Über Renate Aris, der die Luftangriffe auf Dresden 1945 das Leben retteten, über ihren aschfarbenen gelben Stern und die überwucherte Rampe am alten Güterbahnhof

Motorenlärm über den Dächern, am Himmel ein Schatten. Es fallen Schüsse, und sie rennt. Rennt hinter den anderen Kindern her, die sich in einen Hauseingang flüchten: erschrocken, panisch. Mit klopfendem Herzen steht sie da und lauscht auf das, was draußen vor sich geht.
Da tritt ein bärtiger Mann auf sie zu, sieht den gelben Stern an ihrem Mantel, packt sie am Kragen und stößt sie auf die Straße hinaus: „Dich können sie ja wohl erschießen!“
Sie schweigt einen Augenblick. Es sieht so aus, als würden die Bilder von damals noch einmal an ihr vorüberziehen. Der Lärm des Flugzeugs; die Pflastersteine, über die sie atemlos sprang. Der alte Mann mit dem Bart, den sie noch heute zeichnen könnte.
An jenem Tag war sie acht oder neun. Der Krieg näherte sich seinem Ende. Noch war Dresden keine Trümmerwüste, lagen die Toten verbrannt in den Straßen, waren die Fensterscheiben in der Heroldstraße 14 nicht zersprungen. Noch trug sie den gelben Stern, wenn sie aus dem Haus ging – was nicht oft vorkam: Die Eltern hatten es ihr verboten, ihr und ihrem ein Jahr älteren Bruder.
Es war zu gefährlich, und was sollten sie auch draußen? Zur Schule gehen durften sie nicht. Andere Kinder spielten fast nie mit ihnen. Was nicht hieß, daß sie nicht doch hin und wieder ausbüxten: heimlich, wenn die Eltern zur Arbeit gegangen waren. So wie an diesem Tag mit dem Motorenlärm, den Schüssen, dem bärtigen Mann.
„Dich können sie ja wohl erschießen!“
Sie hört noch immer, wie er es zu ihr sagt. Noch jetzt, achtzig Jahre später, hat sie seine Stimme im Ohr.
Sie atmet tief ein und wieder aus. Dann sagt sie es: so sachlich und nüchtern, als würde sie ihrem Gegenüber den Weg erklären. „Sie haben mich nicht getroffen“, sagt sie. „Deshalb sitze ich noch hier.“

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich das Gedicht „Die Letzten“ das erste Mal gelesen habe. Hans Sahl schrieb es 1973, einige Jahre vor meiner Geburt. „Wir sind die Letzten. / Fragt uns aus. / Wir sind zuständig.“ Mit diesen Versen fängt es an, und mit diesen Versen endet es.
Sahl gehört zu denen, die den nationalsozialistischen Terror überlebten: durch Zufall oder Glück oder aus anderen unbegreiflichen Gründen, gegen jede Wahrscheinlichkeit. Als Jude und Hitlergegner war er gleich in doppelter Hinsicht gefährdet. Seine Klarsicht rettete ihm das Leben: Gerade noch rechtzeitig verließ er 1933 das Land. Auf Wegen, die so steinig wie gefährlich waren, gelangte er schließlich nach New York.
„Wir sind die Letzten. / Fragt uns aus. / Wir sind zuständig.“ Als ich diese Zeilen las, wußte ich: Das ging mich etwas an. Es muß Anfang der 1990er Jahre gewesen sein, denn ich erinnere mich, daß Sahl kurz darauf starb.
Was mich damals wunderte: wie früh er sich in seinem Gedicht zu den „Letzten“ gezählt hatte. Noch waren ja viele am Leben, die von den Schrecken dieser Zeit erzählen konnten. Freilich, seine Generationserfahrung war eine andere: Geboren 1902, hatte er siebzig Jahre später die meisten seiner Gefährten überlebt.
Ich habe diese Verse nie vergessen können. Damals, ich war vierzehn oder fünfzehn, nahm ich mir vor, Sahls Aufforderung zu beherzigen und zu fragen, wo immer sich eine Gelegenheit bietet. Zu fragen, solange noch Menschen da sind, die Auskunft geben können. Zu fragen, um festzuhalten, was sonst in Vergessenheit gerät.
Daß ich Hans Sahl nicht mehr begegnet bin, bedauere ich noch heute bei jeder Seite, die ich von ihm lese. Ich bin sicher, ich hätte ihm Löcher in den Bauch gefragt.

„Ich bin die Letzte“, sagt Renate Aris, die als junges Mädchen vor dem Tiefflieger in einen Hauseingang flüchtete. „Die letzte Überlebende der jüdischen Gemeinde, die es vor dem Krieg in Dresden gab. Alle anderen wurden ermordet oder sind gestorben.“
Auch Hans Sahl kam aus Dresden; sein eigentlicher Name war Hans Salomon. Begegnet sind sie einander nicht. Als sie am 25. August 1935 geboren wurde, war er längst fort.
Renate Aris war noch ein Kind, aber alt genug, um zu sehen und zu begreifen. Um die Bedrohung zu spüren und den Terror, der immer näherrückte. Noch heute erinnert sie sich an das Entsetzen ihres Vaters am 9. November 1938, als er zur Tür hereinkam und mit blassem Gesicht sagte: „Die Synagoge brennt.“
Die Synagoge, unweit der Brühlschen Terrasse von Gottfried Semper erbaut, kannte sie gut. Wenige Monate zuvor hatte dort ihre Tante geheiratet – bevor sie mit dem letzten Schiff von Bremen nach Chile emigrierte. Die Dreijährige hatte mit ihrem Bruder Blumen gestreut und begeistert den Klängen der Orgel gelauscht.
An jenem Tag steckten SA-Männer die Synagoge in Brand und verboten der Feuerwehr, die Flammen zu löschen. Kurz darauf wurde die Ruine gesprengt. Alfred Neugebauer, ein junger Feuerwehrmann, rettete einen der beiden Davidsterne und gab ihn nach dem Krieg der jüdischen Gemeinde zurück.
Es gab sie: Menschen, die den Mut hatten, nein zu sagen, sich zu widersetzen. Die sich selbst in Gefahr brachten, um anderen zu helfen. Aber es waren viel zu wenige, wie sich Renate Aris erinnert. Manchmal warf jemand ein Brot über den Zaun. „Jedes Brot war ein Geschenk.“
Doch der mutigste Mensch war ihre Mutter.
Susanne Aris, geborene Reinfeld. Sie, die keine Jüdin war, hatte 1933 in eine alteingesessene jüdische Fabrikantenfamilie eingeheiratet. Als Kind und junge Frau lebte sie in Paris; nach ihrer Rückkehr begegnete sie Helmut Aris. Daß sie in der Zeit des Nationalsozialismus nicht zum jüdischen Glauben konvertieren konnte, rettete ihrem Mann und den beiden Kindern das Leben. Die „Mischehe“ bewahrte diese vor der Deportation – bis kurz vor Kriegsende.
„Immer wieder haben die Nazis meine Mutter aufgefordert, Mann und Kinder zu verlassen. Dann geschehe ihr nichts. Sie hat es nicht getan.“
Die Folgen bekam sie an allen Ecken und Enden zu spüren. Nach Arbeit suchte sie lange Zeit vergeblich; schließlich stellte ein Gemüsehändler sie ein. Für die Familie ein Glück: Was es bei Juden auf die Lebensmittelkarte gab, reichte nie. Jeder Kohlkopf, den man ihr im Laden zusteckte, linderte die Not.
„Heute weiß ich das: Unsere Mutter hat auf vieles verzichtet, damit wir Kinder genug hatten. Letztlich ist sie daran auch gestorben – schon 1952. Die Ärzte sagten, das habe mit den Entbehrungen im Krieg zu tun. Sie war ja erst 41.“

Es war nicht nur der Hunger. Es waren die Verbote, die immerwährende Bedrohung, die lähmende Angst und Hoffnungslosigkeit. „Höllenzeit“, notierte Victor Klemperer (Opens in a new window) kurz nach den Novemberpogromen in seinem Tagebuch – und ahnte schon, daß der Terror gegen die Juden noch anschwellen und unvorstellbare Ausmaße annehmen würde.
Unvorstellbar auch für Helmut Aris, wie sich seine Tochter erinnert: „Er war ein kluger Mann und hatte eine enorme Kenntnis der jüdischen Geschichte. Er war der Ansicht: Juden wurden zu allen Zeiten verfolgt, es wird schon nicht so schlimm werden.“ Sie stockt, bevor sie weiterspricht: „Es wurde schlimmer, als jeder gedacht hatte.“
Vor allem das Jahr 1941 blieb ihr im Gedächtnis. In diesem Jahr wäre sie in die Schule gekommen. Statt dessen brachte es den gelben Stern.
Von da an folgte ein Verbot auf das nächste. „Juden Zutritt verboten!“ stand auf einem Schild auf der Treppe zur Brühlschen Terrasse. Juden durften keinen Park mehr betreten, kein Kino, keine Bücherei. Sie durften die Stadt nicht verlassen, nicht mehr die Straßenbahn benutzen; Fahrräder mußten abgeliefert werden. Sie durften keine Zeitschriften kaufen – ja nicht einmal Blumen. Auch Haustiere durften sie nicht haben.
„Wir Kinder hatten jeder ein kleines Kaninchen geschenkt bekommen. Dazu einen Stall, den wir im Garten aufgestellt haben. Eines Tages kamen zwei Männer, wir mußten die Kaninchen holen. Sie haben sie erschlagen: vor unseren Augen.“
Wie hält man das aus? Wie hält ein Kind das aus?
Renate Aris holt tief Luft. „Wir hatten keine Kindheit“, sagt sie. „Das Wort unbeschwert gab es nicht. Wir sind mit Verboten aufgewachsen: Das darfst du nicht, das haben wir nicht, das können wir nicht. Das war der Alltag. Möglichst nicht auffallen, nicht auf die Straße gehen.“
Draußen lauerte die Gefahr. Der Hitlerjunge, der sie nach ihrem Namen fragte und statt Aris „arisch“ verstand. Der bärtige Mann, der sie am Mantelkragen packte und auf die Straße stieß: „Dich können sie ja wohl erschießen!“
Nicht, daß man sich zu Hause sicher fühlen konnte. Aber ein Stück Geborgenheit war es doch – trotz der täglichen Polizeikontrollen. Glück im Unglück hieß: nicht in ein „Judenhaus“ ziehen zu müssen, sondern auf engstem Raum bei der „arischen“ Großmutter wohnen zu können. Die anderen Hausparteien hatten ihre Einwilligung geben müssen, und an der Wohnungstür war ein großer Stern anzubringen.
„Nein, wir waren keine Kinder mehr. Auch wenn sich die Eltern bemüht haben, uns mit ihren Sorgen nicht zu belasten. Aber wir sahen ja ihre Not. Wenn sie vor uns Französisch sprachen, war uns klar, daß sie über etwas sprachen, was wir nicht wissen sollten.“
Anderes teilte sich ohne Worte mit: „Wir haben gemerkt, plötzlich kam niemand mehr. Die Besucher blieben aus, die ganze Verwandtschaft; mein Vater hatte ja eine große Familie. Wo ist denn die Oma? haben wir gefragt. Wo sind Onkel und Tante? Da hieß es nur: Die sind verreist.“
Am 21. Januar 1942 wurde ihre Großmutter Recha Aris, die Mutter ihres Vaters, deportiert. Es war der erste Transport, der vom Güterbahnhof Dresden-Neustadt, auch Alter Leipziger Bahnhof genannt, abging. Nach viertägiger Fahrt erreichte der Zug mit 785 Menschen Riga.
Manfred Ogrodek, einer der wenigen Überlebenden dieses Transports, hat in einem erschütternden Bericht geschildert, was er als Elfjähriger empfand: „Wir wußten gar nicht, wohin wir verfrachtet würden. Damals waren wir noch der guten Hoffnung, daß man uns irgendwo ansiedelt, aber nein, ausrotten wollte man uns. Das war Deutschland.“
Recha Aris wurde 1942 in Riga erschossen. Auch ihre sieben Geschwister und deren Angehörige wurden deportiert. Zwanzig Familienmitglieder ermordete die SS in verschiedenen Lagern, andere sind verschollen. Nur ihr Zwillingsbruder und ein 14 Jahre altes Mädchen kehrten zurück.

Der Stern, den Renate Aris damals fest vernäht am Mantel trug, liegt jetzt vor ihr auf dem Tisch. Ein dünnes Stück Stoff: einst leuchtend gelb, jetzt aschfarben – als wäre es getränkt vom Grauen jener Jahre.
Die Aufschrift „Jude“ in „hebräisierenden Buchstaben“, wie es in Victor Klemperers Tagebuch heißt, „handtellergroß, gegen 10 Pf uns gestern ausgefolgt“. Als wäre das Tragen des Sterns nicht schon entwürdigend genug, mußte er auch noch bezahlt werden.
Klemperer, der gemeinsam mit ihrem Vater in der Heilkräuter- und Teefabrik Willy Schlüter Zwangsarbeit leistete: Am 22. Juni 1943 notiert er, daß Helmut Aris seine beiden Kinder selber unterrichte, damit sie „nachher“ gleich auf eine höhere Schule gehen könnten. Er schreibt: „Eine ungeheure Schmach ist das Schulverbot. Die Juden sollen eben in Analphabetismus absinken. Es wird den Nazis aber nicht gelingen.“
Noch bis Oktober 1945 mußten die Kinder auf ihren ersten Schultag warten. Als es endlich soweit war, war Renate Aris zehn Jahre alt. Zusammen mit ihrem Bruder Heinz-Joachim kam sie gleich in die vierte Klasse.
Ihr Vater hielt sie an, fleißig zu sein, aber das war gar nicht nötig. „Es war so wunderbar zu lernen“, erinnert sie sich heute. „Wenn die anderen bedauerten, daß die Ferien zu Ende gingen, haben wir gesagt: Gott sei Dank! Wir hätten gar keine gebraucht.“
Mit jeder Rechenaufgabe und jedem Schulaufsatz ließen sie die Schreckensjahre hinter sich. Das Eingeschlossensein und die Verbote, das Alleinsein, die Angst.
Renate Aris nimmt das kleine Stück Stoff und heftet es zusammen mit einem zweiten, unbenutzten Stern an die graue Kennkarte mit dem großen J und dem erzwungenen zweiten Vornamen Sara. Das Paßfoto zeigt ein lachendes Mädchen.
„Was fühlen Sie“, frage ich, „wenn Sie diesen Stern sehen?“
Sie zuckt mit den Schultern.
„Nichts. Ich fühle nichts.“

Drei Jahre, vier Monate und 28 Tage trug Renate Aris den gelben Stern. 1246 Tage. Bis zum Abend des 15. Februar 1945, als die Mutter ihn vom Mantel riß und ihr damit das Leben rettete.
Zwei Nächte zuvor hatten sie im Keller ihres Hauses in der Heroldstraße gezittert und gebangt. Es war die Nacht, in der Dresden brannte. Das Feuer, entfacht von britischen und amerikanischen Bomben, verwandelte die Innenstadt in ein Flammenmeer.
„In Briesnitz ist ja nichts passiert. Ein paar Fenster sind durch den Luftdruck zu Bruch gegangen. Das war alles. Und trotzdem ... als die Bomben fielen, da haben Sie gedacht: Das Haus fällt über Ihnen zusammen.“
Und noch ein Anblick hat sich der Neunjährigen eingeprägt: „Eine alte Dame im Keller: mit einem Metallgefäß auf dem Kopf. Als könnte dieser kleine Topf sie schützen.“
Als es zu Ende war, leuchtete der Himmel blutrot über dem Elbtal. Aber für die letzten Dresdner Juden war die Gefahr nicht vorüber.
In der folgenden Nacht erzählte ihr Vater der Mutter, was ihm die ganze Zeit auf der Seele lag: Am 13. Februar hatte er den Deportationsbefehl für sich und die beiden Kinder erhalten. Drei Tage darauf sollten sie sich auf dem Zeughausplatz einfinden – dort, wo bis 1938 die Synagoge gestanden hatte.
Die Antwort ihrer Mutter: „Ich lasse meine Kinder nicht in den Tod gehen. Ich fliehe mit ihnen.“
Mit Tränen in den Augen machte sich Susanne Aris zu Fuß auf den Weg in die Stadt. Ihre Verzweiflung muß unermeßlich gewesen sein. Später hat sie erzählt, wie sie auf der Suche nach Hilfe eine fürchterliche Entdeckung machte: Die Freundin, die sie hatte aufsuchen wollen, lag mit ihren zwei Kindern von Trümmern erschlagen vor ihrem brennenden Haus.
In diesem Augenblick begriff sie, wie die Flucht gelingen konnte.
Sie eilte nach Hause, packte die Rucksäcke der Kinder und schärfte ihnen ein, wie sie ab jetzt heißen sollten. „Eure Namen gibt es nicht mehr.“ Mit etwas Glück würden die Namen der Toten ihnen helfen, der Gestapo zu entkommen.
„Sie hat uns den Stern abgerissen, wir haben uns verabschiedet und sind losgegangen.“ Ihr Vater mußte bleiben, um noch anderen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde den Deportationsbefehl zu überbringen. Danach wollte er versuchen, sich unter die französischen Zwangsarbeiter zu mischen, mit denen er in einer Abrißfirma schuftete. Sein Französisch war so gut, daß er es wagen konnte, sich als Franzose auszugeben.
Durch die Stadt zu kommen, war kaum möglich. Überall brannte es, jeder Schritt war gefährlich. „Es konnte ja hier ein Haus einstürzen, da ein Haus einstürzen. Wir mußten über Leichen drübersteigen. Die lagen auf den Straßen, völlig verbrannte Körper. Ach, ich habe furchtbare Dinge gesehen!“
Anderthalb Tage irrten sie durch Dresden. Dann, unverhofft: die Rettung. Als die Mutter auf dem Weißen Hirsch bei einem Bekannten klingelt und er sie und die Kinder sieht, begreift er sofort. Sein Haus ist voller Menschen, die ausgebombt sind und alles verloren haben. Doch er zögert nicht: „Kommt! Ich habe noch ein kleines Kämmerchen, da versteck ich euch.“
Ein früheres Ankleidezimmer, wenige Quadratmeter groß: Hier verbergen sie sich vor der Gestapo, die wie besessen nach den für die Deportation bestimmten Juden sucht. Um das Versteck zu tarnen, nagelt der Hausbesitzer Bretter in die Tür und legt ein Dutzend Winteräpfel darauf. Nur in der Nacht gehen sie hinaus, um frische Luft zu atmen.
Eines Tages sitzen sie in ihrem Versteck und hören Schritte, die näherkommen, fremde Stimmen. Ganz still sitzen sie da und lauschen auf das, was nebenan vor sich geht. Da hören sie, wie einer fragt: „Habt ihr hier Juden?“
Und was macht ihr Bekannter? Er tut so, als wüßte er gar nicht, was Juden sind. Der andere scheint sich damit zufriedenzugeben. Doch plötzlich ist seine Stimme ganz nah.
„Die Äpfel duften ja gut!“
Sie halten die Luft an. Als könnte man jenseits der Tür ihren Atem hören. Die Sekunden dehnen sich ins Unendliche.
Dann ist es vorbei. Sie hören, wie sich die Schritte entfernen und eine Tür ins Schloß fällt. Sie atmen tief ein und wieder aus. Blicken einander in die blassen Gesichter. Keiner sagt ein Wort.
Ein paar Wochen noch, dann ist der Krieg aus.

Wenige Tage nach unserer Begegnung stehe ich in der Dresdner Neustadt vor dem Alten Leipziger Bahnhof. Von hier fuhren die Züge mit den deportierten Juden aus Dresden und Ostsachsen nach Riga und Auschwitz. Am 21. Januar 1942 und am 3. März 1943. Der für den 16. Februar 1945 geplante Transport kam nicht mehr zustande, der Bahnhof war zerstört.
Heute ist das Gelände verfallen, das frühere Empfangsgebäude eine Ruine. „Wann“, „Wieviele“, „Wohin“ steht an der bröckelnden Fassade. Die Rampe, über die die Menschen in die Waggons steigen mußten, ist überwuchert von Birken und Moos. Verrostet liegen die toten Gleise im Gestrüpp.
Ein Förderverein (Opens in a new window) will den Verfall aufhalten und den alten Güterbahnhof zu einem Ort des Gedenkens, des Lernens und der Begegnung machen. Eine von denen, die sich unermüdlich dafür einsetzen, ist Renate Aris. „Daß die Nachfahren der Ermordeten und ich als Überlebende darum kämpfen müssen, zeigt doch, wie sehr die Stadt einen solchen Ort braucht.“
An diesem Frühlingstag mit seinem Licht, dem frischen Grün, dem Vogelgezwitscher fällt es schwer, sich vorzustellen, was vor achtzig Jahren hier geschah. Wie die Menschen in die Waggons getrieben wurden, unter dem höhnischen Gelächter der Gestapo und der SS.
Während ich Schritt für Schritt über die einstige Rampe gehe, muß ich daran denken, was mir Renate Aris von ihrer Großmutter erzählt hat. Recha Aris, geboren 1881. Eine elegante Frau sei sie gewesen. „Eine Dame, wie man damals sagte. Nie hätte sie sich vor uns Kindern auch nur im Unterhemd gezeigt.“
Sie stockt, ehe sie weiterspricht.
„Man muß sich das einmal vorstellen: Sie kommt mit diesem Transport nach Riga. Kriegt die Haare geschoren. Muß sich nackt ausziehen, vor diesen jungen Soldaten, die ihre Enkel sein könnten. Muß sich umdrehen und wird erschossen.“
Ich stehe da und schaue. Schaue auf den grauen Schotter, die abgetretenen Pflastersteine, das Gras, das über alles wächst. Und höre die Stimme von Renate Aris, die jenen Satz sagt, der mir seit Tagen nicht aus dem Kopf geht:
„Jedesmal, wenn ich dort bin, denke ich: Über diese Rampe wärst du auch gegangen.“

Wenn diese Geschichte Sie berührt hat, bitte ich Sie herzlich, meine Arbeit gegen das Vergessen mit einer Mitgliedschaft bei „Wolken und Kastanien“ zu unterstützen. Damit ich weiterhin Geschichten für Sie schreiben und die Erinnerung wachhalten kann.
Wer möchte, kann „Wolken und Kastanien“ auch per Paypal unterstützen. (Bitte schreiben Sie Ihre Mail-Adresse dazu, damit ich mich bei Ihnen persönlich bedanken kann.)
https://www.paypal.com/paypalme/renatusdeckert (Opens in a new window)Schon 2155 Leserinnen und Leser haben „Wolken und Kastanien“ abonniert. Wenn auch Sie regelmäßig meine Geschichten erhalten (Opens in a new window) möchten, tragen Sie sich gern hier ein:
Und noch ein Hinweis in eigener Sache:
Immer wieder lese ich öffentlich aus Victor Klemperers Tagebüchern 1933-1945 „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“.
Ich freue mich sehr, daß es in nächster Zeit auch in Sachsen mehrere Lesungen geben wird: am 21. Mai in Chemnitz (Opens in a new window), am 29. Mai in Thalheim (Opens in a new window) im Erzgebirge (Opens in a new window) und am 3. Juni in Freiberg (Opens in a new window).
Vielleicht haben Sie Lust und Zeit dabeizusein.