischung aus Fakt und Fiktion ist durchaus reizvoll, zumal Easton Ellis geschickt die Grenzen zu verwischen weiß. Allerdings - und dies ist meiner Meinung nach ein Problem des kompletten Texts - erzählt er so aus- und abschweifend, dass <em>The Shards</em> immer wieder an Tempo und Fokus verliert. Nun bedient sich Easton Ellis auch in seinen anderen Romanen gern an Wiederholungen als Stilmittel der Verdeutlichung. Literarischer Purismus war daher nicht zu erwarten. Dennoch wikt <em>The Shards</em> an einigen Stellen redundant. </p><p>Letzteres mag auch daran liegen, dass Easton Ellis seinen Stoff in einer früheren Fassung als wöchentliche Lesung in seinem kostenpflichtigen Podcast vorgetragen hat. Das hatte besonders zu Anfang den Reiz, dass nicht sicher war, ob gerade der Moderator Bret Easton Ellis, dessen non-fiktionaler Podcast seit längerem etabliert war, oder der Erzähler Bret spricht. Die vielen Wiederholungen und Vorgriffe funktionieren auf der auditiven Ebene durchaus, denn sie schaffen Atmosphäre, kreieren Bilder und sorgen dafür, dass Hörer*innen dranbleiben.</p><p>In der literarischen Adaption hätte der Autor sich aber stärker auf sein erzählerisches Können verlassen können. Denn er ist nach wie vor ein ungemein filmischer Erzähler, dem es mühelos gelingt, glänzende Oberflächen zu erschaffen und das Milieu seiner Jugend bis in den letzten Winkel auszuleuchten. </p><p>Doch wahnsinnig viel Neues findet er dort nicht. Ronald Reagans Trickle-Down-Ökonomie, die wie Raketentreibstoff den Neoliberalismus beförderte und uns unter anderem die Figur des Yuppies bescherte, wurde literarisch wie popkulturell vielfach und vor allem schärfer seziert. Nicht zuletzt von Easton Ellis selbst (Patrick Bateman lässt grüßen). Stattdessen poliert er einmal mehr die glänzenden Oberflächen der Schönen und Reichen, unter denen erwartungsgemäß Perversionen lauern. Das hat man nicht zuletzt im Kino und Fernsehen durchaus spitzer gesehen. Man denke etwa an Mike Whites HBO-Serie <em>The White Lotus </em>(2021-22)<em> </em>oder Ruben Östlunds Satire <em>Triangle of Sadness </em>(2022).</p><p>Mit am spannendsten sind noch die Einblicke in die Homosexualität seines Erzählers. Denn noch nie hat Easton Ellis so explizit über gleichgeschlechtliches Begehren und schwulen Sex geschrieben. Auch dem damit einhergehenden Versteckspiel, dem Schmachten und den erotischen Fantasien widmet er Raum. Und immer wieder blitzt die Sorge vor dem Entdecktwerden hervor. Genauso wie die internalisierte Homophobie, etwa wenn der Erzähler konstatiert, dass ein homosexueller Charakter gar nicht schwul wirke. </p><p>Das mag literarisch nicht neu sein, zumal im Jahr 2023. Dennoch ist es in <em>The Shards</em> eine willkommene Bereicherung, die Augenblicke der Empathie ermöglicht und queere Scham spürbar macht. Und die vielleicht den Weg in eine neue Periode in Easton Ellis&#39; Schaffen weist. Bereits in den zahlreichen Interviews, die er im Rahmen seines Podcasts geführt hat, zeigte er eine Empathie, die in seinen Romanen selten zu spüren war.</p><p>So wirkt auch der Blick des Erzählers auf sein Figurenarsenal zärtlicher als in den frühen Werken, an die <em>The Shards</em> anknüpft. Nostalgie und Wehmut mischen sich immer wieder in den Ton. Auch kommt Bret nicht umher, die ein oder andere Angewohnheit mit heutigen gesellschaftlichen Sensibilitäten zu kontextualisieren, was mitunter den Textfluss bremst. Der Serienkiller-Plot gerät immer wieder in den Hintergrund. Er sorgt zwar für einige Momente des Suspense - hier zeigt sich erneut Easton Ellis versiertes Spiel mit filmischen Erzählmitteln - steuert schlussendlich aber ein wenig ins Nichts.</p><p>Man kann sich durchaus fragen, warum Easton Ellis nach so vielen Jahren wieder in die frühen Achtziger zurückkehrt. Was möchte er noch erzählen, welche Themen anschneiden? Vielfach wird sein neuer Roman als eine Art Amalgam seines bisherigen Werks bezeichnet. Eine Reise zu den Ursprüngen.</p><p>Mit seinen 736 Seiten Länge wirkt <em>The Shards</em> mitunter jedoch wie die Neueinspielung des größten Erfolgsalbums einer in die Jahre gekommenen Rockband: Die Produktion ist makellos, der Sound wuchtig, Bonusmaterial und alternative Versionen wurden hinzugefügt. Doch die Unmittelbarkeit des Originals ist verlorengegangen, alles wirkt zugleich aufgebläht und aus der Zeit gefallen. (Tobi)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Die Freischwimmerin</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/03702ab9-0e80-4bae-9c4c-82076713e8c0/uploads/images/rpsgp6oicw/Design%20ohne%20Titel(2).png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><a href="https://mitpress.mit.edu/9781635901740/love-me-tender/"><strong>Constance Debré: <em>Love Me Tender</em> (aus dem Französischen ins Englische von Holly James, erschienen bei semiotext(e))</strong></a></p><p>Warum sollte die Liebe zwischen einer Mutter und ihrem Sohn anders sein als andere Arten der Liebe? Warum sollte es beiden nicht möglich sein, sich nicht mehr zu lieben? Sich zu trennen? </p><p>Mit diesen Fragen beginnt Constance Debrés Roman <em>Love Me Tender</em> (2022). Doch das stimmt nicht ganz, denn vor der ersten Frage steht ein &quot;I don&#39;t see&quot;, also ein &quot;Ich verstehe nicht (warum) / Ich wüsste nicht (warum).&quot; Und damit kommen wir vielleicht schon an den Kern von Debrés virtuosem Text. Denn ihre namenlose Ich-Erzählerin stellt sich nicht nur diese Fragen, sie lässt darauf auch Taten folgen.</p><p>Sie streift alle Verbindlichkeiten ab, verlässt mit Anfang vierzig ihren Ehemann und das bequeme Leben als Teil der gehobenen Mittelklasse. Kündigt ihren Job als Anwältin zugunsten des Schreibens. Schert sich den Kopf und beginnt Affären mit Frauen, die ineinander übergehen. Schwimmt jeden Tag, sodass ihr Körper sich verändert, stark wird, von außen maskulin gelesen. Eine queere Selbsterweckung könnte man sagen. </p><p>Der Preis dafür ist hoch: Tut ihr Mann ihre Entscheidung und ihre wechselnden Partnerinnen anfangs noch als Phase ab, reagiert er umso härter, als ihm klar wird, dass sie nicht zurückkommt. Er entzieht ihr den gemeinsamen Sohn, bedient sich aller Mittel des französischen Rechtssystems, um sie als schlechten Umgang zu brandmarken. Ihre Social-Media-Profile werden genauso durchforstet wie ihr Bücherregal; ihre Lektüren als inkriminierende Beweise angeführt. Hervé Guiberts <em>Verrückt nach Vincent</em> soll etwa pädophile Neigungen beweisen, ebenso wie Fotos mit ihren schwulen Freunden. </p><p>Doch Debrés Erzählerin gibt nicht auf. Sie empfindet ihre Homosexualität als Befreiung, kämpft um ihr Besuchsrecht und gerät in die bürokratischen Mühlen des französischen Familienrechts. Ihre Selbsterweckung trifft auf die Vorurteile einer Gesellschaft, die sich zwar modern gibt, für die aber eine Frau, die sich traditionellen heteronormativen Geschlechterrollen entzieht, eine Herausforderung darzustellen scheint. </p><p>Ohne festen Wohnsitz zieht sie von Appartment zu Appartment, klaut, schreibt, schwimmt und hat Sex. Ihre Partnerinnen sind jung und alt, wohlhabend und arm, Mütter und Töchter. Wollen sie etwas Beständigeres, macht sie mit ihnen Schluss. Der Fokus liegt immer auf dem Schreiben und der Freiheit. Und damit auf der Rückgewinnung und Sicherung ihrer eigenen Handlungsmacht.</p><p><em>Love Me Tender</em> ist der zweite Teil einer autofiktionalen Trilogie, die Debré in Frankreich viel Aufmerksamkeit eingebracht hat. Es ist das erste ihrer Bücher, das auf Englisch erscheint (auf Deutsch ist bisher keiner ihrer Texte erschienen). Und es entzieht sich ebenso sehr den Zuschreibungen wie es Debrés Ich-Erzählerin tut.</p><p>Handelt es sich um einen Roman? Der Verlag lässt dies bewusst offen. Debré hingegen hat vor Kurzem in einem <a href="https://www.theguardian.com/books/2023/jan/14/family-is-the-place-for-madness-constance-debre-on-the-book-that-has-shocked-france">Interview bekundet</a>, ihr Werk als Fiktion anzusehen, nicht als Autobiografie oder Memoir. Was einen Roman ausmache, so die Schriftstellerin, sei seine Form. Und die ist im Fall von <em>Love me Tender</em> bemerkenswert.</p><p>Debré erzählt in kurzen Kapiteln und Absätzen, aufs Notwendigste verdichtet. Ihr Text ist wie der vom Schwimmen gestählte Körper ihrer Erzählerin: sehnig und kraftvoll, ohne eine Spur von Fett. Jedes Wort, jeder Punkt, jedes Komma sitzt. Die Autorin schreibt mit großer Klarheit und liefert immer wieder so bestechende wie mitunter schmerzhafte Analysen von Mutterschaft, Liebe und Sex.</p><p>Sie entdeckt eine queere Zeitlichkeit außerhalb der heteronormativen Linearität: &quot;Im turning time on its head. I&#39;m taking a walk through it. Doing things ass-backwards. I&#39;m messing with the fast-forward and rewind buttons.&quot; Auch hier spiegeln sich Form und Plot ineinander. Denn <em>Love Me Tender</em> umspannt mehrere Jahre, springt in der Zeit vor und zurück, folgt seiner eigenen, selbstbestimmten Logik.</p><p>Dabei ist Debré näher an den queeren Meistern der französischen Autofiktion Guibert und Guillaume Dustan, denen sie sich verbunden fühlt, als an Annie Ernaux, mit der sie derzeit oft verglichen wird. Was <em>Love Me Tender</em> letztendlich zu einem zeitlosen Text macht, ist die Konsequenz, mit der hier Form und Plot einander reflektieren. Die Kraft, die aus der Klarheit entsteht und sich nicht brechen lässt. (Tobi)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Over the Rainbow: Queere Klassiker</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/03702ab9-0e80-4bae-9c4c-82076713e8c0/uploads/images/yslcvknrbw/Design%20ohne%20Titel(5).png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><a href="http://www.miranda-verlag.de/"><strong>David Wojnarowicz – <em>Close to the Knives: Memoiren der Desintegration</em> (aus dem amerikanischen Englisch von Stefan Ernsting, eschienen bei mox und maritz)</strong></a></p><p>David Wojnarowicz (1954-1992) war Künstler, Aktivist und Schriftsteller. <em>Close to the Knives,</em> seine <em>Memoiren der Desintegration</em> (aus dem Amerikanischen von Stefan Ernsting) lassen sich formal wie inhaltlich nur schwer fassen. Das Buch verwehrt sich dem klassischen Narrativ des Memoirs, ist assoziativ; eine Mischung aus Autobiographie, politischem Manifest, Essay und schriftlicher Performance. <em>Close to the Knives</em> ist vor allem aber eins: Eine Stimme, die sich erhebt, und gegen all jene anschreibt, die sie und die Ihren zum Schweigen bringen wollen.</p><p>Den Untertitel <em>Memoiren der Desintegration</em> beschreibt Olivia Laing im Vorwort der englischsprachigen Originalausgabe als eine Anspielung auf „both its chopped-up nature, collage structure and to the landscape it maps: a place of loss and danger, of transient beauty and dogged resistance.“ Denn Wojnarowicz beschreibt ein Land bevölkert von Queers, Obdachlosen, Sexarbeiter*innen, Kriminellen und Junkies – eine Welt, die in den Augen der Öffentlichkeit nicht existiert, nicht existieren darf und deswegen zum Schweigen gebracht werden muss.</p><p>Wojnarowicz lebt selbst eine Zeit lang auf der Straße, nachdem er als Jugendlicher aus seinem gewalttätigen Elternhaus geflüchtet ist. Um zu überleben, muss er seinen Körper an Pädophile und Freier verkaufen. Die Straße ist ein Ort der Gewalt. Ein Ort, an den Wojnarowicz allerdings immer wieder zurückkehrt, der seine Kunst und seinen Aktivismus inspiriert und an dem er seine Sexualität auslebt.</p><p>Es ist nur schwer vorstellbar, welche Gewalt, Entbehrungen und Schrecken Wojnarowicz in den 37 Jahren seines Lebens erdulden musste. Viel spricht aus meiner Sicht dafür, dass das Leben von Wojnarowicz Hanya Yanagihara beim Schreiben von <em>A Little Life</em> zumindest unterbewusst inspiriert haben mag. Auch weil der Fotograf Peter Hujar sowohl für Wojnarowicz als auch für Yanagiharas Roman eine prägende Rolle spielen.</p><p>Im titelgebenden Essay <em>Living Close to the Knives</em> beschreibt Wojnarowicz den Tod von Peter Hujar (1934-1987), seinem einstigen Geliebten und langjährigem Freund. Hujar war als Fotograf Zeit seines Lebens finanziell nicht erfolgreich– trotz seiner Portraits von berühmten Persönlichkeiten und der Unterstützung von Susan Sontag. Spätestens seit 2015 ist Hujar wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit getreten: Auf dem Cover von Hanya Yanagiharas <em>A Little Life </em>befindet sich eines seiner Portraits, <em>Orgasmic Man</em> (1969).</p><p>Für den Tod von Hujar findet Wojnarowicz keine Worte:</p><p><em>„Dies ist das wichtigste Ereignis in meinem Leben und mein Mund kann keine Wörter formulieren und vielleicht bin ich derjenige, der die Wörter braucht, vielleicht bin ich derjenige der beruhigt werden muss und alles was ich machen kann ist hilflos meine Hände hochzuheben und sagen, »Alles was ich will ist ein wenig Barmherzigkeit.« Und dann fließt das Wasser aus meinen Augen.“</em></p><p>Die AIDS Epidemie befindet sich auf ihrem Höhepunkt, ganze Freundeskreise und Stadtviertel sterben aus. Wojnarowicz schreibt:</p><p><em>„und jedesmal wenn ich diesen Monat ans Telefon ging musste ich erfahren, dass einer von ihnen gestorben ist. Stück für Stück erodiert die Landschaft und an ihrer Stelle baue ich ein Denkmal aus Fragmenten von Liebe und Hass, Traurigkeit und Mordgedanken. Dieses Denkmal dient als ein Schrein, wo man der Unschuld langsam den Bauch aufschlitzt, ihr Herz entnimmt, ihr die Augen rausreißt, die Zunge abschneidet, ihre Finger bricht, ihr die Beine ausreißt.“</em></p><p><em>Close to the Knives</em> ist eine Abrechnung mit Politik und Gesellschaft. Wojnarowicz schwankt zwischen Wut, Hass und Zorn, gibt sich aber nicht der Apathie hin. Denn der Text ist auch als Weckruf gegen dieses mörderische System zu verstehen, das selbst keinen Hunger, keine Gewalt, keine Armut und keinerlei Ausgrenzung kennt. Ein System, dessen Schweigen und Nichthandeln nicht mit Gleichgültigkeit verwechselt werden darf, weil es vorsätzlich und mörderisch agiert.</p><p>Es ist wenig verwunderlich, dass viele Künstler*innen die Lektüre von <em>Close to the Knives</em> als prägend beschreiben, dass es ihre Vorstellung von Politik geformt und sie radikalisiert hat.</p><p>Die hier vorgestellt deutsche Übersetzung ist seit längerem vergriffen und nur recht schwer antiquarisch zu finden. Eine Neuauflage dieses so einflussreichen wie einzigartigen Texts wäre äußerst begrüßenswert. (Marlon)</p><p><a href="https://www.diogenes.ch/leser/titel/patricia-highsmith/carol-9783257243246.html"><strong>Patricia Highsmith: <em>Carol oder Salz und sein Preis</em> (aus dem amerikanischen Englisch von Melanize Walz, erschienen im Diogenes Verlag)</strong></a></p><p><em>»Was für ein merkwürdiges Mädchen Sie sind.«</em></p><p><em>»Wieso?«</em></p><p><em>»So als hätte man Sie aus Zeit und Raum hinausgeschleudert«, sagte Carol.</em></p><p>1952 veröffentlicht Patricia Highsmith mit <em>Carol</em> (aus dem Amerikanischen von Kyra Stromberg) den vielleicht größten Klassiker der lesbischen Literatur. Zunächst noch unter dem Titel <em>Salz und sein Preis</em> – und dem Pseudonym Claire Morgan. Erst in einer Neuauflage von 1990 bekannte sich Patricia Highsmith, die vor allem als Autorin von Kriminalromanen bekannt wurde, zu ihrer einzigen lesbischen Liebesgeschichte – und ging mit dem neuen Titel vielleicht direkt wieder auf Distanz.</p><p><em>Carol</em> oder <em>Salz und sein Preis</em>gehört zu den wichtigsten Romanen der lesbischen Literatur. Vielleicht ist es neben Sapphos Liedern sogar der Wichtigste. Der Grund dafür ist einfach: Highsmith hat ihren beiden Protagonistinnen ein glückliches Ende vergönnt. Der Roman erzählt die Liebesgeschichte von Therese und Carol. Die 19jährige Therese arbeitet während der Weihnachtszeit in der Puppenabteilung von Frankenberg, einem Warenhaus in Manhattan. Hier lernt sie die 12 Jahre ältere und (noch) verheiratete Carol kennen:</p><p><em>„Ihre Augen waren von einem durchsichtigen Grau, die aber wie Licht und Feuer alles andere überstrahlten und unwiderstehlich in ihren Bann zogen, und Therese konnte nicht wegsehen.“</em></p><p>Therese fühlt sich von der älteren Frau angezogen, ohne Worte für das zu haben, was sie empfindet. Auf einer prekären Reise – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn, weil es keinen Ort auf dieser Welt zu geben scheint, an dem sie ihre Liebe leben können – finden die beiden schließlich zueinander. Zugleich wird die Reise zur Zerreißprobe. Denn Carols Ex-Mann lässt sie von einem Privatdetektiv beschatten, der kompromittierende Tonbandaufnahmen der beiden Frauen macht.</p><p><em>Carol</em> wird und wurde vor allem als Liebesgeschichte gelesen und rezipiert, nicht als eine Geschichte darüber, was es bedeutet, eine lesbische Frau zu sein, über die scheinbar unüberwindbaren Herausforderungen und Kämpfe, über die gesellschaftlichen und politischen Ausgrenzungserfahrungen. Und doch liegen diese Dinge wie ein bedrohlicher Schatten über der Liebesgeschichte, zeitweilig eine Atmosphäre heraufbeschwörend, wie man sie aus den Kriminalromanen von Patricia Highsmith kennt.</p><p>Die Paranoia der McCarthy-Ära bildet den Hintergrund des Romans. Kommunist*innen, die Verkörperung des Bösen für die amerikanische Politik, werden verfolgt, homosexuelle Menschen werden mit diesen gleichgestellt. Es ist die Zeit der sogenannten ‚Lavender scare‘. Entsprechend grausam geht Carols Ex-Mann im Sorgestreit um die gemeinsame Tochter gegen diese vor. Mit den während der Reise entstandenen Tonbandaufnahmen erpresst er Carol, um diese von ihrer Tochter fernzuhalten.</p><p>Der Sorgerechtsstreit zieht sich wie ein Riss durch die Beziehung zwischen Therese und Carol. Denn er ist Beweis dafür, dass ihre Liebe in den Augen der Welt etwas Abscheuliches ist. Die noch unerfahrene Therese muss sich fragen, ob sie in solch einer Welt, solch einer Beziehung leben will. Auch Carol muss sich entscheiden: Mutter, Lesbe, würdevolle Person – sind diese Dinge unvereinbar? Ist das der Preis des Salzes?</p><p><em>Carol</em> ist zurecht ein Klassiker, unterscheidet sich in einigen grundlegenden Punkten allerdings von der lesbischen Literatur des Zweiten Welle Feminismus. Die Figuren von Highsmith sind komplex, sie lassen sich nicht in Gut und Schlecht aufteilen, das gilt für ihre Protagonistinnen wie auch für die Männer in ihrem Leben (was nicht bedeuten soll, dass im Roman nicht ausreichend Chauvinisten vorkommen).</p><p>Auch wenn der Roman glücklich endet, entscheidet sich Carol zunächst weder für ihre Tochter noch für ihre so viel jüngere Freundin Therese – sie entscheidet sich vor allem nicht wider ihre Natur zu leben.</p><p>Für Aufmerksamkeit (und Kritik) hat auch immer wieder der Altersunterschied zwischen Therese und Carol gesorgt. Und auch wenn die Dynamik der beiden sich auf ‚die junge Liebende‘ und ‚die ältere Geliebte‘ herunterbrechen lässt, stellt Highsmith mit gewissen Einschüben diesen durchaus bekannten Topos der lesbischen Literatur immer wieder auf den Kopf. Mir scheint aber auch, dass dieser Aspekt eine Besonderheit queerer Beziehung widerspiegelt, in der das Gegenüber mehr als nur die*der Partner*in ist und zur Ersatzfamilie wird.</p><p>Therese ist praktisch eine Waise: Der Vater ist früh gestorben, die Mutter hat sie in ein Internat abgeschoben, neu geheiratet und einen Sohn mit ihrem zweiten Ehemann bekommen. Bevor sie Carol kennenlernt, wird Therese als junge Frau auf der Flucht beschrieben – vor sich und den Menschen in ihrem Leben. Carol ändert das: <em>„Denn jetzt war sie glücklich, von diesem Tag an. Sie brauchte weder Eltern noch Heimat.“</em></p><p>Auch in anderen Bereichen wird Therese als eine Frau am Rand der Gesellschaft beschrieben, so dass <em>Carol </em>durchaus den transgressiven Charakter von Highsmith‘ Kriminalromanen erreicht. Denn der Roman stellt die Säulen des amerikanischen Wertesystems der 50er Jahre infrage. Highsmith scheut sich nicht davor, den Kapitalismus als eine schreckliche Maschine darzustellen, welche die Menschen zermalmt und gebrochen und ohne Träume ausspeit. Auch die Kernfamilie gleicht einem Alptraum, einer Falle der Ödnis und der Verbitterung. Therese findet im scheinbaren Abseits mit Carol ihr Glück:</p><p><em>„Aber es gab keinen Augenblick, in dem sie nicht Carol in Gedanken vor sich sah, und alles, was sie sah, schien sie mit Carols Augen zu sehen.“</em></p><p><em>Carol</em> ist Patricia Highsmith zweiter Roman. Nur zwei Jahre zuvor, 1950, erschien ihr Debüt, der Kriminalroman <em>Strangers on a Train</em> (später von Alfred Hitchcock verfilmt). Auch deswegen rieten ihre Verleger ihr von einer Veröffentlichung ab, man erwartete im Folgeroman etwas Ähnliches, fürchtete, dass sie als Autorin lesbischer Literatur gebrandmarkt würde. Aber auch moralische Bedenken werden der Veröffentlichung im Wege gestanden haben. Denn in 50er Jahren über Homosexualität zu schreiben, bedeutete zwangsläufig auch über ihre Verdammung zu schreiben. Für queere Figuren konnte es kein Happy End geben. Selbstmord, Depressionen, moralische Degeneration – nur mit solch einem Ende konnte offen über Homosexualität geschrieben werden.</p><p>Patricia Highsmith hat mit <em>Carol </em>oder <em>Salz und sein Preis</em> einen anderen Weg beschritten. Für viele lesbische Leserinnen war es das erste Buch, in dem sie ihre Lebensrealität wiederfinden konnten. Für andere war es das erste Buch, das ihnen zeigte, dass ein glückliches Leben möglich ist. Auch deswegen ist der Roman ein Klassiker der queeren Literatur. Heute liest sich der Roman dank seiner glatten Prosa überraschend modern. Carol eine Liebesgeschichte, die aber vor allem eines ist: zeitlos. (Marlon)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Queere Freuden</h2><p><em>Hier möchten wir auf Texte, Posts und andere Formate aus dem queeren Themenkosmos verweisen, die uns in den letzten Wochen beschäftigt haben.</em></p><p>Die Dokumentation <em>David Wojnarowicz: F*k you F*ggot F*ker</em> zeichnet ein Portrait und bietet Einblick in sein Leben und Werk als Autor, Künstler und Aktivist. Auf dem YouTube Kanal von <em>Vice</em> kann man die Dokumentation aktuell gratis streamen. (Marlon)</p><a href="https://www.youtube.com/watch?app=desktop&amp;v=18X5dBp06Qs">https://www.youtube.com/watch?app=desktop&amp;v=18X5dBp06Qs</a><p>Der <em>Dyke Dogs Salon </em>ist eine queer-lesbische Kulturpartie von Lynn Takeo Musiol, Eva Tepest und Gästen. Die Dyke Dogs blicken aus einer queeren und lesbischen auf die Welt. Der nächste Salon findet am 23.02. in der Berliner Schaubühne statt. Ihr wunderbares Manifest findet ihr auf der Seite des LCB (<a href="https://lcb.de/stoffe/dyke-dogs/">hier</a>). Mehr zu Eva Tepests demnächst erscheinender Essay-Sammlung <em>Power Bottom </em>im nächsten Queeren Kanon. (Tobi)</p><a href="https://www.schaubuehne.de/de/produktionen/dyke-dogs-salon-2.html">https://www.schaubuehne.de/de/produktionen/dyke-dogs-salon-2.html</a><p></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Newsletter]]></category>
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      <pubDate>Sun, 05 Feb 2023 09:00:41 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Queerer Kanon #8: Rafael Chirbes im Fokus und Neuerscheinungen]]></title>
      <description><![CDATA[Rafael Chirbes bemerkenswerte Tagebücher, Aktuelles und Neuerscheinungen von Dino Pešut, Alejandro Varela, Alex Espinoza und Saul Friedländer und Textempfehlungen.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Leser*innen,</p><p>mit etwas Verspätung startet auch der <em>Queere Kanon?  </em>ins neue Jahr. In diesem Jahr erwarten uns einige spannende neue queere Bücher, unter anderem von <a href="https://kjona.eco/shop/produkt/linus-giese-lieber-jonas-oder-der-wunsch-nach-selbstbestimmung/">Linus Giese</a>, <a href="https://www.maerzverlag.de/shop/buecher/literatur/power-bottom/">Eva Tepest</a>, <a href="https://www.albino-verlag.de/produkt/groenland">David Santos Donaldson</a> und <a href="https://editions.flammarion.com/offenses/9782080286147">Constance Debré</a>.</p><p>In der ersten Ausgabe des Jahres widmet sich Marlon den Tagebüchern des spanischen Autors Rafael Chirbes, die Ende letzten Jahres zum ersten Mal auf Deutsch erschienen sind. Chirbes galt als einer der wichtigsten Gegenwartsautor*innen des Landes und hat mit seinem letzten Roman <em>Paris-Austerlitz</em>, den Tobi euch vorstellt,<em> </em>ein beeindruckendes Werk der HIV-/AIDS-Literatur vorgelegt.</p><p>In unserer <em>Out &amp; Proud</em>-Rubrik stellen wir euch neue und aktuelle Titel von Alejandro Varela, Dino Pešut, Alex Espinoza und Saul Friedländer vor. Zum Schluss verweisen wir in <em>Queere Freuden</em> noch auf einen Artikel sowie einen Newsletter.</p><p>Ausnahmsweise wird in dieser Ausgabe nur Lieratur von cis-gender Autoren besprochen (die aber intersektional zusammengestellt sind). Das ist reiner Zufall, da einige der geplanten Titel noch nicht verfügbar waren oder wir uns noch mitten in der Lektüre befinden. Dementsprechend wird sich die Zusammensetzung in der nächsten Ausgabe wieder ändern.</p><p>Wie immer freuen wir uns auf euer Feedback, eure Fragen, Vorschläge und Kommentare.</p><p>Tobi &amp; Marlon</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rafael Chirbes Tagebücher und <em>Paris-Austerlitz</em></h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0b3e2048-9b19-4049-81fe-60dc78bffa75/uploads/images/rmczuourdo/Design%20ohne%20Titel%20(12).png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><a href="https://www.kunstmann.de/buch/rafael_chirbes-von_zeit_zu_zeit-9783956145124/t-0/"><strong><em>Von Zeit zu Zeit</em> (aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz und Carsten Regling, erschienen im Verlag Antje Kunstmann)</strong></a></p><p>Mit <em>Von Zeit zu Zeit</em> sind die Tagebücher des spanischen Schriftstellers Rafael Chirbes (1949 – 2015) erschienen. Sie decken den Zeitraum zwischen 1983 und 2005 ab und erzählen vom Nachtleben in Madrid, von Sex, Alkohol und Drogen, aber auch vom Schreiben, den ständigen Selbstzweifeln und immer wieder von der rettenden Kraft der Literatur.</p><p>Die Tagebücher sind zweigeteilt: Teil 1 deckt die Jahre zwischen 1984 und 1992 ab, Teil 2 1995 bis 2005. Dass es in den Tagebüchern diese klaffende Lücke gibt, hat verschiedene Gründe. Einer von ihnen ist der Tod von François, einem langjährigen Geliebten von Chirbes.</p><p>Die Beziehung ist intensiv und leidenschaftlich, aber auch von Momenten der (Selbst-)Erniedrigung geprägt. Alkoholexzesse und Eifersuchtsszenen wechseln sich ab, verkompliziert durch die Distanz zwischen Spanien und Frankreich. François will seinen Geliebten in den Abgrund mitreißen, denn im Gegensatz zu ihm hat er keinerlei Ambitionen:</p><p><em>„Seine Hingabe, seine Nervosität erschrecken mich. Als ob unsere Beziehung alle Lücken seines Lebens, die außerhalb der Arbeit bleiben, ausfüllte. Ich erkläre ihm, dass dies nicht so ist, nicht sein darf, insbesondere wenn man bedenkt, dass wir mehr als tausend Kilometer voneinander entfernt leben.“</em></p><p>Chirbes hat die Beziehung und den Tod des langjährigen Geliebten in dem posthum veröffentlichen Roman <em>Paris-Austerlitz</em> (ebenfalls von Dagmar Ploetz aus dem Spanischen übertragen) verarbeitet. In diesem flüchtet ein junger Maler vor seiner gutbürgerlichen Familie von Spanien nach Frankreich, wo er sich in Michel verliebt, einen Arbeiter Mitte 50 – der wie auch François an AIDS sterben wird.</p><p>Dass Chirbes einen Teil der Tagebücher nachträglich als <em>Ein Zimmer in Pari</em> betitelt, zeigt, inwiefern die Kunst das Leben und das Leben die Kunst beeinflussen, denn die Parallelen zu James Baldwins <em>Giovanni’s Room</em> sind offensichtlich, etwas, das Chirbes bereits während seiner Beziehung zu François gespürt haben muss, erwähnt er doch die Lektüre von Baldwins Roman.</p><p>Als der Roman 2016 veröffentlicht wurde ging die Süddeutsche Zeitung in ihrer Rezension so weit, vom literarischen Coming Out Chirbes zu sprechen. Dabei hatte er aus seiner Sexualität nie ein Geheimnis gemacht. Sowohl sein Debüt, die Novelle <em>Mimoun</em> (aus dem Spanischen von Elke Wehr), als auch sein vierter Roman (wenn hier auch nur peripher) <em>Der Schuss des Jägers</em> (ebenfalls von Elke Wehr übersetzt) thematisieren Homosexualität. Chirbes selbst war an Homosexualität als literarischem Thema allerdings nur wenig interessiert:</p><p><em>„Nichts davon interessiert mich als Literatur – (…) Schwule sollen heiraten (in Kürze wird das möglich sein) und öfter zum Baggern in die Sauna oder in Kneipen gehen, oder noch besser: Sie wollen nirgendwohin gehen und lieber versuchen, mit den Nachbarn zu vögeln, die ihnen gefallen, denn letzten Endes ist das die einzige wirklich wünschenswerte Normalität.“</em></p><p>Auch deswegen wäre es wohl zu kurz gegriffen, <em>Paris-Austerlitz</em> beispielsweise als schwule Literatur zu bezeichnen. Denn auch wenn das Buch eine schwule Liebe und AIDS thematisiert, steht vor allem ein Thema im Vordergrund – die Grenzen der Liebe.</p><p>Das heißt aber nicht, dass Chirbes sich in den Tagebüchern bei der Schilderung seiner Sexualität zurückhalten würde: <em>„In vier Tagen haben wir nicht voneinander gelassen. Ich hätte nie gedacht, dass man so viel vögeln kann und mit so viel Lust. »Je suis fou«, sagt er. Ein Franzose kann so etwas sagen. Ich denke es: Ich bin auch verrückt, auf meine Weise, wir riechen nach all den Säften und Flüssigkeiten, die der menschliche Körper in sich birgt. Egal, duschen können wir auch später.“</em> </p><p>Wir begleiten Chirbes bei seinen Streifzügen durch Kneipen, die oft einem Exzess aus Alkohol und Drogen gleichen, sind dabei, wenn die Nacht mit Poppers und Sex endet.</p><p>All das gerät im zweiten Teil der Tagebücher in den Hintergrund. Hier dominiert das Schreiben – beziehungsweise die Unfähigkeit zu schreiben. Chirbes wird immer wieder von Selbstzweifeln und schwersten Depressionen geplagt. Die Anpassung seiner Umgebung an bürgerliche Ideale mit dem Ende der Franco-Diktatur ruft in ihm vor allem Wut und Verachtung hervor.</p><p>Denn Chirbes stammt aus einer proletarisch-republikanischen Familie, der Marxismus prägte seine Jugend. Entsprechend ist seine Einstellung gegenüber dem Literaturbetrieb und vor allem der Literaturkritik, die er als bürgerliche Institution betrachtet:</p><p><em>„Es gibt kein Heilmittel gegen die Klassenherkunft, nicht einmal Geld oder soziales Prestige. Das erstaunt mich nicht. Als Materialist weiß ich, dass die Seele ein Abbild der Umstände ist, ein komplexes Geflecht aus Formen, Tabus, Hoffnungen, Misstrauen und Groll, das sich in der frühen Kindheit herausbildet. Sie ist eine Komposition, eine Kombination aus Materialien, aber auch eine Wunde, gegen deren Schmerz du dich wehrst, und sogar vor deinen eigenen, klassenlosen Kindern zeigst du die Krallen eines Tieres von unten.“</em></p><p>Schlussendlich ist es aber immer wieder die Literatur, die Chirbes rettet. In ihr findet er, wenn keine Antwort, so doch immer einen Weg, eine Richtung. Das liest sich mitunter durchaus amüsant, denn der Autor ist nicht eitel. Er hinterfragt die eigene Erfahrung und das Alter, versucht auch durch die Lektüre von jungen Stimmen das aktuelle Geschehen in der Literatur zu begreifen.</p><p>Wer sich nicht mit dem Werk des Spaniers auskennt, braucht die Lektüre der Tagebücher dennoch nicht zu scheuen. Denn Chirbes selbst hat sich eine Veröffentlichung gewünscht und seine Schriften entsprechend vorbereitet. Darüber hinaus liefert das sehr kluge und informative Vorwort von Heinrich von Berenberg ausreichend Kontext, um Leser*innen den Einstieg zu ermöglichen.</p><p>Die Tagebücher laden vor allem aber dazu ein, das Werk dieses viel zu unbekannten Schriftstellers kennenzulernen. Ein Großteil seiner Romane ist im Verlag Antje Kunstmann erschienen, wo parallel zu den Tagebüchern auch die gesamte Spanien Trilogie, bestehend aus <em>Der lange Marsch</em>, <em>Der Fall von Madrid</em> und <em>Alte Freunde</em> (aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz), veröffentlicht wurde. (Marlon)</p><p><a href="https://www.penguinrandomhouse.de/Taschenbuch/Paris-Austerlitz/Rafael-Chirbes/btb/e519020.rhd"><strong><em>Paris-Austerlitz</em> (aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz, erschienen im Verlag Antje Kunstmann / als Taschenbuch bei btb)</strong></a></p><p>Vincennes, im Großraum Paris, Mitte der 1980er-Jahre: Ein junger spanischer Maler aus einer gutbürgerlichen Familie verliebt sich in den 30 Jahre älteren Arbeiter Michel. Ihre Liebe ist stürmisch und exzessiv. Sie trinken und haben Sex, wann immer sich ihnen die Möglichkeit bietet. Die kleine Hinterhofwohnung Michels, gerademal von einem dunklen Fenster beleuchtet, wird zu ihrem Nest.</p><p>Doch die räumliche Enge, die anfangs so verlockend und beschützend war, greift auf die Beziehung über. Michels Vorstellung des Zusammenlebens gleicht einer Symbiose, ein ineinander Aufgehen, das dem Erzähler die Luft abzuschnüren droht. Sie geht so weit, dass er den Wunsch des Protagonisten, aufgrund der HIV- und AIDS-Krise Kondome zu verwenden, als Affront und fehlende Hingabe wertet. Und so kommt es zum Bruch.</p><p>Rafael Chirbes letzter Roman, <em>Paris-Austerlitz</em>, gilt gemeinhin als sein autobiografischster. Denn die Geschichte um den spanischen Erzähler und seinen ehemaligen französischen Geliebten, der an AIDS stirbt, hat ihre Parallelen in Chirbes eigenem Leben, wie man spätestens bei der Lektüre seiner Tagebücher erkennt.</p><p>Dennoch kann hier nicht von Autofiktion gesprochen werden. Zum einen, weil Chirbes Novelle klare und sehr wichtige Unterschiede zum Leben des Autors aufweist. So stammt Chirbes Protagonist einer wohlhabenden spanischen Familie ab, der Autor selbst kam hingegen aus einfachen Verhältnissen. Sein langjähriger Partner Francois, der oftmals als Vorbild für Michel gesehen wird, war nicht älter, sondern im selben Alter wie Chirbes. Wie Michel starb auch er an AIDS.</p><p><em>Paris-Austerlitz</em> ist aber auch deswegen kein autobiografischer Roman, weil er unter anderem mit großer Präzision die Klassenunterschiede seiner Charaktere analysiert. Der Erzähler romantisiert zwar anfangs seine angespannte finanzielle Lage und die Zuflucht, die ihm Michel bietet. Er weiß im Hinterkopf aber auch, dass ein Anruf, ein Besuch bei den Eltern genügten, um wieder ein komfortables Leben zu führen.</p><p>Seine anfängliche Romantisierung des Lebens mit Michel und des gemeinsam geteilten Raumes im Einzugsgebiet der französischen Metropole erinnern nicht von Ungefähr an James Baldwins Klassiker <em>Giovanni’s Room</em>, in dem es letztendlich auch mehr um Klasse als um Homosexualität ging. Die Prekarität und Absolutheit der Beziehung üben wie bei Baldwin auf den gutbürgerlichen Erzähler eine exotische Faszination aus, sie bieten die Chance auf die Immersion in eine ungeschütztere, ihm unbekannte Welt. Auch die „Bar der Marokkaner“, die Michel regelmäßig aufsucht, um sich zu betrinken, erscheint wie ein Wiedergänger von Giovannis Arbeitsstätte „Guillaumes Bar“.</p><p>Doch Chirbes Protagonist ist nur Gast. Wie ein Tourist, der sich aus einem Luxusressort hinaus bewegt und sich unter die Einheimischen mischt, um „Land und Leute“ zu erleben, wie es oft so floskelhaft heißt. Seine Leidenschaft erkaltet mit dem Bedürfnis nach klassischen Wohlstandsmarkern, einem Job mit Aufstiegschancen und einer Wohnung mit viel Tageslicht. Der Blick auf den ausgemergelten Körper des ehemaligen Partners, der sich noch immer nach ihm sehnt, wird ihm zur Last.</p><p>Dementsprechend taugt der Erzähler von <em>Paris-Austerlitz</em>nicht zum Sympathieträger, gleichwohl er den Widerstreit der Gefühle durchaus reflektiert. Er hadert mit seiner Verantwortung, mal drückt er sich vor ihr, schiebt sie weg, mal scheint er sie zu akzeptieren. Chirbes novellenhafter Roman spiegelt diesen Prozess auch auf der formalen Ebene. Er folgt keiner linearen Chronologie, die kurzen Kapitel wirken mitunter fragmentarisch, wie Erinnerungen. Beginn und Ende der Beziehung gehen immer wieder ineinander über. Der Blick des Liebenden vermischt sich mit dem des Abscheus.</p><p>Das große Verdient von <em>Paris-Austerlitz</em> ist es, all diese Widersprüche und Fragmente nebeneinander stehen zu lassen. Chirbes weiß um die Komplexität des Lebens und der Liebe und mutet sie seinen Leser*innen zu. Es wird nicht erklärt, nicht harmonisiert, nicht geurteilt. Im Klappentext wird der Roman als kompromisslos bezeichnet. Lebensecht trifft es besser. (Tobi)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Out &amp; Proud: Aktuelles &amp; Neuerscheinungen</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0b3e2048-9b19-4049-81fe-60dc78bffa75/uploads/images/qd35cchef6/Design%20ohne%20Titel%20(14).png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><a href="https://www.textrahmen.at/die-autorinnen/dino-pesut/"><strong>Dino Pešut - <em>Daddy Issues</em> (aus dem Kroatischen von Alida Bremer, erschienen im Text/Rahmen Verlag)</strong></a></p><p>In <em>Daddy Issues </em>nimmt uns Dino Pešut mit ins Zagreb der 2010er-Jahre. Sein Erzähler Luka hat einst Anglistik studiert und ist danach wie viele seiner Altersgenoss*innen in eine europäische Großstadt gegagenen, um sein Glück und eine Karriere zu suchen. So recht ist es ihm nicht gelungen, weshalb es ihn wieder nach Zagreb verschlagen hat, wo er als Portier in einem Hotel arbeitet und nebenbei Gedichte schreibt.</p><p>Und das gar nicht mal schlecht, findet zumindest sein älterer Fuck-Buddy. Doch veröffentlichen will Luka sie dennoch nicht. In die Trägheit seiner immergleichen Tage bricht die Nachricht von einer schweren Erkrankung seines Vaters. Mit Letzterem verbindet den Erzähler eine Hassliebe, hat er ihn doch einen Großteil seiner Kindheit und Jugend mit der alkoholkranken Mutter allein gelassen, deren früher Tod auf beiden lastet. </p><p>Während der Vater seinem Wunsch, den eigenen Sohn zu sehen, immer stärker Nachdruck verleiht, zwingen Luka einige weitere Entwicklungen in seinem Umfeld, die eigene Lethargie hinter sich zu lassen. Pešut, der als Dramatiker große Erfolge feiert, gelingt in <em>Daddy Issues </em>das Kunststück, komplexe Themen wie Homophobie, Klasse, Tod und die Auswirkungen eines nicht lange zurückliegenden Krieges zu adressieren, ohne dabei die Leichtigkeit zu verlieren. </p><p>Sein Vater-Sohn-Gespann entzieht sich den Erwartungen. So haben wir es keineswegs mit einem homophoben Vater zu tun, der seinen Sohn ablehnt, wie es oft in der queeren Literatur (und leider in der Realität, die sie abbildet) zu finden ist. Vielmehr begleiten wir zwei Suchende, denen der Halt vor längerer Zeit abhandengekommen ist und die nicht anzukommen scheinen. Gleichzeitig zeigt Pešut auf, dass die Vorstellung eines &quot;Ankommens&quot; eine zutief neoliberale ist. Denn Lukas erfolgreichere Freund*innen, die es nach Berlin oder London verschlagen hat, wirken keineswegs glücklicher. </p><p><em>Daddy Issues</em> ist ein temporeich erzählter, sprachlich ausgefeilter Roman, frisch und selbstsicher. (Tobi)</p><p><a href="https://astrapublishinghouse.com/product/the-town-of-babylon-9781662601033/"><strong>Alejandro Varela: <em>The Town of Babylon</em> (erschienen bei Astra House)</strong></a></p><p>Klassentreffen sind gemeinhin eine bittersüße Angelegenheit. Oft oszillieren sie zwischen nostalgischer Verklärung und ehrlichem Erstaunen ob der Schneisen, die das Leben den früheren Mitschüler*innen ins Leben als auch die Gesichter geschlagen hat. Für queere Menschen gestalten sie sich häufig noch ein bisschen schwieriger. Denn vielen ist die Schulzeit aufgrund von Diskriminierung(en) und Ausgrenzung ungut in Erinnerung, weshalb sie Jahrgangszusammenkünfte häufig meiden.</p><p>Auch Andrés, Protagonist von Alejandro Varelas Debütroman <em>The Town of Babylon</em>, hat sich bisher von diesen regelmäßig zelebrierten Ausflügen in die Vergangenheit ferngehalten. Doch dann wird sein Vater überraschend krank und muss operiert werden. Just zur selben Zeit findet in seiner kleinen Heimatstadt das 20-jährige Jubiläum seiner Abschlussklasse statt und Andrés erliegt seiner Neugier. </p><p>Dabei erwarten ihn einige Unabwägbarkeiten. Etwa Jeremy, der ehemalige Highschool-Herzensbrecher, mit dem er eine heimliche Beziehung führte oder Paul, ein von allen gefürchteter Bully, der einst damit prahlte, einen schwulen Mann in einem Cruising-Gebiet verprügelt zu haben. Auch war Andrés, der zu Schulzeiten beliebt und strebsam war, nicht geoutet. Für viele der Partygäste verkörpert er die große Ausnahme, the one that got away: einer der wenigen, die es an eine gute Universität und später in die Großstadt schafften, wo er als Professor lehrt und mit einem Arzt verheiratet ist.</p><p>Doch wider Andrés ursprünglichen Befürchtungen verläuft die Zusammenkunft gut. Seine Mitschüler*innen sind neugierig, reagieren positiv auf seine Ehe und suchen den Kontakt mit ihm. Auch Jeremy kann seine Augen nicht von Andrés lassen. Und das, obwohl viele der Autos auf dem Parkplatz Trump-Sticker auf den Stoßfängern haben und Andrés, dessen Eltern aus El Salvador und Kolumbien kommen, nicht mehr wie früher Andy genannt werden möchte.</p><p>Die Zeit bei seinen Eltern wird für Andrés zur Bestandsaufnahme. Er ist 37, in seiner Beziehung kriselt es und die Konfrontation mit Jeremy, Paul und seinem Elternhaus zwingen ihn dazu, sich mit der Vergangenheit und sich selbst auseinanderzusetzen. Alejandro Varelas Debüt erzählt davon, was es heißt, als queeres Kind von Einwanderer*innen in der weißen Kultur amerikanischer Vorstädte aufzuwachsen. Er beleuchtet den Widerstreit der Identitäten und die Frage nach Zugehörigkeit(en), die damit einhergehen.</p><p>Die Erzählperspektive wechselt zwischen Andrés Ich-Erzähler in der Gegenwart und einem allwissenden Erzähler, aus dessen Sicht unter anderem die Geschichte von Andrés Eltern und seinem Bruder erzählt wird. Das Wechselspiel dieser Erzählinstanzen führt zu einer außerordentlich gelungenen Verbindung aus Mikro- und Makroperspektive. </p><p>Varela schafft es mühelos die Komplexität seiner Figuren und Themen abzubilden und gleichzeitig temporeich und humorvoll zu erzählen. <em>The Town of Babylon</em> ist ein zeitgenössisches queeres Epos auf kleinem Raum, eine intersektionale Taxonomie der amerikanischen Vorstadt mit einem Protagonisten, dem man weiter durchs Leben folgen möchte. (Tobi)</p><p><a href="https://www.unnamedpress.com/books/book?title=Cruising%3A%20An%20Intimate%20History%20of%20a%20Radical%20Pastime"><strong>Alex Espinoza: <em>Cruising: An Intimate History of a Radical Pastime</em> (erschienen bei Unnamed Press)</strong></a></p><p>Anhand einer Mischung aus Memoir, Kulturgeschichte und Interviews mit Freunden und Fremden versucht Alex Espinoza eine Geschichte des Cruisens zu erzählen. Von der griechischen Antike, über die Molly Houses im viktorianischen England bis hin zu Grindr berichtet er vom Zusammenkommen von Männern mit den unterschiedlichsten Herkünften. Das ist eine spannende Idee – scheitert jedoch an den eigenen Ansprüchen.</p><p>Die Mischung verschiedener Genres in der queeren Sachbuchliteratur ist mittlerweile nichts Neues. Spätestens Maggie Nelsons <em>The Argonauts</em> (<em>Die Argonauten</em>, aus dem Amerikanischen von Jan Wilm) hat es vorgemacht. Und auch aktuelle Neuerscheinungen wie <a href="https://steadyhq.com/de/queerer-kanon/posts/161c4803-45c3-4ff4-ba06-194ac2f440f8"><em>Fire Island: Love, Loss, and Liberation in an American Paradise</em></a> von Jack Parlett und <a href="https://steadyhq.com/de/queerer-kanon/posts/429ba00d-e25a-4049-b80f-cb510c6b7020"><em>Gay Bar: Why We Went Out</em> von Jeremy Atherton Lin</a> vermischen gekonnt die Mikro- mit der Markroebene. <em>Cruising</em> scheitert daran, dass diese formal unterschiedlichen Aspekte nicht so recht zusammenfinden wollen.</p><p>Espinozas historischer Abriss über die Geschichte des Cruisens gleicht in der Regel eher einer Kulturgeschichte der Homosexualität. Der Autor verläuft sich in einer Geschichte, die wir eigentlich schon zu genüge kennen: Die sich wandelnden Vorstellungen von Sexualität, die Verfolgung queerer Menschen, die sie dazu zwingt, eigene Codes zu entwickeln, um im Geheimen miteinander zu kommunizieren und sich zu finden, und so weiter und so weiter.</p><p>Natürlich ist Kontext wichtig. Allerdings stehen diese Aspekte oft zu sehr im Fokus und sind gleichzeitig viel zu oberflächlich. Selbiges gilt für Espinozas thematische Ausflüge nach Russland und Uganda. Denn in seinem Bestreben, eine nicht nur rein amerikanische bzw. westliche Geschichte des Cruisens zu erzählen, verliert er sich in bekannten Informationen zu Propaganda-Gesetzen und Gesetzestexten aus der Kolonialzeit. Das sind wichtige Themen, keine Frage. Insgesamt erwecken diese Kapitel jedoch den Eindruck schlechter Recherche und eine gewisse Herablassung.</p><p>Spannend ist <em>Cruising</em> vor allem dann, wenn Espinoza von seinen eigenen Erfahrungen berichtet. Denn das Cruisen wird hier als eine radikale Sexualität verstanden, die heteronormative Machtstrukturen umgeht und deswegen Begegnungen jenseits gesellschaftlicher Hierarchien oder Klassen ermöglicht.</p><p>Espinoza selbst gehört der Latinx Community an und ist nicht able-bodied. Auch deswegen bietet seine Erzählung eine Perspektive, die nur allzu oft untergeht. Leider geht diese so wichtige wie spannende Erzählung zugunsten bekannter Allgemeinplätze vollkommen unter.</p><p>Ich cruise also weiter und hoffe auf die Begegnung mit einem Buch, das mir gibt, was ich brauche. (Marlon)</p><p><a href="https://www.chbeck.de/friedlaender-proust-lesen/product/30920207"><strong>Saul Friedländer: <em>Proust lesen</em> (erschienen im Verlag C.H.Beck)</strong></a></p><p>Marcels Prousts <em>Auf der Suche nach der verlorenen Zeit</em> umfasst 7 Bände und ca. 4500 Seiten. Solch ein Werk (er)fordert so manches einführendes Buch, um Leser*innen den Einstieg in die Lektüre zu erleichtern. Genau das will Saul Friedländers <em>Proust lesen</em> jedoch nicht sein, „<em>sondern ein Essay über das Lesen von Proust“</em>, wie es im Klappentext heißt.</p><p>Dieses Essay über das Lesen von Proust ist als ein durch und durch persönliches zu verstehen, das auch nicht den Anspruch erhebt, von einem Proust-Experten zu stammen. Sei’s drum: In Zeiten wie unseren, in denen das persönliche Empfinden, einen immer höheren Stellenwert einnimmt, auch was die Auswahl unserer Lektüre betrifft, kann genau solch ein Ansatz geneigte Leser*innen vielleicht eher dazu bewegen, diesem Monumentalwerk eine Chance zu geben (Verzeiht mir bitte den Bandwurmsatz, aber es geht hier immerhin um Proust!). Doch beim Lesen des Essays konnte ich mich nicht des Eindrucks verwehren, dass das Versprechen einer persönlichen Lektüre nicht erfüllt werden konnte.</p><p>Friedländer konzentriert sich in seinem Essay auf einige wenige zentrale Themen: die komplexe und oft widersprüchliche Darstellung von Juden und Jüdinnen, Homosexualität und Erinnerungen. Nun habe ich bereits als junger Student lernen dürfen, dass es für das Studium der Literaturwissenschaft vollkommen ausreicht, nur die Madeleine-Szene zu lesen – eben weil sie als Auslöser der unwillkürlichen Erinnerung eines der zentralen Themen der verlorenen Zeit darstellt.</p><p>Das gleiche gilt auch für die beiden anderen Themen. Ohne sie wäre der Romanzyklus kaum vorstellbar. Natürlich kann eine Lektüre der zentralen Themen der <em>Suche nach der verlorenen Zeit</em> persönlich sein – im Falle von <em>Proust lesen </em>ist sie das aber wenig bis gar nicht.</p><p>Im direkten Vergleich zeigt sich, wo der Themenschwerpunkt von Friedländer wirklich liegt. Ihn interessiert vor allem Prousts (der Halbjude war) zwiespältiges Verhältnis zum Judentum. Dass den Lesenden genau das als Erkenntnis präsentiert wird, ist ein wenig ernüchternd – auch für jemanden wie mich, der nie von sich behaupten würde, Proust-Experte zu sein.</p><p>Umso ärgerlicher ist es, dass Friedländer schlussfolgert, dass Proust mit seiner eigenen Homosexualität keinerlei Probleme hatte und die oftmals hässliche Darstellung innerhalb des Textes einen einfachen Grund hat: das zeitgenössische Publikum nicht allzu sehr zu verärgern.</p><p>Das ist vor allem deswegen ärgerlich, weil es bestimmte Tatsachen ignoriert (die teils sogar genannt, in der Schlussfolgerung aber nicht berücksichtigt werden) und teils in der Betrachtung derart oberflächlich ist, dass auch ich als Nicht-Experte guten Gewissens sagen kann: Das ist falsch. Und daran ändert auch die Tatsache nichts, dass das Thema Homosexualität für Friedländer nur ein Nebenaspekt in seiner Betrachtung darstellen soll.</p><p><em>Proust lesen</em> von Saul Friedländer zu lesen tut nicht weh – vor allem, wenn man einen ersten Einstieg in das Werk erhalten möchte. Und wenn man sich bewusst ist, dass es noch durchaus mehr zum Werk zu entdecken gibt. Für alle anderen wird dieses Essay herzlich wenig Neues und / oder Interessantes zu bieten haben. (Marlon)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Queere Freuden</h2><p><em>Hier möchten wir auf Texte, Posts und andere Formate aus dem queeren Themenkosmos verweisen, die uns in den letzten Wochen beschäftigt haben.</em></p><p>Ob Bars, Saunen oder Clubs, queere Orte stehen in den letzten Jahren stark unter Druck. Vor allem in den USA. Digitalisierung und Gentrifizierung machen viele von ihnen nicht mehr rentabel. Der von Rechts geschürte Hass auf Queers, der unter anderem zu Anschlägen wie dem in Colorado Springs führt, gefährdet elementare Safe Spaces der Community. Der afroamerikanische Schriftsteller Bryan Washington lässt in einem großartigen, sehr bewegenden Text im <em>New Yorker </em>sein <em>Year in Queer Spaces</em> Revue passieren und zeigt auf, was sie so wichtig macht. (Tobi) </p><a href="https://www.newyorker.com/culture/2022-in-review/my-year-in-queer-spaces">https://www.newyorker.com/culture/2022-in-review/my-year-in-queer-spaces</a><p>Bereits in seinen beiden Romanen <em>What Belongs to You</em> und <em>Cleanness</em> (beide aus dem Amerikanischen von Daniel Schreiber) hat Garth Greenwell sein Gespür für Sprache, Zwischenmenschliches und Kunst und Kultur unter Beweis gestellt. Wer davon nicht genug bekommen mag, kann hier seinen kostenfreien Newsletter abonnieren. (Marlon)</p><a href="https://garthgreenwell.substack.com/">https://garthgreenwell.substack.com/</a><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Newsletter]]></category>
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      <pubDate>Sun, 08 Jan 2023 09:02:39 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Queerer Kanon #7: Strega, den Hund überleben und Neuerscheinungen]]></title>
      <description><![CDATA[Dem Patriarchat entzogen: Johanne Lykke Holms Roman Strega, Krankheit und Queerness in Stefan Hornbachs Debüt und ein erfreulich queerer Bücherherbst.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/2b52709c-2c43-4cf9-8e38-6bea755f883b/uploads/images/7byaf7r35a/Newsletter_okt.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h2>Liebe Leser*innen,</h2><p>die Verleihung des Deutschen Buchpreises an Kim de l&#39;Horizon vor zwei Wochen hat den Blick auf (deutschsprachige) queere Literatur gerichtet. Gut So!, möchten wir sagen. Und hoffen, dass es sich nicht nur um ein kurzfristiges Interesse handelt, sondern queere Literatur auch langfristig mehr Platz in Verlagsprogrammen und der öffentlichen Wahrnehmung findet.</p><p>Wobei der diesjährige Bücherherbst mit einer Vielzahl an diversen queeren Veröffentlichungen zu überzeigen weiß. Einige davon stellt euch Marlon in unserer Rubrik <em>Out &amp; Proud</em> vor. </p><p>Auch Johanne Lykke Holms Roman <em>Strega</em> (aus dem Schwedischen von Hanna Granz) ist in diesem Herbst erschienen. Tobi analysiert, was diesen Text queer macht und wie geschickt er patriarchale Erwartungen unterläuft.</p><p>Kim de l&#39;Horizon hat in diesem Jahr den Literaturförderpreis der Jürgen Ponto-Stiftung erhalten, der in den letzten Jahren erfreulich oft an queere Autor*innen ging. So im letzten Jahr an Stefan Hornbach, dessen Debütroman <em>Den Hund überleben</em> Marlon ausführlich vorstellt.</p><p>Zum Schluss möchten wir euch noch auf die Buchpremiere von Rakel Haslund-Gjerrilds queeren Roman <em>Adam im Paradies</em> (aus dem Dänischen von Andreas Donat) aufmerksam machen, die von Tobi moderiert wird.</p><p>Wie immer freuen wir uns auf euer Feedback, eure Fragen, Vorschläge und Kommentare.</p><p>Tobi &amp; Marlon</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Dem Zugriff des Patriarchats entzogen: Queerness in Johanne Lykke Holms <em>Strega</em></h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/2b52709c-2c43-4cf9-8e38-6bea755f883b/uploads/images/bam4h5gljy/Strega.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Queere Literatur zeichnet wohl am stärksten ihre Absage an, ihre Verweigerung von (hetero-)normativen Strukturen aus. Diese Verweigerung, das Schreiben gegen die Norm(en), kann auf unterschiedlichsten Ebenen und Weisen geschehen und entzieht sich häufig dem Zugriff, scheut eindeutige Zuschreibungen, deren Ziel es doch ist, Komplexitäten auf simple Antworten zu reduzieren, Widersprüche glattzubügeln und klare Dichotomien zu erzeugen. Entweder... oder. Ja oder nein. 0 oder 1. Denn das Patriarchat beruht auf einem binären Weltbild, um funktionieren zu können.</p><p>Entziehen sich Texte diesen Zuschreibungen, die letztendlich auch Zugriffe sind, die gesellschaftlich gelehrt und gelernt werden, entsteht Irritation. Erwartungen werden enttäuscht, in ihrer Vorhersehbarkeit entlarvt. Das Besteck der Literaturkritik, des heteronormativ-patriarchalen Blicks müht sich oft vergebens, diese Texte greifen zu können. Löffel und Gabel bleiben unverrichteter Dinge leer und erscheinen nutzlos.</p><p>Ein Text auf den dies zutrifft, ist Johanne Lykke Holms gerade in der deutschen Übersetzung von Hanna Granz erschienener Roman <em>Strega.</em> Auf den ersten Blick erscheint der Roman vertraut. Lykke Holm bewegt sich souverän und selbstbewusst innerhalb literarischer und filmischer Genres, die mit tradierten Bildern, Stereotypen, Charakteren, Themen und Szenerien operieren. Ihre Erzählung ist irgendwo zwischen der viktorianischen Gothic Novel, der deutschen Romantik und dem Coming-of-Age angesiedelt und spielt mit expliziten Referenzen und impliziten Verweisen.</p><p>Dies zeigt sich vor allem auf inhaltlicher Ebene: In <em>Strega</em> stehen Mädchen an der Schwelle zum gesellschaftlichen Frausein im Mittelpunkt. Genau genommen sind es neun, sich optisch gleichende, junge Frauen, die in einem abgelegenen Hotel namens Olymp zu treuen Haus- und potentiellen Ehefrauen erzogen werden sollen. Das Hotel befindet sich außerhalb des nächsten Ortes in einer verwunschen erscheinenden Natur. Der pubertäre Schwellenzustand zwischen Kindlichkeit, sexuellem Erwachen und den gesellschaftlichen Erwartungen an eine erwachsene Frau, wird an den Rand der Gesellschaft delegiert.</p><p>Dort soll der, wie der queere Theoretiker Jack Halberstam ihn in seinem Werk <em>In a Queer Time and Place</em> (2005) beschreibt, in westlichen Kulturen erwünschte Reifeprozess stattfinden, der aus dem Heraustreten des*der Erwachsenen aus der gefährlichen und widerspenstigen Zeit der Adoleszenz besteht. Gefährlich ist die Pubertät dabei vor allem für das heteronormative Machtgefüge. Mit der erwachenden Sexualität und dem damit einhergehenden Begehren, erwächst auch der Wunsch nach Selbstbestimmung.</p><p>Dementsprechend muss das Begehren streng überwacht und gelenkt werden, noch bevor es sich dem patriarchalen Zugriff entziehen kann. Orte wie das Olymp in <em>Strega</em> sind heteronormative Erziehungsanstalten, deren Zweck die Normierung ist. Das Begehren und der Fokus der jungen Frauen, die hier durchgeschleust werden, soll auf Ehemann und Reproduktion gerichtet werden, ehe es sein volles, geschlechter- und normenübergreifendes und damit gefährliches, Potenzial entwickeln kann.</p><p>Die Ähnlichkeit zwischen Rafa, Lykke Holms Protagonistin, und ihren Altersgenossinnen, ist kein Zufall. Sie sind Platzhalterinnen für Generationen von Frauen, die patriarchale (Hetero-)Normierungsprozesse durchlaufen haben.</p><p>Am offensichtlichsten wird dies vielleicht in den wie Trockenübungen anmutenden täglichen Aufgaben. Das Ein- und Abdecken, Saubermachen und Vorbereiten des Hotels, das seit Jahren keine Gäste mehr empfängt, dient einzig und allein der Internalisierung des patriarchalen Rollenbildes. Ganz im Sinne des Foucaultschen Panoptismus sollen die jungen Frauen die gesellschaftlichen Normen verinnerlichen und sich so selbst disziplinieren, ohne dass es einer sichtbaren äußeren Instanz bedarf.</p><p>Dieser Eindruck verstärkt sich nicht zuletzt durch Lykke Holms so behände Verwendung von Referenzen, Verweisen und Genre-Stereotypen. So reiht sich das Olymp ein in eine Reihe ähnlicher Anstalten. Etwa Appleyard College, dem abgeschiedenen Mädcheninternat aus Joan Lindsays neoviktorianischem Klassiker <em>Picnic at Hanging Rock </em>(1967) oder - in jüngerer Vergangenheit - dem Hospital in Yael Inokais <em>Ein simpler Eingriff </em>(2022).</p><p>Auch das Personal des Hotels erscheint vertraut. Die Damen erinnern an die Gouvernanten der viktorianischen Literatur, die mit strengem Blick ihre Zöglinge beäugen und meist als alte Jungfern dargestellt werden, welche der Sexualität abgeschworen haben. Sie agieren als Handlangerinnen des heteronormativen Patriarchats, als Ausnahmefrauen, deren Aufgabe es ist, das System am Leben zu erhalten.</p><p>Doch auch ihre Macht ist begrenzt, wie sich nach und nach herausstellt. Denn die räumliche Abgeschiedenheit, die für die Überwachung der Adoleszenz so wichtig ist, geht Hand in Hand mit einer zeitlichen Abgeschiedenheit. Das Olymp liegt nicht nur außerhalb des Ortes Strega, es ist auch - im wahrsten Sinne des Wortes - aus der Zeit gefallen. Dort herrscht, was Halberstam &quot;Queere Zeit&quot; nennt. Diese ist &quot;losgelöst von der heteronormativen, reproduktiven Zeitlichkeit, die alle Vorstellungen des (Hetero-)Normalen und der Respektabilität aufrechterhält.&quot; (eigene Übersetzung)</p><p>Es mag im ersten Moment überraschen, dass gerade eine solche Konformitätsanstalt sich innerhalb eines queeren Zeitspektrums befinden soll. Schaut man genauer hin, ist es das aber keineswegs. Denn wo die jungen Frauen unter sich sind, können sich etwa homophile Bünde entspinnen, wie etwa zwischen Rafa und Alba. Ihre Sehnsüchte und ihr Begehren können nicht gänzlich kontrolliert werden. Sie brechen sich Bahn in surrealen Träumen und erotischen Fantasien.</p><p>Der gesellschaftliche Alltag, auf den sie vorbereitet werden sollen, ist fern; die Arbitrarität und Künstlichkeit ihrer Aufgaben kann jederzeit sichtbar werden. Alles ist in der Schwebe, noch vage und ungewiss. Genau darin liegt das queere Potenzial der Situation.</p><p>Dies verdeutlicht sich sowohl im Titel (Strega ist das italienische Wort für Hexe) als auch in einem Traum Rafas, der sich als die Anfagsszene von Dario Argentos Horrorklassiker <em>Suspiria </em>(1977) entpuppt. Denn Hexen leben losgelöst von Patriarchat und heteronormativen Strukturen. In ihrer selbstbestimmten Handlungsmacht und Sexualität können sie als queere Figuren außerhalb der Vorstellungen des Hetero-Normalen angesehen werden, was sie von jeher zu ultimativen Feindbildern patriarchaler Gesellschaften macht.</p><p>Dem Hexenmotiv stellt Lykke Holm das der Nonne gegenüber. Das einzige Haus in der Nähe des Olymp ist ein Kloster. Ein Ort der Keuschheit und Entsagung, dessen Zeitlichkeit auf das ewige Leben gerichtet ist. Der Austausch zwischen beiden Häusern ist spärlich, meist wird Abstand gehalten. Dabei spiegeln sie sich. An beiden Orten werden ritualisierte Routinen befolgt, der Alltag ist fremdbestimmt.</p><p>Doch scheint das Klosterleben auf die jungen Frauen eine gewisse Anziehung auszuüben. Offeriert es doch auf seine Weise einen Weg, sich und seinen Körper dem Zugriff des Patriarchats zu entziehen. Zum Preis der eigenen Sexualität. Wobei auch die katholische Kirche einer strengen, patriarchal geprägten Hierarchie unterworfen ist, die Flucht unter Umständen also keine ist.</p><p>Dass das Patriarchat jederzeit auf den eigenen Körper zugreifen, sich in diesen einschreiben kann, ist Rafa und den anderen stets bewusst. Schon am Anfang beschreibt sie den Körper einer Frau als Tatort eines Verbrechens, das schon stattgefunden hat. Sich aus dieser Fremdbestimmung zu befreien, vom Objekt der (hetero-)männlichen Sexualität zum selbstbestimmten Subjekt zu werden, scheint nur dadurch möglich, einen eigenen Tatort zu schaffen, wie Alba konstatiert. Also ein eigenes Begehren, eine eigene Sexualität zu entwickeln, losgelöst vom Reproduktionsfokus.</p><p>Genau dies scheint zu passieren, als Cassie, eine der neun jungen Frauen, verschwindet. Die umfassende Suche nach ihr befördert nur Kleidungsreste und Erinnerungsstücke herauf, die das Schlimmste vermuten lassen. Was genau geschehen ist, geschweige denn, ob Cassie noch lebt, lässt Lykke Holm effektvoll offen. </p><p>Das Verschwinden muss indes nicht Resultat einer Gewalttat sein. Vielmehr kann sich Cassie dem Zugriff des Patriarchats entzogen, ihren eigenen Tatort geschaffen haben. Ähnlich wie die verschwundenen Mädchen in Lindsays <em>Picnic at Hanging Rock</em>, deren plötzliche Abwesenheit das heteronormative Gleichgewicht ins Wanken bringt. Sie muss die reale Welt nicht einmal verlassen haben. Als queere Figur, beziehungsweise als Frau, die ihr Begehren und ihre Sexualität selbst bestimmt, ist sie für den patriarchal-heteronormativ geschulten Blick der anderen schlicht nicht mehr sichtbar. Sie hat sich ihm und seinen Zwängen und Erwartungen entledigt.</p><p>Durch die intertextuellen Referenzen konfrontiert Lykke Holm die Lesenden auf der Metaebene darüber hinaus mit deren eigenen Blick und ihren Erwartungen. Sie erzeugt Spannung durch das Spiel mit den (Genre-)Versatzstücken, unterläuft sie aber gleichzeitig immer wieder. Der Wiedererkennungswert ähnelt dem Uncanny-Valley-Effekt und dem Freudschen Unheimlichen: Alles erscheint merkwürdig vertraut und gleichzeitig fremd. Als hätte eine kleine Verschiebung stattgefunden. Der Text entgleitet den Zuschreibungen und Erwartungen ebenso wie Cassie dem Patriarchat.</p><p>Wenn Rafa am Ende als Dreißigjährige mit ihrem Sohn dem Olymp einen Besuch abstattet, wirkt es auf sie, als sei die Zeit still gestanden. Sie kann nicht sehen, was sie nicht zu sehen gelernt hat. Doch lässt uns Lykke Holm mit einer Irritation zurück. Rafas Sohn gräbt am Springbrunnen des Hotels und scheint etwas zu finden, dass ihn kurz zum Schreien bringt. Etwas Glitzerndes, eventuell ein Überrest von Cassie, ein Gruß aus einer anderen Zeit. Ein Aufblitzen queeren Potenzials. (Tobi)</p><p>Johanne Lykke Holms Roman ist <a href="https://akiverlag.com/books/johanne-lykke-holm-strega.html">im AKI Verlag erschienen</a>.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Stefan Hornbach: Den Hund überleben</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/2b52709c-2c43-4cf9-8e38-6bea755f883b/uploads/images/3teoc4gyh7/Den%20Hund%20%C3%BCberleben.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Stefan Hornbachs Debütroman <em>Den Hund überleben</em> ist ein Coming-of-Age-Roman, der die Themen Queerness und Krankheit vereint. Dabei stellt der Autor gekonnt die Konventionen auf den Kopf, die Leser*innen aus vergleichbaren Romanen kennen könnten.</p><p>Die Diagnose stellt Sebastians Leben auf den Kopf: Krebs mit gerade einmal 24 Jahren. Sebastian, der gerade noch seine Freundin Su in Paris besucht hat und sein Leben als Student und Single genießt, muss für die Behandlung zurück zu seinen Eltern ziehen.</p><p>Stefan Hornbachs Roman zeigt eindringlich, wie schnell ein Mensch durch eine Krankheit zum*r Patient*in degradiert werden kann und in die Passivität gedrängt wird. Im Gegensatz zu anderen Romanen mit ähnlicher Ausrichtung verliert sich die Geschichte aber nicht im Pathos. Stattdessen besticht <em>Den Hund überleben</em> durch eine gewisse Leichtigkeit und auch durch Humor, ohne sich deswegen dem Ulk hinzugeben.</p><p>Vielleicht ja auch, weil Stefan Hornbach das Thema bereits in seinem Theaterstück <em>Über meine Leiche</em>verarbeitet hat. Ein Stück, das sich nicht davor scheut, sich dem Absurden hinzugeben. Womöglich liegt es aber auch daran, dass Hornbach in seinem Leben ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Das macht aus dem Text allerdings keinen autobiographischen Roman. Denn der Autor hat in <em>Den Hund überleben</em> nicht seine eigenen Erfahrungen verarbeitet, sie dienten ihm viel mehr als Wissensgrundlage.</p><p>Die Leichtigkeit des Romans findet sich auch im Umgang mit Queerness wieder. Kurz nach seiner Diagnose lernt Sebastian Linus kennen. Erstaunlicherweise – und das muss tatsächlich so gesagt werden – ist <em>Den Hund überleben</em> keine Coming-of-Age-Geschichte bezüglich Sebastians Sexualität. Es gibt kein Coming-Out, keine Selbstzweifel, die überwunden werden müssen. Die Liebesgeschichte ist vielmehr Beweis dafür, dass das Leben weitergeht – auch mit der Diagnose Krebs.</p><p><em>Den Hund überleben</em> ist ein herrlich unprätentiöser Roman. Seine Stärke liegt darin, dass er Sebastian als Figur und seine Erkrankung ernst nimmt, der Krankheit deswegen aber nicht das Feld räumt oder – schlimmer noch – sie zum Ausdruck eines inneren Konflikts macht, den die Figur überwinden muss, um zu gesunden und am anderen Ende des Kampfes als besserer Mensch hervorzugehen. Dem Roman gelingt auch deswegen das seltene Kunststück, zu unterhalten, ohne trivial zu sein, sich einer ernsthaften Thematik zu widmen, ohne zu belehren. (Marlon)</p><p>Stefan Hornbachs Roman ist <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/den-hund-ueberleben/978-3-446-27078-7/">im Hanser Verlag erschienen</a>.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Out &amp; Proud: Aktuelles &amp; Neuerscheinungen</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/2b52709c-2c43-4cf9-8e38-6bea755f883b/uploads/images/h6hftknot5/Design%20ohne%20Titel.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Das Herbstprogramm der deutschsprachigen Verlage ist, was Queerness betrifft, äußerst spannend – wenn auch wie zu erwarten sehr männerlastig. Ich (Marlon) lese mich aktuell durch einen Großteil der Neuerscheinungen, komme mit dem Schreiben der Rezensionen aber kaum hinterher. Daher mache ich aus der Not eine Tugend und präsentiere hier meine queeren Lektüren der letzten Wochen im Kurzformat.</p><p>Im Wagenbach Verlag sind gleich zwei queere Romane erschienen: <em>Virtuoso</em> von Yelena Moskovich und <em>Hinterher</em> von Finn Job.</p><p><a href="https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1337-virtuoso.html"><strong>Yelena Moskovich: <em>Virtuoso</em> (aus dem Englischen von Conny Lösch, erschienen bei Wagenbach)</strong></a></p><p>Moskovichs Debütroman erzählt von zwei Freundinnen, die gemeinsam im sowjetischen Prag aufwachsen, und sich viele Jahre später durch Zufall in Paris wiedertreffen. Es geht um Liebe, Tod, Erotik und Kapitalismus. Geschrieben ist das Ganze tatsächlich virtuos, denn als Leser*in wird man hier durch eine Traumlandschaft wie man sie von David Lynch kennt, gejagt. Das ist ziemlich cool und ziemlich großartig.</p><p><a href="https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1335-hinterher.html"><strong>Finn Job: <em>Hinterher</em> (ebenfalls Wagenbach)</strong></a></p><p>Finn Jobs Debütroman ist eine Mischung aus Popliteratur, Marcel Proust und Heroin Chic. Der namenlose Protagonist, von allen nur Boy genannt, flieht nach einer Trennung mit einer Drogenbekanntschaft in eine halb renovierte Villa im Süden Frankreichs. Wirklich zu fassen bekommen habe ich den Text nicht, auch über einen Monat nach der Lektüre. Ob das nun gut oder schlecht ist, vermag ich bisher noch nicht zu beantworten. </p><p><a href="https://www.rowohlt.de/buch/andreas-stichmann-eine-liebe-in-pjoengjang-9783498002930"><strong>Andreas Stichmann: <em>Eine Liebe in Pjöngjang</em> (erschienen bei Rowohlt</strong></a><strong>)</strong></p><p>Als Buchpreisblogger für den Deutschen Buchpreis habe ich außerdem <em>Eine Liebe in Pjöngjang</em> von Andreas Stichmann lesen dürfen. Die Geschichte zweier Frauen, die sich in Nordkorea auf einer Diplomatenreise kennenlernen, erzählt von einer Liebe zwischen Nähe, Misstrauen und Abhängigkeit. Stichmanns Prosa ist schlicht und klassisch, deswegen aber nicht altbacken. Der Roman strotz dank seiner untypischen Heldin Claudia Aeschbach vor Humor und ist zugleich ein leidenschaftliches Plädoyer für die Dichtung.</p><p><a href="https://verlagshaus-berlin.de/programm/queer/"><strong>Alexander Graeff: <em>Queer</em> (erschienen im Verlagshaus Berlin</strong></a><strong>)</strong></p><p>Auch im Verlagshaus Berlin sind spannende Veröffentlichungen dabei. Während ich noch dabei bin, Kevin Junks Gedichtband <em>RE: re: AW: Liebe</em> fertig zu lesen, habe ich Alexander Graeffs Essay <em>Queer</em> bereits ausführlich vorgestellt. Aber auch hier möchte ich eine Leseempfehlung aussprechen für alle, die sich über die Beziehung zwischen Queerness, Sprache und Lyrik interessieren.</p><p><a href="https://www.bilgerverlag.ch/index.php/Buecher/Simon-Froehling-DUeRRST"><strong>Simon Fröhling: <em>DÜRRST</em> (erschienen im bilgerverlag</strong></a><strong>)</strong></p><p>Simon Froehling hat mit <em>DÜRRST</em> nach elf Jahren seinen zweiten Roman im Bilger Verlag veröffentlicht, der – genau wie Kim de l’Horizions <em>Blutbuch</em> – für den Schweizer Buchpreis nominiert ist. Das Buch erzählt von der Erkenntnis, leben zu wollen, von einem Leben mit einer psychischen Krankheit und der Frage, ob wir die Vergangenheit je ganz hinter uns lassen können. Fröhlings Roman schlägt dabei einen Bogen von James Baldwins <em>Giovanni’s Room</em>, über Édouard Louis‘ <em>Im Herzen der Gewalt</em> bis hin zu Fritz Zorns <em>Mars</em>. Wer Lust auf wahnsinnig gute Literatur hat, kann hier unbesorgt zugreifen.</p><p><a href="https://www.dumont-buchverlag.de/buch/l-horizon-blutbuch-9783832182083/"><strong>Kim de l’Horizon: <em>Blutbuch</em> (erschienen bei DuMont</strong></a><strong>)</strong></p><p>Auch <em>Blutbuch</em> möchte ich hier noch einmal empfehlen. So radikal wie Kim de l’Horizon hat schon lange niemensch mehr Form, Inhalt und Thematik eines Textes zusammengeführt und gleichzeitig auseinandergenommen. Einen so unverschämt queeren Text als Gewinnertext des Deutschen Buchpreises zu sehen, hätte ich vor kurzem noch für unmöglich gehalten. Aber auch unabhängig von dem ganzen Buchpreis-Gerede hat das Buch die Aufmerksamkeit mehr als verdient.</p><p><a href="https://www.albino-verlag.de/produkt/felix"><strong>Holger Brüns: <em>Felix</em> (erschienen bei Albino</strong></a><strong>)</strong></p><p><em>Felix</em> von Holger Brüns habe ich zwar erst etwas mehr als zur Hälfte durch, will ihn hier aber trotzdem schon erwähnen. Wann habe ich das letzte Mal beim Lesen meine Begeisterung im Selbstgespräch zum Ausdruck gebracht? Ich weiß es nicht, aber ich bin mir sicher, dieser Roman hat viele Leser*innen verdient. Brüns Text ist in den 80er Jahren in der autonomen Szene von Göttingen angesiedelt, liest sich aber unheimlich aktuell: Gentrifizierung, Proteste gegen Wohnungsknappheit, AIDS – Brüns zeigt, dass wir viel von der Vergangenheit lernen können.</p><p>Nun widme ich mich aber wieder meiner Lektüre, denn auf mich warten noch die Texte von Rakel Haslund-Gjerrild, Khaled Alesmael, Musa Okwonga, Paul Bokowski, John Henry Mackay und Rafael Chirbes. Der queere Leseherbst ist also gesichert. (Marlon)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>In eigener Sache</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/2b52709c-2c43-4cf9-8e38-6bea755f883b/uploads/images/hznmr2xhty/Design%20ohne%20Titel%20(1).png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Am 08.11. moderiert Tobi in der Berliner Ocelot Buchhandlung die Buchpremiere von Rakel Haslund-Gjerrilds Roman <em>Adam im Paradies</em>, der in der ersten Person aus dem Leben des queeren dänischen Malers Kristian Zahrtmann erzählt. Im Gespräch mit der Autorin und dem Übersetzter Andreas Donat wird es um Zahrtmann und seine Kunst, Queerness im Roman und den Übersetzungsprozess gehen. </p><p>Karten gibt es an der Abendkasse. Bereits letzte Woche hat Tobi im Rahmen eines Instagram Lives mit Andreas über das Buch und seine Übersetzung gesprochen. Das Gespräch könnt ihr euch <a href="https://www.instagram.com/tv/CkJcl7nqT4r/?utm_source=ig_web_copy_link">hier</a> ansehen.</p><a href="https://www.genialokal.de/buchhandlung/berlin/ocelot/Veranstaltungen/">https://www.genialokal.de/buchhandlung/berlin/ocelot/Veranstaltungen/</a><p></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><p></p><p></p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Newsletter]]></category>
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      <pubDate>Sun, 30 Oct 2022 12:00:35 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Queerer Kanon #6: New Yorker Potenzprobleme & neue Lyrik & Prosa]]></title>
      <description><![CDATA[Danny Slocum: Ein schwuler Klassiker über Scham und Potenz im New York der 70er, Neuerscheinungen von Eva Baltasar, Anna Hetzer, Hervé Guibert & "firece pussy" in Berlin.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/6426833d-7d26-4af8-b89a-fdb926b604af/uploads/images/t7caoj7j5q/Newsletter_sep.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h2>Liebe Leser*innen,</h2><p>nach einer kleinen Sommerpause melden wir uns mit der sechsten Ausgabe unseres Newsletters zurück. Und direkt mit einer schönen Ankündigung: Am ersten Oktober findet die dritte Ausgabe der Literaturreihe <em>Schreiben gegen die Norm(en)? </em>statt, die wir mit einigen anderen sponsern werden.</p><p>Im Rahmen von <em>Over the Rainbow</em> stellen wir euch mit George Whitmores <em>The Confessions of Danny Slocum</em> einen in Vergessenheit geratenen schwulen Klassiker aus den frühen 1980er-Jahren vor. </p><p>In unserer <em>Out &amp; Proud</em>-Rubrik treffen Lyrik, Prosa und Tagebuch in Form der  Neuerscheinungen und aktuellen Titel von Anna Hetzer, Eva Baltasar und Hervé Guibert aufeinander.<em> </em>Und zum Schluss legen wir euch noch einen Podcast sowie die erste deutsche Soloausstellung des Künstler*innenkollektivs <em>fierce pussy</em> ans Herz.</p><p>Wie immer freuen wir uns auf euer Feedback, eure Fragen, Vorschläge und Kommentare.</p><p>Tobi &amp; Marlon</p><h2><em>Queerer Kanon?</em> x <em>Schreiben gegen die Norm(en)?</em></h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/6426833d-7d26-4af8-b89a-fdb926b604af/uploads/images/dk74aqigzj/Titel_norm_en.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Wir freuen uns sehr, gemeinsam mit einer Reihe anderer Unterstützer*innen die dritte Ausgabe der Lesungs- und Gesprächsreihe <em>Schreiben gegen die Norm(en)?</em> präsentieren zu dürfen. Diese findet am Samstag, den 1.10. im Berliner <em>Schwuz</em> statt und wird von Andrea Schmidt und Kevin Junk moderiert. Auf der Bühne lesen und diskutieren werden Marlen Pelny, Jchj V. Dussel, Siham Karimi und Heike Geißler.</p><p>Die von Alexander Graeff initiierte Reihe startete im Dezember 2018. Der Fokus liegt auf dem empowernden, queerfeministischen, kritischen und experimentellen Schreiben der literarischen Gäst*innen. Im Gespräch mit wechselnden Moderator*innen werden vielfältige literarische Ansätze gegen (hetero-)normative und dominanzkulturelle Strukturen in Gesellschaft und Literaturbetrieb diskutiert.</p><p>Wir stehen seit längerem mit dem Team von <em>Schreiben gegen die Norm(en)?</em> im Austausch, da wir uns im Rahmen unseres Newsletters häufig mit denselben Fragen beschäftigen. Umso mehr freuen wir uns, das Team unterstützen zu können. Tickets für die Veranstaltung können <a href="https://www.schwuz.de/event/schreiben-gegen-die-normen-lesung-mit-livestream/">hier</a> erworben werden. Darüber hinaus wird es einen Livestream geben.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Over the Rainbow: Queere Klassiker</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/6426833d-7d26-4af8-b89a-fdb926b604af/uploads/images/ctaijgm3mr/Titel10072022%20nr2%20(1).jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><strong>George Whitmore: <em>The Confessions of Danny Slocum</em></strong></p><p>Der augenzwinkernde Titel von George Whitmores Debütroman lässt es schon erahnen: sein Protagonist Danny hat Probleme, zum Höhepunkt zu kommen. Dieses Dilemma begleitet ihn seit dem unglücklichen Ende seiner letzten Beziehung. Als gutaussehender, anfangdreißigjähriger schwuler Mann im New York der späten 70er-Jahre mangelt es ihm nicht an potentiellen libidinösen Abenteuern. Doch seine gelegentlichen Dates sind alles andere als angetan, wenn Danny am Ende des Beischlafs nicht zum Kommen imstande ist.</p><p>Rat und Hilfe sucht er bei seinem Therapeuten Virgil. Der hat einen Therapieansatz entwickelt, den man vermutlich nicht im Behandlungshandbuch finden wird: Er bringt Danny mit dem etwa zehn Jahre jüngeren Vorstädter Joey zusammen, der am selben Problem leidet. Gemeinsam sollen sie sich einmal die Woche treffen und gegenseitig ihre Körper erkunden. Von Woche zu Woche tasten sie sich sprichwörtlich weiter hervor, in der Hoffnung gemeinsam ihr Problem lösen zu können. </p><p>Doch - wie so häufig bei sexuellen Problemen - ist der Auslöser keineswegs körperlicher Natur. Vielmehr geht es um queere Scham, fehlende Akzeptanz seitens Familie und Gesellschaft sowie Bindungsängste. Denn in Danny Slocums schwulem New York gibt es zwar jede Menge schnellen Sex, Nähe und Intimität finden sich aber eher selten; meist noch in Freundschaften.</p><p>George Whitmores schwuler Klassiker besticht durch seine Mischung aus Humor und Ernst. Trotz der Therapiesituation pathologisiert er seinen Protagonisten nicht. Im Gegenteil, Danny bleibt als Erzähler nahbar, witzig und komplex. Das Tempo ist schnell, auch aufgrund der vielen, temporeichen Dialoge, die aus dem Roman zeitweise eine Art sex-comedy of manners machen.</p><p>Unterstützt wird dieser Eindruck durch Dannys namenlose Freunde, die alle Stellvertreter*innen für unterschiedliche Gruppen und Positionen zu sein scheinen. Vom linken <em>political-friend</em>, der den Kapitalismus ablehnt, bis zum besser betuchten <a href="https://steadyhq.com/de/queerer-kanon/posts/161c4803-45c3-4ff4-ba06-194ac2f440f8"><em>Fire-Island-friend</em></a>. Selbstredend finden wir früher oder später Ersteren in Gesellschaft von Letzterem wieder.</p><p>Was den Sex angeht, ist Whitmore zwar explizit, aber nie pornographisch. Schnell wird klar, dass es sich um ein sex-positives Buch handelt, das im sexuellen Akt sowohl das intime Aufeinandertreffen unterschiedlicher Personen als auch den schnellen Triebabbau sieht. Und aus dem schlussendlich die Erkenntnis reift, dass Sex immer politisch ist. Vor allem wenn er unter marginalisierten Minderheiten praktiziert wird.</p><p>Whitmores Roman erschien erstmals 1980, kurz vor dem Ausbruch der AIDS-Epidemie in New York. Das so präzise geschilderte schwule New York, durch das sich Danny Slocum bewegt, sollte sich in den Achtzigern radikal verändern. Whitmore selbst nahm 1985 in seinem Nachwort für eine Neuauflage darauf bezug: </p><p><em>&quot;Danny might be wrestling with some weighty ironies, but he will never have to face the conundrum of sex and death that confronts us at present.&quot;</em></p><p>George Whitmore war Teil des losen schwulen Autorenkollektivs <em>The Violet Quill</em> zu dem unter anderem auch Edmund White, Felice Picano und Andrew Holleran gehörten. Whitmores Debütroman ist in gewisser Hinsicht ein Bruder im Geiste von Hollerans ungleich bekannterem Klassiker <em>Dancer from the Dance</em>. Beide schildern dasselbe New York. Doch während sich Hollerans Roman schon wie ein Schwanengesang liest, ist Whitmores <em>Danny Slocum </em>optimistischer und viel stärker im Moment verhaftet.</p><p>George Whitmore lies seinem Debüt zwei weitere Romane sowie einige Gedichtbände und Theaterstücke folgen. Im Jahr 1989 starb er im Alter von 43 Jahren an AIDS.</p><p><em>The Confessions of Danny Slocum </em>ist derzeit nur antiquarisch oder in verschiedenen Bibliotheken erhältlich und wurde nicht ins Deutsche übersetzt. (Tobi)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Out &amp; Proud: Aktuelles und Neuerscheinungen</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/6426833d-7d26-4af8-b89a-fdb926b604af/uploads/images/yyuyck2c4e/Titel11092022.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><a href="https://www.andotherstories.org/boulder/"><strong>Eva Baltasar: Boulder (aus dem Katalanischen ins Englisch übertragen von Julia Sanches, erschienen bei And Other Stories</strong></a><strong>)</strong></p><p>Eva Baltasars namenloses Roman-Triptychon, dessen zweiter Teil <em>Boulder</em> nun in der Englischen Übersetzung aus von Julia Sanches erschienen ist, gehört vermutlich zum spannendsten, was die europäische queere Literatur in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Alle drei Bände eint, dass sie jeweils von einer lesbischen Protagonistin erzählt werden. In Spanien ist mit &quot;Mamut&quot; unlängst der Abschluss des Triptychons der katalanischen Lyrikerin erschienen. </p><p>Während wir in <a href="https://steadyhq.com/de/queerer-kanon/posts/6a4cfdfe-ffc4-486b-b833-ee7159ae2546"><em>Permafrost</em></a><em> </em>eine namenlose Erzählerin von der Pubertät bis in ihre frühen Vierziger begleiten, scheint die Protagonistin von <em>Boulder</em> zu Beginn in ihren Dreißigern zu sein. Nach einigen Jobs, in denen sie es immer nur kurz aushielt, arbeitet sie in der Küche eines Frachtschiffs, das die chilenische Küste abfährt. Was anderen trist erscheinen mag, ist ihr Ideal: ein Leben nahe dem Nullpunkt. Ständig in Bewegung, jedoch ohne festes Ziel, die Arbeit so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie wie eine Verlängerung des Körpers wirkt.</p><p>Bei einem Landgang trifft sie auf die ehrgeizige isländische Geologin Samsa, die für einen Ölkonzern in Chile arbeitet. Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich sofort eine starke körperliche Anziehungskraft. Wann immer die Erzählerin an Land ist, treffen sie sich im selben Hotel und erkunden einander. Während Erstere sich gut mit der Fernbeziehung arrangieren kann, zieht es Samsa zurück in ihr Heimatland, der Karriere wegen. Die Erzälerin folg ihr. Doch das Leben in Island fällt ihr zunächst schwer. Zwar liegt das Meer vor der Haustür, sie scheint jedoch gestrandet.</p><p>Ihr Alltag wirkt immer festgefahrener, als wäre das Ziel einer Reise erreicht, die sie nie geplant hatte, anzutreten. Als Samsa sich schließlich entscheidet, ein Kind zu bekommen und ein Haus kauft, beginnt ein Entfremdungsprozess. Samsa scheint in ihrer Mutterschaft auf eine Art aufzugehen, welche die Erzählerin irritiert, wenn nicht gar ausschließt. Sie muss sich zwangsläufig die Frage stellen, welche Rolle sie selbst übernehmen will.</p><p><em>Boulder</em> erzählt auf faszinierende Weise vom Spannungsfeld zwischen partnerschaftlichen Kompromissen und Selbstverwirklichung, vermeintlich normativen Strukturen und eigener Handlungsmacht. Der idealisierte Nullpunkt der Erzählerin lässt sich auf Dauer nicht mit der relativ konservativen Beziehungsvorstellung ihrer Partnerin vereinbaren. Dabei scheint es keinerlei spürbaren Druck von außen zu geben. Keine Eltern oder Freund*innen, die mit ihren Erwartungshaltungen an die beiden herantreten; keinerlei Diskriminierungen oder Ausgrenzungen.</p><p>Baltasar benennt die Queerness ihrer Protagonistin folglich nicht und wertet auch die Entscheidungen Samsas nicht. Man kann sich die Frage stellen, ob die Erzählerin in dem Sinne queer ist, als dass sie sich festen Zielen entzieht. Denn Ziele, so merkt sie anfangs an, vernichten jede Reise, bevor sie überhaupt angetreten wurde. Sie hat kein Interesse an singulären Erzählungen, was der Grund dafür sein könnte, warum sie so irritiert von Samsas Baby-Spielgruppen und Routinen ist. Doch auch Samsa verfügt über Handlungsmacht, ihre Entscheiung für Mutterschaft und Karriere erscheint bewusst.</p><p>Es ist das große Verdienst der Lyrikerin Baltasar, dass sie all diese Fragen triggert, ohne sie selbst verhandeln zu müssen. Ihre Prosa ist ungemein dicht, erotisch, durchsetzt von präzisen, manchmal fast schmerzhaften Bildern und dem Begehren der Erzählerin, das sie manchmal wie eine Welle  zu erfassen scheint. Auf gerade einmal 105 Seiten erschafft die Autorin so - auch dank der großartigen Übersetzung von Julia Sanches - einen hypnotischen Sog, dem man sich ganz und gar hingeben möchte.</p><p>Im kommenden Jahr erscheint der Abschluss von Baltasars Triptychon, <em>Mamut</em>, erneut in der Übersetzung von Julia Sanchez auf Englisch. Darüber hinaus soll mit &quot;Permafrost&quot; der erste Band in deutscher Übersetzung beim <em>Trabanten Verlag</em> veröffentlicht werden. (Tobi)</p><p><a href="https://nightboat.org/book/the-mausoleum-of-lovers/"><strong>Hervé Guibert: <em>The Mausoleum of Lovers, Journals 1976-1991 </em>(aus dem Französischen ins Englische übersetzt von Nathanaël, erschienen bei Nightboat Books</strong></a><strong>)</strong></p><p>Wer in den Tagebüchern Hervé Guiberts so etwas wie objektive und verifizierbare Fakten erwartet, wird sich unweigerlich in den Träumen, alltäglichen Beobachtungen und Textfragmenten zu Romanideen verlieren. Die Tagebucheinträge sind unmarkiert, die Übergänge also fließend. Und so beginnt – wie auch in den autofiktionalen Texten Guiberts – das Spiel mit den Leser*innen. Ein Spiel zwischen Wahrheit und Fiktion.</p><p>Guibert hat seine Tagebücher zwischen 1976 und 1991 geschrieben. Sie beginnen als Liebesbriefe an den bisexuellen Thierry Jouno (im Tagebuch lediglich ‚T.‘), dessen Partnerin Christine Guibert später auch heiratet. Sie ist es, die Ruhe in die komplizierte Beziehung der beiden Männer bringt. Gemeinsam mit den beiden Kindern von Thierry und Christine bilden sie eine queere Wahlfamilie.</p><p><em>The Mausoleum of</em> <em>Lovers</em> wird seinem Namen gerecht: Denn genau wie eine Grabstätte ermöglichen die Einträge es Guibert, seine Toten zu vergessen, sie zu vergraben und einzusperren – und bei Bedarf ihre Knochen hervorzuholen und ihrer zu gedenken. Viele der Einträge finden sich palimpsesthaft auch in den Romanen Guiberts wieder – beispielsweise seine Eltern und seine Tanten Suzanne und Louise, seine Beziehung zu Thierry Jouno und dem Stricher Vincent, AIDS, Schreiben als Verrat – sie erstrecken sich auch über seine gesamte schriftstellerische Karriere.</p><p>Für Nichteingeweihte wird es schwierig, sich in den Tagebüchern zurechtzufinden, weil sie kaum Kontext bieten. Für Fans und Kenner von Guiberts Werk ist <em>The Mausoleum of Lovers </em>allerdings Pflichtlektüre. (Marlon)</p><p><a href="https://verlagshaus-berlin.de/programm/pandoras-playbox/"><strong>Anna Hetzer: <em>Pandoras Playbox </em>(erschienen im Verlagshaus Berlin)</strong></a></p><p>Nach <em>Zwischen den prasselnden Punkten</em> (2016) und <em>Kippbilder</em> (2019) ist <em>Pandoras Playbox</em> der nunmehr dritte Gedichtband von Anna Hetzer, erschienen im <em>Verlagshaus Berlin</em>und illustriert von Katja Hoffmann.</p><p><em>Pandoras Playbox</em> ist Wissensproduktion, ist Archivarbeit, ist Kanonisierungsprozess. In drei Teilen – Ars, Anatomie und Eros – widmet sich Anna Hetzer den vergessen Frauen der Geschichte und der Mythen und bricht mit altbekannten Narrativen und weitet damit unseren Blick auf die Welt.</p><p>Die Gedichte loten lesbisches Begehren aus, treten in den Dialog mit Virginia Woolfs <em>Orlando</em> oder fragen, wie Maria und Kind ohne Hebamme die Nacht überleben konnten. Aber egal, welchem Sujet Hetzer sich widmet, ihre Gedichte sind stets wütend, seltsam zärtlich, erotisch und wunderbar humorvoll. (Marlon)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Queere Freuden</h2><p><em>Hier möchten wir auf Texte, Posts und andere Formate aus dem queeren Themenkosmos verweisen, die uns in den letzten Wochen beschäftigt haben.</em></p><p>Der <em>Queere Kanon? </em> entstand vor einem Jahr im Rahmen eines Instagram Lives zum Thema HIV- und AIDS-Literatur (<a href="https://www.instagram.com/p/CUQTFc_g38i/">hier</a> könnt ihr es euch ansehen). Darin erläuterten wir dieses spezifische queere Genre, ausgehend von der Neuauflage von Hervé Guiberts Klassiker <a href="https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/dem-freund-der-mir-das-leben-nicht-gerettet-hat.html"><em>Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat</em></a> (1991/2021, aus dem Französischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel). In der aktuellen Episode des <em>Fabulari</em>-Podcasts, spricht Margot Lachkar mit dem Literaturwissenschaftler Dr. Daniel Fliege am Beispiel Guiberts über HIV und AIDS in der französischen Literatur. </p><a href="https://fabulari.podigee.io/11-neue-episode">https://fabulari.podigee.io/11-neue-episode</a><p><a href="https://www.betweenbridges.net/"><em>Between Bridges</em></a>, eine von Wolfgang Tillmans gegründete Berliner Non-profit Kunstgalerie, zeigt die erste Solo Show des New Yorker Künstler*innen-Kollektivs <em>fierce pussy</em>. Das Kollektiv entstand 1991 aus dem New Yorker ACT UP Chapter und bestand aus queeren Frauen, die unter anderem mit Hilfe von Kollagen und Postern auf die fehlende Sichtbarkeit lesbischer Frauen, Misogynie und Homophobie aufmerksam machen wollten. Ihre Kunst ist unter anderem gekennzeichnet durch ihre Unmittelbarkeit, die Begrenztheit der Mittel und auch die direkte Kritik an homophoben Politiker*innen. Auf der Website des Kollektivs findet sich ein aufschlussreiches Porträt der Gruppe, das im Kunstmagazin <em>ARTFORUM </em>erschien. </p><a href="https://fiercepussy.org/">https://fiercepussy.org/</a><p>Im Juli jährte sich David Wojnarowiczs Todestag zum 30. Mal. Der Aktivist, Künstler und Schriftsteller wurde in Deutschland mit Ausnahme weniger Ausstellungen und einer sehr schwer aufzutreibenden Überstzung seiner Essay-Sammlung <em>Close to the Knives </em>bisher kaum rezipiert. Dies scheint sich gerade zu ändern, wie etwa das schöne, ausführliche Portrait, das ihm Isabella Caldart bei <em>54books </em>widmet, zeigt. </p><a href="https://www.54books.de/history-keeps-me-awake-at-night-leben-tod-und-afterlife-von-david-wojnarowicz/">https://www.54books.de/history-keeps-me-awake-at-night-leben-tod-und-afterlife-von-david-wojnarowicz/</a><p></p><hr aria-hidden="true"/><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 11 Sep 2022 15:03:27 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Queerer Kanon #5: Fire Island als Utopie, Litfest Homochrom & Neues]]></title>
      <description><![CDATA[Utopie & Vergänglichkeit: Fire Island in der queeren Literatur, ein Bericht vom Homochrom Literaturfestival & Neuerscheinungen von Marlon James und Imogen Binnie.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F161c4803-45c3-4ff4-ba06-194ac2f440f8%2Fuploads%2Fimages%2F4n6by5d5ll%2FNewsletter%2520%282%29.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=e8d5ac2f63fc86eeb01ffc0818f892b0" alt=""/><h2>Liebe Leser*innen</h2><p>der Sommer ist in vollem Gange, was läge da näher, als auf Reisen zu gehen?</p><p>Tobi wagt in dieser Ausgabe des <em>Queeren Kanons</em> eine literarische Reise nach Fire Island, einer Sandbank im Atlantik, die sich als queere Utopie großer Beliebtheit erfreut und seit fast einhundert Jahren eine illustre Schar an Literat*innen und Künstler*innen anzieht. </p><p>Auch Marlon war unterwegs und hat unter anderem das <em>Litfest Homochrom</em> in Köln besucht. Dort wohnte er den Lesungen von Kevin Junk, Eli Levén und Stefan Hornbach bei und gab sich dem munteren queeren Festivaltreiben hin.</p><p>In unserer Rubrik <em>Out &amp; Proud </em>stellen wir den zweiten Teil einer queeren Fantasy-Trilogie und die Neuausgabe eines trans Klassikers vor. Und zum Schluss haben wir wieder zwei Textempfehlungen für euch, die sich queeren Liebesromanen und einem Essayband von David Wojnarowicz widmen.</p><p>Wie immer freuen wir uns auf euer Feedback, eure Fragen, Vorschläge und Kommentare.</p><p>Tobi &amp; Marlon</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Zwischen Utopie und Vergänglichkeit: Fire Island in der queeren Literatur </h2><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F161c4803-45c3-4ff4-ba06-194ac2f440f8%2Fuploads%2Fimages%2Fhg3l6yrahm%2FFire%2520Island.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=bd4b6e0175475e1d05c55919489932e9" alt=""/><p>Vor der Küste Long Islands, den Launen des Atlantiks ausgesetzt, liegt eine schmale, langgezogene Sandbank, die wohl am treffendsten als eine Art Xanadu des queeren Amerikas bezeichnet werden kann. Die Rede ist von Fire Island. Einer schwullesbischen Utopie an der Grenze des Kontinents, in der sich zu gleichen Teilen Trugbild und Heterotopie destillieren und deren Name zutiefst mit Sonne, normschönen Körpern, Discomusik und enthusiastischem Cruising verbunden ist. </p><p>Fire Island nimmt einen besonderen Platz in der queeren Kultur der USA ein. Irgendwo zwischen mythischer Überhöhung und neoliberal geprägter Realität. Spätestens seit den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat sich die Insel den Ruf eines hedonistischen Paradieses für vorwiegend schwule Männer erworben. Dabei handelt es sich streng genommen nicht um die ganze Sandbank. Denn Fire Island beherbergt auch ruhigere Gemeinden, in denen etwa heterosexuelle Familien und einige Künstler*innen ihre Sommer verbringen.</p><p>Wenn über das Eiland gesprochen wird, sind vor allem die beiden Gemeinden Cherry Grove und Fire Island Pines gemeint, die in unmittelbarer Nachbarschaft liegen und nur von einem Pinienwald getrennt sind. Letzterer erfreut sich tags wie nachts großer Beliebtheit unter Cruisenden und trägt daher den vielsagenden Beinamen <em>Meat Rack </em>(etwa &#39;Fleischregal&#39; / &#39;Fleischtrog&#39;). </p><p>Im Sommer beherbergen Cherry Grove und Fire Island Pines zahlreiche wohlhabende queere New Yorker*innen, deren Inselleben zwischen Strand, privaten Parties in großzügigen Ferienhäusern, Tea Dances in den Bars und Clubs und Disconächten sowie Meat-Rack-Besuchen oszilliert.</p><p>Doch schon lange bevor die Sandbank ihren heutigen Status als Mekka der schwullesbischen New Yoker Mittelklasse erlangte, gastierten dort queere Autor*innen und Künstler*innen, wie Jack Parlett in seiner gerade erschienenen Literatur- und Kulturgeschichte <a href="https://granta.com/products/fire-island/"><em>Fire Island: Love, Loss and Liberation in an American Paradise</em></a><em> </em>(2022) eindrucksvoll schildert. </p><p>So verbrachte etwa das Maler*innenehepaar Margaret Hoening French und Jared French von 1937 an seine Sommer auf der Insel. Begleitet wurden sie von Paul Cadmus, ebenfalls Maler und Jared Frenchs Liebhaber. Neben einer ganzen Reihe an Gemälden schufen sie ein beeindruckendes fotografisches Werk, das unter dem gemeinsamen Decknamen <a href="https://www.metmuseum.org/art/collection/search/264344"><em>PaJaMa</em></a> veröffentlicht wurde.</p><p>In den Vierzigern erkoren die Dichter W. H. Auden, Stephen Spender und Tania Stern Cherry Grove zu ihrer Sommerresidenz und empfingen dort unter anderem Christopher Isherwood. Auden störte sich jedoch zunehmend an der schwulen Freikörperkultur, die am Strand von Cherry Grove gelebt wurde. Er fühlte sich durch den offensiv gelebten Körperkult an die faschistische Körperideologie der Nationalsozialisten erinnert. Im Jahr 1948 beschrieb er die Insel in seinem Gedicht  <em>Pleasure Island</em>: </p><p><em>The sunset happens, the bar is copious / With fervent life that hopes / To make sense / but down the beach some / decaying / Spirit shambles away / Kicking idly at driftwood and dead shellfish / And excusing itself / to itself</em></p><p>(Ausschnitt aus W. H. Auden, <em>Pleasure Island</em> (1948))</p><p>1959, als Cherry Grove sich schon zu einem beliebten Treffpunkt für schwule und lesbische Gäste entwickelte, fand sich James Baldwin in der Gemeinde ein, um in Ruhe an seinem Roman <em>Another Country</em> (1962) zu arbeiten. Sechs Jahre später kehrte er zurück und traf durch Zufall auf den bekannten schwulen Dichter Frank O&#39;Hara, mit dem er fortan im Austausch stand.</p><p>O&#39;Hara reiste seit Mitte der 50er-Jahre regelmäßig auf die Insel und widmete ihr sein Gedicht <a href="https://www.ronnowpoetry.com/contents/ohara/TrueAccount.html"><em>A True Account of Talking to the Sun at Fire Island</em></a><em> </em>(1958). 1966, ein Jahr nach dem Treffen mit Baldwin, wurde O&#39;Hara nach einem Baraufenthalt in Fire Island Pines von einem Strandtaxi erfasst und starb im Alter von 40 Jahren.</p><p>Wenig später entwickelten sich Cherry Grove und Fire Island Pines zu dem (Sehnsuchts-)Ort, der durch unzählige popkulturelle Repräsentationen das Bild der meisten von Fire Island bestimmt. In Clubs wie dem <em>Sandpiper</em> und dem <em>Ice Palace</em> wurde <a href="https://www.mixcloud.com/pinewalkcollection/stream/">Disco revolutioniert</a>; die Tea Dances, die nachmittags begannen und von viktorianischen Teezeremonien inspiriert waren, wurden zur Tradition und das Image eines Paradieses des zügellosen queeren Hedonismus entstand. Beschrieben unter anderem von George Whitmore, dessen Ich-Erzähler (und Alter Ego) Danny Slocum das Treiben wie folgt zusammenfasst: </p><p><em>It was disco, disco, disco - morning, noon, and through the sleepless night. As my dancing friend often says, disco should stay </em>in <em>the disco not be allowed to follow us into &#39;real life&#39;. </em>(George Whitmore, <em>The Confessions of Danny Slocum</em> (1980))</p><p>Diese Hochzeit Fire Islands, die in etwa mit den <em>Stonewall Riots</em> (1969) begann und Anfang der 1980er Jahre endete, wurde von zahlreichen Schriftsteller*innen literarisch eingefangen. Unter ihnen Larry Kramer, Edmund White und Felice Picano. Eine besondere Rolle nimmt dabei Andrew Hollerans Romandebüt <em>Dancer from the Dance </em>(1978) ein, das betörende Beschwörung und Schwanengesang zugleich ist. Hollerans poetische, wie wehmütige Prosa durchzieht bereits der Hauch der Vergänglichkeit, der das jähe Ende des sorglosen Lebens vorwegzunehmen scheint.</p><p>Denn mit dem Aufkommen von HIV und AIDS in den frühen 80er-Jahren legten sich Trauer und Schwermut wie ein Wolkenschleier über Cherry Grove und Fire Island Pines. Zahlreiche Stammgäste verschwanden, die Körper der Strandschönheiten wurden kritisch beäugt. Wer zu schlank war, galt als krank. Einige ließen nach ihrem Tod ihre Asche von Freund*innen am Strand verstreuen, um so Teil der Dünen zu werden, in denen sie ihre Sommer verbrachten. </p><p>Die damalige Alltäglichkeit des Todes auf Fire Island spiegelt sich beispielsweise in David Barnetts 1991 veröffentlichter Kurzgeschichte <em>The </em>Times<em> as It Knows Us </em>wider. Darin diskutieren sieben Bewohner eines Ferienhauses einen Artikel sowie Nachrufe auf an AIDS Verstorbene in der <em>New York Times</em> und ergänzen diese um Details, die von der Times ausgelassen wurden, etwa die Todesursache der Verstorbenen.</p><p>Zu dieser Zeit kamen zunehmend mehr lesbische Frauen und Paare auf die Insel. Zwar urlaubten auch vorher schon Lesben auf Fire Island, etwa Patricia Highsmith, Jane Bowles und Carson McCullers, die 1950 Cherry Grove besuchten. Die Zahl der schwulen Sommerfrischler war aber ungleich höher. Viele der neu Hinzugezogenen kümmerten sich um ihre an AIDS erkrankten Freunde, wie Parker Sargent in seinem Film<em> </em><a href="http://www.parkersargent.com/girls.html"><em>Grove Girls</em></a> (2019) dokumentiert.</p><p>Auch die fehlende Diversität in Cherry Grove und Fire Island Pines, die seit Langem von Schwarzen queeren Aktivist*innen kritisiert wurde, fand in den Achtzigern immer stärker literarisch Ausdruck. So bezeichnete Joseph Beam, ein enger Freund <a href="https://steadyhq.com/de/queerer-kanon/posts/6a706f83-26b8-4be6-8911-ee79a3e5ff79">Essex Hemphills</a>, das schwule weiße Bürgertum der Ostküste als &quot;the incestuous literatti of Manhattan and Fire Island&quot; (1986). Eine Kritik, die sich zwei Jahrzehnte später auch in Michael R. Jacksons mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneten Musical <em>A Strange Loop </em>(2019)<em> </em>wiederfindet. Jacksons Erzähler empfindet sich zwischen all den normschönen Strandflaneuren als &quot;too fat and Black to live at all.&quot;</p><p>Mit der Entwicklung erster antiviraler Therapien Ende der 90er sowie der Verfügbarkeit von PrEP ab den späten 2010er-Jahren, wurde Fire Island wieder  zu einem Zentrum ausgelassenen queeren Lebens. Vielleicht noch stärker als zuvor wurde jedoch sichtbar, dass dieser Ort nicht allen offen steht. Die Preise für Unterkünfte sind stark angestiegen, die Glorifizierung athletischer Körper scheint nach wie vor in vollem Gang und eine stärkere Diversität nur in langsamer Entwicklung begriffen.</p><p>All diese Dynamiken thematisieren auch Joel Kim Booster und Andrew Ahn in <em>Fire Island</em> (2022), ihrer queeren Filmadaption des Jane-Austen-Klassikers <em>Stolz und Vorurteil</em>. Darin besucht der von Kim Booster gespielte Protagonist Noah, ein attraktiver asiatisch-amerikanischer Anfangdreißiger, gemeinsam mit seinen Freunden ein letztes Mal die Insel, bevor das Haus ihrer Gastgeberin verkauft wird. Auf dem Weg zu einer Privatparty kommentiert er süffisant aus dem Off: </p><p><em>&quot;A lot of people think you have to be successful, white and rich, with 7 percent body fat to vacation on Fire Island.&quot;   </em></p><p>Doch auch Ahn und Kim Booster verzichten schlussendlich nicht darauf, ihre Kamera bewundernd an den gestählten Körpern ihres Ensembles entlanggleiten zu lassen. Denn Noah verfügt zwar über begrenzte finanzielle Mittel und beeindruckende Bücherstapel (auf denen sich unter anderem Austen und Jeremy Atherton Lins<a href="https://steadyhq.com/de/queerer-kanon/posts/429ba00d-e25a-4049-b80f-cb510c6b7020"> <em>Gay Bar</em></a><em> </em>befinden), sieht aber aus wie ein Abercrombie-&amp;-Fitch-Model. Sein Love Interest ist indes ein wohlhabender NGO-Anwalt, der sowohl einen muskulösen Körper als auch einen ausgewählten Literaturgeschmack aufbietet und sich jederzeit zu Diskussionen über Alice Munro hinreißen lässt. </p><p>Die Attraktivität Fire Islands als (literarischer) Topos und (Handlungs-)Ort scheint indes ungebrochen. Die Kombination aus (vermeintlichem) queerem Paradies, freier Sexualität und Natur wirkt insbesondere vor dem Hintergrund der immer rigideren, queerphoben Gesetzgebung in einer Vielzahl US-amerikanischer Staaten mitunter wie ein Paralleluniversum. Doch kein Paradies ist von Dauer. Erst recht nicht, wenn es auf Sand gebaut ist. Klimawandel und Gentrifizierung bedrohen das prekär gelegene Eiland. Wahrscheinlich ist es aber gerade diese Vergänglichkeit, die die Anziehungskraft jenes Königreichs aus Sand ausmacht. (Tobi)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Homochrom Litfest 2022: Auf den Lesungen von Kevin Junk, Eli Levén und Stefan Hornbach</h2><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F161c4803-45c3-4ff4-ba06-194ac2f440f8%2Fuploads%2Fimages%2Fibqxt4akqc%2FHomochrom.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=8edcc38e09fe7e7e867a60ba4baa8d78" alt=""/><p>Von 7. bis 10. Juli fand das zweite <a href="https://www.homochrom.de/litfest"><em>Litfest Homochrom</em></a><em> </em>in Köln statt. Im Rahmen von insgesamt 36 Lesungen und Podiumsgesprächen haben queere Autor*innen aus ihren Texten gelesen und über diese gesprochen. Ich hatte das Vergnügen, insgesamt drei der Lesungen besuchen zu können.</p><h2>Kevin Junk: Fromme Wölfe</h2><p>Am 09.07. hat Kevin Junk im <em>Café Bach</em> der Aidshilfe Köln aus seinem Debütroman <a href="https://frommewoelfe.de/">Fromme Wölfe</a> gelesen, der im vergangenen Jahr im <em>Querverlag</em> erschienen ist. Der Episodenroman erzählt von einer Gruppe Freund*innen und Fremden, die an einem Wochenende in den queeren Clubs Berlins Liebe, Sex und Drogen erkunden (<a href="https://booksaregayasfuck.de/kevin-junk-fromme-woelfe/">eine ausführliche Rezension findet ihr hier</a>).</p><p>Dieses spezielle, ungezügelte Lebensgefühl der Clubs war bei der Veröffentlichung 2021 in scheinbar weite Ferne gerückt. Immerhin befand sich ein Großteil der Welt aufgrund der Pandemie im Lockdown. Die Milieustudie des Romans hatte also bereits auch eine gewisse historische Dimension bekommen. Auch deswegen hat Junk die Lesung dafür genutzt, um den aktuellen Zustand der Clubs in Berlin zu reflektieren. Mit vorsichtigem Optimismus hat er von einem queeren Potential erzählt und Nichteingeweihten den Unterschied zwischen ‚Höhlen‘- und ‚Hütten‘-Clubs erklärt.</p><p>Auch der explizit dargestellte Drogenkonsum im Roman wurde thematisiert und das nicht nur, weil Junk seinen Schreibprozess als erfahrungsbasiert beschreibt. Das sorgte für ein paar Lacher, als ein paar Anekdoten aus dem Lektoratsprozess zum Besten gegeben wurden (<em>„Ist das wirklich so? Ist das recherchiert?“</em>), ist aber tatsächlich ein ernstes Anliegen. Denn <em>Fromme Wölfe</em> ist vor allem als Versuch zu verstehen, eine Sprache für etwas zu finden, was das Leben vieler Menschen ausmacht, und damit das Tabu zu brechen.</p><p>Junk erzählte darüber hinaus auch von seinen literarischen Einflüssen, etwa Yukio Mishima, Audre Lorde und Klaus Mann sowie seinem sich im Entstehen befindenden zweiten Roman. Wer mehr von Kevin Junk lesen möchte: Im Herbst erscheinen die zweite Ausgabe der Lyrik-Anthologie <a href="http://www.querverlag.de/parabolis-virtualis/"><em>Parabolis Virtualis</em></a><em> </em>und im <em>Verlagshaus Berlin</em> der Gedichtband <a href="https://verlagshaus-berlin.de/programm/liebe/"><em>RE: re: AW: Liebe</em></a>.</p><h2>Eli Levén: Gib ihnen, wovon sie träumen</h2><p>Direkt im Anschluss an die Lesung von Kevin Junk hat Eli Levén im Filmforum des Museum Ludwig aus seinem Debütroman <a href="https://ink-press.ch/buecher/tadoma-acht-gib-ihnen-wovon-sie-traeumen/"><em>Gib ihnen, wovon sie träumen</em></a><em> </em>(aus dem Schwedischen von Ursula Giger) gelesen (sowohl Tobi als auch ich haben über den Roman <a href="https://www.instagram.com/p/CWBrqzir06T/?utm_source=ig_web_copy_link">hier</a>, <a href="https://booksaregayasfuck.de/eli-leven-gib-ihnen-wovon-sie-traeumen/">hier</a> und <a href="https://steadyhq.com/de/queerer-kanon/posts/8a16241c-2551-41cb-b575-46d531897507">hier</a> geschrieben).</p><p>Auch Levén ging es darum, mit der Darstellung seines*r Protagonist*in Sebastian bzw. Ellie die Sprache für etwas zu finden, das es in dieser Form in der schwedischen Literatur noch nicht gab. Sein Roman erschien im Original bereits 2010. Levén wies daher darauf hin, dass die Art, wie über trans Menschen gesprochen wird, sich in den vergangenen zehn Jahren stark gewandelt hat. Und auch weil er einen Unterschied zwischen der Realität und der fiktionalen Darstellung einer Figur sieht, versteht er Sebastian als androgyn.</p><p>Der Roman war aber auch eine bewusste Rebellion gegen die Art, wie in der Literatur über Queerness geschrieben wurde. Levén war nicht an einer Darstellung interessiert, die sich auf eine positive Repräsentation beschränkt. Er wollte sowohl dem Glück als auch dem Schmerz im Leben einer queeren Person gleich viel Raum geben.</p><p>Auch die Verfilmung des Romans <em>Something Must Break</em> von Ester Martin Bergsmark wurde thematisiert. Der Film stand vor der besonderen Herausforderung, die besonders bildhafte Sprache des Romans filmisch umzusetzen. Von Anfang an war es erklärtes Ziel von Levén und Bergsmann die im Text beschriebenen Gerüche, Berührungen und Empfindungen visuell einzufangen.</p><p>Levéns zweiter Roman <em>Hur jag skulle vilja försvinna</em> (<em>Wie ich am liebsten verschwinden würde</em>, bisher nicht ins Deutsche übersetzt) ist 2020 erschienen und spielt in Berlin. Die Arbeiten an einem dritten Roman haben bereits begonnen.</p><h2>Stefan Hornbach: Den Hund überleben</h2><p>Den Abschluss des zweiten <em>Homochrom Litfests</em> bildete die Lesung von Stefan Hornbach, der aus seinem Debütroman <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/den-hund-ueberleben/978-3-446-27078-7/"><em>Den Hund überleben</em></a> gelesen hat. Darin erzählt Hornbach von dem 24-jährigen Sebastian, der nach einer Krebsdiagnose nur noch ein Ziel hat: den Familienhund überleben.</p><p>Auch wenn der Roman biografische Elemente enthält, betonte Hornbach, dass die Geschichte als Ganzes vor allem von seinem Fachwissen inspiriert und er nicht daran interessiert gewesen sei, seine eigene Geschichte zu erzählen.</p><p>Ebenso wichtig war es ihm, eine hoffnungsvolle Geschichte zu erzählen: Der Protagonist wird durch seine Diagnose nicht nur zum Patienten. Er ist weiterhin ein Sohn, Freund, jemand, der sich verliebt. In einem ähnlichen Kontext ist vielleicht auch die queere Liebesgeschichte zu verstehen, die neben der Haupthandlung entlangläuft. Denn viele Kritiker*innen haben lobend hervorgehoben, dass Queerness ein selbstverständlicher Teil des Romans ist und nicht problematisiert wird.</p><p>Auch von der Entstehung des Romans hat Hornbach erzählt: Eine der ersten Szenen, die er geschrieben hat, war auch zugleich eine der zentralen Stellen des Romans – die Diagnose. Aus dieser Szene war zuvor bereits das Theaterstück <em>Über meine Leiche</em> entstanden, das sich durch seinen schwarzen Humor auszeichnet.</p><p>Für Hornbach bestand weiterhin der Wunsch, sich mit dem Stoff auseinanderzusetzen und einen Roman zu schreiben. Dieser sollte sich im Gegensatz zum Theaterstück aber durch einen zurückhaltenden Humor auszeichnen.</p><h2>Fazit</h2><p>In ungefähr zwei Wochen werden die Mitschnitte der Lesungen auf Plattformen wie YouTube und Spotify veröffentlicht, sodass jeder, der nicht dabei sein konnte, eine Chance hat, die 36 Veranstaltungen nachzuholen. Um <a href="https://www.homochrom.de/spende">Spenden</a> wird allerdings gebeten, denn nicht zuletzt von diesen hängt ab, ob es eine dritte Ausgabe des <em>Homochrom Litfests</em> geben wird. Das Festival bietet einen dringend notwendigen Diskussionsraum für queere Literatur, aber auch einen Ort, an dem sich queere Autor*innen vernetzen können. Eine Fortführung ist also unbedingt wünschenswert. (Marlon)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Out &amp; Proud: Aktuelles und Neuerscheinungen</h2><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F161c4803-45c3-4ff4-ba06-194ac2f440f8%2Fuploads%2Fimages%2Fievyt7raod%2FTitel10072022.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=718eca8100e292b44701d0cab68515ee" alt=""/><p><a href="https://www.penguinrandomhouse.com/books/561306/moon-witch-spider-king-by-marlon-james/#"><strong>Marlon James: <em>Moon Witch, Spider King</em></strong></a><strong><em> </em>(erschienen bei <em>Riverhead Books</em>)</strong></p><p><em>Moon Witch, Spider King</em> von Marlon James ist der zweite Teil der <em>Dark-Star-Trilogie</em> und die Fortsetzung zu <em>Black Leopard, Red Wolf</em> (2019; <em>Schwarzer Leopard, Roter Wolf</em>, aus dem Amerikanischen von Stephan Kleiner). Allerdings erzählt der Roman die gleiche Geschichte wie sein Vorgänger, jedoch aus einer anderen Perspektive. Wer also noch nicht dazu gekommen ist, den Auftakt der Trilogie zu lesen oder in der Zwischenzeit vergessen hat, was alles im ersten Band passiert ist, kann problemlos in die Geschichte einsteigen. Viele Kritiker*innen sind sich eh einig: <em>Moon Witch, Spider King</em> eignet sich besser als Einstieg in die Geschichte der Suche nach dem namenlosen Jungen.</p><p>In <em>Black Leopard, Red Wolf</em> war es Tracker, der seine Geschichte erzählt hat. Nun berichtet Sogolon, die wir in Trackers Bericht noch als Antagonistin kennengelernt haben. Dieser Perspektivwechsel konfrontiert Leser*innen mit der Frage, bei welcher der Figuren ihre Loyalitäten liegen. Und auch: Was ist die ‚Wahrheit‘? Denn beide Figuren widersprechen sich in ihren Erzählungen, beanspruchen für sich aber die Wahrheit.</p><p>Die Frage wird dadurch verkompliziert, dass sich Sogolons Geschichte über mehr als 170 Jahre erstreckt und dass sie sich als alte Frau Teile ihrer eigenen Geschichte erzählen lassen und darauf vertrauen muss, dass diese stimmt. Für sie ist Trackers Geschichte Teil eines größeren Ganzen, er taucht sogar erst auf den letzten 100 Seiten auf. Wir begegnen Sogolon als junges, noch namenloses, Mädchen, welches die Flucht vor ihren grausamen Brüdern gelingt, die sie für den Tod der Eltern verantwortlich machen. </p><p>Über Umwege gelangt sie an den Königshof von Fasisi, wo sie in den Dienst der Prinzessin Emini tritt. Sie muss lernen die höfischen Intrigen zu navigieren und nicht in das Netz des Spinnenkönigs zu geraten. Sein Ziel ist die Kontrolle über Wahrheit und Erinnerung und somit das Schicksal des gesamten Landes.</p><p>Als 2019 der Auftakt des von afrikanischen Mythen inspirierte Fantasy-Epos erschien, wurde es oft als „afrikanisches Game of Thrones“ bezeichnet. Mit Band zwei scheinen diese Vergleiche endlich gerechtfertigt, konzentriert sich doch ein immenser Teil der Handlung auf die höfischen Intrigen. Die Geschichte des namenlosen Mädchens und seiner Verwandlung zu Sogolon und schließlich zur Moon Witch erinnert allerdings viel mehr an die von Marlon James selbst genannten Inspirationen: Die X-Men Comics.</p><p>Mit Tracker steht im Zentrum des ersten Bandes eine queere Figur. Das heißt aber nicht, dass <em>Moon Witch, Spider King</em> aufgrund des Perspektivwechsels nicht mehr queer gelesen werden kann. Das Buch ist auch eine Geschichte über weibliche Autonomie in einer von patriarchalen Strukturen regierten Welt. James Roman ist trotz allem voller queerer Momente und Völker, die sich einer binären Geschlechtsvorstellung widersetzen.</p><p><em>Moon Witch, Spider King</em> liest sich wie eine Parabel über die aktuelle Debatte um den Wahrheitsbegriff. Das führt auch mitunter dazu, dass man <em>Black Leopard, Red Wolf</em> nach der Lektüre direkt noch einmal lesen möchte. Trotz seiner literarischen Ansprüche vollbringt der Fantasyroman es ganz nebenbei auch, auf über 600 Seiten durchgängig zu unterhalten. (Marlon)</p><p><a href="https://www.panmacmillan.com/authors/imogen-binnie/nevada/9781529092066"><strong>Imogen Binnie: <em>Nevada</em></strong></a><strong><em> </em>(erschienen bei Picador Collection)</strong></p><p>Imogen Binnies Debütroman <em>Nevada </em>hat inzwischen den Status eines modernen Klassikers in der queeren und trans Literatur. Ohne Binnies erstmals 2013 bei <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Topside_Press"><em>Topside Press</em></a> erschienenem Road Trip wäre etwa Torrey Peters Bestseller <em>Detransition, Baby</em> kaum möglich gewesen, wie Peters selbst in ihrem Blurb zu Protokoll gibt. Doch was genau macht <em>Nevada</em> zu dem kulturellen Fixpunkt, auf den sich eine ganze Reihe von trans Autor*innen beziehen?</p><p>Da wäre Imogen Binnies Protagonistin Maria, eine 29-jährige trans Frau, die an einem toten Punkt in ihrem Leben angekommen zu sein scheint. Ihre Beziehung mit Steph geht dem Ende entgegen, in ihrem Job in einer Buchhandlung reizt sie die Grenzen der Arbeitsverweigerung aus und auf ihren Radtouren durch New York bringt sie sich immer wieder in Gefahrensituationen.</p><p>Während sich ihr Blog zur Anlaufstelle vieler trans Frauen entwickelt hat, denen sie cool und abgeklärt die Welt erklärt, fehlen ihr im realen Leben klare Ziele und Mittel. Für die erwünschte OP hat sie nicht genügend Geld, alltäglichen Diskriminierungen begegnet sie mit Stoizismus , beim Sex mit Steph verfällt sie ins Schauspielern. Bis eine Reihe (un-)vorhersehbarer Ereignisse sie dazu zwingt, sich aus ihrer Stasis zu lösen.</p><p>Binnies temporeicher, humorvoller Roman verbindet Coming-of-Age mit Roadtrip. Marias Charme und Witz kann man sich ebenso wenig entziehen wie der Leichtigkeit mit der die Autorin komplexe Themen verhandelt. Darüber hinaus fängt sie das New York und die Internetkultur der frühen Zweitausender präzise ein. Die Neuauflage enthält zudem ein sehr informatives Nachwort von Binnie selbst, in dem sie unter anderem erklärt, warum sie sich bewusst gegen Transitions-Narrative entschieden hat. (Tobi)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Queere Freuden</h2><p><em>Hier möchten wir auf Texte, Posts und andere Formate aus dem queeren Themenkosmos verweisen, die uns in den letzten Wochen beschäftigt haben.</em></p><p>Ob Alice Osmans <em>Heartstopper</em>, Casey McQuistons <em>Red, White and Royal Blue </em>oder Lily Lindons <em>Double Booked</em> - queere Liebesromane erfreuen sich derzeit großer Beliebtheit, konstatiert Ella Braidwood in ihrem <em>Guardian-</em>Artikel. Warum das so ist und welche Werke den Boom gestartet haben, erklärt sie kurzweilig. (Tobi)</p><a href="https://www.theguardian.com/books/2022/jun/21/the-rise-of-lgbtq-romance-fiction">https://www.theguardian.com/books/2022/jun/21/the-rise-of-lgbtq-romance-fiction</a><p>Am 22. Juli jährt sich der Todestag von David Wojnarowicz zum 30. Mal. Wojnarowicz ist wohl in jeder Hinsicht das, was gemeinhin als Ausnahmekünstler bezeichnet wird. Sein Oeuvre umfasst unter anderem Fotografien, Performances, Gemälde und Filme. Am nähesten kommt man ihm aber in seinem schriftstellerischen Werk. Seine Essay-Sammlung <em>Close to the Knives: A Memoir of Disintegration </em>(1991) gilt zurecht als queerer Klassiker. </p><p>Darin verbindet Wojnarowicz Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend mit queerem Aktivismus. Eine Auflistung derer, die während der zu seinen Lebzeiten wütenden AIDS-Krise untätig bleiben, steht neben einem berührenden Text über das Sterben seines langjährigen Freundes und ehemaligen Partners Peter Hujar. Wojnarowiczs Sprache ist direkt, lakonisch, seine Texte voller Wut, Trauer, Esprit und Einfallsreichtum. <em>Close to the Knives</em> entzieht sich klaren Zuschreibungen. Es ist ebenso ungeschönte Bestandsaufnahme der US-amerikanischen Gesellschaft und Politik der Achtzigerjahre, wie Zeugnis der Verzweiflung und Sorge.</p><p>Zum Erscheinen im Jahr 1991 hat David Futrelle einen kenntnisreichen, sehr aufschlussreichen Artikel über Wojnarowiczs Buch geschrieben, in dem er unter anderem aufzeigt, welche Ähnlichkeiten es mit James Baldwins <em>A Fire Next Time</em> aufweist. (Tobi)</p><a href="https://chicagoreader.com/news-politics/reading-a-queer-in-america/">https://chicagoreader.com/news-politics/reading-a-queer-in-america/</a><p></p><hr aria-hidden="true"/><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Mon, 11 Jul 2022 15:29:24 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Queerer Kanon #4: Pride Month als Produkt, gehasste Klassiker & Neues]]></title>
      <description><![CDATA[Ein kritischer Blick auf die Kommodifizierung des Pride Months, ein umstrittener (Anti-)Klassiker und neue und aktuelle Werke aus Katalonien & Deutschland.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F6a4cfdfe-ffc4-486b-b833-ee7159ae2546%2Fuploads%2Fimages%2Fylg5o3jlxj%2FNewsletter%2520%281%29.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=b52f1c6c04d11e62c4dd8f57d51b397e" alt=""/><h2>Liebe Leser*innen,</h2><p>die vierte Ausgabe von <em>Queerer Kanon</em> erscheint im <em>Pride Month</em> Juni. Eine Zeit, die bei vielen queeren Menschen gemischte Gefühle auslöst. Zum einen markiert sie den Beginn der Pride-Paraden und vieler Veranstaltungen, die sich der queeren Geschichte und dem Kampf um und den Einsatz für Gleichberechtigung und Antidiskriminierung widmen.</p><p>Zum anderen wird dieser Monat immer stärker von außen vereinnahmt (dazu gleich mehr). Es ist die Zeit der vielen Regenbogenflaggen. So auch auf Instagram. Hier häufen sich die Posts mit themenbezogenen Bücherstapeln. Und so schön und wichtig diese Sichtbarkeit auch ist, so irritierend sind einige Aspekte an ihr, wie Marlon in seinem Kommentar zusammenfasst.</p><p>In unserer neuen Rubrik <em>Over the Rainbow</em> widmen wir uns Klassikern der queeren Literatur. Den Anfang macht Larry Kramers umstrittener Roman <em>Faggots</em>, der auch 44 Jahre nach Erscheinen noch heftig diskutiert wird. Darüber hinaus stellen wir zwei aktuelle Titel vor und empfehlen euch Texte von Brandon Taylor und Eli Cugini.</p><p>Wie immer freuen wir uns auf euer Feedback, eure Fragen, Vorschläge und Kommentare.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Nicht alles, was eine Fahne hat, ist queer: Über die Kommerzialisierung des Pride Month</h2><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F6a4cfdfe-ffc4-486b-b833-ee7159ae2546%2Fuploads%2Fimages%2Fbm6ndscssm%2FPride%2520Month%2520Kommentar.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=3047ec891b9964d2a7f7477d2464ad74" alt=""/><p>Der <em>Pride Month </em>wird von Jahr zu Jahr immer mehr zu einer Zeit, in der sich vor allem westliche Unternehmen eine Art Wettbewerb zu liefern scheinen, wer mehr Regenbogenflaggen auf bzw. in seinen Produkten integrieren kann. Von der bunten Mayonnaise über den <em>Pride Whopper</em> bis hin zu unzähligen, in Regenbogenfarben getauchten, Firmenlogos - so viel performative Unterstützung, da kann einem schon schwindelig werden.</p><p>Und wütend. Denn - wie zahlreiche Stimmen in den letzten Jahren angemerkt haben - die Kommodifizierung von Pride und Queer erreicht jeden Juni ihren Höhepunkt. Man könnte denken, die queere(n) Bewegung(en) hätte alles erreicht: Akzeptanz soweit das Auge reicht. Doch bleibt bei vielen der eifrigsten Fahnenschwenker*innen bei genauerem Blick wenig mehr als Selbstdarstellung übrig. </p><p>Die Flagge wird meist nur in Ländern und Märkten (denn darum geht es ja eigentlich) gehisst, in denen den Marken kein großer Backlash droht. Gewinne aus Pride-Artikeln werden häufig nicht an queere Organisationen gespendet. Mitunter werden sie sogar in Billiglohnländern unter ausbeuterischen Bedingungen hergestellt, was dem Grundgedanken der queeren Bewegung auf perfideste Art zuwider läuft. </p><p>Das Bild der queeren Community, das in solchen Kampagnen inszeniert wird, ist ein verzerrtes. Normschön, able-bodied, meist jung und ohne sichtbares Begehren strahlen uns unsere (vermeintlichen) Repräsentat*innen von Plakaten und Posts entgegen. Wiedererkennungswert gering. </p><p>Es wird eine Queerness behauptet, die kein Gedächtnis hat, die den Alltag struktureller Diskriminierung nicht kennt und sich selbst feiert, als gäbe es kein Morgen, als hätte ein Gestern nie existiert. Als könnten wir uns alle ohne Angst im öffentlichen Raum bewegen; als würden wir von Unternehmen hofiert, jeder unserer Schritte enthusiastisch beklatscht.</p><p>Doch die Bühne, auf der dieses performative Virtue Signaling geschieht, ist klar umrissen. Am Abend des 30.06. wird sie wieder abgebaut. Der Alltag queerer Menschen, die steigende Anzahl queer-feindlicher Übergriffe, die entwürdigenden, verleumderischen Kampagnen, die gerade gegen das Selbstbestimmungsgesetz gefahren werden, interessieren nicht. Denn wer zu klar Stellung bezieht, läuft Risiko, Zielgruppen zu verprellen.</p><p>An vielen Stellen liest man dieser Tage zurecht den Slogan <em>Queer is a riot</em>. Er soll innerhalb all dieser Einverleibungen daran erinnern, dass es eigentlich darum geht, die Dinge in Frage zu stellen, am binären (Geschlechter-)System zu rütteln und Sichtbarkeiten zu schaffen. Denn wenn eines aus der queeren Geschichte offenkundig geworden sein sollte, dann, dass wir wehrhaft bleiben müssen. Unsere Rechte, unsere gesellschaftliche wie politische Anerkennung, müssen täglich neu verhandelt werden.</p><p>Leere Performativität, die sich schlussendlich nur der Gewinnmaximierung verpflichtet fühlt, sollte uns nicht von unserer Wehrhaftigkeit ablenken. Ein Burger mit zwei gleichen Hälften, von einer zweifelhaften Fast-Food-Kette angeboten, ist kein Indikator für die Akzeptanz queerer Menschen. Im Gegenteil, er ist ein Wachruf dafür, die Deutungshoheit über uns, unsere Geschichte und unsere Anliegen nicht kampflos aufzugeben. </p><p>Damit soll nicht gesagt sein, dass es nicht auch Unternehmen gibt, die mehr als Symbolpolitik betreiben und welche die Sorgen und Nöte der queeren Community ernstnehmen und adressieren. Dies ist in der Regel aber weniger sichtbar, denn dazu gehört weit mehr, als sein Logo einzufärben. (Tobi)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Kommentar: Pride und die bunten Bücherstapel</h2><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F6a4cfdfe-ffc4-486b-b833-ee7159ae2546%2Fuploads%2Fimages%2Fxcaruyfph4%2FWhatsApp%2520Image%25202022-06-05%2520at%252018.49.11.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=9a11e8c991e6dee39b4a90e4ca84cca9" alt=""/><p>Der Monat Juni steht im Zeichen von Pride. Für 30 Tage im Jahr tauschen große Unternehmen ihre Logos für eine Regenbogenvariante aus, um ihre Solidarität mit der LGBTQ+ Community zu bezeugen. Sie produzieren Pride Collections, deren Einnahmen oft indirekt auch Politiker:innen und Organisationen gespendet werden, die Gesetze gegen genau diese Community erlassen. Der Juni ist aber auch die Zeit der bunten Bücherstapel. Und nicht alles, was bunt ist, enthält auch Glitzer.</p><p>Auf Social Media besteht immer ein gewisser Druck, sich zu jedem Zweck in irgendeiner Art und Weise solidarisch zu bekunden – selbst wenn man gar nicht genug informiert ist, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Oder auch dann, wenn man nichts beizutragen hat, was nicht schon unzählige Male – und oft besser – gesagt und geschrieben wurde. </p><p>Bevor irgendwelche Missverständnisse entstehen: Das soll nicht heißen, dass man sich nicht mehr solidarisch zeigen oder eine eigene Meinung haben soll. Es besteht aber immer die Gefahr, dass zum einem die Stimmen der Betroffenen untergehen und dass zum anderen durch das geteilte Halbwissen komplexe Verhältnisse unnötig simplifiziert werden. Oft schadet es mehr als das es nützt.</p><p>Sichtbarkeit und Pride sind wichtig. Die in diesem Monat geteilten Regenbogen-Bücherstapel stehen für Diversität … Zumindest so der Plan. Denn immer wieder begegnen mir zu dieser Jahreszeit Bücherstapel (in der Regel von – sorry to say – heterosexuellen Blogger*innen), die zwar von der Gestaltung der Bücher her einem Regenbogen entsprechen, inhaltlich aber nichts mit Queerness zu tun haben. </p><p>Diese leere Symbolik ist rein performativ, sie ist Ausdruck des Wunsches, sich als besonders progressiv zu präsentieren, aber gleichzeitig Beweis, dass es daran fehlt, sich tatsächlich mit der Lebensrealität queerer Menschen auseinanderzusetzen.</p><p>Doch es gibt noch eine andere Art von Pride-Bücherstapeln, die mir Kopfschmerzen bereitet und das nicht, weil sie keinerlei Berechtigung hätten, sondern weil sie als repräsentativ für queere Literatur gelten. In diesen Bücherstapeln finden sich Liebesgeschichten wie Alice Osemans <em>Heartstopper</em>, <em>Red White &amp; Royal Blue</em> und <em>One Last Stop</em> von Casey McQuiston, <em>Felix Ever After</em> von Kacen Callender, <em>Love, Simon</em> von Becky Albertalli oder auch <em>Die Optimisten</em> von Rebecca Makkai, <em>Das Lied des Achill</em> von Madeline Miller.</p><p>Mein Anliegen ist es nicht, diesen Büchern ihre Existenzberechtigung abzusprechen oder gar Leser*innen vorzuschreiben, was sie lesen sollen und was nicht. Mich interessiert viel mehr, wie wir in diesem Kontext über queere Literatur sprechen – und das gilt für Leser:innen aller Gender-Identitäten und Sexualitäten. Diese Debatte bedarf meiner Meinung nach ein Umdenken.</p><p>Eine der am meisten wiederholten Aussagen bezüglich queerer Literatur (das trifft aber natürlich auch auf Filme und Serien zu), ist,  dass junge queere Menschen positive Repräsentation benötigen. Positiv bedeutet, dass ihre Gender-Identität und/oder ihre Sexualität für die Figuren kein großes Problem darstellen und wenn doch, sie dieses relativ schnell überwinden und sich zu selbstbewussten jungen Menschen entwickeln, die von Freund*innen und Familie Unterstützung erfahren. </p><p>All das ist gut und wichtig. Wir brauchen diese Literatur. Aber warum lehnen wir deswegen Literatur, welche diesen Anforderungen nicht entspricht, direkt ab?</p><p><em>„It is true that some people, myself included, do feel that even happiness is kind of sad. But that is simply my experience and my perspective. It is simply the filter through which I write and articulate my fiction. I had a sad life! I’m sorry!“</em></p><p>schreibt Brandon Taylor, Autor von <em>Real Life </em>(2021, aus dem Englischen von Eva Bonné, Piper Verlag) und <em>Vor dem Sprung</em> (2022, aus dem Englischen von Maria Hummitzsch &amp; Michael Schickenberg, ebenfalls Piper) in einem sehr lesenswerten Essay zur Debatte rund um schwule Gegenwartsliteratur (der auch in dieser Ausgabe im Bereich ‚Queere Freuden‘ verlinkt ist) und spricht damit den wunderbaren Aspekt der individuellen Erfahrung innerhalb von Literatur an.</p><p>Was also hindert uns daran, optimistische queere Literatur genauso zu lesen wie queere Literatur, die Gewalt, Armut, Ausgrenzung, und ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit behandelt? Wieso können wir diesen Widerspruch nicht aushalten? Denn auch abseits von Vorbildern und Optimismus kann Literatur retten. So schreibt der Schriftsteller Josef Winkler zur Hans Henny Jahnns <em>Die Nacht aus Blei </em>(1956): </p><p>„<em>In Jahnns Knabentragödien sterben die Liebenden auf dem Höhepunkt ihrer Liebe gemeinsam. Der gemeinsame Tod der beiden Jungen aus meinem Heimatdorf und der Tod des dreiundzwanzigjährigen Matthieu und des fünfzehnjährigen Anders in der </em>Nacht aus Blei<em> haben mir Angst vor einem einsamen Tod gemacht. Soll ich jemanden mit in den Tod reißen? … Literatur kann befreien. Kann Literatur Leben retten?“</em></p><p>Auch ich kann mich im Hinblick auf meine eigene Biographie kaum mit queeren Büchern identifizieren, in denen die Figuren noch nie im Kampf mit sich selbst oder ihrer Herkunft standen. Natürlich bin auch ich gerührt, wenn ich <em>Heartstopper</em> lese und fühle mich an vieles erinnert, wonach ich mich als Jugendlicher gesehnt habe. </p><p>Es gibt aber auch eine Vielzahl an Büchern, die den Mangel dieser Erfahrungen sehr drastisch darstellen – und mit diesen Büchern kann ich mich viel eher identifizieren. Wenn es mir schlecht geht, lese ich keine Geschichten, um zu sehen, wie viel besser es sein könnte. Ich lese, um zu wissen, dass ich nicht allein bin.</p><p>Auch fällt mir immer wieder auf, wie entsexualisiert, ja, geschlechtslos viele Figuren in den Büchern sind, die innerhalb dieses bunten Regenbogens an Büchern vorgestellt werden. Immer wieder hört man Sätze wie: „Mein Leben dreht sich nicht nur um Sex.“ Das stimmt. Aber die Emanzipation und die Identität queerer Menschen ist ohne ihre Sexualität kaum zu denken.</p><p>In der aktuellen Ausgabe von ‚<em>die horen</em>‘ (eine Rezension findet sich weiter unten) schreibt Gunther Geltinger dazu: <em>„Seitdem das Wort [‘Queer‘]aus dem akademischen Diskurs in die Alltagssprache zurückgewandert ist und zunehmend auch Lifestyle-Optionen markiert, droht ihm eine neue Normierung – nicht alles, was sich im Wirkungsbereich von Geschlecht, Sexualität und Identität der Norm widersetzt, ist queer. </em></p><p><em>Die neue Anderssein-Vokabel tendiert dazu, den Menschen zu entkörpern, sie tilgt den Trieb aus den Debatten, jene Dimension des Begehrens, die im Sexuellen von physiologischen Gegebenheiten bestimmt wird und eine individuelle Psychodynamik freisetzt, die wiederum von den Gesetzen des Zufalls, von Raum und Zeit beeinflusst wird – mehr Schicksal als eine Frage des Intellekts oder der politischen Einstellung.“</em></p><p>Analsex, Fisting, Poppers, Promiskuitivität – wird das oftmals von der Norm abweichende Begehren queerer Menschen thematisiert, ergreifen viele schnell die Flucht oder verstecken sich hinter dem altbekannten Argument, dass Sexualität bzw. Körperlichkeit kein literarisches Thema wäre. Kurzum: Das gehört sich nicht. </p><p>Diese Argumente bringen auch immer wieder queere Menschen selbst an. Ich vermute dahinter das Bedürfnis, sich an eine Mehrheitsgesellschaft anzubiedern, in der Hoffnung, ein Bild von Queerness zu präsentieren, dass sauber, bieder und ungefährlich ist. Im Sinne von: „Guckt, wir sind nicht wie die anderen! Wir haben die gleichen Rechte verdient!“</p><p>Ich möchte kein Entweder/oder. Was ich mir bezüglich der Repräsentation queerer Literatur wünsche, ist Mut zum Widerspruch. Ich wünsche mir Repräsentation(en), die deutlich machen, dass LGBTQ+-Menschen eine diverse Gruppe sind, mit sich widersprechenden Meinungen, Ansichten und Bedürfnissen. Repräsentation, die sich nicht davor scheut, <em>Heartstopper</em> neben ein Buch wie <em>100 Boyfriends</em> (2021) von Brontez Purnell zu stellen, in dem schwuler Sex detail- und variantenreich verhandelt wird. </p><p>Oder die kontroverse Schmerzensoper <em>A Little Life </em>(2015) neben Andrea Lawlors wunderbar sex-positivem, genderfluiden Roman <em>Paul Takes the Form of a Mortal Girl </em>(2017). Repräsentation, welche die gesamte Bandbreite der queeren Erfahrungswelt darzustellen vermag. Und das am besten nicht nur zu Pride, sondern 365 Tage im Jahr. (Marlon)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Over the Rainbow: Queere Klassiker</h2><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F6a4cfdfe-ffc4-486b-b833-ee7159ae2546%2Fuploads%2Fimages%2F2v2rokb64f%2FTitel06062022%2520faggots.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=524e2531576a38b33f4041697100c7cd" alt=""/><p><a href="https://groveatlantic.com/book/faggots/"><strong>Larry Kramer – Faggots (Grove Press, erstmals 1978 erschienen)</strong></a></p><p><em>Faggots</em> von Larry Kramer erzählt von New Yorks schwulem Ghetto der 70er Jahre, von der Dekade zwischen Gay Liberation und AIDS. Die Bewohner dieses Ghettos frönen der Dekadenz, sie sind Kinder, die nicht erwachsen werden wollen und deren Leben aus unkompliziertem Sex besteht. Nur Protagonist Fred Lemish glaubt an die große Liebe und versucht sie in einer Welt, die nur Sex kennt, zu finden.</p><p><em>Faggots</em> ist eine Satire, die von seinen (schwulen) Lesern aber vor allem als homophob aufgenommen wurde und trotz seines Status als Klassiker eines der meistgehassten Bücher der queeren Literatur ist. Man kann es der Leserschaft kaum verübeln: Die Figuren entsprechen alle irgendeinem zutiefst homophoben Klischee, also genau das, wogegen die Emanzipationsbewegung versucht hat, anzukämpfen. Heterosexuelle Leser*innen könnten bei der Lektüre durchaus den Eindruck gewinnen, dass sie hier alle ihre Vorurteile bestätigt sehen.</p><p>Natürlich legt Kramer den Finger in eine blutige Wunde: Die hier dargestellten Männer sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um füreinander da zu sein. Eine durchaus auch aktuelle Analyse. Was das Buch aber so ärgerlich macht, ist, dass Fred Lemish – ein Alter Ego für Kramer – der einzige ist, der aus diesem Käfig voller Narren ausbrechen will.</p><p>Bücher wie <em>Faggots</em> liest man am besten selbst, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Und man liest sie wegen ihrer Autor*innen. Denn Larry Kramer war ein echter Held – ein sehr streitbarer, wie es die besten Held*innen immer sind. Er war 1981 Mitbegründer der <em>Gay Men’s Health Crisis</em> und hat 1987 <em>ACT UP</em> gegründet. Er hat im Alleingang die Reaktion der Politik auf AIDS geändert und zahllose Menschenleben gerettet.</p><p>Im Jahr 2011 ist eine deutsche Übersetzung von <em>Faggots</em> im <em>Bruno Gmünder Verlag</em> erschienen, die den Titel <em>Schwuchteln </em>trägt (übersetzt von Peter Peschke) und inzwischen vergriffen ist. (M)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Out &amp; Proud: Aktuelles und Neuerscheinungen</h2><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F6a4cfdfe-ffc4-486b-b833-ee7159ae2546%2Fuploads%2Fimages%2Fwoo3zydzhf%2FTitel06062022.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=81b210ca3f615dc2503325cd8fd892ab" alt=""/><p><a href="https://www.andotherstories.org/permafrost/"><strong>Eva Baltasar: <em>Permafrost</em> (aus dem Katalanischen ins Englisch übertragen von Julia Sanches, erschienen bei <em>And Other Stories</em></strong></a><strong>)</strong></p><p>Im Prosadebüt der katalanischen Dichterin Eva Baltasar begleiten wir eine namenlose Erzählerin von der Pubertät bis in ihre frühen 40er. Baltasars Protagonistin ist faszinierend, voller Ambiguitäten. Selbstmordgefährdet und doch das Leben in vollen Zügen genießend, stürzt sie sich kopfüber in Affären mit verschiedenen Frauen, während sie versucht, ihre Mutter und ihre Schwester sowie jede Art von gesellschaftlicher Rolle und Verantwortung von sich fernzuhalten.</p><p>Übersetzt und mit einem sehr aufschlussreichen Nachwort von Julia Sanchez versehen, ist <em>Permafrost</em> ein suchender, intensiver, erotischer und sehr witziger Roman. Eine wilde und unverblümte Reise, intensiv und körperlich, geschrieben in lyrischer, beschwörender Prosa. In Spanien war Baltasars Romandebüt ein großer Publikumserfolg. </p><p><em>Permafrost</em> ist der erste Teil eines unbetitelten literarischen Triptychons, dessen weitere Bestandteile <em>Boulder</em> und <em>Mamut</em> bereits auf Katalanisch erschienen sind. Dabei handelt es sich um kurze Romane, die jeweils aus der Sicht ihrer Protgagonistinnen erzählt werden. <em>Boulder</em> erscheint diesen August in der Übersetzung von Julia Sanchez auf Englisch (erneut bei <em>And Other Stories</em>). Leider wurden die deutschen Rechte an Baltasars Triptychon bisher nicht verkauft. (T)</p><p><a href="https://www.die-horen.de/9783835351530-furchtlos-schreiben.html"><strong>Queer | Beat: „Die Sprache muss neu gewaschen werden“</strong></a></p><p>Die aktuelle Ausgabe der Literaturzeitschrift <em>die horen</em> widmet sich politischer Literatur. Das von Gunther Geltinger zusammengestellte Kapitel <em>Queer | Beat</em> enthält einige der wichtigsten deutschen Stimmen queerer Literatur, aber auch ein paar Neuentdeckungen und Überraschungen.</p><p>Die Themen der Texte sind so unterschiedlich wie ihre Autor:innen. Sie erzählen vom Online-Dating (<em>Grindr-Lyrik: Sommer</em> von Casjen Grisel), der letzten Begegnung mit dem Löwenmenschen (<em>Windhund</em>von Alexander Graeff), Protesten in Moskau (<em>FROM RUSSIA WITH LOVE (to Masha Gessen)</em> von Sasha Marianna Salzmann), einem Ausflug aufs Land, einer verspäteten Jugend und queerer Scham (<em>Der Traum vom Älterwerden</em> von Donat Blum) oder reflektieren in einem Gespräch mit der eigenen Katze die Möglichkeiten der Sprache (<em>Blume ohne Spiel</em> von Jayôme C. Robinet). </p><p>Das ist es auch, was diese Texte eint. Sie erzählen alle in irgendeiner Form von der explosiven Sprengkraft der Sprache. Sprache, die ausgrenzt, trennt, unterdrückt, aber auch ein Werkzeug des Widerstands sein kann.</p><p>Deswegen bildet auch Gunther Geltingers Essay <em>Queer – Ein seltsames Rauschen?</em> den Abschluss dieses Kapitels (abgesehen von dem QR-Code, der auf ein ziemlich cooles Stück des Komponisten Marko Nikodijević führt), in dem er ein Konzept einer queeren Sprachästhetik als Form des Widerstands entwirft.</p><p>Wer sich weiterhin fragt, was es an guter deutschsprachiger queerer Literatur gibt, wird hier auf 30 Seiten eine Antwort finden. (M)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Queere Freuden</h2><p><em>Hier möchten wir auf Texte, Posts und andere Formate aus dem queeren Themenkosmos verweisen, die uns in den letzten Wochen beschäftigt haben.</em></p><p>Von dem ödipalen Wunsch, den eigenen Vater zu töten, und der Frage, was schwule Gegenwartsliteratur aktuell leisten soll, schreibt <a href="http://brandonlgtaylor.com/">Brandon Taylor</a> in seinem Essay <em>A Little Life is not your father</em>, der in Taylors Newsletter erchienen ist. Wie immer provokant und verdammt witzig. (M)</p><a href="https://blgtylr.substack.com/p/a-little-life-is-not-your-father?utm_source=%2Fprofile%2F13679-brandon&amp;utm_medium=reader2&amp;s=r">https://blgtylr.substack.com/p/a-little-life-is-not-your-father?utm_source=%2Fprofile%2F13679-brandon&amp;utm_medium=reader2&amp;s=r</a><p><a href="https://twitter.com/uncanny_eli">Eli Cugini</a> setzt sich in seinem*ihrem Artikel für das <em>Xtra Magazine</em> mit dem jüngsten Erfolg einiger Bücher von trans Autor*innen und der Berichterstattung darüber auseinander (darunter auch Torrey Peters <em>Detransition, Baby</em>). Cuginis Analyse macht sichtbar, wie Kritiker*innen oftmals einzelne trans Autor*innen dafür loben, dass deren Bücher Cisgender-Menschen eine Möglichkeit gäben, sich mit dem Thema trans auseinanderzusetzen, anstatt ihre Arbeit als Kunst zu betrachten, die unabhängig von der Zustimmung von Cis-Menschen ist.  </p><p>Statt auf die literarischen Einflüsse und das Handwerk der Autor*innen einzugehen und sie in einem größeren literarischen Kosmos, in dem es schon immer trans Erzählungen und Autor*innen gegeben hat, zu verorten, werde der Fokus stattdessen auf den Mut und die Tapferkeit der Schreibenden gelegt.  Cugini präsentiert in ihrem Text zahlreiche Beispiele literarischer Texte von trans Autor*innen und stellt diese äußerst kenntnisreich in einen literaturgeschichtlichen Kontext. (T)</p><a href="https://xtramagazine.com/culture/trans-literature-troubled-golden-age-208560">https://xtramagazine.com/culture/trans-literature-troubled-golden-age-208560</a><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Newsletter]]></category>
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      <pubDate>Mon, 06 Jun 2022 16:02:02 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Queerer Kanon #3: Rose Allatini, queere Texte aus Deutschland & Neues]]></title>
      <description><![CDATA[Ein Blick auf Rose Allatinis queere Pazifist*innen, eine Anthologie queerer deutscher Texte und neue Veröffentlichungen von Kathy Acker, Sang Young Park und Eli Léven.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F8a16241c-2551-41cb-b575-46d531897507%2Fuploads%2Fimages%2Foik7m46toi%2FNewsletter.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=512d63fcb872a91174f9cb875a0fccef" alt=""/><h2>Liebe Leser*innen,</h2><p>in der dritten Ausgabe unseres Newsletters widmen wir uns einem vergessenen queeren Klassiker, einer Anthologie queerer Texte sowie vier Neuerscheinungen. Aber der Reihe nach: </p><p>Im Rahmen eines <a href="https://steadyhq.com/de/queerer-kanon/posts/3526388b-6a80-419a-a627-8fc88fd69036">Sondernewsletters im März</a> beschäftigte sich Tobi mit dem queeren Leben des englischen War Poets Wilfred Owen. In diesem Monat kehrt er zum ersten Weltkrieg zurück und stellt die österreichisch-britische Autorin Rose Allatini und deren 1918 veröffentlichten Roman <em>Despised And Rejected </em>vor, der aufgrund seiner positiven Darstellung von Homosexualität und Pazifismus zum Skandal wurde und in Vergessenheit geriet. </p><p>Marlon richtet seinen Blick auf eine Reihe deutschsprachiger queerer Texte, die in der englischen Anthologie <em>Quertext</em> versammelt sind und stellt sich die Frage, ob es eine eigenständige queere Literatur im deutschsprachigen Raum gibt und wie sich der Blick des Kanons dezentralisieren lässt.</p><p>Zudem stellen wir euch vier aktuelle Titel von Eli Léven, Kathy Acker und Sang Young Park vor und empfehlen euch, in die Mixtapes der <em>Pine Walk Collection</em> reinzuhören, einem queeren auditiven Gedächtnis. </p><p>Wir freuen uns auf euer Feedback, eure Fragen, Vorschläge und Kommentare.</p><hr aria-hidden="true"/><h2><em>&#39;So you, too, are a square peg?&#39;</em>: Rose Allatinis revolutionärer Roman <em>Despised And Rejected</em></h2><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F8a16241c-2551-41cb-b575-46d531897507%2Fuploads%2Fimages%2Fs5fwqigpfc%2FRose%2520Allatini.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=d883804796bf574f6328d3118024f07c" alt=""/><p>Homosexualität, Kriegsdienstverweigerung und ein Lob auf den Pazifismus: Rose Allatinis 1918 unter dem männlichen Pseudonym A.T. Fitzroy erstmals veröffentlichter Roman <em>Despised And Rejected</em> erschien den Sittenwächtern Englands als einzige Provokation. Dementsprechend schnell wurde er verboten, sein Verleger zu einer Geldstrafe verurteilt. </p><p><em>Despised And Rejected</em> geriet schnell in Vergessenheit. Gleichwohl erlangte Allatini aufgrund des Skandals einige Berühmtheit. So taucht sie etwa in der Korrespondenz Virginia Woolfs auf. Doch auch wenn Allatinis revolutionärer Roman der breiten Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich war, wurde er unter homosexuellen Leser*innen weitergetragen. Dies führte dazu, dass 70 Jahre nach Erscheinen eine Neuausgabe beim Londoner <em>Gay-Men&#39;s-Press</em>-Verlag erschien (1988).</p><p>Aber was macht den Roman heute, gut 100 Jahre nach seinem Erscheinen, zu einem queeren Klassiker? Da wären zunächst einmal Allatinis Protagonist*innen: Dennis Blackwood, ein schwuler junger Komponist und Antoinette de Courcy, Kind aus gutem Hause, die mindestens als bisexuell, wenn nicht gar als lesbisch gelesen werden kann. </p><p>Beide treffen 1914 unverhofft in einem englischen Landhotel aufeinander, in dem die Blackwoods ihren jährlichen Sommerurlaub verbringen. Antoinette ist Gästin einer ebenfalls anwesenden Familie und macht im Rahmen einer Laintheateraufführung Eindruck auf den zurückgezogenen Dennis. </p><p>Letzterer glaubt, in Antoinette eine Gleichgesinnte zu erkennen, nachdem er deren Schwärmerei für die allein reisende Hester beobachtet. Während eines gemeinsamen Spaziergangs offenbart Dennis mit Hilfe einer Metapher Antoinette seine Sexualität, im festen Glauben, sie teile diese. </p><p>Nach der Abreise ziehen beide ihres Weges. Antoinette zurück zu ihrer Familie, die sie gerne an einen reichen Mann verheiraten würde. Dennis auf eine Wandertour mit seinem Bekannten Crispin. Auf seiner Reise trifft er zufällig auf Allan, einen jungen Mann, der in einer Schmiede arbeitet. Die Begegnung ist erotisch aufgeladen: Dennis erblickt Allan mit nacktem Oberkörper am Amboss ein Stück Metall bearbeitend und ist spürbar erregt von diesem Anblick.</p><p>Wenig später begleitet er ihn nach Hause, bleibt jedoch gegenüber Allans Bitten, mehr Zeit mit ihm zu verbringen, standhaft. Dennoch verliebt er sich in ihn und bekommt ihn fortwährend nicht aus dem Kopf. Im Wissen darum, dass eine Beziehung zu einem Mann niemals möglich wäre, beginnt er, um Antoinette zu werben. Doch beiden ist klar, dass die vermeintliche Sicherheit, die sich Dennis von einer Ehe mit Antoinette verspricht, nur Illusion und Tarnung wäre.</p><p>Vielmehr ist sich Dennis seiner Homosexualität immer bewusst und zwischen ihm und Antoinette erwächst eine queere Freundschaft, die um die Sorgen und Nöte des anderen weiß. Mit Ausbruch des ersten Weltkriegs verändert sich die Lage. Dennis ist bekennender Pazifist und weigert sich wie sein Bruder und die Söhne der Nachbar*innen in den Krieg zu ziehen. Je stärker der soziale Druck auf ihn steigt, desto gefestigter ist er in seiner Position. </p><p>Allatini beschreibt präzise die queere Scham, mit der Denis lebt. Die Einsamkeit, die aus dem Anderssein entsteht und ihn daran hindert, solidarisch mit Gleichgesinnten zu sein. Den Wunsch, Teil der heteronormativen Gesellschaft zu werden. Doch im Gegensatz zu anderen Texten aus dieser Zeit, ist hier von Anfang an klar, dass die Sympathie der Autorin bei Denis liegt. Es ist die Gesellschaft, an der er leidet, nicht seine Sexualität.</p><p>In Allatinis Roman spiegeln sich Erkenntnisse und Konzepte der Sexologie wider; einem wissenschaftlichen Ansatz, der im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert populär war. Begründet wurde sie mit der Veröffentlichung von Richard Freiherr von Krafft-Ebings <em>Psychopathia Sexualis </em>(1886). In England zählt der Sexologe Havelock Ellis zu den bekanntesten Vertretern dieser Disziplin, die sich der Erforschung der menschlichen Sexualität widmete. </p><p>Ellis prägte gemeinsam mit John Addington Symonds den Begriff <em>Inversion </em>bzw. <em>inverted / invert</em> für Homosexualität / Homosexuelle. Invertiert im Sinne von &quot;sexuell umgekehrt&quot; aus der Perspektive der Heterosexualität. Eine Vorstellung, die sich bis heute in Fremd- und Selbstbezeichnungen wie &quot;andersherum&quot; widerspiegelt. </p><p>(Symonds starb vor der Veröffentlichung der mit Ellis erarbeiteten Studie <em>Sexual Inversion</em> (1896/97). Sein Nachlassverwalter kaufte die komplette erste Auflage auf und verbat Ellis, Symonds Namen in allen weiteren Auflagen zu verwenden.)</p><p>Der Sozialist Edward Carpenter, ein Freund Ellis&#39;s, der später auch E. M. Forsters queeren Klassiker <em>Maurice</em> inspirieren sollte, griff diese Ideen auf und entwickelte im Rahmen seiner eigenen Studie <em>The Intermediate Sex</em>  (1908) die Auffassung, dass Homosexuelle als Intermediäre zwischen den Geschlechtern stünden. Sie verfügten über die außergewöhnliche Gabe, sowohl die Perspektive des Mannes als auch die der Frau in sich zu vereinen. </p><p>Allatini paraphrasiert Carpenter in ihrem Roman, wenn sie schreibt: <em>&quot;those who stand mid-way between the extremes of the two sexes . . . perfectly balanced, not limited by the psychological bounds of one sex, but combining the power and the intellect of the one with the subtlety and intuition of the other [...]&quot; </em>Zudem findet sich in <em>Despised And Rejected</em> die zur Entstehungszeit noch gängige Vorstellung, dass homosexuelle Männer über eine weibliche Seele in einem männlichen Körper verfügten.</p><p>Carpenter ging in seinen Ausführungen so weit, dass er die <em>intermediates</em> als perfekte Anführer der Menschheit charakterisierte. Allerdings beziehen sich seine Ausführungen diesbezüglich nur auf homosexuelle Männer. Dieser Gedanke findet sich in <em>Despised And Rejected</em> nicht. Dennis ist zwar sehr klar und elaboriert in seinem Pazifismus. Seine Scham und Selbstzweifel ob der eigenen Homosexualität nehmen ihm aber viel Handlungsmacht.</p><p>Anders verhält es sich hingegen mit Antoinette. Aus ihrem gleichgeschlechtlichen Begehren entstehen keine Selbstzweifel, keine Scham. Im Gegenteil: Wünscht sie sich doch immer wieder eine neue Leidenschaft wie jene, die Hester und ihre Vorgängerinnen in ihr erweckt haben. </p><p>Dass bisher kein Mann in der Lage war, dieses Feuer in ihr zu entfachen, betrachtet sie eher als Tatsache - teils sogar als Unvermögen der Männer - denn als Grund zur Sorge. Auf Dennis Bemerkung, auch sie sei ein <em>&quot;square peg&quot; </em>(eine Aussenseiterin), reagiert sie mit der Feststellung <em>&quot;Oh, I&#39;m not a square peg, I just fit in everywhere.&quot; </em></p><p><em>Despised And Rejected</em> sollte ursprünglich im Verlag <em>Allen &amp; Unwin</em> erscheinen, der auch schon Edward Carpenters <em>The Intermediate Sex</em> (1908) sowie dessen Autobiografie <em>My Days and Dreams </em>(1916), in der sich Carpenter zu seiner Homosexualität bekannte, veröffentlicht hatte. Doch der Verleger Stanley Unwin lehnte Allatinis Roman kurioserweise aufgrund von dessen homosexuellen Hauptfiguren ab.</p><p>Unwin empfahl der Autorin stattdessen den Verleger CW Daniel, der sich bis dato vor allem durch Nischenbücher und religiöse Texte einen Namen gemacht hatte und wegen eines pazifistischen Pamphlets schon einmal strafrechtlich verfolgt worden war. <em>Despised And Rejected</em> wurde schließlich am 22. Mai 1918 veröffentlicht. Vier Monate später kam es zum Gerichtsprozess.</p><p>Im Rahmen dessen wurde Allatinis Roman und CW Daniel vorgeworfen, durch seine pazifistischen Passagen die Rekrutierung neuer Soldaten sowie deren Ausbildung negativ zu beeinflussen. Die positive Darstellung homosexueller Figuren wurde nicht direkt adressiert, kam jedoch als unterschwelliges Argument zum Tragen. CW Daniel wurde zu einer Geldstrafe verurteilt und musste die restlichen Exemplare des Buchs aushändigen.</p><p>Aus damaliger wie heutiger Sicht ist Allatinis Verbindung von Pazifismus und Homosexualität bemerkenswert. Dennis Blackwood ist alles andere als ein Feigling. Seine gegen den Kriegsdienst hervorgebrachten Argumente folgen einer bestechend menschlichen Logik und entlarven die wütenden Forderungen seines Umfelds als blutdürstig und unmenschlich. Floskeln wie &quot;für Krone und Land&quot; werden als imperialistische Kriegspropaganda enttarnt, der es nur um die Erweiterung des eigenen Machtraums geht.</p><p>Spätestens als die ersten Verwundeten schwer gezeichnet zurückkommen, sieht Dennis sich bestätigt. Für seine Überzeugung ist er ferner bereit, ins Gefängnis zu gehen und hingerichtet zu werden. Allatini zeigt in <em>Despised And Rejected </em>anhand einer Reihe an Nebenfiguren die Parallelen zwischen der Verfolgung von Pazifist*innen, Homosexuellen, Jüd*innen und Ir*innen auf. Sie zeichnet nach, wie sich die Gesellschaft nach und nach gegen einst geliebte Mitglieder richtet und mit welcher Erbarmungslosigkeit sich die Reihen schließen.</p><p>Dabei erweist sie sich als versierte Kennerin zeitgenössischer Codes. Dennis und seine Freunde sind <em>&quot;musikalisch&quot; </em>und <em>&quot;sensibel&quot;. </em>Chiffren, die aus heutiger Sicht transparent erscheinen mögen, im England des Jahres 1918 aber fast ausschließlich den Gemeinten bekannt waren. </p><p>Die Autorin selbst führte das, was man gemeinhin ein bewegtes Leben nennt. 1890 als Tochter einer Polin und eines italienischen Juden in Wien geboren, wuchs sie in England auf. 1914 veröffentlichte sie ihren ersten Roman als R Allatini. Da sie auf ihren vollen Vornamen verzichtete, wurde sie von Kritik und Publikum zumeist als männlich wahrgenommen. Dies änderte sich erst nach dem Prozess, der auf die Publikation von <em>Despised And Rejected </em>folgte und dazu führte, dass ihr Pseudonym enttarnt wurde.</p><p>Anschließend wendete sie sich dem Okkultismus und der Theosophie zu und ging eine Ehe mit dem englischen Komponisten und Dichter Cyrill Scott ein, die bis 1941 bestand. In dieser Zeit gebar sie zwei Kinder und schrieb einen weiteren Roman. Nach Ende ihrer Ehe lebte sie mit Melanie Mills zusammen und veröffentlichte rund 30 (heterosexuelle) Liebesromane unter dem Pseudonym Eunice Buckley. Allatini war bis zu ihrem Tod 1980 durch ihre Autorinnentätigkeit finanziell unabhängig.</p><p>Über die Natur der Beziehung von Allatini und Mills sowie die Dauer ihres Zusammenlebens besteht indes Unklarheit. Allatinis Sohn behauptete in seinen Memoiren, seine Mutter habe lediglich die Kriegsjahre mit Mills auf dem Land verbracht. Einige andere Quellen gehen hingegen davon aus, dass Allatini auch nach dem Krieg mit Mills im englischen Rye zusammenlebte und damit in unmittelbarer Nähe zu zwei queeren Autor*innen ihrer Zeit: Radclyffe Hall und E. F. Benson.  </p><p>Nicolas Walter, ein britischer Experte für verbotene Bücher, kam laut Jonathan Cutbills Nachwort zu <em>Despised And Rejected</em> zu der Auffassung, dass <em>&quot;[i]f Rose Allatini was a lesbian, she had a pretty good life for her time.&quot;</em></p><p>Interessant ist auch das Ende, das Rose Allatini ihrem Roman gibt. Denn zumindest für eine der Hauptfiguren gibt es einen Hoffnungsschimmer, trotz allem Realismus. Ob es diesen auch für Allatini gab, wird wahrscheinlich im Verborgenen bleiben.</p><p><em>Despised And Rejected</em> wurde bislang nicht ins Deutsche übersetzt. Der englischen Originaltext ist derzeit beim unabhängigen englischen Verlag <em>Persephone Books</em> erhältlich. (Tobi)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Gary Schmidt u. Merril Cole: <em>Quertext: An Anthology of Queer Voices from German-Speaking Europe</em></h2><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F8a16241c-2551-41cb-b575-46d531897507%2Fuploads%2Fimages%2Fivrgcbslho%2FTitel01052022%2520%25202.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=80f681899066f96a0aa95b4d7b1079b9" alt=""/><p><a href="https://uwpress.wisc.edu/books/5930.htm">Quertext: An Anthology of Queer Voices from German-Speaking Europe</a><em> </em>(2021), herausgegeben von Gary Schmidt und Merrill Cole, enthält Übersetzungen von deutschsprachigen queeren (und zwei heterosexuellen) Autor*innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Warum aber eine Anthologie besprechen, deren Texte man auch mühelos im deutschen Original lesen kann?</p><p>Die Frage ist berechtigt. Auch Gary Schmidt und Merrill Cole stellen ihren Leser*innen die Frage, wieso eine Übersetzung queerer Texte aus dem Deutschen ins Englische überhaupt notwendig ist. Ich glaube, dass sich in der Beantwortung dieser Frage auch Aussagen über das Leseverhalten deutscher Leser*innen und über die Rezeption in den Medien und in der Literaturwissenschaft treffen lassen.</p><p><em>„What do queer authors who write in a language whose speakers inhabit a relatively small area in central Europe have to contribute to the global dialogue on sexuality and gender that has accompanied a revolution in how lesbian, gay, bisexual, transgender, nonbinary, and queer individuals are represented?”</em></p><p>Mit dieser recht kontroversen Frage direkt zu Beginn der Einleitung will Gary Schmidt die Annahme in Zweifel ziehen, dass die Repräsentation queerer Lebensrealitäten im anglo-amerikanischen Raum keine Repräsentation globaler Diversität darstellt. Oder um es anders auszudrücken: Die USA sind nicht das Zentrum der Welt. Die Anthologie ist aber auch ein Versuch, queere Kultur zu dezentralisieren und eine queere Vergangenheit zu erforschen, die jenseits von Stonewall liegt.</p><p>Nun handelt es sich beim Versuch der Dezentralisierung innerhalb der Kanonforschung um ein anhaltendes Projekt, das alles andere als neu ist. Dabei wird das Konzept von Weltliteratur als Literatur, die ein westliches Zentrum und eine Peripherie hat, neu gedacht. Stattdessen spricht man von einem polyzentrischen Modell, das sich vom Konzept der Nationalliteratur mehr oder weniger abgewendet hat. (Queere) Literatur entsteht also in einem transnationalen Feld.</p><p>Die Kommunikation zwischen den Literaturen kann von jedem beliebigen Punkt auf der Welt aus beginnen, somit besitzt praktisch jede Literatur „eine globale Dimension“ (Christian Moser). Diese globale Kommunikation setzt aber eine Übersetzung der Texte voraus. Um rezipiert zu werden, müssen die Texte gelesen werden können.</p><p>Allerdings lässt sich das Verhältnis von Übersetzungen aus dem Englischen ins Deutsche und vom Deutschen ins Englische am ehesten als Einbahnstraße beschreiben. Entsprechend verstärkt sich der Verdacht, dass der Diskurs rund um Queerness vor allem in den USA ausgetragen wird. Das ist in mehrerlei Hinsicht zu einfach gedacht.</p><p>Natürlich dominiert der amerikanische Diskurs. Wir leben in einer globalen Welt, in der die englische Sprache eine gewisse Hegemonie besitzt. Autor*innen wie Antje Rávik Strubel (die ebenfalls mit einem Text in der Anthologie vertreten ist), so Gary Schmidt, liefern mit ihren Texten aber zum einen eine wichtige Außenansicht auf die USA, zum anderen aber auch eine Insiderperspektive auf Zentraleuropa. Gleichzeitig können diese Texte ebenso zeigen, wie der amerikanische Diskurs rezipiert und weiterentwickelt wird.</p><p><em>“Indeed, one can argue that the history of homosexuality as an identity is largely traceable to German-speaking central Europe.”</em></p><p>Aus einer historischen Perspektive muss das Thema Queerness komplexer und jenseits der Stonewall-Aufstände gedacht werden. Der Beginn der queeren Emanzipationsbewegung in Deutschland lässt sich immerhin ziemlich genau auf den 29. August 1867 datieren. An diesem Tag hatte Karl Heinrich Ulrichs auf dem deutschen Juristentag eine Rede gehalten, in der er sich für die gesetzliche Straffheit von gleichgeschlechtlichen Beziehungen einsetzte.</p><p>Auch Dr. Magnus Hirschfeld wird von Gary Schmidt als einer der wichtigsten Vorkämpfer queerer Rechte vor dem Zweiten Weltkrieg genannt. Zwar sind die in der Anthologie versammelten Texte alle im 21. Jahrhundert veröffentlicht worden Dennoch ist dieser historische Kontext wichtig. Er zeigt, dass queere Literatur im deutschsprachigen Raum eine lange Tradition hat und unter eigenen gesellschaftlichen Bedingungen entstanden ist.</p><p>Es war vor allem das Verbot von homosexuellen Beziehungen – der Paragraph 175 – das dazu führte, dass unter dem Einsatz von Gesetz, Aktivismus, Medizin und Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts versucht wurde, Homosexualität zu erklären, zu verdammen und auch zu therapieren. Aus diesem Grund wird oft argumentiert, dass in Berlin, dem Schauplatz dieser Auseinandersetzungen, die homosexuelle Identität erfunden wurde. </p><p>Die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges mögen viele der erkämpften Fortschritte zunichte gemacht haben, aber die oftmals in Vergessenheit geratenen Vorreiter*innen der queeren Emanzipationsbewegung haben die Proteste rund um Stonewall und die Proteste von Studierenden in Europa Ende der 1960er Jahre überhaupt möglich gemacht.</p><p>Tendenziell lässt sich seit 20 Jahren beobachten, dass queere Texte das sogenannte Ghetto verlassen haben und in größeren Publikumsverlagen veröffentlicht werden. In der Rezeption werden aber auch weiterhin nur zu gern queere Aspekte ignoriert oder jene Texte besprochen, die scheinbar keine explizit queeren Themen behandeln, sondern sich den universell menschlichen Fragen widmen. Dies wird häufig von queeren Aktivist*innen kritisiert. Dabei wird allerdings komplett außer Acht gelassen, dass Queerness mehr als Sexualität bedeutet. Dazu schreibt Gary Schmidt:</p><p><em>“Rolf Goebel suggests that literary scholars themselves are responsible for overlooking contemporary queer German fiction because the methodological tools suited for identifying the ways in which queer experience is contextualized in the broader themes of contemporary life: “Queer literary theory has to move from the decoding of hidden same-sex subtext to the analysis of the multiple ways in which contemporary fiction openly foregrounds queer lifestyles as conformist or subversive performances in the present world of multiculturalism, global affairs, and postindustrial consumer capitalism.”</em></p><p>Die Antwort scheint mir in der Mitte zu liegen. Eine intersektionale Perspektive, eine Perspektive, die erlaubt, dass Autor*innen auch jenseits von Sexualität eine queere Ästhetik oder einen queeren Rhythmus in ihren Texten verarbeiten, sind zwingend notwendig. Aber das Wissen um Camouflage und queere Codes muss in irgendeiner Form erhalten bleiben, um queere Texte aus der Vergangenheit nicht vollkommen in Vergessenheit geraten zu lassen.</p><p>Mir scheint, dass auch aus diesen Gründen immer wieder die Frage bei deutschsprachigen Leser*innen aufkommt, ob es so etwas wie deutsche queere Literatur überhaupt gibt. Ironischerweise scheint ausgerechnet eine englischsprachige Anthologie darauf eine Antwort zu geben. Zwar richtet sich der Band explizit an Stundet*innen. Doch auch Leser*innen außerhalb des universitären Kontexts werden Freude an diesem Band empfinden können und Autor*innen entdecken, die sie zuvor vermutlich nicht gekannt haben.</p><p>Der Band umfasst neben einer Einleitung Texte von 21 Autor*innen, die allesamt sehr stimmig und nahe am Originaltext von den beiden Herausgebern übersetzt wurden, und eine kurze Einleitung zu allen Autor*innen. Nicht enthalten sind Texte von trans Personen oder von queeren BIPOC Autor*innen. Dessen sind sich auch die Herausgeber bewusst und hoffen, in Zukunft einen Band mit einer größeren Diversität veröffentlichen zu können.</p><p>Quertext ist trotz dieser Abstriche eine spannende Zusammenstellung unterschiedlichster queerer Stimmen, die es zu entdecken gilt – sowohl für englischsprachige als auch für deutschsprachige Leser*innen.</p><p>Die Texte sind thematisch unterteilt in History, Berlin, Intertexts, Intercultural Encounters, Youth und Relationships. Folgende Autor*innen sind in Quertext versammelt: Jürgen Bauer, Ella Blix, Claudia Breitsprecher, Lovis Cassaris, Gunther Geltinger, Joachim Helfer, Odile Kennel, Friedrich Kröhnke, Anja Kümmel, Marko Martin, Hans Pleschinski, Christoph Poscherieder, Peter Rehberg, Michael Roes, Sasha Marianna Salzmann, Angela Steidele, Antje Rávik Strubel, Alain Claude Sulzer, Antje Wagner, J. Walther, Tania Witte und Yusuf Yeşilöz. (Marlon)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Out &amp; Proud: Aktuelles und Neuerscheinungen</h2><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F8a16241c-2551-41cb-b575-46d531897507%2Fuploads%2Fimages%2F2dqf3oupx2%2FTitel01052022.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=eac3dca87c84c7b4fc43abdfa72edfe3" alt=""/><p><a href="https://ink-press.ch/buecher/tadoma-acht-gib-ihnen-wovon-sie-traeumen/"><strong>Eli Léven – <em>Gib ihnen, wovon sie träumen</em> (aus dem Schwedischen von Ursula Giger, erschienen bei Ink Press)</strong></a></p><p><em>Gib ihnen, wovon sie träumen </em>ist im besten Sinne queere Literatur par excellence. Erzählt wird die Geschichte von Sebastian, der mit seinem androgynen Körper und seinen roten Röcken die Blicke aller auf sich zieht. Die Reaktionen seiner Mitmenschen reichen von Spott bis hin zu Hass. Er begegnet aber auch der Lust und der Liebe.</p><p>Es ist eine Geschichte der Grenzüberschreitungen, formal wie inhaltlich. Denn auch Lévens Schreiben ist queer: Kitsch, Realismus, Camp, lyrische Prosa. All das vermischt er gekonnt, um die Widersprüchlichkeiten seiner Figur und der Welt, in der sie lebt, zu beschreiben.</p><p>Zu diesen – scheinbaren – Widersprüchlichkeiten gehört auch die Liebe zum heterosexuellen Andreas. Denn Sebastian ist auch Elli, die des Nachts hervorkommt und ihn zu verschlingen droht.</p><p>Wild, rau, zärtlich, bewegend. Mit all diesen inflationär genutzten Adjektiven könnte ich <em>Gib ihnen, wovon sie träumen</em> loben. Stattdessen begnüge ich mich, zu sagen, dass Eli Léven ein verdammt gutes Buch geschrieben hat. (M)</p><p><a href="https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/du-hast-es-mir-angetan.html"><strong>Kathy Acker &amp; McKenzie Wark: <em>Du hast es mir sehr angetan: E-Mails 1995/96</em> (aus dem Englischen von Johanna Davids, erschienen beim August Verlag)</strong></a><strong> </strong></p><p><a href="https://www.maerzverlag.de/shop/buecher/literatur/bis-aufs-blut/"><strong>Kathy Acker: <em>Bis aufs Blut. Zerfleischt in der High School</em> (aus dem Englischen von Johanna Davids, erscheinen beim MÄRZ Verlag)</strong></a></p><p>Kathy Acker kann inzwischen getrost als eine der einflussreichsten Autorinnen des zwanzigsten Jahrhunderts gelten. Ihr Schreiben und Leben werden oft als kompromisslos und radikal bezeichnet. Ackers Werk durchzieht eine Abkehr von klassischen Formen, eine Fokussierung auf alternative Erzählungen und Perspektiven.</p><p>Freimütig bediente sich die 1997 verstorbene Autorin an bestehenden Texten, formte sie um, remixte sie mit einer bis dato vor allem aus dem Musikalischen bekannten Chuzpe. Ob Körperlichkeit, Sexualität, Philosophie oder Gewalt, Ackers Schreiben war direkt, experimentell und provokant.</p><p>Zugleich war es durchdrungen von einer tiefen Kenntnis der Literatur- und Philosophiegeschichte und der Popkultur, voller Referenzen und Wissen, das ihr zeitgenössische Kritiker*innen oftmals nicht zugestanden. Fakt und Fiktion brachte sie in ein sich gegenseitig befruchtendes Mischverhältnis.</p><p>Seit einigen Jahren findet Kathy Ackers Werk wieder stärker Beachtung. Dies geht nicht zuletzt auf Chris Kraus 2017 veröffentlichte Biografie <em>After Kathy Acker </em>sowie Olivia Laings experimentellen Roman <em>Crudo </em>(2018), in dem eine fiktive Acker als Erzählerin fungiert,<em> </em>zurück. Auch in Deutschland steigt das Interesse an Acker.</p><p>In diesem Frühjahr erscheinen gleich zwei Werke Ackers in unabhängigen Verlagen: Der März Verlag veröffentlicht ihr wohl bekanntestes Werk, den metafiktionalen Roman <em>Bis aufs Blut. Zerfleischt in der High School</em>, der erstmals 1984 in den USA erschien (<em>Blood and Guts in High School</em>). Die deutsche Ausgabe <em>Harte Mädchen weinen nicht</em> (1985) wurde kurz nach ihrer Publikation von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften indiziert. 1991 erschien eine gekürzte Fassung. </p><p>Die Neuausgabe markiert nun das erste Mal seit fast 40 Jahren, dass der Text wieder in Gänze in deutscher Sprache erhältlich ist. Großartig übersetzt von Johanna Davids, die auch die zweite Acker-Neuerscheinung des Frühjahrs ins Deutsche überführte: Den E-Mail-Verkehr zwischen Kathy Acker und McKenzie Wark, einer bekannten australischen trans Kultur- und Medienwissenschaftlerin.</p><p>Wark und Acker lernten einander im Sommer 1995 in Australien kennen. Nach Ackers Rückkehr in die USA begannen sie einen fieberhaften E-Mail-Austausch. Ihre Nachrichten sind voller Begehren, wilder Einfälle, popkultureller Einlassungen und Referenzen, Gedanken zu Philosophie, Phänomenologie und Fernsehserien. Von Elfriede Jelinek bis hin zu den Simpsons, von Geschlechtergrenzen zu Sexualität.</p><p>Viele Themen und Fragen, die heute queerfeministische Diskurse dominieren, finden sich in Wark und Ackers E-Mails wieder. Dabei sind ihre Ausführungen weder dogmatisch noch zementiert. Vielmehr wird man als Leser*in Zeug*in des Aufeinandertreffens zweier Suchender, die Normen und Narrative in Frage stellen und sich ineinander erkennen. (T)</p><p><a href="https://www.suhrkamp.de/buch/sang-young-park-love-in-the-big-city-t-9783518472286"><strong>Sang Young Park – Love in the Big City (aus dem Koreanischen von Jan Henrik Dirks, erschienen bei Suhrkamp)</strong></a></p><p>Vermutlich haben nur wenige Bücher eine so unterschiedliche Reaktion in der deutsch- und der englischsprachigen Rezeption hervorgerufen, wie <em>Love in the Big City </em>(2022) von Sang Young Park – immerhin ist die englische Übersetzung von Anton Hur für den International Booker Prize nominiert.</p><p>Park erzählt in seinem autobiographischen Roman von der Unbeschwertheit und der Freiheit des Jungseins und davon, was es bedeutet im modernen Korea queer zu sein. Der Roman springt zwischen Club, Campus und den Betten von Parks Liebhabern hin und her. Dazwischen findet sich aber auch durchaus so etwas wie Kapitalismuskritik und die Geschichte eines jungen Mannes, der im Zeitalter von PrEP HIV-positiv ist.</p><p>Leider bleibt in der deutschen Übersetzung von Jan Henrik Dirks nicht viel von diesem spannenden Text übrig. Was in der englischen Übertragung lockerleicht und lustig daherkommt, liest sich in der deutschen Übersetzung allzu oft boshaft und hölzern. Einige Sätze klingen derart künstlich, dass man sich fragen muss, ob hier tatsächlich übersetzt oder ein Übersetzungsprogramm über den Text gejagt wurde.</p><p>Deswegen: Wer Parks Roman mit all seinen Zwischentönen lesen möchte, greift besser zur englischen Übersetzung. (M)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Queere Freuden</h2><p><em>Hier möchten wir auf Texte, Posts und andere Formate aus dem queeren Themenkosmos verweisen, die uns in den letzten Wochen beschäftigt haben.</em></p><p>Als das schwule Paar Peter Kriss und Nate Pinsley im letzten Jahr ein Haus auf Fire Island, dem legendären Naherholungsziel schwuler New Yorker, kaufte, entdeckten sie beim Ausmisten einige Kisten voller alter Mixtapes. Diese erwiesen sich als eine Art auditives kulturelles Gedächtnis der homosexuellen Partygemeinschaft der Insel.</p><p>Zusammengestellt von legendären DJs, decken die Tapes einen Zeitraum von rund 20 Jahren (1979-1999) ab. Das macht sie zu wichtigen Zeitzeugnissen, die nicht nur das Aufkommen neuer musikalischer Stile dokumentieren, sondern auch eine Art Soundtrack queerer Geschichte(n) bilden. Allen voran der AIDS-Ära. Einige der Titel in den Mixtapes finden auch in Andrew Hollerans wunderbarem New-York- und Fire-Island-Roman <em>Dancer From the Dance</em> (1978) Erwähnung. </p><p>Kriss und Pinsley digitalisieren nach und nach alle Mixtapes und stellen sie unter dem Titel <a href="https://www.mixcloud.com/pinewalkcollection/"><em>Pine Walk Collection</em></a><em> </em>kostenlos bei <em>Apple</em> und <em>Mixcloud </em>zu Verfügung. Die <em>New York Times</em> hat die beiden getroffen und einen schönen Fotoessay mit Musikuntermalung veröffentlicht. (T)</p><a href="https://www.nytimes.com/interactive/2022/04/29/realestate/fire-island-pines-lost-soundtrack.html">https://www.nytimes.com/interactive/2022/04/29/realestate/fire-island-pines-lost-soundtrack.html</a><p>&#39;</p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Newsletter]]></category>
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      <pubDate>Mon, 02 May 2022 05:16:43 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Queerer Kanon #2: Essex Hemphill, Lobotomien & ein Trip ins Sanatorium]]></title>
      <description><![CDATA[In der 2. Ausgabe des Newsletters widmen wir uns dem Schwarzen schwulen Dichter und Aktivisten Essex Hemphill, dem Thema Lobotomie in 2 Romanen und einer Neuerscheinung.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F6a706f83-26b8-4be6-8911-ee79a3e5ff79%2Fuploads%2Fimages%2Fewv3wrf2gc%2FNewsletter2.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=611e9fafc84cea3ee5c2e5cd0498781d" alt=""/><h2>Liebe Leser*innen</h2><p>herzlich willkommen zum zweiten <em>Queerer Kanon? -</em>Newsletter. Wir freuen uns, dass noch einige Abonnent*innen hinzugekommen sind. Mitte März haben wir in einem Sonder-Newsletter zum 129. Geburtstag des britischen War Poets Wilfred Owen dessen queeres Leben beleuchtet. Den Text findet ihr <a href="https://steadyhq.com/de/queerer-kanon/posts/3526388b-6a80-419a-a627-8fc88fd69036">hier</a>.</p><p>In dieser Ausgabe stellt Tobi Essex Hemphill vor, einen der wichtigsten queeren amerikanischen Dichter der 1980er- und 90er-Jahre, dessen Werk erstaunlich aktuell ist und in Deutschland leider bislang noch nicht rezipiert wurde. Darüber hinaus setzt sich Marlon mit dem Thema Lobotomie in zwei queeren Romanen von Yael Inokai und Yves Navarre auseinander.</p><p>Eine queere Neuerscheinung führt uns ins Sanatorium und am Ende blicken wir auf Texte und Posts, die uns diesen Monat beschäftigt haben. </p><p>Wir freuen uns auf euer Feedback, eure Fragen, Vorschläge und Kommentare. </p><hr aria-hidden="true"/><h2><em>Something pure to emulate:</em> Essex Hemphill (1957-95)</h2><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F6a706f83-26b8-4be6-8911-ee79a3e5ff79%2Fuploads%2Fimages%2Fmklhf35s72%2FHemphill%2520Steady.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=8afc012a41d0fe069c39784ad6fb7ec9" alt=""/><p><em>&quot;It is not enough to tell us that one was a brilliant poet, scientist, educator, or rebel. Whom did he love? It makes a difference. I can&#39;t become a whole man simply on what is fed to me: watered-down versions of Black life in America. I need the ass-splitting truth to be told, so I will have something pure to emulate, a reason to remain loyal.” </em></p><p>Dieser Absatz aus Essex Hemphills Essay <em>Loyalty </em>steht symptomatisch für das Schaffen des 1995 verstorbenen Dichters und Aktivisten. Darin lässt sich Hemphills poetologisches Prinzip erkennen; das Bedürfnis, freimütig Zeugnis abzulegen, aufzuklären, Sichtbarkeit zu schaffen, die Lyrik als Verhandlungsort des Spannungsfelds der Identität(en) zu nutzen. </p><p><strong>Sexuelles Begehren trifft auf Gesellschaftskritik</strong></p><p>Hemphills Werk löst konsequent die Grenze zwischen dem Politischen und dem Privaten auf. Es adressiert Homophobie, Rassismus und Klassismus, verbindet sexuelles Begehren mit Gesellschaftskritik, ist explizit und körperlich, konfrontativ und erotisch. Exemplarisch hierfür ist etwa seine Wahl des Begriffs &quot;ass-splitting&quot; als Metapher im obigen Zitat, der eigentlich eine raue Form des Analsex bezeichnet.</p><p>Hemphill wurde 1957 in Chicago geboren und wuchs in Washington D. C. auf, wo er den Großteil seines Lebens verbringen sollte, bevor er sich in Philadelphia niederließ. Die Lyrik bot ihm bereits in seiner Jugend eine Zuflucht vor den ärmlichen Verhältnissen, in denen er aufwuchs und dem Gefühl des Andersseins, das sich aus seinen Erfahrungen als Schwarzer Jugendlicher und seiner aufkeimenden Homosexualität, speiste. </p><p>Nach einem abgebrochenen Journalismusstudium wurde er Teil der Washingtoner Kunstszene und präsentierte seine <a href="https://www.youtube.com/watch?v=yS4DB7NCMEY&amp;ab_channel=DCArts90s%2FSlumberParty">Spoken-Word-Gedichte</a> unter anderem bei Open-Mic-Nights und auf verschiedenen Kleinkunstbühnen. 1979 gründete er gemeinsam mit Kathy Elaine Anderson das <em>Nethula Journal of Contemporary Literature</em>, das zeitgenössischen Schwarzen Autor*innen eine Plattform bot. Ein Jahr später outete er sich im Rahmen einer Lesung öffentlich als homosexuell.</p><p><strong>Chronist seiner Zeit</strong></p><p>Anfang der 1980er-Jahre begann Hemphill eigene Gedichtbände zu veröffentlichen. Größere Aufmerksamkeit bescherte ihm die Publikation einiger seiner Werke in Joseph Fairchild Beams Anthologie <a href="https://www.redbonepress.com/products/in-the-life-ed-by-joseph-beam"><em>In the Life</em></a> (1986), einer als bahnbrechend geltenden Sammlung von Texten Schwarzer, schwuler Autoren. </p><p>Beam, ein enger Freund Audre Lordes, war ein angesehener und einflussreicher Journalist, Aktivist, Autor und Dichter, der wie Hemphill Rassismus, Klassismus und die Homophobie innerhalb Schwarzer Communites anprangerte. Er spielte eine wichtige Rolle in Hemphills Leben und Werk, sowohl als Idol und Mentor als auch als Freund und kurzzeitiger Liebhaber. </p><p>Nachdem Beam 1988 an einer AIDS-bedingten Krankheit starb, widmete Hemphill ihm das Gedicht <em>When My Brother Fell, </em>eine Mischung aus Klagelied und Fanal gegen die Ignoranz der US-amerikanischen Regierung den Erkrankten und Verstorbenen gegenüber.</p><p><em>When my brother fell / I picked up his weapons / and never once questioned / whether I could carry / the weight and grief, / the responsibility he shouldered. / I never questioned / whether I could aim / or be as precise as he. / He had fallen, / and the passing ceremonies / marking his death / did not stop the war</em></p><p>(erste Strophe)</p><p>Mit &quot;sewing quilts&quot; referenziert Hemphill den<em> </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/NAMES_Project_AIDS_Memorial_Quilt"><em>AIDS Memorial Quilt</em></a>. Die Kriegsmetaphorik, die das Gedicht prägt, durchzieht sowohl viele seiner Texte über die AIDS-Epidemie als auch den damaligen Diskurs. Sie illustriert den verzweifelten Kampf von Betroffenen und deren Angehörigen um Unterstützung und Anerkennung. </p><p><strong>Die Auswirkungen der AIDS-Krise in Hemphills Werk</strong></p><p>Die Auswirkungen von HIV und AIDS auf die queeren und Schwarzen Communities und die damit einhergehende Stigmatisierung und Untätigkeit politischer wie gesellschaftlicher Institutionen, thematisierte der Dichter bereits in seinen Bänden <em>Earth Life </em>(1985) und <em>Conditions </em>(1986). Im Gedicht &quot;Now We Think&quot; adressierte er die Angst, die mit dem Aufkommen von HIV/AIDS in das Sexualleben vieler schwuler Männer einzog:</p><p><em>Now we think / as we fuck / this nut / might kill us. / There might be / a pin-sized hole / in the condom. / A lethal leak.</em></p><p><em>We stop kissing / tall dark strangers, / sucking mustaches, / putting lips / tongues / everywhere. / We return to pictures. / Telephones. / Toys. / Recent lovers. / Private lives.</em></p><p><em>Now we think / as we fuck / this nut might kill. / This kiss could turn / to stone.</em></p><p>Im Jahr 1991 gab Hemphill die Anthologie <em>Brother to Brother: New Writing by Black Gay Men </em>heraus, eine Fortsetzung von Beams <em>In the Life, </em>die er nach dessen Tod vollendete. Ein Jahr später veröffentlichte er mit <em>Ceremonies:  Prose and Poetry</em> sein umfangreichstes Werk, das sowohl bereits veröffentlichte Gedichte als auch neue Lyrik und Prosatexte enthielt.<em> </em></p><p>In den darin enthaltenen Essays <em>To Be Real </em>und <em>Does Your Mama Know About me </em>setzt er sich unter anderem am Beispiel von Madonnas Song <em>Vogue </em>mit kultureller Aneignung auseinander und kritisiert die Fetischisierung Schwarzer Männerkörper in der schwulen Community und im Werk des Fotografen Robert Mapplethorpe.  </p><p><strong>Lebenszeichen als Abschied</strong></p><p>Kurz nach der Publikation von <em>Ceremonies</em> erhielt er mehrere Stipendien prestigeträchtiger Institutionen und eine Position als Gastdozent in Santa Monica. </p><p>Hemphill dokumentierte seine eigene AIDS-Erkrankung in seinem epischen Gedicht <em>Vital Signs</em>, das im Jahr 1993 entstand. Darin reflektiert er sein bisheriges Leben und setzt sich mit dem Verschwinden der lebenswichtigen Helferzellen (auch T-Zellen genannt) auseinander, das symptomatisch für die Krankheit ist:</p><p><em>I am sorting out / my patterns of habit, / those things genetics / cannot precisely pinpoint, / those things religion / cannot precisely refute</em></p><p><em>Those things / the paramedics cannot save.</em></p><p><em>This kiss, this cum, / this single T cell / I cling to, / these are my referents, / this is my religion, / my resistance, / my desire.</em></p><p>(Auszug aus <em>Vital Signs </em>XXIX)</p><p>Von Sommer 1994 an verschlechterte sich Hemphills Gesundheitszustands zusehends. Am 4. November 1995 starb er an Komplikationen, die im Rahmen seiner Krankheit auftraten.  </p><p><strong>Einfluss und Filmauftritte</strong></p><p>Essex Hemphills Werk hat vor allem in den USA viele Autor*innen, Dichter*innen und andere Künstler*innen beeinflusst. Unter ihnen etwa der queere Schwarze Dichter Jericho Brown, der Hemphill in seinem 2020 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneten Band <em>The Tradition</em> das Gedicht <a href="https://theadroitjournal.org/issue-twenty-six/issue-twenty-six-jericho-brown/"><em>After Essex Hemphill</em></a><em> </em>gewidmet hat. Auch der queere Dichter <a href="https://www.nytimes.com/2019/06/16/us/danez-smith-lgbtq-essex-hemphill.html">Danez Smith</a> zählt Essex zu seinen Vorbildern. </p><p>Darüber hinaus wirkte Hemphill in den Dokumentationen <a href="https://www.youtube.com/watch?v=RcoQURNlNxU&amp;ab_channel=FileUnderArt"><em>Tongues Untied</em></a><em> </em>(1989) und <a href="https://www.youtube.com/watch?v=XZoRIkdoDlQ"><em>Black is... Black Ain&#39;t</em></a><em> </em>(1991) seines Freundes Marlon Riggs mit und trat 1989 in Isaac Juliens Film <em>Looking for Langston</em> auf, der sich mit Schwarzer und schwuler Identität im Zeitalter der Harlem Renaissance auseinandersetzt.</p><p>Essex Hemphills Gedichte und Texte wurde bislang nichts ins Deutsche übersetzt. Auch die englischen Ausgaben seiner Werke sind selbst antiquarisch nur schwer erhältlich. (Tobi)</p><hr aria-hidden="true"/><h2><em>Ein simpler Eingriff </em>und <em>Vorbeugender Eingriff</em>: Ein Vergleich</h2><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F6a706f83-26b8-4be6-8911-ee79a3e5ff79%2Fuploads%2Fimages%2Flbqzdtgbxv%2FEingriffe.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=5e95d4671d2cdcc884a77c3e0a7a8ded" alt=""/><p>Die Lobotomie ist ein 1936 erstmals angewandtes neurochirurgisches Verfahren. Durch die Augenhöhlen wurden mit einem Eispickel-ähnlichen Instrument bestimmte Nervenbahnen in der Hirnregion durchtrennt. Durch das technisch simple Verfahren sollten psychische und psychiatrische Erkrankungen geheilt werden. </p><p>Hauptsächlich diente die Operation aber dazu, neurodiverse Menschen und alle in irgendeiner Form von der Norm abweichende Personen ruhig zu stellen. Der Eingriff war nicht nur wirkungslos, er ließ seine Opfer oftmals schwerstbehindert zurück.</p><p>Sowohl Yael Inokais <em>Ein simpler Eingriff</em> als auch Yves Navarres <em>Vorbeugender Eingriff</em>  (aus dem Französischen von Christel Kauder) setzen sich – wenn auch sehr unterschiedlich – mit diesem Kapitel der Medizingeschichte auseinander. Beide Bücher hier miteinander zu vergleichen ist Teil meines Leseziels für 2022, verstärkt thematisch zusammenhängender zu lesen, Neuerscheinungen mit Klassikern oder auch mit in Vergessenheit geratenen Büchern zu vergleichen. </p><p>Um mich intensiver mit einer Thematik auseinandersetzen zu können und um zu sehen, wie unterschiedliche Autor*innen über Zeit, Raum und oft auch Geschlecht hinweg Zugang zu ihren Themen finden, was sie eint und was sie unterscheidet.</p><p>Eine Inhaltsangabe möchte ich mir an dieser Stelle ersparen, Yael Inokais Roman haben Tobi und ich <a href="https://www.instagram.com/p/CajQYUkA1x5/">hier</a> und <a href="https://www.instagram.com/p/CbDb7vwLTYv/?utm_source=ig_web_copy_link">hier</a> vorgestellt, die Rezension zu Yves Navarre kann <a href="https://www.instagram.com/p/Ca5EEiXrgHN/?utm_source=ig_web_copy_link">hier</a> nachgelesen werden. Dieser Text will auch keine literaturwissenschaftlichen Ansprüche erfüllen. Vielmehr möchte ich einige Beobachtungen und Überlegungen festhalten, zur Diskussion einladen und (hoffentlich) Interesse für beide Texte wecken.</p><p><strong>Ort und Zeit</strong></p><p>Ein Aspekt von <em>Ein simpler Eingriff</em>, der mit am häufigsten in Kritiken und Posts erwähnt wurde und wird, sind die fehlenden zeitlichen Marker.  Es ist möglich, den Text so zu lesen, dass er in der Vergangenheit angesiedelt ist (irgendwann in den 50er Jahren), dass er in einer dystopischen Zukunft spielt, oder dass die Ereignisse einer Parabel gleich außerhalb der Zeit stattfinden. </p><p><em>Vorbeugender Eingriff </em>ist dagegen auf ein festes Datum datiert: der 09. Juli 1980. Navarre beschreibt das politische Klima von einem Frankreich, in dem Kabinettsmitglieder sich teilweise nur kurz halten können und auch jemand wie Familienoberhaupt Henri Prouillan einen Ministerposten für ein halbes Jahr erkämpfen kann. Diese zeitliche Einordnung hat m.E. auch viel damit zu tun, wie das Thema Sexualität in beiden Romanen verhandelt wird.</p><p><strong>Sexualität und Queerness</strong></p><p>Die Liebesgeschichte zwischen den Krankenschwestern Meret und Sarah ist in mehrerlei Hinsicht zentral: <em>Ein simpler Eingriff</em> besteht aus drei Teilen – benannt nach den drei Frauen, die in dem Roman mit begrenztem Personal im Mittelpunkt stehen. </p><p>Im zweiten Teil, also genau in der Mitte des Buches, wird von der Liebe er beiden Frauen berichtet. Es ist genau diese Liebe, die in Meret Zweifel über die Anwendung des Eingriffs säen, die sie begreifen lässt, dass, auch wenn sie allen Anweisungen Folge leistet, sie ebenso dem Eingriff unterzogen werden könnte.</p><p>Sexualität findet in <em>Vorbeugender Eingriff</em> am Rand statt. Der Eingriff selbst liegt bereits 20 Jahre zurück. Bertrand, der auf Anweisung seines Vaters Henri Prouillan operiert wurde, um ihn von seiner schändlichen Homosexualität zu heilen, ist seit dem Eingriff schwerstbehindert. </p><p>Der Roman ist aus den Perspektiven der verschiedenen Familienmitglieder geschrieben, Bertrand selbst kann nicht mehr das Wort ergreifen, die anderen sprechen über ihn. Lediglich in ein paar Briefen kommt Bertrand selbst zu Wort. </p><p>Trotzdem würde der Roman ohne die Bertrands so nicht funktionieren. Immerhin sind es die gesellschaftlichen Verhältnisse, die es überhaupt möglich machen, dass der Eingriff stattfindet – und lediglich Bertrand mit den Konsequenzen leben muss. Es wäre sicherlich auch gewinnbringend, diesen Aspekt im Hinblick auf Klasse zu untersuchen.</p><p>Wie Navarre mit der Thematik umgeht, hat vermutlich verschiedene Gründe, einer von ihnen ist wohl auch der Vorstellung von nationaler Identität geschuldet. Denn für viele französische Zeitgenoss*innen Navarres war man vor allem eins: französisch. </p><p>Andere Vorstellungen von Identität waren dem hintenangestellt. Das passt auch zu Navarres Einschätzung zur Rezeption seines Schaffens: <em>„Man würde aus mir gerne einen homosexuellen Autoren machen. Man hat mich vermarktet. Und man hat mich vergessen zu lesen.“</em></p><p>Nicht übersehen werden sollte, dass Navarre sich durchaus für die gesellschaftliche Gleichstellung queerer Menschen eingesetzt hat. Zwischen 1981 und 1989 war er der Wortführer der Homosexuellen. Als Autor fühlte er sich in dieser Rolle allerdings missverstanden und wirkungslos.</p><p>Natürlich wird queere Literatur noch immer als Marginalliteratur wahrgenommen, trotzdem bringt es wenig verallgemeinernd über Literaturproduktion und -rezeption zu sprechen. Tendenziell (!) lässt sich durchaus beobachten, dass sowohl Verlage als auch Leser*innen anders mit queerer Literatur umgehen. </p><p>Es ist inzwischen durchaus möglich, dass ein Buch, dessen Queerness zentral für die Geschichte ist, in einem großen Publikumsverlag erscheint und von nicht-queeren Menschen gelesen und rezipiert wird. Queerness bedeutet nicht mehr unbedingt Nischenliteratur. </p><p>Das sah im Frankreich (und anderorts natürlich auch) der 80er Jahre noch anders aus. Selbstverständlich gibt es noch immer ausreichend Gegenbeispiele, das soll an dieser Stelle auch überhaupt nicht infrage gestellt werden.</p><p><strong>Das Patriarchat und die Frage der Schuld</strong></p><p>Queere Literatur hat in irgendeiner Form immer auch etwas über das Patriarchat zu sagen. Letzteres wird in beiden Romanen jeweils von einen einzelnen Mann dargestellt. In <em>Ein simpler Eingriff</em> ist es der Chefarzt, dem Meret assistiert, und der sie regelmäßig in sein Büro einlädt, um etwas über ihre Sicht der Dinge zu lernen. </p><p>Diesen Szenen liegt zu Beginn noch eine gewisse Sanftheit zugrunde. Die Treffen scheinen auf dem wahrhaftigen Interesse zu basieren, den Patient*innen zu helfen und auch Meret als Mensch kennenzulernen. Doch auch dieser Eindruck kippt irgendwann ins Gegenteil: Es geht darum, den Eingriff zu optimieren, also das System, das diese Frauen gefügig macht, nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern noch zu stärken.</p><p>Auch in <em>Vorbeugender Eingriff</em> lauert das Patriarchat in Form von Henri Prouillan im Hintergrund. Seit dem Eingriff haben sich die verbleibenden Kinder des Patriarchaten par excellence von diesem abgewandt. Trotzdem hat er seine Klauen noch immer in ihnen vergraben. Es ist ihnen unmöglich, sich aus seinem Denken zu befreien, auch weil sie nicht vollends verstehen, wovon sie sich überhaupt befreien wollen.</p><p>Und damit stellt sich letzten Endes die Frage der Schuld: Meret assistiert bei mehreren der Operationen, bis erste Zweifel in ihr aufkommen. Später ist sie es, die Opfer desselben Eingriffs werden könnte. Erst zu diesem Zeitpunkt wird sie sich der Gefahr bewusst, die von dem Chefarzt und seinem Eingriff ausgehen.</p><p>Die Kinder von Henri Prouillan, die zum Zeitpunkt der Operation an Bertrand bereits erwachsen waren, sprechen sich allesamt von jeglicher Schuld frei. Was nichts daran ändert, dass diese letztlich ihr Leben bestimmt. Denn auch sie wussten von der ständigen Bedrohung, die von ihrem Vater ausgeht. Und selbst Bertrand scheint vor dem Eingriff gewusst zu haben, dass es sich nicht um eine Operation handelt, die einen angeblichen Hirntumor entfernen sollte.</p><p>Das heißt natürlich nicht, dass die Autor*innen in irgendeiner Art und Weise argumentieren, dass queere Menschen für ihre Unterdrückung selbst verantwortlich sind. Vielmehr – so scheint es zumindest mir – geht es darum zu zeigen, wie schwierig es ist, sich von den oftmals unsichtbaren Fesseln eines Systems zu befreien und dieses System überhaupt als solches zu erkennen. </p><p>Und Literatur ist schon immer der beste Weg gewesen, um unsere gesellschaftlichen Realitäten abzubilden, zu verhandeln und zum Gespräch einzuladen. (Marlon)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Out &amp; Proud: Aktuelles und Neuerscheinungen</h2><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F6a706f83-26b8-4be6-8911-ee79a3e5ff79%2Fuploads%2Fimages%2Ftahvwvbahp%2FTitel03042022.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=8298554cd9116dd7add7205f7351116c" alt=""/><p><strong>Abi Palmer: <em>Sanatorium </em>(übersetzt von Astrid Köhler &amp; Henrike Schmidt, ink press)</strong></p><p>Abi Palmers Buch <em>Sanatorium</em> entzieht sich auf  faszinierende Weise den Zuschreibungen. In ihrem Text fließen Autofiktion, Essay, Lyrik und Korrespondenz so organisch zusammen, wie Schwefel und Thermalwasser in den Heilbädern Budapests. In solch einem hält sich die chronisch kranke Erzählerin dank eines Rehabilitationsstipendiums für vier Wochen auf. </p><p>Tägliche Anwendungen sollen ihren Körper stärkern, dem es oft an der Kraft fehlt, den Alltag zu bewältigen. Das Sanatorium nebst Grandhotel auf der Margareteninsel umwebt der Charme vergangener Tage. Beherzte Therapeutinnen, ein Dinnerorchester nebst aufdringlichem Geiger und eine Schar älterer Damen, die auch das Solebad in vollem Makeup besteigen, bevölkern die Umgebung.</p><p>Zurück in London versucht die Erzählerin ihren Zustand mit Hilfe einer aufblasbaren Badewanne zu lindern. Dabei reflektiert sie ihre Vergangenheit und Sexualität vor dem Hintergrund eines Körpers, der sich den Normierungen des (vermeintlich) Gesunden widersetzt. </p><p>Letzteres in einer Art Korrespondenz mit der christlichen Mystikerin Teresa von Ávila, einer katholischen Heiligen, die, so der akademische Konsens, Beziehungen mit Frauen unterhielt und der unter anderem Vita Sackwille-West eine Biografie widmete (<em>Adler und Taube</em>, 1943).</p><p><em>Sanatorium </em>ist trotz seiner Thematik ein bemerkenswert leichtes, humorvolles, sehr poetisches Buch über körperliche Autonomie, ein klassistisches Gesundheitssystem und den Unterschied zwischen Wellness und Wohlbefinden. </p><p>Neben der sehr gelungenen Übersetzung haben Astrid Köhler &amp; Henrike Schmidt ein informatives Nachwort über die Wellnessgesellschaft, Ungarns Bäderkultur und die Relevanz von Achtsamkeit in der Übersetzung beigesteuert. (T)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Queere Freuden</h2><p><em>Hier möchten wir auf Texte, Posts und andere Formate aus dem queeren Themenkosmos verweisen, die uns in den letzten Wochen beschäftigt haben.</em></p><p>Das Verschlagworten als politischer Akt: in Vancouver haben Bibliothekar*innen ein eigenes Verschlagwortungssystem entwickelt, um queere Literatur sichtbar zu machen und so vor allem jungen Menschen den Zugang zu erleichtern und Literatur zu finden, mit der sie sich identifizieren können. Der Artikel ist auf französisch, kann über Google Translate aber leicht direkt im Browser übersetzt werden.</p><a href="https://ici.radio-canada.ca/nouvelle/1868751/catalogage-classement-classification-livres-lgbtq-bibliotheques">https://ici.radio-canada.ca/nouvelle/1868751/catalogage-classement-classification-livres-lgbtq-bibliotheques</a><p>Der Maler Kristian Zahrtmann gehörte im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zu den prestigeträchtigsten Künstlern Dänemarks. Sein Werk ist durchzogen von einem beeindruckenden queeren Selbstverständnis, zu einer Zeit, in der Homosexualität verfolgt wurde. In ihrem im letzten Jahr veröffentlichten Roman <em>Adam i Paradis</em>, der unter anderem für den Preis des Nordischen Rats nominiert wurde, erzählt die dänische Schriftstellerin Rakel Haslund-Gjerrild das Leben Zahrtmanns aus seiner eigenen Perspektive. Das Buch wird derzeit von <a href="http://www.andreasdonat.com/">Andreas Donat</a> für den Albino Verlag übersetzt. Das dänische Kunstjournal Perspective hat Zahrtmann vor drei Jahren ein erleuchtendes queeres Portrait gewidmet (englisch). </p><a href="https://perspective.smk.dk/en/life-work-and-home-stead-queer-portrait-kristian-zahrtmann">https://perspective.smk.dk/en/life-work-and-home-stead-queer-portrait-kristian-zahrtmann</a><p></p><hr aria-hidden="true"/><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Newsletter]]></category>
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      <pubDate>Mon, 04 Apr 2022 06:23:13 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[You have fixed my life - however short: Wilfred Owen und die War Poets]]></title>
      <description><![CDATA[Nationaldichter, Kriegsheld und schwule Ikone: Ein Blick auf Wilfred Owens queeres Leben, dessen Spuren in seinem Werk und seinen Einfluss zu seinem 129. Geburtstag.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>You have fixed my life - however short: Wilfred Owen  und die War Poets</h1><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F3526388b-6a80-419a-a627-8fc88fd69036%2Fuploads%2Fimages%2Fyxdpbvjntd%2FAssetAccess2.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=c9bcb409843b645c9820bab7d2a25f16" alt=""/><p><em>Siegfried Sassoon &amp; Wilfred Owen</em></p><p><strong>Liebe Leser*innen,</strong></p><p>heute vor 129 Jahren erblickte der britische Dichter Wilfred Owen das Licht der Welt. Owen gilt nicht nur als Nationaldichter, er ist auch eine wichtige Größe im queeren Kanon. </p><p>1893 geboren, zählt er zu den bekanntesten War Poets, einer Gruppe an britischen Dichtern, die ihre Erfahrungen als Soldaten im ersten Weltkrieg in Lyrik festhielten. In Großbritannien gehören die War Poets, darunter Siegfried Sassoon, Robert Graves, Isaac Rosenberg, Charles Sorley und Owen zum nationalen Kulturerbe. Ihre Gedichte erzählen plastisch von den Schrecken des Krieges, vom Leben in den Schützengräben, von Kameradschaft und Verlust. Sie sind fester Teil des Lehrplans in britischen Schulen und werden regelmäßig zum Armistice Day öffentlich verlesen.</p><p>Lange Zeit weniger bekannt war jedoch, dass es sich bei einem Großteil der War Poets um homosexuelle Männer handelte. Dies liegt unter anderem daran, dass Homosexualität in England zur Zeit des ersten Weltkriegs unter Strafe stand. Schaut man jedoch ein wenig genauer hin, ist unschwer zu erkennen, dass es sich bei vielen ihrer Werke um Liebesgedichte handelt. Mal mehr, mal weniger offensichtlich an einen anderen Mann gerichtet. Homophil, wo offenkundig homosexuell nicht möglich war. </p><p><strong>Idol, Mentor, Gelieber: Sassoon und Owen</strong></p><p>Auch Wilfred Owen, so ist man sich heute sicher, war homosexuell. Seine Briefe an Siegfried Sassoon, den er 1917 im Craiglockhart War Hospital in Edinburgh kennenlernte, geben Zeugnis über die Liebe ab, die er für ihn empfand. Als Owen und Sassoon in Craiglockhart aufeinandertrafen, war Letzterer bereits ein bekannter Poet. Er wurde zu Owens Mentor und half ihm unter anderem bei der Überarbeitung eines seiner bekanntesten Gedichte, <em>Anthem for Doomed Youth</em> (1917). Seine Kommentare sind im Originaldokument sichtbar. So riet er Owen etwa von dessen ursprünglichem Titel, &quot;Anthem for Bad Youth&quot;, ab.</p><p>Dieser Überarbeitungsprozess wurde später von Pat Barker im ersten Roman ihrer <em>Regneration-Trilogie</em>, <em>Regeneration </em>(1991; die deutsche Übersetzung von Matthias Fienbork, <em>Niemandsland</em>, ist 1997 erschienen), fiktionalisiert. Barker schildert darin Sassoons Zeit in Craiglockhart, wo dieser offiziell aufgrund einer posttraumatischen Belastungsstörung (Shell Shock, früher auch Kriegszittern oder Schüttelneurose genannt) behandelt wurde. </p><p>Der eigentliche Grund seines Aufenthalts war allerdings eine von ihm verfasste öffentliche Erklärung, in der er bekundete, den Krieg nicht weiter unterstützen zu wollen. Seine Einweisung ins Militärkrankenhaus galt als Manöver, um ihn aus der öffentlichen Wahrnehmung zu entfernen und ihn wieder auf Linie zu bringen. </p><p><strong>I was always a mad comet; but you have fixed me</strong></p><p>Die Verehrung und Liebe, die der 24-jährige Owen für Sassoon empfand, offenbart sich unter anderem in einem Brief, den er im November 1917 an diesen schrieb:</p><p><em>Know that since mid-September, when you still regarded me as a tiresome little knocker on your door, I held you as Keats + Christ + Elijah + my Colonel + my father-confessor + Amenophis IV in profile.<br/>What’s that mathematically?<br/>In effect it is this: that I love you, dispassionately, so much, so very much, dear Fellow, that the blasting little smile you wear on reading this can’t hurt me in the least.<br/>If you consider what the above Names have severally done for me, you will know what you are doing. And you have fixed my Life – however short. You did not light me: I was always a mad comet; but you have fixed me. I spun round you a satellite for a month, but I shall swing out soon, a dark star in the orbit where you will blaze.                                                                                                                                               </em></p><p><em>Owen an Sassoon, November 1917 (Owen: Selected Letters)</em></p><p>Ein Brief, der nahezu prophetisch Owens Tod ein Jahr später vorhersagen sollte. Der Dichter starb am 4. November 1918 an der Front, genau eine Woche vor dem Waffenstillstand von Compiègne, der die Kriegshandlungen beenden sollte.</p><p><strong>Sassoon und die Schuld des Überlebens</strong></p><p>Es war dann auch Sassoon, der Owen&#39;s Werk posthum publizieren sollte und fortan daran litt, überlebt zu haben (survivor&#39;s guilt, ein prominentes Thema  in der queeren Literatur, das u. a. in der AIDS/HIV-Literatur wiederkeheren sollte). Einen Einblick in Sassoons Leben, das von Widersprüchen, Leid und Schuld geprägt war, gibt der im letzten Jahr veröffentlichte Film <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Xq-TIzlSwuo&amp;ab_channel=BanksideFilms"><em>Benediction</em></a>, des britischen Filmemachers Terrence Davies. </p><p>Davies, der unter anderem auch Edith Whartons <em>House of Mirth</em> (2000; im Deutschen <em>Haus Bellomont</em>) und Lewis Grassic Gibbons  <em>Sunset Song</em> (2015; im Deutschen <em>Lied vom Abendrot</em>) verfilmte, zeigt unter anderem Sassoons erstes Aufeinandertreffen mit Owen als auch seine glücklose spätere Ehe und seine erfolglose Flucht in den Katholizismus. Dabei handelt es sich weniger um ein konventionelles Biopic als vielmehr um eine Art Collage, in der dokumentarische Bilder mit gespielten Szenen und Off-Passagen  zu einem tieftraurigen Film verwoben werden.  </p><p>Liam Hoare, ein weiterer War Poet, erzählte viele Jahre nach Sassoons Tod (1967), dass dieser nach Ende des Krieges schrieb, Wilfred Owen&#39;s Tod sei “eine unverheilte Wunde, deren Schmerz mich seitdem nicht mehr loslässt. Ich wollte ihn zurück - nicht seine Gedichte.&quot; [eigene Übersetzung] </p><p><strong>Die Unsichtbarmachung von Owens Sexualität</strong></p><p>Wie bei vielen queeren historischen Figuren, wurde auch Owens Sexualität nach seinem Tod von dessen Familie vertuscht. So verbrannte seine Mutter viele seiner Briefe an Sassoon. Auch sein Bruder Harold, der nach dem Tod der Mutter über Owens Nachlass verfügte, zensierte oder entfernte Briefe und Tagebuchstellen, in denen sein Bruder über seine Gefühle und Sexualität schrieb. Einige von Owens Biografen taten es dem Bruder gleich und ließen diesen so zentralen Aspekt von Owens Leben und Schaffen bewusst aus.</p><p>Erst 75 Jahre nach Wilfred Owens Tod erschien mit Dominic Hibberds <em>Wilfred Owen: A New Biography </em>die erste Biografie, in der explizit auf Owens Sexualität und Liebesleben eingegangen wurde. Darin führte Hibberd zahlreiche Quellen und Beweise dafür an, dass sich Owens Sexualität keineswegs auf schmachtende Blicke und Briefe beschränkte, sondern offen ausgelebt wurde. </p><p>Dies bestätigten auch der anfangs bereits genannte War Poet Robert Graves sowie der Schriftsteller und Kritiker Sacheverell Sitwell, ein Bruder der Dichterin Edith Sitwell. Zudem bewegte sich Owen während seines Heimatdiensts in einem Kreis aus homosexuellen Literaten, darunter Osbert Sitwell, Robbie Ross und C. K. Scott Moncrieff, der unter anderem als Dichter und Übersetzer Prousts (wo wir wieder beim queeren Kanon wären) bekannt wurde. </p><p><strong>Spuren gleichgeschlechtlichen Begehrens im Werk</strong></p><p>Auch in Owens Lyrik lassen sich homophile und homoerotische Bilder und Elemente finden. Etwa in einem seiner weniger bekannten Gedichte, <em>Shadwell Stair.</em> Dessen erste Strophe beginnt wie folgt:</p><p><em>I am the ghost of Shadwell Stair</em></p><p>Shadwell Stair war jedoch keineswegs ein bourgeoiser Friedhof, an dem die Geister der Verstorbenen verweilten. Im Gegenteil, es handelte sich hierbei um einen beliebten Londoner Cruising-Ort für schwule Männer zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wie Matt Houlbrook in <em>Queer London </em>(2005) erläutert. Es scheint Owen also mehr ums Fleischliche als das Spirituelle zu gehen. In der letzten Strophe ist dann von &quot;another ghost&quot; die Rede, mit dem sich das lyrische Ich bettet:</p><p><em>I walk till the stars of London wane<br/>      And dawn creeps up the Shadwell Stair.<br/>      But when the crowing syrens blare<br/>I with another ghost am lain.</em></p><p>Es liegt nahe, zu vermuten, dass es sich bei diesen Geistern um schwule Männer auf der Suche nach Sex handelt. Angeblich soll <em>ghost </em>auch als Synonym für schwule Männer fungiert haben. Hierfür ließen sich aber nicht genügend Quellen finden. </p><p><strong>Owen als Bezugspunkt queerer Künstler*innen</strong></p><p>Darüber hinaus inspirierte Owen mit seinem Werk auch andere queere Künstler*innen. Unter ihnen beispielsweise der Komponist Benjamin Britten, der für sein Opus <em>War Requiem </em>(1962) neun Gedichte Owens mit der traditionellen lateinischen Totenmesse verband. </p><p>Derek Jarman nutzte für sein Filmgedicht <a href="https://www.youtube.com/watch?v=gOVIjKvOcE4&amp;ab_channel=FlickVault-FullHDMoviesforFree"><em>War Requiem</em></a><em> </em>(1989) Brittens Kompositionen als Tonspur und Owens Gedicht <em>Strange Meeting </em>(gelesen von Laurence Olivier) als strukturelles Element. Zu den Klängen Brittens mischte er dokumentarische Aufnahmen aus dem Kriegsmuseum mit Spielszenen, die unter anderem auf Owens Homosexualität verweisen. </p><p>Jarman verstand seinen Film auch als ein Requiem für die an AIDS Gestorbenen und eine Kritik an der Gleichgültigkeit der Thatcher-Regierung. Er selbst nannte seinen Film scherzhaft &quot;The Three Queers&#39; Requiem&quot; in Anspielung auf sich als Regisseur, Benjamin Britten und Wilfred Owen.</p><p><strong>Owens Kriegsgedichte in deutscher Übersetzung</strong></p><p>Im Jahr 2014 veröffentlichte das <a href="https://verlagshaus-berlin.de/"><em>Verlagshaus Berlin</em></a><em> </em>in seiner <em>Edition</em> <em>ReVers</em> zum ersten Mal die gesammelten Kriegsgedichte Owens in deutscher Übersetzung. <a href="https://verlagshaus-berlin.de/programm/die-erbaermlichkeit-des-krieges/"><em>Die Erbärmlichkeit des Krieges</em></a><em> </em>besteht aus 38 Gedichten und fünf Briefen Owens, allesamt großartig, präzise und poetisch übersetzt von Johannes CS Frank, der auch ein sehr informatives Nachwort beigesteuert hat und mit faszinierenden Illustrationen von Andrea Schmidt, die Owens Verse in so expressive wie filigrane Bilder überführen. </p><p>Das Verlagshaus spendet derzeit alle Einnahmen aus dem Verkauf de Gedichtbands an Projekte für aus der Ukraine geflüchtete Autor*innen. (T)</p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Essays]]></category>
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      <pubDate>Fri, 18 Mar 2022 06:03:07 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Queerer Kanon #1: Coming-Out-Literatur, Klassiker & Neues]]></title>
      <description><![CDATA[Im ersten Queerer Kanon?-Newsletter beschäftigen wir uns mit Coming-Out-Literatur, vergessenen queeren Klassikern und spannenden Neuerscheinungen.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F429ba00d-e25a-4049-b80f-cb510c6b7020%2Fuploads%2Fimages%2Ffjuphu5oed%2FNewsletter1.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=f1c8d3d7316faf030dfc350acfbe7ad3" alt=""/><h2>Liebe Leser*innen,</h2><p>herzlich willkommen zum ersten <em>Queerer Kanon?</em>-Newsletter. Wir freuen uns sehr, dass ihr uns auf unserer Reise durch (die) queere Literaturgeschichte(n) begleitet. Starten möchten wir mit einem genaueren Blick auf das wohl originärste und für viele Leser*innen wohl auch wichtigste queere Genre: die Coming-Out-Literatur. </p><p>In unserem letzten Instagram Live (<a href="https://www.instagram.com/tv/CafZn2SIbTm/?utm_source=ig_web_copy_link">hier</a> könnt ihr euch nochmal ansehen) haben wir verschiedene Aspekte dieser Literatur und ihre Geschichte beleuchtet sowie stellvertretend einige Werke kurz vorgestellt (die Liste findet ihr <a href="https://www.instagram.com/p/Cafi4_frzLH/?utm_source=ig_web_copy_link">hier</a>). </p><p>Darüber hinaus stellen wir euch einen vergriffenen Klassiker vor, werfen einen Blick auf einige ausgewählte aktuelle Veröffentlichungen und blicken am Ende auf Texte und Posts, die uns diesen Monat beschäftigt haben. Wir hoffen, dass ihr Freude daran habt und freuen uns auf Feedback und Kommentare / Vorschläge. In diesem Sinne, frohes Lesen!</p><p>PS: Kurz noch am Rande: Die hier vorgestellten und verlinkten Titel entspringen gänzlich unserer persönlichen Auswahl und sind weder anderweitig abgesprochen noch bezahlt oder gesponsert.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Coming-Out-Literatur</h2><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F429ba00d-e25a-4049-b80f-cb510c6b7020%2Fuploads%2Fimages%2Fdz7oda3cbs%2FWhatsApp%2520Image%25202022-02-25%2520at%252010.53.54.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=cc6a6a191c25902fc441e164baabc19c" alt=""/><p>In gewisser Weise enthält queere Literatur immer ein Coming-Out. Ob implizit oder explizit, im Kontext einer Mehrheitsgesellschaft offenbart der Text früher oder später etwas über das Anderssein seiner Figuren – in Bezug auf ihre Sexualität oder ihres Geschlechts. Das macht ein Buch aber noch nicht zur Coming-Out-Literatur. Dafür muss das Thema eine übergeordnete Rolle im Text spielen. Und das kann auf sehr unterschiedliche Art geschehen.</p><p><strong>Coming-Out: eine kurze Etymologie</strong></p><p>‚Coming out of the closet‘ als Bezeichnung dafür, sich öffentlich zu seiner Sexualität zu bekennen, lässt sich auf einen alten Brauch zurückführen, wie ihn schon der englische Königshof kannte. Die Debütantinnen, Mädchen, die vor kurzem ihre Volljährigkeit erreicht haben, werden von einem Raum oder einer Kammer auf das Parkett eines Saals geführt und der Gesellschaft als heiratsfähig vorgestellt – aus dem behüteten Versteck hinein in eine neue Welt mit eigenen Regeln.</p><p>Sobald Queerness als inhärenter Teil der eigenen Identität verstanden wird, um die sich eine eigene (Sub)kultur entwickelt, lässt sich diese Beschreibung problemlos auf diese beziehen. Dabei wird häufig vergessen, dass es sowohl ein inneres als auch ein äußeres Coming-Out gibt. Das innere Coming-Out als der Prozess, sich der eigenen Sexualität bewusst zu werden und zu dieser zu stehen, und das äußere Coming-Out als Prozess, diese öffentlich anzuerkennen. Ein Prozess, weil er je nach Umgebung und Situation, stets wiederholt werden muss. Beide Aspekte spielen in der Coming-Out-Literatur eine Rolle.</p><p><strong>Coming-Out-Literatur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts</strong></p><p>Seit der Emanzipationsbewegung Ende der 60er Jahre – <em>Stonewall</em> in den USA und die Studenten- und Feminismusbewegungen in Europa – ist der Begriff Coming-Out ein fester Bestandteil der queeren Kultur. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass es bereits viele Jahre zuvor eine queere Emanzipationsbewegung gegeben hat. Ihr Zentrum hatte die Bewegung in Berlin, im 1919 von Magnus Hirschfeld gegründeten <em>Institut für Sexualwissenschaft</em>. Das Institut und die von ihr ausgehende Emanzipationsbewegung sind heutzutage größtenteils – bis auf ein paar Eingeweihte – in Vergessenheit geraten. Nicht zuletzt, weil die Nazis das Institut 1933 zerstört haben (Wer mehr darüber erfahren möchte: Im Juni erscheint bei Suhrkamp mit <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/rainer-herrn-der-liebe-und-dem-leid-t-9783518430545">Die Liebe und dem Leid: Das Institut für Sexualwissenschaft 1919-1933</a> eine ausführliche Geschichte des Instituts). Und bereits 1867 hat sich Karl Heinrich Ulrichs auf dem Juristentag als sogenannter &quot;Urning&quot; geoutet (Ulrichs eigene Bezeichnung für einen männlichen Homosexuellen), um für die gesellschaftliche Akzeptanz von gleichgeschlechtlich liebenden Menschen zu werben.</p><p>Mit dem Versuch, Homosexualität medizinisch zu erklären und ihre damit einhergehende Pathologisierung (wobei bis heute umstritten ist, wie sich diese beiden Entwicklungen gegenseitig bedingt haben), ist auch die schwule und die lesbische Literatur, die sich als solche versteht, entstanden. Es ist der Beginn dessen, was man gemeinhin als Geständnisdiskurs bezeichnet.</p><p>In dieser Zeit entstehen Romane wie Stefan Zweigs <em>Verwirrung der Gefühle </em>(1927), André Gides <em>Corydon </em>(1924), E.M. Forsters <em>Maurice </em>(erste, unveröffentlichte Fassung 1914; 1960 erneut veränderte Fassung, die 1971 posthum erschien), Marguerite Yourcenars <em>Alexis oder der vergebliche Kampf </em>(1929) und Radclyffe Halls <em>The Well of Loneliness</em> (1928, im Deutschen <em>Quell der Einsamkeit)</em>. Hier steht vor allem das innere Coming-Out im Vordergrund. Die Figuren erfahren Stück für Stück ihr Anderssein, in dem sie schließlich das Begehren für das eigene Geschlecht entdecken. Auch diese Texte verhandeln die Möglichkeit eines äußeren Coming-Outs, allerdings sind – gesellschaftlich bedingt – die Möglichkeiten begrenzt. Das selbstgewählte Außenseitertum, der Skandal, die erzwungene Anpassung an gesellschaftliche Normen oder die Utopie, wie im Fall von E.M. Forsters <em>Maurice</em> – in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts konnten Autor*innen ihre Coming-Out-Texte mit diesen narrativen Auflösungen abschließen.</p><p><strong>Coming-Out-Literatur nach der zweiten Emanzipationsbewegung</strong></p><p>Die sich ändernde Gesetzeslage in vielen Ländern (zumindest in der westlichen Hemisphäre) bedeutet, dass queere Autor*innen nun viel freier schreiben können. Aus den vereinzelten Stimmen wird mit dem Ende des erzwungenen Schweigens ein ganzer Chor. Was die Coming-Out-Literatur seit dem Ende der 60er Jahre auszeichnet, ist allerdings nicht unbedingt neu: Vieles, was dieses Genre der queeren Literatur ausmacht, findet sich auch in älteren Texten. Was auch daran liegt, dass die vereinzelte queere Literatur, die es zuvor gegeben hat, in der Regel Coming-Out-Literatur gewesen ist.</p><p>„Raus aus den Klappen, rein in die Straßen“ – so das Credo von Rosa von Praunheim. Im Zuge der Emanzipationsbewegung galt das äußere Coming-Out als einziges Mittel zur Emanzipation, es galt, sich öffentlich zu zeigen und zu bekennen. Genau diese Sichtbarkeit war es, welche Vorbildfunktion für die kommende Generation haben sollte und für all jene, die den Schritt an die Öffentlichkeit noch nicht gewagt hatten. Coming-Out-Literatur ist in diesem Sinne als Versuch der queeren Geschichtsschreibung und als Inszenierung einer kollektiven Identität zu verstehen.</p><p>Romane, Anthologien, Ratgeber, Autobiographien, Sachbücher – die Literatur zum Thema Coming-Out ist vielfältig und sprengt das Korsett der Fiktion. Doch vor allem in der Form der Fiktion hat die Coming-Out-Literatur Texte hervorgebracht, die auch heute noch gelesen werden. Vermutlich auch, weil sie mehr als andere Gattungen durch das Spiel mit der Form überraschen kann.</p><p>Das Thema Coming-Out eignet sich besonders für die Fiktion, geht es doch immer mit einem Konflikt einher, einem inneren und/oder äußeren. Bestimmte Motive und Szenen kehren immer wieder: das erste Erkennen irgendwie anders zu sein, das Suchen nach einer Sprache für die eigenen Gefühle, das sexuelle Erwachen, der biographische Bruch (in der deutschsprachigen queeren Literatur ist es gerne der Umzug nach Berlin), der Eintritt in eine neue Welt – oftmals ist es der erste Besuch in einer queeren Bar. In einigen Texten spielt der innere Konflikt eine übergeordnete Rolle, in anderen findet er nicht statt. Das Genre der Coming-Out-Literatur ist so vielfältig wie die Biographien seiner Autor*innen – und diese sind zu einem Großteil (wie so oft innerhalb der queeren Literatur) Grundlage für ihre Texte.</p><p>Natürlich gibt es auch Romane, die man als trans-Coming-Out-Romane lesen kann (<em>The Well of Loneliness</em> von Radclyffe Hall wird oftmals so gelesen, weil sich der Roman viel stärker darauf konzentriert, wie die Hauptfigur Stephen mit ihrem Geschlecht als mit ihrer Sexualität ringt). Allerdings wird auch heute noch das Thema Coming-Out in der Regel mehr mit der Sexualität als mit dem Geschlecht in Verbindung gebracht. <em>Conundrum</em> (1974) von Jan Morris ist beispielsweise ein klassischer Coming-Out-Text zum Thema Transidentität. Und auch wenn sich mittlerweile vermehrt Bücher (vor allem Biografien wie <em>Ich bin Linus</em>  (2020) von Linus Giese) und endlich auch die Literaturwissenschaft dem Thema widmet, kann noch lange nicht davon gesprochen werden, dass es literaturwissenschaftlich und literaturhistorisch erschlossen wäre. Auch wenn es natürlich Überschneidungen gibt, wäre es ebenso vermessen, die Themen geschlechtliche/Gender- und sexuelle Identität gleichzusetzen. Vor allem da Coming-Out-Literatur zum Thema Transidentität einen eigenen Artikel verdient hat.</p><p>Die Coming-Out-Literatur auf einen Nenner zu bringen, wäre zu einfach und würde den unterschiedlichen Lebenserfahrungen der Figuren und ihrer Autor*innen nicht gerecht werden. Doch es lässt sich gut und gerne sagen, dass Coming-Out-Literatur von einer gewissen Widersprüchlichkeit geprägt ist. Sie ist ein Ausdruck der Individualität und des Andersseins, zugleich aber auch der Versuch, sich innerhalb einer Gemeinschaft mit ähnlichen Erfahrungen zu verorten. Und ist es nicht diese Unbestimmtheit, die Queerness auszeichnet? (M)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Vergriffen, Vergessen, Wiederentdeckt</h2><p>Ann Allen Shockley <em>Loving her </em>(1974)</p><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F429ba00d-e25a-4049-b80f-cb510c6b7020%2Fuploads%2Fimages%2Fvqyzb6jshr%2FIMG_20220224_105800.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=17c58a5bfd8b596abf0ed2b860d79848" alt=""/><p><em>Viele Texte, die der queeren Literatur bzw. einem queeren Kanon zuzurechnen sind, gelten leider als vergriffen, vergessen oder wurden nie ins Deutsche übersetzt. In dieser Rubrik möchten wir einige von ihnen vorstellen.</em> </p><p>Den Anfang macht Ann Allen Shockleys erstmals 1974 in den USA publizierter Debütroman <em>Loving her</em>. Darin erzählt Shockley die Geschichte der afroamerikanischen Protagonistin Renay, einer talenteriten Musikerin und Mutter einer kleinen Tochter, die in einer unglücklichen Ehe mit ihrem alkoholkranken, gewalttätigen Eheman Jerome Lee lebt. Als dieser ihr geliebtes Klavier verkauft, um damit seine Sucht finanzieren zu können, flieht sie und zieht samt Tochter zu Terry, einer wohlhabenden weißen Autorin, mit der sie schon seit längerem eine Affäre hat. </p><p><em>Loving her</em> gilt gemeinhin als erster Roman einer afroamerikanischen Autorin, in dem eine lesbische Beziehung zwischen einer Schwarzen und einer weißen Figur beschrieben wird. Oftmals wird auch betont, es handle sich um den ersten Roman mit einer explizit lesbischen afroamerikanischen Protagonistin. Die Betonung liegt hier auf &#39;explizit&#39;, wie Aliycee J. Lane in ihrem Vorwort zu einer 1997 bei Northeastern University Press erschienen Ausgabe betont, da Shockleys Text durchaus Vorgänger habe, unter anderem etwa Nella Larsens Romane <em>Quicksand </em>(1928) und <em>Passing </em>(1929) sowie Gedichte der Harlem-Renaissance-Autorinnen Angelina Weld Grimké, Alice Dunbar-Nelson und Georgia Douglass Johnson. </p><p>Stilistisch und sprachlich ist <em>Loving her </em>sicherlich nicht mit Larsen zu vergleichen. Einige Figuren sind recht grob gezeichnet, die Handlung mitunter sprunghaft. Dennoch handelt es sich hierbei nicht zuletzt um ein faszinierendes Zeitdokument und einen der immer noch wenigen Texte, die weibliche Homosexualität, Rassismus und Klassismus thematisieren und ein trotz vieler Rückschläge vorsichtig optimistisches Ende wagen. Eine deutsche Übersetzung von Gerlinde Kowitzke ist 1981 im feministischen Verlag Frauenoffensive erschienen und antiquarisch erhältlich. Dabei stehen - wie das obere Bild offenbart - Inhalt und Covergestaltung in starkem Kontrast. </p><p>Die 1927 geborene Shockley ließ <em>Loving her </em>noch einige weitere Texte mit lesbischen Figuren folgen. Darunter ihr 1982 veröffentlichter Roman <em>Say Jesus and Come to Me </em>und eine Reihe an Kurzgeschichten. Sie war unter anderem als Professorin für Bilbiothekswissenschaften tätig und gründete das <em>Black Oral History Program</em>. Im Jahr 2019 wurde sie für <em>Loving her</em> mit dem <em>Goldie Literary Award </em>der <em>Golden Crown Literary Society</em>, einer lesbischen Literaturorganisation, ausgezeichnet. (T)<em> </em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Out &amp; Proud - Queere Neuerscheinungen</h2><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F429ba00d-e25a-4049-b80f-cb510c6b7020%2Fuploads%2Fimages%2F243b2qnbxv%2FTitel260202022.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=85c386497f5f694ad0e94a1461b7e5b0" alt=""/><p><a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/ein-simpler-eingriff/978-3-446-27231-6/"><strong>Yael Inokai: Ein simpler Eingriff (Hanser Berlin)</strong></a></p><p>Die 25-jährige Erzählerin Meret arbeitet als Krankenschwester in einer Klinik, in der ihr Chefarzt mit Hilfe eines neurochirurgischen Eingriffs Menschen hilft, sich besser in die Gesellschaft einzufügen. Bei der Mehrheit der Partient*innen scheint es sich um Frauen zu handeln. Sie werden unter anderem von plötzlichen Wutanfällen befreit, was nicht zuletzt an den misogynen Hysteriediskurs des 17. , 18. sowie frühen 19. Jahrhunderts und die <a href="https://www.spiegel.de/geschichte/jean-marie-charcot-und-die-hysterieforschung-in-der-pariser-salpetriere-a-951005.html">Forschungen Jean-Martin Charcots</a> erinnert.</p><p>Nachdem Merets ehemalige Zimmergenossin im Schwesternwohnheim ihren Beruf zugunsten einer Ehe aufgibt, findet sie sich in einem Zimmer mit der gleichaltrigen, jedoch wesentlich weltgewandteren Sarah wieder. Langsam kommen die beiden einander näher und Sarah als auch die faszinierende neue Patientin Marianne bringen Meret dazu, Zweifel am scheinbar allzu simplen Eingriff ihres Chefs zu entwickeln.</p><p>Yael Inokais Roman kommt ohne offensichtliche zeitliche Marker aus. Ihre Geschichte könnte ebenso in den 1950er-Jahren wie auch in einer nicht allzu fernen Zukunft angesiedelt sein. Dies macht den Text sowohl universell als auch sehr präzise. Die Prosa ist elegant und sehr genau, jedes Wort auf den Punkt; jeder Satz konstruiert ein ganzes Universum. </p><p>Darüber hinaus gelingt Inokai eine außerordentlich gut erzählte, facettenreiche Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen. Queer ist <em>Ein simpler Eingriff</em> nicht zuletzt aber auch wegen der Fragen, die der Roman aufwirft. Denn die titelgebende Operation hat Konformität als Resultat. Darin lassen sich sowohl Verweise an Konversionstherapien, Lobotomien als auch (queer-)feministische Kritik an patriarchalen Strukturen erkennen. Ira Levins Roman <em>The Stepford Wives </em>(1972) klingt ebenso an wie Leontine Sagans lesbischer Filmklassiker <em>Mädchen in Uniform </em>(1931) und Lillian Hellmans Theaterstück <em>The Children&#39;s Hour</em> (1934). So schreibt sich Inokai in die queere Literatur ein und eröffnet gleichzeitig eine neue, spannende Perspektive. (T) </p><p><a href="https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/reinheit-9783546100298.html"><strong>Garth Greenwell: Cleanness (im Deutschen &#39;Reinheit&#39;, übersetzt von Daniel Schreiber, Claassen)</strong></a></p><p>Pornografie als hohe Kunst, schreiben wie Virginia Woolf, James Baldwin und Thomas Mann, wenn sie sich nicht den gesellschaftlichen Zwängen ihrer Zeit hätten unterwerfen müssen. Nichts Geringeres ist das Anliegen des Schriftstellers Garth Greenwell, der queeres Schreiben in der Mitte der kulturellen Produktion und nicht an ihrem Rand positioniert.</p><p>Wieder folgen wir dem namenlosen Erzähler aus <em>Was zu dir gehört</em> (engl. <em>What Belongs to You </em>(2016), aus dem amerikanischen Englisch von Daniel Schreiber (2018)) durch Sofia, angetrieben von seinem Begehren und einer nächtlichen Begegnung, die ihn an den Abgrund und in Richtung Freiheit führt. Reinheit inmitten des Schmutzes.</p><p><em>Reinheit</em> (einmal mehr übersetzt von Daniel Schreiber, im amerikanischen Original 2019 erschienen) verweigert sich einer konventionellen Form und orientiert sich laut Autor am Schubertschen Liederzyklus. In den lose zusammenhängenden Geschichten schreibt Greenwell wie kein anderer vor ihm über queeres Begehren und queeren Sex. Und wer über Begehren und Sex schreibt, erzählt auch immer von den großen Dingen im Leben. Eine ausführliche Rezension zur englischen Originalausgabe könnt ihr <a href="https://booksaregayasfuck.de/garth-greenwell-cleanness/">hier</a> lesen. (M)</p><p><a href="https://granta.com/products/gay-bar/?binding=paperback"><strong>Jeremy Atherton Lin: Gay Bar: Why We Went Out (Granta)</strong></a></p><p>Jeremy Atherton Lins vielfältige Mischung aus Kulturgeschichte, Memoir und queerer Erinnerungsarbeit ist erstmals Anfang des letzten Jahres erschienen. Nun liegt <em>Gay Bar </em>als Taschenbuch vor. Eine deutsche Übersetzung gibt es zwar bisher noch nicht, sie ist Atherton Lins Werk aber nur zu wünschen.</p><p>Denn der Autor verknüpft die komplexe Geschichte des queeren Safe Space mit seinen eigenen Erfahrungen in den Gay Bars Großbritanniens und Amerikas. Dabei verortet er diese nicht nur queer-historisch, sondern zeigt unter anderem auf, wie auch diese Räume von Normierungen und Marginalisierungen geprägt sind, die er selbst als schwuler asiatisch-amerikanischer Cis Mann erlebt hat.</p><p><em>Gay Bar </em>macht zudem darauf aufmerksam, wie die Heterotopie einer queeren Begegnungsstätte im Zeitalter von Gentrifzierung und geo-basierten Dating-Apps zu verschwinden droht und was dabei verloren geht. Ein wunderschön geschriebener Wachruf, der die Frage stellt, wie queere Orte in der Gegenwart und Zukunft aussehen können. (T) </p><hr aria-hidden="true"/><h2>Queere Freuden</h2><p><em>Hier möchten wir auf Texte, Posts und andere Formate aus dem queeren Themenkosmos verweisen, die uns in den letzten Wochen beschäftigt haben.</em></p><p>Für das <em>Schirn Mag </em>hat Juliet Jacques, Filmemacherin und Autorin von <em>Trans: A Memoir </em>(2015), die Autorin Torrey Peters interviewt, deren Debütroman <em>Detransition, Baby</em> in den USA und dem Vereinigten Königreich zum Beststeller avancierte und Ende des Monats auch <a href="https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/detransition-baby-9783550202049.html">in Deutschland erscheint</a> (übersetzt von Nicole Seifert &amp; Frank Sievers, Ullstein Verlag). Neben dem aufschlussreichen Gespräch mit Peters beleuchtet Jacques in ihrem Artikel unter anderem auch den literarischen Kontext des Romans und führt einige weitere wichtige Titel auf. (Den Artikel gibt es auf Deutsch und Englisch). </p><a href="https://www.schirn.de/magazin/antsy/2021/torrey_peters_und_die_zeitgenoessische_trans_literatur/">https://www.schirn.de/magazin/antsy/2021/torrey_peters_und_die_zeitgenoessische_trans_literatur/</a><p>Magda Birkmann stellt in ihrem Newsletter <a href="https://magdarine.substack.com/"><em>Magda liest</em></a> regelmäßig vergessene Autorinnen und deren Werke samt ihrer Rezeptionsgeschichte vor. Im Rahmen einer Klassikerinnen-Sprechstunde auf ihrem <a href="https://www.instagram.com/stories/highlights/17929500388914526/">Instagram-Profil</a> hat sie jüngst unter anderem eine Reihe an Werken verschiedener Autorinnen über Bisexualität gepostet, darunter Jane Bowles <em>Zwei ernsthafte Damen </em>und Audre Lordes <em>Zami: A New Spelling of My Name</em>.</p><p>Im <em>Bad Gays</em> Podcast widmet sich der Historiker und Journalist Ben Miller gemeinsam mit dem Autor und Krtiker Huw Lemmey den &quot;evil and complicated queers in history.&quot; Jede Folge konzentriert sich auf eine andere queere historische Figur in all ihren Widersprüchen und ihrer Komplexität. Darunter auch zahlreiche Autor*innen, etwa die hier bereits genannte <a href="https://badgayspod.com/episode-archive/cw21b2uyw6oqmv41l1encmqi0y0mqe">Radclyffe Hall</a>, <a href="https://badgayspod.com/episode-archive/s4-gertrude-stein">Gertrude Stein</a>, <a href="https://badgayspod.com/episode-archive/s4-special-denniscooper">Denis Cooper</a> und <a href="https://badgayspod.com/episode-archive/s4-truman-capote">Truman Capote</a>. </p><a href="https://badgayspod.com/">https://badgayspod.com/</a><p></p><hr aria-hidden="true"/><h2>In eigener Sache </h2><p>In der letzten Instagram-Live-Ausgabe von <em>Queerer Kanon? </em>haben wir uns mit HIV- und AIDS-Literatur beschäftigt. Für das Magazin der <em>AIDS-Hilfe Halle </em>hat Marlon einen Text geschrieben, in dem er noch einmal ausfürhlicher auf das Genre sowie einzelne Werke eingeht. Den Text findet ihr hier: </p><a href="https://issuu.com/aidshilfehalle/docs/red30/22?ff">https://issuu.com/aidshilfehalle/docs/red30/22?ff</a><p>Als Reaktion auf den pandemiebedingten Ausfall der Leipziger Buchmesse veranstaltet die <em>Bundeszentrale für politische Bildung </em>zum dritten Mal die <a href="https://www.bpb.de/veranstaltungen/reihen/messeauftritte/leipzigstreamt2022/"><em>Lange Leipziger Lesenacht der bpb</em></a>. Am 17.03. werden zwischen 18 und 23 Uhr zahlreiche Autor*innen im <a href="https://www.youtube.com/bpbtv">YouTube-Livestream der bpb</a> lesen, jeweils vorgestellt von einzelnen Blogger*innen. In diesem Zuge wird Tobi Daniel Schreiber sowie dessen literarischen Essay <em>Allein</em> (2021) vorstellen. </p><hr aria-hidden="true"/><p>Wir hoffen, die erste Ausgabe unseres <em>Queerer Kanon?-</em>Newsletters hat euch gefallen. Für Fragen, Rückmeldungen, Kritik und Anregungen sind wir offen und dankbar (via Mail oder Instagram (<a href="https://www.instagram.com/booksaregayasfuck/">Marlon</a> / <a href="https://www.instagram.com/tobiborns/">Tobi</a>). Wenn es euch gefallen habt, würden wir uns freuen, wenn ihr den Newsletter auch mit anderen teilt. Der Text wird auch auf Steady weiterhin kostenfrei verfügbar sein.</p><p>Bis zum nächsten Mal,</p><p>Tobi &amp; Marlon</p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Newsletter]]></category>
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      <pubDate>Mon, 28 Feb 2022 07:23:34 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Warum Queerer Kanon? Die Idee eines Kanons als offener Diskursraum]]></title>
      <description><![CDATA[Wieso ein queerer Kanon eine Community ist, warum queere Themen immer schon Teil der Literaturgeschichte waren und was wir hier vorhaben.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Warum Queerer Kanon?</h1>
<p><strong>Nach längerer Vorbereitungszeit wagen wir uns nach draußen, raus aus der Zweierdiskussionen, rein in den Diskurs, sozusagen. Mit queerer Literatur beschäftigen wir uns unabhängig voneinander schon sehr lange und wollen dies jetzt auch im Rahmen dieser Plattform tun.</strong></p>
<h2>Die ausschlaggebende Frage</h2>
<p>Am Anfang steht eine Frage, auf die es keine eindeutige(n) Antwort(en) geben kann: Was ist ein queerer Kanon? Entzieht sich nicht gerade das Queere, in seiner gewollten Uneindeutigkeit, der Verweigerung, sich Normen und Normierungen zu unterwerfen, ja, diese mitunter lustvoll zu sprengen, einer Kanonisierung? Und konstruiert nicht gerade ein Literaturkanon wieder genau die beliebigen Zugehörigkeiten und Ausgrenzungen, die wir doch eigentlich überwinden wollen?</p>
<p>Diese Fragen sind für uns von Beginn an handlungsleitend gewesen, denn unsere Erfahrungen mit Literaturkanones sind größtenteils Erfahrungen von Abwesenheiten. Lücken, die wir selbst zu füllen such(t)en. Als queere Jugendliche begegneten uns im Schulunterricht wenige Texte, in denen wir unser Begehren und unser Sein widergespiegelt fanden. Und war dies einmal der Fall (bspw. bei Proust, Mann, Woolf oder Shakespeare), wurde darüber schlichtweg nicht gesprochen. Wir fanden sozusagen nicht statt.</p>
<h2>Sichtbarkeit schaffen, wo sie verwährt wird</h2>
<p>&quot;Visibility Matters&quot; ist einer der wichtigsten Slogans der queeren Bewegung. Sichtbarkeit führt zu Identifikationspotenzial und zu Vermenschlichung. Sie baut Ängste ab, schafft Verständnis und Empathie. Wer sich nicht repräsentiert findet, tut sich oft schwer damit, sich als gleichwertig mit seiner Umwelt wahrzunehmen. </p>
<p>Im Falle von Literaturerfahrungen kann dies zu großem Frust führen. Im besten Falle bilden queere Leser*innen Antennen aus für die Sollbruchstellen in Texten. Für die Momente scheinbarer Ungenauigkeit, die Definitionslücken und Interpretationsspielräume. So kann queeres Lesen entstehen, indem Texte, die zumindest nicht für ein queeres Publikum geschrieben worden sind, von diesem gequeert werden. </p>
<p>Für uns waren dies oftmals die Texte von Autorinnen, die - es dürfte niemanden verwundern - selbst allzu oft keinen Platz in den Literaturkanones erhalten haben. Ein queeres Lesen ist zwar ein Schritt, sich selbst, wenn schon nicht in einen Text <em>ein</em>zuschreiben, doch immerhin in diesen <em>ein</em>zulesen. </p>
<h2>Sich in einer literarischen Ahnenreihe verorten</h2>
<p>Auf Charaktere zu stoßen, die so fühlen, wie man selbst, denen der Raum zugestanden wird, sich in ihrer Individualität außerhalb gesellschaftlicher Normen zu entfalten, ist aber noch eine ganz andere Ebene. Dementsprechend erwächst der Wunsch nach literarischen Texten, die genau dies vermögen. </p>
<p>Bestehende Kanones überdecken oft, dass es diese mitunter schon gibt. Häufig sogar viel länger als gemeinhin angenommen. Dass eine Vielzahl an queeren Motiven, Themen, Figuren, Erzählungen, Dichtungen, Autor*innen in der Literaturgeschichte existiert. Ob in der Griechisch-römischen Mythologie, zur Zeit des römischen Reichs, im Japan des frühen elften Jahrhunderts oder dem Europa der Aufklärung. </p>
<p>Wer darum weiß, kann sich selbst besser verorten, weiß, dass er*sie nicht allein ist, Teil einer immer schon bestehenden Community, einer Ahnenreihe ist. Wie beschränkt der Blick vieler bestehender Kanones auf die Literaturgeschichte ist, haben viele (queere) Literaturwissenschaftler*innen in den letzten Dekaden angemerkt. Es wurden Gegen- oder Parallelkanones entwickelt, von denen sich eine ganze Reihe finden lassen, darunter auch queere Kanones. Diese Bemühungen zeigen, wie komplex das Thema ist und welche gesellschaftlichen Auswirkungen es hat.</p>
<h2>Queerer Kanon als Community</h2>
<p>Doch ein Kanon kann auch als ein Prozess verstanden werden. Eine Auseinandersetzung über Lücken, ein Insgedächtnisrufen von Vergessenem. Keine starre Liste, die im formschönen Pappschuber auf dem Bücherregal verstaubt. Hier setzt der queere Kanon an. Der Literaturwissenschaftler Adrian Daub merkte 2020 zur <a href="https://blog.kulturwissenschaften.de/zur-idee-und-praxis-eines-queeren-kanon/">Idee und Praxis eines Queeren Kanon</a> an, dass es bei diesem &quot;eher um ‚canon community‘ [gehe]: [...] eine Gemeinschaft, die sich erst durch den Kanon als solche konstituiert, die sich gegenseitig signalisiert und ihrer selbst vergewissert.&quot;</p>
<p>Und hier soll auch <em>Queerer Kanon?</em> ansetzen. Als ein Versuch und ein Ort, an dem queere Literatur(en) einen Platz finden, an dem im besten Fall darüber diskutiert wird, unterschiedliche Perspektiven eröffnet werden und neue Veröffentlichungen wie auch Vergessenes, Neuaufgelegtes, Nicht-Übersetztes und aktuelle Debatten einen Platz finden. Auf Genres, die sich etabliert haben und/oder sich im Wandel befinden, Themen, Stilistiken und Referenzen. Aber auch darum, eigene blinde Flecken zu identifizieren, denn auch wir haben natürlich gewisse literarische Vorlieben und schauen aus unterschiedlich privilegierten Blicken auf Literatur.</p>
<p>Am Schluss soll eine Einladung stehen, mitzulesen, mitzudiskutieren und - wer möchte - auch selbst den eigenen Standpunkt darzulegen. Anfangs wird es hier einen monatlichen Newsletter geben, sowie in unregelmäßigen Abständen Live-Diskussionen auf Instagram zu Themen queerer Literatur. Längerfristig werden auch umfangreichere Texte zu einzelnen Phänomenen, Titeln, Genres und Debatten folgen.</p>
<p>In diesem Sinne enden wir mit einem altbekannten Schlachtruf:</p>
<p><em>We&#39;re here, we&#39;re queer and we&#39;d like to say hello!</em></p>
<p>Tobi &amp; Marlon</p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Wed, 16 Feb 2022 11:17:39 +0000</pubDate>
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