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    <title>Online Recherche-Newsletter</title>
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    <description>Du willst deine Online-Recherche-Skills verbessern? Lerne von Kolleg*innen und erweitere deinen Werkzeugkasten um praktische Tools.</description>
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      <title>Online Recherche-Newsletter</title>
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      <title><![CDATA[ORN #61 In den Chatgruppen der Menschen, die nach Ceuta wollen]]></title>
      <description><![CDATA[... und wo ihr deutsche Gesetze im Volltext findet.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Hey und willkommen zum 61. Online-Recherche Newsletter!</p><p>Dieses Mal mit einer spontanen Ausgabe aus aktuellem Anlass: In zahlreichen WhatsApp-Gruppen diskutieren Menschen, ob und wie sie von Marokko nach Ceuta fliehen wollen. Maximilian Handl von ORF Defacto konnte die Nachrichten auswerten. Wie er dabei vorgegangen ist und was er gelernt hat, berichtet er im Werkstatt-Interview, das zuerst bei <a href="http://netzpolitik.org/">netzpolitik.org</a> erschienen ist.</p><p>Im Tool-Tipp zeige ich, wie ihr möglichst schnell deutsche Gesetze im Volltext findet. Viel Spaß beim Lesen!</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Gesetze im Internet: Ran an den Volltext</h2><p><strong>🔑 Wofür braucht man das? </strong>Eine Weile lang habe ich mir als Journalist nicht zugetraut, Gesetze im Original zu lesen, wenn meine Recherche sich darauf bezieht. Ich habe mich auf Zusammenfassungen, Presseberichte und Statements von Expert*innen verlassen. Aber dabei geht immer wieder etwas verloren. Details fallen unter den Tisch, Unklarheit werden geglättet. Ohne Blick ins Original übersieht man vielleicht einen Klopper oder übernimmt den falschen Spin. Die zentrale Anlaufstelle für deutsche Gesetze ist die Website “<a href="https://www.gesetze-im-internet.de/index.html">Gesetze im Internet</a>”.</p><p><strong>⚙️ Wie funktioniert das?</strong> Ohne Schnörkel und mit altbackenem Design macht das Portal Bundesrecht im Volltext zugänglich: gepflegt vom Bundesamt für Justiz, alphabetisch sortiert und voller Abkürzungen. Im besten Fall wisst ihr also schon vorher, was ihr nachschlagen wollt. Für Mutige gibt es auch eine Volltextsuche.</p><p><strong>📌 Was muss man beachten?</strong> Noch nicht verabschiedete oder taufrische Gesetze fehlen auf der Website. Teils zirkulieren sie auf den Websites der zuständigen Ministerien oder werden von Nachrichtenmedien geleakt. Und dann gibt es natürlich noch das Landesrecht, das teils bundesweit relevant ist, etwa über Staatsverträge. Hier helfen die <a href="https://www.justiz.de/onlinedienste/bundesundlandesrecht/index.php">Portale der 16 Länder</a> weiter. Auch wenn das zunächst wenig verlockend klingt: Der Tauchgang in die Primärquellen kann sich lohnen – mindestens, um bohrende Fragen fürs nächste Expert*innen-Interview zu generieren.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Interview: Flucht nach Ceuta – keine Zeichen für gesteuerte Kampagne</h2><p><em>Dieser Text erschien zuerst </em><a href="https://netzpolitik.org/2026/interview-einblicke-in-chats-in-denen-menschen-die-flucht-nach-ceuta-planen/"><em>bei netzpolitik.org</em></a><em> (</em><a href="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0/"><em>CC BY-NC-SA 4.0</em></a><em>).</em></p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/e0edc0cc-567c-45ec-a37f-29f7fac83876/uploads/images/l3umde3iw4/handl-querformat.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Porträt von Maximillian Handl"/><figcaption>Maximillian Handl | Credit: ORF</figcaption></figure><p>Ende Juli flohen schätzungsweise rund <a href="https://www.handelsblatt.com/politik/international/migration-madrid-erhoeht-zahl-der-ceuta-ankoemmlinge-auf-72.000/100245001.html">70.000 Menschen</a> in die spanische Exklave Ceuta an der nordafrikanischen Küste. Organisationen für Menschenrechte zufolge sind <a href="https://www.proasyl.de/news/ueber-140-tote-in-ceuta-europa-verraet-seine-menschlichkeit/">mehr als 140</a> gestorben. In Ceuta selbst setzte sich die <a href="https://www.theguardian.com/world/2026/aug/08/we-have-no-tents-or-blankets-ceuta-migrants-struggle-to-survive-brutal-heat-and-freezing-nights">humanitäre Krise</a> fort.</p><p>Wenig später spekulierten viele seriöse Nachrichtenmedien über die Gründe für die Flucht so vieler in so kurzer Zeit. „Wie von fremder Hand gesteuert“, <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/migrantenansturm-ceuta-spanien-marokko-ursachen-folgen-li.3525203">titelte</a> etwa die Süddeutsche Zeitung. „Steckt Marokko hinter dem Ceuta-Ansturm? Oder die USA?“, <a href="https://www.n-tv.de/politik/Steckt-Marokko-hinter-dem-Ceuta-Ansturm-Oder-die-USA-id31150713.html">fragte sich</a> n‑tv. Und RND <a href="https://www.rnd.de/politik/bis-zu-60-000-migranten-in-ceuta-welche-rolle-spielen-marokko-und-russland-TJAVDZVA75GBRKT5OIEHQOINLU.html">vermutete</a> einen „hybriden Angriff auf Spanien“.</p><p>Der Journalist Maximilian Handl arbeitet bei ORF Defacto, dem Verifikationsteam des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Österreich. Er und seine Kolleg*innen haben Tausende Nachrichten <a href="https://on.orf.at/video/14334785/16137279/handl-wie-messengerdienste-fluchtverhalten-beinflussen">aus WhatsApp-Gruppen ausgewertet</a>, in denen sich Menschen noch immer über eine Flucht nach Ceuta austauschen.</p><p>Im Interview erklärt er, warum er nach der Recherche von keiner gesteuerten Kampagne ausgeht – und auch nicht von Desinformation.</p><h2>Per Einladungslink in die WhatsApp-Gruppe</h2><p><strong>ORN:</strong> Maximilian, du und dein Team wart in den WhatsApp-Gruppen der Menschen, die eine Flucht nach Ceuta planen oder darüber diskutieren. Wie seid ihr dort reingekommen?</p><p><strong>Maximilian Handl:</strong> Zuerst haben wir mit Suchmaschinen wie Google nach Orten gesucht, wo sich Menschen über die Fluchtpläne austauschen. Die wichtigsten Funde waren Links zu öffentlichen Facebook-Gruppen. Viele davon waren aber nicht mehr online. Mithilfe von Archiv-Seiten konnten wir trotzdem Einladungs-Links zu WhatsApp-Gruppen finden, die dort geteilt wurden. Einige Links haben noch funktioniert. Im ORF-Verifikationsteam haben wir uns zehn dieser WhatsApp-Gruppen genau angeschaut.</p><p><strong>ORN:</strong> Wie sehen diese Gruppen aus?</p><p><strong>Maximilian:</strong> Einige haben rund 50 Mitglieder, andere Hunderte oder Tausende. Ich schätze, die meisten Mitglieder sind männlich mit einer Altersspanne von 16 bis 35 Jahren. Sie schreiben darüber, welche Hoffnungen sie mit einem Leben in Europa verbinden und wie sie nach Ceuta kommen können. Es geht etwa um Schlafplätze und Polizeikontrollen oder darum, welche Ausrüstung zum Schwimmen man braucht.</p><p><strong>ORN:</strong> Wie sind die Gruppen entstanden?</p><p><strong>Maximilian:</strong> Manche wurden gezielt gegründet, um die Flucht zu planen. Andere sind älter und hatten vorher einen anderen Zweck. Das kann man über Änderungen im Gruppennamen nachvollziehen. So eine Gruppe kann zum Beispiel ursprünglich für den Austausch in der Nachbarschaft entstanden sein – bis sich die Mitglieder entschieden haben, gemeinsam zu fliehen. Außerdem haben die Gruppen eine hohe Dynamik. Die Zahl der Mitglieder kann schnell steigen. Es entstehen neue Untergruppen. Die Admins verlieren den Überblick. Das hat es für uns einfacher gemacht, als stille Beobachter beizutreten.</p><h2>„Keine Nachweise für gezielte Kampagne“</h2><p><strong>ORN:</strong> Hast du dich in den Gruppen als Journalist zu erkennen gegeben?</p><p><strong>Maximilian:</strong> Nein. Ich nutze dafür einen Account mit einem unauffälligen Namen und Profilbild. Es würde nicht funktionieren, wenn ich mit einer europäischen Telefonnummer auftauche und sage: Hallo, ich bin der Max aus Österreich. In mehreren Gruppen haben Mitglieder geschrieben, dass sie Medien misstrauen, weil sie zum Beispiel Behörden warnen könnten. Und es hat sich in den Gruppen rumgesprochen, dass Boulevard-Medien Screenshots mit persönlichen Informationen veröffentlichen.</p><p><strong>ORN:</strong> Wie habt ihr in den Gruppen recherchiert?</p><p><strong>Maximilian:</strong> Wir haben die Inhalte zunächst über die Web-Oberfläche von WhatsApp automatisch erfasst. Dafür haben wir uns ein kleines Programm geschrieben. Sprachnachrichten haben wir automatisch transkribiert, die Texte mit einer Software übersetzt. Arabisch hat viele Dialekte, aber mittlerweile gibt es recht gute KI-Programme für Marokkanisch-Arabisch. So konnten wir uns bei den Tausenden Nachrichten einen ersten Eindruck verschaffen. Die wichtigsten Textstellen hat ein Mensch mit Sprachkenntnissen geprüft.</p><p><strong>ORN:</strong> Was habt ihr aus den Recherchen gelernt?</p><p><strong>Maximilian:</strong> Eine der wichtigsten Erkenntnisse war: Wir konnten keine Nachweise für eine gezielte Kampagne finden, die bewirkt hätte, dass so viele Menschen auf einmal nach Ceuta fliehen. Genau das war jedoch eine frühe Annahme in der öffentlichen Debatte gewesen. Dass es hinter den Fluchtbewegungen gezielte Einflussnahme von Regierungen oder Geheimdiensten geben müsse. Dieser These müssen wir jedoch widersprechen.</p><p><strong>ORN:</strong> Woran macht ihr das fest?</p><p><strong>Maximilian:</strong> Für gezielte Kampagnen gibt es typische Hinweise. Textbausteine, die sich über mehrere Gruppen hinweg immer wieder finden, oder einzelne Akteure, die in vielen Gruppen aktiv sind. So etwas konnten wir bis dato nicht feststellen. Nicht in den aktuellen Chatgruppen und auch nicht auf den archivierten Seiten vor der großen Fluchtbewegung Ende Juli. Was wir stattdessen beobachten, würde ich dezentrale Mobilisierung nennen.</p><h2>Misinformation statt Desinformation</h2><p><strong>ORN:</strong> Was mobilisiert die Menschen?</p><p><strong>Maximilian:</strong> Ein wichtiger Faktor sind Videos in sozialen Medien über ein Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs. Das Urteil wurde auf eine falsche Aussage verkürzt, nämlich: Wer schwimmend nach Ceuta gelangt, hätte das Recht auf ein ordentliches Asylverfahren auf spanischem Festland. Aber das stimmt nicht.</p><p><strong>ORN:</strong> Welche Rolle spielt diese Desinformation für die Fluchtpläne der Menschen?</p><p><strong>Maximilian:</strong> Ich würde damit beginnen, dass schon der Begriff „Desinformation“ falsch ist. Unter Desinformation verstehe ich den gezielten Vorsatz, andere zu täuschen. Doch auch dafür konnten wir keine Belege finden. Stattdessen handelt es sich offenbar um Misinformation, also Falschinformation ohne Vorsatz. Leute haben vielmehr versucht, das komplexe Urteil aus Spanien in einfache Worte zu fassen. Dabei wurde es verkürzt und verfälscht. Hinzu kommt die tiefe Verzweiflung von Menschen, die auf ein besseres Leben hoffen, und deshalb Warnsignale ausblenden.</p><p><strong>ORN:</strong> Hast du das selbst beobachtet?</p><p><strong>Maximilian:</strong> Ja, auch in den WhatsApp-Gruppen gab es viele Zweifel und sogar Streit darüber, ob man die Flucht überhaupt wagen soll. Manche haben geschrieben, der Versuch sei lächerlich, andere haben ihre Pläne verteidigt. Wir haben auch Nachrichten von Menschen gelesen, die schreiben, sie hätten längst selbst gehört, dass sie keine Chance hätten, über Ceuta aufs spanische Festland zu kommen. Aber sie wollten trotzdem daran glauben. Dahinter stehen persönliche Schicksale.</p><p><strong>ORN:</strong> Zum Beispiel?</p><p><strong>Maximilian:</strong> Ich erinnere mich an einen Menschen, der geschrieben hat, er wolle seine schwer kranke Schwester mit einer Luftmatratze übers Meer schaffen, weil sie in Marokko keine medizinische Versorgung erhalte. Ein anderer hat geschrieben, er habe keine Arbeit und nicht genug zu essen. Wieder andere sehen in Marokko keine Zukunft für sich und hoffen auf Entfaltungsmöglichkeiten in Europa.</p><h2>Andere Teams mit ähnlichen Ergebnissen</h2><p><strong>ORN:</strong> Wie repräsentativ sind eure Beobachtungen?</p><p><strong>Maximilian:</strong> Die WhatsApp-Gruppen sind natürlich nur ein Ausschnitt. Parallel haben aber mehrere Redaktionen in noch mehr Gruppen recherchiert, auch auf Telegram. Wir standen über die <a href="https://spotlight.ebu.ch/">European Broadcasting Union</a> im ständigen Austausch mit den Rechercheteams aus europäischen Rundfunkanstalten und haben gemerkt, dass wir nicht zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen.</p><p><strong>ORN:</strong> Geht eure Recherche noch weiter?</p><p><strong>Maximilian:</strong> Die Recherchefrage nach einer gezielten Kampagne haben wir inzwischen mit Nein beantwortet. Wir werden die Gruppen aber noch eine Weile beobachten. Es gibt zum Beispiel Berichte über Aufrufe zu neuen Fluchtbewegungen. Teils kursieren in den Gruppen auch konkrete Daten. Wir haben uns aber entschieden, das nicht zu berichten. Gerade weil die Mobilisierung dezentral ist, lassen sich aus den Gruppen keine seriösen Prognosen ableiten.</p><hr aria-hidden="true"/><p>✨ Das war’s für diese Ausgabe. Auf <a href="https://mastodon.social/@sebmeineck">Mastodon</a>, <a href="https://bsky.app/profile/sebmeineck.bsky.social">Bluesky</a> und <a href="https://www.linkedin.com/in/sebastian-m-957996187/">LinkedIn</a> poste ich regelmäßig zu meinen aktuellen Recherchen rund um Netzpolitik, Alterskontrollen, Databroker oder digitale Gewalt – schau gern vorbei!</p><p>Für deinen Recherche-Alltag habe ich ein <a href="http://ornarchiv.wordpress.com/">verschlagwortetes Online-Archiv aller Beiträge</a> zusammengestellt und eine <a href="https://start.me/p/m65arv/osint-research-tools">Linkliste mit noch mehr Tools</a>.</p><p>Danke fürs Lesen, viel Erfolg bei der Recherche und bis zum nächsten Mal!</p><p><em>Sebastian</em></p><p></p><p></p><p></p><p></p><p></p><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Mon, 17 Aug 2026 08:49:35 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[ORN #60 Auf der Spur der magischen Katze]]></title>
      <description><![CDATA[... und wie du kostenlos im Browser Audio/Video schneidest.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Hey und willkommen zur 60. Ausgabe des Online-Recherche Newsletters!</p><p>Teure Schnittprogramme können einpacken: Ich stelle dir heute drei Tools vor, mit denen du Radio-Beiträge, Podcasts und sogar Videoclips bearbeiten kannst: kostenlos und datensparsam direkt im Browser. Du brauchst kein Abo und kannst direkt loslegen.</p><p>Im Werkstatt-Interview geht es um Hunderttausende gestohlene Kreditkarten. Betrüger rund um die Software &quot;Magic Cat&quot; haben damit ein Vermögen erbeutet. Die Spur führt in ein Szene-Viertel aus Bangkok – und BR-Reporter Alexander Nabert nimmt uns mit.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Audiopod.cat: Podcasts produzieren im Browser</h2><p>🔑 <strong>Wofür braucht man das? </strong>Mit<strong> </strong><a href="https://audiopod.cat/app/">Audipod</a> lassen sich Audio-Dateien kostenlos und ohne Login direkt im Browser bearbeiten. Das Tool kann aufnehmen, schneiden, pegeln und sogar mehrere Spuren übereinander legen („Multitrack“). Zu den Extra-Funktionen gehören Geräuschreduktion und ein De-Esser, der Zischlaute reduzieren soll.</p><p>⚙️ <strong>Wie funktioniert das?</strong> Audiopod ist ein Projekt des Entwicklers Jordi Ausió. Die Dateien bleiben auf dem Rechner und landen nicht auf fremden Servern, wie er in der Dokumentation erklärt. Damit die Verarbeitung klappt, empfiehlt er den Chrome-Browser. Fertige Projekte lassen sich als wav oder mp3 speichern.</p><p>📌 <strong>Was muss man beachten?</strong> Audiopod gibt es auf Englisch, Spanisch und Katalanisch. Möchte man ein unfertiges Projekt speichern, ist der Klickweg: „Projects“ &gt; „Export backup“. Auf dem eigenen Gerät landet dann ein ZIP-Ordner mit den genutzten Audio-Dateien und ein JSON-Dokument mit den Bearbeitungsschritten. Mit Klick auf „Restore Backup“ kann die Arbeit später weitergehen.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Mediabits: Audio rein, Video raus</h2><p>🔑 <strong>Wofür braucht man das?</strong> Das kostenlose Browser-Tool <a href="https://app.mediabits.io/">Mediabits</a> erstellt Videoclips aus kurzen Audio-Dateien. Sie lassen sich als Kostprobe für Podcasts in sozialen Medien verbreiten. Zur Gestaltung kann man etwa Untertitel und ein Podcast-Cover hinzufügen – oder eine Waveform, die sich passend zur Tonspur bewegt.</p><p>⚙️ <strong>Wie funktioniert das? </strong>Hinter Mediabits steckt der litauische Programmierer Vincas Stonys. Das Tool ist quelloffen und funktioniert ohne Login. Das hebt es von kommerziellen Alternativen wie Headliner ab, die nach kurzer Zeit ein Abo verlangen. Viele Extras hat das Tool nicht. Umso schneller findet man sich zurecht: Audio hochladen (maximal 60 Sekunden), Format auswählen (etwa quadratisch, hochkant, 16:9), Elemente wie Text oder Bild hinzufügen, Video exportieren – fertig. Das Ergebnis sieht dann <a href="https://mastodon.social/@sebmeineck/116526190070754049">zum Beispiel so aus</a>.</p><p>📌 <strong>Was muss man beachten?</strong> Der Arbeitsfortschritt geht verloren, wenn man den Browser schließt. Mit Klick auf „Save“ &gt; „Save to Disc“ lassen sich Entwürfe als JSON-Datei lokal auf dem Rechner speichern. Möchte man einen Entwurf weiter bearbeiten, kann man die JSON-Datei wieder hochladen unter „Open“ &gt; „Open from Disc“</p><hr aria-hidden="true"/><p>❤️<strong> Fällt dir eine Person ein</strong>, die Audio-Schnitt direkt im Browser praktisch findet? Dann leite diesen Newsletter weiter! 📬</p><hr aria-hidden="true"/><h2>FreeCut: Videoschnitt direkt im Browser</h2><p>🔑 <strong>Wofür braucht man das? </strong><a href="https://www.freecut.net/">FreeCut</a> ist ein mächtiges Programm für Videoschnitt, das ohne Login kostenlos im Browser läuft. Es kann unter anderem mehrere Clips zusammenführen, Video- und Audiospur getrennt bearbeiten oder die Abspiel-Geschwindigkeit ändern. Auch das Ausspiel-Format lässt sich anpassen, zum Beispiel quadratisch, hochkant oder 16:9.</p><p>⚙️ <strong>Wie funktioniert das?</strong> Ein quelloffenes Programm wie FreeCut zeigt, wie viel moderne Browser können. Man muss nichts extra installieren oder in eine Cloud hochladen; die Dateien bleiben auf dem eigenen Gerät. Weil beim Filmschnitt eine Menge Dateien anfallen, sollen Nutzer:innen dafür zunächst einen lokalen Ordner einrichten. Ein Klick auf „Save“ speichert den Fortschritt auf dem eigenen Gerät.</p><p>📌 <strong>Was muss man beachten?</strong> FreeCut erinnert an professionelle Videoschnitt-Programme; das Dashboard ist voller Funktionen. Ende 2025 ist FreeCut erstmals <a href="https://github.com/walterlow/freecut">auf GitHub</a> erschienen. Dort lässt sich verfolgen, wie Entwickler Walter Low daran schraubt. Noch kann es Fehler geben, warnt Low auf der Startseite – mein erster Test lieft tadellos.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Interview: Der Millionenbetrug mit gefälschten Paket-SMS</h2><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/4a69c7b8-c690-4b51-ba3c-4643746940a7/uploads/images/bvxuxy2qnd/nabert-portraet.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Porträt von Alexander Nabert"/><figcaption>Alexander Nabert | Credit: privat</figcaption></figure><p>Die Scammer verschicken millionenfach gefälschte Paket-SMS und locken Menschen weltweit auf Phishing-Seiten. Doch die eigene Prahlerei wird ihnen zum Verhängnis.</p><p>Gemeinsam mit NRK aus Norwegen hat der Bayerische Rundfunk die <a href="https://www.br.de/fernsehen/das-erste/sendungen/kings-of-scam/onlinesendung-26778.html">Hintermänner enttarnt und zur Rede gestellt</a>. Im Interview erklärt BR-Reporter Alexander Nabert, wie Recherche auf Instagram den Durchbruch brachte – und warum er in Thailands Hitze einem Taxi hinterherrannte.</p><p><strong>ORN: </strong>Alexander Nabert, wie funktioniert die Betrugsmasche, die ihr aufgedeckt habt?</p><p><strong>Alexander:</strong> Es beginnt mit einer SMS: Ihr Paket konnte nicht zugestellt werden. Ein Link führt zur gefälschten Website eines Lieferdiensts, etwa DHL. Um das Paket zu bekommen, soll man Namen, Adresse und Telefonnummer eintragen, und eine Service-Gebühr von wenigen Cent per Kreditkarte zahlen. Wenn man zufällig gerade wirklich ein Paket erwartet, kann das plausibel klingen. Die Scammer sehen in Echtzeit alles, was Betroffene eintippen. Mit den Daten hinterlegen sie die fremde Kreditkarte in einer Wallet, zum Beispiel Google Pay oder Apple Pay. Ab dann können sie damit einkaufen.</p><p><strong>ORN: </strong>Die Phishing-Seiten laufen über die Software &quot;Magic Cat&quot;. Wie seid ihr da rangekommen?</p><p><strong>Alexander: </strong>Durch zwei Hacker der norwegischen IT-Sicherheitsfirma Mnemonic. Sie haben sich über eine der gefälschten Websites in die Infrastruktur der Scammer gehackt. Am Ende hatten sie eine Kopie von &quot;Magic Cat&quot; und eine Datenbank mit allen Abrufen von 35.000 verschiedenen Phishing-Seiten über sieben Monate. In der Datenbank waren unter anderem IP-Adressen, Namen, Telefonnummern und Anschriften. Zudem Zahlungsdaten von knapp 900.000 Betroffenen. </p><h3>“Wir haben mit mehr als 200 Menschen telefoniert”</h3><p><strong>ORN: </strong>Das heißt, ihr konntet die Opfer direkt kontaktieren?</p><p><strong>Alexander: </strong>Ja, wir haben mit mehr als 200 Menschen in Deutschland telefoniert. Dabei haben wir viel gelernt. Vorher dachte ich, auf solche Scams fallen vor allem Menschen rein, die nicht so fit mit Technik sind. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Unter den Betroffenen waren auch IT-Fachleute oder Anwälte. Es waren eher Menschen, die viel im Internet bestellen, digital affin sind und deswegen wenig Hemmungen haben, mal die Nummer ihrer Kreditkarte ins Handy zu tippen. </p><p><strong>ORN: </strong>Warum haben euch die Hacker all das gegeben?</p><p><strong>Alexander: </strong>Weil sie bei der Polizei nicht weiterkamen. Dann haben sie entschieden: Die Sache muss an die Öffentlichkeit. Zuerst sind sie zu NRK gegangen, der öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Norwegen, und NRK hat uns vom BR dazugeholt.</p><p><strong>ORN: </strong>Selbst hättet ihr die Daten nicht hacken dürfen, das ist illegal. Die Daten zu nutzen ist wiederum legal. Aber ist es auch ethisch?</p><p><strong>Alexander: </strong>Ja. Ich finde, wenn es um einen Missstand von öffentlichem Interesse geht, kann und sollte Journalismus mit allem arbeiten, was ihm zur Verfügung steht.</p><p><strong>ORN: </strong>In eurer Recherche wolltet ihr den Hintermännern so nah wie möglich kommen. Warum?</p><p><strong>Alexander: </strong>Wir haben von den Betroffenen oft gehört, dass die Polizei bei solchen Scams keinen Täter ermitteln kann. Da haben wir uns gedacht: challenge accepted! Wir wollten sehen, wie weit wir mit journalistischen Mitteln kommen, unsere Fragen stellen und lernen, was das für Leute sind. </p><p><strong>ORN: </strong>Was sind das für Leute?</p><p><strong>Alexander: </strong>Im Netzwerk von Magic Cat sind vorwiegend junge Männer, die sich für Alkohol, Partys und Frauen interessieren. Den Eindruck haben wir über Telegram-Gruppen bekommen, in denen sich die Scammer austauschen, und über deren Instagram-Accounts. Sie prahlen mit gestohlenen Kreditkarten, Lambos und Luxusprodukten. Die Unterhaltungen sind auf Chinesisch.</p><p><strong>ORN: </strong>Eine Spur hat euch nach Bangkok geführt. Welche?</p><p><strong>Alexander: </strong>Ein Scammer war unvorsichtig. In einer Telegram-Gruppe hat er ein Video gepostet, in dem er kurz seinen Schreibtisch filmt. Für einen Moment konnte man ein Handy mit seiner Rufnummer sehen, thailändische Vorwahl. Bei Thailands beliebtestem Messenger &quot;Line&quot; haben wir unter dieser Nummer den Account von einem jungen Mann gefunden: Kris. Das Profilbild zeigt ihn auf der Rückbank eines augenscheinlich teuren Autos mit Sternenhimmel an der Decke. Über einen Umweg haben wir Kris auch auf Instagram entdeckt. </p><h3>“Also entscheide ich, zu sprinten”</h3><p><strong>ORN: </strong>Wie das?</p><p><strong>Alexander: </strong>Auf Telegram hat Kris Screenshots von Instagram gepostet. Dabei konnte man zwar nicht seinen Account-Namen sehen. Aber man konnte einzelne Accounts sehen, denen er folgt. Wir haben uns also durch die Followerlisten dieser Personen gewühlt, bis wir einen Kris gefunden hatten. Auch er hatte auf Instagram das Foto auf der Auto-Rückbank gepostet. Bingo!</p><p>Auf Instagram hat Kris mehr von sich gezeigt. Fotos und Storys aus Clubs, Bars und Restaurants. Alle aus einer bestimmten, eher teuren Gegend in Bangkok, wo viele Expats wohnen.</p><p><strong>ORN: </strong>Und dann bist du mit einem Kollegen dorthin geflogen. Warum habt ihr Kris nicht einfach angerufen?</p><p><strong>Alexander: </strong>Vor Ort hielten wir die Chancen für ein Gespräch am höchsten, um ihn mit der Recherche zu konfrontieren. Wir haben uns zuerst die Clubs und Bars angeschaut, die Kris oft besucht; die Luxusläden, mit deren Rechnungen er auf Telegram geprahlt hatte. Meine Kollegin Katharina Brunner hat einen Bot programmiert, der uns immer benachrichtigt, wenn Kris oder jemand aus seinem Umfeld etwas auf Instagram postet. Wir haben gehofft, dass uns das zu ihm führt.</p><p><strong>ORN: </strong>Einen Höhepunkt der Suche erzählt ihr in der TV-Doku. Was war da los?</p><p><strong>Alexander: </strong>Eine Person aus dem Magic-Cat-Netzwerk arbeitet mit Kris zusammen. Er heißt Ken, und Ken hat eine Freundin. Das haben wir über Instagram-Posts gelernt. An einem Tag hatte die Freundin eine Instagram-Story aus einem Café gepostet, nicht weit von unserem Hotel entfernt. Wir sind dort hin und haben mit sicherem Abstand beobachtet, ob Ken dazukommt. Wir haben einige Stunden gewartet. Dann sind mehrere Dinge gleichzeitig passiert. </p><p><strong>ORN: </strong>Nimm uns mit.</p><p><strong>Alexander: </strong>Ken postet eine Instagram-Story von einer Straßenecke. Die Freundin steht auf und will zahlen. Das heißt, wir müssen auch zahlen. Wir denken: Vielleicht treffen sie sich gleich. Wir schreiben mit den Kollegen in München hin und her, ob sie Kens Instagram-Story geolokalisieren können. Die Freundin verlässt das Café, wir hinterher. Aus München erfahren wir, Ken ist wohl nur 20 Minuten entfernt. Ein absoluter Glücksfall. Die Freundin winkt ein Taxi heran. Für uns ist kein Taxi in Sicht. Wir sehen: Das Taxi der Freundin fährt genau in die Richtung, die auch zu Ken führt. Gleich biegt es an einer Ampel ab, der Verkehr ist stockend. Was jetzt? Also entscheide ich, zu sprinten, in die Richtung von Ken. Es ist um die 30 Grad. </p><p><strong>ORN: </strong>Du filmst das ganze mit der Handy-Kamera. Man hört dich keuchen.</p><p><strong>Alexander: </strong>Ich verliere das Taxi aus den Augen. Um die 20 Minuten später kommen wir an der Straßenecke an. Ken und die Freundin sind nicht mehr da.</p><p><strong>ORN: </strong>Mir wäre das zu aufdringlich gewesen. Wo ziehst du die ethische Grenze?</p><p><strong>Alexander: </strong>Da kann man zu verschiedenen Bewertungen kommen. Ich würde wieder einem Taxi hinterherlaufen. Wir haben uns genau überlegt, welche Personen wir wie ansprechen möchten. Ken und Kris, die online mutmaßlich mit Beute aus den Scams prahlen, wollten wir möglichst direkt mit unseren Recherchen konfrontieren. Bei der Freundin sind wir auf Abstand geblieben. </p><p><strong>ORN: </strong>Wie nah seid ihr den Scammern gekommen?</p><p><strong>Alexander: </strong>Ein Treffen hat nicht geklappt. Aber wir haben viele Menschen aus ihrem Umfeld angesprochen. Ich glaube, das hat sie unter Druck gesetzt. An unserem letzten Abend in Bangkok hat Ken uns angerufen. Das Gespräch ging zehn Minuten, wir konnten unsere Konfrontation machen. Zunächst hat er alles bestritten. Dann hat er sich in Widersprüche verstrickt. Er meinte zuerst, Kris nicht zu kennen; wenig später hat er das Gegenteil gesagt. Kurz nach dem Gespräch hat Kris Instagram-Posts mit seinem Gesicht gelöscht. Ken hat uns das Foto einer Waffe geschickt und geschrieben: &quot;Suck my dick&quot;. Eine seltsame Reaktion für jemanden, der angeblich nichts mit der Sache zu tun hat.</p><p><strong>ORN: </strong>Welche Folgen hatte die Recherche?</p><p><strong>Alexander: </strong>Schon 2025 hatten wir den Namen des Entwicklers von Magic Cat herausgefunden und veröffentlicht. Danach ist die Software Magic Cat verschwunden und der Entwickler abgetaucht. Aber der Betrug geht weiter. Eine neue Software hat die Lücke schnell gefüllt: Magic Mouse.</p><hr aria-hidden="true"/><p><em>Übrigens: </em>Am Donnerstag, 15. Oktober um 17:30 Uhr ist der <a href="https://www.publix.de/veranstaltungen/erster-osint-journalismus-stammtisch-bei-publix">erste OSINT-Journalismus-Stammtisch bei Publix</a> in Berlin, initiiert von SZ-Journalistin Lea Weinmann, die hier vor einem Jahr im Interview war (“<a href="https://ornarchiv.wordpress.com/2025/07/27/interview-geheime-unterlagen-aus-moskaus-propaganda-schmiede/">Geheime Unterlagen aus Moskaus Propaganda-Schmiede</a>”). Anmeldung bis 31. August – vielleicht sehen wir uns dort?</p><hr aria-hidden="true"/><p>✨ Das war’s für diese Ausgabe. Auf <a href="https://mastodon.social/@sebmeineck">Mastodon</a>, <a href="https://bsky.app/profile/sebmeineck.bsky.social">Bluesky</a> und <a href="https://www.linkedin.com/in/sebastian-m-957996187/">LinkedIn</a> poste ich regelmäßig zu meinen aktuellen Recherchen rund um Netzpolitik, Alterskontrollen, Databroker oder digitale Gewalt – schau gern vorbei!</p><p>Vor der Online-Veröffentlichung erscheint dieser Newsletter zuerst und teils gekürzt im <a href="https://www.mediummagazin.de/">Medium Magazin</a>. Für deinen Recherche-Alltag habe ich ein <a href="http://ornarchiv.wordpress.com/">verschlagwortetes Online-Archiv aller Beiträge</a> zusammengestellt und eine <a href="https://start.me/p/m65arv/osint-research-tools">Linkliste mit noch mehr Tools</a>.</p><p>Danke fürs Lesen, viel Erfolg bei der Recherche und bis zum nächsten Mal!</p><p><em>Sebastian</em><br/></p><p><br/></p><p><br/><br/></p><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Mon, 03 Aug 2026 11:56:54 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[ORN #59 Stressfrei YouTube-Videos herunterladen]]></title>
      <description><![CDATA[... und eine Expedition ins Dickicht der Epstein Files.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Hey und willkommen zur 59. Ausgabe des Online-Recherche Newsletters!</p><p>Wie oft wolltest du schon ein YouTube-Video herunterladen – und bist auf der Suche nach einem Downloader auf dubiosen Seiten gelandet, voller Pop-ups und Captchas? In diesem Newsletter stelle ich dir das ultimative Tool vor: Es speichert Videos, Untertitel oder Kommentare – kostenlos, quelloffen und werbefrei.</p><p>Im Werkstatt-Interview habe ich etwas über Pragmatismus gelernt. Als die Epstein Files vor ein paar Monaten im Netz landeten, fühlte ich mich überfordert. Millionen Dokumente, wo soll man da anfangen? Am Ende habe ich darin nicht recherchiert. Null. Im Gegensatz zu Daniel Laufer von Paper Trail Media. Er hat sich eine Bresche durch das Konvolut geschlagen – mit einem smarten Ansatz.</p><p>Viel Spaß beim Lesen!</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Belege sichern: YouTube-Videos herunterladen</h2><p>🔑 <strong>Wofür braucht man das? </strong>YouTube-Videos können wichtige Belege für eine Recherche liefern. Zum Beispiel, wenn Influencer*innen mal wieder ihre eigenen Straftaten filmen oder windige Unternehmen ihre Geschäfte in Imagefilmen anpreisen. Das <a href="https://github.com/yt-dlp/yt-dlp">Werkzeug yt-dlp</a> kann solche Belege sichern, bevor sie jemand offline nimmt.</p><p>⚙️ <strong>Wie funktioniert das?</strong> yt-dlp ist kostenlos, werbefrei und quelloffen. Das macht die Software verlässlicher als Browser-Tools, die Nutzer*innen oftmals Werbung, Abos oder Schadsoftware unterjubeln wollen. Primär wurde es für YouTube entwickelt; es kann inzwischen aber auch von Hunderten weiteren Seiten Videos speichern. Der Download-Befehl für eine gewünschte URL lautet: <em>yt-dlp &quot;URL“</em></p><p>📌 <strong>Was muss man beachten? </strong>Sobald eine Plattform am Quellcode schraubt, müssen auch die Entwickler*innen das Tool nachbessern. Es kann also sein, dass yt-dlp nicht immer zuverlässig funktioniert. Eine schicke, grafische Oberfläche hat yt-dlp nicht. Man muss es über Textbefehle per Konsole bedienen. Wenn es hakt, kann ein großes Sprachmodell wie Mistral oder ChatGPT weiterhelfen.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Transkripte durchsuchen: YouTube-Untertitel sichern</h2><p>🔑 <strong>Wofür braucht man das? </strong>Manchmal verstecken sich nützliche Zitate in langen Videos. Beim Abhören geht eine Menge Zeit drauf. Aber für viele YouTube-Videos gibt es auch eine Textversion, die sich bequem nach Stichworten durchsuchen lässt – nämlich die Untertitel. Mit yt-dlp lassen die sich einfach herunterladen.</p><p>⚙️ <strong>Wie funktioniert das?</strong> Zunächst kann yt-dlp prüfen, welche Untertitel vorliegen. Manche Uploader*innen laden selbst erstellte und redigierte Untertitel hoch („subs“); zur Not tun es auch die von YouTube automatisch erzeugten Untertitel („auto-subs“). In solche maschinell erzeugten Transkripte können sich jedoch Fehler schleichen, gerade bei Namen und Fachbegriffen. Der Download-Befehl für Untertitel einer URL lautet: <em>yt-dlp --skip-download --write-subs --write-auto-subs &quot;URL&quot;</em></p><p>📌 <strong>Was muss man beachten?</strong> Video-Untertitel wurden nicht fürs menschliche Auge optimiert. Der Text ist in Häppchen aufgeteilt und mit Zeitmarken versehen. Lesegenuss sieht anders aus. Trotzdem lassen sich spannende Stellen eines Videos rasch mit Strg+F finden, um sie im Original zu hören.</p><hr aria-hidden="true"/><p>❤️<strong> Teilen macht Spaß: </strong>Leite diesen Newsletter an eine Person weiter, die einen guten YouTube-Downloader gebrauchen kann! 📬</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Resonanz erforschen: YouTube-Kommentare absaugen</h2><p><br/>🔑 <strong>Wofür braucht man das?</strong> Videos sind nicht alles auf YouTube. Oft liefern die Kommentarspalten wertvolle Hinweise: Lob, Kritik und Rückfragen erlauben Rückschlüsse auf das Publikum eines Kanals. Manchmal melden sich Uploader*innen selbst zu Wort. Mit yt-dlp lassen sich Kommentare lokal sichern und nach Stichworten durchsuchen.</p><p>⚙️ <strong>Wie funktioniert das?</strong> Das Werkzeug schnappt sich die Kommentare unter einem Video und die Spitznamen der Verfasser*innen und gießt alles in ein Textdokument. Bei Hunderten bis Tausenden Kommentaren kann die Abfrage eine Weile dauern. Der Befehl zum Speichern der Kommentare einer URL lautet: <em>yt-dlp --write-comments --skip-download &quot;URL&quot;</em></p><p>📌 <strong>Was muss man beachten?</strong> YouTube-Kommentare machen in der Regel eine laute Minderheit sichtbar, während ein Großteil des Publikums nichts kommentiert. Unerwünschte Kommentare können Kanalbetreiber*innen löschen. Eine Kommentarspalte ist also nicht repräsentativ – aber oftmals die beste verfügbare Quelle, um zu erkunden, wie ein Video ankommt.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Interview: Recherchieren in den Epstein Files</h2><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/569ea69a-0615-4fd3-bc4a-f6cbb54ab074/uploads/images/pxngowoxdm/Daniel-Laufer-2024-credit-_Simon-Veith.jpg.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Porträt von Daniel Laufer"/><figcaption>Daniel-Laufer | Credit: Simon Veith</figcaption></figure><p>Millionen Akten aus den Ermittlungen gegen den verstorbenen Multi-Millionär Jeffrey Epstein hat das US-Justizministerium im Netz veröffentlicht. Mit den Epstein Files begann ein internationaler Recherche-Marathon. Welche brisanten Verbindungen hatte der im Jahr 2008 verurteilte Sexualstraftäter Epstein, der 2019 erneut verhaftet wurde – und in seiner Gefängniszelle starb? </p><p>Für Paper Trail Media hat Daniel Laufer mit seinem Kollegen Jonas Halbe den Aktenberg erkundet; die Ergebnisse sind bei <a href="https://www.zdfheute.de/politik/ausland/epstein-deutscher-forscher-foerderung-100.html">ZDF</a> und <a href="https://www.spiegel.de/wissenschaft/jeffrey-epstein-deutscher-ki-forscher-joscha-bach-machte-karriere-mit-hilfe-des-sexualstraftaeters-a-1cfb9902-9452-48ee-b209-6b5dacc85493">Spiegel</a> erschienen. Im Interview erklärt er, was es heißt, wenn ein prominenter Name in den Akten auftaucht, und wie man Nadeln im Heuhaufen findet.</p><p><strong>ORN: </strong>Daniel Laufer, warum stürzen sich alle auf die Epstein Files?</p><p><strong>Daniel Laufer:</strong> Das öffentliche Interesse ist groß, weil es in den Akten mutmaßliche Belege gibt, die Personen in hohen Stellungen schwer belasten. Etwa den ehemaligen britischen Prinzen Andrew. Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals eine so umfangreiche Veröffentlichung von Ermittlungsakten gegeben hätte. In der EU wäre so etwas mit Blick auf Datenschutz kaum denkbar. Jetzt kann jede Privatperson zuhause mit dem Handy in den Akten wühlen, parallel zu Newsrooms auf der ganzen Welt.</p><blockquote><p>„Die Akten lassen eine voyeuristische True-Crime-Fantasie real werden.“</p></blockquote><p><strong>ORN: </strong>Ist so ein Aktenberg nicht primär frustrierend?</p><p><strong>Daniel:</strong> Für viele ist der erste Zugang die Stichwortsuche auf der Website des US-Justizministeriums. Man gibt einen Begriff ein und lässt sich überraschen, wozu es Treffer gibt. Alle, die wollen, können quasi durchs Schlüsselloch in die Welt der Reichen und Mächtigen schauen. Es lässt sich beobachten, wie sie sich austauschen, wenn sie denken, dass niemand mitliest. Die Akten lassen sozusagen eine voyeuristische True-Crime-Fantasie real werden.</p><p>Hinzu kommt, dass die Bedeutung der Akten gerade in den USA enorm aufgeladen ist. Der Streit um die Veröffentlichung war Teil des Wahlkampfs von Donald Trump. Zuerst hatte er gefordert, dass die Epstein Files veröffentlicht werden; dann versuchte er, das zu verhindern. Es gibt Anknüpfungspunkte zu mächtigen Verschwörungserzählungen rund um QAnon.</p><p><strong>ORN: </strong>Viele Stunden hast du schon mit den Epstein-Files verbracht?</p><p><strong>Daniel:</strong> Oh je...</p><p><strong>ORN: </strong>Verstehe. Was für Dateien sind das eigentlich?</p><p><strong>Daniel:</strong> Es gibt sehr viele E-Mails aus diversen Postfächern und Unterlagen von Epsteins Bankkonten. Außerdem Unmengen an Fotos, weil die Ermittler*innen die Anwesen und Habseligkeiten von Epstein fotografiert haben, bis hin zu banalen Dingen, die wohl in irgendwelchen Schubladen lagen. Es gibt auch seltsame Videos, in denen sich Epstein etwa in den Mund hineinfilmt, vielleicht, um das einem Arzt zu schicken.</p><p><strong>ORN: </strong>Wie viel davon ist relevant?</p><p><strong>Daniel:</strong> Sehr wenig. Der Großteil der Daten dürfte keinerlei Belang für Ermittlungen oder journalistische Recherchen haben. Die Rede ist oft von 3,5 Millionen Dateien, aber die Zahl ist irreführend. Viele E-Mails sind mehrfach vorhanden. Manche Dateien bestehen aus nur einer Seite, manche aus Hunderten. Wir reden von Unterlagen, die Ermittlungsbehörden seit den Neunzigerjahren angehäuft haben. Da macht es vom Ansatz her fast keinen Unterschied mehr, ob es eine Million oder sechs Millionen Dateien sind: Es ist praktisch unmöglich, alles zu sichten.</p><p><strong>ORN: </strong>Viele Medienberichte kreisen um bekannte Personen, die in den Epstein Files auftauchen. Hat das immer Nachrichtenwert?</p><p><strong>Daniel:</strong> Es gab teils obskure Meldungen nach dem Schema: &quot;XY in den Epstein Files&quot;. Aber nicht jeder Name, der beiläufig auftaucht, hat eine Bedeutung. Man muss sich genau anschauen, wie die Verbindung aussah: Gab es direkten Kontakt, auch über längere Zeit? Wie vertraulich war die Kommunikation? Gab es Besuche? Selbst, wenn es keine Indizien von strafrechtlicher Relevanz gibt, kann das moralische Fragen aufwerfen.</p><p>Bei Epstein geht es um einen Mann, von dem öffentlich bekannt war, dass er im Gefängnis war, nachdem er sich unter anderem schuldig bekannt hatte, eine Minderjährige zur Prostitution angeworben zu haben, und gegen den weitere schwere Vorwürfe im Raum standen. Dennoch standen ihm nach seiner Haftstrafe im Jahr 2009 anscheinend weiterhin viele Türen offen. Mein Eindruck ist, er konnte in die Gesellschaft mächtiger Personen aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zurückkehren, als wäre nichts gewesen.</p><p><strong>ORN:</strong> Was war dein bisher größter Fund in den Epstein Files?</p><p><strong>Daniel: </strong>Die wohl prominenteste Person mit Deutschland-Bezug, über die wir berichtet haben, ist der deutsche KI-Forscher Joscha Bach. Epstein hat ihn und seine Karriere mehrere Jahre lang gefördert. Das konnten wir durch Schecks, Kontoauszüge und E-Mails aus den Epstein Files rekonstruieren. Bach könnte von Epstein mehr als eine Million US-Dollar erhalten haben.</p><p><strong>ORN:</strong> Im <a href="https://www.zeit.de/wissen/2026-02/joscha-bach-jeffrey-epstein-files-forschung">Interview</a> mit der ZEIT hat Bach gesagt: &quot;Die schweren Vorwürfe, die gegen Epstein nach seiner zweiten Verhaftung erhoben wurden, haben mich sehr schockiert. Ich habe niemals einen Hinweis auf solche Straftaten oder rechtlich fragwürdiges Verhalten mitbekommen und hätte andernfalls sofort jeden Kontakt abgebrochen.&quot; – Wie seid ihr in den Epstein Files auf seine Spur gekommen?</p><p><strong>Daniel:</strong> Das war noch am Abend, als das US-Justizministerium eine große Menge der Akten veröffentlichte.</p><p><strong>ORN:</strong> ... also der 30. Januar 2026.</p><p><strong>Daniel:</strong> Ein Freitag, tagsüber war ich unterwegs. Am Abend habe ich eine leere Festplatte aus der Schublade geholt und einfach mal heruntergeladen, was man zu diesem Zeitpunkt leicht runterladen konnte. Und ich habe ein paar erste Suchbegriffe mit Deutschland-Bezug ausprobiert.</p><p><strong>ORN: </strong>Hast du an diesem Abend nach dem Wort &quot;Bach&quot; gesucht?</p><p><strong>Daniel:</strong> Es war viel banaler, ich habe &quot;Berlin&quot; eingegeben. Dabei bin ich auf eine E-Mail gestoßen, die zu ihm geführt hat.</p><blockquote><p>„Ich muss nicht alle Dokumente haben”</p></blockquote><p><strong>ORN: </strong>Hast du dir inzwischen alle Epstein Files heruntergeladen?</p><p><strong>Daniel:</strong> Nein, schon nach kurzer Zeit habe ich gemerkt, dass das zu viel Aufwand wäre. Nur mit der Browser-Suchmaske zu arbeiten, wäre aber auch nicht sinnvoll gewesen. Man muss sich umständlich durch die einzelnen Suchergebnisse klicken. Und man kann sich nicht darauf verlassen, dass das Ministerium manche Dokumente nicht später wieder offline nimmt.</p><p><strong>ORN: </strong>Lass mich raten: Du hast dir ein Tool gebaut.</p><p><strong>Daniel:</strong> Richtig. Meine Herangehensweise war: Ich muss nicht alle Dokumente haben. Dafür würde einem niemand eine Medaille anheften. Es genügt, wenn ich mich auf das konzentriere, was ich wissen will. Ich habe also ein Tool programmiert, das automatisch Dokumente zu für mich relevanten Stichworten abfragt und herunterlädt, zum Beispiel &quot;Berlin&quot; oder &quot;Deutsche Bank&quot;.</p><p><strong>ORN: </strong>Wie bastelt man so ein Tool?</p><p><strong>Daniel:</strong> Ich habe mir zuerst angeschaut, was passiert, wenn ich die Epstein Files auf der Website durchsuche. Dafür kann man im Browser die sogenannten Entwicklertools öffnen und den Netzwerkverkehr beobachten. Dort lässt sich ablesen, welche genauen Abfragen die Website an den Server schickt, auf dem die Dateien liegen, und vor allem, mit welchen Daten der Server antwortet. Ein Python-Skript, das direkt diese Schnittstelle anspricht, habe ich mir – der Einfachheit halber – dann von ChatGPT programmieren lassen.</p><p>Das Skript tut, als wäre es selbst ein Browser, dabei kommt das Werkzeug Selenium zu Einsatz. Es ruft die Suchergebnisse zu einem bestimmten Begriff ab, navigiert sich automatisch durch alle Suchergebnisse und speichert die Dateien.</p><p><strong>ORN: </strong>Muss man da noch selbst programmieren können?</p><p><strong>Daniel:</strong> Es hilft sehr, wenn man Code versteht, denn man muss sozusagen Regie führen und ChatGPT kleinteilige Anleitungen geben, um Hindernisse zu überwinden. Zum Beispiel musste ich auf die Altersabfragen der Website reagieren. Dort muss man regelmäßig anklicken, dass man schon über 18 Jahre alt ist. Mein Skript kam da zunächst nicht weiter. Mir ist aber aufgefallen, dass sich diese Abfragen umgehen lassen, wenn das Skript den Parameter &quot;justiceGovAgeVerified=true&quot; an die URL hängt.</p><p><strong>ORN: </strong>Wie hast du die gespeicherten Dateien gesichtet?</p><p><strong>Daniel:</strong> Dafür habe ich das kostenpflichtige Tool <a href="https://devontechnologies.com/de/apps/devonthink">DevonThink</a> genutzt, davon bin ich großer Fan. Du kannst damit in vielen Dateien auf einmal nach Kombinationen von Stichwörtern durchsuchen, zum Beispiel: Alle Dateien, in denen die genaue Wortfolge &quot;Deutsche Bank&quot; vorkommt und eine der Jahreszahlen 2015 oder 2016. Damit lassen sich große Mengen an Dokumenten schnell filtern.</p><p><strong>ORN: </strong>Wie lange wirst du noch weiter graben?</p><p><strong>Daniel:</strong> Da bin ich mir nicht sicher. Es gibt aber noch diverse Fährten, die nicht zu Ende recherchiert sind.</p><hr aria-hidden="true"/><p>✨ Das war’s für diese Ausgabe. Auf <a href="https://mastodon.social/@sebmeineck">Mastodon</a>, <a href="https://bsky.app/profile/sebmeineck.bsky.social">Bluesky</a> und <a href="https://www.linkedin.com/in/sebastian-m-957996187/">LinkedIn</a> poste ich regelmäßig zu meinen aktuellen Recherchen rund um Netzpolitik, Alterskontrollen, Databroker oder digitale Gewalt – schau gern vorbei!</p><p>Vor der Online-Veröffentlichung erscheint dieser Newsletter zuerst und teils gekürzt im <a href="https://www.mediummagazin.de/">Medium Magazin</a>. Für deinen Recherche-Alltag habe ich ein <a href="http://ornarchiv.wordpress.com/">verschlagwortetes Online-Archiv aller Beiträge</a> zusammengestellt und eine <a href="https://start.me/p/m65arv/osint-research-tools">Linkliste mit noch mehr Tools</a>.</p><p>Danke fürs Lesen, viel Erfolg bei der Recherche und bis zum nächsten Mal!</p><p><em>Sebastian</em></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sat, 30 May 2026 08:24:08 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[ORN #58 Geheime Unterlagen aus Assads Folterkammern]]></title>
      <description><![CDATA[... und drei Tools für Safer Leaks mit sauberen Dateien.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Hey und willkommen zur 58. Ausgabe des Online-Recherche Newsletters!</p><p>Viele Medien schreiben von &quot;Dokumenten, die uns vorliegen&quot;, veröffentlichen sie aber nicht – selbst wenn der Quellenschutz es erlauben würde. Ein Grund dafür könnte die Sorge sein, dass sich in einer Datei noch verräterische Spuren verstecken. Drei Werkzeuge geben Euch mehr Sicherheit.</p><p>Im Werkstatt-Interview geht es um gar nicht lange zurückliegende Verbrechen, deren Aufarbeitung in den aktuellen Nachrichten kaum Raum findet. Willkürliche Verhaftungen, Folter, Tötungen: Das Regime des ehemaligen syrischen Machthabers Baschar al-Assad hat die eigenen Taten minutiös dokumentiert. Als Assad floh, gelangten Dokumente in die Hände von Journalist*innen – darunter mein Interviewgast Antonius Kempmann.</p><hr aria-hidden="true"/><h3>Einmal abstauben: Exiftool und qpdf für harmlose Dokumente</h3><p>🔑 <strong>Wofür braucht man das? </strong>PDF-Dokumente haben Meta-Daten – etwa den Namen der Person, die das Dokument erstellt hat, oder wann es zuletzt geändert wurde. Wie ein eingenähtes Zettelchen im Pullover beachten viele solche Meta-Daten kaum. Dennoch können sie Details über vertrauliche Quellen preisgeben, wenn eine Redaktion so ein Dokument veröffentlicht. Mit <a href="https://exiftool.org/">Exiftool</a> und <a href="https://github.com/qpdf/qpdf">qpdf</a> lassen sich Meta-Daten entfernen.</p><p>⚙️ <strong>Wie funktioniert das? </strong>Die Werkzeuge sind quelloffen und für Windows, MacOS und Linux verfügbar. Exiftool ersetzt Meta-Daten durch einen leeren Eintrag. Bei PDF-Dokumenten sind solche Veränderungen aber inkrementell – das heißt, die älteren Meta-Daten sind immer noch versteckt vorhanden. Deshalb braucht es noch das Tool qpdf. Es erstellt eine neue Datei ohne Spuren der älteren Meta-Daten.</p><p>📌 <strong>Was muss man beachten? </strong>Beide Tools haben keine schicke Oberfläche. Sie müssen über die Konsole bedient werden. Nach der Installation lautet der erste Befehl: [exiftool -all:all input.pdf -o output.pdf]; und der zweite: [qpdf --linearize output.pdf output_final.pdf]. Wer so etwas verwirrend findet, kann sich von einem großen Sprachmodell wie ChatGPT Schritt für Schritt durchführen lassen.</p><hr aria-hidden="true"/><p>🐿️ Noch nicht abonniert? Lass dir regelmäßig eine Dosis Recherche-Skills schicken und trage dich <a href="https://steady.page/de/recherche-newsletter/about">jetzt hier ein</a>.</p><hr aria-hidden="true"/><h3>Gründlich reinigen: Dangerzone für kritische Dokumente</h3><p>🔑 <strong>Wofür braucht man das?</strong> Meta-Daten sind nicht die einzigen potenziell verräterischen Spuren in einem PDF. In solchen Dokumenten können sich auch unscheinbare Dinge verstecken, etwa Programmcode, Kommentare, Schriftarten. <a href="https://dangerzone.rocks/">Dangerzone</a> eliminiert all das wie ein scharfes Desinfektonsmittel.</p><p>⚙️ <strong>Wie funktioniert das? </strong>Dangerzone ist ein quelloffenes Werkzeug der gemeinnützigen &quot;Freedom of the Press Foundation&quot;. Es wurde entwickelt, damit Redaktionen von Fremden zugespielte Dokumente sicher öffnen können, selbst wenn sie eventuell mit Schadsoftware verseucht sind. Das Programm öffnet die Datei in einer sicheren Umgebung, schnappt sich nur die optisch sichtbaren Pixel und baut daraus eine neue Datei – etwa so, als würde man das Dokument abfotografieren. Entfernt werden dabei nicht nur Computerviren, sondern auch unerwünschte Spuren.</p><p>📌 <strong>Was muss man beachten? </strong>Mit 1,7 Gigabyte nimmt Dangerzone einiges an Speicherplatz ein. Auch die Dateien, die es ausspuckt, sind oft deutlich größer als das Original, weil das Programm ein PDF wie ein Bild behandelt.</p><hr aria-hidden="true"/><h3>Ballast abwerfen: Reinen Text extrahieren mit OCRmyPDF</h3><p>🔑 <strong>Wofür braucht man das?</strong> Wer sensible Dokumente mit der Öffentlichkeit teilen will, muss sich nicht mit PDF-Dokumenten herumschlagen. Alternativ lässt sich auch der Inhalt extrahieren und als reiner Text veröffentlichen. Dann stellt sich auch nicht mehr die Frage nach verstecktem Programmcode oder zu großen Dateien.</p><p>⚙️ <strong>Wie funktioniert das?</strong> Bei machen PDFs ist der Text bereits maschinenlesbar und lässt sich einfach markieren und herauskopieren. Falls das nicht klappt, kann das quelloffene Werkzeug <a href="https://github.com/ocrmypdf/OCRmyPDF">OCRmyPDF</a> die Zeichen in PDFs lesbar machen. Auch dieses Tool wird per Konsole bedient. Nach der Installation lautet der Befehl: [ocrmypdf input.pdf output.pdf]. Falls es hakt, kann ein Sprachmodell weiterhelfen.</p><p>📌 <strong>Was muss man beachten?</strong> Einen aus einem PDF kopierten Text muss man nochmal händisch nachbessern. Zum Beispiel, weil OCRmyPDF Umlaute falsch erkennt oder unerwünschte Silbentrennungen übernimmt. Ein Tool für Fortgeschrittene, das zumindest einen Teil dieser Fleißarbeit automatisiert, ist das quelloffene <a href="https://pd3f.com/">p3df</a> vom deutschen Entwickler Johannes Filter (<a href="http://pd3f.com/">pd3f.com</a>).</p><hr aria-hidden="true"/><h3>Interview: Eine Festplatte mit 70.000 geheimen Fotos</h3><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b77ab78c-0253-462a-882f-d2d9a341fb99/uploads/images/33wguunc35/kempmann.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Porträt von Antonius Kempmann"/><figcaption>Antonius Kempmann | Foto: NDR</figcaption></figure><p>Im <a href="https://story.ndr.de/damascus-dossier/index.html">Damascus Dossier</a> geht es um die Aufarbeitung eines der größten Menschenrechtsverbrechen der Gegenwart. Mehrere Monate lang hat sich NDR-Journalist Antonius Kempmann durch Zehntausende Unterlagen und Fotos des Assad-Regimes gewühlt, Social-Media-Posts gesichtet und Aussagen geprüft. Beteiligt waren NDR, WDR, Süddeutsche Zeitung und das International Consortium of Investigative Journalists. Wie destilliert man Geschichten aus so viel Material – und schützt dabei die eigene Psyche?</p><p><strong>ORN: </strong>Antonius Kempann, das Damascus Dossier basiert auf geheimen Unterlagen aus dem Assad-Regime. Wovon sprechen wir genau?</p><p><strong>Antonius: </strong>Es geht um zehntausende Dokumente aus verschiedenen Bereichen syrischer Geheimdienste. Zum Beispiel Verhaftungsberichte, Totenscheine und Listen von verhafteten Menschen. Außerdem geht es um über 70.000 Fotos. Viele davon zeigen tote Menschen, die meisten davon wohl Häftlinge – oft gezeichnet von schwerer Folter und Unterernährung. Angehörige der syrischen Militärpolizei haben die Toten dokumentiert, größtenteils zwischen 2015 und 2024.</p><p><strong>ORN: </strong>Wie ist das Material beim NDR gelandet?</p><p><strong>Antonius: </strong>Der Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 war eine historische Ausnahmesituation. Streng geheime Unterlagen wurden plötzlich zugänglich. Aber solche Leaks und Dokumente fallen nicht vom Himmel. Innerhalb unseres Ressorts haben sich Kolleginnen und Kollegen viele Jahre lang mit Syrien beschäftigt, viele Reisen unternommen und Kontakte vor Ort aufgebaut. Die Festplatte mit den Fotos hat der dafür zuständige Militärpolizist selbst aus seiner Dienststelle geschafft. Über Mittelsmänner kam sie zu uns.</p><p><strong>ORN: </strong>Die Fotos der Leichen können traumatisieren. Wie seid ihr damit umgegangen?</p><p><strong>Antonius: </strong>Vor der Sichtung haben wir einen Workshop gemacht. Es gibt Tricks, damit die Betrachtung weniger schwerfällt. Zum Beispiel kann man sich ein Foto nur in Graustufen anzeigen lassen und nicht bildschirmfüllend betrachten. Für die detaillierte Auswertung der Bilder haben wir zudem eine statistisch relevante Stichprobe gezogen: 540 Bilder, verteilt über mehrere Kolleginnen und Kollegen. Auf dieser Grundlage haben wir Aussagen für die Recherche abgeleitet, etwa über Gewalteinwirkungen oder den Zustand der Leichen.</p><h4>„Möglichst viel Zeit mit Datensatz verbringen“</h4><p><strong>ORN: </strong>Und wie habt ihr die Masse an Dokumenten bewältigt?</p><p><strong>Antonius: </strong>Die Unterlagen waren auf Arabisch. Dafür ist es natürlich essentiell, Muttersprachlerinnen und -sprachler im Team zu haben. Zudem haben wir mehrere Übersetzungswerkzeuge getestet, bis wir mit den Ergebnissen zufrieden waren. Am besten funktioniert hat am Ende eine hausinterne Lösung von der IT des NDR.</p><p>Dann haben das Team und ich uns mehrere Monate mit den Dokumenten beschäftigt, oft auch jenseits der festen Arbeitszeiten. Ich finde, man muss möglichst viel Zeit mit einem Datensatz verbringen und ihn auch händisch erschließen. Nur so kann man ein Gefühl für die Daten bekommen, auch für Details wie handschriftliche Notizen. Das sind Dinge, die sich auch mit der heutigen Technologie nicht automatisieren lassen. Es braucht letztlich Fleiß, Fleiß, Fleiß.</p><p><strong>ORN: </strong>Wie habt ihr die Recherche intern dokumentiert?</p><p><strong>Antonius: </strong>Bei so großen Projekten mit vielen Beteiligten braucht es die Disziplin, alle wichtigen Funde gemeinsam festzuhalten. Wir nutzen dafür eine selbst gehostete Plattform von ARD und ZDF, die auf Nextcloud basiert. Bei Zusammenarbeit zwischen verschiedenen ARD-Anstalten habe ich damit sehr positive Erfahrungen gemacht. Gerade bei sensiblen Recherchen bevorzugen wir hauseigene Lösungen gegenüber Anwendungen großer US-Tech-Konzerne.</p><p><strong>ORN: </strong>In der TV-Doku erzählt ihr von Muhannad Khalifa. Das Regime hat ihn verhaftet und getötet. Wieso habt ihr seinen Fall herausgepickt?</p><p><strong>Antonius: </strong>In den uns zugespielten Unterlagen stehen eine Menge Namen, die man im Netz suchen kann. In vielen Fällen konnten wir die dazu gehörigen Familien aufspüren. Denn nach dem Sturz des Assad-Regimes haben Tausende Menschen Aufrufe veröffentlicht, um ihre vermissten Angehörigen zu finden, zum Beispiel auf Facebook. Wir hatten Kontakt zu mehreren von ihnen. Einige wollten mit uns sprechen, wollten aber nicht gefilmt werden. Das haben wir respektiert.</p><p>Die Familie von Khalifa war damit einverstanden, dass wir sie filmen. Das war zugleich eine schwierige Situation. Unseren Unterlagen zufolge war Khalifa bereits tot. Die Familie hatte aber selbst, als das Assad-Regime fiel, also 13 Jahre nach seiner Verhaftung, noch Hoffnung.</p><p><strong>ORN: </strong>Ihr habt mir der Kamera den Moment festgehalten, als die Familie realisiert: Khalifa kommt nicht zurück. Wie habt ihr euch psychologisch darauf vorbereitet?</p><p><strong>Antonius: </strong>Wir haben uns in einem Workshop mit Trainerin Juliana Ruhfus gezielt schulen lassen, sowohl für den Selbstschutz in der Situation als auch für den Umgang mit möglicherweise schwer traumatisierten Familien. Wichtig ist, sich bei jedem Schritt im Interview rückzuversichern, ob immer noch das Einverständnis aller Anwesender vorliegt.</p><h4>„Ärzte haben schwere Folter bestätigt“</h4><p><strong>ORN: </strong>Ihr konntet auch mit Ärzten sprechen, die im Militärkrankenhaus Harasta tätig waren. Also dem Ort, wo die Fotos der gefolterten Häftlinge entstanden sein sollen. Manche dieser Ärzte praktizieren heute sogar in Deutschland. Wie habt ihr sie gefunden?</p><p><strong>Antonius: </strong>Anscheinend mussten Ärzte die Totenscheine des Regimes unterschreiben. Bei Recherchen vor Ort fanden wir zudem Dienstpläne mit weiteren Namen der syrischer Ärzte. Die Namen konnten wir im Netz suchen. Manche fanden wir in Deutschland. Die Offenheit der Ärzte, die hier arbeiten, hat mich überrascht. Mehrere haben uns die schwere Folter durch Sicherheitskräfte des Regimes bestätigt. Die Ärzte selbst waren nach eigener Aussage aber daran nicht beteiligt.</p><p><strong>ORN: </strong>Hatte die Recherche auch Sackgassen?</p><p><strong>Antonius: </strong>Am Anfang hatten wir noch nicht genug Belege dafür, dass Menschen im Krankenhaus Harasta gefoltert wurden. Die Angaben von Überlebenden waren anfangs bruchstückhaft. Vielen wurden die Augen verbunden. Um ihre Aussagen prüfen zu können, hatte ich zusammen mit meinen Kollegen eine 3D-Rekonstruktion bestimmter Teile des Krankenhauses erstellt, basierend auf eigenen Messungen, Satellitenbildern und auch zuletzt mit Apps wie Polycam. Damit konnten wir Details von Überlebenden einordnen, etwa: Da war eine Säule. So konnten wir verfizieren, dass Menschen tatsächlich dort gewesen waren. Im Lauf der Recherche wurde das 3D-Modell aber immer unwichtiger. Wir hatten genug direkte Aussagen zum Krankenhaus und zur Folter im siebten Stock, auch von Seiten des Personals.</p><h4>“Assad hat Repressions-Industrie aufgebaut”</h4><p><strong>ORN: </strong>Der Doku zufolge habt ihr auf Grundlage des Leaks eine Liste mit Namen von etwa 1.500 verschwundenen Menschen erstellt und mit NGOs geteilt. Wie kam es dazu?</p><p><strong>Antonius: </strong>Das war ein besonderer Fall. Sonst folgen wir dem Grundsatz: Wir teilen keine Datensätze. Was wir nicht veröffentlichen, bleibt bei uns. Durch unsere Besuche in Syrien wussten wir aber, wie verzweifelt die Familien dort ihre Angehörigen suchen. Die Namen aus den Dokumenten können für sie sehr wertvoll sein. Deshalb war uns relativ schnell klar: Wir müssen Hilfsorganisationen eine solche Liste geben.</p><p><strong>ORN: </strong>Warum hat das Regime die eigenen Straftaten so minutiös dokumentiert?</p><p><strong>Antonius: </strong>Das wäre eine Recherche für sich. Das Assad-Regime hat jedenfalls eine ganze Repressions-Industrie aufgebaut und administriert. Die Todesursache in den Totenscheinen lautet standardmäßig &quot;Herzstillstand&quot;. Die Fotos der toten Häftlinge sind mit Kennziffern versehen. Menschen, die in Haft gestorben sind, wurden nachträglich von einem Militärgericht zu Tode verurteilt.</p><p><strong>ORN: </strong>Welche Resonanz hatte die Recherche?</p><p><strong>Antonius: </strong>Einige große Medien haben sie aufgegriffen. Gerade in Syrien gab es sehr viel Aufmerksamkeit. Es gibt wohl keine syrische Familie, die von der Gewalt der letzten 15 Jahre unberührt geblieben ist. Mein Eindruck ist aber, viele Menschen in Deutschland und Europa sind gerade mit nationalen Themen beschäftigt. Sie lassen sich nur schwer mit solchen Recherchen erreichen.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Das war’s für diese Ausgabe. Wenn du mir <a href="https://mastodon.social/@sebmeineck">auf Mastodon</a> oder <a href="https://bsky.app/profile/sebmeineck.bsky.social">Bluesky</a> folgst, liest du regelmäßig Neuigkeiten rund um Netzpolitik, Alterskontrollen, Databroker und digitale Gewalt.</p><p>Vor der Online-Veröffentlichung erscheint dieser Newsletter zuerst und teils gekürzt im <a href="https://www.mediummagazin.de/">Medium Magazin</a>. Für deinen Recherche-Alltag habe ich ein <a href="http://ornarchiv.wordpress.com/">verschlagwortetes Online-Archiv aller Beiträge</a> zusammengestellt und eine <a href="https://start.me/p/m65arv/osint-research-tools">Linkliste mit noch mehr Tools</a>.</p><p>Danke fürs Lesen, viel Erfolg bei der Recherche und bis zum nächsten Mal!</p><p><em>Sebastian</em></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sat, 18 Apr 2026 08:19:53 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[ORN #57 Sie fanden Jan Marsalek]]></title>
      <description><![CDATA[… und wie ihr blitzschnell und kabelfrei Dateien teilt]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Hey und willkommen zur 57. Ausgabe des Online-Recherche Newsletters!</p><p>Wie oft habe ich schon minutenlang versucht, Dateien vom Handy auf den Laptop zu bekommen? Kabel rein, Gerät nicht erkannt, Kabel raus, repeat. Das ist jetzt vorbei. Mit simplen Werkzeugen lassen sich in Sekunden Dateien auf kurze Distanz tauschen – mit sich selbst oder mit Kolleg*innen. Ohne Kabel, ohne USB-Stick, ohne Login, über alle Betriebssysteme hinweg. <a href="https://www.youtube.com/watch?v=3WAOxKOmR90">Noice</a>.</p><p>Im Werkstatt-Interview geht es um den ehemaligen Wirecard-Chef Jan Marsalek. Seit dem Jahr 2020 ist er auf der Flucht. Während Behörden wohl im Dunkeln tappen, hat ein Recherche-Team von SPIEGEL, ZDF, dem Standard und internationalen Partnermedien den Flüchtigen in Moskau aufgespürt. Das Making-of mit Journalist Jörg Diehl liest sich wie ein Krimi.</p><hr aria-hidden="true"/><h3>PairDrop: Dateien im Browser per WLAN verschicken</h3><p>🔑 <strong>Wofür braucht man das? </strong>Mit <a href="https://pairdrop.net/">PairDrop</a> lassen sich innerhalb von Sekunden sogar große Dateien von einem Gerät auf ein anderes kopieren. Die einzige Voraussetzung ist, dass die Geräte gerade mit dem gleichen WLAN verbunden sind. So lassen sich zum Beispiel schnell Fotos vom Handy auf den Laptop ziehen, oder Recherche-Unterlagen mit Kolleg*innen teilen.</p><p>⚙️ <strong>Wie funktioniert das?</strong> PairDrop funktioniert ohne Account und ohne Cloud über alle gängigen Betriebssysteme hinweg. Die Dateien werden per WLAN-Schnittstelle von Gerät zu Gerät übertragen (&quot;Peer-to-Peer&quot;); sie fließen also nicht durchs Internet. Man kann einfach &quot;<a href="http://paidrop.net/">paidrop.net</a>&quot; in den Browser-Tippen und loslegen. Im Browser-Fenster sieht man, wer in der Umgebung den Dienst gerade nutzt.</p><p>📌 <strong>Was muss man beachten?</strong> PairDrop ist quelloffen. Das heißt, der Code ist öffentlich. Das erhöht das Vertrauen, dass es keine Hintertüren gibt. Optional kann man mit PairDrop auch Dateien mit Geräten teilen, die nicht im gleichen WLAN sind. Die Funktion heißt &quot;öffentlicher Raum&quot;; die Daten fließen dann allerdings übers Internet.</p><hr aria-hidden="true"/><h3>LocalSend: Geräte per App verbinden und Dateien tauschen</h3><p>🔑 <strong>Wofür braucht man das? </strong><a href="https://localsend.org/de">LocalSend</a> fühlt sich in der Bedienung etwas übersichtlicher an als PairDrop, basiert jedoch auf einer App. Das heißt, auf beiden Geräten muss LocalSend installiert sein. Ähnlich wie bei PairDrop lassen sich mit LocalSend Dateien per WLAN von Gerät zu Gerät schicken (Peer-to-Peer). Dabei landen die Dateien nicht auf fremden Servern.</p><p>⚙️ <strong>Wie funktioniert das?</strong> LocalSend gibt es für Android, Windows, MacOS, iOS und Linux. Öffnet man die App, kann man sehen, wer gerade im gleichen WLAN ist. Wie bei PairDrop bekommen Geräte einen zufälligen Namen zugewiesen, zum Beispiel: &quot;Kind Carrot&quot;. Per Mausklick lassen sich mühelos Dateien an andere Geräte senden. Bevor die Übertragung beginnt, müssen Empfänger zunächst auf &quot;Akzeptieren&quot; klicken.</p><p>📌 <strong>Was muss man beachten?</strong> Auch LocalSend ist quelloffen. Dahinter steckt der Entwickler Tien Do Nam aus Berlin. Eine browserbasierte Version des Werkzeugs ist gerade in der Betaphase. Das macht es zunehmend zur Geschmackssache, ob man PairDrop oder LocalSend bevorzugt.</p><hr aria-hidden="true"/><p>🐿️ Noch nicht abonniert? Lass dir regelmäßig eine Dosis Recherche-Skills schicken und trage dich <a href="https://steady.page/de/recherche-newsletter/about">jetzt hier ein</a>.</p><hr aria-hidden="true"/><h3>Simple.Savr: Simpler geht es nicht</h3><p>🔑 <strong>Wofür braucht man das? </strong>Manchmal kann ein Werkzeug nicht simpel genug sein. Gerade wenn man in Eile ist, oder das Gegenüber schon beim Gedanken an Technik nervös wird. Ein solches Tool ist <a href="https://www.ssavr.com/">Simple.Savr</a>. Es besteht aus einem Textfenster im Browser. Was auch immer man dort eintippt, wird automatisch gespeichert und ist sofort auf allen Geräten verfügbar, die dieselbe Internetverbindung nutzen.</p><p>⚙️ <strong>Wie funktioniert das? </strong>Um das Tool zu öffnen, muss man nur &quot;ssavr.com&quot; in den Browser eingeben. Alle Geräte im selben Netzwerk sehen im Browser das gleiche Textfenster. Dort kann man zum Beispiel URLs oder Einmalcodes teilen. Auch Dateien lassen sich tauschen. Bis zu sieben Tage lang bleiben sie verschlüsselt auf den Servern von Simple.Savr liegen. Dann werden sie automatisch gelöscht.</p><p>📌 <strong>Was muss man beachten? </strong>Im Gegensatz zu LocalSend und PairDrop ist SimpleSavr nicht quelloffen und läuft über eine Cloud. Man muss sich also auf die Datenschutz-Versprechen der Entwickler*innen verlassen. Demnach sollen die Inhalte über einen zufällig generierten Schlüssel geschützt werden, sodass selbst Admins nicht sehen können, was Nutzende tippen oder hochladen.</p><hr aria-hidden="true"/><h3>Interview: Das geheime Leben des Ex-Wirecard-Chefs in Moskau</h3><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b695d4a8-6889-4400-baf5-790b40c43f01/uploads/images/lk2rzhwhi3/foto_jorg-diehl-credit-marcus-simaitis.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Porträt von Jörg Diehl"/><figcaption>Jörg Diehl | Credit: Marcus Simaitis</figcaption></figure><p>Gesucht mit internationalem Haftbefehl gilt Jan Marsalek als Schlüsselfigur der Bilanzfälschung bei Wirecard. Mindestens 1,9 Milliarden Euro sollen verschwunden sein. Seine Geschichte ist aber nicht nur ein Wirtschaftskrimi. Es ist auch ein Geheimdienstdrama, wie Investigativ-Journalist Jörg Diehl im Interview berichtet.</p><p>Als Leiter des Inlandsressorts beim SPIEGEL gehörte er zum Team, das <a href="https://www.spiegel.de/ausland/jan-marsalek-das-geheime-leben-des-wirecard-bosses-in-moskau-a-c4a6ab6a-7eb0-4d2c-8acc-894bd38bff6f">Marsalek enttarnt hat</a>. Seit Januar 2026 leitet er die Recherchekooperation von NDR, WDR und SZ.</p><p><strong>ORN:</strong> Jörg Diehl, was sind die wichtigsten Erkenntnisse eurer Marsalek-Recherchen?</p><p><strong>Jörg Diehl: </strong>Jan Marsalek ist tatsächlich in Moskau, das können wir jetzt zweifelsfrei nachweisen. Er unterhält engste Beziehungen zum russischen Inlandsgeheimdienst FSB. Offensichtlich hielt er sich an Hunderten Tagen in oder an der FSB-Zentrale auf. Dort scheint er einer Beschäftigung nachzugehen. Zudem führt er wohl ein viel bescheideneres Leben, als wir das in der Vergangenheit von ihm kannten. Die Zeit der Luxusreisen, Privatjetflüge und Sternerestaurants ist offenbar vorbei. Man fragt sich unweigerlich, wie es um seine finanziellen Reserven bestellt ist. Manche nehmen an, dass viele Wirecard-Millionen bei ihm gelandet sind. Sichtbar ist das derzeit jedoch nicht.</p><p><strong>ORN:</strong> Wie habt ihr das herausgefunden?</p><p><strong>Jörg Diehl: </strong>Die Recherche basiert unter anderem auf Reisedaten, Zug- und Flugbuchungen und auf Ausweisdokumenten zu Marsaleks verschiedenen Tarnidentitäten. Der große Durchbruch kam, als wir eine Handynummer fanden, die wir einer Tarnidentität von Marsalek zuordnen konnten. Zu dieser Handynummer konnten wir Standortdaten erheben, die Marsaleks Bewegungen in Moskau zeigen.</p><p><strong>ORN: </strong>Wie seid ihr an diese sensiblen Daten gekommen?</p><p><strong>Jörg Diehl: </strong>Wenn es um Datenschutz geht, läuft das in Russland völlig anders als in Deutschland. Russland ist ein überaus datensammelwütiger Staat. Zudem sind in Russland viele Organisationen äußerst schlecht darin, auf ihre Daten aufzupassen. Das macht journalistische Recherchen möglich, die im Westen unvorstellbar wären. Eine wichtige Quelle ist dabei die russische Passdatenbank mit Fotos, Handynummern und E-Mail-Adressen. Anhand einer Handynummer lässt sich dann mitunter herausfinden, wann ein Gerät mit einem bestimmten Funkmast verbunden war. Daraus lässt sich ablesen, wo sich eine Person aufgehalten hat. In Deutschland wäre der Zugang zu solchen Daten nur Sicherheitsbehörden möglich, etwa im Rahmen eines Strafverfahrens mit richterlichem Beschluss.</p><h3>„Marsalek nutzt mehrere Tarnidentitäten“</h3><p><strong>ORN: </strong>Wie fließen solche Daten ab?</p><p><strong>Jörg Diehl: </strong>Dahinter stehen unterschiedliche Interessen. Einige Menschen in Russland verstehen es als Akt des politischen Widerstands, Daten zu leaken. Andere verdienen Geld damit. Korruption ist ein Riesenthema. Wobei ich klarstellen möchte: Der SPIEGEL zahlt nicht für Informationen. Viele dieser Daten werden über verschlüsselte Messenger angeboten oder landen im Darknet. Von dort werden sie kopiert und weiterverbreitet, bis sie irgendwann kein Preisschild mehr tragen. Stark angestiegen ist auch die Zahl ukrainischer Hackerattacken auf russische Datenbanken, die weitere große Leaks produziert haben.</p><p><strong>ORN: </strong>Wie genau konntet ihr Jan Marsalek finden?</p><p><strong>Jörg Diehl: </strong>Marsalek nutzt mehrere Tarnidentitäten, um seine Spuren zu verwischen. Wir wussten allerdings aus anderen Recherchen, wie seine neue Partnerin heißt, die offenbar selbst Agentin ist. Also haben wir in Reisedatenbanken geschaut, mit wem diese Frau regelmäßig unterwegs ist. Wer sitzt an ihrer Seite, wenn sie Flugreisen unternimmt? So stießen wir auf den Namen Alexander Nelidow. Der sollte aus der Ukraine stammen und nach dem russischen Überfall eingebürgert worden sein. Recherchen in Kiew zeigten aber, dass dort kein Alexander Nelidow mit diesem Geburtsdaten existiert hatte. An anderer Stelle stießen wir auf einen eingescannten Pass von Nelidow – das Passfoto zeigte Jan Marsalek.</p><p><strong>ORN: </strong>Bingo.</p><p><strong>Jörg Diehl: </strong>In anderen Datenbanken fanden wir eine Telefonnummer von Nelidow mit einem Telegram-Account. Der zeigte ein Profilbild, von dem wir wussten, dass Marsalek es schon lange nutzt: einen Panda mit Sonnenbrille. Zur Telefonnummer fanden wir auch Ortungen über Funkmasten und konnten damit Marsaleks Bewegungen in Moskau nachzeichnen.</p><p><strong>ORN: </strong>... und von Quellen konntet ihr sogar Fotos von ihm aus Moskau erhalten. Kann der russische Geheimdienst seine Agenten nicht besser schützen?</p><p><strong>Jörg Diehl: </strong>Ich denke, Marsalek wird bereits umfassend geschützt und betreibt hohen Aufwand, um sich zu tarnen. Dennoch ist er nicht in der Lage, sich dem russischen Überwachungsstaat zu entziehen. Auch er muss zum Beispiel Tickets buchen und Pässe scannen lassen.</p><h3>“Als stehe man vor einer Million Heuhaufen”</h3><p><strong>ORN: </strong>Dieser Überwachungsstaat macht nicht nur Jan Marsalek gläsern, sondern auch alle anderen Menschen in Russland. Zeigt eure Recherche, wie verheerend Massenüberwachung ist?</p><p><strong>Jörg Diehl: </strong>Ich finde es absolut verstörend zu sehen, in welchem Ausmaß privateste Daten aus Russland öffentlich verfügbar sind. Bei manchen Daten stellt sich die Frage, ob man sie überhaupt sammeln und zentral speichern muss. Wenn ein Staat solche Informationshalden aber schafft, dann sollte er absolut sicher sein, diese Daten auch schützen zu können.</p><p><strong>ORN: </strong>In deiner Nacherzählung klingt die Recherche geradezu simpel. War sie das?</p><p><strong>Jörg Diehl: </strong>Am Ende klingen solche Geschichten oft einfach und eindeutig. Aber wenn man drinsteckt und mit den Daten arbeitet, ist es so, als stehe man vor einer Million Heuhaufen – ohne zu wissen, ob in einem eine Nadel steckt. Wir hatten schon früh eine Spur zu Marsalek entdeckt, die uns aber nicht weit führte. Es war eine weitere Tarnidentität, ein belgischer Pass auf den Namen Alexandre Schmidt. Aber wir fanden dazu keine Telefonnummer, keine Reisebewegungen. So etwas ist ärgerlich. Es hat Jahre gedauert, bis wir eine neue Fährte aufnehmen konnten.</p><p><strong>ORN: </strong>Mich erstaunt, wie viele eurer Funde ihr offenlegt, darunter Foto, Name und Wohnadresse von Marsaleks Partnerin. Grenzt das nicht schon an Doxing?</p><p><strong>Jörg Diehl: </strong>Ich bin überzeugt, dass solche Recherchen so konkret wie möglich sein müssen, um für das Publikum nachvollziehbar zu sein. Im Gegensatz zu einem Geheimdienst wollen wir in einem Höchstmaß transparent arbeiten, natürlich ohne Quellen zu gefährden. Über die Nennung einer genauen Adresse kann man diskutieren – wobei ich darin keinen großen Nachteil für jemanden erkennen kann, der in Russland von einem mächtigen Geheimdienst geschützt wird.</p><h3>“Dürfen niemanden motivieren, gegen Gesetze zu verstoßen”</h3><p><strong>ORN: </strong>Eine rote Linie, die ihr in der Veröffentlichung benennt, lautet, der SPIEGEL zahlt nicht für Informationen. Dabei dürfte gerade das auf dem Schwarzmarkt für geleakte Daten verlockend sein. Was steckt dahinter?</p><p><strong>Jörg Diehl: </strong>Der SPIEGEL hat sich nach der Relotious-Affäre Standards gegeben und <a href="https://gruppe.spiegel.de/fileadmin/user_upload/Grafiken/Spiegel_Standards_Juli2021.pdf">veröffentlicht</a>. Eine Regel lautet: &quot;Der SPIEGEL zahlt grundsätzlich keine Informationshonorare. Ausnahmen müssen von Chefredaktion und Geschäftsführung genehmigt werden.&quot; In unserer Arbeit legen wir das streng aus. Ansonsten geriete man schnell in einen Bereich, der strafrechtlich relevant sein könnte. Als Journalisten dürfen wir niemanden motivieren, gegen Gesetze zu verstoßen.</p><p><strong>ORN: </strong>In eurem Text beschreibt ihr, welche Mordpläne Jan Marsalek gegen den SPIEGEL-Mitarbeiter Christo Grovez schmiedete. Wie gefährlich ist die Recherche für das Team?</p><p><strong>Jörg Diehl: </strong>Es gibt wenige Recherchen, die so gefährlich sind wie die meiner Kollegen Christo Grozev und Roman Dobrokhotov, die sich seit Jahren mit dem russischen Regime befassen. Man sollte sich bewusst sein, mit wem man sich anlegt und wie man sich schützen kann. Christo Grozev hat öffentlich beschrieben, dass er seinen Wohnort fluchtartig verlassen musste. Wir wissen bislang nicht, inwiefern auch andere Kollegen von Jan Marsaleks brutalen Fantasien betroffen sind.</p><p><strong>ORN: </strong>Welche Folgen hatte die Recherche?</p><p><strong>Jörg Diehl: </strong>Ich kann aktuell nur vermuten, dass die Recherche für Marsalek eine hochnotpeinliche Sache sein muss. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen haben ihm Journalisten in Moskau über die Schulter geschaut. In der Welt der Geheimdienste ist das eine bittere Niederlage. Man fragt sich, welchen Wert er für die russischen Behörden noch hat und wie lange sie bereit sind, ihn zu schützen. Es ist wahrscheinlich, dass er sich einen neuen Namen und eine neue Handynummer zulegt. Aber das heißt nicht, dass wir ihn nicht wieder finden werden.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Das war’s für diese Ausgabe. 💫 Wenn du mir <a href="https://mastodon.social/@sebmeineck">auf Mastodon</a> oder <a href="https://bsky.app/profile/sebmeineck.bsky.social">Bluesky</a> folgst, liest du regelmäßig Neuigkeiten rund um Netzpolitik, Databroker und digitale Gewalt.</p><p>Vor der Online-Veröffentlichung erscheint dieser Newsletter zuerst gedruckt und teils gekürzt im <a href="https://www.mediummagazin.de/">Medium Magazin</a>. Für deinen Recherche-Alltag habe ich ein <a href="http://ornarchiv.wordpress.com/">verschlagwortetes Online-Archiv aller Beiträge</a> zusammengestellt und eine <a href="https://start.me/p/m65arv/osint-research-tools">Linkliste mit noch mehr Tools</a>.</p><p>Danke fürs Lesen, viel Erfolg bei der Recherche und bis zum nächsten Mal!</p><p><em>Sebastian</em></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 01 Feb 2026 11:06:04 +0000</pubDate>
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    <item>
      <title><![CDATA[ORN #56 Undercover-Recherche im Vergewaltiger-Netzwerk]]></title>
      <description><![CDATA[... und drei Tools für den Schreib-Turbo]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>#56 Undercover im Vergewaltiger-Netzwerk</h1><p>Frohes neues Jahr und willkommen zur 56. Ausgabe des Online-Recherche Newsletters!</p><p>Im Werkstatt-Interview gibt es das Making-of der Recherche, für die Isabell Beer und Isabel Ströh jüngst als “<a href="https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama/aktuell/isabell-beer-und-isabel-stroehjournalistinnen-des-jahres,journalistinnendesjahres-100.html">Journalistinnen des Jahres</a>” ausgezeichnet wurden. Mehrere Jahre lang haben sie für das NDR-Format STRG_F im Internet unter Männern recherchiert, die Frauen gezielt betäuben und vergewaltigen. Was können, was müssen Journalist*innen tun, wenn sie Pläne für solche Taten beobachten?</p><p>Die Werkzeug-Tipps handeln von Tätigkeiten, für die im Schreibtisch-Alltag erstaunlich viele Minuten draufgehen: Lange scrollen, durch Tabs blättern, Textstellen suchen. Vermeiden lässt sich das nicht – aber beschleunigen. Seit ich drei Werkzeuge nutze, denke ich häufiger: Huch, schon fertig?!</p><hr aria-hidden="true"/><h3>PDF Skim: Lange PDFs zügig querlesen</h3><p><br/>🔑 <strong>Wofür braucht man das?</strong> Dieser PDF-Reader wurde gezielt für Menschen entwickelt, die sich in kurzer Zeit durch lange Dokumente wühlen müssen. Dank <a href="https://skim-app.sourceforge.io/">PDF Skim</a> fühle ich mich von längeren PDFs seltener überfordert. Genervtes Herumscrollen ohne Orientierung entfällt. Auch ein PDF mit Dutzenden oder Hunderten Seiten lässt sich schnell in eine gut verdauliche Form bringen.</p><p>⚙️ <strong>Wie funktioniert das?</strong> Links bietet eine klickbare Inhaltsangabe Zugang zu allen Kapiteln. Beim Lesen lassen sich spannende Stellen mit einem Textmarker hervorheben – und diese Passagen erscheinen dann rechts in einer übersichtlichen Leiste. Dort lassen sich die markierten Passagen per Mausklick nochmal aufrufen oder auch gezielt nach Stichworten durchsuchen. Per Copypaste kann man sie sogar in die Zwischenablage kopieren und dann in ein Textdokument kippen. Fertig ist die individuelle Zusammenfassung, und das ganz ohne KI.</p><p>📌 <strong>Was muss man beachten? </strong>Leider gibt es PDF Skim nur für MacOS. Eine Alternative für Windows oder Linux ist das ebenso kostenlose Okular (<a href="http://okular.kde.org/">okular.kde.org</a>). Auch dort gibt es übersichtliche Inhaltsangaben sowie Markierungen und Notizen.</p><hr aria-hidden="true"/><h3>Outlines: Übersicht bei der Schreibarbeit</h3><p><br/>🔑 <strong>Wofür braucht man das?</strong> Outlines machen die Recherche- und Schreibarbeit schneller. Eine Outline ist ein interaktives Inhaltsverzeichnis in der Seitenleiste eines Dokuments. Mit einem Klick auf eine Überschrift springt man sofort zur passenden Stelle. Seit einer Weile kippe ich alles, was ich für einen Artikel brauche, in ein einziges Dokument: Gesprächsnotizen, Presseanfragen, To-dos, Recherchefunde, Links – sogar das Manuskript selbst. Alles bekommt Überschriften und Unterüberschriften. So muss ich nicht mehr in Dateien und E-Mails wühlen und Programmfenster herumschieben. Was ich brauche, ist nur einen Mausklick entfernt.</p><p>⚙️ <strong>Wie funktioniert das? </strong>Viele Textprogramme haben eine Outline-Funktion. Bei Google Docs und Cryptpad ist es ein Listen-Icon oben links unter der Menüleiste. Bei Obisidian ist das gleiche Icon oben rechts zu finden. Bei meinem liebsten Text-Editor Sublime Text lässt sich die Outline als <a href="https://packagecontrol.io/packages/Outline">separates Paket</a> installieren.</p><p>📌 <strong>Was muss man beachten?</strong> Auch eine Outline kann unübersichtlich werden. Hier hilft die Hierarchie aus über- und untergeordneten Überschriften. Letztere erscheinen eingerückt in der Outline.</p><hr aria-hidden="true"/><p>🐿️ Noch nicht abonniert? Lass dir regelmäßig eine Dosis Recherche-Skills schicken und trage dich <a href="https://steady.page/de/recherche-newsletter/about">jetzt hier ein</a>.</p><hr aria-hidden="true"/><h3>Export Tabs: Schafft Übersicht im Tab-Dschungel<br/></h3><p>🔑 <strong>Wofür braucht man das?</strong> Schon nach wenigen Minuten Online-Recherche habe ich oftmals dutzende Tabs offen. Manche Websites will ich später noch verlinken; auf manchen nur Eckdaten checken. Doch schon der Anblick einer dicht gedrängten Tab-Leiste macht mich nervös. Wie soll man sich da zurechtfinden? Die Browser-Erweiterung &quot;<a href="https://chromewebstore.google.com/detail/export-tabs/odafagokkafdbbeojliiojjmimakacil?hl=de&amp;pli=1">Export Tabs</a>&quot; schafft Übersicht. Sie listet die offenen Browsertabs per Mausklick als übersichtlichen Text auf. Per Copypaste landet alles im Recherche-Dokument.</p><p>⚙️ <strong>Wie funktioniert das?</strong> Export Tabs ist eine Erweiterung für den Chrome-Browser. Das Icon lässt sich direkt in die Browser-Symbolleiste legen. Ein Klick darauf öffnet ein kleines Fenster mit einer Liste aller offenen Tabs. Angezeigt werden URLs und Seitentitel. Mit Strg+A und Strg+C lässt sich alles markieren und kopieren. Umgekehrt kann man auch eine Liste an URLs in das kleine Fenster pasten und als Tabs öffnen.</p><p>📌 <strong>Was muss man beachten? </strong>Browser-Erweiterungen könnten heimlich Daten an Dritte funken. Hinter &quot;Export Tabs&quot; steckt der brasilianische Entwickler Anderson Franco, der den Code öffentlich auf GitHub dokumentiert – das erhöht das Vertrauen.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Interview: Undercover in einem Netzwerk aus Vergewaltigern</h2><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d264a162-9088-4c6a-9148-420e45c31f38/uploads/images/dt4t6xf7vz/beer-stroh-portrat.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Porträt von Isabell Beer und Isabel Ströh"/><figcaption>Isabel Ströh (links), Isabell Beer (rechts) | Credit: Alex Grantl</figcaption></figure><p>Diese Recherche haben sie nur als Duo geschafft, sagen Isabell Beer und Isabel Ströh. Immer wieder hätten sie Pausen eingelegt, auch weil das Thema sehr belastend ist. Im <a href="https://www.youtube.com/watch?v=CpE0twnQVPE">Online-Netzwerk von Vergewaltigern</a> konnten die Investigativ-Journalistinnen beobachten, wie Männer konkrete Taten planen und damit das Leben von Frauen gefährden. Im Werkstatt-Interview berichten sie, welche Grenzen sie bei der Undercover-Recherche ziehen mussten – und warum sie die Polizei eingeschaltet haben.</p><p><strong>ORN: </strong>Isabell Beer und Isabel Ströh, ihr habt verdeckt unter Vergewaltigern im Netz recherchiert. Wie seid ihr ihnen auf die Spur gekommen?<br/><br/><strong>Isabell Beer:</strong> Ich hatte lange schon den Verdacht, dass auf manchen Pornoseiten Videos von echten Vergewaltigungen an bewusstlosen Frauen hochgeladen werden. Also Videos, die nicht gestellt sind, um einen Fetisch zu bedienen, sondern real. Im Jahr 2020 habe ich mir auf einer dieser Seiten ein Profil angelegt. Ich wollte mit den Usern in Kontakt kommen, um den Verdacht zu prüfen. Aber die sind sehr misstrauisch. Manche schreiben offen, sie nehmen keine Kontaktanfragen von neuen Profilen an, die nichts eigenes hochladen. Als mein Profil zwei Jahre alt war, habe ich gestellte Fotos hochgeladen, auf denen ich scheinbar betrunken auf dem Boden eingeschlafen bin. Mein Profil sollte so wirken, als wäre ich auch ein Mann mit Interesse an dem Thema, der eine bewusstlose Frau heimlich fotografiert hat.<br/><br/><strong>ORN: </strong>Und dann waren die User nicht mehr misstrauisch?<br/><br/><strong>Isabell Beer:</strong> Ja, manche haben mein Profil sogar direkt angeschrieben und wollten mehr über die Frau erfahren. Wir haben auch einige öffentliche Kommentare auf die Fotos erhalten, darunter Vergewaltigungsfantasien. Richtig Fahrt aufgenommen hat die Recherche dann 2023, als Isabel dazu kam und wir von einem der User in eine Telegram-Gruppe eingeladen wurden.</p><h3>“Wir haben uns strenge Regeln aufgestellt”</h3><p><strong>ORN:</strong> Was konntet ihr dort herausfinden?<br/><br/><strong>Isabel Ströh:</strong> Es gibt ein über viele Jahre gewachsenes Netzwerk aus Nutzern, das sich auf Pornoseiten und in Telegram-Gruppen gebildet hat. Die Nutzer beraten sich gegenseitig, wie sie Frauen betäuben können, im bewusstlosen Zustand vergewaltigen und das Videomaterial teilen. Wir konnten beobachten, wie Nutzer zum Beispiel im Chat ein Video ihrer offenbar bewusstlosen Frau teilen und fragen, was sie jetzt machen sollen. Andere haben daraufhin Anweisungen geschickt. Über die Jahre konnten wir eine starke Vernetzung und Professionalisierung der Nutzer beobachten. Es geht um konkrete Medikamente und Dosierungen, und darum, in welchen Online-Shops man Betäubungsmittel kaufen kann.<br/><br/><strong>Isabell Beer: </strong>Wir haben uns von einem Toxikologen bestätigen lassen, dass die Medikamente und Dosierungen tatsächlich funktionieren. In einigen Fällen haben die User auch Namen der gefilmten Frauen und der Täter genannt. Manche dieser Namen fanden wir tatsächlich in Presseberichten über Vergewaltigungsfälle wieder. Selbst Jahre später verbreiten User diese Aufnahmen und verfolgen, was die Frauen heute machen, zum Beispiel auf Social Media.<br/><br/><strong>ORN: </strong>Das ist ein tiefer Abgrund. Wie seid ihr vorgegangen, um euch bei der Recherche nicht zu verlieren?<br/><br/><strong>Isabel Ströh: </strong>Wir haben uns strenge Regeln aufgestellt und bei jedem Schritt abgewogen, ob er wirklich notwendig ist. Wir mussten sicherstellen, dass wir niemanden zu Taten motivieren und keine Aussagen provozieren, sondern möglichst passiv bleiben. Wir haben den Usern vor allem Fragen gestellt wie: &quot;Weiß deine Frau davon?&quot;. Welche Schritte wir gehen, haben wir im Team diskutiert. Für manche User waren wir deshalb zu uninteressant. Sie haben den Kontakt abgebrochen. <br/><br/><strong>Isabell Beer: </strong>Wir haben uns außerdem nur auf klare Fälle konzentriert, also auf User, die offen sagen, dass sie Frauen heimlich betäuben und vergewaltigen. Wenn ein User behauptet hat, die Frau wisse davon und sei einverstanden, war das ein Ausschlusskriterium. Wir haben die Profile, Chats, Videos und Fotos mit Screenshots und Screencaptures dokumentiert und Tabellen darüber geführt, die Bildschirmaufnahmen klar benannt und knapp zusammengefasst, was man darin sieht, um bei der langen Recherche den Überblick zu behalten.</p><h3>“Nicht vertretbar, nur zu beobachten”</h3><p><strong>ORN:</strong> Im Lauf der Recherche habt ihr auch die Polizei alarmiert. Für viele Redaktionen ist das eine rote Linie. Wie kam es dazu?<br/><br/><strong>Isabell Beer: </strong>Wir haben die Entscheidung im Team und mit unserer Rechtsabteilung gefällt. Es geht hier um schwere Sexualstraftaten unter Betäubung, die lebensgefährlich für die Frauen sein können. Hier war uns klar: Es ist nicht vertretbar, nur zu beobachten. <br/><br/><strong> ORN: </strong>Es war also eine moralische Entscheidung?<br/><br/><strong>Isabell Beer: </strong>Nicht nur. Wir mussten annehmen, dass manche Frauen in Lebensgefahr gebracht werden durch die starken K.o.-Mittel, die ihnen von einem Laien verabreicht werden. Abgesehen von dem moralischen Aspekt könnte man das auch als unterlassene Hilfeleistung werten. Fachleute haben uns davon abgeraten, die Frauen selbst zu warnen, weil wir sie damit in noch größere Gefahr bringen könnten und eine unkontrollierbare Situation schaffen. Das können wir als Journalistinnen nicht leisten. Wir als Journalisten arbeiten aber auch nicht mit der Polizei zusammen – und das haben wir hier auch nicht getan. Wir haben uns per Presseanfrage an die Polizei gewandt und konkrete Fälle geschildert. Dann muss die Polizei von Amts wegen ermitteln.<br/><br/><strong>Isabel Ströh:</strong> Dadurch, dass wir die Polizei informiert hatten, konnten wir auch ihre Reaktion nachvollziehen. Etwa, dass unsere Hinweise in einem Fall über ein Jahr nicht bearbeitet wurden – bis wir nachgefragt haben. Deshalb gibt es in unseren Filmen auch starke Kritik an Ermittlungsbehörden.</p><h3>“Behörden halten sich bedeckt”</h3><p><strong>ORN: </strong>Was wurde aus den angezeigten Fällen?<br/><br/><strong>Isabel Ströh: </strong>In einzelnen Fällen kam es zu Ermittlungen und auch Festnahmen. Eine betroffene Frau aus Niedersachsen war sogar bereit, ihre Geschichte zu teilen. Unsere Hinweise an die Polizei waren Auslöser für die Ermittlungen gegen ihren Mann. Sie hatte erst durch eine Hausdurchsuchung erfahren, was ihr Mann ihr angetan hatte. Wir haben sie im Video Marlene genannt.<br/><br/><strong>ORN: </strong>Im Video sagt Marlene: Irgendwann hätte ihr Mann sie getötet.<br/><br/><strong>Isabell Beer:</strong> Das Interview war ein wichtiger Moment für die Recherche. Uns war klar: Wenn wir die Polizei einschalten, werden das nicht alle gut finden. Gerade unter Journalisten wird das nicht jeder verstehen. Aber wir hatten diese Entscheidung getroffen. Und dann sitzen wir dieser Frau gegenüber. Ich würde diese Entscheidung wieder so treffen.<br/><br/><strong>ORN: </strong>In eurem Video macht ihr vieles unkenntlich. Aber ihr zitiert im Wortlaut schwer erträgliche Gewaltfantasien und benennt eine konkrete Website. Wieso?<br/><br/><strong>Isabell Beer: </strong>Wir haben lange im Team abgewogen, was wir zeigen, und was nicht. Wie viel muss man darstellen, damit Menschen verstehen, worum es geht? Die konkrete Website und auch Telegram haben wir benannt, um den Fokus auf deren Verantwortung zu rücken. Es gibt ein öffentliches Interesse, diesen Missstand aufzuzeigen. Dazu gehört für uns, die Website zu nennen.<br/><strong><br/>ORN: </strong>Hatte die Recherche weitere Folgen?<br/><br/><strong>Isabel Ströh:</strong> Die Veröffentlichungen haben viel Aufmerksamkeit erzeugt, auch in internationalen Nachrichtenmedien. Auf Instagram und TikTok habe viele Frauen das Thema aufgegriffen. Das BKA hat eine Infoseite veröffentlicht, &quot;Sexualstraftaten an sedierten Frauen&quot;, allerdings ohne Pressemitteilung. Ich bin mir nicht sicher, wie viele Menschen von dieser Seite überhaupt erfahren haben. Wir hätten gerne gewusst, wie die Polizei gegen das Netzwerk an sich vorgeht. Aber die Behörden halten sich da sehr bedeckt.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Das war’s für diese Ausgabe. 💫 Wenn du mir <a href="https://mastodon.social/@sebmeineck">auf Mastodon</a> oder <a href="https://bsky.app/profile/sebmeineck.bsky.social">Bluesky</a> folgst, liest du regelmäßig Neuigkeiten rund um Netzpolitik, Databroker und digitale Gewalt.</p><p>Vor der Online-Veröffentlichung erscheint dieser Newsletter zuerst gedruckt und teils gekürzt im <a href="https://www.mediummagazin.de/">Medium Magazin</a>. Für deinen Recherche-Alltag habe ich ein <a href="http://ornarchiv.wordpress.com/">verschlagwortetes Online-Archiv aller Beiträge</a> zusammengestellt und eine <a href="https://start.me/p/m65arv/osint-research-tools">Linkliste mit noch mehr Tools</a>.</p><p>Danke fürs Lesen, viel Erfolg bei der Recherche und bis zum nächsten Mal!</p><p><em>Sebastian</em></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 04 Jan 2026 10:02:16 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[ORN #55 Tippfehler finden wie ein Boss]]></title>
      <description><![CDATA[... und wie sich die Wikipedia mit Hilfe von ChatGPT factchecken lässt (hat mich auch überrascht).]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Hey, willkommen zur 55. Ausgabe des Online-Recherche Newsletters! Und zur ersten, die über Steady verschickt wird. Ciao, <a href="https://www.patreon.com/posts/substack-sent-135263203">Substack</a>.</p><p>Ich hoffe, dieser Newsletter hat keine Tippfehler, denn dieses Mal geht es ums Fehlersuchen. Zuerst stelle ich drei simple Werkzeuge vor, die Patzer auf ein Minimum reduzieren.</p><p>Im Werkstatt-Interview geht es dann um eine Recherche der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Die Kolleg*innen haben (inhaltliche) Fehler in der Wikipedia gesucht – mit einer innovativen Methode.</p><hr aria-hidden="true"/><h3>Keine Umwege: Rechtschreibprüfung direkt im Browser<br/></h3><p>🔑 <strong>Wofür braucht man das?</strong> Eine Weile lang habe ich meine Texte hin und her kopiert: Rechtschreibprüfung in LibreOffice; Veröffentlichung via WordPress im Browser. Das war nicht nur unnötig – gerade bei Änderungen in letzter Minute haben sich oftmals noch Tippfehler eingeschlichen. Dabei lässt sich die Rechtschreibprüfung auch direkt im Browser machen.</p><p>⚙️ <strong>Wie funktioniert das?</strong> Die Funktion muss man händisch aktivieren. Bei Firefox geht das unter Menüleiste &gt; Burger-Symbol &gt; Einstellungen &gt; Allgemein &gt; Sprache &gt; &quot;Rechtschreibung während der Eingabe überprüfen&quot;. Danach muss man einmalig ein Wörterbuch für die gewünschte Sprache hinzufügen: Rechtsklick auf ein beliebiges Textfeld einer Website &gt; Sprachen &gt; Wörterbuch hinzufügen. Bei Chrome geht es etwas schneller: Menüleiste &gt; Drei-Punkte-Symbol &gt; Einstellungen &gt; Sprachen &gt; &quot;Bei der Eingabe von Text auf Webseiten nach Tippfehlern suchen&quot;.</p><p>📌 <strong>Was muss man beachten?</strong> Häufig markieren die Programme Namen und Fachbegriffe als Fehler. Sie lassen sich per Rechtsklick dem eigenen Wörterbuch hinzufügen. Google bietet im Einstellungsmenü auch eine erweiterte Rechtschreibprüfung an; dabei werden die Texte allerdings an Google-Server geschickt.</p><hr aria-hidden="true"/><h3>Kann auch Kommas: Premium-Prüfung mit dem Duden-Mentor</h3><p>🔑 <strong>Wofür braucht man das?</strong> Unter der Marke Duden vertreibt der Cornelsen-Verlag nicht nur das bekannte Wörterbuch, sondern auch eine <a href="https://www.duden.de/schreibassistent">Rechtschreibprüfung</a>. Besonders bei Kommasetzung hebt sich der &quot;Duden-Mentor&quot; von anderen Programmen ab. Seit ich den Mentor nutze, merke ich, wie ich gerade bei Schachtelsätzen wie diesem hier, jahrelang Komma-Fehler gemacht habe.</p><p>⚙️ <strong>Wie funktioniert das?</strong> Die Duden-Mentor läuft direkt im Browser. Die Gratis-Version ist aber auf 500 Zeichen begrenzt. Das bringt nur dann etwas, wenn man bei einem schwierigen Satz gezielt Rat sucht. Um bequem ganze Texte zu prüfen, braucht es die Premium-Version ab 7,95 Euro im Monat.</p><p>📌 <strong>Was muss man beachten?</strong> Auf Wunsch kann der Duden-Mentor auch zu lange Sätze und Wortwiederholungen ankreiden. Ein paar Funktionen des Programms überzeugen mich allerdings weniger. So kann der Mentor per Browser-Erweiterung auch Texte direkt im Browser prüfen, verlangt dafür aber Zugriff auf alle Website-Inhalte – das ist mir zu invasiv. Mit einem optionalen &quot;KI-Assistenten&quot; greift der Mentor selbst in den Text ein und bietet Formulierungshilfen; das geht mir zu weit.</p><hr aria-hidden="true"/><p>🐿️ Noch nicht abonniert? Lass dir regelmäßig eine Dosis Recherche-Skills schicken und trage dich <a href="https://steady.page/de/recherche-newsletter/about">jetzt hier ein</a>.</p><hr aria-hidden="true"/><h3>Wörter verstehen: Kontext-Recherche mit DWDS-Account</h3><p>🔑 <strong>Wofür braucht man das?</strong> Manchmal hängt es nicht an der Schreibweise, sondern an der Wortwahl. Gerade bei Begriffen, die sehr neu- oder sehr altmodisch sind. In welchem Kontext sagt man noch mal &quot;Bärendienst&quot; – oder &quot;Rizz&quot;? Hier hilft das &quot;Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache&quot; (<a href="https://www.dwds.de/">DWDS</a>) mit seinen Textkorpora. Alte, neue oder einfach nur seltene Begriffe lassen sich damit direkt im Kontext studieren.</p><p>⚙️ <strong>Wie funktioniert das? </strong>Hinter dem DWDS steckt die von Bund und Ländern geförderte Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Mit dem Projekt wollen die Forschenden den deutschen Wortschatz online zugänglich machen. Dafür erfassen und katalogisieren sie systematisch Texte – von historischem Schriften aus dem 16. Jahrhundert bis hin zur Jugendsprache aus Online-Magazinen.</p><p>📌 <strong>Was muss man beachten?</strong> Einige Inhalte des DWDS lassen sich erst nach einem Log-in nutzen; der Account ist jedoch kostenlos. Gerade für neumodische Wörter ist der Korpus &quot;Webmonitor&quot; nützlich. Das Portal eignet sich auch für Recherchen zur Geschichte von Begriffen.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Interview: Auf Fehlersuche in der Wikipedia</h2><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/460aa31c-1f70-42f4-965a-46cfb9454f05/uploads/images/r46un7zp72/patrick-bernau_credit_ChristinaGruber.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Porträt von Patrick Bernau"/><figcaption>Patrick Bernau | Credit: Christina Gruber</figcaption></figure><p>Sprachmodelle wie ChatGPT sind für sogenannte Halluzinationen bekannt. Immer wieder generieren sie Texte mit falschen Behauptungen. Trotzdem können sie bei der Suche nach Auffälligkeiten in großen Textmengen helfen, wie die Recherche von Patrick Bernau zeigt. Er leitet das FAS.-Ressort Wirtschaft und Wert und berichtet im Interview, wie er für seine <a href="https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wikipedia-ist-nicht-mehr-aktuell-und-hat-viele-fehler-110575350.html">Fehlersuche in der Wikipedia</a> die Fähigkeiten von Mensch und Maschine kombiniert hat.</p><p><strong>ORN: </strong>Patrick Bernau, wie viel Quatsch steht in der Wikipedia?</p><p><strong>Patrick:</strong> Mindestens jeder dritte Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia hat ein Problem. Das Wort &quot;mindestens&quot; ist wichtig, weil wir für die Recherche nur ein Mindestmaß ermittelt haben. Genauer gesagt hatten bei unserer Stichprobe mindestens 20 Prozent der Wikipedia-Artikel veraltete Informationen und mindestens 20 Prozent Informationen, die nie gestimmt haben.</p><p><strong>ORN: </strong>Fehlersuche in der Wikipedia ist ein zeitloses Thema. Wieso habt ihr das jetzt gemacht?</p><p><strong>Patrick: </strong>Weil wir dafür jetzt erstmals Sprachmodelle einsetzen konnten. Ohne KI würde für eine solche Recherche eine ganze Universität aus Fachleuten nicht ausreichen. Du bräuchtest zum Beispiel Menschen, die sich mit Primzahlen auskennen, mit estnischen Fußballspielern und mit Gemeindegebietsreformen in China. Mit Sprachmodellen konnten wir eine große Stichprobe an Artikeln nach Auffälligkeiten untersuchen.</p><p><strong>ORN:</strong> Wie bist du auf die Methode gekommen?</p><p><strong>Patrick: </strong>Das Projekt begann als reine Prokrastination. Im Winter 2024 habe ich eigentlich abends ein Buch geschrieben. Wenn ich mal nicht weiterkam, habe ich mit KI experimentiert. Mich interessiert es schon länger, ob uns Sprachmodelle bei der Fehlersuche in der Redaktion helfen können. Die meisten Fehler passieren ja nicht im Zentrum einer Recherche, wenn man ohnehin am aufmerksamsten ist, sondern bei Nebensächlichkeiten.</p><p>Wie korrekt die Wikipedia ist, wollte ich schon länger messen. Also habe ich einfach mal Artikel in ChatGPT kopiert und die KI gefragt, ob sie Fehler findet. Das hat erstaunlich gut funktioniert. Gerade mit den damals neuen Reasoning-Modellen, die ihre Antworten länger berechnen.</p><p><strong>ORN: </strong>Wie wurde daraus eine FAS-Recherche?</p><p><strong>Patrick: </strong>Als ich gemerkt habe, dass die Methode halbwegs funktioniert, habe ich in der Redaktion und im Verlag darüber gesprochen. Es haben sich drei Kollegen aus dem Archiv gefunden, die mir geholfen haben, die vom Sprachmodell entdeckten Auffälligkeiten zu prüfen. Sonst wäre es nicht möglich gewesen, 1.000 Wikipedia-Artikel zu untersuchen.</p><blockquote><p>„Sprachmodelle bemängeln sogar korrekte Dinge“</p></blockquote><p><strong>ORN: </strong>Hast du alle Artikel händisch in ChatGPT kopiert?</p><p><strong>Patrick: </strong>Nein, dafür habe ich nach den ersten Testläufen die Programmierschnittstelle (API) von ChatGPT genutzt. Man braucht dafür ein kleines Python-Skript, aber das kann ChatGPT für einen schreiben. Du musst dafür nicht selbst programmieren können. Es genügt ein Grundverständnis für Code. Das Skript hat sich zuerst über die API von Wikipedia einen zufälligen, deutschsprachigen Artikel besorgt und ihn dann zur Prüfung an die Sprachmodelle geschickt.</p><p><strong>ORN: </strong>Welchen Prompt hast du genutzt?</p><p><strong>Patrick: </strong>Der Prompt war sinngemäß: Du bist ein gewissenhafter Lektor, bitte prüfe den Text Satz für Satz auf der Suche nach Fehlern. Ein weiterer Teil des Prompts war zu prüfen, ob noch wichtige Informationen ergänzt werden müssen. Alle Auffälligkeiten sollte das Sprachmodell in einer maschinenlesbaren JSON-Datei auflisten. Die genaue Formulierung des Prompts war aber nicht so wichtig. Bei der Suche nach Auffälligkeiten sind Sprachmodelle zu selbstsicher. Das heißt, sie finden eher zu viel und bemängeln sogar korrekte Dinge. Die Sprachmodelle haben zum Beispiel Menschen in Wikipedia-Artikeln für tot erklärt, obwohl sie noch leben. Beim Prompten habe ich nicht zu sehr dagegen gekämpft, weil die KI sowieso nur Recherche-Anregungen liefern sollte.</p><p><strong>ORN: </strong>Eignen sich Sprachmodelle nicht denkbar schlecht für solche Faktenchecks? Gerade die Wikipedia war ja selbst Trainingsmaterial, inklusive Fehler.</p><p><strong>Patrick: </strong>Der KI-Chef unseres Verlags hat mich auch zuerst überrascht angeschaut. Gerade weil wir für die Recherche mit dem sogenannten Modellwissen gearbeitet haben. Das heißt, wir haben die KI nicht gebeten, in Online-Quellen zu suchen; das hätte viel zu lange gedauert. Die KI sollte allein auf Basis ihres Trainings antworten, auch wenn sie dann fehleranfälliger ist. Funktioniert hat das trotzdem, weil der eigentliche Faktencheck von Menschen kam. Die KI sollte nur Auffälligkeiten finden. Unser Ziel war es auch nicht, alle Fehler zu entdecken, sondern ein Mindestmaß. Wir haben unsere Methodik der Wikimedia vorgelegt; es gab keine größeren Einwände.</p><p><strong>ORN: </strong>Wie lief die menschliche Prüfung ab?</p><p><strong>Patrick: </strong>Es gab etwa 5.000 Auffälligkeiten in rund 1.000 Wikipedia-Artikeln. Die haben wir in einer Tabelle abgearbeitet, das hat insgesamt etwa drei Wochen lang gedauert. Für jede Auffälligkeit galt das Vier-Augen-Prinzip. Erst wenn sich zwei Prüfer einig waren, wurde etwas als Fehler eingestuft.</p><blockquote><p>Wie soll die Wikipedia langfristig aktuell und korrekt bleiben?</p></blockquote><p><strong>ORN: </strong>Waren das eher langweilige Fehler oder auch alarmierende Desinformation?</p><p><strong>Patrick: </strong>Große Desinformation haben wir nicht gefunden, eher menschliche Fehler. Zum Beispiel gab es im Artikel über Prairie County in Arkansas zwei unterschiedliche Angaben zum Verwaltungssitz. In unserer zufälligen Stichprobe gab es nicht mal politisch brisante Artikel. Die bekanntesten handelten etwa von der Saar oder einer Harry-Potter-Verfilmung. Wir haben dann einige besonders häufig gelesene Artikel extra angeguckt. Zur Recherchezeit war zum Beispiel die iranische Atomanlage Fordo bombardiert worden. Auch im dazu gehörigen Wikipedia-Artikel gab es Fehler, aber das sah nicht nach einem Masterplan aus. Das Problem ist eher quantitativ.</p><p><strong>ORN: </strong>Was meinst du damit?</p><p><strong>Patrick: </strong>Die Wikipedia ist für viele die wichtigste Anlaufstelle, um etwas nachzuschlagen. Noch im Jahr 2005 hatte eine <a href="https://www.heise.de/news/Nature-Wikipedia-nahe-an-Encyclopaedia-Britannica-158194.html">Studie von Natur</a>e gezeigt, dass die Wikipedia nicht mehr Fehler hatte als die renommierte Encyclopaedia Britannica. Aber das war vor 20 Jahren. Es kommen immer mehr Wikipedia-Artikel hinzu, andere veralten. Das Projekt kämpft mit Autorenmangel. Gedruckte Enzyklopädien wurden verdrängt. Wie soll die Wikipedia langfristig aktuell und korrekt bleiben? Ich halte das für ein strukturelles Problem.</p><p><strong>ORN: </strong>Was ist deine Schlussfolgerung?</p><p><strong>Patrick: </strong>Die Wikipedia setzt allein auf Ehrenamtliche. Aber meiner Meinung nach braucht das Projekt langfristig bezahlte Autorinnen und Autoren. Gerade für Aufgaben, die weniger intrinsische Motivation wecken. Ich glaube, für viele Freiwillige ist es ein großer Anreiz, einen neuen Artikel über ein Thema schreiben. Das macht einfach Spaß. Andere teilen gerne ihr Wissen und schlagen Bearbeitungen vor. Aber teils muss man viele Wochen warten, bis das jemand prüft. Dann werden Ergänzungen wieder abgelehnt, der Tonfall ist oft rau. Das kann Leute abschrecken. Ich glaube, man würde schon dann viel erreichen, wenn bezahlte Autoren einfach nur ungesichtete Bearbeitungen prüfen und Feedback geben.</p><p><strong>ORN: </strong>Wie hat die Wikipedia-Community auf eure Recherche reagiert?</p><p><strong>Patrick: </strong>Wir haben eine bereinigte Version unserer Funde veröffentlicht. Die war wenige Stunden später auch auf der Wikipedia selbst zu finden. Dann haben die Wikipedia-Autoren zügig angefangen, die Liste abzuarbeiten. Es gibt auch eine Stelle, an der sie eine Quelle nachgeliefert und uns damit überzeugt haben. Wir hatten den Verlauf einer Straße in Schottland falsch eingeschätzt.</p><p><strong>ORN: </strong>Wäre das nicht ein Anlass, mal Auffälligkeiten in 1.000 FAZ-Artikeln zu suchen?</p><p><strong>Patrick: </strong>Der Vorschlag kam natürlich gleich von manchem Wikipedia-Autor. Aber wahr ist: Wir haben als zuverlässigen Fehler-Detektor schon unsere Hunderttausenden Leser. Die sagen sehr schnell Bescheid, wenn mal etwas nicht korrekt ist. Aber das kommt zum Glück selten vor.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Das war’s für diese Ausgabe. 💫 Wenn du mir <a href="https://mastodon.social/@sebmeineck">auf Mastodon</a> oder <a href="https://bsky.app/profile/sebmeineck.bsky.social">Bluesky</a> folgst, liest du regelmäßig Neuigkeiten rund um Netzpolitik, Databroker und digitale Gewalt.</p><p>Vor der Online-Veröffentlichung erscheint dieser Newsletter zuerst gedruckt und teils gekürzt im <a href="https://www.mediummagazin.de/">Medium Magazin</a>. Für deinen Recherche-Alltag habe ich ein <a href="http://ornarchiv.wordpress.com/">verschlagwortetes Online-Archiv aller Beiträge</a> zusammengestellt und eine <a href="https://start.me/p/m65arv/osint-research-tools">Linkliste mit noch mehr Tools</a>.</p><p>Danke fürs Lesen, viel Erfolg bei der Recherche und bis zum nächsten Mal 💛</p><p><em>Sebastian</em></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sat, 25 Oct 2025 08:59:07 +0000</pubDate>
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