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Im Hier und Jetzt (RDS#4)

Britta nahm kurz Martins Hand. Es war schön zu sehen, wie die Menschen vor ihnen in kleinen Gruppen zusammen standen und miteinander sprachen. Alte, Junge, Frauen, Männer – alle da auf dieser Demo, weil sie eine andere Welt wollten. 

Martin und Britta versuchten diese neue Welt gleich hier entstehen zu lassen, auf dem kleinen Platz vor dem Bundeskanzleramt, jeden Monat einmal. Politik der Schönheit nannten sie das. 

Die beiden waren alle klassischen Stationen durchlaufen: Sie waren beim G20-Gipfel in Hamburg mit seinen Ausschreitungen dabei gewesen, hatten Linsen in die Ventile von SUVs gedreht, vermummt auf Straßen gesessen, um die Anreise von Neonazis zu einer Demo zu verhindern. Irgendwas im Dagegensein hatte sich erschöpft, hatte sie erschöpft. Es war Zeit für etwas anderes. 

Heute hatten sie die Teilnehmenden der Demo in Dreiergruppen geschickt, ihnen eine Frage mitgegeben: “Was macht dir gerade am meisten Sorge?”

Die beiden hatten lange darüber gesprochen, ob das nicht wieder zu sehr auf das Negative fokussiert sei, aber sie wussten auch, wie viel Verbindung es schaffen konnte, wenn Menschen ihre Verletzlichkeit miteinander teilten. Verletzlichkeit führte zu Vertrauen, Vertrauen zu Beziehung und Beziehung zu Hoffnung – und die brauchte es in dieser Zeit. 

Als die zehn Minuten um waren, ging Britta ans Mikrofon: “Hat jemand Lust, ein bisschen zu erzählen, was bei ihm oder ihr in der Gruppe aufgekommen ist?”

Stille. Nicht unangenehm, aber dicht und spürbar. Verletzlichkeit zeigen vor vielen Menschen war das Letzte, was diese Gesellschaft einem beibrachte. 

Dann zeigte eine Frau auf, vorne links, älter mit grauen Haaren und einem orangen Schal. Dann noch eine zweite weiter hinten, und nach einigen Augenblicken schließlich noch eine dritte. 

Britta guckte zu Martin rüber. Auch er lächelte. 


***


Es hatte einen Streit gegeben. Mehr als das. Fast eine Schlägerei. 

Einer der obdachlosen Männer, der bei den Alten Frauen untergekommen war, hatte in der Schlafetage unweit der Toiletten eine Frau belästigt. 

Ein anderer Mann hatte es mitbekommen und war dazwischen gegangen, der erste packte direkt zu.

Sie hatten es geschafft, die Situation wieder unter Kontrolle zu bringen, das letzte, was sie wollten, war die Polizei zu rufen, um für Ruhe zu sorgen, aber ein Reporter war dabei gewesen, und hatte es direkt in die Welt hinausposaunt: das Haus der Alten Frauen – der Ort, wo Frauen belästigt wurden und Männer sich prügelten. Was für ein hübscher Vorwand, um sie räumen zu lassen. 

Mawa hasste alles daran. Nein, das stimmte nicht. Sie hasste den Mann. Sie hasste eigentlich alle Männer. 

Die Präsidenten und Generäle, die Kriege führten und Bomben auf Babies warfen. Die CEOs, die für ihre Boni die Erde verwüsteten. Die Vergewaltiger, Schläger und Mörder, die dafür sorgten, dass Mawa schon lange nicht mehr alleine nachts in einem Park spazieren gegangen war.

Mawa hatte sich in die kleine Küche zurückgezogen, vor ihr eine Tasse Instantkaffee. Sara, ihre Schwester kam rein: “Wie geht’s dir?”

Mawa hatte keinen Bock auf dieses Gespräch. Sie wusste, dass Sara recht hatte, aber sie hatte trotzdem keinen Bock. 

“Gut”, sagte sie.

“Mh?”, sagte Sara. 

“Verdammt, ich hasse diesen Typen. Warum sind die so eklig? Die sollen sich einfach alle verpissen. Was ist deren Problem, warum machen die alles kaputt, was schön ist?”

Mawa wollte ihre Kaffeetasse an die Wand werfen. 

Sara zog sich einen Stuhl ran, setzte sich, sagte nichts. Mawa wusste, dass ihr an der Besetzung, an dem Haus genauso viel lag, wie ihr.

Wochenlang waren die Diskussionen hin und her gegangen: ob sie nur Frauen aufnehmen sollten. Das wäre einfacher gewesen, und ein Frauenhaus wäre auch ein Statement gewesen. Aber das wäre nur ein Schutzraum gewesen, und nicht die Utopie. 

“Du weißt, was bell hooks geschrieben hat?”, sagte Sara. “Um liebende Männer zu erschaffen, müssen wir Männer lieben.”

Natürlich kannte Mawa das Zitat. Sie kannte das ganze Scheissbuch. Aber das änderte nichts daran, dass ihr Vater sie geschlagen hatte, ihr Sportlehrer sie auf dem Schulparkplatz versucht hatte, zwischen die Beine zu greifen, und ihr erster Partner sie nach der Geburt ihres Sohnes hatte sitzen lassen. 

“Wenn wir ihre Herzen nicht öffnen”, sagte Sara, “dann leiden wir unter den Konsequenzen.”

Mawa hasste dieses heilige Gesäusel ihrer Schwester.

“Vielleicht sollten wir auch einfach genügend Sperma einfrieren, dann alle Männer mit einem speziell gezüchteten Virus auslöschen und nur noch Töchter gebären. Dann hätten wir dieses Problem nicht mehr.”

“I love you”, sagte Sara und lächelte. “A lot.” 

Mawa stand auf und ging. 


***


Das Training sollte einen theoretischen und einen praktischen Teil haben. Das Ziel: gewaltfrei bleiben, auch wenn es die Polizei nicht war. Das war der Schlüssel zum Sieg. Dafür brauchte es Disziplin, strategisches Verständnis und noch etwas: Überzeugung. 

Dénise wusste, dass es sich gut und richtig, ja schön anfühlen konnte, Schmerzen zu erleiden. Sie hatte das nicht zuletzt in BDSM-Kontexten erlebt, aber das gerade in diesem Keller eines Hochhauses von Saint-Denis zu erzählen, schien ihr nicht ganz passend. Der Gedanke ließ sie trotzdem lächeln. 

Jamal, der neben ihr in dem Stuhlkreis saß, guckte sie von der Seite an, als könnte er ihre Gedanken lesen, sagte aber nichts. 

“Was ist passiert, als in den USA die Polizei einen unbewaffneten Schwarzen auf offener Straße zu Tode gewürgt hat?”, fragte Dénise. 

“Das Video ging viral, überall gab es Proteste.” 

“Genau”, sagte Jamal. “Was wäre passiert, wenn das Opfer eine Waffe gezogen hätte?”

“Die Gewalt der Polizisten hätte gerechtfertigt gewirkt.” 

“Und was passiert, wenn die Polizei in unser Viertel stürmt, und alte Frauen, Jugendliche und Männer verprügelt, die friedlich für ihr Recht einstehen?”

“Wir rufen den Krankenwagen, aber er kommt nicht, weil wir in Saint-Denis sind?”, fragte einer und einige andere lachten. 

“Mehr Leute schließen sich an, weil es eine Sauerei ist?”, sagte jemand anderes.

“Nicht nur das”, antwortete Dénise, “es wird auch für alle glasklar, wer Opfer ist und wer Täter – nicht nur hier im Viertel, sondern auch systemisch.”

“Du da”, sagte Dénise und sprach einen Mann, der im Kreis saß direkt an. “Was machst du?” 

“Was soll ich denn machen? Ich bin arbeitslos, was willst du?”

“Und wie ist das?”

“Scheisse, lass mich in Ruhe.”

Dénise spürte, wie der Kreis unruhig wurde.

“Und, hast du das verdient? Nein, hast du nicht, keiner hat es verdient, ein Leben lang so gedemütigt zu werden. Wer würde mit ihm zusammen auf die Straße gehen und sich den Cops entgegenstellen, wenn sich dadurch etwas ändert?”

Niemand rührte sich.

Denisé fixierte eine Frau mit schwarzem Shirt: “Was ist mit dir, würdest du was machen, wenn es funktionieren kann?”

Die Frau zögerte, sagte dann: “Ja, klar.”

“Was ist mit dir?” Dénise adressierte eine weitere Frau, die ihre Rastas zu einem Dutt gedreht hatte. Die Frau nickte zögerlich.

Dénise guckte in den Kreis. “Was ist mit dem Rest?”

Murren. Zustimmendes Nicken. Bewegung auf den Stühlen.

“Okay, dann lass es uns probieren.”

“Ihr da drüben”, Jamal zeigte auf die eine Stuhlkreis-Seite, “ihr seid die Cops. Und ihr anderen: Ihr seid die neue Welt.” 

Das war der vierte Teil einer Serie. Du willst die vorigen Teil der Revolution der Schönheit (RDS) lesen? Hier entlang:






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