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    <title>Raquel Erdtmann</title>
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    <description>Short Stories und andere komische Begebenheiten.</description>
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      <title>Raquel Erdtmann</title>
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    <item>
      <title><![CDATA[Nichts zu verlieren - außer das Leben]]></title>
      <description><![CDATA[Der Mord an Gerd Michael Straten im Jahre 2018 in Koblenz ist bis heute nicht aufgeklärt. Wer tötet einen Obdachlosen? ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Nichts zu verlieren  - außer das Leben</h1><h5>Der Mord an Gerd Michael Straten ist bis heute nicht aufgeklärt. </h5><h5>Wer tötet einen Obdachlosen?</h5><p></p><p>Gerd Michael Straten war 59 Jahre alt, als er im März 2018 in Koblenz getötet wurde. Ein Obdachloser, dem niemand seine Obdachlosigkeit ansah. Kaum jemand wusste, dass der Mann, der gegen Abend auf einen Espresso in seinem Stammcafé zum Plaudern über Politik und Kunst erwartet wurde, sich danach nicht in ein warmes Zuhause begab, sondern sein Nachlager im Kellergeschoss des Pulverturms auf dem Hauptfriedhof aufschlug.</p><p>Auf dem vertraulichen Teil eines Leichenschauscheins sind die „sicheren Zeichen des Todes“ anzukreuzen. Diese sind: Totenstarre, Totenflecke, Fäulnis, Hirntod oder „Verletzungen, nicht mit dem Leben vereinbar“.</p><p>Michael Straten hatte eine Verletzung, die nicht mit dem Leben vereinbar ist.</p><p>Er wurde enthauptet.</p><p>Immer wieder werden Obdachlose Opfer von Gewalttaten. Nach Intoxikationen ist es für sie die häufigste Todesart eines „nicht natürlichen Todes“ zu sterben. Immer wieder gibt den Gesetzen des Überlebenskampfes gemäß Revierstreitigkeiten in der Szene um den besten Platz, den Alkohol, die Drogen, das erbettelte Kleingeld, den Schlafsack.</p><p>Besonders schockierend aber ist die Gewalt, die diese buchstäblich Schutzlosen heimsucht aus der sogenannten Außenwelt, die wir normal nennen.</p><p>Wer vergreift sich an diesen buchstäblich Schutzlosen? Denn hier gibt es nichts zu holen, kein Vorteil, kein Gewinn - nur rohe Gewalt.</p><p>Um sich ein Bild zu machen, wer die Täter sind, braucht es konkrete Fälle, mit denen man sich an die Gerichte wenden kann. Mord hat seit Jahren eine hohe Aufklärungsrate, sie liegt um die 94 Prozent.</p><p></p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/03a32410-c336-4538-a489-e67d94757741">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Vor Gericht]]></category>
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      <pubDate>Sat, 06 Jun 2026 14:32:31 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Der Mordfall Blanka Zmigrod]]></title>
      <description><![CDATA[25 Jahre nach dem Mord an Blanka Zmigrod steht der in Schweden berühmt-berüchtige »Laserman« endlich in Frankfurt vor Gericht. ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Schnellen Schrittes ist Blanka Zmigrod kurz nach Mitternacht des 23. Februars 1992 auf dem kurzen Weg nach Hause. Sie arbeitet als Garderobiere im Restaurant Mövenpick an der Alten Oper, ihre Wohnung im Kettenhofweg ist nur ein paar hunderte Meter davon entfernt. Den Schlüssel zu ihrer Wohnung hält sie schon in der Hand.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/552ed605-bb81-4c36-b4d4-77988a399e1c">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Vor Gericht]]></category>
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      <pubDate>Mon, 25 May 2026 13:20:40 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[München, Reichenbachschul]]></title>
      <description><![CDATA[München hat ein Juwel des Bauhauses zurück. Zur Wiedereröffnung der Reichenbachsynagoge.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p> </p><p>„Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“ schrieb Theodor Herzl. Dem hartnäckigem Willen, mit „Charme und Bedrängnis“, wie der Bayrische Ministerpräsident und Münchens Oberbürgermeister zum Amüsement der Gäste betonen, ist es Rachel Salamander und ihrem Mitstreiter Ron Jakubowicz gelungen, ein Juwel des Bauhauses zu retten. Ein paar Schritte vom Gärtnerplatz, im Hinterhof der Reichenbachstraße 27 erstrahlt die Reichenbachschul wieder in altem Glanz. Ein Meisterwerk der Moderne, das ganz auf das Sakrale verzichtet, sich in seiner klaren, bestechenden Farb- und Formensprache ganz auf den Ritus und die Funktion als Ort des Gebetes und der Versammlung konzentriert.</p><p>In einem Festakt wurde der Schlüssel des kunsthistorischen Denkmals am Montag feierlich an die Israelitische Gemeinde übergeben. Ein später Fall von Restitution. Das Gebäude, einer der weltweit nur handverlesenen Synagogen im Bauhausstil, erzählt in bedrückender Weise ostjüdische Geschichte, von Hoffnung und Glauben an das Gute, von Verfolgung, Vernichtung, von altem und neuem Antisemitismus.</p><p>Zu Beginn des 20.Jahrhunderts flohen zahlreiche Juden vor den Pogromen in Osteuropa gen Westen. Das Herz des überlieferten Judentums schlug bis zu seiner nahezu vollständigen Vernichtung in der Schoa im Osten, in Polen und weiter ostwärts. </p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/0fc0901f-1045-4228-96fc-9a92fca01306">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Orte]]></category>
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      <pubDate>Thu, 18 Sep 2025 14:38:12 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Obdachlos oder JVA]]></title>
      <description><![CDATA[Die Geschichte eines Mannes, der keinen Platz im Leben findet und beschließt, ein Verbrechen zu begehen: „Im Knast ist es besser als draußen“.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p> </p><p>Zwei einander fremde Menschen treffen aufeinander, kurz darauf ist einer von ihnen tot. So zufällig ihre Begegnung auch ist - der Täter hat gezielt ein Opfer gesucht. Sein Motiv laut Anklage so verstörend wie sonderbar: Er plante seine „Sozialflucht“, wie es seine Verteidiger nennen. Eine Tat zu begehen, so schwerwiegend, dass diese ihn für lange Zeit in das Gefängnis bringt, in Fürsorge.</p><p>29 Jahre ist der schmächtige Andreas, als er offenbar zum ersten Mal in seinem Leben etwas bis zum Ende durchzieht. Sein echter Nachname ist ein Synonym für Vorsatz, Plan, Streben, Konsequenz - es ist im Gericht wie im Leben oft eigenartig, wie ein Name scheinbar zum Programm wird. Das unscheinbare, unbeschriebene Blatt begeht einen Mord.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/48137a42-b9b0-4091-b689-06785c063e3c">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Vor Gericht]]></category>
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      <pubDate>Thu, 19 Jun 2025 13:18:34 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Warschau, 90er]]></title>
      <description><![CDATA[1991 muss es gewesen sein, wenn ich mich richtig erinnere, es war jedenfalls in meinem letzten Schuljahr, kaufte ich mir spontan eine Fahrkarte nach Warschau...]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Ich bin ein einziges Mal nach Warschau gefahren. Auf der Suche nach einem Anschluss, nach einem Bild für die nicht erzählten Familiengeschichten, ich wollte die Orte sehen, an denen Vorfahren gelebt hatten und von denen es keine mehr gab. „Krochmalna“ - der Straßenname war so gut das Einzige, was ich je von Warschau gehört hatte, der einzige Hinweis auf einen Ort, zu dem es einen, wie auch immer gearteten, Bezug zu geben schien. Nicht einmal, ob da gelebt, gewohnt wurde irgendwann von irgendwem wusste ich sicher, nur der Straßennamen blieb mir als Kind im Ohr. Vielleicht nur wegen des gurgelnden <em>Kr</em>, dem krächzenden <em>ch</em>, <em>Kroch</em> und <em>Malna</em>, was mich an <em>Malenka</em>, die Schwarze, denken ließ, so wie mich polnische Kinder in den Ferien dort riefen.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/f2b61023-fae5-4133-b9d3-ca30250a057c">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Orte]]></category>
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      <pubDate>Tue, 27 May 2025 09:37:36 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Berlin, Prenzlauer Berg]]></title>
      <description><![CDATA[Ich kneife die Augen zu, wenn ich jetzt dort bin - täuschen mich meine Erinnerungen? Aber hier war doch…?]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Die Oderberger vor drei Jahren wieder zu betreten war ein Schock.</p><p>So hell und vor allem so farbenfroh war sie geworden. Ich kannte sie nur grau in allen Schattierungen. Über zwanzig Jahre hatte ich den Stadtbezirk, in dem ich zu DDR-Zeiten aufgewachsen war, nicht mehr aufgesucht. Ich war zum Studium nach Frankfurt am Main gezogen und blieb dort hängen. Wenn ich nach Berlin zurückkehrte, verbrachte ich die Zeit im Westteil, wo Freunde lebten, die ich kurz nach der Wiedervereinigung der Stadt kennengelernt hatte und die meine Zweitfamilie wurden. Von meinen alten DDR-Freunden und Bekannten von früher wohnte fast keiner mehr im Prenzlauer Berg, die meisten waren eins weiter nach Pankow geflüchtet, wo ich zur Oberschule gegangen war. Es gab niemanden mehr zu besuchen für mich im alten Viertel, den nun alle „Kiez“ nannten und „Prenzlberg“.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/4af9dc1d-4edf-4e8b-9229-d32133808345">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Orte]]></category>
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      <pubDate>Thu, 22 May 2025 18:43:40 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[D Dämmerung]]></title>
      <description><![CDATA[Bleibt, bitte, bleib hier, geh nicht in die Nacht lief ihr durch den Kopf in Endlosschleife, doch das war entschieden zu theatralisch, um ihr über die Lippen zu kommen. ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>D</h1><h3>Dämmerung</h3><p>Als würde sie selbst etwas besser im Griff haben. Als würden sich nicht auch zu Hause bei ihr unbeantwortete, ungeöffnete Briefe stapeln, ihr Koffer von der letzten Reise noch immer unausgepackt in ihrem Arbeitszimmer stehen, ihr Sakko noch Tage nach ihre Rückkehr achtlos hingeworfen auf dem Sessel liegen. Sie sah auf das erlesene Schachbrett des Freundes, das staubbedeckt war und dessen Figuren genauso ratlos verharrten, wie sie sie vor Monaten stehengelassen hatte und zog die Luft ein. Vielleicht spielte es keine Rolle. Unordnung, etwas Dreck überall, die Luft trotz geöffneter Balkontür nikotingesättigt, nichts von Bedeutung, kein Symptom, ein bisschen sich gehen lassen, weiter nichts.</p><p>Die weiße Königin und ihr wertvollstes Gefolge, die sie im Spiel gegen sich selbst geschlagen hatte, guckten immer noch resigniert umeinander gescharrt neben dem Spielbrett auf den Triumph der schwarzen Dame, deren Läufer ihnen sein undurchdringliches Gesicht zugewandt hatte.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/7f0069cd-5dc8-4497-a4da-88d499da2b90">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Alphabet]]></category>
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      <pubDate>Wed, 21 May 2025 16:46:28 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[K Krieg]]></title>
      <description><![CDATA[Endlich war die Frau den Mann los. Endlich gehörte das Haus ihr. Ihr ganz allein. Jahrzehnte hatte sie verbissen auf diesen Moment hingelebt...]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>K</h1><h3>Krieg</h3><p></p><p>Endlich war die Frau den Mann los. Endlich gehörte das Haus ihr. Ihr ganz allein. Jahrzehnte hatte sie verbissen auf diesen Moment hingelebt, fest entschlossen, als triumphale Siegerin dieses Stellungskrieges vom Schlachtfeld zu gehen.</p><p>Jetzt würde es beginnen, das schöne Leben.</p><p>Es war keine glückliche Ehe, von Anfang an nicht, und als der Mann dreiunddreißig war, überrollte ihn ein Zug.</p><p>Ein übersehenes Warnsignal. Betriebsunfall. Er überlebte die folgenschwere Unachtsamkeit seiner Kollegen bei der Bahn, deren Arbeiten an der Schiene er zu beaufsichtigen hatte. Überlebte irgendwie.</p><p>Man rettete ihm die Beine, die nurmehr nutzlos waren, man rettete sein Leben und doch nicht ganz. Ein Jahr lag er im Krankenhaus und wollte nicht kämpfen. Man entließ ihn im Rollstuhl in sein Haus, gab ihn der ungeliebten Frau zurück, die ihn hasste. Deren Gedanken schon seit Jahren darum kreisten, ihn loszuwerden. Wenn nur die Leute dann nicht tratschen würden. Und nun, nun, statt seiner entledigt worden zu sein, ohne die Initiative ergreifen zu müssen, kehrte er zurück. Als Krüppel. Als verbeamteter Krüppel, wenigstens, nicht ganz nutzlos. Das Staatsunternehmen, das die Bahn damals noch war und ihn glücklicherweise gerade noch rechtzeitig in den Status eines gut abgesicherten Staatsdieners gehoben hatte, zahlte pflichtschuldig und großzügig alle Umbauten an Haus, Hof und Auto und eine Pension, durch die die Frau auch weiterhin nicht würde arbeiten gehen müssen oder sonstige Einschränkungen in ihrer gewohnten Lebensführung hinnehmen musste. Außer der gewaltigsten: ihn im Haus zu haben, nun jeden Tag, den ganzen Tag.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/e6d0b12d-7f40-4f7f-9c76-4606496ccdfc">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Alphabet]]></category>
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      <pubDate>Thu, 25 Apr 2024 12:34:52 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[C Chuzpe]]></title>
      <description><![CDATA[Alles musste laut sein. Er gierte nach Leben und war bereit, jeden Preis zu zahlen. Das war das einzig Aufrichtige an ihm.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>C</h1><h3>Chuzpe</h3><p></p><p>Sein Lächeln war überaus gewinnend. Die Augen strahlend blau, ein Blau von Bergseen. »Stahlblau« nannte man das hierzulande. Die Haare blond, dicht, ein bisschen struppig, eine Frisur, wie gerade aus dem Bett gekrochen. Aus dem Bett einer Frau natürlich. Einer der vielen.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/4e5add84-0467-41db-a464-aa5904abc111">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Alphabet]]></category>
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      <pubDate>Sat, 11 Nov 2023 22:45:42 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[N Nebenleben]]></title>
      <description><![CDATA[(Depression) Beharrlich nagen die schwarzen Quälgeister an ihrer Beute, unnachgiebig, jahrzehntelang. Die schöne Fassade steht, dahinter das nackte Elend des Daseins.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>N</h1><h3>Nebenleben</h3><p>Eigenartig, wie das Wissen über Dinge die Wahrnehmung eintrübt. Als wäre das eigene Gepäck nicht schon Bürde und Brille genug, die Sicht zu verstellen. Der See ist schön, klar sein Wasser, grün spiegeln sich die Bäume wider. Ein geradezu himmlischer Ort in seiner Schönheit und dem Frieden, den er ausstrahlt. Ausstrahlen könnte, wenn man nicht um seine Tiefen wüsste und sich in den Blick, der sich so sehr nach Ruhe sehnt, nicht Bilder schieben würden, die dem Ort verhaftet sind. Im Hier und Jetzt, nur in diesem Moment zu sein, nicht vor, nicht zurück denken, sich hingeben und die immer rotierende Maschinenfabrik im Kopf abschalten, nur blind sehen, das Wasser hören und eine Berührung spüren und sich wegtragen lassen. Hier, an diesem himmlischen Ort, ist jemand ins Wasser gegangen, dort, an diesem Ufer hat sich jemand erschossen.</p><p>Neben ihr fröstelt jemand seligen Lächelns ob der Schönheit, der sich Wochen später das Leben nehmen wird. Sie weiß es schon in dem Moment, während sie dasitzen und auf das Wasser schauen, froh und zufrieden wegen des Friedens des Ortes, des Wassers, des warmen innigen Gefühls zwischen ihnen.</p><p>Sie weiß es seit langem.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/11dbd708-7fcb-4a4c-a60e-b446a38a03cb">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Alphabet]]></category>
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      <pubDate>Tue, 26 Sep 2023 21:18:11 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Der sitzt hier unschuldig]]></title>
      <description><![CDATA[Die im Dunklen sieht man nicht: »Keine schöne Kindheit, keine schöne Jugend«.  Ein zugewandtes Gericht und ein Prozess, der sich gänzlich dreht.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p><h3><em>Die im Dunkeln sieht man nicht</em></h3><p>Eine halbe Stunde nach der Urteilsverkündung steht auf der Straße vor dem Gerichtsgebäude ein glücklicher Mann. Ein Strahlen im Gesicht. Man hielt es kaum für möglich, dass dieses Gesicht ein solch glückseliges Strahlen vollbringen kann. Der Mann reckt die Faust zu Gruß und Sieg und probiert ein Lachen. Die Muskeln in seinem Gesicht wissen nicht mehr so recht, wie sie dieses vollbringen sollen. Es wird schief und unbeholfen daher und rührt sehr.</p><p>Ein eigenartiges Verfahren war das. Der Mann war ursprünglich angeklagt wegen Totschlags, weil er mit einem Messer auf jemanden losgegangen war. Der andere überstand den Angriff und entließ sich selber aus dem Krankenhaus ins irgendwo, niemand weiß, wohin. So kommt es, dass der „Geschädigte“, wie es vor Gericht heißt, als Zeuge nicht erscheint. Und dergestalt verschwunden ist, dass ihn die Ermittlungsbehörden, trotz wiederholter Versuche, nicht vermögen aufzufinden. Unter sämtlichen bei diversen Bekannten hervorgebohrten Adressen bleibt das „Opfer“ unauffindbar.</p><p>Nun gibt es ein Verfahren vor dem Landgericht nur mit dem Beklagten und der Zeugin der Tat. Nicht nur Zeugin ist sie, Auslöser des ganzen Geschehens soll sie gewesen sein.</p><p>Auch sie erscheint zu ihrer ersten Ladung nicht.</p><p>Der Angeklagte Jens, die Zeugin Rebekka, das spätere Opfer Sven, hatten sich „im Kreisel“, dem grünen Innern eines Kreisverkehrs getroffen. Dem Treff der Gestrauchelten des Stadtteils. Sie beschlossen, den Nachschub an Bier aus dem Supermarkt zu dritt in Svens Wohnung zu trinken. Rebekka und Jens waren seit zehn Jahre befreundet, mit Sven war Rebekka liiert.</p><p>Jens gibt einen aus. Er bezahlt das Bier für sich und Sven und den Wodka für Rebekka. Jens braucht nicht so viel Bier, Alkohol ist eigentlich nicht so seine Sache. Heroin eher. Aber das substituiert er mit Methadon. Die Höchstmenge von 10 ml kriegt er verabreicht. Bisschen Crack nimmt er noch dazu und ein paar Benzos.</p><p>Da sitzen sie nun in der Wohnung, in die sie vor allem gegangen sind, um eine Shisha zu rauchen, mit Hasch. Diese Wohnung, in der hat doch früher die und die gewohnt, fällt Jens plötzlich ein. „Ist das nicht komisch“, sagt er laut, und klopft Rebekka auf den Rücken, „dass wir plötzlich in dieser Wohnung zusammensitzen!“ Diese vertrauliche Geste ist für Sven, der „extrem eifersüchtig ist“, wie Rebekka sagt, zu viel. Er rastet aus, der Alkohol hilft dabei. Die Männer ringen miteinander. Rebekka widmet sich dem Wodka und mischt sich nicht ein. Vielleicht, weil sie nicht mehr kann, vielleicht aber, weil Sven öfter mal zuschlägt. Jens fällt durch die offene Tür in Svens Rumpelkammer und nach einem Stoß von Sven mit dem Kopf gegen die Heizung. Sven haut weiter zu, da kriegt Jens ein Teppichmesser zu fassen aus der Werkzeugkiste, die da rumsteht und fuchtelt damit zur Abwehr herum. Er verletzt Sven am Oberkörper, was er selbst so recht nicht bemerkt. Dann gelingt es ihm, aus der Wohnung, aus dem Haus zu kommen.</p><p>Vor der Haustür fällt ihm auf, dass sein Schlüssel fehlt.</p><p>Er klingelt, keiner öffnet. Er steht vor dem Haus und brüllt hoch zu Rebekka, sie solle ihn reinlassen, sein Schlüssel! Stattdessen erscheint Sven an der Haustür und hat eine Pistole dabei. Durch das Treppenhaus des Fünfzigerjahrehauses hat er eine Bluttropfenspur gezogen. Die zweite Szene zwischen den Männern vor der Haustür sehen halb und hören ganz diverse Nachbarn, je nach Sichtfeld ersteres.</p><p>Diese Notwehrgeschichte, die Jens mit Unterstützung seiner Verteidigerin schildert, ist neu für die Kammer, hat die Staatsanwaltschaft doch in ihrer Anklage auf versuchten Totschlag eine Absicht unterstellt, einen gezielten Angriff. Da Sven nicht zu Verfügung steht, bleibt nur Rebekka um herauszufinden, welche Version stimmen könnte - oder ob es eventuell noch eine dritte Fassung des Geschehens gibt.</p><p>Rebekka wird ein Ordnungsgeld, ersatzweise Ordnungshaft, verordnet für ihr Nichterscheinen zur ersten Ladung. Einer der Wachtmeister meldet der Kammer, dass draußen ein Herr säße, der neue Lebensfährte von Rebekka sei er, sage der. Der Herr habe, „gestern gehört, dass sie bei der Polizei eine Falschaussage gemacht hat und ein Unschuldiger hier in Haft“ ist. Er bäte darum, als Zeuge vernommen zu werden. Die Kammer, überlastet mit zu vielen Verfahren, will die terminierte Zeit nicht ungenützt verstreichen lassen. Dann solle der Wachtmeister den Herrn hereinbitten.</p><p>Auftritt Kurt. „Ich kenn’ die Gesetze besser als Sie“, startet der „Fliesenlegermeister“, der „gestern extra mit der Rebekka aus Eisenach“ hierher nach Frankfurt gefahren sei. Wegen ihrer Aussage. „Seit sechs Monaten“ ist er mit „der Rebekka nun zusammen. Passen Sie auf, ich zahl ihre ganzen Geldstrafen.“ Der Jens, „der sitzt hier unschuldig“, Rebekka habe ihm gestern alles erzählt. „Toxikomanen sind das ja alles. Ich war gestern bei den ganzen Junkies und hab denen gesagt, sie sollen alle herkommen und Aussage machen, das hat die alle nicht interessiert. Ich hab‘ halt noch nie Alkohol oder Drogen genommen.“ Nach „noch nie“ sieht er eigentlich nicht aus. Seine Stimme klingt nach schlechtsitzendem Gebiss. „Ich war früher böse, heute net mehr“, erläutert er und fügt als Erklärung hinzu, „Ich hab’ jeden Hells Angel hier zusammengeschlagen, glauben Sie’s mir“.</p><p>„Glauben Sie’s mir“, scheint seine Lieblingsredewendung zu sein. „Die Rebekka hat Angst. Der Sven hat ihr die ganze Wohnung zerlegt, hat sie geschlagen. Ich mag so Menschen net.“ Ganz ausgeschlossen, dass Rebekka jetzt noch befragt werden könne und strafen könnte man sie dafür auch nicht. „Die geht zum Arzt und holt sich ein Attest und schickt es Ihnen. Die ist total betrunken. Mit der können Sie heute nicht mehr reden, glauben Sie’s mir.“ In einer halben Stunde hätte sie eine Flasche Wodka abgezogen. Ob er Rebekka zum nächsten Verhandlungstermin herbringen könne, fragt die Beisitzende Richterin. „Ich bring beide her, ich pack den in den Kofferraum. Ich mach sowas gerne!“ Der Kammer wird es mulmig. „Das machen Sie nicht! Das lassen Sie schön sein!“</p><p>Ein junger Beamte des Reviers, in dem die Beteiligten alle wohnen, im Zeugenstand. Ob er Kurt kenne, den „neuen Lebensgefährten“ von Rebekka, wird er als erstes gefragt. Der Polizist lässt kurz seine langen, dunklen Wimpern den Blick verstellen, er lächelt leise. Der Herr „beschäftigt uns jeden Tag“, antwortet er sehr freundlich, „er ist auch phänomenalerweise an jedem Tatort dabei.“ Auch sei der „komplett in der Szene drin. Mal ist er dabei, mal nicht. BTM weiß ich nicht, Alkohol ja.“ Aber er habe sich hier der Kammer vorgestellt als jemand, der arbeitet, auf Montage ist, Liechtenstein, Thüringen, wie könne er da jede Woche auf der Wache aufkreuzen? Der Beamte lächelt wieder höflich. „Die Erfahrung sagt, dass nichts stimmt“, was Kurt vermeldet.</p><p>Zum nächsten Verhandlungstermin wird Rebekka von der Polizei abgeholt. Sie muss noch warten bis sie dran ist, im Souterrain des Gerichts, dem Vorführraum. Jens’ Bruder Michael wird vor ihr gehört. Wie Jens ein hochgewachsener Mann, in dessen Gesicht Elend und Kummer mit groß geworden sind. Ein geregeltes Leben, wie es immer heißt, führt er; gelernt hat er Elektroinstallateur und arbeitet als Hausmeister. Er spricht laut, wie ein Gehetzter, er steht im Ring, Bescheid geben will er den Studierten hier aus den feinen Familien. Er gibt sich Mühe mit angehörten psychologischen Begrifflichkeiten, die seltsam in seine Sätze fallen und von ihm mit Zähigkeit verteidigt werden. Fünf Kinder waren sie zu Hause, „zwei sind verstorben“. Jens ist der Jüngste. „Meine Mutter war schwer zuckerkrank. Dialyse, Herzinfarkt, Zehen ab. Wir mussten schwer kämpfen, schwer kämpfen! Keine schöne Kindheit. Keine schöne Jugend.“ Jahrelang habe sich das „innerlich aufgestaut. Ich war wie mein Bruder, aggressiv.“ Er wird lauter: „Was ich bin, kann er auch werden, aber nur mit Hilfe! Das ist ein Hilferuf!“ Auf die Frage der Beisitzenden nach Mutters Mann antwortet er, sein Arm hebt sich und fängt sich wieder ein, die Stimme tränenloser Abgrund: „Bitte sprechen sie nicht über den Lebensgefährten! Seelische Grausamkeit!“ Geschlagen habe der die Mutter, „bin ja mit zwölf, dreizehn dazwischen, um meine Mutter zu schützen. Wir haben uns unter den Betten versteckt, wenn der nach Hause kam, so Angst hatten wir vor dem.“ Sein kleiner Bruder, „ich seh’ in ihm noch einen guten Menschen“, hat wohl einen Hauptschulabschluss, aber keine Lehre, soviel er wisse. Dann dreht er auf. Fallada, <em>Jeder stirbt für sich alleine</em>, denkt man, wenn man ihn hört. „Innerlich geht man kaputt“, sagt Michael über den Tod des einen Bruders, doch nun klingt er, als müsse er sich verteidigen, als Älterer Jens nicht geholfen zu haben. „Fußball ist unser Leben. Er hat auch Fußball gespielt. Das braucht er! Und Arbeit braucht er! Und einen Psychologen, das braucht er! `Ne neue schöne Lebensgefährtin!“ Die Vorsitzende, eine ältere, mädchenhafte Dame, wirft mit ihrer dünnen Stimme nach Art von Grundschullehrerinnen ein, „Aber das muss man sich alles erarbeiten. Das muss man sich erarbeiten“. Michael spricht weiter, darüber hinweg: „Aber wenn man in einer Siedlung wohnt und mit dem halben Strafgesetzbuch rummacht, da wird das nichts! Da wird das nichts!“ Als Jens mal „eine Lebensgefährtin hatte, da hat er gearbeitet, da war er fröhlich. Eine Therapie hat er gemacht und war elf Jahre lang clean“, auf dem Land lebte er da. Aber nun, „immer auf Abwehr, immer auf Abwehr. Es könnten ja böse Menschen kommen.“ Ob denn der Bruder aggressiv sei, will der psychologische Sachverständige wissen. „Wenn jemand laut mit uns spricht, da werden wir aggressiv, da fühlen wir uns angegriffen.“</p><p>Jens, über dessen Gesicht während der Vernehmung des Bruders auf eigenartige Weise Zartheit und Jungstrotz gezogen sind, hat genug. „Einen Müll, den ich hier höre. Der hat doch die ganze Zeit mit mir keinen Kontakt gehabt.“ Es klingt eher erschöpft. Seine Verteidigerin legt ihm beruhigend die Hand auf den Arm. Jens wirft den Stift, den er hielt, vor sich auf den Tisch und lehnt sich zurück, den Blick zur Decke. Michael, bevor er den Saal verlässt, sagt ihm: „Schreib mir.“ - „Ja, ja“, antwortet Jens.</p><p>Rebekka soll nun gehört werden. Einer der Wachtmeister vermeldet skeptisch, „Die hat unten eine Flasche abgetrunken, Schnaps.“ - „Das braucht sie aber auch“, beschwichtigt ihn die Beisitzende Richterin. Die Vorsitzende bittet daraufhin den Sachverständigen, doch mal nach unten zu gehen und sich die Zeugin anzuschauen. Zurück im Saal schüttelt der Psychiater nur mit dem Kopf. Rebekka „liegt auf dem Boden, reagiert nur auf stärkere Schmerzreize. Da sie ja sonst mit 3,5 noch läuft, muss sie mehr haben.“ Er habe den Krankenwagen gerufen.</p><p>Rebekka entlässt sich aus dem Krankenhaus nach einer Nacht. Im dritten Anlauf gelingt es, sie zu hören. Diesmal hat man zwei Wachtmeisterinnen auf Rebekka angesetzt, die, mit Unterstützung durch den forensischen Psychiater dafür sorgen sollen, dass sie kontrolliert trinkt und sich nicht ausknipst. Die zwei Beamtinnen nehmen hinter Rebekka Platz im Verhandlungssaal. Eine hält die Wodkaflasche, in der Vierfünftel fehlen, die andere einen Plastikbecher. Kurt sitzt mit einen Strauß Rosen in Plastikfolie im Zuschauerraum, Sonnenbrille auf, er wedelt mit einem Kuvert der Bahn, unterrichtet die Leute im Saal in Rebekkas erster Trinkpause von seinen Plänen, sie wieder mit nach Thüringen zu nehmen, „aus dem Milieu“. Ein Retter. Die Wachtmeister müssen ihn bremsen, nicht dazwischenzureden bei Rebekkas Vernehmung. Sie ist voller Abwehr. Sieht nicht in seine Richtung, ihr Gesicht verschließt sich, sobald er sich bemerkbar macht. Vor der Kammer gibt sie sich Mühe. Als „leicht entzügig“ hatte sie der Psychiater beschrieben. Ihre Hände wandern über ihr Gesicht, ihre Arme, sie versucht dem etwas Geführtes zu geben, das Kribbeln unter ihrer Haut springt den Betrachter an. „Durch die Wohnung geprügelt“ habe Sven Jens. „Freundschaftlich auf die Schulter geklopft hat der Jens mir. Vielleicht kann ich das mal kurz demonstrieren?“ Rebekka klopft der Wachtmeisterin, die die Wodkaflasche hält, kurz leicht auf ein Schulterblatt. „Der Sven ist furchtbar. Der ist sehr aggressiv. Hat mir schon mehrfach den Aschenbecher ins Gesicht gehauen.“ Das passt zu den Schilderungen der Nachbarn, die Rebekka schon oft blutend im Treppenhaus vorfanden. „Wenn Sven nicht wieder abgedreht wäre mit seinem psychopathischen Schädel…“ - sie dreht sich funkelnden Auges dies eine Mal zu Kurt im Zuschauerraum um.</p><p>Sven bleibt unauffindbar, zu Jens’ Glück. Die Beamten öffnen mit richterlichem Beschluss die Wohnungstür „der revierbekannten Person“, um Hinweise auf seinen Verbleib zu finden. Nichts zu machen. Der Mann hat unbezahlte Geldstrafen und wohl Gründe, sich nicht finden zu lassen.</p><p>Eine Rechtsmedizinerin beschreibt die Verletzungen beider Männer. Sven hat sie im Krankenhaus, Jens in der Untersuchungshaft am Tag nach dem Geschehen besucht. Das Bild passt zu der geschilderten Schlägerei der Männer.</p><p>Die Schöffin steckt sich einen Bonbon nach dem anderen in den Mund, knistert mit dem Papier, dreht es schließlich in Fusilliform und legt es parallel zu den anderen Bonbonpapieren, wie alle Verhandlungstage.</p><p>Von seiner Verteidigerin aufgefordert, berichtet Jens kurz angebunden noch eine Handvoll Details seiner Biografie. Der Schulabsturz nach der Achten, das Kinderheim, das erste Kiffen, das erste Klauen. Die Therapie und die guten elf Jahre clean mit Arbeit und Freundin. Ihm sterben die Leute und schon ist er wieder drauf. Der eine Bruder, der andere Bruder, die Mutter. Die Therapie allerdings wäre nichts für ihn und will er auch nicht wieder, sagt er zum Sachverständigen. „Immer reden in der Gruppe. Es geht die Leute nix an. Meine Gefühle. Gruppe, das ist nicht mein Ding.“</p><p>Die Staatsanwaltschaft bleibt beim Totschlag. Mit Strafrahmenverschiebung: die Drogen, das Geständnis, eigene Verletzungen und „Spontantat“ errechnet sie fünf Jahren, drei Monaten.</p><p>Jens’ Verteidigerin beginnt ihr Plädoyer mit dem Kommentar, dass sie wohl in einer anderen Hauptverhandlung gesessen hätte, sie fordert Freispruch. Die Kammer greift das Motiv auf, sie wäre dann wohl auch in einer anderen, einer dritten Hauptverhandlung gewesen. Das Urteil, dass sie verkündet, lautet auf zwei Jahre zur Bewährung. „Das haben wir öfter im Schwurgericht, dass ein Geschehen sich in der Hauptverhandlung anders darstellt als in der Akte.“</p><p>Jens fällt seiner Verteidigerin um den Hals.</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Vor Gericht]]></category>
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      <pubDate>Thu, 21 Sep 2023 18:17:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Warum hast Du mich nicht umgebracht]]></title>
      <description><![CDATA[Ornob schüttet siedendes Öl in das Gesicht seiner Frau, um sie zu zeichnen. Ein Prozess, der auch über die Zwänge einer Frau in einer geschlossenen Community berichtet.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p><p><em> „Ist ihre Frau mit ihnen zwangsverheiratet“, fragt der Vorsitzende Ornob. „Nein. Ihr Vater war einverstanden.“</em></p><p>Vor Beginn der Verhandlung fragt der Vorsitzende der Großen Strafkammer die Schüler, die im Zuschauersaal sitzen, wie alt sie sind. „Diese Verhandlung ist für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren nicht geeignet“; er bittet die zwölf, dreizehn Jahre alten Kinder den Saal zu verlassen.</p><p>Ornob Rahman Lashkar ist wegen schwerer Körperverletzung angeklagt. Er hat seiner Frau Shoma Bindu eine Tasse mit siedendem Speiseöl über das Gesicht gegossen, „um sie hässlich zu machen. Damit sie keinem anderen Mann mehr gefällt“.</p><p>So steht es in der Anklageschrift.</p><p>Ornob wird in Handschellen vorgeführt. Ein Dolmetscher für Bengali nimmt neben dem Mann, der seit vierundzwanzig Jahren in Deutschland lebt, Platz.</p><p>Shoma, deren rechte Gesichtshälfte und die zur Abwehr erhobene rechte Hand verbrannt wurde, ist seit zehn Jahren in Deutschland. Ornob hat sie in Bangladesch geheiratet, ihr erster Sohn ist noch dort geboren worden. Sie ist beinahe achtzehn Jahre jünger als ihr Mann. Beider gemeinsamen Söhne, fünfzehn und sechs heute, waren bei dem Attentat auf ihre Mutter dabei.</p><p>Shoma kommt in Begleitung eines Zeugenbeistands. Als sie den Saal betritt, heult ihr Mann los. Da Shoma kein Deutsch spricht, muss sie permanent in seine Richtung schauen, da der Übersetzer neben Ornob sitzt. Sie beruft sich auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht. Anders, als in den Vorgesprächen mit ihrem Anwalt abgesprochen, widerspricht sie auch der Verwertung ihrer Aussagen bei der Polizei vor Gericht. Als ihr die entsprechende Frage danach gestellt wird, schütteln Ornob und sein Verteidiger leicht mit dem Kopf. Die Staatsanwältin sieht das, der Anwalt von Shoma auch. Er protestiert gegen die „Beeinflussung der Zeugin“. Es wird kurz laut zwischen den Strafverteidigern. Die Ärzte entbindet Shoma jedoch von der Schweigepflicht.</p><p>Ihr Mann möchte eine Erklärung abgeben, meldet sich Ornobs Verteidiger. „Frau Lashkar, möchten sie die hören?“, fragt der Vorsitzende. Während Ornob jammert und klagt, wie leid ihm die Sache täte, schaut sie gesenkten Kopfes vor sich hin. „Was soll ich sagen“, übersetzt der Dolmetscher ihre Worte danach. „Ich möchte meinem Mann vergeben. Er ist krank und hat einen Fehler gemacht und wird in Zukunft so etwas nicht mehr machen.“ Sie setzt hinzu: „Ich habe auch Schwierigkeiten, hier zu leben“.</p><p>Die Notrufe werden abgespielt. Zahir, der damals vierzehn Jahre alte Sohn, ist zu hören: „Mein Vater hat meiner Mutter heißes Öl ins Gesicht getan.“ Man solle schnell kommen, „Schnell, schnell und einen Krankenwagen“ besorgen. Im Hintergrund sind die entsetzlichen Schreie der Mutter zu hören. Der Polizist versteht den Jungen, der erstaunlich orientiert klingt, nicht: „Ihr Vater hat ihre Mutter geschlagen?“- „Nein! Heißes Öl ins Gesicht!“ Zahir lindert die Folgen des Angriffs, denn er zerrt seine Mutter ins Bad und lässt kaltes Wasser über ihr Gesicht rinnen, bis die Rettungskräfte kommen und Shoma in eine Spezialklinik für Verbrennungsopfer bringen. Die Polizei folgt dem Krankenwagen mit den Söhnen. Noch in der Nacht nimmt das Jugendamt die beiden Kinder für die Dauer des Krankenhausaufenthaltes der Mutter in Obhut. Ornob, der einige Stunden nach dem Geschehen in die verlassene Wohnung zurückgekehrt war, wird verhaftet und kommt in Untersuchungshaft.</p><p>Elf Tage, fest bandagiert, liegt Shoma auf Station. Zahir ist ihr Vermittler und Dolmetscher. Diese Aufgabe hat er bis heute.</p><p>Der erste Brief von Ornob, einen Monat nach der Tat aus dem Gefängnis geschrieben, ist Bestandteil der Akte und wird in der deutschen Übersetzung verlesen. „Wenn ein Mensch in Wut gerät, vollbringt er schlechte Taten.“ Shoma solle ihn hier rausholen. Ohne ihn könnte sie in diesem Land sowieso nicht leben, nicht allein zurechtkommen. Die Wohnung werde sie verlieren, Bußgelder zahlen müssen, das Jugendamt ihr die Kinder wegnehmen, dekliniert er ihr darin vor. Er teilt ihr mit, wann und wo sie das Kindergeld abholen müsse, der Pass zu verlängern ist. „4. Stock, Sprechzeiten von 8 bis 11“. Ihm ist die „elterliche Sorge“ seit dem Geschehen entzogen. „Die Flammen der Hölle lodern ständig in meinem Herzen.“ Es gibt noch zwei andere Briefe auf Bengali, die der Vorsitzende gerne einführen möchte, doch der Dolmetscher sieht sich außerstande, diese hier und jetzt zu übersetzen. „Es ist sehr schwierig zu übersetzen von Bengali. Es braucht Zeit. Gleich übersetzen ist unmöglich.“ - „Ist das nicht ihre Muttersprache?“, entgegnet der Richter verwundert. Er klingt leicht ungehalten.</p><p>„Das ist sehr schwer. Deutsch-Bengali ist so unterschiedlich“, schüttelt der magere, kleine Mann im zu großen Sakko sorgenvoll den Kopf.</p><p>Der älteste Sohn wird als Zeuge gerufen. Zahir. Fünfzehn Jahre jetzt, Schüler. Er spricht perfekt Deutsch. Und möchte aussagen. Der Vorsitzende erklärt ihm sehr zugewandt, dass er sich weder nach links, wo sein Vater mit seinem Verteidiger sitzt, noch nach rechts zur Staatsanwältin und seiner Mutter mit ihrem Anwalt wenden müsse, sondern nur ihm zu. „Sie brauchen sich auch nicht auf jemand anderen einlassen. Sie brauchen auch mit niemand anderem reden. Können Sie mir berichten, was vorgefallen ist?“ Zahir hebt an. Er spricht klar und sachlich und zum Mitschreiben der Verfahrensbeteiligten. „Abends ist es passiert. Er ist von draußen gekommen. Er hat eingekauft. Wegen der Streitigkeiten haben meine Mutter, mein kleiner Bruder und ich beschlossen, dass er auszieht in ein Hotel.“ Was der Vater nicht wollte. Die Mutter packte daraufhin für sie. „Ich dachte auch, es wäre gut, ein paar Tage wegzugehen.“ Der Vater erhitzte Öl in einer Pfanne. „Dann hab‘ ich den Herd ausgemacht. Ich dachte, er wollte Essen machen, aber da wir weggehen wollten und nicht essen, hab ich’s ausgemacht.“ Zahir widmet sich wieder dem Packen. Plötzlich nimmt er den Geruch siedenden Öls wahr, „Es hat gestunken. Er muss es wieder angemacht haben. Er kam angerannt mit einer Tasse. Hat meine Mutter an den Haaren gezogen“ und ihr dann das Öl ins Gesicht gegossen. Aus einer „schwarzen Tasse mit Blumen. Die hat er danach einfach hingeworfen. Die ist dann auch kaputtgegangen. Dann ist er weggerannt. Ich hab‘ schnell den Duschkopf angemacht, meiner Mutter geholfen. Die Polizei gerufen. Ich hab‘ ihr kaltes Wasser ins Gesicht getan.“ Zahirs Stimme behält ihren ruhigen, gemäßigten Ton. Der Vorsitzende beugt sich vor und legt den Kopf schief: „Das war, glaube ich, sehr gut.“ - „Danke“, antwortet Zahir. „So konnte das Öl nicht einziehen in die Haut“ bescheinigt ihm der Richter, was die Rechtsmedizinerin später im Laufe der Verhandlungstage noch ausführlich erläutern wird. Einzig Zahirs beherztem schnellen Eingreifen ist es zu verdanken, dass die Entstellungen im Gesicht seiner Mutter milder sind, als zu befürchten gewesen wären.</p><p>Geschlagen habe sein Vater die Mutter nie, zumindest habe er das nie gesehen, antwortet Zahir auf die entsprechende Frage des Vorsitzenden. „Eifersucht gab es früher schon, das ging aber vorbei.“ Diesmal nicht. „Es hat ein Mann aus Bangladesch bei uns übernachtet. Er macht hier Geschäfte, er war schon öfter hier. Ich hatte auch bei ihm in Bangladesch Ferien. Der Gast schlief im Kinderzimmer, ich mit dem Vater im Wohnzimmer, meine Mutter mit meinem kleinen Bruder im Schlafzimmer. Ich rief meine Mutter gegen vier, fünf Uhr, weil es mir schlecht ging. Der Gast ist Muslim und betet fünfmal am Tag, deshalb war er schon wach. Er fragte meine Mutter, warum sie wach sei. Sie erklärte ihm, meinem Sohn geht es schlecht. Vater wurde wach und beschuldigte sie: was macht ihr da?“ Der Vater unterstellte der Mutter und dem Gast, dass sie die Nacht miteinander verbracht hätten. Empört verließ der Gast daraufhin das Haus und zog in ein Hotel. Der Vater entschuldigte sich, doch am nächsten Tag „fing das wieder an“, die Vorwürfe, die Streitereien wegen des Vaters Eifersucht. Es gab früher schon einmal so heftige Auseinandersetzungen, dass Zahir die Polizei gerufen hatte, sehr zum Unmut seines Vaters. Einmal, als seine Mutter zu ihm sagte, sie habe „ein schlechtes Gefühl“ schlief Zahir nachts bei ihr zum Schutz.</p><p>Wie seine Mutter die Sache verkraftet habe, möchte der Vorsitzende wissen. „Sie war erst mal lange schockiert. Es hat schon lange gedauert, bis wir das verarbeitet hatten.“- „Wie kommt ihre Mutter zurecht?“ - „In der ersten Zeit war es ziemlich schwer, auch finanziell. Die anderen Bengalen wissen auch Bescheid. Wir hatten eigentlich viele Kontakte. Durch diese Sache ist der Kontakt jetzt abgebrochen. Bis heute.“ - „Wie erklären sie sich das?“- „Vielleicht wurde etwas Falsches herumerzählt. Dass wir ihn weghaben wollten und ihn falsch beschuldigen. Dass es ein Unfall war.“</p><p>Ein Unfall - das ist Ornobs Version.</p><p>Zahir hat freiwillig die neunte Klasse wiederholt. Er musste so oft fehlen, um seine Mutter als Dolmetscher zu Terminen zu begleiten, dass er „schlechte Noten bekommen“ hatte. „Und darf ich fragen, wie kommen sie damit klar?“ - „Ja, ich hab‘ schon gemerkt, das gar nichts mehr wie früher ist. Wir brauchen ihn auch. Ob man ihm doch mal verzeihen könnte - ich bin immer noch am Überlegen… Es ist auch sehr schwer für uns ohne ihn.“</p><p>„Sie haben uns heute sehr beeindruckt“, entlässt ihn der Vorsitzende. „Da sind wir alle voller Bewunderung. Da können sie sehr stolz auf sich sein.“</p><p>Die Nachbarin aus der Wohnung unter den Lashkars ist in ihrem Notruf zu hören: „Bei den Nachbarn über mir hört es sich ziemlich nach häuslicher Gewalt an, schlimmer als ein Streit.“ In der Verhandlung berichtet sie, dass sie zunächst einen Knall gehörte habe, „den ich nicht einordnen konnte. Die Kinder weinten, da hab‘ ich Angst um die Kinder gehabt. Es hat sich sehr schlimm angehört. Als würde ein Körper gezogen. Ein Kind schrie ‚Papa‘. Irgendwann ist jemand durchs Treppenhaus gerannt.“</p><p>Einer der Ermittlungsbeamten schildert die Situation der Frau und ihrer Kinder, wie sie sich für die Polizei darstellt. Er bestätigt, was Shoma und Zahir nur andeuteten. „In der bengalischen Gemeinde wird die Wichtigkeit gesehen, dass die Familie wieder zusammenkommt. Er wurde sehr positiv dargestellt… Aus den Gesprächen mit diversen Bekannten ergab sich, dass es als ganz großes Problem angesehen wird in der Gemeinde, dass er in Haft ist. Es gibt in keinster Weise Rückhalt für sie und die Kinder, keine Unterstützung für sie. Die Gemeinde ist für ihn da.“ Ein anderer Polizist aus der Tatortgruppe berichtet eine Anekdote am Rande der Beschuldigtenvernehmung von Ornob. „Der erste Dolmetscher“, den die Beamten da hinzugezogen hatten, „zeigte sich verwundert. Er kenne die Methode anders: Wenn ein Mann eine Frau verehrt und abgewiesen wird, dann bestraft er sie, in dem er ihr heißes Öl ins Gesicht schüttet“, aber der Ehemann der eigenen Frau doch nicht. Die Staatsanwältin tauscht einen Blick mit dem Vertreter der Nebenklage.</p><p>Nach ein paar Tagen hat der Übersetzer die beschlagnahmten Briefe von Ornob aus der Haft an seinen Bruder in Bangladesch übertragen. Er habe seine Frau beim Geschlechtsverkehr mit dem Gast erwischt, steht darin. Der Bruder solle zu dessen Ehefrau gehen und ihr mitteilen, dass Shoma nun von diesem Mann schwanger sei. Shoma tue alles, was dieser sage und „wird auf seinen Rat mich nicht aus dem Gefängnis holen“. Dieser Brief ist zu viel für Shoma. „Meine Mandantin möchte eine Erklärung abgeben“, meldet sich ihr Anwalt. Der Dolmetscher antwortet in Bengali auf ihre ersten Sätze und muss erst ermahnt werden, nur wortgetreu zu übersetzen, statt einen Dialog mit Frau Lashkar zu führen, den niemand versteht. Was er schließlich überträgt lautet so: „Ich leide wirklich, was du getan hast. Ich kann jetzt nicht mehr nach Bangladesch gehen. Die bengalische Gemeinde macht uns wirklich Schwierigkeiten. Warum hast du mich nicht umgebracht? Jetzt fühl ich mich wirklich schlecht. Ich habe niemanden hier in Deutschland, nur dich. Deine Familie hat keinen Kontakt zu mir aufgenommen.“ Ornobs Verteidiger versucht, durch permanentes Dazwischenreden ihre Klage zu stoppen. Frau Lashkars Anwalt beanstandet das. „Ich kriege keine Unterstützung von den Bengalen. Es geht uns wirklich schlecht“, redet Shoma weiter. Dann bricht sie ab.</p><p>Er heult, den Kopf gesenkt wie alle Verhandlungstage. Sein ältester Sohn, statt in der Schule zu sein, sitzt im Zuschauersaal, ganz hinten. Für einen Moment entsteht eine Pause. „Sie müssen ihrer Mandantin sagen, dass wir das nur einführen können, wenn wir sie als Zeugin hören“, erinnert der Vorsitzende an die Strafprozessordnung. Für fünf Minuten wird unterbrochen. Mit Hilfe von Zahir spricht Frau Lashkars Anwalt mit ihr. „Die Mandantin bleibt bei ihrer Zeugnisverweigerung“, verkündet der Nebenklagevertreter resigniert, als alle wieder im Saal sind. Damit sind ihre Worte nicht zu verwerten. Sein Widerpart, der Verteidiger, bittet um eine Verschiebung der Verhandlung auf den nächsten angesetzten Termin, schon wegen der „problematischen emotionalen Schwingungen hier im Raum“.</p><p>Es kommen noch ein paar Zeugen aus der bengalischen Gemeinde, die davon reden, Kontakt zu pflegen und Hilfe zu bieten. Auf explizierte Nachfragen von Staatsanwaltschaft und der Kammer bleibt außer einem zufälligen Sehen von weitem auf der Straße nichts davon übrig. Einer, von dem die Kammer nach Aktenlage glaubt, dass er gleich im Krankenhaus auf Shoma einwirken wollte, von einem Unfall zu reden und den Mann aus der Untersuchungshaft zu holen, behauptet, sie habe dort zu ihm gesagt, sie liebe ihren Mann. „Das haben sie bei der Polizei aber so nicht gesagt“, wundert sich der Vorsitzende. „Da war ich total unvorbereitet“, ist die unfreiwillig komische Antwort des Mannes.</p><p>„Ist ihre Frau mit ihnen zwangsverheiratet“, fragt der Vorsitzende Ornob. „Nein. Ihr Vater war einverstanden“, übersetzt der Dolmetscher dessen Antwort.</p><p>Die Kammer verurteilt Ornob Rahman Lashkar wegen „gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit versuchter schwerer Körperverletzung“ schlussendlich zu vier Jahren. Auch Haftfortdauer wird angeordnet. Der freundliche jungenhafte Richter schlägt bei der Urteilsverkündung schneidigere Töne an. „Der Sohn muss damals“ bei seinem ersten Anruf bei der Polizei „schon befürchtet haben, dass ein schlimmes Unglück geschieht. Das macht man ja nicht so einfach, die Polizei zu rufen, wenn sich die Eltern streiten“. Der Richter erwähnt noch mal die „bemerkenswerte Aussage“ des Jungen. „Schmerzen ungeheuerlicher Stärke“ habe Lashkar seiner Frau zugefügt, sie „mehrere Wochen entstellt“, die Sonne müsse sie nun meiden, in der Nähe von Wärmequellen leide sie noch unter Schmerzen. „Sie ist gezeichnet von der Tat“, hat „eine Pigmentstörung und eine Narbe an der Stirn behalten und muss sich schminken“ um dies halbwegs zu verbergen. Auch psychisch ist sie beeinträchtigt, wird „jeden Tag an die Tat erinnert… Die Menschen aus ihrem Kulturkreis können sich denken“, was die Zeichnung bedeuten soll. „Lebenslang beeinträchtigt“ wird die Frau sein. „Sie und ihre Söhne sind in der bengalischen Gemeinde isoliert.“</p><p>Herr Lashkar verfolgt die Worte des Richters mit Hilfe des Dolmetschers zusammengesunken dasitzend wie alle Tage, die Brust in Herzhöhe mit einer Hand gefasst. Sein Verteidiger bittet um Unterbrechung, sein Mandant könne einen Herzinfarkt erleiden, müsse etwas trinken. „Dann soll er. Wir warten so lange“ bescheidet der Vorsitzende ungerührt, legt die Arme übereinander, wartet ab, bis der Angeklagte im Saal einen Schluck aus seiner Wasserflasche genommen hat. Unbewegter Miene setzt er fort:</p><p>„Aus der Tat spricht eine Gesinnung, die so abscheulich und menschenverachtend ist, wie wir sie auch im Gericht selten haben.“ Der Angeklagte „lebt seit 93 hier. Die Zeit ist lange vorbei, auch nur den Hauch eines Verständnisses zu haben“ für kulturelle Prägungen. „Das Seelenheil seiner beiden Söhne schwer beschädigt, in einem Ausmaß, dass noch nicht abzusehen ist“ habe der Angeklagte. In der Tat manifestiere sich „Rücksichtslosigkeit und Selbstsucht“.</p><p>Eine Frage allerdings kann auch dieser Prozess nicht beantworten: die Rolle der Übersetzer. Diskussionen über die korrekte Wiedergabe einer Aussage gibt es in vielen Verfahren, sie ist ja entscheidend. Ein Dolmetscher für Türkisch wird im Frankfurter Gericht der „Gentlemenübersetzer“ genannt - nur gibt es im Saal meistens genügend Zweisprachige, die reklamieren.</p><p>Für Tigray, Farsi-Urdu-Paschtu beispielsweise oder hier Bengali sind Polizei und Gericht ganz in der Hand der wenigen Übersetzer, die sich nicht selten auch als Berater der Beschuldigten und Angeklagten verstehen. Das ist kein nur diffuser, nicht zu verifizierender Eindruck, dass bekunden einige unumwunden. Unter vier Augen, versteht sich.</p><p>Shumona Sinhas Roman „Erschlagt die Armen!“ sei zur Lektüre empfohlen. Die aus Kalkutta stammende französische Schriftstellerin hatte jahrelang nebenher als Dolmetscherin in der Ausländerbehörde in Paris gearbeitet. Nach der Veröffentlichung des Romans, in dem sie auch beschrieb, wie sie die immergleichen, erfolgversprechenden, auswendiggelernten Geschichten ihrer Landsleute wahnsinnig machten, wurde ihr dort gekündigt.</p><p></p><p></p><p><em>Die Namen sind geändert.</em></p><p></p><h3></h3>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Vor Gericht]]></category>
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      <pubDate>Tue, 19 Sep 2023 15:54:23 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Eine Jugend ohne Halt. Und Schüsse auf ein Asylbewerberheim.]]></title>
      <description><![CDATA[Wenn man Herzblatt-Schreiberin wäre, würde man Ronny jemanden wünschen, der ihn liebt und mal dauerhaft an den Schultern packt. Dem Jungen, der sich dauernd festbestellt.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h3>Ronny</h3><p>Die 8. Große Jugendkammer verhandelt heute seine neue Sache und Ronny kommt zu spät. Dies das, jenes, weil - niemand will das hören.  Der Tag, auch der Verhandlungstag, starten schon mal zu seinen Ungunsten. Geschichte seines Lebens.</p><p>Mit einer Gaspistole hat Ronny zehn Schüsse auf das Fenster eines Asylbewerberheims abgegeben, „fremdenfeindlich motiviert“. Ronny ist schmächtig, sehr ordentlich sehr kurz frisiert, 22 Jahre alt und wirkt wirklich komplett verloren und verraten.</p><p>„Der Ronny braucht einfach einen strukturierten Rahmen mit Führungsaufsicht“, sagt die engagierte Vertreterin der Jugendgerichtshilfe. „Wenn der Ronny einen klaren, strukturierten Rahmen hat, funktioniert alles, dann ist er auch zuverlässig. Wenn er das Gefühl hat, dass er den Leuten vertrauen kann, dann arbeitet er gut mit. Die ‚Beziehungsabbrüche‘ sind immer der Knackpunkt.“</p><p>„Beziehungsabbrüche“ gab es in Ronnys Leben einige. Seine Mutter, die als Zuschauerin im Verhandlungssaal sitzt, sieht aus wie seine Schwester. Sie war siebzehn Jahre alt, als er geboren wurde. Mit der Erziehung war sie alleine überfordert, Ronnys Urgroßeltern versuchten, ihr zu helfen. Als Ronny fünf war, wandte sich seine Mutter das erste Mal ans Jugendamt um Hilfe. Mit ihrem neuen Lebensgefährten zog dann irgendwann so etwas wie ein Familiengefühl ins Haus. Mit sieben wurde Ronny eingeschult, er zeigte sich dort „auffällig“ und kam bis zur sechsten Klasse in eine Förderklasse, da man „sonderpädagogischen Bedarf“ bei ihm sah. „Körperliche Konflikte mit Mitschülern“ trug Ronny aus, die zeigten, „dass er nie Grenzen gesetzt bekommen hat“, erläutert der psychologische Sachverständige, Leiter einer forensischen Klinik, mit seinem wohlklingenden Bariton. Er hat Ronny exploriert und übernimmt es, der Kammer Ronnys Lebenslauf zu schildern. Als Ronny vierzehn war, erwischte ihn sein Stiefvater mit einem Rucksack voller Spirituosen. Der Streit darüber endete in einer Schlägerei zwischen den beiden. Ronny zog zu den Urgroßeltern. „Das hat ihm gutgetan“, sagt der Sachverständige, „aber es hat nicht ausgereicht, ihm Werte zu vermitteln“. Er wird irgendwann beim Klauen von Alkohol erwischt, kommt in die Jugendpsychiatrie zum Entzug. Mit den Joints und dem Alkohol macht er danach weiter, „aber nie kombiniert. Da wird ihm schlecht.“ Man lacht natürlich nicht im Gerichtsssaal.</p><p>Ronny fängt an, Vorstrafen zu sammeln wegen Körperverletzung, „Erschleichen von Leistungen“, Widerstand, „Diebstahl mit Waffen“, Beleidigung.</p><p>Große strafrechtliche Konsequenzen hat nichts davon, Verwarnungen, Weisungen, gemeinnützliches Arbeiten - niemals ein Arrest. Aber er landet in einer Einrichtung der Jugendhilfe, im betreuten Wohnen. In der Zeit fängt er sich, „macht konsequent den qualifizierten Hauptschulabschluss“, so die zugewandte Jugendgerichtshelferin. Die Wohngruppe wird aber irgendwann aufgelöst, er zieht wieder zur Mutter. Ronnys neunter Eintrag im Bundeszentralregister führt die Beleidigungen auf, die er zwei Polizisten entgegenschleuderte: „Ich ficke dich, du Bullenschwein“, „Ich ficke deine Mutter“, „Mein Opa war bei der Wehrmacht und ihr wärt’ damals alle vergast worden“, „Ich spreng euch in die Luft, ihr Fotzen“. Der Vorsitzende Richter, dies recht unbewegt vorlesend, guckt Ronny anschließend stirnrunzelnd an. Der senkt den Kopf. Seine Verteidigerin arbeitet mit einem kleinen, auffordernden Lachen an der Stimmung im Saal. Mit dem abschließenden Vermerk: „Die Zeugen haben sich in ihrer Ehre verletzt gefühlt“, endet Fall neun der Akte.</p><p>Die Realschule bricht Ronny ab, fährt besoffen Auto. „Eine deutliche dissoziale Entwicklung“, wie es der Psychiater nennt, „aber keine Persönlichkeitsstörung“. Er trinkt „exzessiv bis zum Filmriss, auch bis zur Klinikeinweisung oder so, dass er keine Erinnerungen mehr an das Wochenende hat. Leider bekommt er keinen Kater, der ihn eventuell bremsen würde beim nächsten Mal“, meint der Psychiater. Sein leiblicher Vater taucht irgendwoher irgendwann auf; der saß zwischenzeitlich im Gefängnis. Er verspricht Ronny „alles Mögliche“. Zuwendung wohl vor allem. Ronny schließt mehrere Handyverträge für ihn ab - die er bis heute immer noch alleine abstottert. Der Vater ist mittlerweile schon längst wieder verschwunden. Die Auflagen, die ihm die Trunkenheitsfahrt eingebracht haben, verhelfen Ronny, eine Ausbildung als Verkäufer zu beginnen. In der Zeit „orientiert er sich rechts“, die Ausbildung beendet er mit einem Abschluss. Nach seiner elften Straftat, wieder ein „Erschleichen von Leistungen“, kehrt dreieinhalb Jahre Ruhe ein in seine Akte.</p><p>Die Schüsse auf das Fenster des Asylbewerberheim fallen an einen Tag, an dem er eine Flasche Wodka und ein Sixpack Bier getrunken hat. Nur „erschrecken“ habe er die Einwohner wollen, „um sich überlegen zu fühlen“, erklärt seine Verteidigerin, die sich gerne in AfD-Manier auf Gerichtsfluren äußert und gleichzeitig ihren Lebensunterhalt hauptsächlich mit abgelehnten Asylbewerbern und  Nebenklagevertretungen zu verdienen scheint.  Außer ihrer sehr blondierten Haare zeichnet sie sich durch eine krawallige Stimme aus. In vielen Kammern ist man um jede Minute froh, die sie schweigt.</p><p>Die Bewohner des Asylheims haben Glück. Ronny auch. Hinter dem Fenster steht niemand, es entsteht nur Sachschaden. Auf dem Überwachungsvideo der Einrichtung sind „keinerlei Gangstörungen“ bei Ronny zu erkennen; die Polizei findet ihn „nicht beeinträchtigt in seiner Steuerungsfähigkeit“ - bei vier Promille. Auf seinem Computer sichten die Beamten „rechtsradikale Propaganda, NPD-Material und Bilder von der Waffen-SS“. Beim Amtsgericht kriegt Ronny eine Verwarnung wegen der Sachbeschädigung. Die Staatsanwaltschaft protestiert. Sie findet „das Tatmotiv nicht ausgearbeitet“ und legt Berufung ein. Ein Jahr liegt Ronny das Verfahren im Nacken, bevor die Sache im Landgericht neu verhandelt wird. „Für jeden echten Rechtsextremen ist das Kindergarten, was er auf dem Rechner hat“, gibt sich Ronnys Verteidigerin mit Verve ihrer Sache hin. „Er ist gar nicht politisch aktiv. Er hat sich das falsche Objekt ausgesucht und es tut ihm leid“. Was eventuell ein besseres gewesen wäre - dazu lässt sich nicht ein. Ronny, der „aktiv bei der Exploration“ mitmachte, habe nun „erkannt, was seine Möglichkeiten sind“.</p><p>Der psychiatrische Sachverständige rät der Kammer zum Versuch, Ronny zur Entwöhnung acht bis zwölf Wochen stationär unterzubringen, anschließend mit eine ambulante Therapie fortzusetzen, zweimal wöchentlich. Dazu regelmäßig unangekündigte Drogentests vorzunehmen. Seinen Job im Getränkemark sollte Ronny kündigen, da dort „Alkoholkonsum gang und gebe“ sei. Bei Verstoß gegen die Auflagen sollte er jedoch in den Maßregelvollzug, nach Paragraph 64, in dem es heißt: „Unterbringung in einer Entziehungsanstalt“, wenn „hinreichend konkrete Aussicht besteht, (…) zu heilen oder (…) über eine erhebliche Zeit vor dem Rückfall in den Hang zu bewahren und von der Begehung erheblicher rechtswidriger Taten abzuhalten, die auf ihren Hang zurückgehen“.</p><p>Wie lange soll er denn dann untergebracht werden, will der Vorsitzende wissen, das Gesetz erlaube ja maximal zwei Jahre. „Ich kann keine Therapie gegen jemanden machen.Therapie ist nichts anderes als lernen. Ein Vierteljahr wird alles versucht, wenn einer nicht will, länger nicht“, lautet die Antwort.</p><p>Die Kammer, in ihrer Urteilsbegründung, sieht „die Voraussetzungen für den 64er klar gegeben“. Ronny zeige „eine hohe Aggressivität unter Alkohol“. Der Maßregelvollzug, „eines der schärfsten Geschütze, die unser Rechtsstaat aufzubieten hat“, wird drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Im Übrigen folgt das Gericht den Empfehlungen des Sachverständigen. Zwölf Wochen stationäre Entwöhnung, anschließend zwei Mal die Woche zur Therapie, „Führungsaufsicht“, Drogentests, neues Umfeld, neuer Job. Dazu noch eine Jugendstrafe zu verhängen, wie von dem Vertreter der Staatsanwaltschaft gefordert, hält die Kammer für „kontraproduktiv. Diese Sanktion hier ist schon verdammt hart“.</p><p>Beinah väterlich wendet sich der Vorsitzende an Ronny: „Diesen Beschluss hängen sie sich über das Bett und arbeiten das Punkt für Punkt ab. Und nicht noch mal irgendwo einen kleinen Joint oder ein Bierchen gezwitschert! Wir überwachen das.“ Na klar.</p><p>Dass Ronny den „Bewohnern nur einen Schrecken einjagen wollte“ sei nicht widerlegbar, „mehr haben wir nicht“. Und das bei ihm gefundene Material „ist zwar politisch unangenehm, aber keine Straftat“.</p><p>„Der Wahrung des Rechtsfriedens ist Genüge getan.“</p><p>Wenn man Herzblatt-Schreiberin wäre, würde man Ronny jemanden wünschen, der ihn liebt und mal dauerhaft an den Schultern packt. Dem Jungen, der sich festbestellt, bei jedem, der ihm eine Art von Zugewandtheit vermittelt.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/ef533526-39d4-402a-851b-054ff9e7f88d">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Vor Gericht]]></category>
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      <pubDate>Tue, 29 Aug 2023 16:31:44 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Hinter jedem guten Witz steckt eine Katastrophe]]></title>
      <description><![CDATA[Die Angeklagten sind Comedians. Aber die Farce liefert die Justiz. Eine Gerichtsposse.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Die Angeklagten sind Comedians. Aber die Farce liefert die Justiz.</h1><p><em>Hinter jedem guten Witz steckt eine Katastrophe</em></p><p>Dass die Stimmung im Gerichtssaal so ausgesprochen heiter ist liegt nicht einfach daran, dass die vier Angeklagten von Beruf Comedians sind. Sie sind nur die perfekt besetzten Darsteller in einer Posse, die die Justiz geschrieben hat. So viel gelacht wird im Saal - heiter ist die Sache eigentlich nicht. Sie ist ein Skandal.</p><p>Ein Versagen der Justiz.</p><p>Die vier Männer drehten vor drei Jahren einen Videoclip: Es sollte eine Geschichte über einen Überfall auf einen Kiosk erzählt werden. Der Kioskbesitzer stand vor seinem Laden und schaute zu, wie die Vier mit Sturmhaube und Gewehr mehrere Anläufe nahmen, ihren Film zu drehen. Nach der dritten Klappe rückte das Überfallkommando an. Eine Anwohnerin hatte die 110 gewählt. Weder sie noch die Polizisten, die das Ganze eine Weile betrachtet hatten, will die laufende Kamera, im doppelten Sinne,  wahrgenommen haben. Die Truppe hatte es außerdem versäumt, vorab eine Drehgenehmigung einzuholen. Dass der Kioskbesitzer den Beamten die Sache, die hier vorgeht, erklärte, spielte keine Rolle. Die vier wurden zu Boden gebracht, bei dreien Handschellen angelegt. So lagen sie da; eine Dreiviertelstunde im Februar auf der Straße. Die Tonaufnahme lief noch eine Weile. Verständlicherweise fand keiner der Beteiligten das Geschehen in dem Moment komisch. Die Vier aber wenigstens jetzt. Vor Verhandlungsbeginn fragt der Fotograf der BILD, ob sie verpixelt werden wollen. „Nö, nehm ich für mein Insta. Generiert Reichweite“, sagt einer lachend.</p><p>„Ihr blöden Idioten, das ist ein Dreh! Hurensöhne, Missgeburten“ etc. verzeichnen die Aufnahmen, die ihnen eine Anzeige wegen Beleidigung einbrachte, denn einer von ihnen stellte die Tonaufnahme ins Netz. Damit ist „unbefugt das gesprochene Wort“ veröffentlicht worden, noch ein Anklagepunkt. Aber einer der Vier allesamt sehr sympathischen jungen Männer hatte einen gänzlich humorfreien Grund, die Tonaufnahmen zu publizieren. „Damit die Welt“ das sieht, erklärt er vor Gericht.</p><p>Zwei der Vier sind schwarz und sahen sich erheblich stärker in die Mangel genommen als die anderen. „V. Revier, das sind die schlimmsten“. Empörend, ehrverletzend - für die Beamten, die Anzeige erstatteten.</p><p>Wenn sie ehrlich zu sich selbst wären, ein paar Dinge mit Humor ernst nähmen, ein wenig mehr nachdenken würden, hätten die Vier schon damals gewusst, wie selbstgerecht ihr Empörungsvideo nach dem Polizeieinsatz war. Es ist viel los in Frankfurt, wie in jeder Großstadt des Abends. Dass Sturmhauben und Waffen Panik auslösen bei Beobachtern, dass die Polizei, jeden Tag unterbesetzt zu Einsätzen jeder Art gerufen, sich zu Recht verarscht fühlte, auch.</p><p>Die Vier sind in Begleitung eines einzigen Verteidigers. Das Alter der Angeklagten „zusammengezählt ergibt noch nicht meins“, sagt der und eigentlich ist die Stimmung im Saal von Anfang an entspannt, weil die Vier es vor Gericht nicht so hoch hängen, es ist ja auch schon drei Jahre her, der Verteidiger sich gewohnt jovial gibt und die Sache für eine Petitesse hält. Dass die Staatsanwaltschaft die Sache hochhängt, wird schon in ihrer Anklageschrift klar: Von „sogenannten Comedians“ spricht sie. Wie auch immer man das finden kann, was die Jungs da machen - die verdienen ihren Lebensunterhalt auf der Bühne. Da kaufen Leute Karten, um die zu sehen. Aber mit der Nummer hier wurden Beamte verhöhnt, der Rechtsstaat quasi angegriffen. Es muss durchgegriffen werden.</p><p>Ein ungläubiges Gelächter brandet zum ersten mal auf, als der zweite Angeklagte befragt wird. Wozu müsse er das denn jetzt noch einmal alles erzählen, er habe das doch schon vor anderthalb Jahren hier vor Gericht gemacht, seufzt er. Er nimmt es sportlich.</p><p>Wie jetzt? Die Sache sei hier schon mal verhandelt worden, fragt die Richterin ungläubig? Ja, „dafür hab‘ ich schon auf den Deckel gekriegt“. Hektisch wird im System nach dem Verfahren gesucht, denn kein Angeklagter darf zweimal für dieselbe Sache bestraft werden.</p><p>Es findet sich nichts. Der Verteidiger ruft seinen Kompagnon an, mit dem er damals zwei der Vier vertrat, um dem Gericht bei der Suche nach dem Aktenzeichen zu helfen. Die humorlose Vertreterin der Staatsanwalt blättert irritiert in ihren Akten, derweil die Vorsitzende ( „Frau Vorsitzende“ wie der alte Verteidiger stets sagt, den man nur in Cowboystiefeln und Jeans kennt), die Jungs hilflos fragt:</p><p>- „Wo war das denn? Hier, in diesem Gebäude?“</p><p>- „Ja, ein Stockwerk drüber, vom Fahrstuhl einmal um die Ecke die erste Tür oder so“, antwortet Angeklagter Drei.</p><p>- „Wie hieß denn der Richter?“</p><p>- „Pfff. Keine Ahnung mehr.“</p><p>- „Wie sah der denn aus?“</p><p>- „So Mitte, Ende Vierzig. Sehr sympathisch. Der hat sogar gesagt, dass er mal in eine unserer Shows kommt. War ein sehr kurzer Termin.“</p><p>Alle vier nicken sich zu. Angeklagter Zwei kriegte damals als einziger eine Geldstrafe über 200 Euro. „Gegen alle vier“, hat der viel beschäftigte Verteidiger mittlerweile im Gerichtssaal herausgefunden, wurde das Verfahren von der Staatsanwaltschaft damals eingestellt. Er hat nun wenigstens den Namen des Vertreters der Anklagebehörde und auch den Namen des Richters parat.</p><p>Das kann ja alles nicht sein. So etwas kann doch nicht passieren, hier wird doch Unfug erzählt von diesen Komödianten. Die Anklägerin muss telefonieren, das kann ja unmöglich in ihrer Behörde untergegangen sein. Sicher war es die Amtsanwaltschaft, die da etwas verschlampt hat. Eine irgendwie geartete Misskommunikation. Während sie aus dem Saal geht um zu telefonieren, regt die konsternierte Strafrichterin die Vier an, doch „jetzt spontan eine Show zu machen“. Die Verhandlung wäre ja eh schon sehr unterhaltsam. Die Vier finden das auch alles skurril hier. Sie würden wohl gerne eine Aufzeichnung des Ganzen machen. Es wäre gute Comedy. Realität schlägt Fiktion. Leider, muss man in dem Fall sagen, sind Videoaufzeichnungen an deutschen Gerichten noch nicht erlaubt.</p><p>Etwas anderes als eine Einstellung des Verfahrens ist eigentlich nicht vorstellbar. Die Stimmung ist die ganze Zeit allerbestens. Die Angeklagten sind höflich, stoisch. Sie mögen die Anwesenheit der vier lokalen Pressevertreter, die einzigen Zuschauer in dieser Verhandlung, für gute Publicity halten, egal, was bei der Berichterstattung herauskommt. Dass überhaupt jemand im Saal ist, ist möglicherweise dem Sommerloch, bei Justiz und Presse, geschuldet.</p><p>Es ist gut, dass es Beobachter des Verfahrens gibt, denn weitergedacht für schwerwiegende Anklagen, die vielleicht auch Haftstrafen nach sich ziehen, Existenzen vernichten können, ist eine Anklagebehörde, die salopp gesagt, ihren Laden nicht im Griff hat, deren Vertreter so einseitig und uneinsichtig agieren eine absolute Katastrophe für den Rechtsstaat. Hier geht es zum Glück nur um Banalitäten, aber Glück muss man auch erstmal haben. Andere Gemüter mag das „Damoklesschwert“, wie es einsichtige Richter nennen, eines laufenden, jahrelangen Verfahrens nachhaltig mitnehmen.</p><p> Eine ironische Heiterkeit herrscht den ganzen Verhandlungstag im Saal, auch wenn die kleine Kammer peinlich berührt scheint. Die „Frau Staatsanwältin“ solle sich doch mal überlegen, „ob wir das hier nicht auch anders über die Bühne kriegen“, gibt ihr der Verteidiger für deren zweiten Telefongang mit. Die Kammer macht den Eindruck, als würde sie mit nichts anderem rechnen als einer Einstellung.</p><p>Dass eine junge Staatsanwältin dem alten Macho-Verteidiger schon aus emanzipatorischen Gründen nicht zustimmen kann überrascht in diesen Zeiten nicht. Auch im Gericht menschelt es, trotz StPO.</p><p>Aber nein. Hier will sich eine Behörde partout nicht vertan haben. „Kommt nicht in Frage“, bescheidet die Einzige, die keine Miene verzog und Humor für eine Beleidigung zu halten scheint, nach ihrer Rückkehr in den Saal. Verblüffung allerseits, auch bei der Richterin.</p><p>Dann eben Antrag „auf Aussetzung des Verfahrens“, sagt der Verteidiger. Alles nickt. Er telefoniert Ewigkeiten mit seinem Büro vor dem Publikum, wann er wieder Zeit habe. Auch er hat gelernt, dass Frauen es eventuell vorziehen, etwas respektvoller angesprochen zu werden und dass sein Old-Cowboy-Stil mittlerweile out ist. Er kommentiert deshalb sein gruß- und ansatzloses Datumsgebelle ins Telefon für den Saal: Heute schon zweimal mit der „Dame“, seiner Bürovorsteherin, gesprochen und sie bereits gegrüßt. Solle man nicht missverstehen, dass er nunmehr nur zackig rede. Alle der hier im Raum Anwesenden kennen den fleißigen Verteidiger, der an die 80 ist, aus dutzenden Verfahren und rollen die Augen - Frauen wie Männer. </p><p>Die Strafrichterin konsultiert zeitgleich ihren Terminkalender, es wird schwierig, sich zusammenzufinden. Auch das ist eine schöne Szene, die zur Illustration geeignet ist, wie überflüssig dieses Verfahren ist. Die Staatsanwaltschaft kann und muss terminlich immer, irgendwer springt schon ein. Deren heutige Vertreterin schaut zusammengekniffen auf alle anderen. Geradezu schüchtern meldet sich Angeklagter Drei, als Termine Monate später in den Saal gerufen werden. Sie seien auf Deutschland-Tour, ahem, also ob sie da auch etwas bei der Terminplanung…? Sie seien ja durchaus willig, aber…</p><p>Nein, sie könnten da nichts mitbestimmen. „Dann fangen wir um 9.00 Uhr morgens an, damit sie das schaffen“ zu den abendlichen Showterminen irgendwo, sagt die Vorsitzende, die den Eindruck erweckt, als fände sie eine Fortsetzung der Geschichte auch gänzlich absurd. Die Gerichte sind überlastet zum einen, aber hier liegt ja wohl ein Versagen der Ermittlungsbehörden vor und der sogenannte Fall ist ja längst erledigt. Zudem ist er wirklich eine Petitesse, die nur von Rechthaberei und gekränkter Eitelkeit erzählt und leider gar nicht von einem rechtsstaatlichen Verfahren berichtet.</p><p>Mit „Ahrrrg“ legt Angeklagter Eins seinen Kopf auf den Tisch nach dem schlussendlich gefundenen Termin. Er meint mit seinem lauten Seufzer die frühe Uhrzeit.</p><p>Es ist ein Glück für die Behörden in dem Land, dass sich so zahm gefügt wird.</p><p>Die Jungs scheinen es nach außen hin nicht krumm zu nehmen. Der Staatsanwaltschaft muss man es.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/96ea8c67-0956-4ccb-80e5-59a06f9ad56c">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Vor Gericht]]></category>
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      <pubDate>Sat, 12 Aug 2023 13:29:07 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Q Quelle]]></title>
      <description><![CDATA[Det is nüscht für Mädchen, sagt einer. Sie wird wütend und fühlt sich verraten. Mit einem Mal ist sie also plötzlich ein Mädchen für die Clique. Ihr Arschlöcher!]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Q</h1><h3>Quelle</h3><p>Diese Scham. Plötzlich wuchern die Haare, überall, wie bei einem Affen. Die Schule verlangt einen Gymnastikanzug für den verhassten Sportunterricht. Komisch, der ist ja Mangelware in den staubigen Sportläden des sozialistischen Landes. Eigentlich müsste man sagen, der ist ja nicht zu kriegen, also befreit mich doch von Stangenklettern, Bocksprüngen und Schwebebalken, dem Beinespreizen. Von den Brechreiz verursachenden, nach Schweiß, Staub und Bohnerwachs stinkenden Umkleideräumen, den von Angstschweiß und Teenagerhormonen verpesteten Turnhallen.</p><p>Man muss ihn tragen, anders als beinfrei ist der Sportunterricht nicht gestattet. Manche ergattern irgendwie ein farbenfrohes Polyesterding; das stinkt schon, bevor darin geschwitzt wird. Wenn sie jetzt mal aufhören würde zu wachsen, würde ihr vielleicht der schwarze Baumwollanzug noch das Schuljahr über passen, den sie in einem Ballettfundus hat mitgehen lassen. Aber der löst nur ein Problem. Er sitzt zwar fest am Oberkörper, aber die Beine sind ja frei - und der Schritt ist so schmal geschnitten. </p><p>Die Sportlehrer sind sowieso die schlimmsten. Alle scheinen auf der Suche nach Talenten für eine Olympiade zu sein, für eine Drill-Sportschule. Bitterkalter, unerbittlicher deutscher „Gesunder Körper - gesunder Geist“. Im Kasernenton wird gebellt, hier gilt es Höchstleistungen zu erbringen. Und das in diesen, den unfertigen Körper so bloßlegenden, unbarmherzigen Anzügen. Sie möchte sich verhüllen von Kopf bis Fuß. Möchte selbst nicht sehen, was da vor sich geht. Niemand soll das sehen.</p><p>Aber so sind die Regeln. Gymnastikanzug. Wie demütigend und peinlich alles. Wie schrecklich auch, dass die Jungs sie plötzlich so aus dem Augenwinkel anschielen, ihre Bande. Da wächst was auf ihrer Brust, es ist einfach nicht zu stoppen. Sie will nicht, dass die so komisch werden zu ihr jetzt. Bis gestern waren es doch einfach ihre Buddies, sie eine von ihnen.</p><p>Die Mädchen in ihrer Klasse, sowieso allesamt dumme Zicken, beäugen und betrachten sich gegenseitig. Aus den früher verständnislosen Blicken auf sie werden nun herablassende, abschätzende und manchmal begegnet ihr regelrechter Hass.</p><p>Warum die das irgendwie wundervoll finden und miteinander vergleichen, wer mehr oder weniger von diesem befremdlichen Etwas auf sich wachsen hat. Die sind doof, ja klar, aber die machen ihr das Leben jetzt schwer.</p><p>Diese Blutungen plötzlich und nichts, womit man das eindämmen kann. Es gibt auch keine gescheiten Hygieneartikel in dem abgerockten Land. Die Binden kleben nicht. Wie auch. In ihrem Herbarium löst sich ja auch schon nach kurzer Zeit der Klebestreifen auf, nur durch Rumliegen im Regal. Nicht mal Zeichenblöcke können die leimen. Hat man mal irgendwo ein kostbares Heft mit Aquarellpapier ergattert, kommt man schon zu Hause nur mehr mit Einzelblättern an.</p><p>Die vorsintflutlichen Tampons sind so halbgepresste Wattebällchen, von einem Netz aus Kunstfasern überzogen wie ein Fischernetz - vielleicht besser als die Binden, aber wie funktioniert das? Wo macht man das hin? In sich hinein etwa?</p><p>Keiner erklärt es ihr und wen soll man fragen? Diese <em>ganz natürliche</em> Sache, die ist doch einfach nur schrecklich und beschämend. Ein schlecht klebendes Ungetüm zwischen den Beinen, das riecht und verrutscht. Stinkende, dreckige Schultoiletten, auf die man ja jetzt muss. Diesen Dreck kann man sich nicht verkneifen. Haben es die Jungs gut. Die pinkeln zur Not in das ungepflegte Grün am Schultor und fertig.</p><p>Die Mädchen in der Klasse finden es ganz aufregend und sind irgendwie stolz darauf, nun <em>eine Frau </em>zu werden. Sie bilden sich ein, mit diesem ganzen widerlichen Scheiß schon eine zu sein, kichern ständig und dichten sich in Verliebtheiten hinein.</p><p>Sie will das nicht. Das ist alles unwürdig und zu viel. Nicht, dass sie wieder ein Kind sein will. Kindsein war nichts für sie gewesen.</p><p>Erwachsen wollte sie werden. Aber das. Das alles, das wollte sie nicht. Einfach nur älter werden und mündig. Selbst bestimmen können über sich, ihr Tun und Lassen, das hatte sie ersehnt. Das war der Preis? Dieses Wuchern und Bluten, die Schmerzen, die Scham, die Blicke? Und dass sich ein merkwürdiges Etwas zwischen sie und die Jungs schiebt, dass sie irritiert, dass sie nicht versteht. Sie versucht, diese Merkwürdigkeiten zu ignorieren.</p><p>Das geht schief.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/b569277c-a91c-4aef-be0f-b456cf8eca43">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Alphabet]]></category>
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      <pubDate>Fri, 11 Aug 2023 12:46:52 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[V Vergangenheit]]></title>
      <description><![CDATA[Vielleicht hätten sie noch lange oder ewig befreundet bleiben können, er und sie und sie mit den anderen. Doch dann geschah Unverzeihliches.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>V</h1><h3>Vergangenheit</h3><p>Das war sie also. Die verehrte Mutter, die gefürchtete Professorin für Marxismus-Leninismus. Ex-Professorin. Jetzt Zeitungszustellerin, deren kurzer Arbeitstag dann begann, als sie früher ihren Schreibtisch verlassen hatte. Sie hatte viel gehört von ihr, war ihr aber noch nie begegnet. Wozu auch. Solange sie einfach nur in der Clique zusammenhingen, spielten ihre Eltern keine Rolle und konnten das auch nicht. Die hatten genügend eigene Anschlussprobleme, sich in dem neuen Staat zurechtzufinden, um sich auch noch doppelt in die Loslösung ihrer Kinder zu vertiefen, die wiederum mit ihrem Erwachsenwerden beschäftigt waren, was gerade erheblich interessanter war als Gesellschaftspolitik. Das immerhin war normal.</p><p>Er war etwas angespannt vor ihrer ersten Begegnung gewesen, der Vorstellung seiner Freundin, die seine Mutter schon mehrfach eingefordert hatte, als ihr gewahr wurde, dass ein Name aus der Clique an Bedeutung gewann. <em>Das Mädchen?</em> Aufgeregt und noch angespannter war er dann, als er sie seinem Vater vorzeigte und von ihm prüfen ließ, denn darauf war dieses Treffen wohl hinausgelaufen.</p><p>Während seine Mutter in einem der drei Hochhäuser an der Jannowitzbrücke wohnte – zusammen mit den zwei Söhnen, die sich ein winziges Zimmer teilen mussten –, war der Vater nach der Scheidung in dem Einfamilienhaus in Köpenick wohnen geblieben, das ihm seine Parteiverbundenheit und seine Professur für Ökonomie eingebracht hatten. Der Vater, viel älter als die Mutter und aus jüdischem Kommunistenadel stammend, hatte das Glück gehabt, beim Zusammenbruch der Deutschen Demokratischen Republik bereits Pensionär gewesen zu sein, so dass sein Zynismus und Spott Zeit und Raum hatte, sich im Warmen und Behaglichen an geschliffenen Formulierungen selbst zu erfreuen, statt wie seine Ex-Frau nun vor Morgengrauen bei Wind und Wetter westdeutsche Propagandamedien in Briefkästen stecken und jeden Pfennig umdrehen zu müssen. Ihr Stolz ließ nicht zu, sich von ihm unterstützen zu lassen, die Scheidung war mit Krawall erfolgt, bevor die Mauer fiel und kein Wort wurde seitdem mehr miteinander gewechselt. Die Söhne, ihr Freund und sein vier Jahre jüngerer Bruder, fuhren selten <em>hinaus </em>nach Köpenick, freiwillig nur ihr Freund. Ihr Vater war ein Frauenheld gewesen, dem es nie an Affären gemangelt hatte, was er, viel beschäftigt und wie seine Frau als Professor an der Humboldt-Universität lehrend, erstaunlich lange vor ihr hatte verbergen können. Seine Flirts hatte sie sehr viele Jahre ironisch betrachtet und kommentiert, war er doch brillant und renommiert, sein schneller, scharfer Humor und seine ganze Erscheinung unwiderstehlich. Außerdem war es schließlich der Intellekt, der sie verband und zu einem idealen Paar machte, an dem Kleingeistigkeit und Engstirnigkeit abprallten. Als sie jedoch zur Kenntnis nehmen musste, dass er es keineswegs beim Flirten belassen hatte, dass ihm Ehe und auch ihre Ideologie zu eng wurden, war ihr Zorn grenzenlos. Der galt dem Getuschel und den Blicken an der Universität genauso, wie seinen Argumenten in den sie früher so belebenden politischen Diskussionen, die ihr mäßigend, rational, ironisch gegenübertraten und sich irgendwann im Zuge seines Loslösens von ihr in beißende, vernichtende Urteile wandelten. Die Beleidigung ihres Verstandes und der, aus ihrer Sicht, Verrat an den alten Überzeugungen trafen sie härter als jede Lüge über angebliche Sitzungen oder durchgearbeitete Nächte im Institut.</p><p>Als Ökonom kam er nicht umhin sehr viel früher, vielleicht schon sein ganzes Berufsleben lang, zu wissen, dass es mit dem Aufbau des Kommunismus so nichts werden konnte, denn auch eine sogenannte klassenlose Gesellschaft braucht Mittel zum Verteilen. Zwischen Ideal und Wirklichkeit fand sein Sarkasmus genügend Raum zum Leben und nach dem Zusammenbruch des Systems konnte er sich unberührt von der Außenwelt den Gedanken an das große Ganze hingeben, während seine frühere Lebensgenossin sich nun – aussortiert und quasi bar jeder Qualifikation – über Wasser hielt und sich in diesem ersten Jahr nach der Wiedervereinigung sehr mühsam im Alltag und mit ihr ganz unbekannten Sorgen zurechtzufinden hatte. Die finanzielle Existenz zu sichern war das eine, plötzlich ein Nichts zu sein das andere. <em>Ich war Professorin.</em></p><p>Ja, leider für Marxismus-Leninismus. Vorbei, ihre Zeiten.</p><p>Sein <em>Mami,</em> und alles was darin schwang, war ihr suspekt, aber <em>Mamis</em> Schicksal ließ sie kalt. Zum Glück hatten Leute wie diese Frau ihnen nichts mehr zu sagen.</p><p>Der Vater empfing sie mit diabolischem Grinsen und offensichtlich sehr angetan, zumal sie seine ironischen Bemerkungen ebenso parierte. Der alte Mann, denn so kam er ihr mit siebzehn natürlich vor, fand wie viele vor und nach ihm nach dem Verlust des Glaubens an den Sozialismus zurück zum Glauben seiner Vorväter. Natürlich nicht zur Religion, aber zu den Überlieferungen, dem Disput. Marx-Engels-Lenin wurde eingetauscht gegen die Bibel, die allerdings nie wirklich verschwunden gewesen war, sondern nun nur sichtbar aus der zweiten Reihe im Bücherregal in die erste rücken durfte. Aber hatte nicht auch der große Bertolt Brecht schon gesagt, die Bibel sei für ihn das wichtigste Buch? In diesen Rette-sich-wer-kann-Zeiten direkt nach der Wiedervereinigung, in denen sich die alten Genossen genauso unsolidarisch und opportunistisch zeigten, wie man sie stets eingeschätzt hatte, scharrten sich die jüdischen Genossen nun umeinander, wurde plötzlich ihre gemeinsame Herkunft und die sich so ähnelnden Familiengeschichten zu Bindegliedern, die sie früher nicht gewesen sein sollten. Die stete Ambivalenz ihrer Existenz wurde nun von den alten jüdischen Kommunisten offen ausgesprochen, sich an die Eltern und Großeltern und ihren Traditionen erinnert. Vielleicht auch, weil der erklärte Antizionismus der DDR sich nun als das zeigte, was er immer war: ein Antisemitismus in Kommunistengewand und unfreiwillig, von außen angetragen, es plötzlich eine Rolle spielte, wer von der alten Elite des Landes Jude war. Die Reihen fest geschlossen, wie es noch vor kurzem in den alten Kampfliedern gemeinsam gesungen wurde, galt nun <em>untereinander. </em>Von der Schicksalsgemeinschaft, als die sich die westdeutschen Juden definierten, war man zwar weit entfernt, war man doch schließlich <em>zuerst </em>und generell wie die anderen Genossen als Kommunist verfolgt worden, hatte gekämpft, war im Widerstand gewesen und so weiter, doch sahen sich fast alle dieser alten Klassenkämpfer seit den 80er Jahren den gleichen emanzipatorischen Fragen ihrer Kinder nach ihrer Familiengeschichte ausgesetzt und sich diese zu ihrem Erstaunen in der Synagoge, in kleinen jüdischen Kulturkreisen versammelten, was der Staat auf Suche nach Devisen plötzlich duldete, wenn auch genau überwachte.</p><p>Der Vater jedenfalls, der seinen Söhnen einen geradezu lächerlich klischeehaften jüdischen Familiennamen vererbt hatte, schien schon allein auf Grund ihrer Herkunft von dieser Freundin seines Sohnes eingenommen zu sein. Er erweckte allerdings nicht den Eindruck, dass ihm diese früher nicht schon genauso wichtig gewesen wäre, und das lag gewiss nicht nur daran, dass die Mutter ihres Freundes sich des Nachts auf das Sofa zu ihnen gesetzt hatte und ansatzlos nach langen stummen Blicken auf ihre Söhne fallenließ: <em>Ich habs euch versaut.</em></p><p>Das Judentum vererbt sich über die Mutter; ihr wurde irgendwie schräg von seinen beiden Eltern vermittelt, dass ihr Erscheinen in der zerbrochenen Familie einer Reparatur gleichkam, einer Wiederjudmachung.</p><p><em>Ich brauch das Auto morgen, wir fahren zu Vater, </em>erwiderte der Freund nach einer Weile in seinem seltsam angespannten, dünnen Tonfall, den er bekam, wenn er sich unwohl fühlte, Sätze, die er nicht sagen wollte, herauspresste und mit einem kurzen Schnaufer, als hätte er sich übermäßig anstrengen müssen, beendete. Mit langsamem, wiederholtem Nicken nahm seine Mutter, <em>Mami</em>, das zur Kenntnis, sie beide dabei müde fixierend. <em>Mami</em> blieb noch eine ganze Weile stumm auf der ausgezogenen Couch sitzen, die ihnen als Bett dienen sollte. Der kleine Bruder hatte ausnahmsweise von selbst erfasst, dass er sich zurückziehen sollte. Er verschwand in dem Jungenzimmer, das er heute Nacht für sich hatte. Privatsphäre gab es in der Drei-Zimmer-Wohnung mit den Papierwänden nur für die Mutter, die ein eigenes Schlafzimmer hatte, das sie nun des Öfteren mit einer Freundin, ihrer neuen Liebe, teilte. Das Wohnzimmer, das ihrem Freund und ihr überlassen wurde, wenn sie über Nacht blieb, war nie ein geschützter Raum, nicht nur, weil man es durchqueren musste, um zur Küche zu gelangen, die nicht mehr als eine durch ein Schiebeglas vom Raum getrennte Küchenzeile war, sondern auch, weil es unter den Dreien keinerlei private Abgrenzungen gab. Zuerst hatte sie irritiert gedacht, nur der pubertierende Bruder in seiner Anhänglichkeit an ihren Freund, der ihn quasi großgezogen hatte, wäre so distanzlos. Er kam ohne zu klopfen in das Zimmer und betrachtete mit geradezu wissenschaftlicher Neugier, wie sein großer Bruder sie küsste und berührte, ihr das Kleid von der Schulter herunter oder die Beine hochschob, und wenn sie darauf ihren Freund von sich wegzuschieben trachtete unter den freundlich und gespannt lächelnden Blicken des Vierzehnjährigen, wurde ihr Freund ungehalten - ihr gegenüber zuerst. Insgeheim jedoch nervte sie vor allem die ständige Beobachtung und die körperliche Nähe, denn der Junge trat an das Bett sogar näher heran, um dieses merkwürdige Verhalten der Älteren besser studieren zu können: Vielleicht ließ sich hier etwas lernen. Dass die Anwesenheit des Bruders so Intimitäten unterband oder auf Fummeleien und Küsse beschränkte, störte sie jedoch keineswegs, denn zu mehr war sie nicht bereit. Im Übrigen war ihr Freund ein schlechter Küsser.</p><p>Ins Bad, das man nicht verriegeln konnte, ging sie nur noch hastig und mit Ankündigung, nachdem der Bruder einmal erwartungsvoll vor ihr stand, als sie den Duschvorhang zur Seite schob.</p><p>Der Umgang zwischen ihrem Freund und seinem Vater schien ihr auf mehreren Filmspulen parallel zu laufen, Bild und Ton passten nicht zusammen.</p><p>Kein Wort hatte ihr Freund über sein Verhältnis zu seinem Vater fallen lassen, weder vor noch nach dem Vorstellungsbesuch. Körperlich hielten sie in dem sparsam möblierten großen Zimmer zum Garten größtmögliche Distanz. Doch die von weitem so reserviert wirkende Figurenaufstellung verströmte Vertrautheit und Wärme, eine Sehnsucht nacheinander, die keiner sich anmerken lassen wollte. Wie die verborgene, geheime Schatzkiste einer Bande, die nur bei Gefahr von Leib und Leben gehoben werden durfte, ein geteiltes Geheimnis, und die die pflichtschuldige Solidarität mit <em>Mami</em> als die Last illustrierte, die sie war.</p><p>Sie hatte dem Vater die Hand zur Begrüßung gegeben, ihr Freund sich auf ein stummes Nicken von der Türschwelle beschränkt. Jetzt lief er nervös mit zwei, drei Schritten nach rechts und wieder nach links vor der Schrankwand mit Büchern entlang, verschwand in die Küche, um Instantkaffee aufzugießen, diese Vorliebe immerhin teilten seine Eltern, während sein Vater sie amüsiert betrachtete. Diese Prüfung war keineswegs unangenehm, was nicht nur an seinem etwas grimmigen Altherren-Charme lag, sondern möglicherweise schlicht daran, dass sie das Alleinsein und ihre Freiheit viel zu sehr liebte, als dass sie ernsthafte Verbindungen mit irgendwem eingehen wollte und es deshalb im Grunde völlig egal war, wie das Urteil über sie ausfiel. Sie wohnte seit einem Jahr, dem Beginn der Oberschulzeit, alleine und es schien ihr überlebensnotwendig, dass niemand mehr irgendeine Entscheidung für ihr Leben traf oder auch nur über ihre Zeit bestimmte. Außerdem war sie siebzehn und durch nichts zu zerstören.</p><p>Als ihr Freund irgendwann mit dem Kaffee wieder auftauchte, lange war er ferngeblieben, sagte sein Vater, bevor er zur Tasse griff: <em>Ihr habt meinen Segen.</em></p><p>Sie verschluckte sich an der Plörre und registrierte zu ihrer Verblüffung, dass ihr Freund das komischerweise nicht nur kommentarlos, sondern mit dem Anflug eines dankbaren Lächelns aufnahm. Merkwürdigerweise gelang es ihr, die sie sonst stets zu impulsiv reagierte, sich zusammenzureißen und den Moment einfach verstreichen zu lassen, obwohl sie am liebsten aufspringen und davonlaufen wollte. Zwischen Vater und Sohn, die auch jetzt am sehr langen Tisch so weit voneinander entfernt wie möglich saßen, schwang ein wortloser Dialog im Gleichklang, selbst ihr Atem lief synchron. Es war für sie gleichermaßen fesselnd und gänzlich unverständlich, das zu beobachten.</p><p>Außer in seinem gerade begonnenen Physikstudium die gewohnte Brillanz zu zeigen – das verstand sich von selbst –, stellte der Vater keinerlei Ansprüche an seinen Sohn, was ihr Verhältnis in gewisser Hinsicht klar und von Anfang an erwachsen definierte. Ihre Unterhaltungen drehten sich mit sorgfältig und sparsam gewählten Worten um Literatur, hatten dabei allerdings etwas von stichpunktartiger Prüfung, und bestanden ansonsten aus stummen Schachspielen. Mit Alltäglichkeiten und Banalitäten hatte man dem Vater nicht zu kommen.</p><p>Verlor ihr Freund gegen seinen Vater, brachte ihm das ein stirngerunzeltes Kopfschütteln ein, das noch Tage an ihm nagte. Er trainierte seinen jüngeren Bruder, spielte aus dem Gedächtnis die Partien gegen den Vater mit dem Bruder nach, um den Kleinen vor ähnlichen strategischen Fehlern zu bewahren und gleichzeitig zu ergründen, wie ihm selbst diese hatten passieren können. Er sprach nie über Befindlichkeiten. Dass sie nicht einfach eine, sondern jetzt <em>seine</em> Freundin war und dass das selbstverständlich eine ernste Angelegenheit war, erschloss sich doch auch ohne Worte; dass umgekehrt aber er für sie nur ein Freund war, kam ihm gar nicht in den Sinn. Ein zielloses sich Treibenlassen, eine Zerstreuung nur um den Moment des Loslassens war eine Zeitverschwendung für ihn, ein unnützer Leerlauf. Sie war gewissermaßen eine Aufgabe für ihn, ein Rätsel, dass er zu lösen versuchte und er hatte sich entschieden. Seine Liebe, oder was er in seiner Verliebtheit, die eine irgendwie störende, beunruhigende, weil unkontrollierbare Regung war, dafür hielt, zeigte er doch durch all die Zeit, die er ihr darbrachte, in seinen gierigen ungeschickten Küssen, im überraschenden nächtlichen Klingeln an ihrer Tür. Ein Telefon hatte sie nicht. Sie waren doch wohl <em>zusammen, </em>offensichtlich. Wozu sonst die ganze Mühe? Wenn sie ihn an der Tür abwies oder alleine die Treffen mit der Clique verlassen wollte, runzelte er grübelnd die Stirn und ging in Gedanken die letzten Stunden durch wie eine Schachpartie, um den Fehler zu finden.</p><p>Der harte Kern der Clique hing nicht einfach so miteinander herum. Sie übten wie besessen Gitarre mit keinem geringeren Ziel, als <em>Friday Night in San Francisco </em>nachspielen zu können. Auf den Kassetten wurde Takt für Takt nachgehört, die Noten notiert, hunderte, tausende Male jede Phrase verbissen, verschwitzt, gänzlich versunken geprobt.</p><p>Es amüsierte sie, dass es keinen Unterschied machte, ob er sich plötzlich begehrlich ihr näherte oder von den <em>Feynman-Lectures</em> sprach; der hingebungsvolle Glanz in seinen Augen, die Erregung, die ihn dann erfasste, schien exakt die gleiche zu sein. Das war komisch und wiederum ein interessantes Rätsel für sie, sollte man doch meinen, dass die Quantenmechanik, die ihn besonders fesselte, eine andere Hirnhälfte stimulierte als das Streicheln ihrer Haut. Aber was wusste sie schon, es interessierte sie auch nicht sonderlich.</p><p>Neben dem kostbaren Schuber mit den drei Bänden des gesammelten Feynman und der Gitarre war sein wertvollster Besitz sein neues Rennrad aus Westfabrikation. Wenn sie nicht so gedankenlos und unbekümmert gewesen wäre hätte sie verstanden, was es für ihn bedeutete, ihr das genauso mühsam wie den Feynman vom ersten Westgeld ersparte Rad zu leihen, als sie eines Nachts unbedingt nach Hause wollte. Am nächsten Tag, als sie es ihm zurückbringen wollte, hatte sie einen Unfall, als sie mit den ungewohnt schmalen Reifen in der Rosenthaler Straße zwischen die Tramschienen geriet. Sie war ein wenig zerschunden, aber der sich von hinten aus der Kurve Neue Schönhauser nähernden Tram knapp entkommen. Nur das Vorderrad hatte leider eine Acht. Sie rief ihn zerknirscht und mit dröhnendem Schädel aus dem Café an, vor dem sie sich und sein schönes Rad hingelegt hatte, und seine erste Frage galt spontan dem Rad, was ihr in dem Moment völlig verständlich war. Auf seinen langen Beinen kam er quer durch Mitte in geradezu olympiareifer Geschwindigkeit angerannt, um das Rad zu schultern und sie in ein Taxi zu sich zu setzen, wogegen sie benommen unerhört protestierte. <em>Mami</em> weilte bei ihrer Freundin und die beiden Brüder widmeten sich geradezu mit Begeisterung dem Fall auf der Wohnzimmercouch. Es war ziemlich lästig, aber ihr war kotzübel und schwindlig. Fasziniert kommentierte der kleine Bruder jede Größen- und Farbveränderung der Beule an ihrer Stirn, machte unentwegt eine Tasse nach der anderen des scheußlichen Instantkaffees mit Milchpulver, während ihr Freund ihr aus dem Feynman dozierte oder zur Abwechslung Isaak Babel vorlas. Wenigstens verschonte er sie heute mit Majakowskiversen auf Russisch. Beide Brüder legten sich links und rechts neben sie zum Schlafen nieder, was der Zumutung nun wirklich zu viel war und sie dergestalt mobilisierte, dass es ihr unbemerkt gelang, sich hinkend und mit pochendem Kopf aus dem Haus zu schleichen, wo sie mangels Gelds ein Auto auf der Straße stoppte, dass sie den kurzen Weg nach Hause fuhr.</p><p>Er begriff nicht, was mit ihr los war und schaute sie am nächsten Tag wegen ihres heimlichen Verschwindens genauso ratlos an, wie an dem Nachmittag als sie das Haus seines Vaters verlassen hatten und sie ihn anfuhr: <em>Ihr habt meinen Segen? Was bitte, was??</em></p><p><em>Klare Verhältnisse, </em>antwortete er leiseund lächelte gequält und bittend zugleich.</p><p>Er fuhr vornübergebeugt, die Kippe im Mund, sie starrte aus dem Beifahrerfenster. Sie schwiegen. Ein paar Straßen vor ihrer Wohnung stieg sie wortlos an einer Ampel aus.</p><p>Sie verstand durchaus, dass er ein <em>klares Verhältnis </em>bevorzugte, eine saubere Versuchsanordnung.</p><p>Sein Leben mit der umgestürzten Mutter, die ihre festgewachsene Arroganz und Überzeugungen hütete, weil von ihrer vorherigen Existenz nichts geblieben war und der Klassenfeind sie aus der Gesellschaft, der Universität, ihrem ganzen bisherigen Dasein ausgestoßen hatte, war kompliziert genug. <em>Mami </em>(Herrgott noch mal: <em>Mami</em>!) waren nur mehr ihre beiden hochbegabten Söhne geblieben, auf die sie hochmütig und voller Stolz verweisen konnte. Sie hatte sich, wie viele Frauen in führender Position in der DDR, nie zuerst als Mutter definiert. Kinder hatte sie auch, aber die hatte ja jede, das war nichts von Bedeutung und für Kindereien war nie Zeit. Zu der gewohnten Verantwortung für seinen kleinen Bruder kam, wie für sie alle, nun das Zurechtfinden in dem neuen Staat dazu, aber jetzt taugte <em>Mami </em>nicht mal mehr für Rat und Hilfe. Sie hatte nur Hohn und Verachtung für dieses nichtswürdige, rückgratlose Volk und überließ es ihrem Ältesten, sich für sie alle zurechtzufinden. Oft übernahm er ihre Zustellroute, damit sie sich die Decke wieder über den Kopf ziehen konnte. Saß bis drei Uhr nachts dann über seinen Physikbüchern, schlief nach dem Austragen der Zeitung ein, zwei Stunden und raste auf seinem Rad zerknautscht und ungeduscht ins physikalische Institut. Manchmal trafen sie sich am Nachmittag, wenn sie von der Schule kam, auf einen Kaffee in der Mensa oder, wenn es warm war, im Monbijoupark, der zwischen ihrer Wohnung und der Universität lag. Wenn er sich ins Gras neben sie ausstreckte, schlief er augenblicklich ein und sie wusste, dass sie ihn in exakt fünfzehn Minuten wecken musste. Aber meistens saß er im Schneidersitz vor ihr und las ihr Gedichte vor, dabei unbewusst an einer Stirnlocke drehend. Dieses ständige Haaredrehen, früher einfach nur eben sein Tick, den sie schulterzuckend wie alle aus der Clique kaum mehr wahrgenommen hatte, machte sie nun, wenn sie zu zweit waren, nervös. Auch, weil die Frequenz zunahm.</p><p>Diese kurzen Stunden bei Tag allein mit ihm waren ihr eigentlich genug. Amüsanter waren die Treffen mit der ganzen Clique, in der er seine alte Unbefangenheit ihr gegenüber hatte und es nicht diese bleierne Enge gab, die sie seit seinem ersten Kuss empfand. Ein planvoller Ernst, den sie früher alle nur für ihre Wissbegier hatten und mit dem er nun auch ihrer beider Umgang überzog, worüber in der Clique vorsichtige Witze gemacht wurden, denn eigentlich schätzte keiner von ihnen die Verschiebung ihrer Gruppenaufstellung.</p><p>Mit vorsichtigem Rückwärtsgang hätten sie vielleicht noch lange oder ewig befreundet bleiben können, er und sie und sie mit den anderen. Vielleicht wäre es ihnen beiden mühelos geglückt, wieder einfach nur beste Kumpel in der Clique zu sein, in der sie das einzige Mädchen war. So wie all die Jahre zuvor: die drei Freizeitgitarristen, mittlerweile Studenten der Physik und Mathematik, und sie, die demnächst ihr Abitur machte.</p><p>Vielleicht.</p><p>Doch dann geschah ein Unglück, dass sie ihm und den anderen nicht verzeihen konnte.</p><p>Der Kern ihrer verschworenen Viererbande war gut geschützt, um ihn kreisten ein paar Jungs, die sie von der Schule oder vom Schachclub kannten und denen manchmal Zutritt zu ihrem Privatclub gewährt wurde, der sich im Keller eines einstmals prächtigen Altbaus in der Nähe der Charité befand. In der zweiten Etage war die weitläufige Wohnung der Eltern des einen von ihnen, die beide Chefärzte in der Klinik waren und dankenswerter Weise die warme Hälfte des Jahres in ihrer Datsche mit dem großen Garten wohnten und ihnen somit gleich auch noch die Wohnung überließen.</p><p>Das Silvester in ihrem letzten Schuljahr beschloss die Clique in dieser Datscha zu verbringen, auch wenn es dort wohl lausig kalt sein würde. Aber sie wären für sich und könnten ordentlich Krach machen, wann und wie sie wollten. Verstärker wurden verladen, ein Mikrofon, das Schlagzeug, die E- und Akkustikgitarren, seltsame Lebensmittel, vor allem Unmengen an Zigaretten und Schokolade, von der sie sich alle damals beinah ausschließlich ernährten, Wodka und billiger Schwarztee. Einem der Jungs aus der Umlaufbahn wurde die Gnade einer Einladung zuteil, denn sie brauchten noch einen Mann am Keyboard, schließlich konnte sich keiner zweiteilen. Außerdem hatte der sich bisher als ein sehr angenehmer, witziger Typ erwiesen, mit Sinn für Poesie und Taktgefühl - auch im Umgang mit ihnen allen. Sie stimmte zu, dass er mitkam, auch wenn es ihr im ersten Moment nicht recht passte, plötzlich Tag und Nacht in dieser einsam gelegenen Hütte jemanden dabei zu haben, den sie nicht gut genug kannte. Aber ein Einspruch wäre zickig gewesen, schon allein, weil die Jungs sie mühsam überredet hatten, mit ihnen ein paar Tage an einen Ort zu fahren, von dem sie nicht einfach würde verschwinden können, wann sie wollte.</p><p>In der klammen Datsche gab es nicht genügend Betten, aber Platz zum Improvisieren. Großzügig, wahrscheinlich wegen des Neuzugangs, wurde vom Datschensohn und ihrem Freund wie selbstverständlich verfügt, dass sie ein Zimmerchen für sich alleine bekam, als gäbe es bei ihnen ein Mädchenextra. Wie selbstverständlich auch waren sie und ihr Freund hier im Kreis der Clique zusammen in einem Haus wieder die Kumpel von früher. Es schien eine gute Idee gewesen zu sein, mitgefahren und so ganz beiläufig vielleicht die alte Aufstellung wieder einzunehmen.</p><p>Auch ihre diffusen Vorbehalte gegen den Typen und seine Einladung in die Clique schienen sich als albern zu erweisen.</p><p>Sie waren es nicht.</p><p>Doch das sollte sich erst Wochen später zeigen.</p><p>Er war überaus charmant zu ihr, erfasste intuitiv die Wechselspiele in der Clique und vor allem war er als Pianist passabel. Hochpreisiger wurde bei ihnen nicht gelobt. Durch sein <em>passables Spiel, </em>sein Improvisationstalent und seine scheinbar unkomplizierte Art erspielte er sich für ihre Freunde einen festen Platz in der Clique.</p><p>Am ersten Abend wollte er sie berühren. Sie wich zurück, ihr Freund ließ ein scharfes <em>Nein</em> fallen, sekundiert von den Blicken der anderen, die den Typen fixierten. Eine unangenehme Stille breitete sich aus, bis der Datschensohn sich ans Schlagzeug setzte und ihm nach einer Weile die anderen an ihren Instrumenten folgten und sie ans Mikrofon riefen.</p><p>Nach ihrer Rückkehr in die Stadt zog sie sich etwas aus der Clique zurück, ging nur noch selten zu den Clubtreffen, traf ihre Freunde meistens jeweils allein. Anders, als dass sie nach den Tagen so eng miteinander nun einfach etwas allein sein musste und vor allem nicht in die Enge mit Küssen, <em>Mami, </em>dem aufdringlichen Bruder und den Fragen des Vaters, wann sie ihn wieder besuchen würden, zurückkehren wollte, konnte sie ihren Rückzug nicht erklären. Zu sagen, dass dieser Typ, der jetzt ständig mit der Clique rumhing, sie störte, wäre lächerlich gewesen. Es gab keinen Grund, etwas gegen ihn zu haben. Ihre Freunde hätten sie wohl für plötzlich mädchenhaft launig gehalten, wenn sie ihnen diffus mit gefühltem Quatsch käme.</p><p>Eine gute Ausrede für ihren Rückzug war das bevorstehende Abitur. Sie hatte in den letzten zwei Jahren bedenklich oft die Schule geschwänzt und musste nun viel nachholen. In dieser Nachwendezeit bekam man mit dem Schwänzen keinerlei Probleme, die Lehrer waren alle mit sich und ihrem Bangen beschäftigt, ob sie weiterhin im Schuldienst verbleiben konnten.</p><p>Ihr fehlten Mitschriften, ja selbst Bücher. In der Clique wurden gedankenvoll die Köpfe geschüttelt, als die Jungs mitbekamen, wovon sie alles keine Ahnung hatte und Strategien entwickelt, in welcher Reihenfolge und wie ihr möglichst effizient der gesamte Stoff der Oberschule auf die Schnelle in den Kopf zu hämmern war, denn trotz Wiedervereinigung hatte sie noch ein Ostabitur abzulegen, bei dem man keine Fächer abwählen konnte. Reihum kam alle paar Tage einer mit Büchern oder Handschriften vorbei, vor allem für die naturwissenschaftlichen Fächer. Die Blöße, sich der Einfachheit halber irgendetwas von einem ihrer Überfliegerfreunde erklären zu lassen, konnte sie sich unmöglich geben, auch gingen die Jungs unerklärlicherweise davon aus, dass sich auch für sie eine mathematische Fragestellung von selbst erschloss, wenn sie sich nur endlich jetzt einmal die Sache ansah. Erstaunlicherweise klappte das sogar halbwegs durch die von ihnen aufbereiteten Aufgaben.</p><p><em>Nächste Woche Chemie im Schnelldurchlauf, </em>sagte der eine, als er ihr ein Biologiebuch brachte<em>, das hier musst du nur dumm auswendig lernen.</em></p><p>Vor der Tür stand in der kommenden Woche aber nicht ihr Freund, dessen kleiner Bruder später mal ebenso renommiert als Chemiker sein würde wie ihr Freund als Physiker.</p><p>Der Typ stand vor ihr. <em>Das soll ich dir vorbeibringen. </em>Ihr Freund hätte <em>Mami </em>plötzlich ins Krankenhaus fahren müssen, er redete von einem Herzanfall und drängte an ihr vorbei hinein. Als er später aus der Wohnung floh, nachdem ihr Nachbar durch ihre Schreie herbeigerufen verzweifelt versucht hatte, die doppelte Berliner Altbautür des Dienstmädchenaufgangs einzutreten, lag sie zerschlagen und blutend auf dem Boden.</p><p>Der Typ, erfuhr sie später, hatte am nächsten Tag Stadt und Land verlassen. Aus Neuseeland kam Wochen später ein Brief von ihm an ihren Freund. <em>Ich hab sie gefickt, so, wie Du sie nie gehabt hast.</em></p><p>Gar nichts begriff ihr Freund, niemand aus der Clique. Was tatsächlich passiert war, konnte sich keiner auch nur vorstellen. Der Brief wurde ihr unter der Tür durchgeschoben, sie ließ niemanden herein. Im schnellen Wechsel hilflos wütend laut und leise werdend, verlangte ihr Freund Einlass und Erklärung. Tag für Tag stand er vor ihrer Tür. Saß vor ihrer Tür und las dem Treppenhaus seine schwarzromantischen Gedichte vor. Im Wechsel klopften die anderen aus der Clique im Rhythmus ihrer Songs an die Tür, morgens, nachmittags, nachts - vielleicht hatten sie begriffen, dass dahinter etwas Unverzeihliches vorgegangen war.</p><p>Sie konnte den Jungs nicht verzeihen. Keinen der Verräter wollte sie jemals wiedersehen. Sie hatten diese Bestie in ihren Kreis gelassen, <em>Mami </em>hatte dafür gesorgt, dass ihr der Typ, <em>lag auf meinem Weg,</em> vorbei geschickt wurde. Sie, ihre Freunde, ihr Freund, hatten in ihrer rationalen Phantasielosigkeit tatsächlich zumindest im ersten Moment erwogen, dass sie Verrat an dem einen von ihnen begangen hätte, indem sie hinter ihrem Rücken mit dem Typen etwas angefangen, den Freund <em>betrogen</em> hatte.</p><p>Vielleicht wäre es ganz einfach gewesen die Tür zu öffnen, ihnen stumm die Spuren des Gewaltexzesses zu zeigen, aber mehr noch, als dass sie keine Worte hatte und keine Worte hören wollte, verabscheute sie sie alle. Keiner hatte Schuld, keinem konnte sie etwas vorwerfen, keiner erfuhr, was tatsächlich passiert war. Aber weder ihnen noch ihr selbst war die Sache zuzumuten. Scham und Schande und dieser Dreck stünden für immer zwischen ihnen.</p><p>Es gab keine Clique mehr für sie.</p><p>Es gab kein Zurück.</p><p>Fast dreißig Jahre später legte im Haus eines Freundes jemand <em>Friday Night in San Francisco </em>auf. Es war weit nach Mitternacht, sie waren betrunken. <em>Freunde von mir haben wie verrückt geübt, das nachzuspielen </em>antwortete sie, als sie gefragt wurde, ob sie die Musik möge.</p><p>Es gelang ihr ganz gut, nur an die Musik zu denken. Paco di Lucia, Al Di Meola, John McLaughlin an den spanischen Gitarren waren und blieben doch herrlich. Auch wenn sie sich eigentlich nur gegenseitig ihr Können vorführten. Ein Wettbewerb an Handwerkskunst, keine Musik. Die Wärme besorgten der Klangkörper, nicht ihr Spiel.</p><p>An etwas anderes als an die Musik zu denken wäre eine Zumutung. Eine alberne Reise in die Vergangenheit.</p><p></p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/de3e18d1-7884-4009-ab25-a62d5ce1ec9f">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Wed, 19 Jul 2023 18:56:28 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[O Obdachlos]]></title>
      <description><![CDATA[Vor etwa drei Jahren war eine neue Obdachlose in ihr Viertel gezogen. Sie fiel auf, weil es in ihrem Viertel nur sehr wenige Obdachlose gab. Es war ein…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>O</h1><h3>Obdachlos</h3><p></p><p>Vor etwa drei Jahren war eine neue Obdachlose in ihr Viertel gezogen. Sie fiel auf, weil es in ihrem Viertel nur sehr wenige Obdachlose gab. Es war ein ruhiges, satt bürgerliches Quartier ohne viel Durchgangsverkehr von Ablassfreudigen oder offenen Herzen, die Armut kannten und aus traditionellen Gründen, ihrer Erziehung oder Kultur heraus Almosen gaben. Die Frau bezog ihren Posten vor einer evangelischen Kirche und hier hatte sie natürlich gar nichts zu erwarten an Mitgefühl.</p><p>Das wollte sie auch nicht. Warum es sie hierher, ausgerechnet hierher an diesen ökonomisch unpraktischen Ort verschlagen hatte, war nicht herauszubekommen. Wie Tierchen, die um ihr Revier kämpfen, hatte sie es jedenfalls thronend wie eine Sagenheldin geschafft, den einzigen Dauerobdachlosen des Blocks von seinem überdachten Platz vor der Kirche zu vertreiben. Nicht, dass sie diesen fortan besetzte - er wagte es nur nicht mehr, dort sein Lager aufzuschlagen. Stets sehr aufrecht sitzend saß sie vor diesem Nachkriegsverbrechen an Kirchenarchitektur und grüßte sie generös wie eine Päpstin, wenn sie an ihr vorbeikam.</p><p>Irgendwann setzte sie sich neben die Frau, überließ ihr die gerade gekaufte Schachtel Zigaretten, die geradezu gnädig in Empfang genommen wurde. Als wäre es das Mindeste was ihr zu stand von der Unbekannten, der sie mal den Marsch blasen musste. Die die Dinge des Lebens nur aus der völlig falschen Warte betrachten konnte. Nicht durchschaute, welche perfiden Strukturen hinter allem und jedem steckten und was in der Gesellschaft schieflief.</p><p>Sie tat es mit der Nachsichtigkeit eines Yogis und der tief verrauchten Stimme einer Frau, die zu oft zu laut geschrien hatte. Ihre Obdachlosigkeit beklagte sie nie, auch nicht im folgenden Winter. Aus ihren schwer zu folgenden Erzählungen vermittelte sich eine Art von Freiheitsdrang, den schon Wände und geschlossene Türen bedrohten. Die Regeln <em>der anderen</em>, denen sich unbedingt und nie wieder zu beugen galt.</p><p>Sie klebte gänzlich unverständliche Zettel an die Laternenpfosten vor der Kirche und an den Stromkasten vor dem Supermarkt ein paar Meter die Straße hinauf. Die mit routinierter, fließender Handschrift verfassten Schreiben auf liniertem Papier wurden stets eröffnet mit ihrem vollständigen Namen und ihrem Alter, das sich mit der Zeit nicht änderte: 52 Jahre. Der sonstige Inhalt ließ einen ratlos zurück, als wäre er in einer Fremdsprache verfasst, von der man allenfalls ein paar Worte kannte und deshalb keinen sinnvollen Zusammenhang herstellen konnte.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/0516747c-e834-414f-932f-d7ddde2d71f9">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Alphabet]]></category>
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      <pubDate>Wed, 28 Jun 2023 11:28:09 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[U Unbehagen]]></title>
      <description><![CDATA[Die verblüffende Ähnlichkeit mit dem toten Freund ist verstörend bei ihrer ersten Begegnung. Bei der zweiten ist es der gänzlich andere, kalte Blick aus den Tiefseeaugen.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>U</h1><h3>Unbehagen</h3><p>Drei Jahre nach ihrer ersten Begegnung trafen sie sich wieder.</p><p>Ihr erstes Aufeinandertreffen war unausweichlich gewesen. Die Beerdigung seines Bruders, ihres Freundes. Zu der untröstlichen Trauer gesellten sich Schock und Verwirrung, als sie ihn das erste Mal sah.</p><p>Sie wusste, dass ihr Freund einen jüngeren Bruder hatte, kannte dessen Namen, aber hatte nie ein Foto von ihm gesehen.</p><p>In den hektischen, wirren, schluchzenden Telefonaten, in denen die Todesnachricht im Freundeskreis hin und her geflogen war, hörte sie immer wieder den Namen des Bruders, den einige von ihnen kannten, oder zumindest mehr über ihn wussten als sie, und jeder meinte, um <em>den</em> hätten sich doch immer alle Sorgen gedreht, um ihn machten sie sich nun welche. Ein Klassiker. Gänzlich zurückgezogen lebe der, ohne Sozialkontakte, ohne Arbeit, der große Bruder die einzige Verbindung zur Außenwelt, sein Halt. Es wurde immer melodramatischer. Ein aufgeregt plappernder Trauerkitsch; der jüngere Bruder, ja, aber warum denn ihr Freund. <em>Er war doch gerade so erfolgreich, </em>der übliche, hilflose Quatsch.</p><p>Sie, die den Bruder nicht kannte, noch nicht kannte, runzelte die Stirn, während sie am Telefon den seltsamen Geschichten über den jüngeren Bruder lauschte, und hatte dabei den Freund vor sich, dem sie von Anfang an die Depressionen angesehen hatte. Damals schon, vor fast dreißig Jahren. Die Nachricht von seinem Tod hatte sie in einen abgrundtiefen Schmerz gestoßen, aber nicht überrascht.</p><p>Aber sie wunderte sich jetzt, dass er ihr nie von seinem Bruder erzählt hatte. Von <em>seiner</em> Kindheit, <em>seinen</em> Eltern, nicht unseren gesprochen hatte. Der Mutter, die <em>ihn </em>verlassen hatte, dem Vater, der <em>ihn</em> gepeinigt hatte.</p><p>Irgend etwas war eigenartig an diesen Geschichten am anderen Ende der Leitung. Eine falsche Richtung. Ganz falsch.</p><p>Sie, all die Freundes des Toten, der seinem Leben selbst ein Ende gesetzt hatte, standen in der klirrenden Februarkälte eines Friedwalds in der Nähe von Berlin, ein Begräbnisort, der ihr eigenartig ausgewählt vorkam, war ihr Freund doch ein Mensch des Lebens, des Trubels, der Großstadt gewesen. Sie hatte alle Freundinnen aufgefordert, sich ein <em>schicket Fetzsche, </em>wie der Tote sagen würdeund hohe Schuhe anzuziehen, trotz Kälte und Wald. Etwas anderes wäre für ihren <em>Dorian Gray </em>indiskutabel. Während sie alle gemeinsam im Auto auf der Fahrt hysterisch lachend und heulend zugleich das typisch überdrehte <em>Weißt-du-noch und Er-würde-jetzt-sagen </em>abspielten und sich die Lippen nachzogen, waren sie schlagartig verstummt, sobald sie auf dem Parkplatz hielten. Der Wagen mit den spärlichen Familienmitgliedern erschien und der Bruder des Toten stieg aus.</p><p>Sein Anblick traf sie unvorbereitet. Eine gespenstische Ähnlichkeit mit dem Toten als junger Mann.</p><p>Der Körper hochgewachsen und schmal, ja zart, mit den gleichen großen, tiefdunklen Augen seines Bruders und den fließenden, vorsichtigen Bewegungen.</p><p>Sie starrte ihn an, ihr Herz raste.</p><p>Schweigend stolperten sie in ihren hohen Schuhen den Waldweg entlang zu dem Baum, unter dem die Asche ihres Freundes beigesetzt werden sollte und warteten auf die Urne. Nein, darauf, dass der Tote gleich lachend <em>Ich bin schon wieder zu spät </em>rufend auf seiner Vespa auftauchte.</p><p>Der Bruder nahm im Kreis um den Baum den Platz neben ihr ein. Er drehte langsam den Kopf zu ihr und sah ihr lange unverwandt in die Augen. Sie konnte den Blick nicht abwenden.</p><p>Nach der kleinen intimen Trauerfeier im Freundeskreis wollten sich die aus allen Ecken des Landes Herbeigereisten noch nicht trennen. Ein Italiener, ums Eck. Höflichkeitshalber fragte einer den Bruder, ob er mitwolle und rechnete wie alle mit einem Nein. Doch der Bruder fragte, ob <em>diese</em> Freundin mitkäme und sagte zu.</p><p>Im Restaurant nahm er neben ihr Platz und ergriff ihre Hand. Sie hatte stundenlang geheult, war leer und überfordert von diesen Augen und der Berührung eines Fremden, der ihr wie ein Avatar ihres Freundes erschien.</p><p>Die anderen, die, die ihr all diese merkwürdigen Geschichten über ihn erzählt hatten, in denen auch immer wieder <em>er hat Asperger</em> auftauchte, tauschten perplexe Blicke und schienen nicht glauben zu können, was sie da sahen. Als säßen sie im Kino. In ihren Blicken spiegelte sich ihre eigene Verstörung wider.</p><p>Irgendwann sagte er leise etwas zu ihr und in ihren Ohren rauschte es.</p><p>Die Stimme.</p><p>Die Stimme, nur verhaltender und umweht.</p><p>Ihre Hand festgehalten von ihm, seine Augen wie die dunkle Tiefsee, die sie hinunterzog. Er war ganz nah an sie herangerückt, ihre Beine berührten sich unter dem Tisch, sie war unfähig, sich auch nur ein wenig von ihm wegzubewegen.</p><p>Als sich alle um Mitternacht zerstreuten, auch er gegangen war, ihr seine Telefonnummer und E-Mail-Adresse hinterlassend, suchte sie mit einer an ihrer Seite verbliebenden Freundin eine Kneipe auf. Sie betranken sich hemmungslos.</p><p>Sie meldete sich nie bei ihm.</p><p>Ungefragt wurde ihr dann und wann von ihm berichtet, alles wieder mit der gleichen Melodramatik unter der ein <em>Er lebt noch</em> hing. Jeder schien jederzeit nach dem Tod des Freundes, <em>jetzt erst recht, </em>damit zu rechnen, dass der nunmehr doch gänzlich Verlassene seinem Bruder folgen würde. Als könne das gar nicht anders sein.</p><p>Genau drei Jahre nach der Beerdigung begegneten sie sich wieder.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/b221e015-d5a5-4b5a-9218-2dd7bdc572f8">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Alphabet]]></category>
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      <pubDate>Tue, 20 Jun 2023 10:31:23 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[G Glück]]></title>
      <description><![CDATA[Ihr Neffe, ihr EINZIGER Neffe heiratet. Das Auto verreckt auf der langen Hinreise, ist das zu fassen? Ein schräges Wochenende mit Hindernissen. Glück muss man haben!]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>G</h1><h3>Glück</h3><p><em>Mit dem Auto stimmt was nicht. Der zieht nicht.</em></p><p><em>Drück einfach das Gaspedal durch, </em>war die müde Antwort des Mannes, der auf dem Beifahrersitz halb döste.</p><p>Großartig. Sie hatte das Gaspedal bis zum Anschlag seit etlichen Kilometern durchgedrückt, die Steigung war lächerlich und der Wagen kroch mit 90 km/h auf der Autobahn. Noch mindestens dreihundert Kilometer lagen vor ihnen, niemals würden sie so pünktlich zur Hochzeit ihres Neffen kommen. Also zum Get-together der Familie am Vorabend. Zur Hochzeit am nächsten Tag irgendwann vielleicht schon, irgendwie anders, darüber konnte man später nachdenken. Wahrscheinlich würden sie heute nirgendwo mehr ankommen. Mit dem Wagen, den sie sich von Freunden geliehen hatte, stimmte entschieden etwas nicht. Der schöne alte BMW3, ein Auto, das einen nicht anbellt, wenn man sich nicht anschnallt, noch sonst irgendwelche elektronische Mitteilungen von sich meint geben zu müssen, hatte definitiv ein ernsthaftes Problem. <em>Schätzelein, was hast du denn</em>, flüsterte sie, das Bein durchgedrückt, zwischendurch kuppelnd und probehalber in andere Gänge wechselnd. <em>Komm, bitte!</em></p><p>Noch zweihundert Kilometer, mindestens jetzt. Ihr Neffe, ihr EINZIGER Neffe heiratete. Der Mann neben ihr blieb ungerührt, das Kind auf dem Rücksitz mit seinem Handy beschäftigt sowieso. Irgendwann war das Problem nicht mehr zu ignorieren. Keine Steigung mehr, sie waren in Norddeutschland, im alten BMW sank das Tachometer bei durchgedrücktem Gaspedal auf 80, 75, 70… und es war bereits halb fünf nachmittags. Hoffnungslos. Das konnte doch nicht wahr sein! Kriegten sie denn gar nichts hin!? Nicht mal pünktlich zu der Hochzeit des Neffen kommen? DES EINZIGEN!</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/5b105ab5-1469-436d-b3bc-2a33ea525254">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Alphabet]]></category>
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      <pubDate>Wed, 14 Jun 2023 12:17:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Ein opferloses Delikt und ein Todesfall (7)]]></title>
      <description><![CDATA[Fin. Ein paar Wochen nach dem Vortrag bleiben die Plätze des Ingenieurs und seines Verteidigers leer.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Ein opferloses Delikt und ein Todesfall</h1><h3>Teil 7</h3><p>Ein paar Wochen nach dem Vortrag bleiben die Plätze des Ingenieurs und seines Verteidigers leer.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/5d616be0-005d-43be-ac07-c64f2db7b70d">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Vor Gericht]]></category>
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      <pubDate>Mon, 12 Jun 2023 11:55:45 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Ein opferloses Delikt und ein Todesfall (6)]]></title>
      <description><![CDATA[Irgendwann ist es soweit. Die Hauptverhandlung beginnt. Sie ist für viele Monate terminiert, jede Woche, immer dienstags. Und wird ein Schaustück. Gegen alle fünf…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Ein opferloses Delikt und ein Todesfall</h1><h3>Teil 6</h3><p>Irgendwann ist es soweit. Die Hauptverhandlung beginnt. Sie ist für viele Monate terminiert, jede Woche, immer dienstags.</p><p>Und wird ein Schaustück.</p><p>Gegen alle fünf wird gemeinsam verhandelt und jeder kämpft für sich alleine. Oder lässt kämpfen und übt sich in Geduld und Ergebenheit.</p><p>Einer nicht. Goldstein.</p><p><em>Ich bin ein konfliktfreudiger Mensch</em>, sagt er.</p><p>Das wird er demonstrieren.</p><p>Verachtung, Erbitterung und Feindschaft herrschen mittlerweile überwiegend zwischen den Männern untereinander und ganz besonders dem Makler gegenüber, dem sie die ganze Sache zu verdanken haben.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/15faaa4c-0a4c-4c77-b3ed-b4fd7d287d82">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Vor Gericht]]></category>
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      <pubDate>Mon, 12 Jun 2023 11:49:24 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Ein opferloses Delikt und ein Todesfall (5)]]></title>
      <description><![CDATA[So viel Geld auf einmal in greifbarer Nähe und nun soll er es nicht kriegen. Das treibt den Makler um. Er wollte für sein Alter ausgesorgt haben, das war der…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Ein opferloses Delikt und ein Todesfall</h1><h3>Teil 5</h3><p>So viel Geld auf einmal in greifbarer Nähe und nun soll er es nicht kriegen. Das treibt den Makler um. Er wollte für sein Alter ausgesorgt haben, das war der Plan. Der Hallenbauer und sein Geschäftspartner werden ungemütlich und immer ungemütlicher, je öfter er seine Forderungen nach Ausgemachtem und Versprochenem erneuert. Bald zeigen sie sehr deutlich, wie lästig ihnen der Makler geworden ist. Der kommt in seiner Ratlosigkeit wie er doch noch an das Geld gelangen kann, das er in Gedanken schon ausgeben und angelegt hatte, auf die Idee, das Gericht zu bemühen.</p><p>Der Makler klagt sein Schmiergeld ein.</p><p>Der Hallenbauer ruft zum Krisentreffen auf seine Yacht im Mittelmeer.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/da0cfe73-d972-42fc-8d25-20f705eac70d">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Vor Gericht]]></category>
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      <pubDate>Mon, 12 Jun 2023 11:19:20 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Ein opferloses Delikt und ein Todesfall (4)]]></title>
      <description><![CDATA[Ein Grundstück gibt es nur noch auf dem neuentwickelten Flughafengelände. Nur noch eins, ganz am Rande, niemand will es. Außer einem. Europas größter Hallenbauer…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Ein opferloses Delikt und ein Todesfall </h1><h3>Teil 4</h3><p>Ein Grundstück gibt es nur noch auf dem neuentwickelten Flughafengelände. Nur noch eins, ganz am Rande, niemand will es.</p><p>Außer einem. <em>Europas größter Hallenbauer</em> nennt er sich. Vom Türsteher zum Millionär hat er sich hochgearbeitet, nicht zimperlich. Er verkehrt mit den Reichen und Schönen dank seiner Frau; seine Freunde und Geschäftspartner haben noch andere Qualitäten. Überall hat er Logistikhallen gebaut, in ganz Deutschland und ein bisschen auch nebenan, in irgendwelchen Industriegebieten. Auf dem inzwischen größten Frachtflughafen Europas eine seiner sparsam gehaltenen Hallen zu errichten und anschließend zu verkaufen, das wäre ein ganz anderes Geschäft. Er hatte schon einmal einen Anlauf genommen. Sein erster Entwurf wurde vom Flughafenbetreiber zurückgewiesen, weil er zu viele Mängel hatte. Das Grundstück jetzt ist seine letzte Chance.</p><p>Wie gierig der Hallenbauer und sein Geschäftspartner auf den Deal sind, wird dem Ingenieur und dem Makler schnell klar. </p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/b5e3a1b1-e204-435f-9d27-a497d3a0e20a">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Vor Gericht]]></category>
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      <pubDate>Mon, 12 Jun 2023 10:55:11 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Ein opferloses Delikt und ein Todesfall (3)]]></title>
      <description><![CDATA[Sami Goldstein hat einen Freund. Sie nennen sich Freunde, wie man einander manchmal schnell Freunde nennt, wenn man miteinander arbeitet und anschließend zusammen…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Ein opferloses Delikt und ein Todesfall</h1><h3>Teil 3</h3><p>Sami Goldstein hat einen Freund. Sie nennen sich Freunde, wie man einander manchmal schnell Freunde nennt, wenn man miteinander arbeitet und anschließend zusammen trinken geht. Wie viele sich Goldsteins Freunde nennen, über die er sich nüchtern keine Illusionen macht, aber machen will.</p><p>Goldstein hat Erfolg, der Freund, ein Immobilienmakler, hat Erfolg mit Goldstein. Er nimmt ihm die Vermietung vieler Objekte ab, dient sich an, wird Teil des Schwarms. Der Makler verdient gut mit Goldsteins Immobilien und er lernt all die Leute kennen, von deren Bekanntschaft und deren Lebensstil der Mann aus kleinen Verhältnissen stets geträumt hat. Souverän, sorglos, lässig lebend. So scheinbar angstfrei. Und vor allem: auf großem Fuß. Unangreifbar. <em>Wer keine Angst hat, ist ein Narr</em>, dass er diesen Satz Goldsteins nicht kennt, ist bezeichnend.</p><p>Der Makler lernt, wir reden hier von einer Großstadt, die keine große Stadt ist, auf seiner groß angelegten Geburtstagsfeier den König des Frachtflughafengeländes kennen. Der ist inzwischen entmachtet worden, was niemand weiß. Das Vorstandsmitglied, dem er zugearbeitet hat, ist kurz vor der Pension abgeordert worden an anderer Stelle des Flughafens zu wirken. Zwischen den Ingenieur und dem neuen Vorgesetzten hat man nun gleich zwei Managementzwischenebenen installiert. Männer, die gut bezahlt werden, deren Aufgaben fest umrissen sind, deren Leistungen am Monatsende diskutiert und mit Boni bedacht werden oder nicht und die, wenn „das Paket“ nicht mehr stimmt, weiterziehen zum nächsten Konzern. Diese Manager sind entsetzt von des Königs Geschäftsgebaren. Vereinbarungen per Handschlag, Konditionen wie zu D-Mark-Zeiten? Da ist mehr zu holen, das ist zu optimieren. Zur eigenen Unentbehrlichkeit und dem Aufstieg in die nächste Karrierestufe allemal. Gleichzeitig ist es geradezu unverantwortlich, wie persönlich der König das Geschäft betreibt. So viel Verantwortung kann ein Einzelner doch nicht tragen! Das Argument ist bestechend.</p><p>Der König verliert seinen direkten Zugang zum Vorstand. Muss nun zu <em>Gremiensitzungen</em>, ist dem Management untergeordnet, und wird von diesem Schritt für Schritt abserviert. Sein Büro wird ausgelagert ans andere Ende des Flughafengeländes, man schneidet ihn.</p><p>Der entthronte König, den man gleichwohl wegen all seiner persönlichen Kontakte, seinem Wissen nicht vom Hofe jagen will, sieht bald keinerlei Zukunft für sich in dem Unternehmen, dem er geholfen hat, so erfolgreich zu werden. Seine einzige Chance, so frei in seinem Metier weiterzuarbeiten, das er mittlerweile beherrscht wie kaum jemand, ist, sich selbständig zu machen. Dazu braucht es Kapital. Verdient hat der König das bisher nicht. Andere sind reich geworden, sehr reich, mit seiner Hilfe, er nicht. Da lernt er den Makler kennen.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/9297bc93-dc1a-4a43-860c-2968f8686adc">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Vor Gericht]]></category>
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      <pubDate>Sun, 11 Jun 2023 12:56:16 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Ein opferloses Delikt und ein Todesfall (2)]]></title>
      <description><![CDATA[Die Stadt hat einen Flughafen, den zweitgrößten Europas. Er kann möglicherweise den Flughafen in London an Passagierzahlen nie überholen, aber er hat das…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Ein opferloses Delikt und ein Todesfall</h1><h3>Teil 2</h3><p>Die Stadt hat einen Flughafen, den zweitgrößten Europas. Er kann möglicherweise den Flughafen in London an Passagierzahlen nie überholen, aber er hat das Potential, zum größten Frachtflughafen Europas zu werden, jetzt, nachdem die amerikanische Armee, die seit Kriegsende weite Teile dort beanspruchte, sich gänzlich von dem Gelände zurückgezogen hat. Dieses Gelände kann man entwickeln, wie es in der Branchensprache heißt. Logistikhallen errichten, Frachtunternehmen ansiedeln. Der Platz ist endlich da, die Stadt beschwert ihren größten Arbeitgeber, was heißt ihren, den größten der Region, nicht mit allzu vielen Auflagen und Vorschriften. Die Demonstranten gegen den Ausbau trägt man ihm weg.</p><p>Für dieses Ausbauprojekt stellt der Flughafen einen ungemein begabten Ingenieur ein. Er soll Interessenten finden, die zu festen, vom Flughafenbetreiber ausgearbeiteten, durchaus fairen Konditionen die Logistikzentren bauen. Der Flughafenbetreiber hatte nämlich recht schnell festgestellt, dass er selber zu groß, zu unbeweglich ist, um solche Vorhaben umzusetzen und dass es für ihn zu kostspielig wäre. Und weil es außerdem mühsam ist, auch noch die zukünftigen Mieter für die errichteten Gebäude zu finden, wird auch das schnell den Bewerbern um den Bau der Hallen mit auferlegt. Allerdings müssen diese Mieter den Flughafen voranbringen, einen Mehrwert erbringen, deshalb kann der Flughafenbetreiber ablehnen, wer ihm als Nutzer nicht passt. Zu einem festen Erbbauzins mit einer festen Laufzeit mit selbst mitgebrachtem Mieter kann man einsteigen in das Geschäft, das großen Gewinn verspricht. Denn die Konditionen des Flughafens sind günstig, die Aussichten, dass der Flughafen tatsächlich das Frachtdrehkreuz Nummer Eins in Europa wird, groß. Wer es wagt zu investieren, zu bauen, kann damit rechnen, recht große Gewinne mitzunehmen, wenn er seine Halle verkauft. Ein Risikogeschäft am Anfang, dass der Flughafenbetreiber gänzlich den Investoren überlässt, aber so ist jedes Geschäft, dass große Gewinne verheißt. Also gilt es zum Zuge zu kommen.</p><p>Dem Ingenieur wird freie Hand gelassen. Er hat eine gute Hand. Sein Vorgesetzter ist ein Mitglied des Vorstands, es gibt keine umständlichen bürokratischen Zwischenstrukturen.</p><p>Der Ingenieur, begeistert von dem Vorhaben, der Freiheit, die ihm gelassen wird, wirft sich mit Verve in die Arbeit. Innerhalb kurzer Zeit ist ein Großteil der Fläche entwickelt. Der Ingenieur findet geeignete Investoren, klärt alle Formalien und unterbreitet direkt dem Vorstandsmitglied die Bewerber. Der entscheidet, nickt meistens ab. Der Flughafen ist schnell da, wo er sein wollte. Den König nennen sie den Ingenieur. Er bekommt sein Angestelltengehalt, hat Freude an der Arbeit, reist durch die Welt, kennt in der Logistikbranche bald jeden und jeder kennt ihn.</p><p>Dann kommt eine Wirtschaftskrise. Es gibt nur noch wenig freie Flächen auf dem Logistikgelände, doch für diese finden sich zwei Jahre lang keine Investoren.</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Vor Gericht]]></category>
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      <pubDate>Sat, 10 Jun 2023 22:20:08 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Ein opferloses Delikt und ein Todesfall (1)]]></title>
      <description><![CDATA[Das Schaustück eines Korruptionsverfahrens. Die Stadt, der Flughafen, Geld, Gier und bella figura. Möglicherweise hat es sich so zugetragen. ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Ein opferloses Delikt und ein Todesfall</h1><p><strong>Das Schaustück eines Korruptionsverfahrens. Eine Stadt, ein Flughafen, Geld, Gier und <em>bella figura. </em>Möglicherweise hat es sich so zugetragen. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind beabsichtigt.</strong></p><p><em>(Von der öffentlichen Hauptverhandlung wurde keinen Tag versäumt und dabei mitgeschrieben.)</em></p><p></p><h3>Teil 1</h3><p>Sami Goldstein war ein gefeierter Mann. In seiner Heimatstadt kannte ihn beinahe jeder. Seine Anwesenheit schmückte die Vernissagen der großen und der kleinen Galerien und Museen. Keine wichtige Feier in der Stadt, ohne dass nicht auch Sami Goldstein geladen war. Er kam stets umgeben von Gefolge und war schnell umringt von einem Tross von Leuten. Jeder suchte seine Nähe, wollte gesehen werden, wie er Goldstein auf die Schulter klopfte und gehört, wie er ihn duzte.</p><p>Goldstein selbst gab ebenfalls rauschende Feste. Wer es zu etwas gebracht hatte in der Stadtgesellschaft, wer wissen wollte, ob er als jemand galt, ob man ihn für einen Vordenker hielt, sah es auch daran, ob Goldstein ihn einlud. Kein Wunder also, dass sich heftig darum gedrängelt wurde, zu seinem Kreis zu gehören. Als Visionär nämlich sah sich Goldstein selbst.</p><p>Als Visionär für Stadtentwicklung. Und zu Recht sah er sich so. Der Immobilienentwickler sprach von sich selber lieber als <em>Stadtteilregisseur</em>.</p><p>Goldstein hatte die Gabe, das Potential brachliegender Flächen und ganzer Viertel zu erkennen, mit unkonventionellen Ideen heruntergekommenen Gebäuden ein neues Leben einzuhauchen. Mit seinem Enthusiasmus und Mut überzeugte er andere, die ihm an diese Orte nachzogen. Wo Sami Goldstein investierte, wollte jeder investieren anschließend. Selbst seine Neider und diejenigen, die sein Auftreten, das sich um Konventionen wenig scherte, nicht mochten oder die es gar abstieß, bescheinigten ihm die visionäre Begabung und die Erfolge in der Entwicklung ganzer Stadtteile. Er verwandelte unbelebte, abgewirtschaftete Industrieviertel der Stadt in begehrte Lagen, zum Arbeiten, zum Leben und zum Ausgehen. Er feierte nicht nur gerne, er schuf auch die Orte, an denen jeder feiern wollte. Clubs, Hotels, Restaurants. Ideen dazu holte er sich auf ausgedehnten Reisen ins Ausland. Nicht nur für Architektur, neue Arten zu bauen, auch, um Künstler zu entdecken, die er in seine Heimatstadt locken konnte.</p><p>Das Geld, dass er machte mit seinen Immobilien, floss nicht nur in die nächsten Projekte. Er unterstütze damit auch großzügig die freie Kunstszene in der Stadt. Kunst im öffentlichen Raum zu etablieren, war ihm ein Lebensbedürfnis.</p><p>Sami Goldstein fiel auf, man übersah ihn nicht. Ob zwischen Herrschaften im Businessdress oder zwischen Cocktailkleidern - ein nicht sehr großer Mann mit schulterlangen Haaren, bunten Anzügen und Schals und stets mit Hut. Er gab sich auch äußerlich so unangepasst wie er sein wollte und wie er war. <em>Gegen uniformiertes Denken</em> lautete passenderweise der Untertitel seiner Website. <em>Baulöwe</em> und <em>Paradiesvogel</em> hießen sie ihn in der Stadt. Und manchmal auch nur, hinter vorgehaltener Hand, <em>der Jude</em>.</p><p>Sami Goldsteins Vater war ein Überlebender des Warschauer Ghettos. Als Sami drei Jahre alt war, verunglückte er mit dem Auto und seinen Kindern darin. Zwei Schwestern von Sami und der Vater waren sofort tot. Der kleine Sami überlebte schwerverletzt als einziger. Seine Mutter war danach ein psychisches Wrack und blieb es. Sie zog mit ihrem ihr gebliebenen Kind nach Israel, wo sie Verwandtschaft hatte und Sami sorgte sich um sie. Als er erwachsen wurde, trat er sein Erbe an. Drei Häuser in seiner Heimatstadt hatte sein Vater ihm hinterlassen. Sami streunte zunächst ziellos durch die Welt, überließ die Verwaltung der geerbten Immobilien Angestellten, feierte sein Leben, seine Freiheit.</p><p>Mit Mitte zwanzig war es genug. Er zog in seine Heimatstadt, machte eine Ausbildung zum Kaufmann, um sich Rüstzeug anzueignen und übernahm die Leitung der Firma Goldstein. Die Häuser des Vaters waren die ersten Sicherheiten für Bankkredite zum Erwerb neuer Immobilien.</p><p>Auf dem Gelände einer stillgelegten Brauerei schuf er ein kleines Quartier mit Büros im Industriedesign, Wohnungen und Gastronomie. Auf dem Dach eines der Gebäude errichtet er sich ein Haus aus Holz mit viel Grün, sehr viele Jahre, bevor von Nachhaltigkeit, natürlichem Baumaterial die große Rede war. Er sanierte gesichtslose Bürogebäude aus den sechziger Jahren und ließ sie mit Gedichten zieren.</p><p>Er war überzeugt von seinen Ideen und überzeugte andere. Ganz und gar unbescheiden, mitreißend, laut, witzig. Jungenhaft und sehr lebendig. Zwanzig Jahre ging das.</p><p>Dann begann der Fall. Die Hybris, raunt es nickend und vermeintlich verstehend. Und die Gier. Ja ja, die Geldgier. Das musste ja einmal so kommen.</p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Vor Gericht]]></category>
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      <pubDate>Sat, 10 Jun 2023 22:11:22 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[H Hass]]></title>
      <description><![CDATA[Als sie siebzehn war unternahm sie ihre erste große Reise ganz allein. Zwei Monate Israel. Die DDR hatte sie gerade entlassen und der Zweite Golfkrieg war…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>H</h1><h3>Hass</h3><p>Als sie siebzehn war unternahm sie ihre erste große Reise ganz allein. Zwei Monate Israel. Die DDR hatte sie gerade entlassen und der Zweite Golfkrieg war ausgebrochen.</p><p>Sie kannte niemanden im Lande außer einem alten Freund, der sofort, nachdem sich die Mauern der DDR für sie öffneten, dorthin ausgewandert war und nun in irgendeinem Kibbuz im Norden des Landes lebte. Sie hatte sonst nur sehr weit entfernte Verwandtschaft im Land, die sie noch nie gesehen hatte, nicht mehr als deren Namen wusste und dass sie im ultraorthodoxen Viertel Jerusalems lebten, in Mea Schearim.</p><p>Es war ungemein aufregend, sich so frei und ohne Begleitung, ohne Pläne durch das Land treiben zu lassen, in dem alle irgendwie so aussahen wie sie und eine Sprache sprachen, die sie bisher nur in der Altfassung der Bibel kannte. Hier bleib ich, dachte sie - und wiederum nicht. Das raue, direkte Auftreten und die schnörkellose Sprache der Sabres gefielen ihr, kein Wenn-Sie-bitte-so-freundlich-sein-würden, dieses Umstandslose zur Sache kommen. Kein Krawattenjudentum, das sich erst in Schale wirft, bevor es G’tt anruft, nach guter alter europäischer Art, mit der sie aufgewachsen war und die sie deshalb angebracht fand. Irgendwie auch als Kind schon fand, dass angemessene Kleidung auch angemesseneres Verhalten hervorrief.</p><p>Wie naiv sie doch war.</p><p>Nur dass die Sabres tatsächlich auch umstandslos zu der einen Sache kommen wollten, irritierte und überforderte sie komplett - und stieß sie ab. Schnell hatte sie Schimpfwörter zu lernen, um irgendwelche Typen loszuwerden.</p><p><em>Baby, das hier ist der Nahe Osten, wir haben keine Zeit für Schmus.</em></p><p>Kein Spaziergang durch ein ruhiges Stadtviertel, kein Sitzen am Wasser, ohne dass irgendein Mann auftauchte und an ihr klebte. Es war widerlich und ihr aus Berlin, zumindest den Straßen der Stadt, gänzlich unvertraut.</p><p>Eines Tages saß sie allein in Davids Stadt auf einer Parkbank. Ein <em>Schwarzer, </em>ein Orthodoxer, näherte sich ihr und ließ sich neben ihr auf der Bank nieder. Dass das an sich schon seltsam war, wusste sie in ihrer Naivität damals nicht, aber seine Kleidung ließ ihn im ersten Moment ganz lauter erscheinen und bar jeder Absichten. Zumal er ihr aus Mea Schearim gefolgt war und irgendeine Wächterfunktion behauptete, die ihr zwar lästig und albern erschien, sie anderseits aber mürbe war von all den anderen unfreiwilligen Begegnungen und Berührungen. Außerdem hatte sie gerade eine religiöse Phase, so frisch aus dem aufzubauenden Kommunismus entlassen, Vaterstaat und Vaterlos und vor allem ganz ohne Gespür für sich und keine Ahnung, wie man Fassaden baut.</p><p>Ein <em>Ultra</em>, der da am anderen Ende der Bank kauerte, sie war ans andere Eck gerückt, beruhige dich.</p><p>Er rückte plötzlich näher, griff nach ihr, auf ihre Beine unter dem bodenlangen Kleid und nach einem kurzen Schockmoment stieß sie ihn weg und rannte planlos davon.</p><p>Falsche Richtung.</p><p>Natürlich hatte sie sich vor dem Besuch Jerusalems den Stadtplan angeguckt. Sie konnte Pläne lesen und besaß einen sehr guten Orientierungssinn. Nur waren in dem Stadtplan keine Warnflaggen eingezeichnet gewesen. Östlich der Altstadtmauer, im Kidrontal, das Grab des Abschaloms undsoweiter, Sehenswürdigkeiten also und irgendwo ja doch diese Schnellstraße. Um den Tempelberg musste man doch auch hinten herum laufen können und zurück in bekanntes Territorium kehren, nun, da sie kopflos schon mal in ihrer Panik in die falsche Richtung geflohen war.</p><p>Als sie kurz anhalten musste um Atem zu schöpfen, fiel ihr auf, dass sie hier womöglich ganz falsch war. Ja, die im Kopf gespeicherte Karte sagte ihr, wo sie lang musste, aber neben ihr waren plötzlich rottige kleine Häuschen mit aufgesprühten palästinensischen Flaggen, Parolen auf Arabisch wie Graffiti die sie nicht verstand, aufgetaucht. Sie verstand nur, dass sie hier genauso schnell weg musste wie vor dem lüsternen Frommen.</p><p>Das Kidrontal, das Grab des Abschaloms, die Sehenswürdigkeit, das war doch hier. Irgendwie links. Lauf weiter, lauf dahin, da hinten ist ja auch die große Straße, ein Taxi, Leute.</p><p>Leer war das Kidrontal. Kein Tourist besuchte das Grab des Abschaloms. Das naive DDR-Mädchen hatte sich den besten Zeitpunkt für ihre erste Reise in den Nahen Osten gesucht.</p><p>Okay, es war etwas unheimlich, diese Stille, diese Stille in dieser sonst überall so lauten Stadt. Aber sie war jetzt rennend angekommen vor der Grabstätte, die ihr Begrüßungsgeld-Reiseführer pries, da hinten parallel lief die große Straße wie in der Karte gesehen, da musste sie nur hin, es war nicht weit.</p><p>Einmal kurz Luft holen. Ihr langes schwarzes Kleid klebte an ihrem Körper und sie hatte Durst.</p><p>Als sie sich aufrichtete, sah sie sich umzingelt von einer Bande Jungs ihres Alters.</p><p>Sie hatten einen Kreis um sie gebildet und starrten sie wortlos an. Gesicht für Gesicht ging sie die Runde durch. Was soll mir das. Ich bin verloren. Nein, bin ich nicht. Sie wollte ausbrechen aus der Umzingelung dieser jungen Männer. Nein, es waren noch Jungs, beim zweiten Hinsehen und einmal Drehen, sich jedem zuwendend sah sie, dass einige noch jünger waren als sie. Sie lächelte, <em>Ich hab mich verlaufen, lasst mich gehen, </em>sagte sie.</p><p>Leider in Hebräisch.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/3b365447-6a74-44c6-9390-358cea691eee">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Alphabet]]></category>
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      <pubDate>Mon, 29 May 2023 21:29:37 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[I Intimität]]></title>
      <description><![CDATA[Diesmal hatten sie sich zuerst in einem Restaurant getroffen statt wie üblich bei ihm, hatten anschließend Wein und Käse gekauft und waren dann zu ihm gegangen.…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>I</h1><h3>Intimität</h3><p>Diesmal hatten sie sich zuerst in einem Restaurant getroffen statt wie üblich bei ihm, hatten anschließend Wein und Käse gekauft und waren dann zu ihm gegangen.</p><p>Wie immer, wenn sie seine Wohnung betrat, wurde es schlagartig ruhig in ihr.</p><p>Die Freundschaft zwischen ihnen war eine ruhige, friedliche See, ohne unberechenbare Strömungen am Untergrund. Nichts Unbestimmtes schwang zwischen ihm und ihr.</p><p>Musternde, begehrliche Blicke, ein diffuses Flirren bereiteten ihr Unbehagen und lösten nicht selten geradezu panikartige Zustände aus. Desgleichen fremde Orte und geschlossene Räume. Selbst auf freundlichem Terrain, mit ihr zugewandten Menschen, Männern, Frauen, Freunden, war sie nie gänzlich entspannt. Permanent lief, falsch irgendwann justiert worden, ein überdrehtes Warnsystem, was man ihr meistens wohl, hoffentlich, nicht anmerkte, so wie man einen Tinnitus nicht sieht.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/300245d4-d2ff-463d-b3a3-3563447ced8b">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Alphabet]]></category>
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      <pubDate>Mon, 29 May 2023 12:43:59 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[F Fuge]]></title>
      <description><![CDATA[Can I call you later, die automatische Antwort seines Telefons, war eigentlich ein perfekter Musicaltitel, fand sie. Und die perfekte Beschreibung ihres…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>F</h1><h3>Fuge</h3><p><em>Can I call you later</em>, die automatische Antwort seines Telefons, war eigentlich ein perfekter Musicaltitel, fand sie. Und die perfekte Beschreibung ihres Verhältnisses. Nie stimmte ihr Timing, nie sprachen sie miteinander zum richtigen Zeitpunkt. Vielleicht gab es den gar nicht. Wenn sie sich doch einmal erreichten, wurde es seltsam wirr.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/c7550332-fc83-49f4-865f-4db48d051da7">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Alphabet]]></category>
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      <pubDate>Wed, 24 May 2023 15:22:21 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[S Schachmatt]]></title>
      <description><![CDATA[Ihre Pension befand sich im Erdgeschoss eines Gründerzeitwohnhauses, ganz in der Nähe des Viertels, in dem sie aufgewachsen war. Ihr wurde ein Schlüssel…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>S</h1><h3>Schachmatt</h3><p>Ihre Pension befand sich im Erdgeschoss eines Gründerzeitwohnhauses, ganz in der Nähe des Viertels, in dem sie aufgewachsen war. Ihr wurde ein Schlüssel ausgehändigt für Haus- und Zimmertür. Die Klingelanlage funktionierte nicht; wenn sie Besuch empfangen wollte, musste der sie anrufen und sie ihn von der Straße aufsammeln.</p><p>Um zehn Uhr abends wurde die Haustür abgeschlossen. Die war nicht nur von außen gesichert, damit sich kein Partygänger in Haus und Hof verlief, im Kopf verirrt durch nächtliche Hingabe an zu viel von Allem oder schlicht getrieben von dem, was man ein Bedürfnis nennt, ein seltsames Wort, wenn sich nur der Körper entleeren will und es gleichzeitig dem Kopf ein Bedürfnis ist, zu spielen und sei es um Schachmatt. Die Tür war verschlossen, weil man keinen unangekündigten Besuch und sei es den von Freunden heutzutage mehr wollte. Dass jemand plötzlich direkt vor der Wohnungstür vor einem stand, mit dem sich ins Benehmen zu setzen war, dem sich erwehrt oder der eingelassen werden musste, war gänzlich aus der Mode gekommen, dergestalt, dass es im Laufe der letzten Jahrzehnte geradezu zu einer übergriffigen Handlung geworden war.</p><p>Die Türen blieben zu, auch kein alter lauter Festnetzanschluss dröhnte mehr in den häuslichen Frieden, das Telefon in der Tasche konnte stummgeschaltet werden.</p><p>Man empfing nur noch angekündigt, angezogen und aufgeräumt. Innerlich gerüstet.</p><p>Ihren nächtlichen Besucher also musste sie hereinholen und vor allem wieder mit dem Schlüssel in der Hand hinausbegleiten, denn auch hinaus ließ einen die Tür nicht mehr. Kein Knopf wie in einem Pariser Hausflur, der einem von innen die Tür ins Freie öffnete, kein Weg hinaus ohne Schlüssel, keine verborgenen Abschiedsküsse und noch bettwarmen Umarmungen. Schuhe und wenigstens ein Mantel mussten über den warmen, satten Körper gezogen werden; eine Ernüchterung, die in den Morgen gehört, nicht in die Nacht.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/68778a7b-9668-45fb-8c0e-915a06623d89">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Alphabet]]></category>
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      <pubDate>Sat, 20 May 2023 17:42:31 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[A Angst]]></title>
      <description><![CDATA[Er zitterte, wenn er die Zigarette aus der Schachtel fischte. Endlich angezündet, hielt seine Hand sie wie eine Klaue. Die Anstrengung der Muskeln des ganzen Arms,…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>A</h1><h3>Angst</h3><p>Er zitterte, wenn er die Zigarette aus der Schachtel fischte. Endlich angezündet, hielt seine Hand sie wie eine Klaue. Die Anstrengung der Muskeln des ganzen Arms, die Kippe ohne verräterische Zuckungen zu führen, wanderte bis in seine Beine. Eine lässige Pose verlangte sein Kopf von seinem Körper. Ein Attitude, man war doch Künstler. Die Beine übereinander geschlagen, gekleidet in Herrenausstatterhosen, die in die Reinigung gehörten. Die Haltung war wichtig. Sie glich der seinem Idol Glenn Gould. Auch war sein Kleidungsstil ein genaues Abbild, aber das war vielleicht Zufall. Dem Aufwachsen mit seinen überalten Eltern, seiner Erziehung geschuldet und hatte vielleicht eher mit seinem Desinteresse an Äußerlichkeiten zu tun. Ein Sakko, stets ein Hemd, T-Shirts besaß er nicht, die Bundfaltenhose mit Bügelfalte, Schnürschuhe. Ein schmächtiger, nein, magerer Körper. Das Gesicht seltsam schief, als hätte ein übermächtiges Etwas mit zwei Pranken hineingelangt und es gewaltsam verzogen. Die gerade Nase ragte nach rechts, der Unterkiefer suchte die Balance nach links. Um nun dem Unterleib, in der Hoffnung auf Rückstrahlung als Gesamtes die Ungezwungenheit zu geben, die Coolness, die er mehr als alles anderes ersehnte, wenigstens als Bild, war es notwendig, alle Kraft auf die zuckenden Hände zu konzentrieren.</p><p>Die Hände mit den feingliedrigen Fingern, die nur willig und geschmeidig wurden, wenn er Klavier spielte.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/757b3b07-7a98-458a-acc1-8b91de161b95">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Alphabet]]></category>
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      <pubDate>Wed, 17 May 2023 12:10:19 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[M Meer]]></title>
      <description><![CDATA[Sie stellte sich die Szene immer so vor: lieber ging er selbst unter als mit der Erinnerung an ihren ertrunkenen Skipper zu leben, den die tückischen, plötzlichen…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>M</h1><h3>Meer</h3><p>Sie stellte sich die Szene immer so vor: lieber ging er selbst unter, als mit der Erinnerung an ihren ertrunkenen Skipper zu leben, den die tückischen, plötzlichen Stürme in der Biskaya zunächst unbemerkt von ihnen über Bord hatten gehen lassen.</p><p>Die zwei Freunde, die das Meer und das Fischen liebten, hatten den erfahrenen Seemann am Vorabend in dem kleinen spanischen Küstenstädtchen angeheuert, sie am nächsten Morgen hinauszufahren.</p><p>Während der eine von ihnen sich in der Kabine seiner Katermüdigkeit hingab, stand der andere an Deck, zählte die Wolken, beobachtete die Delfine und das Schauspiel des Wasser, das er so liebte. Stundenlang konnte er das. Zu Hause in der Stadt sah er oft mangels Meer Ewigkeiten den Wolken nach, dem Farbspiel des Himmels ohne sich zu rühren, bis auf den Griff zur nächsten Zigarette und dem Glas Weißwein.</p><p>Die verzweifelten Hilferufe des Seemanns schreckten den Wolkenmann aus seinen versunkenen Betrachtungen auf.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/87aae3a7-d8cc-47df-982e-cf7f87b8c3bc">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Alphabet]]></category>
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      <pubDate>Wed, 26 Apr 2023 12:54:50 +0000</pubDate>
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    <item>
      <title><![CDATA[Stuttgart, Hölderlinplatz]]></title>
      <description><![CDATA[Der Hölderlinplatz ist ein überaus seltsamer Ort. Als hätte sich mit dem Namen des depressiven Romantikers ein Teil seines Wesens in das Straßenpflaster versenkt und…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Der Hölderlinplatz ist ein überaus seltsamer Ort.</p><p>Als hätte sich mit dem Namen des depressiven Romantikers ein Teil seines Wesens in das Straßenpflaster versenkt und dünstete täglich in gleichmäßigen Dosen Melancholie und ein Irrewerden an der Welt in das Gelächter und das Treiben aus.</p><p>Der sogenannte Platz besteht aus der Kreuzung zweier Straßen. Sie schneiden einander nicht, die eine läuft in die andere hinein und endet nach einigen Metern und einer Endhaltestelle der U-Bahn, die hier als Tram fährt, abrupt. Am Treffpunkt der Straßen steht ein hoher, schmaler Trichter, der an den Dichter erinnert. Eine Art Säule, die die Gestalt einer überdimensionalen, von unbegabten Eltern selbstgefertigten Schultüte hat.</p><p>„Ein Zeichen sind wir, deutungslos</p><p>Schmerzlos sind wir und haben fast</p><p>die Sprache in der Fremde verloren“,</p><p>ist der Anfang eines Gedichts des sich seinem Unglück hingebenden Hölderlin darauf zitiert. Des Dichters Verse folgen dem Bau der Tüte, nicht seinem Zeilensatz und scheinen schlecht gewählt.</p><p>Deutungslos ist an diesem Platz nur das Rätsel, mit welcher nahezu irritierenden Offenherzigkeit auch völlig fremde Menschen sprachlich übereinander herfallen. Den ansatzlosen, ohne Vorwarnung sich ergießenden Offenbarungen folgen Hände, Arme, tiefe Blicke und schmerzlos, nonchalant serviertes Begehren nach mehr.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/f7d4faf2-6cb1-4a41-8037-d461d85a2be0">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Orte]]></category>
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      <pubDate>Wed, 19 Apr 2023 11:35:25 +0000</pubDate>
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    <item>
      <title><![CDATA[E Einsamkeit]]></title>
      <description><![CDATA[Der Mann strahlte Ruhe und Genügsamkeit aus. Tag für Tag sah die Frau ihn vor dem Haus sitzen, in das sie gerade eingezogen war. Im Erdgeschoss war ein Bar,…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>E</h1><h3>Einsamkeit</h3><p>Der Mann strahlte Ruhe und Genügsamkeit aus. Tag für Tag sah die Frau ihn vor dem Haus sitzen, in das sie gerade eingezogen war. Im Erdgeschoss war ein Bar, die um sechs Uhr abends öffnete. Punkt sechs Uhr saß er da, immer direkt am kleinen Tisch neben ihrer Haustür. Er war nicht der einzige der Stammgäste für die diese Bar, die außer einer Menge schlechter Weine nur Kleinigkeiten zu essen bot, Punkt sechs Uhr der Fixstern war. Die meisten Leute, die sich dort zuallererst einfanden, waren ältere Herrschaften, Alt-68er, wie die Betreiber des Lokals. Erst gegen acht füllten Jüngere den Laden, wenn sie ihre Büros und Kanzleien, die ihnen das Wohnen in diesem inzwischen sehr teuren Stadtteil, der einmal von Handwerkern, kleinen Geschäftsbetreibern bewohnt gewesen war, ausgespien hatten. Es waren nicht die Preise, die die jüngeren Leute, die Zugezogenen, anzog. In der Straße bekam man für den gleichen Preis weitaus besseren Wein zu trinken. In einem gänzlich gentrifizierten Stadtteil wie diesem, mit seinen einfachen, nach all den Bausünden der letzten siebzig Jahren geradezu schönen, wenn auch schlichten Häusern aus der Jahrhundertwende, bot diese Bar etwas von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Jeder wurde geduzt, jeder hatte sich sein Glas am Tresen selbst abzuholen und jeder bekam ab dem zweiten Besuch unerbeten Sprüche, wie sie einem die eigene Mutter an den Kopf geworfen hatte oder, im Nachklapp betrachtet, hätte werfen sollen.</p><p>Der Mann saß stets allein an dem kleinen Tisch neben ihrer Haustür, nie auf einem anderen Platz. Er sah vor sich hin, ohne, dass er den Eindruck erweckte, seine Umgebung oder die Passanten sonderlich zu registrieren.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/994361c2-9526-4fd9-9705-4e8ceae98c80">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Alphabet]]></category>
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      <pubDate>Tue, 18 Apr 2023 16:39:51 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[B  Begegnung]]></title>
      <description><![CDATA[An einem sonnigen Septembernachmittag setzte sich die Frau auf eine Bank im Grünstreifen einer stillen Allee. Ihr kleiner Sohn hatte in der benachbarten Schule…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>B</h1><h3>Begegnung</h3><p>An einem sonnigen Septembernachmittag setzte sich die Frau auf eine Bank im Grünstreifen einer stillen Allee. Ihr kleiner Sohn hatte in der benachbarten Schule Geigenunterricht, den er nicht sonderlich mochte und obwohl begabt und mit einer erstaunlich weich klingenden halben Geige vom Geigenbauer ausgestattet, zu Hause selten darauf spielte. Er liebte die Nachmittage mit seiner Mutter trotzdem, dann gehörte sie, mit der Dreiviertelstunde Unterbrechung durch den Musikunterricht, ihm. Nach der Stunde würden sie, wie jede Woche, in das Feinkostgeschäft in der Nähe gehen, er würde sich etwas aussuchen dürfen und das Abendessen bestimmen. Während er seine kleinen Stücke spielte und von dem alten Lehrer gänzlich unzutreffend für seinen Fleiß gelobt wurde, dachte der kleine Junge an den herrlichen Käse in der Vitrine des Geschäfts. Er wusste schon genau, welchen er diesmal auswählen würde und während er spielte und unaufmerksam den Anweisungen des alten Lehrers folge, malte er sich dessen Geschmack aus.</p><p>Seine Mutter hatte das Schulgebäude verlassen, in dem sie die ersten Stunden, die er in diesem Haus bekam, noch gelangweilt im Korridor vor dem Klassenraum gewartet hatte. Die schreienden Schüler auf dem Schulhof, die laut plappernde Gruppe der polnischen Mütter, deren Kinder im Raum neben ihrem Sohn Nachmittagsunterricht bekamen, um in der Sprache ihrer Eltern auch schreiben zu lernen, fielen ihr auf die Nerven und sie begann, die Umgebung des Schulgebäudes in dem fremden Stadtteil zu erkunden auf der Suche nach einem ungestörten Platz, um die letzten sonnigen Tage zu genießen, wenigstens für die Dreiviertelstunde, die der Tag ihr eine Pause schenkte.</p><p>In dem Grünstreifen lag ein Obdachloser schlafend im Gras. Seine Habseligkeiten in den üblichen karierten Plastiktaschen, die aus irgendeinem Grund Koffer genannt wurden und doch nur aus reißfestem Plastikgewebe mit Reißverschluss bestanden, und die Supermarkttüten mit dem Flaschenpfand neben sich.</p><p>Die Frau setzte sich auf eine Bank, schloss die Augen, neigte den Kopf in den Nacken, um ihr Gesicht ganz der Sonne zuzuwenden.</p><p>Plötzlich spürte sie eine Bewegung neben sich.</p><p></p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/9a1294aa-0d3a-4815-9819-4607d7a85869">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Alphabet]]></category>
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      <pubDate>Tue, 18 Apr 2023 13:56:33 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[DOLCE]]></title>
      <description><![CDATA[In der Stadt leuchten einem in jeder Bar, jedem Kaffeehaus, in jeder Gelateria die farbprächtigen Süßspeisen, il dolce, entgegen. Kunstvolle und verblüffend echt nach…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/80904b4b-9129-4523-9264-92727b81d810/uploads/images/dupmghdyj3/IMG_1187.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p></p><p><strong>In der Stadt leuchten einem in jeder Bar, jedem Kaffeehaus, in jeder Gelateria die farbprächtigen Süßspeisen, il dolce, entgegen. Kunstvolle und verblüffend echt nach Früchten aussehende Marzipanstücke, cannoli, knusprige, frittierte Teigröllchen, gefüllt mit gezuckertem Ricotta mit Schokostreuseln, cassatine, kleine Törtchen aus Biskuit und süßem Ricotta, überzogen von Marzipan, verziert mit kandierten Früchten, mit Mandeln und Pistazien. Grün, orange, rot, gelb strahlen die Früchte, unwiderstehlich.</strong></p><p>Die Duftwolken aus Mandeln und Pistazien und die Aromen der Früchte ziehen bis auf die Straßen und locken den Vorbeigehenden hinein. So arm die Küche Palermos ist, so üppig sind die Desserts.</p><p>Eine <em>cassata siciliana</em>, oder in ihrer kleinen Form <em>una cassatella, </em>gab es früher bei den einfachen Leuten in Siziliens nur zu den Feiertagen, vor allem an Ostern oder auch, wenn der jeweilige Stadtheilige Jahrestag hatte. In Palermo ist Rosalia die Stadtheilige, ein adliges Fräulein, das sich im 12. Jahrhundert für ein Leben in frommer Abgeschiedenheit entschieden hatte und deren sterblichen Überreste mehr als vierhundert Jahre später entdeckt wurde, dank „einer Erscheinung“. Man trug Rosalias Gebeine am 15. Juli 1624 durch die Straßen Palermos, als dort die Pest wütete. Wie durch ein Wunder war es danach vorbei mit der Seuche. Palermo feiert fortan an diesem Tag das „<em>Fistinu di Santa Rosalia</em>“.</p><p>Heute gibt es die knallsüßen Gebäcke nicht nur am Feiertag. In Größe von Petit Fours in den Vitrinen liegend, ziehen sie die Palermitaner zu einem süßen Frühstück oder nach dem Essen zu Hause bei einem Spaziergang hinterher als Dessert an. Es ist hinreißend zu beobachten, mit welcher Lust und leuchtenden Augen nicht nur die Kinder, auch die Erwachsenen sich sorgfältig ihr Stück Versüßung auswählen. Eine große Cassata für die Familie wird heute wohl von den meisten Palermitanern nur zu den Feiertagen noch selbst gebacken.</p><p>Dass der Ursprung der <em>dolce</em> arabisch ist, sieht man ihnen nicht nur an, man schmeckt es an dieser unglaublichen, orientalischen Süße. Wo es warm ist, mag man es geschmacklich laut. Ob süß oder salzig - schärfer, bunter, intensiver muss alles sein.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/80904b4b-9129-4523-9264-92727b81d810">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Mangia ti fa bene!]]></category>
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      <pubDate>Sun, 16 Apr 2023 13:22:03 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[PESCE]]></title>
      <description><![CDATA[Chi vieni dal mare, ci vuole derubare - Wer vom Meer kommt, der will uns ausrauben, heißt es in Sizilien. Über das Meer kamen viele. Griechen, Römer, Araber, Normannen,…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/9f1e3d55-6e4d-4f6a-b2d3-eaf765cbfbd1/uploads/images/ci2bo7ekob/2451B1CA-F311-403F-A324-556BCDC347E9.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p><strong>Chi vieni dal mare, ci vuole derubare - Wer vom Meer kommt, der will uns ausrauben, heißt es in Sizilien.</strong></p><p><strong>Über das Meer kamen viele. Griechen, Römer, Araber, Normannen, Franzosen, Spanier…eine Jahrtausende ständig wechselnde Fremdherrschaft. Das erklärt die eigenartige Abgewandtheit dem Meer gegenüber. Palermo hat sich dem Meer bis heute nicht geöffnet. Man guckt blödsinnig bezaubert auf Bucht, Meer und Hausberg und hinter einem rauscht der Verkehr.</strong></p><p><strong>„Einem Fremden sagt man nicht die Wahrheit“, steht im Hafen von Palermo an einem Mauerrest des Castellammare gesprüht, das früher die Hafenbucht Cala bewachte. Die Palermitaner sind freundliche, kultivierte Menschen, aber zurückhaltend.</strong></p><p><strong>Schwimmen können, nebenbei, die wenigsten von ihnen.</strong></p><p>Ein alter Buggy, auf der Liegefläche ein Brett, darauf eine eckige, weiße Plastikschale. Das ist Giuseppes Transporter. Mit schnellen Schritten steuert er den Kinderwagen durch den Ballarò, Palermos größtem Markt. Da, wo dieser endet, auf einer kleinen Piazza vor einer einfachen Bar mit Holztischen und kurzen Bänken vor der Tür, hält Giuseppe. In der Schale auf dem Buggy mit den roten Schleifen aus Plastikgeschenkband sitzt heute ein Hummer.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/9f1e3d55-6e4d-4f6a-b2d3-eaf765cbfbd1">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Mangia ti fa bene!]]></category>
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      <pubDate>Sun, 16 Apr 2023 12:45:43 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[CIBO DI STRADA]]></title>
      <description><![CDATA[Cibo di strada oder chic „Streetfood“. Die internationale Labelung für das Essen von Palermos berühmten mobilen Garküchen klingt eigenartig unpassend. Was dort gekocht…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/65590f9c-81d2-47a1-8372-205d04840721/uploads/images/32sovjcypv/IMG_1099.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><strong>Cibo di strada oder chic „Streetfood“. Die internationale Labelung klingt für das Essen von Palermos berühmten mobilen Garküchen unpassend. Was dort gekocht wird, ist nicht chic oder cool. Es ist das Essen armer Leute, so wie es seit Jahrhunderten zubereitet wird. Es wird mit Stolz gereicht und einem Lächeln. Man bekommt es in der ganzen Stadt, nicht nur auf den Märkten.</strong></p><p>Wer wissen will wie die Vucciria, Palermos Jahrhunderte alter und wohl berühmtester Markt gewesen ist, muss auf den Ballarò. Oder sich Renato Guttusos Gemälde „La Vucciria“ aus dem Jahre 1974 ansehen. Es hängt im Palazzo Steri. Die Palermitaner hängen an dem Bild und an der Erinnerung an ihren Markt. „Wenn der Boden der Vucciria trocken ist“, lautet eine Redensart in Palermo. „Es wird geschehen, wenn der Boden der Vucciria trocken ist.“ Wahrscheinlich nie, war Ewigkeiten damit gemeint.</p><p><a href="https://steady.page/7afb15e6-7628-4b84-a80e-9d1b48ca4337/posts/65590f9c-81d2-47a1-8372-205d04840721">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Mangia ti fa bene!]]></category>
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      <pubDate>Sun, 16 Apr 2023 12:32:51 +0000</pubDate>
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