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Die Sache mit den veganen Joghurtbechern und der Revolution

Ich bin immer wieder berührt, wenn so etwas passiert. Weil ich mir unsicher bin, ob meine Gedanken, die ich derzeit aufschreibe, Sinn machen, wie sie ankommen, hatte ich nach Resonanz gefragt, zu einem Call eingeladen – und dann kamen da tatsächlich Menschen und haben mir das wertvollste geschenkt, was sie haben: ihre Zeit. 

Eine Journalistin war da, die für den WDR die Landespolitik in Düsseldorf beobachtet. Eine Frau, die mit ihrer NGO die Ozeane schützt. Eine Mutter von vier Kindern, die als Köchin jeden Tag tausend Schulessen kocht, und nebenbei bei sich im Ort Bürgerversammlungen organisiert (sie war der Star der Herzen an dem Abend!)

Es ging um den sprichwörtlichen veganen Joghurtbecher, und ob es wichtig ist, wie wir ihn entsorgen. Es ging um die Frage, ob Gewaltfreiheit naiv ist im Angesicht von Trump und Putin. Und es ging um die Revolution. Und weil das so reichhaltig war, will ich dich mitnehmen zu den wichtigsten Punkten, und mit einem starten, der viele von uns in den vergangenen Jahren so beschäftigt hat:

Ist unser Individualkonsum eigentlich relevant? 

Es war Luisa Neubauer, die mich damals davon überzeugt hat, dass er es nicht ist, und ihre Argumente waren gut: den ersten CO2-Fußabdruckrechner hat der Ölkonzern BP ins Internet gestellt, um die Schuld von den Konzernen auf die Individuen abzuwälzen – und das hat ja auch geklappt. In den “sozialen” Medien kloppten sich viele darum, wer den grünsten Lebensstil hat, und viel Einigkeit und Energie ging darüber verloren. 

Aber es ist falsch zu glauben, dass der individuelle Konsum nicht zählt. Es stimmt, er schlägt in der Gesamtsumme nicht auf die Zerstörung durch, wie ich meinen Joghurtbecher entsorge. Aber auf zwei Ebenen ist es doch wichtig: im Inneren und im Äußeren. 

Wenn jeder Akt von Konsum, ein Akt der Gewalt ist – und das ist er in unserem zerstörerischen System – und du weißt darum, dass es Gewalt ist, und tust es trotzdem, dann tust du dir auch selbst Gewalt an. 

Wenn ich im H&M stehe und mir ein billiges T-Shirt aus dem Regal nehme, dann leidet darunter jemand – ein Mensch, ein Tier, ein Ökosystem. 

Und ich spüre deren Schmerz. Ich kenne ja die Bilder der Zerstörung: die Textilfabriken, in denen Kinder arbeiten, die gerodeten Regenwälder, die Ozeane voll Plastik. 

Das kann ich verdrängen, vielleicht ist die Freude über das schöne T-Shirt auch größer als der Schmerz. Aber der Schmerz ist da. Ich verletze mich in dem Augenblick selbst.

Jetzt leben wir alle in diesem System, sind alle Teil des Imperiums, und um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, muss ich einkaufen gehen, brauche ich mal dieses Jackett, wie ich es mir für die Eröffnung des Parlaments der Menschen gekauft habe. Aber das ändert nichts daran, dass es ein Akt der Gewalt ist, der auch mir schadet. Meine Seele ist an so einem Tag ein bisschen weniger fröhlich als sonst. 

Aber auch nach außen ist das relevant: Vergangene Woche hatten wir den ersten Protest mit FAIRNESS JETZT (Opens in a new window). Vor dem Bundeskanzleramt haben wir eine vier Meter hohe Installation aufgebaut, um die Gefahren durch KI zu verdeutlichen. 

Ein Polizist hatte Lust auf Smalltalk und durchaus Verständnis für unser Anliegen, er meinte: Auch er macht sich Sorgen um seinen Sohn, der alles für wahr hält, was ChatGPT ihm so sagt. 

Der Polizist machte aber auch einen Witz darüber, dass so oft Umweltorganisationen demonstrieren würden, und dann riesige Aufbauten mitbrächten, angekarrt mit LKWs, alles fossil angetrieben. 

Ich habe gelacht, innerlich mit den Augen gerollt, aber mich auch erwischt gefühlt. Weil es natürlich genau der Widerspruch ist, in dem wir hängen. Wenn wir sagen: “Unsere individuellen Handlungen sind nicht wichtig”, dann machen wir uns angreifbar. Im schlimmsten Fall sehen wir aus wie Heuchler:innen – und nichts bringt Menschen mehr auf, als Leute, die den moralischen Zeigefinger erheben, ihn auf andere richten, aber selbst nicht so leben: Wasser predigen, Wein trinken. 

Auch damit schadet man sich selbst: Wie oft sitze ich irgendwo, und mein Gegenüber rechtfertigt sich erstmal 15 Minuten lang dafür, gerade nach Schottland in den Urlaub geflogen zu sein. Klar, war der Urlaub in Schottland scheinbar schön, aber so richtig toll war’s dann anscheinend auch nicht, wenn das schlechte Gewissen so ausgeprägt ist danach.

Heißt das, es ist doch der Weg, in eine Höhle zu ziehen und von Ziegenmilch zu leben?

Nein.

Heißt das, wir dürfen nichts mehr Schönes machen, wie mal in den Urlaub fahren, sich etwas kaufen, was man unbedingt haben will, oder auf ein Konzert gehen.

Nein.

Aber es braucht eine Klarheit darüber, was mir wichtig ist, und dass alles, mit allem zusammenhängt.

Es braucht den Blick aufs Systemische.

Es braucht die innere Ausrichtung und Klarheit, und es braucht die Auseinandersetzung mit den großen Zusammenhängen. Aber die gelingt viel besser, wenn ich selbst mit mir im Reinen bin. Dann kann ich viel kraftvoller agieren. Wir können da kollektiv viel kraftvoller agieren, wenn wir klar sind – dann können wir wirklich was verändern, vielleicht sogar die Revolution schaffen.

Und ich merke erst gerade, wie groß und reichhaltig diese Themen sind. Deshalb: Was wir mit Trump und Putin machen, und wie das mit der Revolution ist, das bekomme ich hier nicht mehr unter und verschiebe es auf die nächsten zwei Newsletter – ich hoffe, Du verzeihst!








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