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    <title>Wolken und Kastanien</title>
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    <description>Geschichten von Renatus Deckert – frisch vom Schreibtisch</description>
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      <title>Wolken und Kastanien</title>
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      <title><![CDATA[Der braune Fleck]]></title>
      <description><![CDATA[Über grölende Studenten und SA-Uniformen im Hörsaal, über Hühnerbrühe und heroische Gefühle, den Stich einer Rouladennadel und Nietzsches schlechte Laune]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über grölende Studenten und SA-Uniformen im Hörsaal, über Hühnerbrühe und heroische Gefühle, den Stich einer Rouladennadel und Nietzsches schlechte Laune</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/44124129-53ac-4dc7-97c4-73588e44fc0b/uploads/images/ioe76omven/IMG_5122.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Als ich neulich einen Vortrag über meinen Großvater, den Dresdner Bibliothekar Helmut Deckert hielt, dachte ich daran, daß es da noch ein unveröffentliches Roman-Manuskript gibt, das vor einigen Jahren kein Verlag drucken wollte. Man erklärte mir, das Ganze sei zu historisch; gefragt seien aktuelle Themen. (Nun ja.)</em></p><p><em>Der Roman spielt in den 1930er und 1940er Jahren in Dresden. Der Schauplatz vieler Seiten ist das Japanische Palais, in dem sich damals die Sächsische Landesbibliothek befand. Erzählt wird von der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, vom Lesesaalverbot für Victor Klemperer, vom Krieg und der Bombardierung Dresdens am 13. Februar 1945.</em></p><p><em>Das folgende Kapitel setzt im Frühjahr 1933 ein, als Georg Eckmann, bevor er anfängt, in der Bibliothek in Dresden zu arbeiten, ein Studium in Leipzig aufnimmt.</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Wenn Georg später an das Jahr in Leipzig zurückdachte, kam es ihm vor, als ergieße sich eine braune Brühe in seinen Schädel. Genau so hatte er es empfunden, als er die Universität das erste Mal betrat.</p><p>Drei Monate war es her, daß Hitler die Macht übernommen hatte; hier schienen es Jahre zu sein. Er war kaum zur Tür herein, da drückte man ihm eine studentische Zeitung in die Hand, von deren Titelseite ihn eine jener Parolen anschrie, wie sie vor der letzten Reichstagswahl an jeder Litfaßsäule geklebt hatten. In der Hoffnung auf ein paar nützliche Hinweise für Studienanfänger nahm er sie trotzdem mit. Als er sie zu Hause aufschlug, staunte er nicht schlecht, mit wieviel Pathos man die deutsche Kultur beschwören konnte, ohne die deutsche Grammatik zu beherrschen.</p><p>Auf den Fluren lungerten uniformierte Kerle herum, die ihn verächtlich musterten. Im Hörsaal ließen sie sich nur blicken, um eine Vorlesung zu stören. Trat ein Professor ans Katheder, der ihnen nicht paßte, erhob sich ein Grölen, das erst endete, wenn er fluchtartig den Raum verlassen hatte. </p><p>Einmal saß Georg allein in einem Hörsaal und wartete auf die angekündigte Vorlesung. Er glaubte schon, sich in der Zeit vertan zu haben, da riß jemand die Tür auf und blaffte ihn an: „Was willst du hier? Das Judenschwein Witkowski ist entlassen!“</p><p>Bald tauchten im Vorlesungsverzeichnis etliche neue Namen auf. Nun konnte es passieren, daß nach Ablauf des akademischen Viertels, wenn alle schon gespannt auf ihren Bleistiften kauten, die Tür aufflog und sich ein Mensch mit Parteiabzeichen vor sie hinstellte. Einer kam sogar in SA-Uniform. Zuerst dachte Georg, er hätte sich im Raum geirrt, doch es handelte sich tatsächlich um die Philosophie-Vorlesung zur „Kritik der reinen Vernunft“. Von da an wurde es ihm zur Gewohnheit, ein paar Minuten zu spät zu kommen. So konnte er erst einen Blick auf den Mann hinter dem Pult werfen, bevor er den Hörsaal betrat.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/44124129-53ac-4dc7-97c4-73588e44fc0b/uploads/images/pp34s5o44c/IMG_5157.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Georgs Studium glich einer Schiffspassage durch dichten Nebel, der nur hin und wieder zerriß, um die Sicht freizugeben auf eine tiefschwarze, metallisch glänzende Wasserfläche, die sich nach allen Seiten unermeßlich ausbreitete. So sehr er sich auch anstrengte: Von einem Ufer war nichts zu sehen. Das ließ ihn an manchen Tagen fast verzweifeln. Ohne rechten Plan irrte er durch die Flure der philosophischen Fakultät, hetzte von einer Vorlesung zur nächsten und wurde doch das Gefühl nicht los, auf der Stelle zu treten.</p><p>Zwar lauschte er jedem Vortrag mit der größten Aufmerksamkeit und saß nachher noch stundenlang in der Bibliothek – angestiert von einem schlecht gelaunten Nietzsche, um dessen weißen Marmor selbst die Fliegen einen Bogen machten. Doch als das Semester zu Ende ging, kam es ihm so vor, als hielte er nur Bruchstücke in Händen. Es war ihm ein Rätsel, wie daraus irgendwann ein Ganzes werden sollte. Nicht, daß er vorgehabt hätte, ein kompliziertes Denkgebäude zu errichten. Eine bescheidene Hütte hätte ihm schon genügt. Eine Hütte, die ihn vor den kommenden Stürmen schützte und nicht gleich beim ersten Windstoß in sich zusammenfiel.</p><p>Er hatte sich in Philosophie und Germanistik eingeschrieben: mit der vagen Vorstellung, sich nach Jahren unermüdlichen Studierens an einer Doktorarbeit zu versuchen – was die Voraussetzung war, um wissenschaftlicher Bibliothekar zu werden. Doch auf dem Weg dorthin waren Hürden zu überwinden, von denen er erst jetzt erfuhr. Um überhaupt zu einer Prüfung zugelassen zu werden, mußte er regelmäßig Sport treiben, an sogenannten Kameradschaftslagern teilnehmen und sich in den Semesterferien für den Arbeitsdienst melden.</p><p>Bereits die erste Hürde erwies sich als zu hoch. Nur einmal suchte er früh um sechs den Sportplatz an der Hindenburgbrücke auf und machte mehr schlecht als recht die leichtathletischen Übungen mit. Bereits nach wenigen Metern auf der Aschenbahn begann er heftig zu keuchen, sein Herz schlug wie wild, und in seiner Brust spürte er ein Stechen wie von einer Rouladennadel. Dann wurde ihm schwarz vor Augen. Den Rest des Tages verbrachte er unter hämmernden Kopfschmerzen im Bett.</p><p>Schon vor Jahren hatte ihm sein Hausarzt in Kötzschenbroda einen Herzklappenfehler attestiert. Ob ihm das zu einer Sportbefreiung verhalf? Jede Woche nahm er sich vor, sie zu beantragen; doch weil er selbst nicht daran glaubte, zögerte er die Sache immer weiter hinaus. Es hatte ja doch keinen Sinn!</p><p>Dieser Satz, mit dem er seine Untätigkeit vor sich selbst rechtfertigte, ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Seit dem Tag, an dem er mit kreideweißem Gesicht vom Sportplatz geflohen und durch die morgenkühlen Straßen heimwärts geschlichen war, schien auf allem der Schatten der Vergeblichkeit zu liegen. Beklommen atmete er die stickige Luft der Hörsäle und fragte sich, wozu er hier saß und emsig jedes Wort mitschrieb, wenn er am Ende doch mit leeren Händen dastand.</p><p>Mutlos lief er durch die fremde Stadt, und mutlos wetzte er über die endlosen Flure der Universität. Wo immer es ging, hielt er Abstand. Nur nicht in etwas hineingezogen werden, nur kein Aufsehen erregen! Zu den Versammlungen im Audimax, zu denen mehrmals in der Woche aufgerufen wurde, ging er nie. Aus Angst, man könnte ihn zwingen, sich zu Hitler zu bekennen, schlich er sich in die Bibliothek und ertrug lieber Nietzsches schlechte Laune.</p><p>Im Seminar setzte er sich allein in die Bank. Wenn ihn jemand ansprach, blieb er einsilbig; und als das Semester endete, kannte er noch immer keine Menschenseele.</p><p>Georg biß die Zähne zusammen und hielt sich an die Bücher, die er stapelweise entlieh. Doch wenn es dämmerte und die Nacht ihre kalte Hand nach ihm ausstreckte, fühlte er sich so einsam, daß er kaum weiterlesen konnte.</p><p>In der Thomasiusstraße 2 bewohnte er ein winziges Zimmer bei Fräulein Ockhardt, deren Gesicht an einen runzligen Apfel erinnerte. Im Winter durfte er das Wohnzimmer mitbenutzen; das kam ihm entgegen, weil er nicht vorhatte zu heizen. Der monatliche Betrag, den ihm sein Vater zahlte, zwang ihn zu äußerster Sparsamkeit. Statt mit der Straßenbahn zu fahren, ging er zu Fuß, und in der Mensa entschied er sich stets für das billigste Gericht.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/44124129-53ac-4dc7-97c4-73588e44fc0b/uploads/images/c3ttrrrl62/IMG_5050.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Hungern mußte er trotzdem nicht. Schon Monate vorher hatte sein Vater ihre begüterte Leipziger Verwandtschaft um freien Mittagstisch für seinen Sohn gebeten. Das wurde huldvoll gewährt, und so aß Georg dreimal in der Woche auswärts. Er folgte diesen Einladungen mit zwiespältigen Gefühlen. Nichts gegen den Schweinebraten in Dunkelbiersoße, den man ihm in schöner Regelmäßigkeit vorsetzte! Doch die spöttische Herablassung, mit der man ihn jedesmal nötigte, sich noch ein zweites, ja ein drittes Stück zu nehmen, kränkte ihn. „Bei dir ist doch Schmalhans Küchenmeister!“ Er konnte es nicht mehr hören.</p><p>Trotzdem fiel es ihm nicht ein, den Mittagstisch in den Industriellenvillen im Leipziger Süden zu schwänzen. In den Augen der Verwandtschaft wäre das auch eine grobe Unhöflichkeit gewesen. Und was sein Vater dazu gesagt hätte, der es für einen glänzenden Einfall hielt, auf diese Weise ein paar Mark gespart zu haben, wollte er lieber nicht wissen.</p><p>Und so schluckte er seinen Ärger herunter, lobte die Suppe und den Braten, lächelte, antwortete höflich auf jede Frage, lächelte wieder, aß mit Appetit und ohne zu schlingen, lächelte erneut und ließ sich erst zweimal bitten, bevor er noch einmal zugriff. Am Ende legte er das Silberbesteck auf den goldumrandeten Teller, faltete die Serviette zusammen, sprach Dankesworte, die so geschliffen waren wie das Glas vor ihm, und entschuldigte sich mit Hinweis auf die nächste Vorlesung.</p><p>Mit vollem Bauch und leerem Kopf wanderte er durch die in der Mittagshitze flirrenden Straßen. Um das Geld für die Straßenbahn zu sparen, mußte er jedesmal etliche Kilometer laufen. Das kam zwar seiner Verdauung zugute, doch nach einiger Zeit bekam er Senk- und Spreizfüße und mußte Einlagen tragen.</p><p>Die Mittagessen bei diesen Verwandten, mit denen ihn kaum mehr verband als ein dünnes genealogisches Netz, das ihn an die Spinnweben in seiner Studentenbude erin­nerte, unterbrachen die Eintönigkeit seiner Tage. An seiner düsteren Stimmung änderten sie nichts. Wenn am Morgen der Wecker klingelte, stand ihm als erstes die Hakenkreuzfahne vor dem germanistischen Seminar vor Augen. Er mußte sich zwingen aufzustehen und seine Sachen für die Vorlesung zusammenzusuchen.</p><p>Mit seinen Gastgebern konnte er darüber nicht sprechen. Sie hatten Hitlers Ernennung zum Reichskanzler euphorisch begrüßt und waren überzeugt, daß es ihm gelingen werde, die „Schmach von Versailles“ zu tilgen. Georg riß sich jedesmal zusammen, um nicht in die Suppe zu spucken, die er soeben noch gelobt hatte. Hinterher ärgerte er sich, daß er nicht widersprochen hatte.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/44124129-53ac-4dc7-97c4-73588e44fc0b/uploads/images/fv7u4qdjdj/Holzoptik_Renatus_Uni_Dresden.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Das holte er an einem wolkenverhangenen Junitag nach, als er wie jeden Freitag bei seiner Tante Emmy Linnemann zu Mittag aß. Er hegte eine unüberwindliche Abneigung gegen diese Frau, deren aufgeschwemmtes, gerötetes Gesicht einen solchen Glanz verströmte wie die Fettaugen auf der Hühnerbrühe, die bei ihr stets als Vorspeise serviert wurde. Noch auf dem Heimweg verfolgten ihn ihr lauernder Blick und die fleischige Zunge, die nach jedem Bissen über ihre Lippen wischte und ihn an eines der Tiefseewesen aus Meyers Konversationslexikon erinnerte – er wußte nur nicht, ob an die Rippenqualle oder die Seegurke.</p><p>Doch was ihn weit mehr abstieß, ja mit Wut erfüllte, das waren ihre Jubelarien über den „nationalen Aufbruch“ und ihre Schwärmerei für den „Auwi“, wie sie Prinz August Wilhelm von Preußen nannte. In ihrem Wohnzimmer stand ein gerahmtes Porträt, auf dem er in SA-Uniform posierte.</p><p>An diesem Tag wurde es Georg zu viel. Schweigend hatte er seiner Tante zugehört, als sie erklärte, wie stolz sie sei, in dieser „heroischen“ Zeit zu leben. Was für ein herrlicher Anblick sei es doch gewesen, als ihr am Morgen eine Formation der SA entgegenmarschiert sei. „Was für stattliche Burschen!“ Noch immer war sie ganz aufgeregt, die schlaffe Haut unter ihrem Kinn zitterte.</p><p>Ihre aufgeräumte Stimmung stand in schroffem Gegensatz zu dem, was er selbst an jenem Tag empfand. In der Frühe, kaum, daß er aus dem Haus war, hatte er vom Verbot der SPD erfahren. Als ihm an einem Kiosk die Schlagzeile ins Auge fiel, war er so bestürzt gewesen, daß er sich sofort eine Zeitung kaufte. Sonst sparte er sich die 15 Pfennige und las die Zeitung in der Bibliothek. So lange konnte er diesmal nicht warten.</p><p>Als er gegen Mittag bei seiner Tante erschien, war er noch immer wie vor den Kopf gestoßen. Während er den Silberlöffel mit der salzigen Hühnerbrühe mechanisch über die Tischdecke balancierte, achtete er nicht auf ihren Redeschwall. Er war so in Gedanken, daß er nicht einmal das Zucken der rosafarbenen Rippenqualle bemerkte, das zu ignorieren ihm sonst nie gelang. Erst als er ein mahlendes Geräusch vernahm, horchte er auf.</p><p>Zuerst dachte er, es wären Salzkörner, die sein Gebiß zermalmte. Aber dann wurde ihm bewußt, daß er schon eine Weile mit den Zähnen knirschte. Und als er nun den Löffel beiseite legte, mit der gestärkten Serviette sein Kinn abtupfte und endlich darauf achtete, was Emmy Linnemann sagte, wußte er auch warum. Emmy Linnemann hatte nämlich nicht das geringste einzuwenden gegen das Verbot dieser „Staatsfeinde“, wie sie zischte. „Es wird höchste Zeit, daß diese Leute verschwinden! Sie haben genug Unglück über das Land gebracht. Da lobe ich mir doch die nationalen Sozialisten! Mit ihnen wird es dem Volk besser gehen.“</p><p>Entgeistert blickte er sie an. Meinte sie das wirklich ernst? Doch Emmy Linnemann ließ sich nicht beirren und rief Hitler mit scheppernder Stimme zum einzig wahren Sozialisten aus. Der Führer, verkündete sie, habe die Nation in der Volksgemeinschaft vereint. „Vor ihm sind alle Deutschen gleich. Standesunterschiede gibt es nicht mehr!“</p><p>Schade, daß das Dienstmädchen gerade in der Küche war. Wie gern hätte er jetzt ihr Gesicht gesehen! Erst vor fünf Minuten hatte die Tante in scharfem Ton angeordnet, daß die Bratenplatte bis zum Ende der Mahlzeit im Eßzimmer zu bleiben habe. Erst danach dürfe sich das Mädchen von den erkalteten Resten nehmen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/44124129-53ac-4dc7-97c4-73588e44fc0b/uploads/images/pr66svxjnj/IMG_5151.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Georg trank einen Schluck und stellte das Glas auf den Tisch zurück. In diesem Moment sah er den Tropfen, der an der Innenseite des geschliffenen Kristalls hinabrann. Er zog seine Bahn durch den verwischten Abdruck seiner Lippen und näherte sich rasch der Linie des im Glas verbliebenen Wassers, das unter dem Wispern der Kohlensäure bebte. Als er darin eintauchte, griff Georg noch einmal nach dem Glas und leerte es in ei­nem Zug.</p><p>Er war jetzt mindestens so fest entschlossen wie diese gescheitelten Burschen, die seine Tante anhimmelte. Anders als diese trug er jedoch keine Uniform, sondern nur einen ausgebleichten Mantel, der, als er noch weniger fadenscheinig gewesen war, seinem Vater gehört hatte. Dazu eine dunkelblaue Schiffermütze, die seine Tante vermutlich an die Kopfbedeckung von Ernst Thälmann erinnerte. So jedenfalls hatte er ihren ir­ritierten Blick gedeutet, als sie ihm vorhin die Tür geöffnet hatte. Wenn er gleich zu sprechen anfing, würde sie bestimmt denken, sie hätte es in dem Moment schon gewußt.</p><p>Plötzlich würgte es ihn. Er ließ die Gabel los, auf die er gerade ein Stück Fleisch hatte spießen wollen, sprang auf und preßte die Hände gegen den Mund. Mit weit aufgerissenen Augen stürzte er aus dem Zimmer, an dem Mädchen vorbei, das mit einem Tablett in der Küchentür stand und ihn entsetzt anstarrte. Doch er kam nicht weit, schon würgte es ihn wieder – und ehe er noch einen Schritt tun konnte, erbrach er sich auf den Teppich.</p><p>Ob ihm etwas nicht bekommen sei? Seine Tante musterte ihn mit besorgtem Blick. Aber nein! Es lag nicht an der Hühnerbrühe, und auch nicht an dem Braten oder dem Rotkraut. Noch nie war ihm in diesem Haus etwas anderes vorgesetzt worden – und nie hatte sein Magen anders darauf reagiert als mit einem unbestimmten Völlegefühl und beharrlichen Blähungen.</p><p>Er ahnte schon, daß die Frage nur eine rhetorische war und seine Tante tödlich beleidigt gewesen wäre, hätte er sie bejaht. Schließlich hätte er damit ihre Kochkünste in Zweifel gezogen! Er wußte, daß sie es sich nicht nehmen ließ, hin und wieder selbst am Herd zu stehen oder zumindest die Zubereitung des Essens mit Argusaugen zu überwachen. Das hatte sie schon mehrfach betont, und so nahm er an, daß auch die heutige Hühnerbrühe unter dem Patronat ihrer fleischigen Zunge entstanden war.</p><p>Natürlich erregte seine Antwort trotzdem ihren Zorn. Daß er ihre politischen Ansichten „zum Kotzen“ fand, war so unerhört, daß es Emmy Linnemann die Sprache verschlug. Sie konnte es nicht fassen, daß ihr Neffe, an dessen Taufe am 26. April 1913 in Kötz­schenbroda sie noch lebhafte Erinnerungen hatte und den sie nun, zwanzig Jahre später, als verständigen jungen Mann zu kennen glaubte, einer solchen Ausdrucksweise fähig war.</p><p>Hatte sie sich verhört? Nein, darauf konnte sie nicht hoffen! Das war ihr schon nach den ersten Sätzen klar, die Georg auf seinen wütenden Ausruf folgen ließ. Er war so aufgebracht, daß er alle Gebote der Höflichkeit mißachtete und die heroische Zeit, von der sie gesprochen hatte, eine „erbärmliche Lüge“ nannte. Ohne ihre empörten Zwischenrufe zu beachten, schimpfte er die SA einen Schlägertrupp und zählte ihr alle Terrorakte auf, die auf das Konto dieser „stattlichen Burschen“ gingen.</p><p>Er verstummte erst, als sie in letzter Verzweiflung ihren Löffel gegen die Schüssel mit den Klößen schlug – und ein glockenartiger Klang das Haus erfüllte.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/44124129-53ac-4dc7-97c4-73588e44fc0b/uploads/images/tqysc26g2t/IMG_5040.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Mit zusammengepreßten Lippen starrte Georg auf den braunen Fleck, den seine Gabel auf dem weißen Tischtuch hinterlassen hatte – und der von Minute zu Minute größer zu werden schien. Jetzt war es wieder Emmy Linnemann, die sprach. Doch anders als vorhin wägte sie jedes ihrer Worte mit Sorgfalt. Es war, als hätte sich mit dem Glockenschlag ihr ganzer Ärger entladen. Statt ihn undankbar und seine Anwürfe eine Frechheit zu nennen, gab sie sich Mühe, den Graben zwischen ihnen nicht noch zu vertiefen.</p><p>Die Rolle der lebenserfahrenen Tante, die gegenüber ihrem vorlauten Neffen großherzig Nachsicht übt, schien ihr zu gefallen. In ihren Augen war sein Wutausbruch offenbar nichts weiter als ein Zeichen jugendlicher Unreife. Es klang, als wolle sie ihn beruhigen und ihm versichern, daß sie gern bereit sei, diese pädagogische Herausforderung anzunehmen.</p><p>Georg war zu erschöpft, um ihr zu widersprechen. Noch immer hatte er ein flaues Gefühl im Magen, und es drängte ihn, an die frische Luft zu kommen. Er dankte seiner Tante für das Mittagessen und entschuldigte sich für das Malheur von vorhin – er zeigte auf den braunen Fleck. Bedauernd hob er die Hände.</p><p>Jetzt war er wieder der brave Neffe; er haßte sich selbst dafür, doch Emmy Linnemann sah es mit Wohlgefallen. Als sie ihm ihre feuchtwarme Hand reichte, spielte ein gönnerhaftes Lächeln um ihre Mundwinkel. Nur bei dem Wort Malheur schüttelte sie entschieden den Kopf, so als wolle sie ihn noch einmal wegen seiner Unbeherrschtheit tadeln.</p><p>Als er am nächsten Freitag das Speisezimmer betrat, lag auf seinem Platz, gleich neben der gestärkten Serviette und dem Löffel für die Hühnerbrühe, die schwarze Volksausgabe von „Mein Kampf“. Siegesgewiß strahlte ihn seine Tante an. „Ich hoffe, du freust dich!“ Dieses Buch, sie nahm es vom Tisch, um es ihm mit feierlicher Miene zu überreichen, werde ihm zeigen, wie falsch seine Ansichten seien. Es werde ihn von der Weitsicht und dem Gerechtigkeitssinn des Führers überzeugen. „Du wirst begeistert sein!“</p><p>Fassungslos blickte er sie an. Er wollte etwas sagen, aber mit einer resoluten Geste schnitt sie ihm das Wort ab. „Bevor du ein Buch nicht gelesen hast“, raunzte sie, „kannst du dir kein Urteil darüber erlauben! Um das zu wissen, muß man nicht studiert haben.“ Er spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoß. Und als sie ihm das Buch in die Hand drückte, griff er zu – ja, in seiner Zerknirschung versprach er sogar, es zu lesen. Doch bevor die Suppe auf den Tisch kam, ließ er es rasch in seiner Tasche verschwinden. Nicht, daß sich ihm noch einmal der Magen umdrehte.</p><p>Er hielt sein Versprechen. Obwohl es ihn größte Überwindung kostete, nahm er sich das Buch noch am selben Nachmittag vor. Gehüllt in eine kratzende Wolldecke, lag er auf dem Bett und las mit zusammengebissenen Zähnen Seite um Seite. Daß er dennoch fror, hatte nichts mit dem kalten Sommer zu tun.</p><p>Als gegen Abend das runzlige Fräulein Ockhardt an seine Tür klopfte und ihm, wie sie es manchmal tat, eine Tasse Tee brachte, fiel ihr Blick auf das Buch. „Mein Gott!“ rief sie erschrocken aus. „Müssen Sie das wirklich lesen?“ Von diesem Tag an begegnete Georg seiner Wirtin mit noch mehr Respekt.</p><p>Bis tief in die Nacht brannte in seinem Zimmer das Licht. Bis zum nächsten Mittagessen bei Emmy Linnemann wollte er das Buch genau gelesen haben. Was nicht hieß, daß ihn irgendetwas daran gefesselt hätte. Im Gegenteil: Noch nie hatte er eine Lektüre als so quälend empfunden. Schon bald wimmelte der Seitenrand von Ausrufezeichen und empörten Anmerkungen.</p><p>Immer wieder hielt er inne und ließ seinen Blick über die rissige Zimmerdecke schweifen. Er hätte ewig der Spinne zusehen können, die in der Ecke über seinem Kopf ihre Fäden zog. Doch nach wenigen Augenblicken zwang er sich weiterzulesen. Nicht noch einmal wollte er sich vor seiner Tante eine Blöße geben.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/44124129-53ac-4dc7-97c4-73588e44fc0b/uploads/images/o3pbmitu5u/IMG_5134.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Es stellte sich heraus, daß er das Buch gründlicher gelesen hatte als sie. Nach einer hitzigen Diskussion, die damit endete, daß sie Georg mit einem Fauchen unterbrach („Ich fasse es nicht: Mein Neffe ist ein Kommunist!“), nahm er sogar an, daß sie über die ersten Seiten nicht hinausgekommen war. Wann immer er ihr Hitlers Rassenwahn und seine Kriegslüsternheit vorhielt, bezichtigte sie ihn der Verleumdung. Da half es auch nichts, daß er ihr die Stellen vorlas. „Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird!“ erklärte sie unwirsch. „Man muß nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Ich messe den Führer an seinen Taten, und daran habe ich nichts auszusetzen!“</p><p>Es war zum Verzweifeln. Geradezu lustvoll berauschte sich Emmy Linnemann an allem, was blitzte und donnerte und „Heil!“ schrie. Dagegen weigerte sie sich, auch nur zur Kenntnis zu nehmen, was ihre „heroischen“ Gefühle hätte erschüttern können. Wenn er ihr die neuesten Greueltaten der SA aufzählte, tauchte sie ungerührt ihren Löffel in die Hühnerbrühe und ließ ihre Zunge über die feuchten Lippen huschen.</p><p>Nur ein einziges Mal, es ging um einen Mord auf offener Straße, der in Leipzig großes Aufsehen erregt hatte, stand die Zunge still. Emmy Linnemann hatte rote Flecken im Gesicht, als sie mit belegter Stimme protestierte: „Das hat der Führer nicht gewußt! So etwas würde er nie dulden.“</p><p>An ihrer jungmädchenhaften Schwärmerei für die Nazis änderte das nichts. Im Gegenteil: Georg kam es so vor, als würde sie ihren missionarischen Eifer noch verstärken. Unermüdlich redete sie auf ihn ein – und daß es ihr nicht gelingen wollte, ihm seine „Begriffsstutzigkeit“ auszutreiben, nahm sie als Ansporn, nicht lockerzulassen. Irgendwann, erklärte sie, werde bei ihm der Groschen schon noch fallen.</p><p>Einmal bestellte sie ihn für Sonntagmorgen in die Matthäikirche, wo der von ihr verehrte Pfarrer Roehling predigte. Obwohl Georg von der Thomasiusstraße aus nur ein paar Minuten zu gehen hatte, war er noch nie dort gewesen. Er hatte gehört, daß Roehling den Deutschen Christen nahestand; mehr brauchte er nicht zu wissen, um einen Bogen um diese Kirche zu machen.</p><p>Seine Befürchtungen bestätigten sich, als Roehling von der Kanzel herab verkündete, daß er jeden Tag für Hitler bete: „für unseren Führer, den ich mit Ihnen allen grüße als uns von Gott geschenkt“. Als er auch noch dazu aufrief, die Nationalsozialisten als Bun­desgenossen anzusehen „im Kampf um Gottes Sache“ und gegen den „verheerenden Einfluß“ der Juden, hielt Georg es nicht länger aus. Mitten in der Predigt stand er auf und verließ die Kirche.</p><p>Emmy Linnemann war über sein Verhalten so erbost, daß sie ihn von ihrem Mittagstisch suspendierte und seinen Eltern einen wütenden Brief schickte, in dem sie sich über seine „völlig verkehrte“ Haltung ausließ. Sie prophezeite ihm, daß seine Unbelehrbarkeit ihn noch ins Unglück stürzen werde.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/44124129-53ac-4dc7-97c4-73588e44fc0b/uploads/images/hnrj22q43k/IMG_5074.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><hr aria-hidden="true"/><p><strong>Ein herzliches Dankeschön an alle, die „Wolken und Kastanien“ und meine Arbeit gegen das Vergessen mit einer Mitgliedschaft ermöglichen! 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November in </strong><a href="https://www.vhs-hoyerswerda.de/kurse/beruf-und-edv/kurs/Schlossgespraech-Victor-Klemperer-Tagebuch-1933-1945/26H1011"><strong>Hoyerswerda</strong></a><strong>.</strong></p><p><strong>Vielleicht haben Sie Lust und Zeit dabeizusein. Das würde mich freuen!</strong></p><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 27 Sep 2026 05:10:12 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Der Nußbaum]]></title>
      <description><![CDATA[Über einen Nußbaum, groß wie ein Wal, und Blätter, die wie Smaragde funkeln, über schwatzende Vögel, das Verschwinden der Wolken und eine rote Wollmütze]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über einen Nußbaum, groß wie ein Wal, und Blätter, die wie Smaragde funkeln, über schwatzende Vögel, das Verschwinden der Wolken und eine rote Wollmütze</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/693a553b-651b-461e-b609-990ade67f5e5/uploads/images/4wgqoyzksj/IMG_3588.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>So lange schon streckte er seine Äste dem Himmel entgegen. Dem Himmel und seinen Wolken, die weiß und still über das leuchtende Blau trieben. Unzählige Male hatte er sich ausgemalt, wie es war, aus solcher Höhe auf die Erde zu blicken: auf Wiesen und Felder, Menschen und Kühe. Was man da alles sah! Ach, er hatte die Wolken beneidet.</p><p>Manchmal überkam es ihn, und er wollte ihnen winken, bevor sie seinen Blicken für immer entschwanden. Es gelang ihm nur, wenn ein kräftiger Wind blies. Dann aber waren die Wolken nicht mehr weiß, sondern grau wie das Haus, das einen Nußwurf entfernt auf der Wiese stand.</p><p>Früher war es groß und stattlich gewesen mit seiner frisch verputzten Fassade; er hatte zu ihm aufgeblickt wie jetzt zu den Wolken. Aber während die Jahre vergingen, war es immer kleiner geworden, und nun überragte er es um mehrere Astlängen. Beugte er sich zu dem Dach hinunter, erkannte er die Rostflecken auf der Regenrinne und die roten Sprünge der Ziegel, und er hörte das Ächzen der Mauern im Sturm.</p><p>Auch die Frau, die in dem Haus wohnte, war klein und grau geworden. Ihr Mann war schon vor langer Zeit gestorben; seither lebte sie allein. Weder ein Hund noch eine Katze teilte ihre Einsamkeit.</p><p>Er erinnerte sich an die junge Frau, die sie gewesen war. Wenn sie durch das Dorf ging, hatten die Männer ihr hinterhergeblickt. Nun war ihr Haar strähnig und weiß, ihr Gesicht zerfurcht. Die sanfte Stimme, mit der sie ihren Sohn in den Schlaf gesungen hatte, war verstummt, und wenn sie den Mund öffnete, klang es wie das Krächzen eines müden Vogels.</p><p>Nur noch selten trat sie vor die Tür. Auf einen Stock gestützt, wankte sie auf die Holzbank zu, von der längst die Farbe abgeblättert war; und wenn sie es endlich geschafft hatte, sich darauf niederzulassen, und im Schatten des Hauses reglos und stumm vor sich hindämmerte, wirkte sie selbst wie ein altes Stück Holz.</p><p>Den Nüssen, die verstreut auf der Wiese lagen, schenkte sie keine Beachtung. Und als er ihr an einem sonnendurchfluteten Herbsttag eine besonders schöne Walnuß vor die Füße rollen ließ, blickte sie nicht einmal auf.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/693a553b-651b-461e-b609-990ade67f5e5/uploads/images/23d6neps45/P1260158.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Immer hatte sie die Nüsse geliebt. Als Mädchen, als junge Frau, als Mutter. Noch vor ein paar Jahren, ihre Haut war schon faltig, und das Bücken fiel ihr schwer, war sie jeden Tag mit einem Korb über die Wiese gegangen und hatte Nuß um Nuß aufgesammelt. Es war derselbe Korb, in den ihr Vater die Nüsse gelegt hatte, die er vom Boden aufhob.</p><p>Er sah ihn noch vor sich: seine kräftige Gestalt und das von der Sonne gegerbte Gesicht, die schwieligen Hände, in denen sich auch der größte Hammer wie Spielzeug ausnahm. Diese Hände hatten Holz geschlagen und Schwellen für die Eisenbahn verlegt. Und nicht nur das: Sie hatten das Haus erbaut und die Steinmauer errichtet, hinter der die Felder begannen.</p><p>Vor allem aber, und deshalb erinnerte er sich ihrer voll wehmütiger Dankbarkeit, hatten sie ihn, den Nußbaum, gepflanzt.</p><p>Und dann war da noch dieser Satz, den er all die Jahre nie vergessen hatte. Wann genau er gefallen war, wußte er nicht mehr. Längst vorbei waren die Sommer, als das Mädchen die Gießkanne herangeschleppt und den kleinen Baum, der ihr bald darauf über den Kopf wuchs, gegossen hatte.</p><p>Nein, es war später gewesen: zu einer Zeit, als er schon trug. Noch nicht so viele Nüsse wie jetzt, aber doch schon eine Menge. Eines Abends hatte der Vater diesen Satz zu seiner Tochter gesagt. „Noch nie“, hatte er gesagt, „habe ich so gute Nüsse gegessen.“</p><p>Wie froh er war, als er das hörte! Seine Blätter funkelten wie Smaragde, und hätten ihn seine Wurzeln nicht daran gehindert, wäre er vor Freude in die Luft gesprungen. Vielleicht nicht bis zu den Wolken. Aber bestimmt hoch genug, um ein paar Augenblicke später die Wiese mit Nüssen zu überschwemmen.</p><p>Der Vater des Mädchens war nun schon viele Jahre tot. Aber noch immer hörte er ihn sagen: „Noch nie habe ich so gute Nüsse gegessen.“</p><p>Der Satz hatte ihn wachsen lassen, wie keine Gießkanne der Welt es vermocht hätte. Er hatte ihm Mut gemacht und den Glauben an sich selbst geschenkt. Von da an fühlte er sich so stark, daß kein Gewitter und kein Blitz ihm etwas anhaben konnte.</p><p>Das Schöne war, daß der Satz nicht nur einmal gefallen war, sondern im Laufe der Zeit immer wieder. Jedes Jahr im Herbst, wenn der Mann mit seiner Tochter vor dem Haus saß und eine Nuß nach der anderen knackte, sagte er ihn erneut. Und seine Tochter stimmte ihm zu.</p><p>Und so, wie sie später die Nüsse in den Korb ihres Vaters legte, nahm sie auch seinen Satz auf, als wäre er ein Staffelstab, und sagte ihn zu ihrem Mann und ihrem Sohn und zu ihrer über alles geliebten Enkelin. Und immer öfter zu sich selbst.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/693a553b-651b-461e-b609-990ade67f5e5/uploads/images/zh2l4yqgwp/IMG_2807.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Ihren Sohn hatte er geliebt, als wäre er sein eigenes Kind. Er hatte ihn aufwachsen sehen und seine ersten Schritte so gebannt verfolgt, daß er kaum mehr Zeit hatte für die Wolken. Im Sommer ließ er ihn in seinem Schatten spielen, und im Herbst warf er ihm die besten Nüsse zu. Und der Junge hatte sie sich schmecken lassen: zu seiner großen Freude.</p><p>Doch wenn er jetzt an ihn dachte, schien sich der Himmel zu verdüstern. Viel zu früh war er gestorben: an einer heimtückischen Krankheit, wie es hieß. Nur zwei Jahrzehnte hatte dieses Leben gewährt, gerade erst war er selber Vater geworden.</p><p>Seine Mutter weinte, bis sie keine Tränen mehr hatte.</p><p>Was blieb, waren die Erinnerungen. Das helle Lachen des kleinen Jungen, das auch später noch oft aus ihm herausbrach. Die Berührung seiner nackten Füße, mit denen er flink wie ein Eichhörnchen an dem grauen Stamm hinaufkletterte. Kein Ast war ihm zu hoch, als daß er nicht versucht hätte, ihn zu erreichen. Und immer schaffte er es.</p><p>Einmal hatte er, statt hinaufzuklettern, mit zwei Spielgefährten unter dem Baum gesessen. Die Nüsse über ihnen, sagte er, seien die besten auf der ganzen Welt.</p><p>„Und warum heißen die Walnüsse?“ fragte einer von ihnen. „Das kommt von Wal“, erklärte er. Und als der andere die Stirn runzelte, hob er den Kopf, zeigte auf ihn und sagte: „Schau! Ist er nicht groß wie ein Wal?“</p><p>Das hatte ihm gefallen. Ja, dachte er. Er war der Wal unter den Bäumen. Und das Meer waren die wogenden Felder hinter der Steinmauer.</p><p>Aber noch etwas blieb, das kostbarer war als alle Erinnerungen: ein winzig kleines Mädchen. Ein halbes Jahr war es alt, als sein Vater die Augen für immer schloß und die Welt stillzustehen schien. Daß sie nicht ganz und gar unterging, dafür sorgte das Mädchen. Unbeirrt lächelte es in die verweinten Gesichter. Das genügte, um den Tagen einen Sinn zu geben und den Nächten die besseren Träume.</p><p>Das Mädchen war das Glück seiner Großmutter. Wochenlang hatte sie aus dem Fenster gestarrt und an all die Toten gedacht, die sie hatte begraben müssen. Für wen sollte sie jetzt die Nüsse aufheben, die so zahlreich wie nie auf der Erde lagen?</p><p>Im Jahr darauf stapfte das kleine Mädchen mit ihr über die Wiese. Die Großmutter hatte ihr eine rote Wollmütze gestrickt, unter der die blonden Locken hervorquollen. Alle paar Schritte bückte sich das Mädchen, nahm eine Nuß und warf sie in den verwitterten Korb.</p><p>Später saßen sie auf der Bank, auf der die Frau immer mit ihrem Vater gesessen hatte. Und wie für ihren Sohn öffnete sie jetzt für ihre Enkelin eine Walnuß nach der anderen. Dabei wiederholte sie mit brüchiger Stimme den Satz, den sie in ihrem Leben so oft gehört hatte, daß er ein Teil von ihr geworden war.</p><p>„Noch nie“, sagte sie, „habe ich so gute Nüsse gegessen.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/693a553b-651b-461e-b609-990ade67f5e5/uploads/images/kjopg5uwkd/IMG_3563.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Von all den Bildern, an die er sich erinnerte, war das vielleicht das schönste. Die Frau mit dem Korb voller Nüsse und das Mädchen mit der roten Wollmütze. Es erfüllte ihn mit einer Zuversicht, die ihn selber überraschte. Wie konnte er zuversichtlich sein bei all dem Schmerz, den er noch immer empfand, wenn er an den Vater des Kindes dachte? Wie konnte er glauben, daß am Ende alles gut werden würde?</p><p>Und doch tat er es. Die Jahre gingen dahin, der Schmerz blieb. Aber auch die Zuversicht.</p><p>Die Frau wurde immer älter und faltiger. Er wußte, ihre Tage waren gezählt. Im Dorf gab es niemanden, der so alt war wie sie. Immer seltener saß sie auf der Bank vor dem Haus, und schon lange hatte sie sich nicht mehr nach einer Nuß gebückt. Hin und wieder sah ein Nachbar nach ihr, sammelte die Walnüsse auf und mähte die Wiese.</p><p>Und das Mädchen? Wann hatte er es zuletzt gesehen? Irgendwann war es mit seiner Mutter fortgezogen. Weit weg, wie es hieß. Die Mutter, erzählte man sich, habe wieder geheiratet; aber das war schon etliche Jahre her. Inzwischen mußte ihre Tochter eine junge Frau sein.</p><p>Für ihn blieb sie dennoch das kleine Mädchen von damals. Er hätte gar nicht gewußt, wie er sie sich anders hätte denken sollen. Aber an sie denken: das wollte er. Mit jedem Tag, an dem er die alte Frau nicht zu Gesicht bekam, gingen seine Gedanken öfter zu ihr.</p><p>Manchmal stellte er sich vor, daß sie wieder da wäre: eines schönen Tages. Dann sah er sie über die Wiese gehen, auf dem Kopf die rote Wollmütze, unter der die blonden Locken hervorquollen, und wie ihr Vater und wie ihre Großmutter Nüsse in den verwitterten Korb legen. Nüsse von dem Baum, den ihr Urgroßvater gepflanzt hatte.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/693a553b-651b-461e-b609-990ade67f5e5/uploads/images/tdowrg6pv2/IMG_3558.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Mit solchen Träumereien vertrieb er sich die Zeit, wenn ihm die Tage lang wurden, weil nichts sich ereignete. Nichts, gar nichts, nicht das geringste. Niemals zuvor hatte er das erlebt, und ratlos fragte er sich, ob er sich verändert hatte oder die Welt um ihn her.</p><p>Früher hatte er keine Langeweile gekannt. Immer war etwas zu sehen und zu hören gewesen. Die Eichhörnchen, die fröhlich von Ast zu Ast sprangen und seine Nüsse als Wintervorrat in der Erde vergruben. Die Vögel, die in seinen Zweigen Fangen spielten und stundenlang schwatzten. In letzter Zeit waren sie immer weniger geworden. Wo waren sie nur hin?</p><p>Und wo war das Summen und Brummen und Brausen, das früher die Luft erfüllt hatte? All die Fliegen und Mücken, Bienen, Hummeln, Wespen. Und wo die Schmetterlinge?</p><p>Sogar die Wolken schienen seltener über ihn hinwegzuziehen. Im Sommer war der Himmel so leer, daß er sich fragte, ob sie jemals zurückkommen würden. Nur dieses gleißende Blau, von dessen bloßem Anblick er Durst bekam. Er konnte sich nicht erinnern, daß es jemals so heiß gewesen war.</p><p>Mehr geworden waren nur die Häuser und die Autos. Jenseits der Steinmauer hatte man ein Haus gebaut, das doppelt so groß war wie das der alten Frau. Dazu zwei Garagen und einen Swimmingpool, in dem sich der blaue Himmel spiegelte. Dafür hatte das halbe Feld weichen müssen. Als müßte man kein Getreide mehr anbauen.</p><p>Wenn er sich auf die Zehenspitzen stellte (oder was er dafür hielt), sah er noch viel mehr neue Häuser. Er sah Garagen und Swimmingpools und schwarze Wesen, die aussahen wie Tiere, aber Räder hatten und stundenlang über die Wiese fuhren, um jeden Grashalm abzuschneiden, der höher war als ein kleiner Finger.</p><p>Was er nicht sah, waren Vögel und Eichhörnchen, Schmetterlinge und Bienen. Spielende Kinder oder Leute, die am Abend auf einer Holzbank saßen und Nüsse knackten.</p><p>An Tagen wie diesen sehnte er die Nacht herbei, und weil er schon dabei war, sich nach etwas zu sehnen, ließ er in seinen Gedanken all die Toten auferstehen, hörte ihre Stimmen und sprach zu ihnen.</p><p>Und dann dachte er an das Mädchen mit der roten Wollmütze. Es würde wiederkommen und mit dem Korb über die Wiese gehen und zu seinem eigenen Kind sagen: „Noch nie habe ich so gute Nüsse gegessen.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/693a553b-651b-461e-b609-990ade67f5e5/uploads/images/s4lvlvkrrt/IMG_2764.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Eines Morgens war es so still wie noch nie. Er spürte sofort, daß etwas anders war. Es fühlte sich an, als ob die Luft über Nacht dünner geworden wäre. Lange lauschte er zu dem Haus hinüber, aber kein Laut war zu hören.</p><p>Um einen Blick durch das Fenster zu erhaschen, näherte er sich mit einem langen Ast der grauen Fassade: ganz vorsichtig, um niemanden zu erschrecken. Da sah er die alte Frau auf dem Bett liegen. Ihr Gesicht war so weiß, als wäre es mit Mehl bestäubt. Während er sie betrachtete, kam es ihm so vor, als ob ein flacher Atem ihre Brust hob und senkte. Aber nach einer Weile begriff er, daß es nur der Wind war, der durch seine Zweige strich.</p><p>Der Nachbar, der nach ihr sah, fand sie noch am selben Tag, und als am Abend die Glocken läuteten, wußten alle im Dorf, daß die alte Frau gestorben war.</p><p>In den Wochen darauf geschah nicht viel. Die Wiese wurde nicht mehr gemäht. Die Ziegel, die der Sturm vom Dach gerissen hatte, blieben vor dem Haus liegen. Jeden Abend erschien eine Amsel, die er noch nie gesehen hatte, ließ sich auf immer demselben Ast nieder und sang gegen die Dämmerung an.</p><p>Aber dann, von einem Tag auf den anderen, war es mit der Ruhe vorbei. Drei Männer stiegen aus ihren Autos und liefen mit schweren Schritten hin und her. Sie zeigten auf das Haus, die Wiese, den Nußbaum und redeten laut aufeinander ein. Dabei fuchtelten sie mit ihren dicken, schwarz behaarten Armen durch die Luft, daß es aussah, als wollten sie Haus, Wiese und Baum in Stücke hauen.</p><p>Am nächsten Tag kamen sie wieder, auch eine junge Frau war dabei. Sie betraten das Haus, rissen die Fenster auf und hämmerten mit den Fäusten gegen die Wände. Dann stampften sie über die Wiese, zeigten dahin und dorthin. Einer warf seinen Zigarettenstummel auf den Boden und trat ihn aus.</p><p>Und plötzlich begriff er: Das Haus sollte abgerissen und ein neues gebaut werden. Das Haus, das dagewesen war, solange er denken konnte. Das Haus, das vor langer Zeit die schwieligen Hände des Mannes errichtet hatten, so wie auch die Steinmauer hinter ihm. Aber auch die sollte weichen, wie er den Gesprächsfetzen entnahm, die zu ihm drangen. Von Garagen war die Rede und einem Swimmingpool.</p><p>Er konnte es nicht fassen.</p><p>Nach einer Woche kamen andere Männer. Sie räumten das Haus leer und warfen alles, was darin gewesen war, in einen Container. Auch die alte Holzbank, die vor dem Haus gestanden hatte.</p><p>Als sie die Besteckschublade aus dem Fenster warfen, gab es einen fürchterlichen Krach. Ein Regen von Messern und Gabeln, Löffeln und Suppenkellen ergoß sich scheppernd in den Container. Der Nußknacker, den die alte Frau ihr Leben lang benutzt hatte, zerschlug die Teller und Tassen mit dem Blumenmuster.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/693a553b-651b-461e-b609-990ade67f5e5/uploads/images/slqstsrnnp/IMG_2456.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Wochenlang war Ruhe. Der Herbst war schon vorüber, der erste Schnee gefallen und wieder verschwunden. In den nächsten Tagen sollte es erneut kälter werden. Bald wäre Weihnachten, und in den Fenstern der Nachbarhäuser würden goldene Sterne leuchten.</p><p>Da erschütterte ein ungeheurer Lärm das Dorf. Durch den Nebel kämpfte sich ein Fahrzeug heran, wie er noch nie eines gesehen hatte. Groß und rot und schwer. Eine Maschine auf Rädern, mit einem riesigen Greifarm und dem stählernen Gebiß eines Raubtiers.</p><p>Seit die Männer fort waren, hatte er gehofft, daß es doch noch anders kommen und das Haus der alten Frau stehenbleiben würde. Wenn es wirklich zu klein war, ließe es sich vielleicht mit einem Anbau vergrößern. Aber als er jetzt den roten Koloß auf die Wiese rollen sah, wurde ihm klar, daß er sich geirrt hatte. Kein Stein würde auf dem anderen bleiben.</p><p>Nur: wie fingen sie es an? Ach, er konnte gar nicht hinschauen! Und doch tat er es.</p><p>Der Motor der Maschine heulte auf. Gleich würde der Greifarm auf das Haus losgehen und das stählerne Gebiß die Fassade zerreißen. Es würde stauben und lärmen. Wäre er ein Mensch und kein Baum, er hielte sich die Ohren zu.</p><p>Doch wieder hatte er sich geirrt. Tatsächlich fuhr der Greifarm in die Höhe, aber er bewegte sich nicht auf das Haus zu, sondern – auf ihn. Noch ehe er es ganz begriff, schlug das rote Ungeheuer die Zähne in sein Holz. Ein Knacken war zu hören, und sein größter Ast stürzte zu Boden.</p><p>Der Ast, der Jahr für Jahr die meisten Nüsse trug. Auf dem noch vor kurzem die Amsel gesessen und gegen die Dämmerung angesungen hatte.</p><p>Entsetzt starrte er die Maschine an und die Männer, die in der Nähe standen und zusahen. Auch die junge Frau war wieder da. Mit finsterer Miene ging sie auf und ab. Auf einmal hielt sie inne, mit der Fußspitze grub sie eine vergessene Walnuß aus dem Boden und kickte sie fort, daß sie gegen die Mauer knallte.</p><p>Und da erkannte er sie. Erkannte sie an den Locken, die einst unter der roten Wollmütze hervorgequollen waren. Der Mütze, die ihre Großmutter gestrickt hatte. Erkannte das kleine Mädchen, das nach dem Tod seines Vaters in die verweinten Gesichter gelächelt hatte.</p><p>Er hätte schreien wollen, aber wie sollte ein Baum schreien? Und überhaupt ging alles viel zu schnell. Schon heulte wieder der Motor. Der Greifarm kam näher und näher, und als er nur noch eine Handbreit entfernt war, packte er seinen Stamm und preßte ihn so fest zusammen, daß er sich nicht mehr rühren konnte.</p><p>Im nächsten Moment durchfuhr ihn ein Schmerz: so scharf und stechend, wie er ihn noch nie verspürt hatte.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Später erzählte man sich, daß dort, wo der Nußbaum gestanden hatte, noch wochenlang kleine Pfützen zu sehen gewesen seien. Als hätten die Wurzeln nicht begriffen, was geschehen war, und würden noch immer das Wasser aus der Erde pumpen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/693a553b-651b-461e-b609-990ade67f5e5/uploads/images/b34olnzyuj/IMG_3555.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><hr aria-hidden="true"/><p><strong>Ein herzliches Dankeschön an alle, die meine Arbeit an „Wolken und Kastanien“ mit einer Mitgliedschaft unterstützen! Ohne Sie könnte ich Geschichten wie diese nicht schreiben.</strong></p><p><strong>Wenn es Ihnen möglich ist: Bitte werden auch Sie </strong><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/about"><strong>Mitglied</strong></a><strong>! Damit es „Wolken und Kastanien“ noch eine Weile gibt.</strong></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/about">☁️ 🌰 Mitglied werden</a></p><p>Wer möchte, kann „Wolken und Kastanien“ auch per Paypal unterstützen. 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      <pubDate>Sun, 16 Aug 2026 04:57:05 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Der Umzug]]></title>
      <description><![CDATA[Über Bücherstapel wie Stalagmiten und Niagarafälle am Umzugstag, über Staubfänger, das Keuchen der Möbelpacker und den Magnetismus von Mängelexemplaren]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über Bücherstapel wie Stalagmiten und Niagarafälle am Umzugstag, über Staubfänger, das Keuchen der Möbelpacker und den Magnetismus von Mängelexemplaren</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/51c7cbe3-a1e0-4a14-b8cf-80af0ba04f87/uploads/images/qhzrw2jcvk/IMG_9546.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Es war Sommer, das Thermometer unterm Dach zeigte 36 Grad. Ich stand halbnackt zwischen den Holzgerippen in meinem Arbeitszimmer, als ich zum ersten Mal in meinem Leben anfing, am Konzept Buch zu zweifeln.</p><p>Vor und hinter und neben mir stapelten sich die Kartons: vollgepackt, versehen mit krakeligen Zahlen. Gerade hatte ich eine schwarze 73 auf einen Pappdeckel gemalt; nach einer Verschnaufpause würde ich anfangen, Nummer 74 mit Büchern zu füllen. Denn Bücher standen ja nicht nur hier, sondern auch noch da und dort, oben, unten, nebenan – ach, einfach überall! Und weil die Regale nie ausreichten, wuchsen sie sogar vom Boden herauf wie die glänzenden Stalagmiten, die ich als Kind in der Baumannshöhle im Harz gesehen hatte.</p><p>Ich schloß die Augen und spürte, wie mir der Schweiß in sirupdicken Tropfen über Stirn und Rücken rann. Und auf einmal schwirrten mir Fragen durch den Kopf. Fragen, die vielleicht schon immer dagewesen waren: untergründig, im Verborgenen. Doch jetzt drängten sie an die Oberfläche wie die Toten, wenn am Tag des Jüngsten Gerichts die Posaune erschallt.</p><p>Hätte Proust nicht ein paar Erinnerungspirouetten weniger drehen können? Warum konnte sich Dostojewski nicht ein bißchen kürzer fassen? Mußte Friederike Mayröcker wirklich jeden Schmetterlingsflügel bedichten? Und wieso hat Thomas Mann es nicht bei einem „Zauberhügel“ belassen?</p><p>Aber noch während mein glühendes Hirn (waren es schon 37 Grad?) diese Fragen ausbuchstabierte, schoß mir die Schamesröte ins Gesicht. Was war ich doch für ein Banause, daß mir so etwas in den Sinn kam! Wie konnte ich wagen, es auch nur zu denken?</p><p>Ja, tatsächlich, ich schämte mich. Ich ging ins Bad, spritzte mir einmal, zweimal, dreimal kaltes Wasser ins Gesicht, und dann wusch ich mir die Hände: gründlich, mit Seife, um nur ja keine Flecken auf den weißen Schutzumschlägen zu hinterlassen. Aber so sehr ich auch schrubbte – ich schaffte es nicht, mir das Banausentum abzuwaschen. Staubfänger! krähte es immer wieder in meinem Kopf. Staubfänger, Staubfänger!</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/51c7cbe3-a1e0-4a14-b8cf-80af0ba04f87/uploads/images/lictyxaqrw/IMG_0200.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Ein Jahr ist das jetzt her, längst stehen die Regale wieder, und auf den Brettern reiht sich so vertraut wie griffbereit, was ich damals im Schweiße meines Angesichts in den Umzugskisten versenkte.</p><p>Sogar das elfbändige Journal der Brüder Goncourt ist wieder aufgetaucht. Zwischenzeitlich hatte ich es verloren geglaubt. So verzweifelt ich auch suchte – die Kiste mit der schwarzen 41 war einfach nicht zu finden. Eine fürchterliche Nacht lang träumte ich, die Umzugsleute hätten sie auf einer Autobahnraststätte stehengelassen. Was für eine Erlösung, als ich in der Frühe die bleischweren Lider hob und entdeckte, daß ich sie schon ausgepackt hatte! Ins Morgenrot blinzelnd, hockten die Brüder auf dem Fensterbrett im Schlafzimmer und fremdelten mit der überhaupt nicht pariserischen Aussicht.</p><p>Längst haben sie das Fenster- gegen ein Regalbrett eingetauscht, wie vor Jahr und Tag genießen sie die Nachbarschaft zu ihrem alten Freund Flaubert. Aber jedesmal, wenn mein Blick auf sie fällt, kommt mir wieder die Fahndung nach der schwarzen 41 in den Sinn.</p><p>Nicht, daß inzwischen alles an seinem Platz wäre! Wie soll das auch gehen? Wann ist ein Bücherregal schon fertig eingeräumt? Endgültig, ein für allemal?</p><p>Der einzige, dem das gelang, war mein Großvater. Irgendwann waren seine Bücherschränke so vollgestopft, daß es nur unter größten Mühen gelang, einen Band herauszuziehen. Und weil in der Wohnung nirgends mehr Platz war, durfte man ihm fortan kein Buch mehr schenken. Seine Bibliothek war komplett, das Sammelgebiet abgeschlossen, wie der Philatelist, der er auch war, gesagt hätte. An seinem Geburtstag war der Gabentisch dennoch schwer beladen – mit etlichen Flaschen Meißener Wein.</p><p>Das eine oder andere aus seinem Nachlaß steht jetzt (mit etwas mehr Beinfreiheit) in meinen Regalen. (Nein, nein, keine Weinflaschen!) Vor allem die zwanzig Bände von Meyers Konversationslexikon ziehen die Blicke auf sich. Eine schwarze Halblederausgabe mit goldenem Jugendstil-Dekor; schon als Kind konnte ich mich daran nicht sattsehen.</p><p>Mittlerweile weiß ich auch ihre inneren Werte zu schätzen. Die 6. Auflage, erschienen von 1902 bis 1908, ist nicht irgendeine. Kenner sprechen vom besten und zuverlässigsten Meyer in hundert Jahren.</p><p>Mag sein, daß das Wissen nicht mehr auf dem allerneuesten Stand ist – das Stichwort „Internet“ etwa sucht man im 9. Band („Hautgewebe bis Ionicus“) vergebens. Trotzdem ist es ein Vergnügen, durch die knackenden Seiten zu blättern, die farbenprächtigen Bildtafeln zu bestaunen und sich hier und da in einen Artikel zu vertiefen. Und sich nur manchmal zu fragen, ob dieses oder jenes noch genauso funktioniert wie vor einem guten Jahrhundert. Die Integralrechnung. Oder die Insektenbestäubung.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/51c7cbe3-a1e0-4a14-b8cf-80af0ba04f87/uploads/images/vctm7lkfwz/IMG_2034.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Wieviele Lexikonbände packt man in einen Umzugskarton? Ich erinnere mich, daß ich mir diese Frage mehrfach stellte: beim ersten Mal drei Bände aus einer Kiste nahm, beim zweiten Mal zwei wieder hineinlegte, nur um beim dritten Mal einen davon erneut herauszunehmen.</p><p>„Nicht zu schwer!“ hatte der Stiernacken gebrummt, der ein paar Wochen vorher unser Hab und Gut in Augenschein nahm. Mit müdem Lächeln hatte er den Blick über unsere Möbel schweifen lassen. Kein Klavier, kein Tresor! Nicht mal unsere dreißig Jahre alte Waschmaschine konnte ihm ein Stirnrunzeln entlocken. Ein Kinderspiel, schien er zu denken. Bis er den letzten Raum betrat – und alle Farbe aus seinem Gesicht wich.</p><p>„Wieviele Bücher haben Sie?“ Fassungslos starrte er mich an. Dann schüttelte er den Kopf, keuchte, fing an zu rechnen.</p><p>Das Keuchen hörten wir am Umzugstag wieder, begleitet von Flüchen, Zähneknirschen und schweren Schritten treppauf, treppab. Nie schien es zu verstummen. Auch dann nicht, als einer der Männer Verstärkung herantelefonierte. „Eine stramme Nummer!“ keuchte er.</p><p>In einer der Kisten lag ein Büchlein, das ich kurz zuvor gelesen hatte: „Vom Glück des Umziehens“ von Colette. Ich hatte die Hoffnung, die Lektüre könnte beruhigend wirken, meinen Blutdruck senken und das leise Grauen lindern, mit dem ich unserem Umzug entgegenblickte. Aber schon nach wenigen Seiten stieß ich auf folgende Sätze:</p><p>„Ich habe Freunde, die überall als Personen mit gesundem Menschenverstand durchgehen würden, doch allein bei der Vorstellung, umziehen zu müssen, schließen sie krampfhaft die Augen, ziehen die Schultern hoch und halten sich die Ohren zu, ganz so, als stünden sie an einem stürmischen Tag auf der Pont des Arts. Besonders die Bibliophilen leiden beim Gedanken an einen Umzug schon im voraus und mehr als alle anderen.“</p><p>Ich bin nicht sicher, wer am Ende mehr gelitten hat: die Möbelpacker oder der Büchermensch. Diejenigen also, die die Bibliophilie schwitzend und keuchend auszubaden hatten, oder ich, der bei jedem Krachen im Treppenhaus zusammenzuckte, weil ich das Schlimmste fürchtete – meine Bücher wild verstreut auf den schmutzigen Treppenstufen.</p><p>Schon Wochen vorher hatte ich mir den Regen ausgemalt, der am Umzugstag einsetzen würde: ein Regen, der jeden Niagarafall alt aussehen ließe. Mit unbändiger Wucht ging er auf die Welt nieder, um die vor dem Haus aufgestapelten Bücherkisten zu überschwemmen, zu ertränken, fortzutragen. Druckerschwärze, die als nachtfarbenes Bächlein durch die Straßen rauschte. Was für ein Alptraum!</p><p>Aber wie lächerlich, sich solchen Ängsten zu überlassen. Zumal meine Bücher ja keine Kostbarkeiten sind. Habe ich eine Erstausgabe von Kafkas „Prozeß“? Oder ein Widmungsexemplar von Virginia Woolfs „Orlando“? Natürlich nicht!</p><p>Die meisten meiner Bücher wären mühelos zu ersetzen. Besonders wertvoll ist keins. Schon gar nicht die Taschenbücher, die ich in den neunziger Jahren in Berlin aus den Pappkartons vor der Humboldt-Universität zog. Die meisten hatten einen Stempel auf dem Fußschnitt: Mängelexemplar.</p><p>Diese Kisten, an denen ich jeden Morgen vorbeikam: Magnetisch zogen sie mich an. Kaum ein Tag verging, an welchem ich dem im Sommer braungebrannten Verkäufer nicht die Münzen für irgendein Buch hinzählte. Und nicht selten kam ich zu einer Vorlesung zu spät, weil ich noch in einer Kiste kramte und mich in stummer Verzweiflung fragte: „Wenn ich heute die Mensa auslasse, reicht es dann womöglich für den Canetti?“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/51c7cbe3-a1e0-4a14-b8cf-80af0ba04f87/uploads/images/dizqppz4rg/IMG_2074.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Und der goldglänzende Meyer? Der beste Meyer aller Zeiten? Ach, nicht mal der kostet die Welt! Im Antiquariat bekommt man die anderthalb Regalmeter zu einem erstaunlich niedrigen Preis.</p><p>Ihr Wert besteht in etwas anderem. Ich muß nur einen beliebigen Band aufschlagen, um auf dem Titelblatt in der rechten oberen Ecke den mit Bleistift geschriebenen Namen meines Urgroßvaters zu lesen. Friedrich Deckert, der Mann, der einst die Blitzableiter auf dem Belvedere und dem Stephansdom montierte – und damit die k. u. k. Monarchie <a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/posts/51d8ba0c-9dee-467b-925f-5632c6c1dec6">vor dem Feuertod bewahrte</a>. Das Konversationslexikon in meinem Regal war seins.</p><p>Ob er die ersten Bände noch in Wien gekauft hat? Und die anderen in Sachsen, wohin er 1906 gezogen war? Ich weiß es nicht. Klar ist nur: Jahrzehntelang stand das Lexikon in Dresden und Radebeul, zuerst bei meinem Urgroßvater, dann bei meinem Großvater. Als dieser 2005 starb, zog es mit mir nach Berlin und ein paar Jahre später nach Norddeutschland. Erst im letzten Sommer kehrte es in seine alte Gegend zurück.</p><p>Möglicherweise klemmten sogar noch ein paar Dresdner Staubkörnchen zwischen den Buchdeckeln – obwohl ich jeden Band, bevor ich ihn in die Kiste legte, krachend auf- und zuklappte, so daß von unserem Balkon zwanzig graue Wölkchen in den Sommerhimmel stiegen.</p><p>Der Meyer, könnte man sagen, hat sich ein wenig umgeschaut in der Welt. Seit der Drucklegung ist ja auch einiges passiert. Allerdings ist von den frischen Eindrücken nicht das geringste eingeflossen in seine neunzehntausend Seiten. Natürlich nicht! Die sind schließlich so eingefroren und endgültig wie einst die Büchersammlung meines Großvaters.</p><p>Aber, höre ich schon die Frage, wäre es dann nicht am einfachsten gewesen, der Meyer wäre gleich an Ort und Stelle geblieben: in Dresden? Was sollte die ganze Umzieherei?</p><p>Ach, Leben!</p><p>Die keuchenden Möbelpacker hätten es sicher begrüßt, wäre unser Umzug zwanzig Lexikonbände leichter gewesen. Aber wenn es nach ihnen gegangen wäre, hätte sich die Zahl der Kisten noch viel deutlicher reduziert.</p><p>Wozu brauchst du das alles? Die Frage ist so alt wie mein erstes Bücherregal. Und so alt wie der Hinweis: Geh doch in die Bibliothek! Da findest du jedes Buch. Und was du nicht findest, bestellst du per Fernleihe.</p><p>Und wieder denke ich an meinen Großvater: den Bibliotheksrat Helmut Deckert, wie er in seinen Grabstein auf dem Radebeuler Friedhof meißeln ließ. Der Titel bedeutete ihm viel. Na klar, durch seine Adern floß österreichisches Blut! Schon von Berufs wegen ging er jeden Tag in die Bibliothek. Ein Leben ohne Bibliothek wäre ihm nicht nur sinnlos erschienen, sondern unmöglich.</p><p>Und? Verzichtete er in seinen eigenen vier Wänden auf Bücher?</p><p>Eben.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/51c7cbe3-a1e0-4a14-b8cf-80af0ba04f87/uploads/images/lwoee72a3o/IMG_2089.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Doch an jenem heißen Sommertag, zwischen den Holzgerippen in meinem Arbeitszimmer, kam ich ins Grübeln. Das Thermometer zeigte 36 Grad (oder waren es 63?). Ich starrte die Kartons an, deren schwarze Zahlen vor meinen Augen zu tanzen schienen, und die letzten vollen Regalbretter. Und dann mußte ich niesen. Einmal, zweimal, dreimal ...</p><p>So viel Staub! Ich konnte es kaum glauben. Sogar die zwei Gedichtbände, in denen ich kürzlich gelesen hatte, waren von einer hauchdünnen Schicht bedeckt. Als würden sie den Staub anziehen wie ein Magnet ein Häufchen Eisenspäne.</p><p>Anderen Büchern sah man an, daß sie ihr Regalbrett seit Jahren nicht verlassen hatten. Bei einigen wußte ich noch, wo ich sie gekauft hatte – irgendwo unterwegs, in Berlin oder Göttingen oder Schweinfurt: wenn ich es nicht geschafft hatte, an einem Buchladen vorbeizugehen. Ich wollte sie unverzüglich lesen, gleich auf der Rückfahrt. Aber kaum saß ich im Zug, fiel mir ein, daß ich noch einen Gedanken notieren wollte. Außerdem waren zwei Mails zu beantworten (in Wirklichkeit waren es acht). Und dann war da dieser Satz, an dem ich gestern gescheitert war – vielleicht gelang es mir jetzt, ihn zu Ende zu bringen. Ich klappte den Laptop auf, und als ich ihn zwei Stunden später mit leerem Kopf wieder zuklappte, da klappten auch meine Augen zu.</p><p>Zu Hause war der Schreibtisch voll; alles mögliche war liegengeblieben, stand an, verlangte sofortige Erledigung. Und so wanderte das Buch erst mal auf einen der vom Boden aufragenden Stapel (die Stalagmiten) und Monate später ins Regal und aus meinen Gedanken. Da stand es und stand es – bis ich es nun mit schlechtem Gewissen abstaubte und in die Umzugskiste legte. Warte nur, bald les ich auch dich!</p><p>Aber schon im nächsten Moment hörte ich die Stimme wieder: Staubfänger, Staubfänger! Und zu den bösen Fragen, von denen mir noch der Kopf brummte, gesellten sich weitere, grundsätzliche. Nicht nur: Warum konnten sich Marcel Proust und Friederike Mayröcker nicht ein paar Zentimeter kürzer fassen? Sondern auch: Warum muß eigentlich alles gedruckt werden? Und vor allem: Warum muß das dann in meinem Bücherregal stehen?</p><p>Und wie um meine Zweifel zu bekräftigen, mußte ich erneut niesen. Einmal, zweimal, dreimal ...</p><p>Ja, es war der Staub, der mich ins Grübeln brachte. Nicht die Zahl der Bücherkisten und schon gar nicht das Keuchen der Möbelpacker. Der Staub und die Frage, warum ein Buch, das ich lesen will, erst jahrelang in meinem Regal – genau: vor sich hinstauben muß. Das kann es schließlich auch anderswo. Zum Beispiel in einer Bibliothek.</p><p>Was also tun?</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/51c7cbe3-a1e0-4a14-b8cf-80af0ba04f87/uploads/images/cvlembm3uk/IMG_9543.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Es gibt ein Gedicht von Eugen Roth, das ich vor Jahren las und seitdem nie mehr aus dem Kopf bekam. Im letzten Sommer, als ich einen Bücherstapel nach dem anderen in den Umzugskisten versenkte, mußte ich unablässig daran denken. Es heißt „Bücher“, und wie viele von Roths Gedichten beginnt es so schlicht wie schicksalsschwer mit den Worten: „Ein Mensch ...“</p><p>Es geht um einen Menschen, der sich bedrängt fühlt von all den Bänden, die ihn aus seinen Regalen vorwurfsvoll beäugen. Einst hat er sein Herz an sie gehängt, aber jetzt faßt er „aufs äußerste ergrimmt“ einen Entschluß, den er auch gleich in die Tat umsetzt. „Eh sie kaninchenhaft sich mehren“, fegt er die Staubfänger so energisch wie unbarmherzig von den Brettern: mit der Absicht, sie zu verkaufen.</p><p>Ein Anfang ist gemacht; und wie es weitergeht, scheint klar. Doch dann begeht der Mensch einen fatalen Fehler. Statt die Bücher sofort aus dem Haus und ins nächste Antiquariat zu schaffen, läßt er sie tagelang liegen. Kein Wunder, daß ihm der Haufen im Wohnzimmer ein ums andere Mal ins Auge sticht.</p><p>Zunächst nimmt er ihn noch „ungerührt“ zur Kenntnis. Aber dann, in einem schwachen Moment, kniet er sich hin und greift nach einem Band Schopenhauer. Er liest Seite um Seite – und kann gar nicht damit aufhören. Als er wieder aufschaut, ist es längst finster draußen.</p><p>Und nun folgt die Kehrtwende, mit der nach seinem schwungvoll ausgeführten Entschluß kaum mehr zu rechnen war. Aber der Schopenhauer hat ihn bekehrt: „Beschämt hat er nach Mitternacht / Ihn auf den alten Platz gebracht.“</p><p>Und nicht nur ihn. Auch Herder und E. T. A Hoffmann und wie sie alle heißen wandern zurück ins Regal, das bald wieder so aussieht wie drei Tage zuvor. (Vermutlich minus ein bißchen Staub.) Das Fazit ist dennoch erfreulich, Eugen Roth dichtet es mit Verve:</p><p>„Der Mensch, der so mit halben Taten, / Beinah schon hätt den Geist verraten, / Ist nun getröstet und erheitert, / Daß die Entrümpelung gescheitert.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/51c7cbe3-a1e0-4a14-b8cf-80af0ba04f87/uploads/images/vfvmv3bv3z/IMG_9530.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Entrümpelung ... was für ein Wort für das, was mir so wenig gelungen ist wie dem namenlosen Menschen in Roths Gedicht! Dabei wäre der Umzug die beste Gelegenheit dafür gewesen. Doch diese Erkenntnis kam zu spät – zwischen Karton 73 und Karton 74, um genau zu sein. Da war der größte Teil meiner Bücher schon eingepackt.</p><p>Freilich: wer umzieht, hat anderes im Kopf, als Bücher auszusortieren. Tausend Dinge sind zu bedenken und zu regeln. Vor allem muß die Wohnung leer werden; die Wohnung, in der man jahrelang nicht nur gelebt, sondern Leben angehäuft und Stalagmiten errichtet hat. Auf ein paar Kisten mehr oder weniger kommt es da nicht an.</p><p>Und auch am neuen Ort ist unendlich viel zu tun. Das Leben steht ja nicht still. Im Gegenteil: es greift nach einem, rüttelt und schüttelt und zieht einen in sich hinein wie ein Strudel (nur ohne Äpfel oder Birnen). Kein Wunder, daß man schon bald nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht – und wo das elfbändige Journal der Brüder Goncourt.</p><p>Will man nicht ewig zwischen Kisten leben, müssen die Bücher trotzdem in die Regale. Zumindest leidlich geordnet; für die Feinjustierung ist später noch Zeit. So spricht man sich Mut zu – um im Sommer darauf festzustellen, daß diese Zeit noch immer nicht gekommen ist. Geschweige denn die Zeit für die ersehnte – wie? Entrümpelung!</p><p>War also alles umsonst? Die tanzenden Zahlen bei 36 Grad (oder schon 37?), die ketzerischen Fragen zwischen viel zu vielen Umzugskisten? Aber nein!</p><p>Ich weiß, meinem Arbeitszimmer sieht man es nicht an. Aber etwas ist in Gang gekommen. Der Staub, der mir juckend und kratzend in die Nase fuhr, hat auch eine Gewißheit erschüttert. Schopenhauer hin, E. T. A Hoffmann her: Man muß nicht alles im Regal stehen haben. Jedenfalls nicht für immer.</p><p>Seit ich neulich angefangen habe, über Umzugskisten und Niagarafälle zu schreiben, ist mein Blick ein ums andere Mal über die Buchrücken hinter und neben mir gewandert. Und während der Sommer Fahrt aufnahm und mich daran erinnerte, wie mir vor einem Jahr der Schweiß in sirupdicken Tropfen über die Stirn lief, begann ich mit dem Bau eines neuen Stalagmiten.</p><p>Nein, von einer „Entrümpelung“ kann keine Rede sein. Es ist ja auch kein Gerümpel, was jahrelang in meinen Regalen stand. Staubfänger: na gut. Aber lesenswert sind sie allemal. Weshalb ich den Stalagmiten, als er mir fast bis zur Brust reichte, jedenfalls in akuter Einsturzgefahr war, in seine Bestandteile zerlegte und auf mein Fahrrad packte. Ein paar Straßen weiter gibt es einen öffentlichen Bücherschrank: groß und geräumig, gut gepflegt. Dorthin brachte ich die aussortierten Bände.</p><p>Als ich mit leeren Taschen nach Hause radelte, fühlte ich mich so beschwingt wie ein Vogel, der sich eines besonders quälenden Kirschkerns entledigt hat: was für eine Erleichterung!</p><p>Wie wäre es, dachte ich, während ich in die Pedale trat, wenn du das öfter machst? Wäre das Leben mit weniger Büchern nicht einfacher? Denn – gib es zu: An manchen Tagen fühlst auch du dich bedrängt von all dem, was in deinen Regalen steht, nur eine Armlänge entfernt von deinem Schreibtisch.</p><p>Aber ja! dachte ich, und der Gedanke, der mich da im Fahrtwind anwehte, reifte in Sekundenschnelle zu einem Entschluß. „Du mußt dein Leben ändern“, sagte ich mir mit Rilke und wußte, daß es gut war.</p><p>Natürlich, ich gebe es zu, waren meine Taschen nicht ganz leer. Natürlich hatte ich schauen müssen, was in dem Bücherschrank noch so stand. Und natürlich konnte ich nicht widerstehen. Nicht mehr als drei Bücher! schwor ich mir. Und daran hielt ich mich. Einmal, zweimal, dreimal ... Dann klopfte ich mir auf die Finger.</p><p>Zu Hause packte ich sie aus. Aber natürlich hatte ich mich verzählt (Rechnen war nie meine Stärke), und noch ein viertes Buch steckte in meinem Rucksack. Ein Erzählungsband von Alberto Moravia.</p><p>Wie hieß er noch gleich?</p><p>„Ein anderes Leben“.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/51c7cbe3-a1e0-4a14-b8cf-80af0ba04f87/uploads/images/mykz2p7g7j/IMG_2063.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><hr aria-hidden="true"/><p><strong>Wenn Ihnen Geschichten wie diese Freude machen und Ihr Leben bereichern, freue ich mich, wenn Sie meine freiberufliche Arbeit an „Wolken und Kastanien“ mit einer Mitgliedschaft unterstützen. Ganz ohne Staub und schwere Bücherkisten!</strong></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/about">☁️ 🌰 Mitglied werden</a></p><p></p><p><strong>Schon 2171 Leserinnen und Leser haben „Wolken und Kastanien“ kostenlos abonniert. Wenn auch Sie das möchten, geht das hier:</strong></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">☁️ 🌰 Hier eintragen</a></p><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 28 Jun 2026 05:04:38 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Die Letzte]]></title>
      <description><![CDATA[Über Renate Aris, der die Luftangriffe auf Dresden 1945 das Leben retteten, über ihren aschfarbenen gelben Stern und die überwucherte Rampe am alten Güterbahnhof]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über Renate Aris, der die Luftangriffe auf Dresden 1945 das Leben retteten, über ihren aschfarbenen gelben Stern und die überwucherte Rampe am alten Güterbahnhof</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a04f48b2-cbc6-4eff-aa7d-1e300f971827/uploads/images/r4anr4tygj/IMG_0406_NEU.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Motorenlärm über den Dächern, am Himmel ein Schatten. Es fallen Schüsse, und sie rennt. Rennt hinter den anderen Kindern her, die sich in einen Hauseingang flüchten: erschrocken, panisch. Mit klopfendem Herzen steht sie da und lauscht auf das, was draußen vor sich geht.</p><p>Da tritt ein bärtiger Mann auf sie zu, sieht den gelben Stern an ihrem Mantel, packt sie am Kragen und stößt sie auf die Straße hinaus: „Dich können sie ja wohl erschießen!“</p><p>Sie schweigt einen Augenblick. Es sieht so aus, als würden die Bilder von damals noch einmal an ihr vorüberziehen. Der Lärm des Flugzeugs; die Pflastersteine, über die sie atemlos sprang. Der alte Mann mit dem Bart, den sie noch heute zeichnen könnte.</p><p>An jenem Tag war sie acht oder neun. Der Krieg näherte sich seinem Ende. Noch war Dresden keine Trümmerwüste, lagen die Toten verbrannt in den Straßen, waren die Fensterscheiben in der Heroldstraße 14 nicht zersprungen. Noch trug sie den gelben Stern, wenn sie aus dem Haus ging – was nicht oft vorkam: Die Eltern hatten es ihr verboten, ihr und ihrem ein Jahr älteren Bruder.</p><p>Es war zu gefährlich, und was sollten sie auch draußen? Zur Schule gehen durften sie nicht. Andere Kinder spielten fast nie mit ihnen. Was nicht hieß, daß sie nicht doch hin und wieder ausbüxten: heimlich, wenn die Eltern zur Arbeit gegangen waren. So wie an diesem Tag mit dem Motorenlärm, den Schüssen, dem bärtigen Mann.</p><p>„Dich können sie ja wohl erschießen!“</p><p>Sie hört noch immer, wie er es zu ihr sagt. Noch jetzt, achtzig Jahre später, hat sie seine Stimme im Ohr.</p><p>Sie atmet tief ein und wieder aus. Dann sagt sie es: so sachlich und nüchtern, als würde sie ihrem Gegenüber den Weg erklären. „Sie haben mich nicht getroffen“, sagt sie. „Deshalb sitze ich noch hier.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a04f48b2-cbc6-4eff-aa7d-1e300f971827/uploads/images/qtajzfa5k5/IMG_9762.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Ich weiß nicht mehr genau, wann ich das Gedicht „Die Letzten“ das erste Mal gelesen habe. Hans Sahl schrieb es 1973, einige Jahre vor meiner Geburt. „Wir sind die Letzten. / Fragt uns aus. / Wir sind zuständig.“ Mit diesen Versen fängt es an, und mit diesen Versen endet es.</p><p>Sahl gehört zu denen, die den nationalsozialistischen Terror überlebten: durch Zufall oder Glück oder aus anderen unbegreiflichen Gründen, gegen jede Wahrscheinlichkeit. Als Jude und Hitlergegner war er gleich in doppelter Hinsicht gefährdet. Seine Klarsicht rettete ihm das Leben: Gerade noch rechtzeitig verließ er 1933 das Land. Auf Wegen, die so steinig wie gefährlich waren, gelangte er schließlich nach New York.</p><p>„Wir sind die Letzten. / Fragt uns aus. / Wir sind zuständig.“ Als ich diese Zeilen las, wußte ich: Das ging mich etwas an. Es muß Anfang der 1990er Jahre gewesen sein, denn ich erinnere mich, daß Sahl kurz darauf starb.</p><p>Was mich damals wunderte: wie früh er sich in seinem Gedicht zu den „Letzten“ gezählt hatte. Noch waren ja viele am Leben, die von den Schrecken dieser Zeit erzählen konnten. Freilich, seine Generationserfahrung war eine andere: Geboren 1902, hatte er siebzig Jahre später die meisten seiner Gefährten überlebt.</p><p>Ich habe diese Verse nie vergessen können. Damals, ich war vierzehn oder fünfzehn, nahm ich mir vor, Sahls Aufforderung zu beherzigen und zu fragen, wo immer sich eine Gelegenheit bietet. Zu fragen, solange noch Menschen da sind, die Auskunft geben können. Zu fragen, um festzuhalten, was sonst in Vergessenheit gerät.</p><p>Daß ich Hans Sahl nicht mehr begegnet bin, bedauere ich noch heute bei jeder Seite, die ich von ihm lese. Ich bin sicher, ich hätte ihm Löcher in den Bauch gefragt.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a04f48b2-cbc6-4eff-aa7d-1e300f971827/uploads/images/bkiuhrrp2y/IMG_0430_NEU.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>„Ich bin die Letzte“, sagt Renate Aris, die als junges Mädchen vor dem Tiefflieger in einen Hauseingang flüchtete. „Die letzte Überlebende der jüdischen Gemeinde, die es vor dem Krieg in Dresden gab. Alle anderen wurden ermordet oder sind gestorben.“</p><p>Auch Hans Sahl kam aus Dresden; sein eigentlicher Name war Hans Salomon. Begegnet sind sie einander nicht. Als sie am 25. August 1935 geboren wurde, war er längst fort.</p><p>Renate Aris war noch ein Kind, aber alt genug, um zu sehen und zu begreifen. Um die Bedrohung zu spüren und den Terror, der immer näherrückte. Noch heute erinnert sie sich an das Entsetzen ihres Vaters am 9. November 1938, als er zur Tür hereinkam und mit blassem Gesicht sagte: „Die Synagoge brennt.“</p><p>Die Synagoge, unweit der Brühlschen Terrasse von Gottfried Semper erbaut, kannte sie gut. Wenige Monate zuvor hatte dort ihre Tante geheiratet – bevor sie mit dem letzten Schiff von Bremen nach Chile emigrierte. Die Dreijährige hatte mit ihrem Bruder Blumen gestreut und begeistert den Klängen der Orgel gelauscht.</p><p>An jenem Tag steckten SA-Männer die Synagoge in Brand und verboten der Feuerwehr, die Flammen zu löschen. Kurz darauf wurde die Ruine gesprengt. Alfred Neugebauer, ein junger Feuerwehrmann, rettete einen der beiden Davidsterne und gab ihn nach dem Krieg der jüdischen Gemeinde zurück.</p><p>Es gab sie: Menschen, die den Mut hatten, nein zu sagen, sich zu widersetzen. Die sich selbst in Gefahr brachten, um anderen zu helfen. Aber es waren viel zu wenige, wie sich Renate Aris erinnert. Manchmal warf jemand ein Brot über den Zaun. „Jedes Brot war ein Geschenk.“</p><p>Doch der mutigste Mensch war ihre Mutter.</p><p>Susanne Aris, geborene Reinfeld. Sie, die keine Jüdin war, hatte 1933 in eine alteingesessene jüdische Fabrikantenfamilie eingeheiratet. Als Kind und junge Frau lebte sie in Paris; nach ihrer Rückkehr begegnete sie Helmut Aris. Daß sie in der Zeit des Nationalsozialismus nicht zum jüdischen Glauben konvertieren konnte, rettete ihrem Mann und den beiden Kindern das Leben. Die „Mischehe“ bewahrte diese vor der Deportation – bis kurz vor Kriegsende.</p><p>„Immer wieder haben die Nazis meine Mutter aufgefordert, Mann und Kinder zu verlassen. Dann geschehe ihr nichts. Sie hat es nicht getan.“</p><p>Die Folgen bekam sie an allen Ecken und Enden zu spüren. Nach Arbeit suchte sie lange Zeit vergeblich; schließlich stellte ein Gemüsehändler sie ein. Für die Familie ein Glück: Was es bei Juden auf die Lebensmittelkarte gab, reichte nie. Jeder Kohlkopf, den man ihr im Laden zusteckte, linderte die Not.</p><p>„Heute weiß ich das: Unsere Mutter hat auf vieles verzichtet, damit wir Kinder genug hatten. Letztlich ist sie daran auch gestorben – schon 1952. Die Ärzte sagten, das habe mit den Entbehrungen im Krieg zu tun. Sie war ja erst 41.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a04f48b2-cbc6-4eff-aa7d-1e300f971827/uploads/images/mffjgk7tw3/IMG_9752.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Es war nicht nur der Hunger. Es waren die Verbote, die immerwährende Bedrohung, die lähmende Angst und Hoffnungslosigkeit. „Höllenzeit“, <a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/posts/10768ea9-cac5-42ce-9d21-634772894d38">notierte Victor Klemperer</a> kurz nach den Novemberpogromen in seinem Tagebuch – und ahnte schon, daß der Terror gegen die Juden noch anschwellen und unvorstellbare Ausmaße annehmen würde.</p><p>Unvorstellbar auch für Helmut Aris, wie sich seine Tochter erinnert: „Er war ein kluger Mann und hatte eine enorme Kenntnis der jüdischen Geschichte. Er war der Ansicht: Juden wurden zu allen Zeiten verfolgt, es wird schon nicht so schlimm werden.“ Sie stockt, bevor sie weiterspricht: „Es wurde schlimmer, als jeder gedacht hatte.“</p><p>Vor allem das Jahr 1941 blieb ihr im Gedächtnis. In diesem Jahr wäre sie in die Schule gekommen. Statt dessen brachte es den gelben Stern.</p><p>Von da an folgte ein Verbot auf das nächste. „Juden Zutritt verboten!“ stand auf einem Schild auf der Treppe zur Brühlschen Terrasse. Juden durften keinen Park mehr betreten, kein Kino, keine Bücherei. Sie durften die Stadt nicht verlassen, nicht mehr die Straßenbahn benutzen; Fahrräder mußten abgeliefert werden. Sie durften keine Zeitschriften kaufen – ja nicht einmal Blumen. Auch Haustiere durften sie nicht haben.</p><p>„Wir Kinder hatten jeder ein kleines Kaninchen geschenkt bekommen. Dazu einen Stall, den wir im Garten aufgestellt haben. Eines Tages kamen zwei Männer, wir mußten die Kaninchen holen. Sie haben sie erschlagen: vor unseren Augen.“</p><p>Wie hält man das aus? Wie hält ein Kind das aus?</p><p>Renate Aris holt tief Luft. „Wir hatten keine Kindheit“, sagt sie. „Das Wort unbeschwert gab es nicht. Wir sind mit Verboten aufgewachsen: Das darfst du nicht, das haben wir nicht, das können wir nicht. Das war der Alltag. Möglichst nicht auffallen, nicht auf die Straße gehen.“</p><p>Draußen lauerte die Gefahr. Der Hitlerjunge, der sie nach ihrem Namen fragte und statt Aris „arisch“ verstand. Der bärtige Mann, der sie am Mantelkragen packte und auf die Straße stieß: „Dich können sie ja wohl erschießen!“</p><p>Nicht, daß man sich zu Hause sicher fühlen konnte. Aber ein Stück Geborgenheit war es doch – trotz der täglichen Polizeikontrollen. Glück im Unglück hieß: nicht in ein „Judenhaus“ ziehen zu müssen, sondern auf engstem Raum bei der „arischen“ Großmutter wohnen zu können. Die anderen Hausparteien hatten ihre Einwilligung geben müssen, und an der Wohnungstür war ein großer Stern anzubringen.</p><p>„Nein, wir waren keine Kinder mehr. Auch wenn sich die Eltern bemüht haben, uns mit ihren Sorgen nicht zu belasten. Aber wir sahen ja ihre Not. Wenn sie vor uns Französisch sprachen, war uns klar, daß sie über etwas sprachen, was wir nicht wissen sollten.“</p><p>Anderes teilte sich ohne Worte mit: „Wir haben gemerkt, plötzlich kam niemand mehr. Die Besucher blieben aus, die ganze Verwandtschaft; mein Vater hatte ja eine große Familie. Wo ist denn die Oma? haben wir gefragt. Wo sind Onkel und Tante? Da hieß es nur: Die sind verreist.“</p><p>Am 21. Januar 1942 wurde ihre Großmutter Recha Aris, die Mutter ihres Vaters, deportiert. Es war der erste Transport, der vom Güterbahnhof Dresden-Neustadt, auch Alter Leipziger Bahnhof genannt, abging. Nach viertägiger Fahrt erreichte der Zug mit 785 Menschen Riga.</p><p>Manfred Ogrodek, einer der wenigen Überlebenden dieses Transports, hat in einem erschütternden Bericht geschildert, was er als Elfjähriger empfand: „Wir wußten gar nicht, wohin wir verfrachtet würden. Damals waren wir noch der guten Hoffnung, daß man uns irgendwo ansiedelt, aber nein, ausrotten wollte man uns. Das war Deutschland.“</p><p>Recha Aris wurde 1942 in Riga erschossen. Auch ihre sieben Geschwister und deren Angehörige wurden deportiert. Zwanzig Familienmitglieder ermordete die SS in verschiedenen Lagern, andere sind verschollen. Nur ihr Zwillingsbruder und ein 14 Jahre altes Mädchen kehrten zurück.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a04f48b2-cbc6-4eff-aa7d-1e300f971827/uploads/images/ikayusveka/IMG_0337.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Der Stern, den Renate Aris damals fest vernäht am Mantel trug, liegt jetzt vor ihr auf dem Tisch. Ein dünnes Stück Stoff: einst leuchtend gelb, jetzt aschfarben – als wäre es getränkt vom Grauen jener Jahre.</p><p>Die Aufschrift „Jude“ in „hebräisierenden Buchstaben“, wie es in Victor Klemperers Tagebuch heißt, „handtellergroß, gegen 10 Pf uns gestern ausgefolgt“. Als wäre das Tragen des Sterns nicht schon entwürdigend genug, mußte er auch noch bezahlt werden.</p><p>Klemperer, der gemeinsam mit ihrem Vater in der Heilkräuter- und Teefabrik Willy Schlüter Zwangsarbeit leistete: Am 22. Juni 1943 notiert er, daß Helmut Aris seine beiden Kinder selber unterrichte, damit sie „nachher“ gleich auf eine höhere Schule gehen könnten. Er schreibt: „Eine ungeheure Schmach ist das Schulverbot. Die Juden sollen eben in Analphabetismus absinken. Es wird den Nazis aber nicht gelingen.“</p><p>Noch bis Oktober 1945 mußten die Kinder auf ihren ersten Schultag warten. Als es endlich soweit war, war Renate Aris zehn Jahre alt. Zusammen mit ihrem Bruder Heinz-Joachim kam sie gleich in die vierte Klasse.</p><p>Ihr Vater hielt sie an, fleißig zu sein, aber das war gar nicht nötig. „Es war so wunderbar zu lernen“, erinnert sie sich heute. „Wenn die anderen bedauerten, daß die Ferien zu Ende gingen, haben wir gesagt: Gott sei Dank! Wir hätten gar keine gebraucht.“</p><p>Mit jeder Rechenaufgabe und jedem Schulaufsatz ließen sie die Schreckensjahre hinter sich. Das Eingeschlossensein und die Verbote, das Alleinsein, die Angst.</p><p>Renate Aris nimmt das kleine Stück Stoff und heftet es zusammen mit einem zweiten, unbenutzten Stern an die graue Kennkarte mit dem großen J und dem erzwungenen zweiten Vornamen Sara. Das Paßfoto zeigt ein lachendes Mädchen.</p><p>„Was fühlen Sie“, frage ich, „wenn Sie diesen Stern sehen?“</p><p>Sie zuckt mit den Schultern.</p><p>„Nichts. Ich fühle nichts.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a04f48b2-cbc6-4eff-aa7d-1e300f971827/uploads/images/nlgn3kfwfq/IMG_9744_NEU.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Drei Jahre, vier Monate und 28 Tage trug Renate Aris den gelben Stern. 1246 Tage. Bis zum Abend des 15. Februar 1945, als die Mutter ihn vom Mantel riß und ihr damit das Leben rettete.</p><p>Zwei Nächte zuvor hatten sie im Keller ihres Hauses in der Heroldstraße gezittert und gebangt. Es war die Nacht, in der Dresden brannte. Das Feuer, entfacht von britischen und amerikanischen Bomben, verwandelte die Innenstadt in ein Flammenmeer.</p><p>„In Briesnitz ist ja nichts passiert. Ein paar Fenster sind durch den Luftdruck zu Bruch gegangen. Das war alles. Und trotzdem ... als die Bomben fielen, da haben Sie gedacht: Das Haus fällt über Ihnen zusammen.“</p><p>Und noch ein Anblick hat sich der Neunjährigen eingeprägt: „Eine alte Dame im Keller: mit einem Metallgefäß auf dem Kopf. Als könnte dieser kleine Topf sie schützen.“</p><p>Als es zu Ende war, leuchtete der Himmel blutrot über dem Elbtal. Aber für die letzten Dresdner Juden war die Gefahr nicht vorüber.</p><p>In der folgenden Nacht erzählte ihr Vater der Mutter, was ihm die ganze Zeit auf der Seele lag: Am 13. Februar hatte er den Deportationsbefehl für sich und die beiden Kinder erhalten. Drei Tage darauf sollten sie sich auf dem Zeughausplatz einfinden – dort, wo bis 1938 die Synagoge gestanden hatte.</p><p>Die Antwort ihrer Mutter: „Ich lasse meine Kinder nicht in den Tod gehen. Ich fliehe mit ihnen.“</p><p>Mit Tränen in den Augen machte sich Susanne Aris zu Fuß auf den Weg in die Stadt. Ihre Verzweiflung muß unermeßlich gewesen sein. Später hat sie erzählt, wie sie auf der Suche nach Hilfe eine fürchterliche Entdeckung machte: Die Freundin, die sie hatte aufsuchen wollen, lag mit ihren zwei Kindern von Trümmern erschlagen vor ihrem brennenden Haus.</p><p>In diesem Augenblick begriff sie, wie die Flucht gelingen konnte.</p><p>Sie eilte nach Hause, packte die Rucksäcke der Kinder und schärfte ihnen ein, wie sie ab jetzt heißen sollten. „Eure Namen gibt es nicht mehr.“ Mit etwas Glück würden die Namen der Toten ihnen helfen, der Gestapo zu entkommen.</p><p>„Sie hat uns den Stern abgerissen, wir haben uns verabschiedet und sind losgegangen.“ Ihr Vater mußte bleiben, um noch anderen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde den Deportationsbefehl zu überbringen. Danach wollte er versuchen, sich unter die französischen Zwangsarbeiter zu mischen, mit denen er in einer Abrißfirma schuftete. Sein Französisch war so gut, daß er es wagen konnte, sich als Franzose auszugeben.</p><p>Durch die Stadt zu kommen, war kaum möglich. Überall brannte es, jeder Schritt war gefährlich. „Es konnte ja hier ein Haus einstürzen, da ein Haus einstürzen. Wir mußten über Leichen drübersteigen. Die lagen auf den Straßen, völlig verbrannte Körper. Ach, ich habe furchtbare Dinge gesehen!“</p><p>Anderthalb Tage irrten sie durch Dresden. Dann, unverhofft: die Rettung. Als die Mutter auf dem Weißen Hirsch bei einem Bekannten klingelt und er sie und die Kinder sieht, begreift er sofort. Sein Haus ist voller Menschen, die ausgebombt sind und alles verloren haben. Doch er zögert nicht: „Kommt! Ich habe noch ein kleines Kämmerchen, da versteck ich euch.“</p><p>Ein früheres Ankleidezimmer, wenige Quadratmeter groß: Hier verbergen sie sich vor der Gestapo, die wie besessen nach den für die Deportation bestimmten Juden sucht. Um das Versteck zu tarnen, nagelt der Hausbesitzer Bretter in die Tür und legt ein Dutzend Winteräpfel darauf. Nur in der Nacht gehen sie hinaus, um frische Luft zu atmen.</p><p>Eines Tages sitzen sie in ihrem Versteck und hören Schritte, die näherkommen, fremde Stimmen. Ganz still sitzen sie da und lauschen auf das, was nebenan vor sich geht. Da hören sie, wie einer fragt: „Habt ihr hier Juden?“</p><p>Und was macht ihr Bekannter? Er tut so, als wüßte er gar nicht, was Juden sind. Der andere scheint sich damit zufriedenzugeben. Doch plötzlich ist seine Stimme ganz nah.</p><p>„Die Äpfel duften ja gut!“</p><p>Sie halten die Luft an. Als könnte man jenseits der Tür ihren Atem hören. Die Sekunden dehnen sich ins Unendliche.</p><p>Dann ist es vorbei. Sie hören, wie sich die Schritte entfernen und eine Tür ins Schloß fällt. Sie atmen tief ein und wieder aus. Blicken einander in die blassen Gesichter. Keiner sagt ein Wort.</p><p>Ein paar Wochen noch, dann ist der Krieg aus.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a04f48b2-cbc6-4eff-aa7d-1e300f971827/uploads/images/ylaqbhy27x/IMG_0449_2.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Wenige Tage nach unserer Begegnung stehe ich in der Dresdner Neustadt vor dem Alten Leipziger Bahnhof. Von hier fuhren die Züge mit den deportierten Juden aus Dresden und Ostsachsen nach Riga und Auschwitz. Am 21. Januar 1942 und am 3. März 1943. Der für den 16. Februar 1945 geplante Transport kam nicht mehr zustande, der Bahnhof war zerstört.</p><p>Heute ist das Gelände verfallen, das frühere Empfangsgebäude eine Ruine. „Wann“, „Wieviele“, „Wohin“ steht an der bröckelnden Fassade. Die Rampe, über die die Menschen in die Waggons steigen mußten, ist überwuchert von Birken und Moos. Verrostet liegen die toten Gleise im Gestrüpp.</p><p>Ein <a href="https://alter-leipziger-bahnhof.net/">Förderverein</a> will den Verfall aufhalten und den alten Güterbahnhof zu einem Ort des Gedenkens, des Lernens und der Begegnung machen. Eine von denen, die sich unermüdlich dafür einsetzen, ist Renate Aris. „Daß die Nachfahren der Ermordeten und ich als Überlebende darum kämpfen müssen, zeigt doch, wie sehr die Stadt einen solchen Ort braucht.“</p><p>An diesem Frühlingstag mit seinem Licht, dem frischen Grün, dem Vogelgezwitscher fällt es schwer, sich vorzustellen, was vor achtzig Jahren hier geschah. Wie die Menschen in die Waggons getrieben wurden, unter dem höhnischen Gelächter der Gestapo und der SS.</p><p>Während ich Schritt für Schritt über die einstige Rampe gehe, muß ich daran denken, was mir Renate Aris von ihrer Großmutter erzählt hat. Recha Aris, geboren 1881. Eine elegante Frau sei sie gewesen. „Eine Dame, wie man damals sagte. Nie hätte sie sich vor uns Kindern auch nur im Unterhemd gezeigt.“</p><p>Sie stockt, ehe sie weiterspricht.</p><p>„Man muß sich das einmal vorstellen: Sie kommt mit diesem Transport nach Riga. Kriegt die Haare geschoren. Muß sich nackt ausziehen, vor diesen jungen Soldaten, die ihre Enkel sein könnten. Muß sich umdrehen und wird erschossen.“</p><p>Ich stehe da und schaue. Schaue auf den grauen Schotter, die abgetretenen Pflastersteine, das Gras, das über alles wächst. Und höre die Stimme von Renate Aris, die jenen Satz sagt, der mir seit Tagen nicht aus dem Kopf geht:</p><p>„Jedesmal, wenn ich dort bin, denke ich: Über diese Rampe wärst du auch gegangen.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a04f48b2-cbc6-4eff-aa7d-1e300f971827/uploads/images/jgb76utknr/IMG_0399_NEU.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><hr aria-hidden="true"/><p><strong>Wenn diese Geschichte Sie berührt hat, bitte ich Sie herzlich, meine Arbeit gegen das Vergessen mit einer Mitgliedschaft bei „Wolken und Kastanien“ zu unterstützen. Damit ich weiterhin Geschichten für Sie schreiben und die Erinnerung wachhalten kann.</strong></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/about">☁️ 🌰 Mitglied werden</a></p><p>Wer möchte, kann „Wolken und Kastanien“ auch per Paypal unterstützen. 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Mai in </strong><a href="https://www.resonanzraum-erzgebirge.de/projekte/zeitspuren-erzgebirge-offenes-archiv-fuer-juedisches-leben"><strong>Thalheim</strong></a><strong> </strong><a href="https://tacheles.sachsen.de/veranstaltungen/victor-klemperer-ich-will-zeugnis-ablegen-bis-zum-letzten-tagebuch-1933-1945"><strong>im Erzgebirge</strong></a><strong> und am 3. Juni in </strong><a href="https://tacheles.sachsen.de/veranstaltungen/victor-klemperer-tagebuch-freiberg"><strong>Freiberg</strong></a><strong>.</strong></p><p><strong>Vielleicht haben Sie Lust und Zeit dabeizusein.</strong></p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/a04f48b2-cbc6-4eff-aa7d-1e300f971827/uploads/images/r4anr4tygj/IMG_0406_NEU.jpeg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Thu, 14 May 2026 05:18:26 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Putins kalte Augen]]></title>
      <description><![CDATA[Über das Dresden meiner Kindheit und den Rotarmisten mit der Handgranate, über Bomben, eine zersplitterte Frontscheibe und diese dunkle Gestalt in der Dämmerung]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über das Dresden meiner Kindheit und den Rotarmisten mit der Handgranate, über Bomben, eine zersplitterte Frontscheibe und diese dunkle Gestalt in der Dämmerung</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/4bb5e309-3027-4c2d-bf00-47ed988a3655/uploads/images/2lvlpcrqwp/IMG_8819_2.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Vor vier Jahren schrieb ich diesen kleinen Essay über das sozialistische Dresden meiner Kindheit, das in den 1980er Jahren auch das Dresden des KGB-Agenten Wladimir Putin war. Er erschien im Frühjahr 2022 zuerst in der Süddeutschen, dann in der Sächsischen Zeitung.</em></p><p><em>Schon mehrfach wurde ich gebeten, ihn auch in „Wolken und Kastanien“ zu veröffentlichen. Dieser Bitte komme ich heute nach. Angesichts all des Unheils andernorts ist es wichtig, daß nicht aus dem Blick gerät, was in der Ukraine geschieht.</em></p><p><em>Dank eines erbosten Leserbrief-Schreibers (in Dresden gibt es wahre Experten in dieser Disziplin!) weiß ich inzwischen, daß es sich bei der Waffe in der Hand des erwähnten Rotarmisten nicht um ein Maschinengewehr, sondern um eine Maschinenpistole handelt. Ich lasse das Gewehr hier stehen, denn mein Text ist ja auch ein Zeitdokument – eines, das nicht nur diesen Irrtum, sondern auch meinen Schock festhält über Rußlands brutalen Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022.</em></p><p><em>Daß dieser Krieg noch immer tobt und Tag für Tag ukrainische Städte zerstört und Kinder, Frauen und Männer von russischen Drohnen hingemetzelt werden – und keiner Putins mörderischem Treiben Einhalt gebietet, erfüllt mich mit Bitterkeit und Scham.</em></p><p><em>Nach der Veröffentlichung in der Süddeutschen Zeitung erhielt ich einen Anruf von Konrad Rufus Müller (1940-2023), dem Kanzlerfotografen, der einst einen Besuch Gerhard Schröders in Moskau mit der Kamera begleitet hatte. Er sagte mir, die Kälte in Putins Blick habe er genauso empfunden, wie ich es beschrieben hätte.</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Vor einiger Zeit saß ich einem Enkel des Psychiaters Paul Näcke (1851-1913) gegenüber. Er erzählte mir von seinem Großvater, der in Sankt Petersburg geboren und in Dresden aufgewachsen war, und zeigte mir die Kopie einer Kopie eines Manuskripts von Sigmund Freud, in dem dieser Näcke als denjenigen bezeichnet, der den Begriff Narzissmus in die Wissenschaft eingeführt hat.</p><p>War es wegen Sankt Petersburg oder wegen Dresden, daß mir gleich eine Formulierung von Joseph Brodsky in den Sinn kam? In einem Essay über seine von der Newa durchflossene Geburtsstadt (damals hieß sie Leningrad) spricht er von einer „Wasserspiegelung, die unausweichlich zum Narzissmus führt“.</p><p>Man sieht, was man sehen will. Und so war mein erster Gedanke, als ich das vor Jahren las: Was ließe sich Treffenderes über Dresden sagen, die selbstverliebte Stadt, die sich nicht sattsehen kann an ihren von der Elbe verdoppelten Türmen und Kuppeln?</p><p>Seit einigen Jahren steht ein Bilderrahmen dort, von wo aus Canaletto die markante Silhouette verewigte. Ein solcher Rahmen umgibt die Stadt auch in den Augen seiner Bewohner; selbst ihre Zerstörung im Bombenhagel 1945 gilt ihnen als einzigartig.</p><p>Nein, ein Wunder wäre es nicht, wäre Paul Näcke beim Gedanken an seine Dresdner Jahre auf den Terminus verfallen. Dresden als Wiege des Narzissmus: es gibt unwahrscheinlichere Geburtsmythen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/4bb5e309-3027-4c2d-bf00-47ed988a3655/uploads/images/hos6zgwc2z/IMG_8810.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Der Zufall will es, daß der Mann, dessen mörderisches Treiben gerade die Welt in Atem hält und den die Psychologengilde längst als lupenreinen Narzissten erkannt hat, im narzisstischen Leningrad geboren wurde und von 1985 bis 1990 als KGB-Agent im narzisstischen Dresden lebte. Daß in jener Zeit das Sowjetreich implodierte, hat Wladimir Putin, wie Kremldeuter nicht müde werden zu betonen, nie verwunden.</p><p>In Dresden erlebte er den Zusammenbruch der bis dahin wie betonierten europäischen Ordnung aus nächster Nähe. Ein Volk, das aus Verdruß über vierzig Jahre Diktatur seine Regierung stürzt: diese Erfahrung muß Putin ins Mark getroffen haben. Zumal sie ihn unmittelbar betraf. In der DDR waren die sowjetischen Besatzer die unumschränkten Herrscher gewesen; damit war es jetzt vorbei.</p><p>Der Dresdner Schriftsteller Heinz Czechowski hat den damaligen Paradigmenwechsel einprägsam beschrieben: „Plötzlich fuhren gepanzerte Wagen durch Leipzig und brachten die harte Mark in den Osten, schwer bewacht von Polizisten mit Karabinern. Und ein paar Tage später, als ich nach Magdeburg fuhr, standen die Russen an der Straße und verkauften ihre Kalaschnikows und Fässer mit Benzin. Und ich dachte: Mein Gott, das war einmal die Großmacht Sowjetunion!“</p><p>Will man begreifen, was Putin heute umtreibt, sollte man sich diese Bilder noch einmal vor Augen führen: Der triumphale Einzug des westlichen Kapitalismus in die bis dahin russisch dominierte Hemisphäre. Die ruhmreiche Sowjetarmee, die einst Hitler besiegt hatte und jetzt auf dem ostdeutschen Straßenstrich ihre Seele verkauft. Demütigung statt Bewunderung. Die Kränkung muß ungeheuer gewesen sein.</p><p>Zu zeigen, was all das mit dem Krieg gegen die Ukraine zu tun hat, mit Putins Haß auf den Westen, seiner Aversion gegen Demokratie (was, wenn der Funke auf Rußland überspringt?) und europäische Werte, wird dereinst Sache der Historiker sein. Aber schon jetzt ahnt man, wo die psychologischen Verbindungslinien verlaufen und wie prägend die in der Dresdner Zeit gemachten Erfahrungen waren.</p><p>Betrachtet man das Foto auf seinem 2018 entdeckten Stasi-Ausweis, den kalten Blick, das trotzig vorgereckte Kinn, schwankt man zwischen Frösteln und Fassungslosigkeit. Vom Spitzel zum Nero, der die Welt in Brand steckt: was für eine Karriere! Mindestens so erstaunlich wie der Aufstieg Dresdens nach 1989 vom „Barockwrack an der Elbe“ (Durs Grünbein) zur mittels Blattgold und Sandstein strahlend sanierten sächsischen Residenz. Führt nicht beides, um es mit Brodsky zu sagen, „unausweichlich zum Narzissmus“?</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/4bb5e309-3027-4c2d-bf00-47ed988a3655/uploads/images/n3yx4tua3s/IMG_9207.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Putins Dresden hat mit der heutigen Stadt kaum mehr als den Namen gemeinsam. Um sich das vor Augen zu führen, genügt es nicht, die Farbe von den Fassaden zu kratzen, die SUVs vom Blauen Wunder zu kehren und die Frischluftzufuhr abzustellen. Im Grunde müßte man die halbe Innenstadt abreißen.</p><p>Sogar die Dresdner Selbstliebe stieß damals an ihre Grenzen: Die Elbe war einfach zu dreckig, als daß sich viel darin gespiegelt hätte – abgesehen davon, daß der Canaletto-Blick seit 1945 nur noch fragmentarisch zu haben war. Die Frauenkirche ein Trümmerberg, der Hausmannsturm wie guillotiniert.</p><p>Denke ich an jene Jahre, fällt mir der verwitterte Rotarmist ein, der über dem Platz der Einheit aufragte: das Sowjetbanner in der linken Hand, vor der Brust das Maschinengewehr. Jeden Morgen, wenn ich auf dem Weg zur Schule die Straßenbahn wechselte, musterte ich verstohlen die Handgranate in seiner rechten Faust, die er im Begriff war zu werfen.</p><p>Der Krieg mochte Jahrzehnte her sein. Trotzdem erschien er mir nie als ferne Vergangenheit, sondern stets als mögliche Gegenwart. Aus dem Fenster meines Kinderzimmers sah ich die Ruine der St. Pauli-Kirche wie ein zerschossenes Wrack zwischen den verrußten Altbauten liegen. Ein Menetekel: Der Lehrerin, die uns Zehnjährige in die ideologische Mangel nahm, bereitete es eine sadistische Lust, uns das Fürchten zu lehren. Ihr besonderer Haß galt den Amerikanern, die, wie sie uns erklärte, bald wiederkommen würden, um erneut ihre Bomben auf unser schönes Dresden zu werfen.</p><p>Damals legte ich mir einen Plan zurecht, was ich tun würde, wenn wieder Krieg wäre. Ich wollte mich an den Straßenrand legen: die Stirn auf dem Pflaster, mit zugekniffenen Augen. Man würde mich, glaubte ich, für tot halten und in Ruhe lassen. Ich würde so lange dort liegen bleiben, bis der Krieg zu Ende wäre.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/4bb5e309-3027-4c2d-bf00-47ed988a3655/uploads/images/htwh5ugih2/IMG_8828.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Daß die russischen Soldaten, deren Uniformen die Dresdner Grautöne um eine olivgrüne Note ergänzten, unsere Freunde waren, wie es allenthalben hieß, trug nicht zur Beruhigung bei. Was sollten die ausgemergelten Kerle, die sich beim Laub-Zusammenrechen vor der Kaserne in der Otto-Buchwitz-Straße ein letztes Gefecht mit dem Wind lieferten, gegen die amerikanischen Bomber ausrichten?</p><p>Freilich, aus sowjetischen Kriegsfilmen wußten wir, daß sie auch anders konnten. Und die im Fernsehen übertragenen Paraden zum Tag des Sieges auf dem Roten Platz wirkten in schwarzweiß sogar noch furchterregender. Wollte man diesen Grusel ganz unvermittelt spüren, begab man sich in jene Gegend, in der auch der Plattenbau stand, in dem damals Wladimir Putin wohnte. Hier lebten die Familien der sowjetischen Offiziere; man erkannte sie an den oktoberrot geschminkten Lippen der Frauen und den großen weißen Haarschleifen der Mädchen.</p><p>An der von Militärbauten gesäumten Dr.-Kurt-Fischer-Allee, auf der wir zum Sonntagsausflug in die Dresdner Heide hinausrollten, bot sich den friedliebenden DDR-Bürgern ein martialischer Anblick: Direkt an der Straße stand aufgesockelt ein russischer Panzer, dessen Kanonenrohr auf die gegenüberliegende Straßenseite wies – mit anderen Worten: auf „unser schönes Dresden“, dessen ruinierte Altstadt in genau jener Richtung lag.</p><p>Besagte Straße war eine fürchterliche Ruckelpiste: Kopfsteinpflaster, die Löcher mit Teer geflickt. Einmal zerschlug dort ein durch das Geholper hochgeschleuderter Stein die Frontscheibe unseres Trabis. Im ersten Moment glaubte ich, ein Schuß von einem der umliegenden Wachtürme habe sie zertrümmert.</p><p>Aber nicht diese Schrecksekunde geht mir seit Putins brutalem Überfall auf die Ukraine unentwegt durch den Kopf. Da ist noch eine zweite Erinnerung, die sich in meinem Gedächtnis festgehakt hat wie eine Scherbe in einem Sieb.</p><p>Es war an einem Nachmittag im Herbst oder Winter. Es dämmerte schon; ich saß neben meinem Vater im Trabi, und wir waren gerade in die Dr.-Kurt-Fischer-Allee eingebogen, als direkt vor uns, ohne sich umzublicken, ein Mann auf die Straße trat. Sofort hatte mein Vater den Fuß auf der Bremse; ich wurde vor- und zurückgeschleudert. Gerade noch rechtzeitig kamen wir zum Stehen.</p><p>In diesem Moment drehte sich der Mann um. Sein Gesicht habe ich vergessen, aber nicht den Blick, den er uns zuwarf: eher wütend als erschrocken, doch vor allem finster. Finster und kalt. An mehr erinnere ich mich nicht; nur daran und an ein paar Worte Russisch, mit denen er uns anblaffte, was durch die Scheibe gut zu hören war. Brüsk wandte er sich ab, überquerte die Straße und verschwand in der Dämmerung.</p><p>Seit einigen Wochen denke ich unaufhörlich daran. Immer wieder versuche ich, mir die Szene ins Gedächtnis zu rufen. Immer wieder betrachte ich das Foto auf Putins Stasi-Ausweis, und immer wieder bleibt mein Blick an den kalten Augen hängen.</p><p>Und was, wenn er es war? Ich schiebe den Gedanken beiseite, schüttele den Kopf über mich selber. Hirngespinste. Aber die Frage verfolgt mich bis in den Schlaf. Was wäre gewesen, was würde sein, hätte mein Vater den Mann über den Haufen gefahren?</p><p>Ein Gedankenspiel, so verlockend wie hilflos. Doch ich kann es nicht ändern: der Film in meinem Kopf, er läuft und läuft. Die dunkle Gestalt in der Dämmerung, das Kreischen der Bremse, mein heftig klopfendes Kinderherz.</p><p>Und auf Odessa fallen die Bomben.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/4bb5e309-3027-4c2d-bf00-47ed988a3655/uploads/images/smfobouzim/IMG_8785.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><hr aria-hidden="true"/><p><strong>Ich freue mich sehr über das große Interesse an „Wolken und Kastanien“. Die Zahl der Leserinnen und Leser steigt immer weiter, inzwischen sind es 2104.</strong></p><p><strong>Was mir jedoch Sorgen bereitet: Die Zahl der Mitglieder nimmt seit Monaten ab. Daß ich meine Arbeit (ja, das ist meine Arbeit!) kostenlos ins Netz stellen kann, funktioniert nur, wenn der eine oder die andere bereit ist, „Wolken und Kastanien“ finanziell zu unterstützen.</strong></p><p><strong>Daher meine herzliche Bitte an diejenigen, denen das möglich ist (alle anderen lesen selbstverständlich kostenlos):</strong></p><p><strong>Schließen Sie eine Mitgliedschaft ab, wenn Ihnen diese gelegentliche Lektüre am Herzen liegt. Vielen Dank dafür!</strong></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/about">Mitglied werden ☁️ 🌰</a></p><p></p><p>Wer möchte, kann meine freiberufliche Arbeit an „Wolken und Kastanien“ auch per Paypal unterstützen. Auch dafür ein großes Dankeschön!</p><a href="https://www.paypal.com/paypalme/renatusdeckert">https://www.paypal.com/paypalme/renatusdeckert</a><hr aria-hidden="true"/><p>Erlauben Sie, daß ich Sie hier noch auf das <strong>Hilfsnetzwerk für Überlebende der NS-Verfolgung in der Ukraine</strong> hinweise. Es unterstützt Überlebende des Holocaust und ihre Familien, die jetzt unter Rußlands Krieg gegen die Ukraine leiden. Mit einer Spende können Sie helfen, die Not dieser Menschen zu lindern:</p><a href="https://hilfsnetzwerk-nsverfolgte.de/">https://hilfsnetzwerk-nsverfolgte.de/</a><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Mon, 06 Apr 2026 05:24:12 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Die Ameise auf der Zuckertüte]]></title>
      <description><![CDATA[Über meinen Urgroßvater und die Blitzableiter von Wien, über Zwetschkenknödel, eine Bienenwabe und Friedrich Deckerts Reise zur Weltausstellung 1900 in Paris]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über meinen Urgroßvater und die Blitzableiter von Wien, über Zwetschkenknödel, eine Bienenwabe und Friedrich Deckerts Reise zur Weltausstellung 1900 in Paris</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/73dd4b2f-4f6a-4134-8f21-c8e9177c35fa/uploads/images/qydapmo3k7/IMG_8432_NEU1.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Nein, ein Mozart war er nicht. Auch kein Klimt und kein Freud. Auf dem Heldenplatz hat ihn keiner bejubelt und im Burgtheater niemand ihn ausgebuht. Ja, nicht mal die Vierschanzentournee hat er gewonnen! Und doch sähe Österreich heute anders aus, wäre er nicht gewesen.</p><p>Der Stephansdom: eine abgebrannte Kerze, Schloß Schönbrunn: eine Aschewolke, von hilflosen Feuerwehrleuten beweint. Ganz zu schweigen vom Belvedere und dem österreichischen Parlamentsgebäude. Alles, alles wäre ein Raub der Flammen geworden – hätte nicht mein Urgroßvater Friedrich Deckert die Türme und Dächer Wiens mit Blitzableitern versehen.</p><p>Und? Wieviele Denkmäler erheben sich zu seinen Ehren? Von wievielen Marmorsockeln grüßt seine erhabene Gestalt? Von keinem einzigen. Sein Name ist so vergessen wie der irgendeines Würstelstandbetreibers aus Ottakring. Nicht mal ein Grab gibt es mehr. Undank ist der Welten Lohn!</p><p>Dabei hatte alles so glänzend begonnen.</p><p>Nun, nicht gleich an jenem 14. September 1873, als Friedrich in der Schikanedergasse 6 im vierten Bezirk geboren wurde. Erst im Jahr zuvor hatte sein Vater Wilhelm Deckert zusammen mit dem Finanzier Eduard Homolka ein Unternehmen gegründet, das schon bald als „Telegraphen-, Telephon- und Blitzableiter-Bau-Anstalt“ in halb Europa berühmt werden sollte.</p><p>Nein, ich übertreibe nicht! Der Mann mit dem passenden wilhelminischen Bart stand offenkundig unter Strom. Im Laufe von zwei Jahrzehnten machte er aus Deckert &amp; Homolka eine der größten elektrotechnischen Firmen der k. u. k. Monarchie mit über 1000 Angestellten und Hauptetablissements in Wien und Budapest sowie Filialen in Prag und Brünn.</p><p>Auch jenseits des Geschäftlichen scheinen sich die beiden Firmenchefs blendend verstanden zu haben. Homolka wurde der Taufpate von Friedrich, dafür wurde dieser mit zweitem Vornamen Eduard genannt. Dreizehn Jahre später war Homolka auch Friedrichs Firmpate.</p><p>Der Weg von der Firmung in die Firma war da schon vorgezeichnet. In einer Chronik, in der Friedrich alle ihm erwähnenswerten Ereignisse seines Lebens festgehalten hat, heißt es: „Am 1. Oktober 1892 in das Geschäft Deckert &amp; Homolka in Wien eingetreten. Zuerst ein Jahr als Mechaniker etc. praktiziert. 5 Gulden die Woche bekommen.“</p><p>Parallel dazu schreibt er sich an der Technischen Hochschule in Mathematik, Physik und Elektrotechnik ein. Bereits im folgenden Jahr legt er die Prüfung in Allgemeiner und Technischer Physik „mit sehr gutem Erfolg“ ab.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/73dd4b2f-4f6a-4134-8f21-c8e9177c35fa/uploads/images/iz3h45gtqq/IMG_8500_NEU.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Schon bald sind es 17 Gulden. Dafür bekommt Friedrich im Wiener Stadtgeschäft in der Kärntner Straße 42, schräg gegenüber der Oper, jede Menge zu tun. Für das Jahr 1894 notiert er mit kaum verhohlenem Stolz: „Telefon- und Blitzableiteranlagen ausgeführt und beaufsichtigt, Kassengeschäfte erledigt und Schecks in allen Wiener Banken einkassiert, Buchhaltung gelernt und Rechnungen geschrieben.“</p><p>Es ist das Jahr, in dem es für ihn hoch hinausgeht – nicht nur auf der Karriereleiter, sondern buchstäblich. Das erste Mal am 23. April in Mährisch-Kromau in der Nähe von Brünn: „Blitzableiter auf dem Schloß des Fürsten Liechtenstein und dessen Zuckerfabrik erstellt“, heißt es in seinen Aufzeichnungen.</p><p>In den folgenden Wochen setzt er Blitzableiter auf diverse Schlösser von Fürsten, Grafen und Erzherzögen, auf Heil- und Pflegeanstalten, Rathäuser, Gymnasien und Hotels sowie auf die Dächer von Pulver- und Zündschnurfabriken. Nein, Höhenangst scheint er keine gekannt zu haben. Nicht mal vor einem dreistündigen Aufstieg auf die damals noch seilbahnlose Raxalpe scheut er zurück – auch das Erzherzog-Otto-Schutzhaus bekommt seinen Blitzableiter.</p><p>Ich sehe ihn vor mir, wie er ein Dach nach dem anderen erklimmt. Ein junger Mann, halb milch-, halb schnurrbärtig, gewandt und drahtig, rank und schlank – kein Wunder: seit 1891 ist er ordentliches Mitglied der Wiener Turnerschaft. (Bin ich wirklich sein Urenkel?)</p><p>Was ihn antreibt? Mit ein bißchen Küchenpsychologie läßt es sich erahnen. Er ist der Sohn vom Chef – aber nicht deshalb ist er hier! Das will er allen zeigen. Sie sollen sehen, was für ein Kerl er ist: gescheit und geschickt, technisch beschlagen. Ein Gewinn für die Firma, womöglich ihre Zukunft! Und so steigt er immer weiter auf – und nicht nur auf Dächer: Am 1. November 1897 tritt er in das Technische Büro von Deckert &amp; Homolka ein, „mit 100 Gulden monatlich“.</p><p>Als bald darauf im Neuen Wiener Tagblatt ein Artikel über die Firma erscheint, heißt es darin: „Eines besonders guten Rufes erfreut sich das Unternehmen auf dem Gebiet der Blitzableiteranlagen.“ Das ist sein Verdienst! In der Firma ist der Sohn vom Chef der „Sachverständige für Blitzschutz und Blitzableiter-Bau“.</p><p>Und jetzt ist er buchstäblich ganz oben: Am 16. August 1899 steigt er das erste Mal auf den Stephansdom, um unter einem von Schäfchenwolken bevölkerten Himmel die gesamte Blitzableiteranlage zu rekonstruieren.</p><p>Während ich mir vorstelle, wie Friedrich in luftiger Höhe seiner Arbeit nachgeht, fällt mir ein, was Adalbert Stifter über den Blick „Vom Sankt Stephansturme“ auf die morgendliche Stadt geschrieben hat:</p><p>„Wie eine ungeheure Wabe von Bienen liegt sie unten, durchbrochen und gegittert, und doch allenthalben zusammenhängend, nur die Gassen nach allen Richtungen sind wie hineingerißne Furchen, und die Plätze wie ein Zurückweichen des Gedränges, wo man wieder Luft gewinnt. Senkrecht im Abgrund unter uns liegt der Platz St. Stephans, die Menschen laufen auf dem lichtgrauen Pflaster wie dunkle Ameisen herum, und jene Kutsche gleitet wie eine schwarze Nußschale vorüber, von zwei netten Käferchen gezogen, und immer mehr und mehr werden der Ameisen und immer mehr der gleitenden Nußschalen.“</p><p>Daß das Buch, in dem diese Beschreibung steht, 1844 gedruckt wurde, merkt man nur den wortreich wuchernden Sätzen an. Das Geschilderte selbst könnte genauso gut der Gegenwart entstammen. Die Gassen und Plätze in der Tiefe, das lichtgraue Pflaster – sogar die Pferdekutschen sind noch da.</p><p>Nicht viel anders wird es an jenem Sommertag gewesen sein, als Friedrich da oben seine Blitzableiter montierte. Wer unten stand und den Kopf hob, sah eine Ameise auf einer umgedrehten Zuckertüte.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/73dd4b2f-4f6a-4134-8f21-c8e9177c35fa/uploads/images/evqcoujulz/IMG_8437.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Als Friedrich Deckert ein halbes Jahrhundert später im Sterben lag und die Bilder seines Lebens an ihm vorbeizogen, stand ihm die Bienenwabe mit den Ameisen und Käferchen wieder vor Augen. Noch einmal fühlte er den leichten Schwindel, der ihn beim Blick in die Tiefe erfaßt hatte.</p><p>Doch es war ein glücklicher Schwindel: Gemessen an der Distanz zwischen Himmel und Erde war der Blitzableiter auf dem Stephansdom der Höhepunkt seines Lebens gewesen – näher war er den Wolken nie wieder gekommen.</p><p>In diesem Augenblick spürte er eine Hand auf seiner schweißnassen Stirn. Obwohl er die Augen geschlossen hatte, wußte er: Es war die Hand, die er vor langer Zeit in Wien im Ballsaal Ronacher zum ersten Mal geküßt hatte. Es war ein Frühlingstag gewesen, er erinnerte sich sogar noch an das Datum: 15. März 1898. Denn dieser Tag hatte alles verändert.</p><p>Etwas war in sein Leben getreten, etwas Großes, Wunderbares – mit nichts zu vergleichen, was er bisher gesehen und gefühlt hatte. Ich zögere, das Wort hinzuschreiben, aber es gibt keins, das so treffend bezeichnet, wie es ihn getroffen hatte: blitzartig.</p><p>Ja, wie ein Blitz hatte ihn die Liebe erwischt: ausgerechnet ihn, den Sachverständigen für Blitzschutz! Wie ein morscher Dachstuhl stand er in Flammen. Und er konnte nichts dagegen tun, nicht das geringste.</p><p>Helene ... Ihr Name ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Ihr Name und das Lächeln, das sie ihm zugeworfen hatte, als er an den Tisch trat, an dem sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester saß. Sein Freund Hermann Jakob hatte Friedrich vorgestellt.</p><p>„Helene“, flüsterte er jetzt, so viele Jahre später. Und wieder spürte er die Hand auf seiner Stirn. Ihre weiße, zarte Hand, die sie ihm damals so übermütig wie keck entgegengestreckt hatte. Jene Hand, um die er erst drei Jahre später hatte anhalten können. So lange mußte er sich gedulden, denn bei ihrer ersten Begegnung war sie noch nicht einmal 16.</p><p>„Ich werde auf sie warten!“ hatte er feierlich erklärt, als er nachher noch mit Hermann Jakob auf der Straße stand. Der hatte den Kopf hin- und hergewiegt, aber gesagt hatte er nichts. Vielleicht weil er wußte, was für ein Sturkopf dieser Deckert war. Wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, brachten ihn keine zehn Pferde davon ab.</p><p>Und tatsächlich: Dreieinhalb Jahre später, am 3. September 1901, wurden Friedrich und Helene im ersten Bezirk getraut. Das Warten hatte sich gelohnt – und das gleich in doppelter Hinsicht: Seit zwei Monaten war Friedrich Chefingenieur und Prokurist der Firma Deckert &amp; Homolka.</p><p>Tags darauf ging es auf Hochzeitsreise: nach Salzburg und Innsbruck, ausführlich in die Schweiz und schließlich nach München. Auf dem Rückweg machten sie Station in der Villa Deckert in Seewalchen, wo sie in der Herbstsonne im Attersee schwammen. Am 28. September kehrten sie, wie die Chronik vermerkt, nach Wien zurück. „Alle Zimmer waren mit Blumen geschmückt, und das neue Dienstmädchen stellte sich vor.“</p><p>Friedrich brauchte nur eines der Bilder zu betrachten, schon stürzten die Erinnerungen auf ihn ein. Unwillkürlich entfuhr ihm ein Seufzer. Der Blick vom Stephansdom hinab mochte wunderbar gewesen sein. Doch an das Glück, das er in jenen Septembertagen empfunden hatte, reichte nicht einmal die große summende Bienenwabe heran.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/73dd4b2f-4f6a-4134-8f21-c8e9177c35fa/uploads/images/multr64tet/IMG_8354_2.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Dreieinhalb Jahre! So lange hatte er gewartet: beharrlich, geduldig. Hatte Helene umschwärmt (wie ein nettes Käferchen?) und sich ihren Eltern als Schwiegersohn empfohlen, dem man bedenkenlos das Glück der geliebten Tochter anvertrauen konnte. Alles, alles hatte er in die Waagschale geworfen – und sich bei einem seiner unzähligen Besuche in ihrem Haus sogar den Magen verdorben: Um seiner zukünftigen Schwiegermutter zu imponieren, hatte er zu viele ihrer berühmten Zwetschkenknödel gegessen.</p><p>Von seiner Beharrlichkeit zeugt ein Stapel Postkarten, die er im Laufe der Zeit an Helene geschickt hat. Wo immer er hinfuhr, um Blitzableiter zu montieren, die Firma zu vertreten, Geschäftspartner zu treffen, schrieb er an sie – oft mehrmals am Tag.</p><p>In diesem Augenblick liegen sie vor mir: Postkarten aus Basel, Budapest, Triest – mit einer schönen, schwungvollen Handschrift bedeckt, die Buchstaben so winzig, daß man Fliegenbeine draus schnitzen könnte. Adressiert sind sie an: Fräulein Helene Lechner in der Sechskrügelgasse 8 in Wien. Manchmal ersetzt Friedrich das „Fräulein“ scherzhaft durch „Hochwohlgeboren“. Schreibt er aus Paris, steht da: „Mademoiselle“.</p><p>Aus Paris? Aber ja! Er kam ordentlich herum, nicht nur in Kakanien. Und nach Paris mußte er doch, um Deckert &amp; Homolka würdig zu vertreten: auf der Weltausstellung 1900. Er konnte es selbst kaum glauben. Die niederösterreichischen Teer- und Zündschnurfabriken lagen hinter ihm – jetzt stand ihm die Welt offen!</p><p>War der Stephansdom der luftige Höhepunkt und die Hochzeitsreise mit Helene das Glück auf Erden, dann muß Paris das größte Abenteuer seines Lebens gewesen sein. Zumindest war die Zahl der Postkarten, die er an seine Zukünftige schickte, so hoch wie nie zuvor.</p><p>Als ich eine Jahrhundertwende später das erste Mal über die Champs-Elysées flanierte, ahnte ich nicht, daß vieles von dem, was ich da anstaunte, errichtet worden war, um meinen Urgroßvater zu beeindrucken. Na gut, nicht nur ihn! Da waren ja auch noch die anderen 48 Millionen Besucher.</p><p>Nicht, daß man für die Weltausstellung noch einen zweiten Eiffelturm neben die Seine gestellt hätte (der erste, beim letzten Mal errichtet, ragte noch immer ins Himmelsblau). Aber flußaufwärts hatte man weder Kosten noch Mühen gescheut und die halbe Stadt neu möbliert.</p><p>Da waren, beide wie aus dem Ei gepellt, das Grand Palais und das Petit Palais. Da war die Pont Alexandre III, eine der schönsten Brücken von Paris. Da war die Gare d’Orsay, deren prächtige Hallen heute keine Dampfwolken mehr erfüllen, sondern die Ahs! und Ohs! der Betrachter von Monets „Seerosen“ und Manets „Olympia“. Und da war die Gare de Lyon, von wo aus noch immer die Züge in den Süden fahren.</p><p>Sogar in die Unterwelt hatte man sich vorgewagt und die erste Linie der Pariser Métro gebaut. Sie verkehrte zwischen Porte Maillot und Porte de Vincennes. Allerdings war man nicht rechtzeitig fertiggeworden – kein Wunder bei nur 17 Monaten Bauzeit (Grüße nach Stuttgart!). Und so fuhren die Züge erst im Juli. Da war Friedrich schon wieder über alle Berge.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/73dd4b2f-4f6a-4134-8f21-c8e9177c35fa/uploads/images/spm23rsusn/IMG_8483_NEU.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Anhand der Postkarten kann ich verfolgen, wann er in Paris eintrifft (am 12. April 1900), wo er wohnt (im Hotel „Moderne“ an der Place de la Republique) und was er ißt (Austern? Rindfleisch aus Burgund?) – ach nein, das schreibt er ja gar nicht! Im Gegenteil: Mit knurrendem Magen wetzt er durch Paris. So klingt es jedenfalls, wenn er klagt: „Nicht mal zum Essen hat man Zeit.“</p><p>Tatsächlich, in den ersten Tagen hat er alle Hände voll zu tun. Ruckzuck muß er in der österreichischen Abteilung im „Palais de l’Electricité“ die Präsentation der Firma aufbauen. Schon am 15. April ist die Eröffnung, und die Aussteller werden, wie Friedrich notiert, „voller Rohheit angetrieben“, damit alles rechtzeitig an seinem Platz ist. „Ich hätte mir 20 Hände gewünscht!“ stoßseufzt er an Helene.</p><p>In dem Band „Die Pariser Weltausstellung in Wort und Bild“, erschienen 1900 in Berlin, kann man nachlesen, was genau es war, das an seinem Platz zu sein hatte: „Deckert &amp; Homolka, Wien, ist durch ein umfangreiches Assortiment von Telephonstationen für die verschiedensten Bedürfnisse und in mannigfaltiger Ausführung, Telephonumschalter, Blitzschutzvorrichtungen und Abschmelzsicherung, sowie einen akustischen Apparat zur Konstatierung der Lautstärke von Mikrophonen repräsentiert.“</p><p>Ich lese das voller Bewunderung – und mit einer erhobenen Augenbraue. Von Friedrichs elektrotechnischem Sachverstand habe ich so wenig geerbt wie vom Firmenvermögen von Deckert &amp; Homolka. Daß ich mich stundenlang über die Exponate meiner Vorväter gebeugt hätte: ich kann es mir nur schwer vorstellen.</p><p>Friedrich hätte wohl auch keine Zeit gehabt, mir jede „mannigfaltige Ausführung“ zu erklären. Schon am 27. April macht er sich wieder auf die Heimreise. Bis dahin ist er ein vielbeschäftigter Mann. Morgens um acht geht er in die Ausstellung, abends um acht kehrt er zurück. Was genau er dort treibt, ist nicht überliefert. Aber die Geschäfte scheinen glänzend zu gehen.</p><p>Von dem, was er sieht und erlebt, zeigt er sich begeistert. Wie großartig die Weltausstellung sei, teilt er Helene mit, könne er nur mündlich schildern. „Das allgemein angestaunte Fach“, berichtet er voller Stolz, „ist die Elektrotechnik; sie hat enorme Fortschritte gemacht.“</p><p>Sein Urenkel, den wohl demnächst die KI ersetzt, muß neidlos anerkennen: Friedrich hat auf das richtige Pferd gesetzt.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/73dd4b2f-4f6a-4134-8f21-c8e9177c35fa/uploads/images/ogw7qq7onw/IMG_8509_1.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Durch seine frühe Abreise entgeht ihm manches. Bei der Eröffnung ist die Ausstellung erst halb fertig; an allen Ecken und Enden wird noch hektisch geschraubt und gehämmert. Auf den überlieferten Ansichten erstrahlt der Elektrizitätspalast nach Sonnenuntergang wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Nur Friedrich geht kein Licht auf – in den ersten Wochen ist es nach Einbruch der Dunkelheit stockduster.</p><p>Kein Wunder, daß seine Kartengrüße nicht so überschwenglich klingen, wie man vermuten könnte. In Paris herrsche ein „unbeschreiblicher Rummel“, läßt er Helene wissen. Die Stadt sei eine einzige große Baustelle, viele Straßen seien aufgerissen und unpassierbar. Ein ums andere Mal beklagt er den Staub, die Hitze und den Trubel. „Ein ohrenbetäubender Lärm erfüllt die Luft bis in die Nacht hinein.“</p><p>Das hindert ihn nicht daran, Paris ausgiebig zu besichtigen. Die 24 Postkarten, die er in die Sechskrügelgasse schickt, zeigen den Eiffelturm bei Mondschein und Schloß Versailles, dessen Gärten ihn entzücken, den von Pferdekutschen wimmelnden Boulevard de la Madeleine und die Oper, die Place de la Bastille mit der Julisäule und immer wieder die Weltausstellung. Beschwingt vom Pariser Frühling versucht er sich sogar an ein paar Sätzen Französisch.</p><p>Eine besondere Anmerkung gilt Notre-Dame: „Diese Karte“, schreibt er an Helene, „zeigt Ihnen die Eigentümlichkeit der französischen Kirchtürme. Es macht den Eindruck, als ob man in der Mitte vom Bauen aufgehört hätte.“ Nein, ein Kunsthistoriker war Friedrich nicht.</p><p>Mit einem Dampfer fährt er auf der Seine und staunt über die Pracht der am Quai d’Orsay aufgereihten Pavillons: „dieser Teil der Ausstellung ist wohl der allerschönste“. Er ruht nicht eher, bis er jeden einzelnen erkundet hat. Wenn ihm die Beine wehtun, gleitet er für 50 Centimes auf dem Rollenden Fußweg über das Ausstellungsgelände, am Eiffelturm vorbei – mal mit „grande vitesse“ und mal mit „petite vitesse“, je nachdem, wie eilig er es hat.</p><p>Am Ende ist sein Blick so müde, daß er nichts mehr hält. Am 27. April kündigt er Helene seine Abreise an: „Es ist eine förmliche Erleichterung für mich, endlich aus diesem Getriebe und Staub herauszukommen. Man ist infolge der Größe der Stadt und Ausstellung jeden Abend müde, und froh bin ich, daß diese Jagerei ein Ende hat.“</p><p>Natürlich ist Paris wunderbar! Aber es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, mit denen es auch eine Weltausstellung nicht aufnehmen kann. Und so schreibt er: „Ich habe hier unendlich viel gesehen und gelernt, aber mir ist alles schon gleichgültig, und ich sehne mich wirklich schon sehr, in Ihre lieben Augen blicken zu können, was mein ganzes Glück ist. Allerinnigste Grüße von Ihrem treuen, aufrichtigen Fritz.“</p><p>Es ist seine letzte Postkarte aus Paris. Über Basel, Zürich und Innsbruck geht es heimwärts. Er kann es kaum erwarten.</p><p>Vier Wochen später, am 24. Mai 1900, wird seine Noch-nicht-ganz-Verlobte 18 Jahre alt. Friedrich gratuliert mit einem Strauß duftender Rosen und mit Pralinen, die er in einer Pariser Confiserie gekauft hat.</p><p>Tags zuvor ist er erneut auf den Stephansdom gestiegen, um die Blitzableiter zu überprüfen. Unter ihm brodelt die Stadt. Vielleicht steht diesmal Helene auf dem lichtgrauen Pflaster und reckt den Hals. Nur hin und wieder folgt jemand neugierig ihrem Blick – aber nur um sogleich weiterzuhasten und sich zu fragen: Hält sie Ausschau nach den Tauben?</p><p>Das können die Leute ja nicht wissen! Daß die Ameise auf der umgedrehten Zuckertüte der Chefingenieur Friedrich Deckert ist, der es an diesem Morgen auf die Spitze treibt und einmal mehr Wien vor einer Feuersbrunst bewahrt.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/73dd4b2f-4f6a-4134-8f21-c8e9177c35fa/uploads/images/vkvimuzq45/IMG_8245_NEU1.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><hr aria-hidden="true"/><p>Schon 2077 Leserinnen und Leser haben „Wolken und Kastanien“ abonniert. Wenn auch Sie regelmäßig meine <a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">Geschichten erhalten</a> möchten, tragen Sie sich gern hier ein:</p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">Kostenlos abonnieren</a></p><p><strong>Liegt Ihnen „Wolken und Kastanien“ am Herzen? 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Sie finden die Geschichte hier:</p><a href="https://steadyhq.com/de/renatus-deckert/posts/51d8ba0c-9dee-467b-925f-5632c6c1dec6">https://steadyhq.com/de/renatus-deckert/posts/51d8ba0c-9dee-467b-925f-5632c6c1dec6</a><p><strong>Zu den Fotos:</strong></p><p>Die schönen Bilder bzw. Hintergrundbilder mit Motiven der Weltausstellung 1900 entstammen dem dreibändigen Werk „L‘Exposition de Paris“, Librairie Illustrée. Montgrédien &amp; Cie, Paris 1900.</p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 08 Mar 2026 05:59:32 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Der rote Stein]]></title>
      <description><![CDATA[Über eine rätselhafte Begegnung und Bälle, die über Abgründe fliegen, über ein weißes Kaninchen, das Klappern von Sandalen und den wütenden Schrei eines Kellners]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über eine rätselhafte Begegnung und Bälle, die über Abgründe fliegen, über ein weißes Kaninchen, das Klappern von Sandalen und den wütenden Schrei eines Kellners</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/748dbfb8-3f66-4555-9866-300bf67363c5/uploads/images/vrh2tygux6/IMG_7127_3.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Sie war schon eine halbe Stunde über die Zeit, als ich sie anrief. Ich fragte, wo sie bleibe. Wir seien um zehn verabredet gewesen. Sie brauchte einen Augenblick, bis sie begriff, wer ich war. Vielleicht hätte ich es da schon wissen können. Aber wer denkt denn an so etwas?</p><p>Und dann war da ja auch die Sache mit dem Auto. Kein Wunder, daß sie ganz durcheinander war.</p><p>„Es tut mir leid!“ rief sie aus. „Ich hatte Ihre Telefonnummer nicht. Ich steh hier an der Straße mit dem Auto meiner Tochter ... Es fährt einfach nicht weiter!“</p><p>Oje, sagte ich. Wie ärgerlich! Aber keine Sorge, die Wohnung renne ja nicht weg. Wann sie denn da sein könne?</p><p>„In einer Viertelstunde. Meine Tochter holt mich ab. Sie muß jeden Moment hier sein.“</p><p>Kein Problem, beruhigte ich sie. Klingeln Sie einfach, wenn Sie da sind. Um elf ist dann die nächste Besichtigung.</p><p>„Die nächste ...?“ Sie schien überrascht.</p><p>„Ja“, sagte ich. „Heute vormittag sind zwei Besichtigungen. Eine um zehn und eine um elf.“</p><p>Kurz war es still. Aber dann faßte sie sich rasch. „Ich beeil mich!“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/748dbfb8-3f66-4555-9866-300bf67363c5/uploads/images/b4qxp7pspz/IMG_6770.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Eine Viertelstunde später klingelte es – auf die Minute genau. Ich öffnete und hörte, wie unten die Haustür aufging und wieder ins Schloß fiel, dann das Klappern von Schritten. Auf dem Treppengeländer erschien eine zierliche Hand mit zwei goldenen Ringen: der eine mit einem roten Stein, der von Stockwerk zu Stockwerk größer wurde.</p><p>Die Vermieterin hatte mir ihren Namen genannt. Ein Doppelname, der solide klang: nach Anwältin oder Arztgattin. „Eine sehr freundliche Dame!“ hatte sie gesagt, „sehr nett“, und mich gebeten, ihr die Wohnung als erste zu zeigen. „Sie arbeitet in der Schweiz.“</p><p>„Kennen Sie sie?“ hatte ich gefragt, weil sie so vertraut von ihr sprach, als wäre sie eine alte Freundin.</p><p>„Kennen?“ Sie lachte. „Nein, nein! Wir haben nur telefoniert, aber ganz lange.“  </p><p>Sie war um die fünfzig: eine elegante Frau in einem hellen Sommermantel. Dunkelbraune, nach hinten gebundene Haare. Ihre Sonnenbrille mit den goldenen Bügeln hatte sie in die Stirn geschoben.</p><p>Als sie im dritten Stock ankam, war sie außer Atem. Lag es an den vielen Treppenstufen, oder war sie so schnell gelaufen, um rechtzeitig da zu sein? Es tat mir leid, daß ich die zweite Besichtigung erwähnt hatte. Eigentlich gab es keinen Grund zur Eile. Die beiden Frauen hätten sich die Wohnung ja auch gemeinsam anschauen können.</p><p>„Entschuldigen Sie!“ rief sie aus. „Das ist mir ... sehr unangenehm.“</p><p>„Aber nein“, sagte ich. „Jetzt sind Sie ja da.“</p><p>Sie warf mir einen dankbaren Blick zu, und ich bat sie herein.</p><p>Vielleicht weil sie sah, daß ich barfuß war, streifte sie ihre Sandalen ab. Ihre Füße waren klein und zart und sonnengebräunt. Die Fußnägel glänzten im selben Rot wie der Stein an ihrer Hand.</p><p>„Wunderbar!“ sagte sie, als sie das Wohnzimmer betrat. Ich mußte lachen, weil ich an eine Freundin dachte, die, wenn sie irgendwo eingeladen war, das Essen schon vor dem ersten Bissen überschwenglich lobte.</p><p>„Schauen Sie sich um!“ sagte ich. „Eine bessere Gelegenheit gibt es nicht. So aufgeräumt ist es nicht immer.“</p><p>Es war, als hätte ich sie auf einen Gedanken gebracht. Sie trat einen Schritt zurück, drehte den Kopf hin und her, sah zur Decke hinauf und musterte den Fußboden. Dann ging sie auf das große Fenster zu.</p><p>„O wie schön!“ rief sie aus. Ihre Stimme klang so begeistert wie die eines kleinen Mädchens.</p><p>Tatsächlich, es war ein herrlicher Tag. Der Himmel pastellfarben, mit ein paar Schäfchenwolken garniert. Ein weiches Licht lag auf den Dächern und brachte das Rot der Ziegel zum Leuchten. So wie damals, als wir zum ersten Mal hier gestanden hatten. Ein Blick aus dem Fenster hatte genügt, um zu wissen: Hier wollen wir bleiben.</p><p>„Warten Sie! Ich mach Ihnen die Balkontür auf.“</p><p>Ich fühlte mich wie ein Zauberer: in dem Augenblick, bevor er das weiße Kaninchen aus dem Hut zieht. Wie dieser wußte ich, was gleich folgen würde. Unzählige Male hatte ich in staunende Gesichter geblickt und die entzückten Ausrufe mit einem Lächeln quittiert. Nichts anderes erwartete ich auch jetzt.</p><p>Aber noch ehe ich die Hand ausstrecken konnte, wehrte sie mit erschrockener Miene ab. „Nein! Das ist nicht nötig.“</p><p>Verblüfft sah ich sie an. Daß sich jemand den Blick über die Dächer entgehen ließ, war mir neu.</p><p>Sie hatte meine Überraschung bemerkt. „Die Aussicht ist ganz phantastisch“, beeilte sie sich zu sagen. Ihre roten Lippen schwangen sich zu einem Lächeln auf. „Wie alles an der Wohnung!“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/748dbfb8-3f66-4555-9866-300bf67363c5/uploads/images/azznolcgcc/IMG_7172_2.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Dachte ich später an die Viertelstunde zurück, die ich mit ihr allein gewesen war, kam es mir so vor, als hätten wir uns die ganze Zeit Bälle zugespielt. Das Schöne war: Sie hatte die Fähigkeit, sie alle in der Luft zu halten – selbst dann, wenn ich einmal schlecht gezielt hatte. Nicht einer fiel zu Boden, kein einziges Mal.</p><p>Offenbar war sie es gewohnt, mit Leuten im Gespräch zu sein. Man spürte es daran, wie sie stets den richtigen Ton traf und mit welcher Präzision sie Pausen setzte, wie sie ein Thema anschnitt oder wechselte, bevor es sich erschöpfte oder langweilig wurde, und wie hellwach sie reagierte: immer darauf bedacht, ihrem Gegenüber Raum zu geben.</p><p>So wie mit mir mußte sie auf unzähligen Empfängen geplaudert haben: ungezwungen, charmant, voller Leichtigkeit über alle Abgründe hinweg.</p><p>„Sie kommen aus der Schweiz?“ hatte ich gefragt.</p><p>„Nein, nein!“ Sie lachte. „Nicht gebürtig.“ Sie habe nur viele Jahre in der Schweiz gearbeitet.</p><p>„Wo genau?“</p><p>„In der Nähe von Bern.“</p><p>Im nächsten Augenblick unterbrach sie sich selbst. „Das ist ja entzückend!“ Sie zeigte auf eine Kinderzeichnung, die in einem Rahmen an der Wand hing. Sie stellte sich davor und betrachtete ausgiebig jedes Detail.</p><p>„Kinder sind einfach wunderbar! Ich habe auch eine Tochter. Sie ist aber schon erwachsen.“</p><p>„Und heute hat sie Sie gerettet.“</p><p>Sie lächelte unbestimmt und schien sich gar nicht lösen zu können von den bunten Krakeln. Schließlich wandte sie sich mir zu.</p><p>„Sie wohnt nicht weit von hier. Über dem Café Central. Kennen Sie das?“</p><p>„Aber ja! Das ist ja ein Katzensprung.“</p><p>Sie strahlte mich an. „Ich wäre dann ganz in ihrer Nähe. Wenn ich die Wohnung bekomme ...“</p><p>„Das wünsche ich Ihnen“, sagte ich.</p><p>„Das ist nett!“ rief sie aus und warf mir einen dankbaren Blick zu.</p><p>Wir gingen von Zimmer zu Zimmer, sie zeigte sich von allem begeistert und hörte gar nicht auf zu loben und zu schwärmen. Auch die Küche gefiel ihr. Daß sie schon älter war, schien sie nicht zu stören. „Wissen Sie“, sagte sie, „die Schweizer mögen es, wenn etwas schon gebraucht ist und ein bißchen Patina hat.“ Das spreche ja für die Dinge: daß sie halten, obwohl sie schon ein paar Jahre in Gebrauch seien. Ihr gefalle das.</p><p>Sie wollte alles übernehmen – auch das kleine Wandregal, das so gut in die Ecke paßte. „Dafür gebe ich Ihnen etwas. Und auch für den Gefrierschrank, ist doch klar!“</p><p>Auf der Küchenuhr sah ich, daß es eine Minute vor elf war. Gleich würde die andere Frau kommen.</p><p>„Eine Sache noch“, sagte ich. „Wir planen unseren Umzug für den 10. Juli. Vielleicht könnten wir uns so einigen, daß ...“</p><p>Noch ehe ich weitersprechen konnte, unterbrach sie mich. „Aber das ist doch kein Problem!“ rief sie aus. „Dann zahle ich ab dem 11. Juli die Miete. Selbstverständlich!“</p><p>In diesem Moment klingelte es. Ich sah, wie sie zusammenzuckte.</p><p>„Das wird die Dame sein, die nach Ihnen die Wohnung anschaut“, sagte ich und ging, um die Haustür zu öffnen.</p><p>Auf einmal hatte sie es eilig. Sie schlüpfte in ihre Sandalen und bedankte sich hastig. „Ich rufe Ihre Vermieterin gleich an. Ich bin sehr, sehr interessiert!“</p><p>Sie war schon zur Tür hinaus, da kam sie noch einmal zurück, näherte ihr Gesicht dem meinen und flüsterte mir zu: „Legen Sie ein gutes Wort für mich ein.“</p><p>„Das mach ich“, sagte ich und nickte ihr aufmunternd zu.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/748dbfb8-3f66-4555-9866-300bf67363c5/uploads/images/3orfhwtfha/IMG_7152_NEU.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Die andere Frau war gerade gegangen, da klingelte das Telefon. Es war Julia, die wissen wollte, wie es gelaufen war.</p><p>„Ich glaube, ich habe heute unsere Nachmieterin kennengelernt!“</p><p>„Wirklich? Wer ist es denn?“</p><p>„Die Frau aus der Schweiz“, sagte ich. „Sie war ganz begeistert. Von allem! Die Küche gefällt ihr, und für die Wandregale will sie sogar eine Ablöse zahlen.“</p><p>„Na, wunderbar.“</p><p>„Und weißt du, was das beste ist? Das war’s mit den Besichtigungen! Ab jetzt haben wir Ruhe.“</p><p>„O nein!“ rief sie mit gespieltem Bedauern. „Dann mußt du ja gar nicht mehr aufräumen.“</p><p>„Herrlich!“ sagte ich, und wir lachten beide.</p><p>Am Nachmittag telefonierte ich mit der Vermieterin. Ich sagte ihr, daß heute die Frau aus der Schweiz dagewesen sei. „Sie hatten mich ja gebeten, ihr die Wohnung als erste zu zeigen.“ Sie sei sehr angetan gewesen und wolle die Wohnung unbedingt mieten.</p><p>„Und?“ fragte sie. „Was für einen Eindruck hatten Sie?“</p><p>„Was soll ich sagen? Sympathisch, freundlich. Wirklich angenehm! Da hatten Sie ein gutes Gespür.“</p><p>Sie lachte. „Ich weiß nicht. Sie klang einfach nett. Und scheint es ja auch wirklich zu sein. Also, ich denke, das könnte passen!“</p><p>Es stellte sich heraus, daß sie schon angerufen hatte. Morgen vormittag würde die Vermieterin sie treffen. „Wir sind in einem Café hier im Nachbarort verabredet. Sie kommt zu mir herausgefahren. Da bin ich, ehrlich gesagt, ganz froh. Sonst müßte ich morgen in die Stadt fahren.“</p><p>Die andere würde ihre Papiere mitbringen und sie den Mietvertrag, und dann könne es von ihr aus ganz schnell gehen. Mir wäre es doch sicher auch recht, wenn wir auf weitere Besichtigungen verzichten könnten.</p><p>„Aber ja!“ sagte ich.</p><p>„Gut. Ich melde mich dann bei Ihnen.“</p><p>Am nächsten Tag um die Mittagszeit schickte sie mir eine Nachricht: „Ich möchte heute gern mit Ihnen telefonieren, denn es könnte sein, daß die Dame nicht ehrlich ist.“</p><p>Ich rief sie sofort an. „Wen meinen Sie?“ Ich muß so ungläubig geklungen haben, daß sie kurz stockte.</p><p>„Na, die Frau aus der Schweiz.“</p><p>„Aber ... wieso?“</p><p>Ich hörte, wie sie tief Luft holte und wie dann, nach einem kurzen Moment, alle Luft wieder aus ihr herausströmte. Schließlich war da wieder ihre Stimme.</p><p>Heute vormittag habe sie sich mit ihr getroffen, und sie habe kein gutes Gefühl. Eine Dreiviertelstunde hätten sie einander gegenübergesessen, in einem kleinen Café im Nachbarort. Die Frau habe die ganze Zeit ihren Mantel anbehalten, obwohl es warm war. Der Schmuck, den sie trug, sei nicht echt gewesen. „Ich habe einen Blick für so etwas.“</p><p>Wieder hielt sie inne. „Und ... wie soll ich sagen? Sie ... müffelte.“</p><p>„Das kann nicht sein.“</p><p>„Doch, doch!“ sagte sie. „Ist Ihnen das nicht aufgefallen?“</p><p>„Nein.“</p><p>Während sie schwieg, dachte ich laut vor mich hin: „Mit Schmuck kenne ich mich nicht aus. Ich weiß nicht, ob der echt ist oder nicht. Ihren Mantel hat sie bei uns auch nicht ausgezogen. Aber ... gemüffelt? Nein, wirklich nicht.“</p><p>„Das ist noch nicht alles“, hörte ich wieder die Stimme der Vermieterin.</p><p>„Was denn noch?“</p><p>„Sie hat ganz seltsame Dinge erzählt. Zum Beispiel hat sie gesagt, sie käme gerade von der Ostsee. Und zwar mit dem Bus. Ich weiß nicht, wie sie das geschafft haben will. Ich meine: Da müßte sie ja mitten in der Nacht aufgebrochen sein.“</p><p>Ich räusperte mich. „Ich dachte, sie wohnt bei ihrer Tochter. Über dem Café Central, also ganz in unserer Nähe.“</p><p>„Zu mir hat sie gesagt, sie hat eine Tochter in Bremen.“</p><p>„Wirklich?“</p><p>„Ja“, sagte die Vermieterin. „Und wissen Sie was? Die Tochter hat vor kurzem ihr Studium abgeschlossen, und da hat sie ihr einen Mercedes geschenkt. Zur bestandenen Prüfung.“</p><p>Obwohl ich sie nicht sah, wußte ich, daß die Vermieterin den Kopf schüttelte.</p><p>„Das klingt, als ob Geld keine Rolle spielt.“</p><p>„So soll es klingen: ja. Aber wenn Geld keine Rolle spielt, fährt man doch nicht mitten in der Nacht mit dem Bus von der Ostsee hierher. Man trägt keinen falschen Schmuck und ... man müffelt nicht.“</p><p>Ich schwieg.</p><p>Sie habe den Entwurf für einen Mietvertrag dabei gehabt, und als die Frau das gesehen habe, wollte sie den Vertrag sofort unterschreiben. Sie sei mit allem einverstanden gewesen.</p><p>„Ja“, sagte ich. „Sie war sehr entgegenkommend.“</p><p>Die Vermieterin seufzte. „Das ist ja schön und gut. Aber als ich nach einem Gehaltsnachweis fragte, da hatte sie nur drei Zettel, die völlig nichtssagend waren. Ich habe ihr gesagt, daß ich das prüfen muß, und weil mir das alles ganz seltsam vorkam, habe ich durchblicken lassen, daß mein Sohn Jurist ist. Da wurde sie plötzlich distanziert. Sie ist richtig ein Stück abgerückt. Und: sie wollte die Zettel sofort wiederhaben.“</p><p>„Und dann?“</p><p>Sie seufzte noch einmal.</p><p>„Ich habe ihr gesagt, daß sie mir die Nachweise noch schicken kann. Ich muß doch sicher sein, daß sie in der Lage ist, die Miete zu bezahlen. Aber ... ich glaube nicht, daß da noch was kommt.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/748dbfb8-3f66-4555-9866-300bf67363c5/uploads/images/h7g4qtrnge/IMG_7146.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Es war in der Woche darauf. Ich hatte den ganzen Tag zu Hause gearbeitet und brauchte jetzt dringend frische Luft. In der Nachbarschaft gab es ein Café mit ein paar Tischen auf der Straße, da wollte ich hin. Als ich kam, waren alle Tische besetzt, aber direkt vor mir wurde gerade einer frei.</p><p>Kaum hatte ich mich hingesetzt, fiel mir eine Stimme auf, die wenige Armlängen von mir entfernt in ein Telefon sprach. Eine volle, etwas müde klingende Stimme einer nicht mehr ganz jungen Frau.</p><p>Es dauerte nur zwei Sätze, bis ich sie erkannte. Die Frau sagte, daß sie die letzten Jahre in der Schweiz gelebt habe, aber jetzt hier eine Wohnung suche. Ihre Tochter wohne ganz in der Nähe. Sie nannte das Café, in dem sie gerade saß. „Kennen Sie das?“ Ja, genau darüber wohne ihre Tochter.</p><p>Es war nicht das Café Central.</p><p>Ich brauchte mich nur ein wenig vorzubeugen und den Kopf zu drehen, da sah ich sie. Sie trug den Sommermantel, den sie auch bei uns in der Wohnung getragen hatte. Er war bis zum Hals zugeknöpft, obwohl es so warm war, daß viele Frauen im Kleid herumliefen. Vor ihr lag die Sonnenbrille, und an ihrem Ringfinger leuchtete der rote Stein.</p><p>Ich sah sie nur kurz an, aber als ich mich nach einer Weile noch einmal umwandte, begegneten sich unsere Blicke.</p><p>Ich sah, wie sie stutzte und aufhörte zu reden, aber nur für eine Sekunde oder zwei. Dann hatte sie sich wieder im Griff. Sie setzte die Sonnenbrille mit den goldenen Bügeln auf, nahm ihre Handtasche und stand auf. Während sie weiter telefonierte, bahnte sie sich einen Weg zwischen den Tischen und ging langsam, schlendernd davon.</p><p>Kaum hatte sie sich ein Stück entfernt, ging sie plötzlich schneller, als wäre ihr etwas eingefallen und als hätte sie es jetzt eilig.</p><p>Da hörte ich hinter mir jemanden schreien: „He, Sie!“</p><p>Ich fuhr herum, da stand der Kellner und sah ihr nach: die Augen aufgerissen, den Arm erhoben. Noch einmal rief er hinter ihr her. War sie schon zu weit entfernt, oder wollte sie ihn nicht hören? Hastig setzte er sein Tablett irgendwo ab und wollte gerade losrennen.</p><p>„Warten Sie!“ rief ich ihm zu. Mitten in der Bewegung hielt er inne und sah mich verblüfft an.</p><p>„Ich zahle das“, sagte ich.</p><p>Er runzelte die Stirn. „Die Rechnung von ...?“</p><p>„Was hatte sie denn?“</p><p>„Einen Cappuccino.“</p><p>Ich reichte ihm einen Schein.</p><p>Während er nach dem Wechselgeld kramte, schüttelte er immer wieder den Kopf. Noch einmal blickte er sich nach der Frau um, aber sie war längst in der Menge verschwunden.</p><p>Schließlich konnte er nicht länger an sich halten: „Kennen Sie die Dame?“</p><p>„Kennen? Wir müßten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren ...“</p><p>Fassungslos starrte mich der Kellner an. „Wie bitte?“</p><p>Ich zuckte mit den Schultern.</p><p>„Ach, nichts.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/748dbfb8-3f66-4555-9866-300bf67363c5/uploads/images/bwx564x3hl/IMG_6770_Farbe.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><hr aria-hidden="true"/><p>Schon 2041 Leserinnen und Leser haben „Wolken und Kastanien“ abonniert. 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      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/748dbfb8-3f66-4555-9866-300bf67363c5/uploads/images/vrh2tygux6/IMG_7127_3.jpeg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Sun, 25 Jan 2026 05:45:10 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Maria ohne Unterleib]]></title>
      <description><![CDATA[Über die Krippenfiguren meiner Großeltern und das Weihnachtsfest 1945, über die Pfefferkuchenfrau und die halbe Muttergottes im Vogelhäuschen zu Bethlehem]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über die Krippenfiguren meiner Großeltern und das gerettete Weihnachtsfest 1945, über die Pfefferkuchenfrau und die halbe Muttergottes im Vogelhäuschen zu Bethlehem</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/275132bf-41d4-4b42-bff2-d32820cbf669/uploads/images/f5dcqwwlhr/IMG_6100.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Jedes Jahr im Advent, wenn ich die Krippenfiguren aus der verstaubten Schachtel nehme, sehe ich das Gesicht meiner Großmutter vor mir. Die weißgrauen Locken, die tausend kleinen Fältchen und das verschmitzte Lachen, wenn sie von der „Maria ohne Unterleib“ sprach.</p><p>Nein, das war nicht respektlos gemeint! Und wenn in ihrem sächsischen Tonfall auch ein leiser Spott mitschwang, dann galt er sicher nicht der Muttergottes oder gar der unbefleckten Empfängnis.</p><p>War es überhaupt Spott oder nicht doch ein verschämter Stolz, der mit einem Augenzwinkern getarnt werden mußte? Schließlich hatte sie der großen Historie ein Schnippchen geschlagen und einer Todgeweihten ein neues Leben geschenkt.</p><p>Und das kam so:</p><p>Mit viel Glück waren die Krippenfiguren meiner Großeltern dem Dresdner Bombenhagel entgangen. Ein bißchen Verstand war freilich auch dabei: Daß Dresden verschont bleiben würde, konnte sich mein Großvater beim besten Willen nicht vorstellen. Hatte nicht sogar der Kölner Dom gebrannt?</p><p>Tapfer ignorierte er das Kopfschütteln der Nachbarn und schaffte Bü­cher, Briefmarken- und Fotoalben, Geschirr und Dutzende gefüllter Einweckgläser zu seinen Eltern nach Radebeul.</p><p>Was in der Wohnung in der Johannstadt zurückblieb, ging am Faschingsdienstag 1945 in Flammen auf. Wo das Haus gestanden hatte, in dessen zweitem Stock vier Jahre zuvor mein Vater geboren worden war, erstreckt sich heute ein staubiger Sportplatz.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/275132bf-41d4-4b42-bff2-d32820cbf669/uploads/images/64hz2x4r33/IMG_6097.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Die Krippenfiguren waren gerettet – anders als die Nähmaschine meiner Großmutter, der von Onkel Gustav geerbte venezianische Spiegel und die von meinem Großvater mit empörten Randbemerkungen versehene Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“.</p><p>Aber noch war die Gefahr nicht gebannt. Ein weiteres Mal hing ihr Schicksal am seidenen Faden.</p><p>Bei Kriegsende durchkämmten russische Sol­daten in Radebeul die Häuser, auf der Suche nach Uhren, Schnaps und Frauen. Da trat ein Rotarmist auf den Karton mit den Krippenfiguren. Josef und das Christkind, die Hirten mit ihren Schafen, ja sogar die drei Könige überlebten. Aber die Maria zerbrach.</p><p>Der Schreck war groß. Ausgerechnet die Maria! Woher sollte man in diesen Zeiten eine neue nehmen?</p><p>Als das erste Nachkriegsweihnachten herankam, besah sich meine Großmutter noch einmal die Bescherung. Schließlich warf sie die zerbrochenen Beine in den Kohleneimer und klebte die obere Hälfte mit dem sanften Gesicht, das ihr so gut gefiel, auf einen Holzklotz.</p><p>Fertig war die „Maria ohne Unterleib“.</p><p>Der Stall zu Bethlehem, ein ehemaliges Vogelhäuschen, in das die heilige Familie mit Ochs und Esel bequem hineinpaßte, wurde so mit Stroh ausgelegt, daß man die Prothese nicht sah.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/275132bf-41d4-4b42-bff2-d32820cbf669/uploads/images/zo6ily663g/IMG_6060.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Die Zeit verging. Mein Vater wurde selber Vater, meine Großmutter wurde Großmutter. Nur das Christkind schaffte es nie aus den Windeln. Aber das schien keinen zu stören.</p><p>Wenn wir Kinder am zweiten Weihnachtsfeiertag bei meinen Großeltern einfielen, steuerte ich als erstes die Krippe an, die auf dem Büfett im Wohnzimmer aufgebaut war.</p><p>Eine mit einer Glühbirne versehene Laterne warf einen rötlichen Schein auf die Locken des Neugeborenen. Doch am meisten bewunderte ich die drei Könige in ihren langen farbigen Gewändern, vor allem den mit dem Turban und dem dunklen Gesicht.</p><p>Und dann war da noch der kleine graue Esel. Während die Hirten und der Ochs nur Augen für das Christkind hatten, sah er uns aufmerksam zu, wie wir mit der Kuchengabel die Rosinen aus dem Stollen pulten, den Plätzchenteller plünderten und den Engeln die Flügel abbissen.</p><p>Der Höhepunkt des Festes war erreicht, wenn die Kerzen am Christbaum angezündet und alle Geschenke ausgepackt waren und meine Großmutter den Klavierdeckel aufklappte. Ihr Lachen verhieß das Gegenteil von „Stille Nacht“. Beherzt griff sie in die Tasten, und alles schmetterte:</p><p><em>Wenn’s Weihnachten ist, / wenn’s Weihnachten ist, / dann kommt zu uns der heil’ge Christ. / Da bringt er eine Muh, / da bringt er eine Mäh / und eine schöne Tschingterätätä. / Weihnacht, Weihnacht, / Weihnacht ist ein schönes Fest, juchhe!</em></p><p>Ich weiß nicht, ob bei dem „Muh“ der Ochs zusammenzuckte und bei dem „Mäh“ die Schafe. In diesen Minuten hatte ich nur Augen für meine Großmutter, die ich nie so ausgelassen sah wie zu Weihnachten, wenn wir uns alle in ihr kleines Wohnzimmer drängten, in dem man die Luft hätte schneiden können, und sie Klavier spielte, daß die Pedale rumpelten und die Kaffeetassen klirrten, und wir aus voller Kehle von der Pfefferkuchenfrau und ihrem Mann aus Olbernhau sangen:</p><p><em>Er knackt ihr eine Nuß, / er knackt ihr einen Kern / und hat sie, ach, zum Fressen gern. / Weihnacht, Weihnacht, / Weihnacht ist ein schönes Fest, juchhe!</em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/275132bf-41d4-4b42-bff2-d32820cbf669/uploads/images/kgfftx7mst/IMG_6133.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Später, wenn ich ihr im Korridor in die Arme lief, strahlte sie mich an und sagte: „Na, du Griewatsch?“, was auf Sächsisch so viel heißt wie Lausejunge. Niemand sonst sagte das zu mir oder hat es je wieder zu mir gesagt.</p><p>Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich die zwei Silben vor mich hinspreche, wie um mich zu versichern, daß es das Wort noch gibt. Ich schließe die Augen und stelle mir meine Großmutter vor: ihre kleine gebeugte Gestalt und ihre Stimme, die schon so lange verstummt ist.</p><p>So viel Zeit ist vergangen, ist davongerauscht wie ein Fluß, der über die Ufer tritt und mitnimmt, was er greifen kann. Wenn ich in den Spiegel blicke, wundere ich mich, wo die Silberfäden an meiner Schläfe herkommen. Sah ich sie nicht eben noch im Tannengrün des Christbaums, vor dem aus allen Nähten platzenden Bücherschrank in Radebeul?</p><p>Auch das Lied von der Pfefferkuchenfrau habe ich nie mehr gesungen. Aber jetzt höre ich es wieder, und mir ist, als würde ich uns alle da sitzen sehen: meinen Onkel und meine Tante vergnügt auf dem Sofa, umringt von meinen lachenden Cousins; im Sessel Big Ben, wie wir meinen Großvater riefen, weil er es haßte, Opa genannt zu werden; meinen beflissen singenden Vater und meine drei älteren Brüder, dünn wie die Bohnenstangen, obwohl sie gerade einen ganzen Stollen verputzt hatten.</p><p>Und zwischen ihnen den blonden Griewatsch, der ich war und immer sein werde, wann immer ich mich an jene Weihnachten erinnere. </p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/275132bf-41d4-4b42-bff2-d32820cbf669/uploads/images/gcbwfnsjah/IMG_5956.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Bevor wir uns am Abend mit roten Wangen auf den Heimweg machten, warf ich noch einen Blick auf die Krippe. Reglos standen die Figuren in dem Vogelhäuschen. Ein Engel spielte Geige, ein anderer zupfte an seiner Harfe. Ein Hirte mit zerbeultem Hut trug ein weißes Lamm auf den Schultern.</p><p>Das Wohnzimmer war erfüllt vom Rauch der Kerzen, die jemand in meinem Rücken ausgepustet hatte. Ein letztes Mal betrachtete ich das Christkind und den kleinen grauen Esel, der mit den Beinen im Stroh versank.</p><p>Ob es noch die lädierte Maria war, die ich neben dem bärtigen Josef sah?</p><p>Irgendwann, so hat mir mein Onkel erzählt, wurde sie durch eine neue ersetzt. Anwesend blieb sie dennoch, Jahr für Jahr. Kein Weihnachten, an dem meine Großmutter nicht mit dem immer gleichen Augenzwinkern von der „Maria ohne Unterleib“ sprach.</p><p>Was aus ihr geworden ist? Mein Onkel zuckt ratlos die Achseln, und mein Vater schüttelt den Kopf.</p><p>Ich nehme an, sie ist jetzt dort, wo meine Großmutter ist: mit ihren weißgrauen Locken, ihrem Gesicht voll tausend kleiner Fältchen und ihrem verschmitzten Lachen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/275132bf-41d4-4b42-bff2-d32820cbf669/uploads/images/dnmnujul56/neu_Engel_Renatus_IMG_6106.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><hr aria-hidden="true"/><p><strong>Diese Geschichte ist mein Geschenk für Sie zu Weihnachten! Wenn Sie mögen, lesen Sie sie Ihren Lieben zum Fest vor.</strong></p><p><strong>Und wenn auch Sie mir ein Geschenk machen möchten: </strong><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/about"><strong>Unterstützen</strong></a><strong> Sie „Wolken und Kastanien“ als Mitglied! 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      <pubDate>Sun, 14 Dec 2025 06:03:52 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Zu spät]]></title>
      <description><![CDATA[Über den ersten Schnee und die erste Liebe, über die vergebliche Suche nach K. und das Rattern der leeren Straßenbahn und das schimmernde Weiß zweier Birken]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über den ersten Schnee und die erste Liebe, über die vergebliche Suche nach K. und das Rattern der Straßenbahn und das schimmernde Weiß zweier Birken</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/bb1ce230-b809-4e39-8047-2f66f31dcab7/uploads/images/mhr6mggf7l/IMG_4410_NEU.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Es hatte am Nachmittag angefangen; ich bemerkte es erst, als ich zufällig aus dem Fenster sah. Der Schnee fiel in dicken Flocken, und bei Einbruch der Dämmerung waren Straßen und Dächer weiß.</p><p>Es war das erste Mal in diesem Winter, daß es schneite. Aber das war nicht der Grund, warum ich kurz darauf die gefütterte Jacke vom Haken nahm und mir die Mütze tief in die Stirn zog. Statt in die Kälte hinauszugehen, wäre ich lieber zu Hause geblieben. Aber da war diese Verabredung, und jetzt war es zu spät, um noch abzusagen.</p><p>Die Straßenbahn war fast leer, und nachdem es eine Weile stadtauswärts ging, blieb ich in dem hell erleuchteten Wagen allein zurück. Als Kind hatte ich diesen Moment herbeigesehnt. Kaum war der letzte Fahrgast ausgestiegen, sprang ich auf, turnte wie wild an den grauen Haltestangen herum und sang lauthals vor mich hin. Dabei blickte ich mich immer wieder um, weil ich es gar nicht fassen konnte, endlich allein zu sein.</p><p>Jetzt saß ich schweigend da, sah aus dem Fenster und bewegte mich nur, wenn die Bahn über eine Kreuzung ratterte.</p><p>Weil ich nicht genau geschaut hatte, wo ich aussteigen mußte, fuhr ich eine Haltestelle zu weit. Wenigstens hatte ich im Vorbeifahren das Schild gesehen und brauchte nicht lang zu suchen. Aber es war ein ganzes Stück zu laufen, und als ich ankam, war ich ins Schwitzen gekommen.</p><p>Ich stieß die Tür auf, und im selben Moment beschlug meine Brille. Deshalb dauerte es eine Weile, bis ich etwas sah.</p><p>Viel war es nicht, was der Nebel schließlich freigab: ein paar leere Tische im Halbdunkel, dahinter eine Bar; Flaschen, die zu leuchten schienen. Die Musik, die aus den Boxen dröhnte, war viel zu laut, aber gleich darauf drehte jemand sie leiser.</p><p>Während ich mir die Mütze vom Kopf zog, die weiß war vom Schnee, überlegte ich, was ich jetzt tun sollte. Der Mann, mit dem ich verabredet war, schien noch nicht da zu sein. Oder war ich zu spät? Ich wollte gerade nachschauen, da bemerkte ich eine Bewegung im Raum.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/bb1ce230-b809-4e39-8047-2f66f31dcab7/uploads/images/2ilf2qjsuf/IMG_4424.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>In der Woche davor hatte mich ein Bekannter angerufen. Er wüßte da jemanden, der mir etwas über K. erzählen könnte. Er gab mir seine Telefonnummer und sagte, ich solle mich heute noch bei ihm melden.</p><p>Nachdem er aufgelegt hatte, wählte ich die Nummer. „Ja?“ fragte eine rauhe Stimme. Der Mann, der sprach, schien es eilig zu haben. Ich erklärte, wer ich war und worum es ging. Noch ehe ich meinen Satz zu Ende gebracht hatte, sagte er, wann und wo ich ihn treffen könnte. Mehr sagte er nicht.</p><p>Er saß an einem Tisch ganz nah an der Wand, deshalb hatte ich ihn nicht gleich gesehen. Eine kräftige Gestalt mit langen Gliedern und einem scharfgeschnittenen Mund, der Blick: müde und wach zugleich. Die Hand, die er mir reichte, war schwer wie eine Hantel.</p><p>Kaum hatte ich mich gesetzt, kam eine Kellnerin und fragte, was ich trinken wolle. „Einen Kaffee“, sagte ich mechanisch. Mein Gegenüber hatte schon ein Glas vor sich stehen. Er wartete, bis sie fort war, dann erst öffnete er den Mund. „Muß ja nicht jeder hören, was wir hier bereden.“</p><p>Daß es nicht viel war, was wir zu bereden hatten, stellte sich schon nach ein paar Sätzen heraus. Ich hatte damit gerechnet, daß er den Mann kannte, den ich suchte. Und daß er womöglich wußte, was aus ihm geworden war.</p><p>Doch es war ein Mißverständnis, eine Verwechslung. Tatsächlich war er K. nie begegnet.</p><p>Im Grunde hätte ich gleich wieder gehen können. Aber in der Sekunde, als mir das klar wurde, brachte die Kellnerin meinen Kaffee. Ich hatte keine Ahnung, was ich jetzt sagen sollte, deshalb nahm ich hastig einen Schluck und verbrannte mir die Lippen.</p><p>Der andere hatte meine Enttäuschung bemerkt. „Sorry“, sagte er und zuckte die Achseln. „Den kenne ich nicht, leider.“</p><p>War es Höflichkeit, oder war sein Interesse erwacht? Jedenfalls erkundigte er sich, wer K. war, und als ich es ihm erzählte, hörte er aufmerksam zu; dabei durchfurchte eine tiefe Falte seine Stirn. An zwei Stellen, die ihm unklar waren, hakte er nach. Wir tauschten ein paar Überlegungen aus, und ich glaubte, sein Bedauern zu spüren, daß er mir nicht helfen konnte.</p><p>Schließlich saßen wir da, starrten in den leeren Raum und schwiegen. Draußen fuhr die Straßenbahn vorbei, und bei dem Gedanken, daß ich gleich wieder hinaus mußte, lief es mir kalt den Rücken herunter. Ob es noch schneite? Hoffentlich mußte ich nicht so lang auf die Bahn warten. Hier draußen fuhr sie vermutlich nur jede halbe Stunde.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/bb1ce230-b809-4e39-8047-2f66f31dcab7/uploads/images/ywqrcjilcm/IMG_4459.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>„Hattest du mal mit der Stasi zu tun?“</p><p>Es war meine eigene Stimme, die ich plötzlich hörte. Ich war selbst überrascht. Ich hatte irgendetwas sagen wollen, um die Stille zu beenden. Stattdessen war es, als würde sie sich durch meine Frage noch verdichten, so daß sie jetzt geradezu mit Händen zu greifen war.</p><p>Wie ich darauf kam? Natürlich lag es an K. und an dem, was ich über ihn in Erfahrung gebracht hatte. Auch wenn mein Gegenüber ihn nicht kannte, hatte er sich doch mit mir auf das Terrain begeben, auf dem K. zum Verräter geworden war. Ich hatte den Eindruck, daß es ihm nicht gerade vertraut, aber auch nicht vollkommen fremd war.</p><p>Wenn ihn meine Frage erstaunt hatte, so ließ er es sich nicht anmerken. Er warf mir einen forschenden Blick zu, als wolle er herausfinden, wie sie gemeint war. Dann nickte er; die Falte auf seiner Stirn zeigte an, daß es in ihm arbeitete.</p><p>Eine Minute lang sagte er nichts. Dann, ich hatte schon fast nicht mehr damit gerechnet, hörte ich wieder seine Stimme. „Nein, nicht direkt. Das heißt ...“</p><p>Wieder versank er in Schweigen. Er hatte die Augen geschlossen und rieb sich mit dem Handrücken über das stoppelbärtige Kinn.</p><p>Endlich fing er an zu sprechen. Langsam, fast schleppend, als würde er sich mit jedem Wort in einem dunklen Gang vorantasten. Seine Stimme war leiser als vorher; ich mußte mich anstrengen, um ihn zu verstehen.</p><p>„Ich habe das erst begriffen, als ich meine Akten eingesehen habe. Erst da ist mir das klargeworden.“</p><p>Er schüttelte den Kopf, als könne er es noch immer nicht glauben.</p><p>„Zu sehen, wie die Stasi letztlich auch in mein Leben eingegriffen hat. Und was für Folgen das noch viele Jahre später hatte. Das hat mich dann doch ... erschüttert.“</p><p>Ein kurzes Zögern, dann sprach er weiter.</p><p>„In meiner Klasse gab es ein Mädchen, das ich sehr ... wie soll ich sagen ... um die ich mich bemüht habe. Das war die Tochter hier vom Pfarrer. Als einzige von uns war sie nicht in der FDJ. Dadurch war sie in der Schule sozusagen die Staatsfeindin. Bei den Lehrern ist sie immer wieder angeeckt. Sie hat mit denen diskutiert und vieles in Frage gestellt. Deshalb galt sie als schwierig und war immer ein bißchen für sich.</p><p>Aber ich mochte sie. Sie hatte so eine Ernsthaftigkeit, das gefiel mir. Und manchmal hat sie einen so angesehen … als ob sie in einen hineinschauen will.</p><p>Ich habe mich zu ihr hingezogen gefühlt. Intellektuell und – ja: schon auch körperlich­; das war natürlich interessant, so mit 15, 16. Jedenfalls habe ich viel Zeit mit ihr verbracht. Aber es ging nie so weit, daß man sich getraut hätte, sich mal näherzukommen. Wir sind einfach spazierengegangen.</p><p>Und dann hat die Familie einen Ausreiseantrag gestellt. Und nach der zehnten Klasse irgendwann im Sommer ist sie rüber. Ich habe zwar noch mal einen Brief gekriegt und ihr auch geschrieben, aber der Kontakt brach dann ab.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/bb1ce230-b809-4e39-8047-2f66f31dcab7/uploads/images/5cafh72phg/IMG_4401.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, trank einen Schluck. Nach einer Weile beugte er sich wieder nach vorn. Von neuem erschien die Falte auf seiner Stirn.</p><p>„Dann verstrich die Zeit. Und irgendwann, 1996 muß das gewesen sein, habe ich sie auf der Straße getroffen. Sie lebte jetzt wieder hier, aber es ging ihr gar nicht gut. Sie hatte für einen Freund gebürgt, in den sie verliebt war, mit hohen Schulden; und dann hatte der sich abgesetzt, irgendwo ins Ausland. Und sie saß alleine da, mit einem kleinen Kind.</p><p>Eine Weile haben wir uns hin und wieder zum Abendessen getroffen. Aber dann hatte ich eine stressige Zeit und habe ein paarmal absagen müssen. Und als ich das nächste Mal anrief, hat sie mich am Telefon angeschrien. Da habe ich mich doch etwas vereinnahmt gefühlt und nicht mehr angerufen.</p><p>Irgendwann kam dann eine Postkarte, daß sie nach Charlottenburg gezogen ist und daß es ihr besser geht und wir uns vielleicht mal wiedersehen könnten. Aber bitte nicht hier, das hält sie nicht aus: die alte Gegend und die ganzen Gestalten von früher.</p><p>Die Karte hing an meiner Pinnwand, und jedesmal, wenn ich sie sah, dachte ich: Da rufst du bei Gelegenheit mal an.</p><p>Und dann war Klassentreffen, ich glaube 2001. Ich habe gefragt: Habt ihr Anna auch erreicht? Nee, hieß es da, die ist schon zwei Jahre tot. Da hatte sie sich umgebracht, war aus dem Fenster gesprungen, wegen Depressionen.“</p><p>Es war so still, daß ich zu hören glaubte, wie draußen der Schnee fiel. Auch die Musik hatte aufgehört zu spielen. Aber vielleicht hatte sie das schon vor einer Weile, und es wurde mir erst jetzt bewußt.</p><p>Mit angehaltenem Atem saß ich da und wartete und wagte nicht, mich zu bewegen.</p><p>Endlich sprach er weiter.</p><p>„Als ich dann meine Stasi-Akte bekam ... da waren ihre ganzen Briefe drin. Die sie mir von drüben geschrieben hatte. Die ich nie erhalten habe. Die hatte die Stasi alle einbehalten. Und da stand drin ... was sie sich nicht getraut hatte, mir zu sagen. Daß sie ... mich liebt und mich vermißt ...“</p><p>Aus dem Augenwinkel sah ich, wie er vor sich auf den Tisch starrte.</p><p>„Und das las ich jetzt, zwanzig Jahre später.“</p><p>Wieder schüttelte er den Kopf.</p><p>„Ich hatte ja keine Ahnung. Ich meine: Hätte ich das gewußt, dann hätte ich mich doch ... anders verhalten ihr gegenüber. Aber so dachte ich ... mußte ich ja denken: Jetzt hat sie sich zehn Jahre nicht bei mir gemeldet. Ich bin ihr ganz ... gleichgültig.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/bb1ce230-b809-4e39-8047-2f66f31dcab7/uploads/images/2c72y2d5hc/IMG_4464.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Lange mußte ich nicht auf die Bahn warten. Trotzdem war ich durchgefroren, als sie kam, und obwohl der Wagen beheizt war, hörte ich nicht auf zu frieren.</p><p>Alles um mich her sah ich wie in Nebel getaucht; und auch die Geräusche waren seltsam gedämpft. Das einzige, was ich so deutlich hörte, als würde jemand dicht an meinem Ohr sprechen, war die Stimme, die sagte: „Nee, die ist schon zwei Jahre tot.“</p><p>Ich versuchte mir vorzustellen, wie es gewesen war, als der Satz fiel: in einer Kneipe, über einen Tisch mit Gläsern hinweg, inmitten von anderen Sätzen, Stimmengewirr, lautem Lachen. Ein Satz, der alles Heitere aus dem Gesicht des Fragenden wischte, es erstarren ließ von einer Sekunde zur nächsten.</p><p>Für einen kurzen Moment sah ich seine Augen, in denen alles sich spiegelte, was in seinem Kopf vor sich ging. Das ungläubige Entsetzen. Der Schmerz, der ihn durchzuckt: als würde ein Nagel in seine Schädeldecke eingeschlagen.</p><p>Warum hat er nicht angerufen?</p><p>Er sieht die Postkarte vor sich, die noch immer an der Pinnwand hängt, wenn er heute nacht nach Hause kommt. Die Karte mit ihrer kleinen, flüchtigen, schon ein wenig verblaßten Handschrift. Auf der Vorderseite das schimmernde Weiß zweier Birken.</p><p>Und er sieht ihr Gesicht, den ganzen Abend lang sieht er es: Anna, wie sie lächelt, als er das Klassenzimmer betritt, wie immer kurz nach dem Stundenklingeln. Ihr Lächeln und ihr Blick: als ob sie in ihn hineinschauen will.</p><p>Und er denkt, immer wieder denkt er es:</p><p>Zu spät.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/bb1ce230-b809-4e39-8047-2f66f31dcab7/uploads/images/4rit7mkjft/IMG_4416.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><hr aria-hidden="true"/><p><strong>Eine Bitte in eigener Sache:</strong></p><p><strong>In meiner </strong><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/posts/10768ea9-cac5-42ce-9d21-634772894d38"><strong>letzten Geschichte</strong></a><strong> habe ich von Victor Klemperer erzählt und von jenem Wintertag 1938, an dem ihm das Betreten der Sächsischen Landesbibliothek verboten wurde.</strong></p><p><strong>Seit sechs Jahren gehe ich an Schulen, um aus seinem Tagebuch 1933-1945 zu lesen und über Holocaust und Antisemitismus zu sprechen.</strong></p><p><strong>Die Resonanz ist überwältigend. Eine Lehrerin schrieb: „Ich habe Renatus Deckert an meine Schule eingeladen und noch nie so viele positive Rückmeldungen von Schüler:innen und Kolleg:innen bekommen.“ Und das ist nur eine von zahlreichen Stimmen.</strong></p><p><strong>Monat für Monat schreibe ich etliche Schulen an. In den meisten Fällen erhalte ich keine Antwort. Doch bei Interesse fahre ich nach Braunschweig, Riesa, Magdeburg, Tübingen ... Ich mache das auf eigene Initiative, ohne Job und festes Einkommen. Nur selten erfahre ich eine institutionelle Unterstützung.</strong></p><p><strong>All das kostet enorm viel Zeit und Kraft – die mir an anderer Stelle fehlen. Deshalb freue ich mich, wenn Sie meine freiberufliche Arbeit gegen das Vergessen durch eine Mitgliedschaft bei „Wolken und Kastanien“ </strong><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/about"><strong>unterstützen</strong></a><strong>. Vielen herzlichen Dank!</strong></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/about">Mitglied werden ☁️ 🌰</a></p><p></p><p><strong>Wer sich nicht als Mitglied registrieren mag, kann meine Arbeit auch per Paypal unterstützen. Auch dafür ein großes Dankeschön!</strong></p><a href="https://www.paypal.com/paypalme/renatusdeckert">https://www.paypal.com/paypalme/renatusdeckert</a><p>Schon 1925 Leserinnen und Leser haben „Wolken und Kastanien“ abonniert. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten möchten, tragen Sie sich gern hier ein:</p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">Kostenlos abonnieren</a></p><p></p><p><strong>Die Fotos zu dieser Geschichte entstanden in der </strong><a href="https://www.bautzner-strasse-dresden.de/startseite"><strong>Gedenkstätte Bautzner Straße</strong></a><strong> in Dresden: im Sowjetischen Kellergefängnis und im Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit. Einen Besuch dort möchte ich allen Interessierten ans Herz legen!</strong></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 09 Nov 2025 06:05:19 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Höllenzeit]]></title>
      <description><![CDATA[Über Nadelstiche, die sich anfühlen wie Keulenschläge, und das Bibliotheksverbot für Victor Klemperer, über Feigheit und Mut an einem Wintertag 1938 in Dresden]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über Nadelstiche, die sich anfühlen wie Keulenschläge, und das Bibliotheksverbot für Victor Klemperer, über Feigheit und Mut an einem Wintertag 1938 in Dresden</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/10768ea9-cac5-42ce-9d21-634772894d38/uploads/images/ammndcsrvi/IMG_2704.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Kann eine Schreibmaschinenschrift wie gehetzt aussehen?</p><p>Wer in den Tagebüchern von Victor Klemperer den Eintrag vom 3. Dezember 1938 betrachtet, dem drängt sich dieser Gedanke geradezu auf. Randvoll ist das Blatt beschrieben, dichtgedrängt folgt Zeile auf Zeile. Hier fehlt ein Buchstabe, dort ein Leerzeichen. Als hätte der Schreiber alles in größter Hast notiert. Als dürfe er nichts vergessen.</p><p>Victor Klemperer wollte der Chronist von Hitlers Schreckensherrschaft sein und „Zeugnis ablegen bis zum letzten“. Der Eintrag vom 3. Dezember 1938 ist charakteristisch in seiner gedanklichen Schärfe und Genauigkeit – bei aller Skizzenhaftigkeit der Schilderung. In fieberhafter Erregung muß Klemperer das Erlebte festgehalten haben. Fast glaubt man, das Knallen der Typenhebel zu hören.</p><p>Daß er überhaupt noch eine Schreibmaschine besaß, war nicht selbstverständlich. Die Entrechtung und Ausplünderung der Juden war längst im Gange; es war die Vorstufe zu ihrer Vernichtung.</p><p>Klemperer, dem sein „Deutschtum alles und das Judentum gar nichts“ bedeutete, sah sich durch Hitler zum Juden gemacht. Der jüngste Sohn eines Rabbiners hatte sich 1912 taufen lassen. Drei Jahre später meldete er sich als Kriegsfreiwilliger an die Front und riskierte sein Leben für das, was er aus tiefster Überzeugung als sein Vaterland ansah.</p><p>Der Dank des Vaterlands: 1935 wird er als Romanistik-Professor an der Dresdner Hochschule entlassen. Im selben Jahr notiert er: „Die Judenhetze ist so maßlos geworden (...) wir rechnen damit, hier nächstens totgeschlagen zu werden.“</p><p>Von Bekannten und Kollegen gemieden „wie eine Pestleiche“, lebt Klemperer mit seiner Frau Eva oberhalb des Plauenschen Grundes in Dölzschen. Er schreibt an einer Geschichte der französischen Literatur der Aufklärung. Daß sie jemals veröffentlicht wird, bezweifelt er.</p><p>Es folgen Jahre der Demütigung und eines Terrors, der immer bedrohlichere Ausmaße annimmt. Das „Judenhaus“, die Überfälle durch die Gestapo, die Angst vor der Deportation – angesichts dessen erscheint die Beschlagnahme seiner Schreibmaschine am 28. Oktober 1941 nur mehr wie eine lästige Bosheit. Doch Klemperer hat in diesen Jahren gelernt: „der kleine Nadelstich ist manchmal quälender als der Keulenschlag“.</p><p>Ein anderer Nadelstich, ungleich schmerzhafter, liegt da schon eine Weile zurück.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/10768ea9-cac5-42ce-9d21-634772894d38/uploads/images/d3dwxz2hs2/P1040567_NEU1.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Der 2. Dezember 1938 ist ein gewöhnlicher Wintertag. Der Himmel über Dresden ist bedeckt; nur hin und wieder bricht die Sonne durch das Wolkengrau. Am Nachmittag macht sich Victor Klemperer auf den Weg in die Sächsische Landesbibliothek, die sich damals im Japanischen Palais befindet. Ein prächtiges Gebäude am Neustädter Elbufer, unter dessen kupfergrünem Dach sich die goldverzierten Renaissancebände drängen.</p><p>Seit 1920, dem Jahr seiner Berufung nach Dresden, trifft man Klemperer dort regelmäßig an. Hier findet er alles, was er für seine Studien zur französischen Literatur braucht: Voltaire, Montesquieu, Diderot. Im Japanischen Palais, erinnert er sich später, „saß ich wie die Made im Speck. Keine deutsche, kaum die Pariser Nationalbibliothek selber hätte mich besser versorgen können.“</p><p>Freilich, eine Insel der Seligen ist auch die Sächsische Landesbibliothek nicht. Es gibt Parteigenossen, Deutschen Gruß und Denunzianten. Im Treppenhaus steht eine Hitler-Büste, und die von der Reichsschrifttumskammer verbotenen Bücher drängen sich im Sperrmagazin hinter Maschendraht.</p><p>Dennoch steht die Bibliothek bei den Nazis in schlechtem Ansehen; zu leidenschaftslos ist ihre Parteinahme für den neuen Staat. Es gibt Beschwerden über die geringe Präsenz nationalsozialistischer Schriften. Die Bibliothekare, so der Vorwurf, würden sie bewußt in den Katalogen „verstecken“. Ein Parteigenosse kritisiert, daß im Lesesaal die Werke zur griechisch-römischen Mythologie breiten Raum einnähmen, es aber nur drei Bücher zur germanischen Mythologie gebe.</p><p>Daß es nur ein Schritt ist von der Kultur zur Barbarei, hat Klemperer am 9. Oktober 1936 am eigenen Leib erfahren. Am „wohl bösesten Geburtstag meines Lebens“ teilte man ihm „schonend“ mit, daß er als Nichtarier den Lesesaal nicht mehr benutzen dürfe. „Man wolle mir alles nach Hause oder in den Katalogsaal geben“, notierte er damals wie erstarrt, „aber für den Lesesaal sei ein offizielles Verbot erlassen.“</p><p>Wenige Tage darauf erfuhr er, daß auch seine Bücher aus dem Lesesaal entfernt worden waren.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/10768ea9-cac5-42ce-9d21-634772894d38/uploads/images/ci4scvg2u5/IMG_2759.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Von der Hochstimmung, mit der er einst das Japanische Palais betrat, ist an diesem Wintertag zwei Jahre später kaum mehr etwas übrig. Er öffnet das schwere Tor aus Eichenholz und durchquert zögernd, mit langsamem Schritt die Vorhalle. Vorbei an den chinesischen Hermen mit ihrem spöttischen Lachen, geht er über den Hof und steigt die Treppenstufen zum Bibliothekseingang hinauf.</p><p>Im Katalogsaal im ersten Stock drückt ihm, wie es im Tagebuch heißt, „die Rothin sehr blaß die Hand“. Gemeint ist Johanna Roth, die Leiterin der Erwerbungsabteilung. Ob er denn nicht fort könne, fragt sie ihn leise. Hier gehe es zu Ende. Die Pogrome vom 9. November sind erst drei Wochen her; der Schock über die niedergebrannte Synagoge sitzt offenbar nicht nur bei den Dresdner Juden tief. Klemperer schreibt: „Sie sprach mit mir wie zu einem Sterbenden, sie nahm Abschied von mir wie für immer.“</p><p>So sehr ihn das kurze Gespräch auch aufgewühlt hat – es bleibt ihm keine Zeit, seine Gedanken zu ordnen. Denn gleich darauf kommt es zu jener Begegnung, die er anderentags mit ohnmächtigem Staunen in seinem Tagebuch schildert.</p><p>An den Namen des Ausleihbeamten, der ihn unvermittelt in das hintere Zimmer bittet, erinnert er sich nur vage („Striege oder Striegel“). Vor zwei Jahren hat dieser ihm bereits das Verbot des Lesesaals bekanntgegeben. Jetzt teilt er ihm mit, daß er die Landesbibliothek überhaupt nicht mehr betreten darf.</p><p>Doch es ist mehr als eine Mitteilung – es ist eine Demonstration. „Der Mann“, schreibt Klemperer, „war in fassungsloser Erregung, ich mußte ihn beruhigen. Er streichelte mir immerfort die Hand, er konnte die Tränen nicht unterdrücken, er stammelte ...“</p><p>Wohlgemerkt: Nicht Klemperer, der allen Grund hätte, die Fassung zu verlieren, sondern der Ausleihbeamte bricht in Tränen aus – so bestürzt ist er über das neue Verbot. Und ausgerechnet Klemperer muß ihn beruhigen.</p><p>Was das „hintere Zimmer“ ist, läßt sich nur vermuten. Doch wenn man sich die Räumlichkeiten im Palais vor Augen führt, liegt es nahe, daß der andere ihn von der Ausleihe im Erdgeschoß in das Büro des Ausleihe-Vorstands lotst. Erst hier, unter vier Augen (die Augen der kämpfenden Amazonen auf dem Wandfries über ihren Köpfen nicht mitgezählt), kann er es wagen, sich auf eine Weise zu offenbaren, die Klemperer den Schweiß auf die Stirn getrieben haben muß.</p><p>„Es kocht in mir“, bricht es aus dem Beamten heraus. „Wenn doch morgen etwas passierte ... Es ist doch der Tag der Solidarität ... Sie sammeln ... Man könnte an sie heran ... Aber nicht einfach töten – foltern, foltern, foltern ... Sie sollen erst merken, was sie angerichtet haben ...“</p><p>Ist es Klemperers skeptische Miene, die ihm Einhalt gebietet? Oder wird ihm selbst bewußt, wozu er sich in seiner Wut hat hinreißen lassen? Als Alfred Striegel, so der Name des Ausleihbeamten, die Fassung wiedergewinnt, erkundigt er sich nach der Situation des Professors: was mit seinen Manuskripten sei, ob er sie nicht bei irgendeinem Konsulat in Verwahrung geben könne. „Ob ich nicht heraus könnte ...“</p><p>Auch er sieht offenbar nur diesen Ausweg. Und nimmt damit Klemperers düsteres Resümee vorweg: „Die Entwicklung der letzten Tage hat uns wenigstens die innere Unsicherheit genommen; es gibt nicht mehr zu wählen: Wir <em>müssen</em> fort.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/10768ea9-cac5-42ce-9d21-634772894d38/uploads/images/cpkl6mh4yq/IMG_3341.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Es ist das letzte Mal, daß man Victor Klemperer im Japanischen Palais sieht. Wie benommen passiert er die Ausleihe, in der er unzählige Male mit seinen Büchern gestanden hat. Dann fällt hinter ihm die Tür ins Schloß. Er überquert den Hof mit den steinernen Chinesen und tritt auf die Straße hinaus.</p><p>Steigt er gleich am Wilhelm-Platz in die Straßenbahn (noch dürfen Juden Straßenbahn fahren), oder geht er erst noch ein paar Schritte, um den Kopf zu lüften und sich zu sammeln? Wirft er von der Augustusbrücke einen Blick zurück auf das geschwungene kupfergrüne Dach?</p><p>Im Tagebuch steht nichts darüber. Aber wie er nach Hause fährt, kann man auf einem alten Stadtplan verfolgen. Mit der Linie 15 geht es zum Postplatz; dort steigt er um in die 22 in Richtung Freital. An der Planettastraße (kurz zuvor nach dem Dollfuß-Mörder benannt) steigt er aus und geht zu Fuß durch den Bienertpark nach Dölzschen hinauf.</p><p>Es ist kalt, und mit erschrockenem Blick mustert er das kahle Geäst der Bäume. Wie Hände, denkt er, die sich hilfesuchend dem Himmel entgegenstrecken.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/10768ea9-cac5-42ce-9d21-634772894d38/uploads/images/yn5jsxc5qu/Klemperer_Portrat_1930.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Was während der Fahrt in ihm vorgeht, mit welchen Gedanken er die anderen Fahrgäste betrachtet? Allein der Zuspruch der beiden Bibliothekare wird ihm Mut gemacht haben. „Aber diese Teilnehmenden und Verzweifelten“, weiß er, „sind Vereinzelte, und auch sie haben Angst.“</p><p>Die Angst ist nicht ganz unbegründet, wie ein Blick in das berüchtigte „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ zeigt. Bot ein Beamter nicht die Gewähr, „jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat“ einzutreten, konnte er entlassen werden. Schon 1936 heißt es in Klemperers Tagebuch: „Der Beamte darf nicht ‚mit Juden und übelbeleumundeten Elementen‘ verkehren.“</p><p>Auch als Angestellte hatte Johanna Roth einen Eid auf den Führer ablegen müssen. Das aber hielt sie und Alfred Striegel nicht von einer menschlichen Geste ab, zu der Millionen Deutsche, die das Leid ihrer jüdischen Nachbarn mit Wegsehen und Schweigen quittierten, nicht fähig oder willens waren.</p><p>Was Johanna Roth (1885-1945) dazu bewog, läßt sich aus einem Satz schließen, den die Pfarrerstochter an jenem Tag zu Klemperer sagt: Auch „mit uns“ gehe es zu Ende – wegen ihres Namens sei auch die Zionskirche bedroht worden. Offenbar stand Roth der Bekennenden Kirche nahe, denn in der Südvorstadt wirkten damals zwei Pfarrer, die sich weigerten, mit Hitler zu paktieren.</p><p>Alfred Striegel (1890-1945), von Klemperer als „Stahlhelmer“ bezeichnet, hatte eine militärische Laufbahn hinter sich, als er 1931 in die Dienste der Landesbibliothek trat. Nach wie vor hielt er Verbindung zu alten Offizierskreisen und wußte schon früh von Nazigreueln und Konzentrationslagern. Wem er vertraute, dem erzählte er freimütig, was man ihm zugetragen hatte.</p><p>Diese Freimütigkeit hätte ihn beinahe Kopf und Kragen gekostet. Im September 1939 denunzierten ihn zwei Frauen, weil er sich in einem Gasthof kritisch über Hitler und die deutsche Kriegsschuld geäußert hatte. Die Verurteilung zu acht Monaten Gefängnis wegen „Beleidigung des Führers und Verletzung des Treueeides auf den Führer“ wurde erst drei Jahre später aufgehoben; es gab Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Zeuginnen.</p><p>Warum man es an jenem Wintertag 1938 einem einfachen Ausleihbeamten überließ, Klemperer das Verbot auszurichten?</p><p>Mein Großvater Helmut Deckert, damals ein Frischling im mittleren Dienst, hat nie vergessen, wie dieser das letzte Mal das Palais betrat und „die Bibliotheksräte aus dem Fenster schauten und einer vom anderen erwartete, daß er nach unten gehen und Klemperer sagen würde, daß ihm, dem geschätztesten Leser, die Bibliothek in Zukunft verschlossen bleibt“. So hat er es später dem Herausgeber der Tagebücher, Walter Nowojski, erzählt.</p><p>Was wäre das für eine Geste gewesen, hätte Hermann Neubert, der designierte Direktor, den Aussätzigen in seinem Büro empfangen! Ihm die Hand geschüttelt und mit blasser Miene um Worte gerungen. Und dann schweigend mit ihm aus dem Fenster geblickt: auf die vorbeiströmende Elbe und die berühmten Türme und Kuppeln. Und auf die Lücke im Stadtbild, wo vor drei Wochen noch die Synagoge gestanden hatte.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/10768ea9-cac5-42ce-9d21-634772894d38/uploads/images/2tthjbfqpo/IMG_2740_NEU1.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>In seinen Aufzeichnungen spricht Victor Klemperer von der „absoluten Mattsetzung“. An anderer Stelle heißt es, die Lebensarbeit sei ihm „aus der Hand geschlagen“. Nicht nur, daß er nicht mehr lehren darf; er kann nicht einmal mehr forschen. Die Arbeit am zweiten Band seiner französischen Literaturgeschichte bricht ab. Er wird sie nie wieder aufnehmen.</p><p>Beim Schach ist mit dem „Matt“ das Spiel zu Ende. Doch Klemperer weigert sich aufzugeben – auch dann noch, als seine verzweifelten Versuche, aus Deutschland fortzukommen („jeder Ort in jedem Erdteil“ wäre ihm recht, „wenn ich dort nur mit meiner Frau existieren könnte“), scheitern.</p><p>„Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen?“ hatte er zwei Jahre zuvor in einem Brief an seine Schwester Grete gefragt. An dieser Hoffnung, so gering sie auch sein mag, hält er fest – und ringt noch einem Leben in größtmöglicher Isolation, das immer mehr zum Überleben wird, einen Sinn ab. Zurückgeworfen auf sich selbst, beginnt er im Februar 1939, seine Autobiographie zu schreiben.</p><p>Wie es weitergeht, kann man im Tagebuch nachlesen: einem Dokument des Grauens, das einen den Kopf schütteln läßt, wann immer die Rede ist von der unschuldigen Kunststadt. Der Terror gegen die Juden, man kann es nicht oft genug sagen, geschah „mitten im kultivierten Dresden“.</p><p>Das Tagebuch, das Klemperer zur Balancierstange wird, „ohne die ich hundertmal abgestürzt wäre“, verzeichnet jeden Keulenschlag und jeden Nadelstich. Es bezeugt die Tapferkeit und den Mut seiner Frau Eva, die den Nazis als „arisch“ galt, aber zu ihm stand und auch die schlimmsten Demütigungen ertrug – und ihm damit das Leben rettete.</p><p>Und es erzählt vom 13. Februar 1945, an dem Victor Klemperer von seiner bevorstehenden Ermordung erfuhr: wenige Stunden, bevor Briten und Amerikaner die Stadt in Schutt und Asche legten. Was 25 000 Menschen den Tod brachte, bedeutete für die letzten Dresdner Juden die Rettung. Im Chaos, das auf die Bomben folgte, konnten sie den Häschern der Gestapo entkommen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/10768ea9-cac5-42ce-9d21-634772894d38/uploads/images/ytmts3zlnv/IMG_3518.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Bei Kriegsende war auch das Japanische Palais eine Ruine. Auf Leiterwagen karrten die Bibliothekare die geretteten Bücherstapel durch die Trümmerwüste. Für einige Zeit kam man in Striesen im ehemaligen Freimaurerinstitut in der Eisenacher Straße unter.</p><p>Eines Tages, es ist der 20. August 1945, steht Victor Klemperer in der Tür. Hermann Neubert, nur noch für kurze Zeit Direktor, empfängt ihn freundlich – Klemperer schreibt: „zutunlich“, was laut Duden soviel heißt wie zutraulich, anschmiegsam. Er bietet an, ihm Bücher nach Hause mitzugeben („solange noch kein Lesesaal geöffnet sei“). Bei Klemperers nächstem Besuch überreicht er ihm einen Band aus seiner Privatbibliothek.</p><p>Es ist, als hätte es jenen wolkengrauen Wintertag nie gegeben.</p><p>Auch Klemperer verliert im Tagebuch kein Wort darüber. Vermutlich haben beide Seiten das Thema vermieden – sonst wäre wohl zur Sprache gekommen, daß Johanna Roth und Alfred Striegel nicht mehr am Leben waren.</p><p>Roth erlag am 24. Februar 1945 den schweren Brandwunden, die sie sich auf der Flucht aus dem brennenden Dresden zugezogen hatte. Striegel starb am 14. April 1945 in Magdeburg durch einen versehentlich auf ihn abgegebenen Schuß. Daß ausgerechnet jene beiden Bibliothekare tot waren, die ihm in einer der bittersten Stunden seines Lebens die Hand gereicht hatten, wäre Klemperer sicher eine Notiz wert gewesen.</p><p>Vielleicht war es ihr Mitgefühl, das es ihm erleichtert hat, wieder an die Zeit anzuknüpfen, als er im Japanischen Palais „wie die Made im Speck“ saß. Bis zu seinem Tod am 11. Februar 1960 ging er im neuen Domizil der Bibliothek in der Marienallee ein und aus.</p><p>Victor Klemperers Nachlaß wird heute in der Handschriftenabteilung der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek am Zelleschen Weg verwahrt: nur ein paar Straßen entfernt von dem ersten <a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/posts/b208523b-48a6-446e-95d0-1e4996739a1f">„Judenhaus“</a>, in dem er und Eva Klemperer von Mai 1940 bis September 1942 wohnen mußten. In dem sie geschlagen wurden, angespuckt, verhöhnt und ausgeplündert. In dem sie Todesängste ausstanden.</p><p>Alles ist noch da: seine Frontkämpferbescheinigung aus dem Ersten Weltkrieg, seine Entlassungsurkunde von 1935, seine Kennkarte mit dem großen J und dem aufgezwungenen Vornamen Israel. Und seine Manuskripte und Tagebücher aus der „Höllenzeit“. Darunter jenes Blatt vom 3. Dezember 1938 mit der wie gehetzt aussehenden Schreibmaschinenschrift.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/10768ea9-cac5-42ce-9d21-634772894d38/uploads/images/ezkcktnlge/IMG_2721.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><hr aria-hidden="true"/><p><strong>Eine Bitte in eigener Sache:</strong></p><p><strong>Seit sechs Jahren gehe ich an Schulen, um aus Victor Klemperers Tagebuch zu lesen und über Holocaust und Antisemitismus zu sprechen.</strong></p><p><strong>Die Resonanz ist überwältigend. Eine Lehrerin schrieb: „Ich habe Renatus Deckert an meine Schule eingeladen und noch nie so viele positive Rückmeldungen von Schüler:innen und Kolleg:innen bekommen.“ Und das ist nur eine von zahlreichen Stimmen.</strong></p><p><strong>Monat für Monat schreibe ich etliche Schulen an. In den meisten Fällen erhalte ich keine Antwort. Doch bei Interesse fahre ich nach Cuxhaven, Kassel, Riesa, Stendal, Wittenberge ... Ich mache das auf eigene Initiative, ohne Anstellung und festes Einkommen. Nur selten erfahre ich eine institutionelle Unterstützung.</strong></p><p><strong>All das kostet enorm viel Zeit und Kraft – die mir an anderer Stelle fehlen. Deshalb freue ich mich, wenn Sie meine freiberufliche Arbeit gegen das Vergessen durch eine Mitgliedschaft bei „Wolken und Kastanien“ </strong><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/about"><strong>unterstützen</strong></a><strong>. Vielen herzlichen Dank!</strong></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/about">Mitglied werden ☁️ 🌰</a></p><p><strong>Wer sich nicht als Mitglied registrieren mag, kann meine Arbeit auch per Paypal unterstützen. Auch dafür ein großes Dankeschön!</strong></p><a href="https://www.paypal.com/paypalme/renatusdeckert">https://www.paypal.com/paypalme/renatusdeckert</a><p>Schon 1881 Leserinnen und Leser haben „Wolken und Kastanien“ abonniert. 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      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/10768ea9-cac5-42ce-9d21-634772894d38/uploads/images/ammndcsrvi/IMG_2704.jpeg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Sun, 05 Oct 2025 04:57:33 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Der Wellensittich]]></title>
      <description><![CDATA[Über bröckelnde Tauben und zitternde Hände, über Gott und die Welt, den geblümten Buckel von Frau Esche und das Grün der Birke auf dem Dach gegenüber]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über bröckelnde Tauben und zitternde Hände, über Gott und die Welt, den geblümten Buckel von Frau Esche und das Grün der Birke auf dem Dach gegenüber</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d7a5326e-a776-4225-a6b0-44db738394b2/uploads/images/i6qoos3374/IMG_1785_NEU4.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Ihr Gesicht war so zerknittert wie die Blätter vom letzten Herbst, die der Wind über die Straße wehte. Sie hatte schlohweißes Haar; und wenn sie sich zu mir hinunterbeugte, hielt ich die Luft an, weil sie aus dem Mund roch.</p><p>Sie war hundert Jahre alt. Nur deshalb ließ ich es geschehen, daß sie mit ihrer knochigen Hand meine Wange tätschelte. So lange, bis ich sie krächzen hörte: „Na los, geh schon!“</p><p>Der Käfig hing in der Küche vor dem Fenster: gleich neben der Spüle, in der eine geblümte Tasse stand. Wenn der Wellensittich mich sah, flatterte er aufgeregt herum. Aber nach einer Weile beruhigte er sich, hockte reglos auf seiner Schaukel und starrte vor sich hin.</p><p>Ich betrachtete ihn von allen Seiten: das grün leuchtende Gefieder, den Schnabel, die schwarzen Augen. Einmal steckte ich meinen Finger durch die Gitterstäbe; er blickte mich tadelnd an, sagte aber nichts.</p><p>Hob ich den Kopf, sah ich die Ruine gegenüber. Die kleine Birke, die sich tapfer in die verrottete Dachrinne krallte; die Fenster wie leere Augenhöhlen. In diesem Moment löste sich eine Taube von der Fassade. Es sah aus, als würde ein Stück Putz von der Mauer bröckeln.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d7a5326e-a776-4225-a6b0-44db738394b2/uploads/images/5zc4vvvnvk/IMG_4392_NEU.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Das erste Mal, als wir Frau Esche besuchten, hatte sie ein paar gelbe Zähne entblößt und mich angelacht. „Weißt du, ich habe einen Vogel!“</p><p>Erstaunt sah ich sie an. Da nahm sie meine Hand und führte mich in die Küche, an deren Decke die Wasserflecken wie Regenwolken schwammen.</p><p>„Otto! Mein Ottochen!“ rief sie, und der Wellensittich hüpfte auf und ab, daß der Käfig vibrierte, und gab schnarrende Geräusche von sich. Sie klatschte in die Hände, und er schlug so wild mit den Flügeln, daß es aussah, als würde auch er klatschen.</p><p>„Er kann sogar sprechen“, flüsterte sie und warf mir einen bedeutungsvollen Blick zu. Doch als sie versuchte, ihn mit schmatzenden Lippengeräuschen dazu zu bringen, daß er etwas sagte, klappte es nicht.</p><p>„Jetzt blamierst du mich aber!“ sagte sie lachend und drohte ihm mit dem Finger.</p><p>Dann wandte sie sich zu mir um. „Vielleicht schaffst du es! Ich laß euch mal allein.“ Und schon wankte sie davon.</p><p>Kaum war der geblümte Buckel im Dunkel des Korridors verschwunden, hörte ich sie rufen: „Ach, Herr Pfarrer! Das ist aber eine Freude!“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d7a5326e-a776-4225-a6b0-44db738394b2/uploads/images/5ibctoglra/IMG_2276.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Ich weiß nicht mehr, wie oft wir bei Frau Esche waren. In meiner Erinnerung verschwimmen die Gesichter und die Wohnungen, an deren Türen mein Vater erst klingelte, dann klopfte. Auf dem Kopf die schwarze Baskenmütze, in der Hand den Gemeindebrief, in dem die Gestorbenen nach dem Alter sortiert waren, das sie erreicht hatten.</p><p>Ich sah dunkle Hausflure und leere Klingelbretter und Treppenhäuser, in denen Schwalben ihre Nester bauten. Ich sah zitternde Hände, Haarnetze und Stöcke; ein Gebiß in einem Zahnputzglas. Ich sah Tränen, verblichene Tapeten, eine staubige Porzellanpuppe.</p><p>Und ich sah Otto.</p><p>Von den alten Frauen, die wir besuchten, weil keiner sonst sie besuchte, war Frau Esche die älteste. Das riesige Mietshaus in der Äußeren Neustadt, wo sie im dritten Stock wohnte, sah aus, als hätte man ihm die Haut abgezogen: überall trat der rote Backstein hervor. Fuhr unten die Straßenbahn vorbei, klirrten im Schrank die Teller mit dem Zwiebelmuster.</p><p>Wann ich das letzte Mal bei ihr war? Es muß im Frühling gewesen sein, denn die Blätter der Birke auf dem Dach gegenüber leuchteten hellgrün in der Sonne.</p><p>Während mein Vater und Frau Esche im Wohnzimmer miteinander sprachen, war ich in die Küche gegangen. Otto saß auf seiner Schaukel und sah durch mich hindurch. Ich hatte ihm zehnmal dasselbe Wort vorgesagt, aber er wollte noch immer nicht sprechen.</p><p>„Na los“, flüsterte ich ihm zu. „Sag endlich was!“</p><p>Von nebenan hörte ich die Stimme meines Vaters. Weil Frau Esche schwerhörig war, sprach er so laut wie in der Kirche, wenn er vor dem Altar stand und die Gemeinde segnete.</p><p>Auch jetzt sprach er von Gott. Ich fragte mich, woher er das alles wußte und ob er Gott schon einmal begegnet war. Ich selber war ihm noch nie begegnet, aber ich wußte, daß er sogar noch älter war als Frau Esche. Ob auch er einen Vogel hatte?</p><p>Hoffentlich war er nicht schwerhörig! Wie sollte er sonst erfahren, daß ich ihn jeden Abend vor dem Einschlafen bat, daß mich Maik Dietze in Ruhe ließ? Maik Dietze war mein Feind. Er behauptete, ich hätte auf dem Schulhof Kohlen geklaut; und wenn er mich sah, bewarf er mich mit Steinen.</p><p>„Na los“, sagte ich noch einmal. „Sag was!“</p><p>Doch Otto schwieg.</p><p>Auch Gott sprach nie zu mir, und manchmal fragte ich mich, ob es ihn wirklich gab. Wäre mein Vater nicht gewesen mit seinem schwarzen Talar und seiner festen Stimme – vielleicht wäre es mir schwergefallen, an ihn zu glauben.</p><p>Mir war langweilig, und ich überlegte, ob ich ins Wohnzimmer gehen sollte. Ich konnte ein Bild malen oder in dem Buch blättern, das mein Vater für mich eingesteckt hatte. Aber heute hatte ich keine Lust. Ich sah mich in der Küche um und zog eine Schublade auf. Sie klemmte, und als ich an ihr zerrte, gab sie ein Knirschen von sich. Erschrocken hielt ich inne.</p><p>Auf einmal hörte ich hinter mir ein Geräusch. Es klang, als würde etwas herunterfallen; und als ich mich umdrehte, lag Otto auf dem Boden des Käfigs.</p><p>Im nächsten Augenblick berührte meine Nase die kalten Gitterstäbe. „Steh auf!“ sagte ich so leise, daß nur er es hören konnte. „Otto! Komm schon!“</p><p>Ich bekam es mit der Angst zu tun. Was, wenn Frau Esche dachte, ich hätte ihm etwas getan? Mir schoß das Blut in den Kopf. Die Schublade! War ich schuld daran, daß Otto so dalag?</p><p>Ich beschwor ihn, wieder aufzuwachen. Ich flehte ihn an. Doch er rührte sich nicht.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d7a5326e-a776-4225-a6b0-44db738394b2/uploads/images/dqptayreub/IMG_6797_NEU.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Als ich ins Wohnzimmer kam, sprach mein Vater noch immer. Der Gemeindebrief mit den Namen der Toten lag auf der gehäkelten Tischdecke neben einer Vase mit Strohblumen.</p><p>„Und du?“ Er zwinkerte mir zu. „Was macht dein Freund ... wie heißt er gleich?“</p><p>Ich schlug die Augen nieder.</p><p>Frau Esche kam mir zu Hilfe. „Otto! Wie mein Mann.“ Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht.</p><p>„Ich vergesse ja alles mögliche! Aber das kann ich mir noch merken. Auch wenn er schon so lange tot ist. Im Mai sind es dreißig Jahre. Mein Gott ...“</p><p>Sie schüttelte den Kopf.</p><p>„Also, zuerst hatte ich eine Katze. Dann noch eine. Und jetzt hab’ ich Otto.“</p><p>Ich warf ihr einen panischen Blick zu. Nicht, daß sie auf den Gedanken kam, ihn zu holen. Zum Glück blieb sie sitzen. Ich starrte auf den Gemeindebrief, als könnte ich dadurch das Gespräch in eine andere Richtung zwingen.</p><p>Aber Frau Esche hörte gar nicht auf, von ihrem Wellensittich zu erzählen. Wie gelähmt saß ich da, der Schweiß brach mir aus allen Poren.</p><p>Irgendwann runzelte mein Vater die Stirn und fragte, was mit mir los sei. „Du bist so blaß.“</p><p>Ich sagte: „Mir ist schlecht.“</p><p>Er legte mir die Hand auf den Arm und wandte sich an Frau Esche. „Es wird Zeit, daß wir uns wieder auf den Weg machen.“</p><p>Sie nickte und stand auf, um uns zur Tür zu geleiten. Als ich ihr die Hand gab, wäre ich am liebsten im Boden versunken.</p><p>Die Treppe hinunter nahm ich gleich zwei Stufen auf einmal. Ich wollte so schnell wie möglich fort. Jeden Augenblick erwartete ich, daß sich oben die Tür wieder öffnete und Frau Esche hinter mir herschrie: „Otto! Was hast du mit Otto gemacht?“</p><p>Mein Vater kam kaum nach. „Ich denke, dir ist schlecht?“ fragte er, als er mich auf der Straße einholte.</p><p>„Geht schon wieder“, sagte ich und atmete in vollen Zügen die frische Luft ein.</p><p>Ich konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen. Immer wieder stellte ich mir vor, wie Frau Esche die Küche betrat und aufschrie, als sie den toten Wellensittich entdeckte. Bei dem Gedanken schnürte es mir die Kehle zu.</p><p>Aber ich kann doch nichts dafür! murmelte ich unablässig vor mich hin. Ich war es nicht!</p><p>Die restlichen Stunden des Tages versuchte ich, alles zu vergessen. Doch als ich abends im Bett lag, fiel es mir wieder ein.</p><p>In der Nacht träumte ich, daß ich in Frau Esches Küche stand. Plötzlich ging die Tür auf, und ein alter Mann kam herein. Er trat zu dem Käfig, löste den Riegel und griff hinein. Als er die Hand wieder herauszog, war der Käfig leer. In diesem Moment öffnete er seine Faust, und da sah ich Otto – klein und grau und still.</p><p>Der alte Mann betrachtete ihn eine Weile, dann steckte er ihn in seine Manteltasche. Mit einem bedauernden Lächeln wandte er sich an mich: „Jetzt habe ich auch einen Vogel.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d7a5326e-a776-4225-a6b0-44db738394b2/uploads/images/7nzbdlrboc/IMG_2176_NEU2.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Am anderen Morgen hatte ich Fieber. Meine Stirn glühte, und ich fühlte mich so schwach, daß ich es nicht schaffte aufzustehen. Meine Mutter setzte sich zu mir ans Bett, sie sah besorgt aus.</p><p>Als ich das nächstemal erwachte, war es Abend. Eine Weile lauschte ich auf das Geklapper aus der Küche, dann schlief ich wieder ein.</p><p>Die Tage vergingen. Wenn ich nicht schlief oder ein paar Löffel Suppe aß, die meine Mutter mir in den Mund schob, starrte ich an die Decke und stellte mir vor, wie das Leben draußen weiterging.</p><p>An Otto dachte ich nicht mehr.</p><p>Eines Morgens stand mein Vater im Zimmer. Er trug einen schwarzen Anzug. Er legte mir die Hand auf die Stirn und fragte mich, wie es mir gehe.</p><p>„Warum ... hast du deinen Anzug an?“</p><p>Er legte die Stirn in Falten. „Frau Esche ist gestorben. Ich fahr jetzt zu ihrer Beerdigung.“</p><p>Betroffen sah ich ihn an.</p><p>„Du mußt nicht traurig sein. Sie hatte ein langes Leben.“</p><p>„War sie wirklich ... hundert?“</p><p>Er lächelte. „Wie kommst du darauf? Nein, sie war 93.“</p><p>Plötzlich stiegen mir Tränen in die Augen. Ich mußte an ihren Wellensittich denken und an die Schublade, an der ich gezerrt hatte. Ich war schuld daran, daß sie gestorben war, obwohl ihr noch sieben Jahre fehlten.</p><p>„Warte mal.“</p><p>Er ging hinaus. Als er wiederkam, hielt er den Käfig in der Hand. Auf der Schaukel saß Otto. Kaum sah er mich, flatterte er wie wild mit den Flügeln.</p><p>Ich starrte ihn an, mit offenem Mund.</p><p>Mein Vater stellte den Käfig auf meinen Nachttisch. „Frau Esche wollte, daß du ihn bekommst. Sie meinte, ihr hättet euch viel zu erzählen!“</p><p>Aber er kann gar nicht sprechen! fuhr es mir durch den Kopf. Doch ich brachte kein Wort heraus.</p><p>Noch immer starrte ich Otto an. Sein Gefieder war nicht mehr grau wie in meinem Traum, sondern leuchtete im selben Grün wie die Blätter der Birke auf dem Dach gegenüber.</p><p>Unwillkürlich sah ich zum Fenster. Aber da war nur der Himmel: blau und glänzend, gesprenkelt von Wolken so weiß wie das Haar von Frau Esche.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d7a5326e-a776-4225-a6b0-44db738394b2/uploads/images/z3i2flh63k/IMG_7485.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><hr aria-hidden="true"/><p>Schon 1805 Leserinnen und Leser haben „Wolken und Kastanien“ abonniert. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten möchten, tragen Sie sich gern <a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">hier</a> ein.</p><p></p><p><strong>Liegt Ihnen „Wolken und Kastanien“ am Herzen? Mit einer Mitgliedschaft ermöglichen Sie es, daß ich auch in Zukunft Geschichten für Sie schreiben kann! Das geht schon zum Preis einer Tasse Kaffee im Monat. 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      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/d7a5326e-a776-4225-a6b0-44db738394b2/uploads/images/i6qoos3374/IMG_1785_NEU4.jpeg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Sun, 31 Aug 2025 04:54:16 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Auf dem Meere]]></title>
      <description><![CDATA[Über juchzende Apfelbäume und die Lockenperücke von Johann Sebastian Bach, über Raufbolde in krummen Gassen, spitze Türme und das Auf und Ab des Lebens]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über juchzende Apfelbäume und die Lockenperücke von Johann Sebastian Bach, über Raufbolde in krummen Gassen, spitze Türme und das Auf und Ab des Lebens</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/be6ccf3e-d97f-44dc-96fe-1a1b5908eed3/uploads/images/llgzyocoj5/IMG_6334-neu.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Und dann gehst du ein letztes Mal durch die vertrauten Straßen. Du könntest auch Gassen schreiben, aber das klingt zu sehr nach Wilhelm Raabe. Passen würde es schon: zu diesen krummen, wie verbogenen Sträßchen, über denen sich die Lüneburger Giebel den Wolken entgegenrecken. Manchmal hängt noch ein rostiger Haken an einem Seil, so wie vor hundert Jahren, als man damit Säcke himmelwärts gezogen hat.</p><p>An diesem Morgen ist der Himmel blau und wolkenlos – anders als an den vielen Tagen, an denen eine Elefantenhaut über die Dächer flatterte und dich ein feiner Regen langsam, aber gründlich durchnäßte. Hamburg ist nicht weit und sein Schmuddelwetter ein regelmäßiger Gast.</p><p>Wobei er sich zuletzt immer seltener blicken ließ: was einem, der über Wolken schreibt, zu denken gibt. So trocken wie in diesem Frühjahr war die Erde im Garten noch nie. Was soll da gedeihen? Welche Blumen, welche Früchte? Schon in den letzten Jahren war die Ernte mager, den Blick zum Himmel begleiteten Sorgenfalten. Sag mir, wo die Wolken sind! Wo sind sie geblieben?</p><p>Schön war der Frühling trotzdem: ein einziger großer Farbenrausch, dazu das Vogelgezwitscher, das Bienengesumm und ein Duft, so erlesen, wie man ihn in keiner Parfümerie findet. Es war, als würde Lüneburg alles aufbieten, um uns den Abschied schwerzumachen – ja, als wollte es uns überreden, alle Pläne in den Wind zu schlagen.</p><p>Warum wollt ihr fort? säuselten die zartgrünen Blätter der Kastanien am Stint. Ist es nicht herrlich hier? juchzten im Garten die Apfelbäume, und wie um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, sprangen sämtliche Knospen mit einem Plopp auf.</p><p>Die Magnolie im Rathausgarten blühte so prächtig wie noch nie, und man war sich nicht sicher, ob das Brummen, das die Luft erfüllte, von den herumschwirrenden Hummeln kam oder nicht doch aus den Mündern der herbeiströmenden Lüneburger. Was für ein Anblick: wie sie traubenweise davorstanden, stolz, ja ergriffen; nur hin und wieder enterte ein entzückter Ausruf die andächtige Stimmung.</p><p>Ich mußte an die Anbetung der Hirten denken – nur daß die Magnolienanbeter nicht die Knie beugten, sondern den rosaweißen Blüten ihre Telefonarme entgegenstreckten. Und fiel doch mal einer auf die Knie, dann nur, um alles aufs Bild zu kriegen: die Blütenpracht, ein Stück makellosen Himmel und das honigsüße Lächeln der Geliebten.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/be6ccf3e-d97f-44dc-96fe-1a1b5908eed3/uploads/images/tit6z5guxm/IMG_6783-neu.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Ist es nicht herrlich hier? Nicht nur die Apfelbäume juchzen es in Lüneburg. Auch die alten Backsteine knirschen es zwischen den Mauerfugen hervor, und aus dem golden blitzenden Flügelhorn klingt es vom Kirchturm herab: jeden Morgen kurz vor neun, wenn hoch über den Dächern einer der <a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/posts/7c6a7a8d-f0b5-4372-9096-8ec779ceb285">Turmbläser von St. Johannis</a> einen Choral in alle vier Himmelsrichtungen bläst.</p><p>Aber ja, es ist herrlich hier. Keine Frage! Und wie könnte es auch anders sein: an einem Ort, dessen Straßen „Blümchensaal“ heißen oder „Auf dem Meere“. Seit dreizehn Jahren überlege ich, was der schönere Name ist. Und weiß es immer noch nicht.</p><p>Ja, dreizehn Jahre ist es her, daß es mich nach Lüneburg verschlug: aus dem Moloch Berlin in die kleine norddeutsche Stadt, nach der die berühmte Heide nebenan benannt ist. Warum und weshalb? Nun, da könnte ich einen anderen Namen zitieren: den „Liebesgrund“, wie der Park an der alten Stadtmauer heißt. Denn was sonst als ein Liebesgrund war es, der mich hierher führte? Ach was: der mich magnetisch anzog – als wäre ich ein Häufchen Eisenspäne! Aber das ist eine andere Geschichte.</p><p>Der Anfang, ich gebe es zu, fiel mir nicht leicht. Noch monatelang kam ich zu jeder Verabredung eine Viertelstunde zu früh. Es war ja alles nur ein paar Häuserecken entfernt. Doch die Prägungen der Großstadt schüttelt man nicht einfach ab. „Geh lieber ein paar Minuten früher los!“ hörte ich eine innere Stimme sagen, wenn sich der Zeiger der vereinbarten Stunde näherte. „Falls eine U-Bahn ausfällt.“ Aber ach! Welche U-Bahn sollte in Lüneburg schon ausfallen?</p><p>Doch allmählich gewöhnte ich mich an die neue Zeitrechnung und fand mich zurecht im Gewirr der Gassen rund um Kuh- und Katzenstraße und (um im Bild zu bleiben) Am Ochsenmarkt. Bei der Orientierung halfen mir die in den Himmel stechenden Türme von St. Johannis und St. Nicolai – vor allem aber jene puderweißen Wolken, die sich mit Vorliebe über St. Michaelis ballen. Wer sie sieht, könnte meinen, Johann Sebastian Bach habe seine barocke Lockenperücke in die Luft geworfen.</p><p>Daß Bach als Chorknabe der Michaelisschule durch die Straßen der Altstadt gegangen war, womöglich sogar über jene Katzenbuckel, auf die ich dreihundert Jahre später meine Füße setzte, ließ hin und wieder meinen Herzschlag stocken. Aber auch daran gewöhnt man sich. Lüneburg ist nun mal ein gefährliches Pflaster.</p><p>Gefährlich? Und wie! Schon ein Spaziergang kann schmerzhafte Folgen haben, wie ich weiß, seit ein Bekannter mit einer Straßenlaterne kollidierte. Bei der Betrachtung eines Giebels von 1565 hatte er sie glatt übersehen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/be6ccf3e-d97f-44dc-96fe-1a1b5908eed3/uploads/images/hg34i7se6x/IMG_8495-neu.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Mindestens so sehr wie die alten Gemäuer haben es mir, dem Wortesammler, die Straßennamen angetan. An den Brodbänken, Auf der Rübekuhle, Schlägertwiete. Oder jener Name von geradezu biblischer Wucht, auf den mich neulich ein gebürtiger Lüneburger hinwies: Langer Jammer.</p><p>Meine Begeisterung über diese Bezeichnungen wurde noch gesteigert durch die Lektüre eines Buches, das ich in der Ratsbücherei entdeckte – und so oft entlieh, bis meine Frau es antiquarisch erstand und mir zum Geburtstag schenkte.</p><p>Es heißt „Die Straßennamen Lüneburgs“ und stammt von dem Historiker Wilhelm Reinecke. „Der Stadt Lüneburg angesehenster Gelehrter seiner Zeit“, heißt es auf einer Gedenktafel an seinem früheren Wohnhaus. Fast noch mehr als seine Gelehrtheit beeindruckt mich sein anschaulicher Stil. Etwa wenn er über die Schlägertwiete schreibt:</p><p><em>„Twite</em> ist eine schmale Gasse. Bei <em>Schläger, sleger,</em> möchten wir an die <em>koppersleger</em> denken, die nach freundlichem Hinweis einer Anwohnerin bis in die neuere Zeit zahlreich auf der oberen Grapengießerstraße wohnten und aus ihren Werkstätten auch die nahe Seitenstraße mit ihrem Klopfen und Hämmern erfüllten.“</p><p>Reinecke könnte es dabei belassen. Doch als würde man bei einer Tasse Tee zusammensitzen, fällt ihm noch etwas ein. Er hält kurz inne, runzelt die Stirn; dann fliegt ein schelmisches Lächeln über sein Gesicht, seine Augenbrauen schnellen in die Höhe. Im nächsten Moment ergreift er wieder das Wort:</p><p>„Und wenn selbst in rauflustiger Vergangenheit <em>sleger,</em> Raufbolde, die entlegene Gasse gern als Schauplatz ihrer Kämpfe ausersehen haben sollten, so ist beileibe nicht daran zu denken, daß die Twite vorzugsweise von solchen Elementen bewohnt wurde oder gar noch bewohnt wird – es liegt also nicht der mindeste Anlaß vor, dem Wunsche der im übrigen höchst friedfertigen Anlieger nachzugeben und den durch die Jahrhunderte geschützten Straßentitel abzuschaffen.“</p><p>Heute ist die Schlägertwiete eine stille Gasse, in die sich nur hin und wieder ein Passant verirrt. Große Holztore, viel Backsteinrot. Aber wann immer ich sie durchquere, denke ich an Wilhelm Reinecke – und dann höre ich es klopfen und hämmern, als wären sie noch immer da. Die <em>koppersleger,</em> die Kupferschmiede. Und manchmal auch: ein Raufbold.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/be6ccf3e-d97f-44dc-96fe-1a1b5908eed3/uploads/images/xullmlfanx/IMG_7056.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>An diesem Morgen mit seinem unwiderstehlich blauen Himmel (keine Lockenperücke weit und breit) liegt die Stadt wie ein geöffnetes Buch vor mir. Dreizehn Jahre habe ich darin geblättert und gelesen, habe viel erfahren, immer wieder gestaunt und mit Bleistift die eine oder andere Anmerkung an den Rand gekritzelt. Vor allem aber habe ich hier gelebt.</p><p>Nein, ein Langer Jammer war das nicht. War es ein Blümchensaal? Nun, vielleicht trifft es der Name am besten, der wohl doch der schönste von allen ist: Auf dem Meere. Mir kommt er vor wie eine Metapher für das Leben überhaupt. Das Auf und Ab der Wellen – manchmal trägt es einen hoch hinaus, und dann wieder geht es tief hinunter. Doch die meiste Zeit wogt es einfach dahin: das Meer, das Leben.</p><p>Reinecke vermutet, daß man die Straße so nannte, weil sie nach heftigen Regengüssen oft unter Wasser stand. Ob auch der junge Bach dort nasse Füße bekam? Ausgeschlossen ist es nicht, schließlich ist St. Michaelis, wo er bis zum Stimmbruch sang, nur einen Katzensprung entfernt. Eine Gedenktafel an der Kirchenmauer erinnert daran.</p><p>Unzählige Male bin ich hier gewesen: auf diesem stillen, von den Zeitläuften fast unberührten Platz. Eine Weile kam ich jeden Tag daran vorbei. Mit großen Augen schaute meine Tochter aus dem Kinderwagen oder sang lauthals ein Weihnachtslied, egal ob es Frühling war oder Herbst. Manchmal brauste in der Kirche die Orgel, dann blieb ich stehen und zeigte auf die hohen gotischen Fenster: „Hörst du?“ Und dann lauschten wir gemeinsam, während die Wolken über uns dahinzogen.</p><p>An diesem Morgen ist es, als wären all diese Augenblicke hier versammelt. Das Rauschen der Linden und die heidelbeerblauen Augen meiner Tochter, die <a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/posts/d476b406-b3f2-437e-923f-2268cc28af86">Kanonenkugel in der Backsteinmauer</a> und die moosbewachsenen Steine.</p><p>Und noch etwas fällt mir ein: Es war in unserem ersten Lüneburger Jahr, als wir St. Michaelis zu Kopf stiegen und aus einem der Turmfenster über das Ziegelrot der Altstadt blickten. Ich erinnere mich an das Hochgefühl, das mich damals erfüllte.</p><p>War es der glückliche Schwindel, der einen jedesmal erfaßt, wenn man für ein paar Augenblicke allen irdischen Belangen enthoben ist? Oder war da etwas in meinem Blut, das sich fröhlich puckernd an die <a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/posts/51d8ba0c-9dee-467b-925f-5632c6c1dec6">windigen Heldentaten meines Urgroßvaters</a> erinnerte, der vor hundert Jahren auf dem Wiener Stephansdom und Schloß Miramare herumkletterte, um sie mit Blitzableitern zu versehen?</p><p>Vielleicht war es aber auch das Gefühl, angekommen zu sein: zwischen all den Tausteinen und schwangeren Häusern, Raufbolden und Magnolien.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/be6ccf3e-d97f-44dc-96fe-1a1b5908eed3/uploads/images/sethg7ebyx/IMG_8519-neu.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Eigentlich seltsam, denke ich jetzt, daß dieser Turm der erste war, auf den ich in Lüneburg stieg. Nicht der Wasserturm, auf dem man sogar heiraten kann, wenn sich der Liebesgrund als haltbar erwiesen hat. Und auch nicht der Backsteinriese, dem am Morgen mein erster Blick aus dem Fenster gilt und am Abend oft der letzte. Ganz zu schweigen von all den Blicken zwischendurch. Als müßte ich mich jedesmal versichern, daß er noch da ist.</p><p>Wie wird er mir fehlen.</p><p>„Du hast doch so viele Bilder von ihm“, hat meine Tochter gesagt. „Die kannst du dir immer anschauen.“</p><p>Und sie hat ja recht. Ich weiß gar nicht, wie oft ich ihn fotografiert habe in all den Jahren: bei Sonne und Schnee, von quietschenden Falken umkreist und einmal vor einem bleiernen Grau, aus dem ein Regenbogen wuchs, der sich mit einer Hand auf dem kupfergrünen Kirchendach abstützte. Ich schickte das Foto an die Superintendentin und schrieb darunter: „Was Sie sich alles einfallen lassen!“</p><p>Nun muß ich mir selber etwas einfallen lassen. Nicht gerade einen Gottesbeweis, aber kompliziert ist es schon auch. Anders als meine Bücher kann ich den Turm ja nicht in eine Umzugskiste packen! Obwohl ... plötzlich fällt mir der Traum ein, den ich neulich träumte. Ich greife mir an den Kopf, weil ich kaum glauben kann, wie sich die Gedanken des Tages in die Nacht verlängern und dort ein so unerhörtes Eigenleben führen.</p><p>Tatsächlich hatte ich geträumt, daß ich ihn einfach mitnehme. Ihn wegtrage wie ein Malermeister seine Leiter. Das Erstaunliche war: es ging ganz leicht. Ohne Rütteln und Ziehen ließ er sich von der Erde lösen, und er war auch gar nicht schwer. Das denkt man ja nicht bei einem solchen Koloß, aber genau so war es! Die Last der Jahrhunderte fühlte sich an wie Luft.</p><p>Im nächsten Moment sah ich mich durch eine Heidelandschaft laufen. Es war Nacht, eine herrliche Sommernacht, wolkenlos, voller Sterne. Und auch der Mond war da und warf sein knochenbleiches Licht auf die Erde, während ich leichtfüßig über die Sträucher sprang: unterm Arm den Turm, aus dem es die ganze Zeit läutete.</p><p>Na klar, die Glocken waren ja ganz durcheinander. Kein Wunder! Wann hatte es sie zuletzt so mitgenommen? Im Dreißigjährigen Krieg? Vor allem die älteste, die Apostelglocke von 1436 machte einen gewaltigen Lärm. Was mich zunächst nicht störte. Ich war wie berauscht – weil es mir gelungen war, den Turm einfach abzupflücken: wie ein reifes Schwammerl, um das Lieblingswort meines österreichischen Schwiegervaters zu zitieren.</p><p>Aber dann machte mich das Geläute doch nervös. Was, wenn die Lüneburger davon erwachten und sahen, daß die halbe Johanniskirche fehlte? Würden sie nicht gleich aus ihren Betten springen und sich an die Verfolgung machen?</p><p>Kaum hatte ich das gedacht, hörte ich sie auch schon. Füßegetrappel, Motorenlärm. Stimmen, die riefen: „Halt! Stehenbleiben!“ Sirenen, Hupen, Trillerpfeifen. Und da! War das nicht das Flügelhorn, das jeden Morgen über den Lüneburger Dächern sang? Jetzt klang es aufgebracht, ja zornig wie am Tag des Jüngsten Gerichts.</p><p>O weh! Die Lüneburger wollten ihren Turm nicht hergeben. Ich hätte es wissen müssen! Schon spürte ich ihren Atem im Nacken. So heiß wie die Luft, die den Nüstern eines schnaubenden Drachens entweicht. Ein paar Sekunden noch kämpfte ich mit mir, aber es hatte keinen Sinn. Hinter dem nächsten Heidestrauch blieb ich stehen und stellte ihn (ganz sanft, damit kein frisch bebrütetes Falken-Ei herausfiel) auf dem sandigen Boden ab.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/be6ccf3e-d97f-44dc-96fe-1a1b5908eed3/uploads/images/43ziojymzc/IMG_1329.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Als ich am anderen Morgen erwachte, stürzte ich sofort zum Fenster – und traute meinen Augen nicht. Da stand der Turm wie eh und je. Als wäre er nie weggewesen.</p><p>Wie die Lüneburger es geschafft hatten, ihn in der Nacht zurückzubringen, war mir ein Rätsel. Aber ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Noch waren jede Menge Kisten zu packen. In ein paar Tagen schon würde der Umzugswagen vorfahren. Und mit den Möbeln und Büchern (ach, die vielen Bücher!) würde auch ich bald von hier verschwunden sein.</p><p>Ich atmete tief durch; verstohlen wischte ich mir eine Träne ab, während ich mit einem Blick voller Zärtlichkeit zu ihm hinübersah. Gerade schipperte ein Wölkchen im Himmelsblau dahin, sorgfältig darauf bedacht, nicht an der grünen Kirchturmspitze hängenzubleiben.</p><p>Lang, lang hätte ich so schauen können: wie so oft in den dreizehn Jahren, wenn ich hier gestanden und den alten Backsteinriesen betrachtet und bei mir gedacht hatte: Einen Fernseher brauchen wir wirklich nicht! Aber dann gab ich mir einen Ruck. Ich wußte ja: Eines Nachts würde ich wiederkommen, heimlich, still und leise. Und dann würde ich ihn mir holen!</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/be6ccf3e-d97f-44dc-96fe-1a1b5908eed3/uploads/images/l2toraeoyi/IMG_4820-neu.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p><em>Es stimmt: Wir ziehen um! Bücher und Kastanien müssen eingepackt und neue Wolken aufgehängt werden. Deshalb verschicke ich die nächste Geschichte erst im September. Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich einen schönen Sommer!</em></p><p></p><p><strong>Liegt Ihnen „Wolken und Kastanien“ am Herzen? Mit einer Mitgliedschaft ermöglichen Sie es, daß ich auch in Zukunft Geschichten für Sie schreiben kann. Das geht schon zum Preis einer Tasse Kaffee im Monat. Dankeschön!</strong></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/about">☁️ 🌰 Ermöglichen</a></p><p></p><p>Schon 1775 Leserinnen und Leser haben „Wolken und Kastanien“ abonniert. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten möchten, tragen Sie sich gern hier ein:</p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">☁️ Kostenlos abonnieren</a></p><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 29 Jun 2025 05:02:23 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[Die Grenze]]></title>
      <description><![CDATA[Über Krakenarme in der Elbe und einen Gedankensprung über die Berliner Mauer, über Gespenster, einen eisigen Tropfen und den unsichtbaren Fremden im Türspalt]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über Krakenarme in der Elbe und einen Gedankensprung über die Berliner Mauer, über Gespenster, einen eisigen Tropfen und den unsichtbaren Fremden im Türspalt</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b3a52efd-e5aa-4356-97b6-99aac8dd4908/uploads/images/5ro45x453u/IMG_2199.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Ich weiß nicht, warum ich neulich an Susanne denken mußte. Oder an die „treue Susanne“, wie der Bauer sie nannte, dem sie gehörte. Es lag wohl an den Kühen, die wir auf unserem Weg an die Elbe sahen. Schwarzweiß gescheckt, die Köpfe zu uns erhoben, während sie mürrisch wiederkäuten, Grashalm um Grashalm. Kühe wie Susanne und ihre vier Gefährtinnen, die keine Namen haben in der Erzählung des Bauern.</p><p>Wieder einmal hatte ich in einem Antiquariat gestanden, ein paar Jahre ist es her, als mir ein dickes Buch ins Auge fiel. „Grenzgeschichten“ stand in roter Schrift auf seinem Rücken.</p><p>Mit der Grenze war die zwischen den beiden deutschen Staaten gemeint, was sofort mein Interesse weckte. Schließlich war ich, wenn ich die Sache von meinem gegenwärtigen Standpunkt (zwischen den vollgestopften Regalen eines Lüneburger Antiquariats) aus betrachtete – jenseits der Grenze aufgewachsen; und daß ich es einmal auf die andere, die hiesige Seite schaffen würde, hätte ich mir als Kind nicht träumen lassen.</p><p>Neugierig blätterte ich in dem Buch, las hier und da eine Geschichte an, und dabei spürte ich, wie die ganze Zeit ein kleiner Wurm durch meinen Hinterkopf kroch und zischelte: „Nimmst du es mit, oder läßt du es da?“ Noch war ich unentschlossen; der Stapel der Bücher, die ich bereits ausgesucht hatte, war schon viel zu hoch. Da stieß ich auf die Geschichte von Susanne – und prompt war es um mich geschehen.</p><p>Susanne war eins von fünf Rindern, die einem Bauern gehörten, der in Bayern ganz in der Nähe der Grenze lebte. Eines Tages Ende der siebziger Jahre brachen die Tiere aus und liefen geradewegs auf die Sperrzone zu. Der Bauer, drauf und dran, ihnen zu folgen, wurde von den Grenzbeamten zurückgehalten; das sei zu gefährlich.</p><p>Auf der anderen Seite war der Ausbruch nicht unbemerkt geblieben. Schon fuhren zwei Lastwagen vor, um die Kühe abzutransportieren. Die DDR-Grenzer mußten nur noch ein Tor im Zaun öffnen und sie in Empfang nehmen.</p><p>In diesem Augenblick fiel dem Bauern ein, daß unter den Ausbrechern ja Susanne war. Ein Rind, das seine Tochter „von frühester Jugend auf“ ausgeführt hatte. Rasch formte er seine Hände zu einem Trichter und rief laut: „Susanne!“ Er rief es immer wieder – bis sie aufsah und voller Begeisterung auf ihn zukam.</p><p>Da fing er an zu laufen: in die entgegengesetzte Richtung. Fort von der Grenze und den Lastwagen! Susanne folgte ihm, und auch die anderen vier Rinder kamen hinterher. Es muß so ausgesehen haben wie im Märchen von der Goldenen Gans.</p><p>Die Grenzbeamten, erinnerte sich der Bauer, hätten bloß den Kopf geschüttelt: Daß es so glimpflich ausgehen würde, hatten sie nicht erwartet. Die Flüche von drüben hörte er nicht.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b3a52efd-e5aa-4356-97b6-99aac8dd4908/uploads/images/alinrom7ck/IMG_8845.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Natürlich hatte ich damals das Buch gekauft, und so konnte ich die Geschichte jetzt noch einmal nachlesen. Ein gelber Zettel steckte zwischen den Seiten – und wurde Zeuge meiner Verwunderung. Denn daß Susanne in Bayern ausriß, hatte ich völlig vergessen. In meinem Kopf hatte ich sie in die niedersächsische Pampa verpflanzt, wo es mindestens so viele Kühe gab wie Wolken.</p><p>Freilich gab es hier auch die Elbe, und schon das hätte mir meinen Irrtum vor Augen führen müssen. Schließlich markierte sie auf einer Länge von fast hundert Kilometern die Grenze, und Susanne und ihre Gefährtinnen waren ja nicht übers Wasser getrabt.</p><p>Schon oft hatten wir in Bleckede oder ein Stück elbaufwärts in Hitzacker am Ufer gestanden und über den Fluß geblickt. Und jedesmal hatte ich daran denken müssen, wie ich als Kind an einem wolkenverhangenen Wintertag die Berliner Mauer angestarrt und mich gewundert hatte, daß die Bäume dahinter genauso kahl und zerzaust aussahen wie die bei uns.</p><p>Am meisten jedoch erstaunte mich (damals in Berlin und jetzt an der Elbe), wie nah die andere Seite war. Nicht gerade einen Steinwurf entfernt; auch Rufnähe traf es nicht. Aber für einen Spatz, ja selbst für einen Schmetterling war es doch eine leicht überbrückbare Distanz.</p><p></p><blockquote><p>Hier könnte eine Bezahlschranke stehen. Tut sie aber nicht! Alle sollen meine Geschichten lesen können: unabhängig vom Geldbeutel. Damit das funktioniert, brauche ich Ihre Unterstützung! Mit einer <a href="https://steadyhq.com/de/renatus-deckert/about">Mitgliedschaft</a> ermöglichen Sie es, daß ich auch in Zukunft Geschichten für Sie schreiben kann und „Wolken und Kastanien“ kostenlos bleibt.</p></blockquote><p></p><p>Neulich, als wir in Bleckede mit der Fähre ans andere Ufer übersetzten, konnte ich es gar nicht fassen: Kaum hatten wir die Räder abgestellt und das Fährgeld entrichtet, waren wir auch schon da.</p><p>Während ich dann aus östlicher Richtung über das Wasser blickte, erinnerte ich mich an die Elbe meiner Kindheit. Und mir fiel der Sommertag ein, an dem ich an der Hand meines Vaters in Dresden auf der Brücke gestanden hatte: der Himmel blau, die Luft flirrend vor Hitze. Wie eine Schlangenhaut glitzerte der Fluß in der Sonne. Er kam mir riesenhaft vor: bestürzend breit, bedrohlich fast, und als ich mich über das Geländer beugte, spürte ich ein saugendes Gefühl in der Magengrube.</p><p>Da sah ich das Schiff. Ein prächtiger weißer Schaufelraddampfer, der genau auf mich zuhielt und der Brücke immer näher kam. Plötzlich hörte ich die Stimme meines Vaters: „Guck mal, der Schornstein!“ Und im selben Augenblick kippte das schwarze Ding langsam nach hinten, bis es fast waagerecht in der Luft stand und es so aussah, als liege auf dem Dach des schwanenweißen Dampfers eine qualmende Zigarre.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b3a52efd-e5aa-4356-97b6-99aac8dd4908/uploads/images/g3uokotbkf/IMG_7103.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>In Bleckede fuhr keine Zigarre über die Elbe. Kein Schiff brauchte den Schornstein einzuklappen; es gab ja auch keine Brücke, unter der es hindurch mußte. Überhaupt war der Fluß hier breiter als in Dresden. Was für den Spatz ein alltäglicher Ausflug war, dürfte einem Schwimmer, der zu DDR-Zeiten über die Elbe floh, einiges abverlangt haben.</p><p>Natürlich geisterten solche Gedankenspiele damals auch durch meinen Kopf. Was verboten ist, reizt nun mal die kindliche Phantasie. Immer wieder überlegte ich, wie ich es anstellen würde, diese Grenze zu überwinden. Nicht, daß ich davon eine realistische Vorstellung gehabt hätte. Ich wußte nur, daß die Elbe nach Hamburg floß und in die Nordsee mündete – daß sie also irgendwo hinter Magdeburg „nach drüben machte“. Was lag da näher als der Gedanke, ihr zu folgen?</p><p>Mit der Wirklichkeit des schmächtigen Jungen, der ich war, hatte das nichts zu tun. Ich war ein schlechter Schwimmer; im Hallenbad erschien mir schon der gegenüberliegende Beckenrand unerreichbar. Voller Entsetzen heftete sich mein Blick an die nackten Schenkel der Schwimmlehrerin, wenn sie mich mit einer hölzernen Stange ins Tiefe schob. Wie hätte ein solcher Wasserschlucker über die Elbe schwimmen sollen?</p><p>In meinen Tagträumen tat ich es trotzdem und kraulte beherzt ans andere Ufer – oder noch besser: einem weißen Dampfer hinterher, der nach Hamburg wollte. Irgendwann, der Traum war schon fortgeschritten, ging mir auf, daß man mich auf der Flucht ja nicht sehen durfte. Also preßte ich das Kinn auf die Brust, riß die Arme nach vorn und verschwand von der Oberfläche, um in jene Tiefen vorzustoßen, von deren bloßem Anblick mir im Hallenbad übel wurde.</p><p>Irgendwo hatte ich eine Zeile von Brecht aufgeschnappt, die mir nicht mehr aus dem Kopf ging: „Am Grunde der Moldau wandern die Steine.“ Es war mir ein Rätsel, wie Steine wandern konnten; der Satz gefiel mir trotzdem. Wenn ich vom Schwimmen und Tauchen müde wäre, dachte ich, würde ich es so machen wie die Moldausteine und am Grund der Elbe zur Nordsee wandern.</p><p>Kopfzerbrechen bereitete mir nur die Grenze selbst. Ich konnte ja niemanden fragen, wie sie beschaffen war. Ob es eine Absperrung gab, die nur das Wasser hindurchließ, gelegentlich eine Flaschenpost und hin und wieder einen Fisch. Aber schwammen in jenem Chemiecocktail namens Elbe überhaupt noch Fische?</p><p>Rasch verwarf ich den Gedanken an Seeungeheuer, die mit ihren Krakenarmen nach jedem Flüchtling schnappten, um ihn unbarmherzig zu zerquetschen; die Vorstellung war einfach zu gruselig. Wahrscheinlicher erschien mir ein riesiges Fischernetz, aus dem es kein Entrinnen gab – es sei denn man schnitt ein Loch hinein: weshalb ich im Fall des Falles unbedingt an das Brotmesser aus unserer Küchenschublade denken mußte.</p><p>Erst Jahre später begriff ich, daß meine kindliche Phantasie nicht ausreichte, um mir die Schrecken der Grenze auch nur ansatzweise vorzustellen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b3a52efd-e5aa-4356-97b6-99aac8dd4908/uploads/images/bmbhluyckv/IMG_0995.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Auch an jenem Wintertag in Berlin verblüffte mich die Nähe der anderen Seite. Ich wußte, daß hinter der Mauer eine Welt lag, die nach völlig anderen Prinzipien funktionierte, die anders aussah, anders roch, anders schmeckte, ja anders sprach – die also der unseren geradezu entgegengesetzt war. Und trotzdem lag sie bloß einen Spatzenflug entfernt.</p><p>Ich weiß nicht mehr, ob es an diesem Nachmittag war, daß es anfing zu schneien: auf dem Rückweg zur Friedrichstraße unter einem betongrauen Himmel, oder erst am folgenden Tag irgendwo anders in der Stadt. Fast senkrecht, in großen, dicken Flocken, die an Perlenketten erinnerten, fiel der Schnee herab, schwerelos; blieb liegen auf Schultern und Mützen, Gehwegen, Mülltonnen, Dächern von Autos und Bussen. Er fiel – nein: er floß so dicht, daß man die entgegenkommenden Leute nicht sah. Alles war weiß, ein fließender weißer Vorhang ... ich hatte das Gefühl, unsichtbar zu sein.</p><p>Der Eindruck war noch frisch, den der Anblick der Grenze in dem Elfjährigen hinterlassen hatte. Und so war es kein großer Gedankensprung, als ich mir vorstellte, wie ich über diesen leeren Platz auf die Mauer zuging, vorbei an den wachehaltenden Straßenlaternen, durch das Tor mit den verwitterten Säulen – eingehüllt und vor Blicken geschützt von dem Weiß, das vor und neben und hinter mir niederging. Wie ich mich an der Mauer heraufzog, erst das eine Bein herüberschwang, dann das andere und beherzt die Seite wechselte.</p><p>Ach, was wußte ich schon von dem mörderischen Treiben an der Grenze! An jenem Nachmittag, als ich zu ihr hinüberspähte, war nicht mal die Höhe der Betonmauer erkennbar. Kein Wunder, daß ich mich in meinem Tagtraum an das hielt, was ich kannte: nämlich an das Mäuerchen hinter der Schule, über das wir jeden Nachmittag kletterten, um den Weg zur Bushaltestelle abzukürzen.</p><p>Aber um die Höhe ging es ja nicht. Es ging um das fließende Weiß, das mich wie unter einer Tarnkappe verschwinden ließ. Es ging darum, unsichtbar zu sein. Entrinnen zu können: allen Ungeheuern, allen Krakenarmen, der Stange der Schwimmlehrerin.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b3a52efd-e5aa-4356-97b6-99aac8dd4908/uploads/images/v35dsxiboq/IMG_7116.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Es muß ein paar Monate später gewesen sein, als ich etwas sah, was mir lange nicht aus dem Kopf ging. Ich erinnere mich, daß eines Abends die Wohnzimmertür offen stand und der Fernseher sein Geflacker in den dunklen Korridor warf. Als ich meinen Kopf durch den Türspalt schob, erstarrte ich. Was auf dem schwarzweißen Bildschirm zu sehen war, hatte das Zeug, mich bis in meine Träume zu verfolgen.</p><p>Vor kurzem habe ich versucht herauszufinden, was das für ein Film gewesen ist, der damals lief. Es ging schneller als erwartet; zwei Sätze, auf die ich bei Wikipedia stieß, genügten: „In das Landgasthaus eines verschneiten englischen Dorfes kehrt ein seltsamer Mann ein. Er ist durch Bandagen komplett vermummt und trägt eine schwarze Brille.“</p><p>Sofort stand mir wieder der unheimliche Fremde vor Augen, sein von weißen Binden umwickeltes Gesicht. Noch Jahrzehnte später spürte ich den eisigen Tropfen, der langsam meine Wirbelsäule hinabrann.</p><p>Ich weiß nicht, wie lange ich da stand, den Kopf im Türspalt, und zusah, was auf dem grisseligen Bildschirm vor sich ging. Aber eine Szene hat sich mir eingeprägt, unauslöschlich. Das war, als der Mann unter hysterischem Gelächter und zum Entsetzen der ihn anstarrenden Leute die Bandage von seinem Kopf wickelte und die Leere darunter zum Vorschein kam.</p><p>„Der Unsichtbare“ hieß der Film aus dem Jahr 1933; er geht zurück auf einen Roman von H. G. Wells. Aber das weiß ich erst heute. Als Kind erschien mir das Ganze wie eine andere Version der Wirklichkeit. So wie meine Tagträume, in denen ich nach Belieben schwamm und tauchte und Grenzen überwand, als wäre es ein Kinderspiel.</p><p>Ob es tatsächlich Mittel und Wege gab, die einen unsichtbar machten? Die Frage stellte sich nicht. Schließlich war ich selbst schon auf ein solches Mittel verfallen, als ich, eingehüllt in einen Vorhang aus Schnee, über die Mauer geklettert war.</p><p>Immerhin, eine Erkenntnis hielt der Blick durch den Türspalt bereit: Es brauchte das Weiß nicht. Nach jenem Abend ließ ich es weg und war trotzdem allen Blicken entzogen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b3a52efd-e5aa-4356-97b6-99aac8dd4908/uploads/images/7j47ho2bgs/IMG_7120.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Neulich an der Elbe mußte ich wieder an den unheimlichen Fremden denken, der nur wegen seiner Kleidung, der schwarzen Brille und der um den Kopf gewickelten Bandagen zu sehen war. Mir fiel ein, daß ich also, um wirklich unsichtbar zu sein, nackt über den Pariser Platz hätte laufen müssen. Gut, daß ich keine Zahnspange im Mund hatte wie ein paar Jungen aus meiner Klasse; die hätte mich womöglich verraten.</p><p>Natürlich wäre ich nicht an einem Tag mit Schnee und Eis geflohen, sondern im Sommer: unter einem strahlend blauen Himmel, an dem höchstens ein paar Schäfchenwolken weideten. So wie damals in Dresden, als ich auf der Brücke gestanden hatte und der Schaufelraddampfer mit der Zigarre genau auf mich zuhielt.</p><p>Auch neulich schien die Sonne und streute jede Menge Glitzer über das Wasser. Während wir flußaufwärts radelten, blickte ich immer wieder auf die Elbe und hinüber zu dem anderen, einst so unerreichbar fernen Ufer.</p><p>Vor mir auf ihrem kleinen grünen Fahrrad strampelte meine Tochter fröhlich vor sich hin. Als wir anhielten, um zu verschnaufen und ein Käsebrot zu essen, fragte sie mich, wohin ich die ganze Zeit schauen würde. Ich sagte ihr, daß hier die Grenze gewesen sei und mich das auch nach all den Jahren noch berühre. Mit großen Augen blickte sie mich an.</p><p>„Welche Grenze?“</p><p>„Früher“, erklärte ich ihr, „konnte man nicht über den Fluß. Das war verboten, und es gab auch keine Fähre. Als Kind habe ich mir vorgestellt, daß ich heimlich hinüberschwimme. Aber das ging nicht.“</p><p>„Warum nicht?“</p><p>Ich holte tief Luft, einmal, zweimal. Dann fing ich an zu erzählen.</p><p>Ich erzählte ihr von dem geteilten Land und von der Mauer, die mitten durch eine große Stadt ging. („Durch Berlin, weißt du? Da, wo Ada wohnt.“) Von dem Wintertag und dem Kind, das ein Tor mit verwitterten Säulen anstarrte; von den dicken Schneeflocken, die alles unsichtbar machten: in der Welt und in seinen Gedanken. Und ich sagte ihr, daß ich dieses Kind gewesen bin.</p><p>Ich überlegte, ob ich ihr auch von den Seeungeheuern erzählen sollte und den Krakenarmen. Von den Netzen im Wasser, dem Brotmesser, dem unsichtbaren Mann. Aber dann dachte ich: Ach, laß die Gespenster, wo sie sind! Soll sie ihre Kindheit genießen.</p><p>Und so hielt ich es auch mit all dem anderen, von dem ich selbst erst später erfahren hatte: mit dem Stacheldraht, den Minen, den Todesschüssen. Nur die Geschichte von Susanne konnte ich mir nicht verkneifen. Und als ich ihr den Bauern vorspielte, der nach ihr rief, da mußte sie lachen.</p><p>Als das Käsebrot gegessen war, sah ich ihr zu, wie sie wieder auf ihr grünes Fahrrad stieg und losfuhr und wie der Wind ihr durchs Haar strich, während sie fröhlich singend dahinfuhr – an irgendeinem Fluß entlang, an irgendwelchen Ufern, unter Wolken und Sonne, vorbei an dem verlassenen Grenzturm, der wie ein Findling am Weg stand.</p><p>Eines Tages würde ich ihr alles erzählen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b3a52efd-e5aa-4356-97b6-99aac8dd4908/uploads/images/dfif2jpify/IMG_7136.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p>Schon 1751 Leserinnen und Leser haben „Wolken und Kastanien“ abonniert. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten möchten, tragen Sie sich gern hier ein:</p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">☁️ Kostenlos abonnieren</a></p><p></p><p><strong>Liegt Ihnen „Wolken und Kastanien“ am Herzen? 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      <pubDate>Sun, 25 May 2025 05:14:43 +0000</pubDate>
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    <item>
      <title><![CDATA[Erschreckende Glückseligkeit]]></title>
      <description><![CDATA[Über Ernst Barlach als verzweifelt Liebenden und einen unbekannten Brief aus dem Sommer 1892, über einen weißen Hut, Mondlicht und runkelrübenähnliche Schatten]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über Ernst Barlach als verzweifelt Liebenden und einen unbekannten Brief aus dem Sommer 1892, über einen weißen Hut, Mondlicht und runkelrübenähnliche Schatten</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/91e0edd5-f6b7-4e0c-946e-2f17ee35ae35/uploads/images/ij5qcwq32w/IMG_1202.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Sich ein Herz fassen, sein Herz in beide Hände nehmen, seinem Herzen Luft machen ... Es gibt etliche Wendungen dieser Art, und jede einzelne scheint auf diesen Briefschreiber zuzutreffen. Offenbar hat er nichts zu verlieren – schon gar keine Zeit.</p><p>„Sehr geehrtes Fräulein! Sie haben mich heute Abend wieder abgewiesen u. zwar mit dem Anschein des Widerwillens und der Entrüstung. Wenn ich Ihnen nun sage, daß ich Sie liebe, so wissen Sie, wie mir zu Mute sein muß; oder vielleicht auch nicht, vielleicht wissen Sie gar nicht, was Liebe ist.“</p><p>Nach diesem Brief dürfte die Adressatin zumindest eine Ahnung haben. Nicht nur, daß ihr der Liebende seinen „närrischen“ Zustand auf neun Seiten vor Augen führt. Er zieht auch alle Register, um sie von der Ernsthaftigkeit seiner Absichten zu überzeugen:</p><p>„Ich sprach Ihnen von Liebe; es steht Ihnen frei, was ich schreibe für Lüge, mich selbst für einen Schelm zu halten; vielleicht hängt diese Meinung zusammen mit dem Vorurteil, das im Allgemeinen gegen Künstler verbreitet ist. Dann sei, wie es will – ich liebe Sie!“</p><p>Stolz schwingt in diesen Worten mit – und ein geradezu lutherischer Trotz. <em>Hier stehe ich, ich kann nicht anders.</em> So könnte es auch der Briefschreiber sagen. Daß er schlechte Karten hat, weiß er selbst. Und so macht er aus der Not eine Tugend und hält dem Ruch des Unsoliden seine eigene Aufrichtigkeit entgegen.</p><p>Immerhin, als Mann vom Fach darf er darauf hoffen, daß man ihm glaubt, wenn er erklärt: „Kein prächtiges Kunstwerk kann das Herz mehr rühren als der lebende Ausdruck Ihres Gesichts; da ist tote Form, die den augenblicklichen Ausdruck ewig festhält, hier ist Herzlichkeit und Innigkeit in wechselndem Spiel; selbst die wonnigen kurz angebundenen Worte, die Sie mir gegeben, haben mir süß im Ohr geklungen und mit bebendem Herzen habe ich erwogen, was ein freundliches Wort mir sein würde.“</p><p>Ja, das ist nicht frei von Phrasen, und doch ist es einer der berührendsten Liebesbriefe der deutschen Literatur. Seit Goethes Werther hat keiner mehr so geschwärmt und geschmachtet.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/91e0edd5-f6b7-4e0c-946e-2f17ee35ae35/uploads/images/l4s5jyehdn/IMG_0682.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Den Briefschreiber kann man getrost der Literatur zuschlagen – auch wenn Ernst Barlachs bildhauerisches Werk heute seine Dramen überstrahlt. Wer einmal im Güstrower Dom den „Schwebenden“ gesehen hat, wird diesen Anblick nie vergessen. Und sein „Flüchtling“ steht wie kein anderes Kunstwerk für die Weltenbrände unserer Zeit.</p><p>Aber das kam erst später. An jenem 30. Juli 1892, an dem sich der Zweiundzwanzigjährige an das „sehr geehrte Fräulein“ wendet, sucht er noch nach seinem künstlerischen Ausdruck. So sehr es ihn immer wieder drängt zu zeichnen und zu skizzieren, so selbstverständlich versucht er sich an Novellen und Gedichten.</p><p>Seit einem Jahr lebt er „in dem von den modernen Künstlern so gründlich verachteten, ja gehaßten Dresden“, und zwar „ganz vergnügt“, wie er an seinen Freund Friedrich Düsel schreibt. Die Stadt inspiriert ihn; die Zeichenmappe füllt sich, die Schublade quillt über vor Manuskripten. Nur die Kunstakademie, die er als Meisterschüler von Robert Diez besucht, engt ihn „nach jeder Richtung hin ein“.</p><p>Langeweile hat er nicht. Sogar der Weg an der Elbe entlang nach Dresden und Loschwitz (wo gerade jene Brücke errichtet wird, die wir heute als Blaues Wunder kennen) sei interessant und romantisch: „besonders beim hellen Mondschein, wenn die langen, tief gesunkenen Kähne mit gespenstischer Geräuschlosigkeit vorbei treiben, und man nur das leise Gurgeln in den Wassern vernimmt“.</p><p>Barlach nutzt die Gelegenheit, „über die Wandelbarkeit alles Irdischen nachzudenken, da man seinen eigenen Schatten in runkelrübenähnlicher Verkürzung stets vor sich hat, hell u. klar vom Mondlicht auf das weiße Sandsteinpflaster gemalt“.</p><p>Ob es in einer solchen Mondnacht war, als er sich ein Herz faßte und seinen Brief schrieb?</p><p>Genau genommen sind es sogar zwei Briefe. Dem ersten Schreiben beigefügt ist eine Nachschrift vom 3. August, in der Barlach gesteht: „Ich habe die Gelegenheit, Ihnen den Brief zu geben, weder gesucht noch gefunden“.</p><p>Wundern würde es einen nicht, wäre ihm das Geschriebene bei Tageslicht zu forsch erschienen. Vor allem die Aufforderung: „Wenn Sie mir etwas zu sagen haben, so trifft ein Brief mich – innerhalb dieser nächsten 2 Wochen –: Zirkusstraße, Ateliergebäude II links – Barlach.“</p><p>Es hat fast den Anschein, als wolle der Briefschreiber nur noch ein wenig von der Erfüllung seiner Wünsche träumen. Allzu große Hoffnungen hegt er offenbar keine mehr.</p><p>In dem Stoßseufzer, mit dem die Nachschrift endet, klingt schon eine leise Verzweiflung an: „Warum sind Sie so, wie Sie sind – ich muß Sie dafür lieben, es ist meine Natur, ich kann doch nicht unnatürlich sein, selbst nicht Ihretwegen!“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/91e0edd5-f6b7-4e0c-946e-2f17ee35ae35/uploads/images/wvxfc2v7kg/Brief-Ende_grau_klein_2.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Wie sie ist, die Angebetete, dazu findet sich kein Wort. Ein „Gesicht von einem so reinen, herzenswarmen Ausdruck, wie es einem Glücksprinz alle Jubeljahre einmal begegnet, wie ich es in meinem ganzen Leben nicht angetroffen“ – damit kann man kein Porträt in Auftrag geben. Auch wo Barlach ihr begegnete, wird nicht erwähnt.</p><p>Wer sie war, das immerhin ist bekannt. Die heutigen Besitzer des Briefes, ein Dresdner Ehepaar, das in der Nähe des Blauen Wunders wohnt, waren mit der Tochter der Adressatin befreundet. Das „sehr geehrte Fräulein“ war demnach die Striesener Gärtnerstochter Margaretha Wilhelmine Zabel (1872-1956).</p><p>Laut Dresdner Adreßbuch befand sich die Blumen- und Pflanzenhandlung Zabel in der Geisingstraße 26. Barlach wohnte zur selben Zeit gut einen Kilometer entfernt bei seiner Mutter in der Reißigerstraße 34. Es liegt also nahe, daß man sich in Striesen begegnete.</p><p>Überliefert ist nicht nur die Identität der Adressatin, sondern auch ihre Perspektive: Mehrere Male, so erzählte sie später ihrer Tochter, sei ihr auf der Straße ein Herr in einem weiten Mantel mit einem schwarzen Hut begegnet. Etwas unheimlich sei er ihr gewesen, dieser Mensch. Er habe versucht, sie anzusprechen, aber sie habe es nicht zugelassen. Eines Tages steckte er ihr einen Brief zu. </p><p>Was daran Dichtung ist und was Wahrheit, ist schwer zu entscheiden. Der Mantel paßt nicht recht zur Jahreszeit; und der etwas kolportagehafte Eindruck des Unheimlichen könnte dem Briefschreiber erst im nachhinein zugewachsen sein, als er sich als einer der großen Künstler seiner Zeit entpuppte.</p><p>Sicher ist nur eins: Folgen hatte die Liebeserklärung keine. Wenige Jahre später heiratete die junge Frau den Bureau-Assistenten Friedrich Paul Steinert (1868-1913). Dem Adreßbuch zufolge war er bei den Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen angestellt: in Plauen, das 1903 nach Dresden eingemeindet wurde. Mit ihm hatte sie zwei Kinder, die unverheiratet blieben und 1980 bzw. 1996 starben.</p><p>Daß Margaretha Wilhelmine Zabel den Brief aufhob, läßt immerhin darauf schließen, daß er Eindruck gemacht hat. Gut möglich, daß sie sich von den Avancen des jungen Mannes geschmeichelt fühlte.</p><p>Aber hat sie ihre Entscheidung später bereut? „Nein, nein!“ sagt das Dresdner Ehepaar wie aus einem Mund und schüttelt im Gleichtakt die ergrauten Köpfe.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/91e0edd5-f6b7-4e0c-946e-2f17ee35ae35/uploads/images/jontee4xir/IMG_06871.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Und Barlach? Wie lang hat er dem „sehr geehrten Fräulein“ nachgetrauert? Oder war er in jener Mondnacht bereits auf eine Enttäuschung gefaßt?</p><p>In seinem Brief scheint das glücklose Ende schon eingerechnet: „Wissen Sie, was es heißt, nur von denen freundlich angesehen u. entgegenkommend behandelt zu werden, die man herzlich verachtet, während die, nach deren Wohlwollen u. deren Gunst man strebt, nur Kälte u. Verachtung für mich haben; es ist das mein bitterer Fluch u. die Erfahrung mit Ihnen erfüllt ihn.“</p><p>Ob diese Erfahrung auch eine Spur in Barlachs künstlerischem Werk hinterlassen hat, wäre eine interessante Frage. Unwahrscheinlich ist es nicht. Die Besitzer des Briefes, die dessen Adressatin noch gekannt haben, hätten da sogar eine Vermutung: Die Skulptur „Die Krautpflückerin“, mit der Barlach 1895 sein Studium an der Akademie abschloß, weise einige Ähnlichkeit mit der Striesener Gärtnerstochter auf.</p><p>In seiner Autobiographie „Ein selbsterzähltes Leben“ schreibt Barlach, er habe die niedergebeugte weibliche Gestalt in Friedrichroda gesehen. Aber was heißt das schon? Über den „Schwebenden“ im Güstrower Dom sagte er einmal, daß ihm das Gesicht von Käthe Kollwitz „hineingekommen“ sei, „ohne daß ich es mir vorgenommen hatte“. Warum sollte ihm bei der „Krautpflückerin“ nicht etwas ähnliches passiert sein?</p><p>Doch eine Fotografie von Margaretha Wilhelmine Zabel gibt es nicht, und so bleibt das eine schöne Spekulation.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/91e0edd5-f6b7-4e0c-946e-2f17ee35ae35/uploads/images/bs3alujpbb/IMG_6751.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Die Geschichte könnte damit zu Ende sein, wären nicht vor einigen Jahren alle 2215 bekannten Briefe Ernst Barlachs in einer vierbändigen Ausgabe bei Suhrkamp erschienen. Der Liebesbrief aus dem Dresdner Sommer 1892 fehlt darin. Da Barlach ihn jedoch gegenüber Friedrich Düsel erwähnt, ist er als „unbekannt“ und „nicht ermittelt“ im Anhang aufgeführt.</p><p>Am 13. Januar 1893 berichtet er dem Freund von einem Ladenmädchen, dem er im vorigen Sommer 7 Uhr morgens auf dem Weg zur Akademie („die ich nun mit staunenswerter Pünktlichkeit besuchte“) regelmäßig begegnet sei:</p><p>„Schlank war sie u. von rosiger Frische; ich in möglichst wirkungsvollem Aufzuge“ (deshalb also der Mantel!), „dabei von indianischer Beharrlichkeit u. List im Aufspüren u. Wachehalten. (...) Sie hatte einen weißen Hut, den ich unter hundert andern weißen Hüten im Menschengewühle entdeckte u. die Augen unter dem Hutrand verstrickten mich von Tag zu Tag mehr, erbarmungslos, rettungslos.“</p><p>Das erste und einzige „in seiner fürchterlichen, erschreckenden Glückseligkeit gierig gekostete Aug’ in Aug’“ während eines Gewitters in einem überfüllten Pferdebahnwagen läßt seine Erwartungen ins Unermeßliche steigen:</p><p>„Kann mans einem Menschen übelnehmen, daß er hofft, wenn ihm volle bis ins Innerste dringende, selten abgewandte Blicke gewährt werden; wenn die Lippen sich langsam öffnen u. schließen, eine unwillkürliche, beredte, stumme Sprache redend?“</p><p>Als er die junge Frau angesprochen habe, sei sie „sehr zurückhaltend, sehr indigniert“ gewesen, „aber wenn ich den rechten Ton traf, darauf eingehend, streitlustig“. Seine Bitten, „morgends den (näheren) Weg durch den ‚großen Garten‘ zu machen, fanden kaum Gehör, entschiedene Zurückweisung; das Alles gefiel mir mehr, als daß es mich entmutigte.“</p><p>Schließlich schrieb er „in einer heißen Nacht einen langen, langen Brief“. Sie könne ihn aber nicht jetzt gleich lesen, habe sie in schroffem Ton gesagt, „zugleich streckte sie die Hand aus, ihn zu nehmen“. Eine Antwort erhielt er nicht, und „als ich mir die Antwort holte – teilte sie mir mit, daß sie verlobt war oder sich verloben wolle!“ </p><p>Im Herbst begegnete Barlach ihr wieder; es kam zu einer letzten Unterredung: „Sie war freundlich u. sprach teilnehmend, aber das half mir nichts, obgleich ich Bedeutendes im Theatralischen leistete.“</p><p>Kennt man die Zeilen, mit denen er der Gärtnerstochter so ungeschützt und rückhaltlos seine Liebe gesteht, fällt es schwer, ihm den launigen Ton abzunehmen. In welchem der beiden Schreiben mehr Theatralik steckt? Wer weiß, „was Liebe ist“, kann es sich denken.</p><p>Das Selbstporträt des Künstlers als junger Mann, der sich rettungslos in der Liebe verstrickt, hat wenig zu tun mit dem überlieferten Bild des Außenseiters, Mystikers und Asketen. Aber vielleicht sagt ja auch das etwas aus: über Ernst Barlach und die Wege, die er ging – im Leben wie in der Kunst.</p><p>Und eins ist klar: Wenn wir das nächste Mal in Dresden sind und bei Mondschein unserem runkelrübenähnlichen Schatten nachlaufen, werden wir an den so beharrlich wie hoffnungslos Liebenden denken, der sich Seite um Seite vom Herzen schreibt, „was drin sitzt; es kommt mir doch sonst zwischen alles, was ich wahrnehme, der Gedanke an Sie“.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/91e0edd5-f6b7-4e0c-946e-2f17ee35ae35/uploads/images/mjjl6xttph/Brief-Ende_grau_klein_3.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p>Schon 1711 Leserinnen und Leser haben „Wolken und Kastanien“ abonniert. 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      <pubDate>Sun, 13 Apr 2025 05:39:32 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Quittenmarmelade]]></title>
      <description><![CDATA[Über ein Gedicht von Jürgen Becker und den Geschmack von Buttermilch, über eine Kindheit im Krieg, verschüttete Erinnerungen und Stimmen aus einem Güterwaggon]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über ein Gedicht von Jürgen Becker und den Geschmack von Buttermilch, über eine Kindheit im Krieg, verschüttete Erinnerungen und Stimmen aus einem Güterwaggon</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/1117a51f-c5f4-4487-abf4-86d688d1d84c/uploads/images/lqi6re62kz/Quitten2.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Seit ein paar Wochen geht mir ein Gedicht von Jürgen Becker durch den Kopf. Es steht in seinem letzten Buch „Nachspielzeit“, das im vorigen Sommer erschienen ist, wenige Monate vor seinem Tod. Es sind nur acht Zeilen, zwei Strophen; einen Titel hat es nicht.</p><p>„Die Nachbarin ruft an, sie will mir / ein paar Waffeln bringen, fünf Minuten später / steht sie vor der Tür, und ich bedanke mich mit / einem Gläschen Quittenmarmelade, von meiner Frau noch // im vorigen Sommer. Ihre Frau fehlt mir, / sagt die Nachbarin, und dann tut sie, was / meine Frau tat mit Besen, Rechen, Heckenschere, / und im Vorgarten siehts aus wie im Sommer zuvor.“</p><p>Ich weiß gar nicht, was mich an diesen Zeilen am meisten berührt. Der Satz der Nachbarin, die offenbar das Herz am rechten Fleck hat; ihre so zugewandte wie zupackende Art. Die Trauer, die unausgesprochen bleibt und doch deutlich zu spüren ist. Oder das kleine Glas, das mehr enthält, als das vermutlich handgeschriebene Etikett verspricht – nicht nur Quittenmarmelade, sondern die Erinnerung an den letzten Sommer, als die Welt (und mit ihr die Hecke) noch in Ordnung war.</p><p>Oder aber ist es das Gedicht selbst, das, so kunstlos es sich gibt, etwas von einem Tagebucheintrag hat. Als habe der Schreiber nur rasch festhalten wollen, was er gehört und gesehen, was er erlebt hat.</p><p>Viele Worte um nichts, heißt es, wenn einer redet und redet, ohne etwas zu sagen. Wenn er leeres Stroh drischt, wie die Redewendung lautet. Jürgen Becker macht nicht viele Worte; die wenigen Zeilen, aus denen sein Gedicht besteht, enthalten das Wesentliche.</p><p>So wie der Satz der Nachbarin. Man glaubt, sie vor sich zu sehen, wie sie an der Tür steht: in der Hand das Glas Quittenmarmelade, das sie gerade geschenkt bekommen hat. Wie sie es eine Weile betrachtet, kaum merklich nickt und dann ihrem Gegenüber in die Augen sieht.</p><p>„Ihre Frau fehlt mir.“</p><p>Vier Wörter nur, aber mehr braucht es nicht, um dem Mann, dem im letzten Jahr die Frau gestorben ist, zu zeigen, daß sie ihn und seinen Schmerz sieht.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/1117a51f-c5f4-4487-abf4-86d688d1d84c/uploads/images/nqusjup7qf/IMG_5003_2.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Als Jürgen Becker im November starb, fiel mir ein, daß sein letzter Brief noch auf meinem Schreibtisch lag. Es war keiner dieser Briefe, auf die man gleich reagieren muß, weil eine Frage offen oder etwas rasch zu klären ist; und so hatte ich ihn erst mal beiseite gelegt. Aber vor ein paar Wochen war er mir wieder in die Hände gefallen, und ich hatte mir vorgenommen, ihn bald zu beantworten. Jetzt war es zu spät.</p><p>Als ich ihn nun heraussuchte, stieß ich noch auf einen zweiten Brief in der vertrauten Handschrift. Er war schon etwas älter, am Ende der Seite stand als Datum der 14. November 2021. Es war der Brief, den mir Jürgen Becker nach dem Tod seiner Frau geschickt hatte.</p><p>Viel zu spät hatte ich davon erfahren. Aber dann hatte ich mich sofort hingesetzt, um ihm zu schreiben. Auch eine Fotografie legte ich bei, auf der sie beide zu sehen waren. Am Tag nach einer Lesung an einem weltentrückten Ort in den Alpen saßen sie auf einer Bank, ins Gespräch vertieft: er und seine Frau, die Künstlerin Rango Bohne.</p><p>Es war ein Sommerabend, und ich weiß noch, daß Jürgen Becker von einem Wanderweg erzählte, den sie an diesem Tag gegangen waren und den er auch uns empfahl. Am Ende sei da eine Hütte, da könne man eine Buttermilch trinken.</p><p>Zwölf Jahre war das her.</p><p>Die Antwort aus Köln kam nach nicht einmal zwei Wochen. Er bedankte sich für meinen Brief. Das Foto, das ich ihm geschickt habe, schrieb er, erzähle von glücklichen Tagen.</p><p>Was für Tage es waren, die er jetzt durchlebte, schrieb er nicht. Aber ein Satz ließ ahnen, wie ihm zumute war: „Meinerseits tröstet mich das Alter und daß ich keine Ewigkeit mehr damit verbringen muß, nun auch das Alleinesein noch zu lernen.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/1117a51f-c5f4-4487-abf4-86d688d1d84c/uploads/images/jlbi2m3z6d/IMG_4077_2.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Warum mir die Buttermilch im Gedächtnis geblieben ist? Es muß an diesem Satz liegen: „Indem der Junge den Becher langsam leertrinkt, nimmt er für alle Zukunft den säuerlichen Geschmack auf, der ihn während der langen Jahrzehnte, als ihm diese Landschaft verloren, wie weggenommen vorkam, an die Küstenwälder der Ostsee erinnert.“</p><p>Es ist eines der Bilder, die man nicht vergißt, wenn man die Bücher von Jürgen Becker liest. Der Geschmack der Buttermilch, die verdunkelten Fenster, das Rauschen des Radios, die Flugzeuge am Himmel. Es sind die Koordinaten einer Kriegskindheit, auf die er immer wieder zu sprechen kommt: jahrzehntelang in Gedichten, 1997 das erste Mal in einer Erzählung.</p><p>Zwei Jahre darauf folgte der autobiographische Roman „Aus der Geschichte der Trennungen“, in dem er von dem Kind erzählt, das 1932 in Köln geboren wurde und mit sieben Jahren nach Erfurt zog – wenige Tage, bevor der Krieg begann. Ein Tauchgang in der Erinnerung von geradezu Proust­scher Akribie.</p><p>Als ich auf diese Bücher stieß, konnte ich nicht aufhören zu lesen. Wie das Kind die Nazizeit und den Krieg erlebte, die Bedrohung wahrnahm, aber auch eine Verführung spürte, vor der es viele Jahre später erschrecken sollte – das ging mich etwas an. Oft hatte ich mich gefragt: Wer wärst du gewesen, wärst du in dieser Zeit aufgewachsen? Wenn man Jürgen Becker las, bekam man davon immerhin eine Ahnung.</p><p>Ein anderes Bild, das mich verfolgt wie eine eigene Erinnerung, ist das des Güterzugs, der dem Jungen an einem heißen Sommernachmittag in einem thüringischen Provinzbahnhof auffällt. Kein besonders bemerkenswerter Anblick, wäre da nicht „ein leises Rumoren“ aus einem der Waggons, gefolgt von Stimmen, die nach Wasser rufen.</p><p>Verstört alarmiert der Junge einen Bahnbeamten, aber der wiegelt ab. Das sei doch bloß ein Viehtransport! Ob er etwa glaube, die Rindviecher würden nach Wasser rufen? Er solle sich mal die Ohren waschen! Das Kind, durch die spöttische Bemerkung verunsichert, sagt nichts mehr – auch zu den Eltern nicht, die nebenan in einer Gaststätte sitzen.</p><p>Dieses Erlebnis auf dem Bahnhof von Neudietendorf, erzählte mir Jürgen Becker einmal, sei ihm erst Jahrzehnte später wieder in den Sinn gekommen. So wie viele Erlebnisse seiner Kindheit, die in seinem Kopf „wie verschüttet und vergessen“ lagen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/1117a51f-c5f4-4487-abf4-86d688d1d84c/uploads/images/x2lccz3vqf/IMG_4684.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Ich war nach Köln gefahren: ein halbes Jahr nach jenem Sommerabend in den Alpen. In den Tagen zuvor hatte ich noch einmal alles von ihm gelesen, jedes Gedicht und jede Erzählung, und mir Fragen notiert. Nach der Buttermilch wollte ich ihn fragen und nach dem Güterzug.</p><p>Es wurde ein langes Gespräch, das später in „Sinn und Form“ erschien. Als ich es neulich wiederlas, hörte ich Jürgen Beckers Stimme, wie sie langsam, manchmal stockend, dann wieder hastig, als hätte ein Knoten sich gelöst, die Sätze entwickelte, die dann so selbstverständlich auf dem Papier standen.</p><p>Ja, sagte er, diese Beobachtung des Kindes verstöre ihn bis heute. Sie halte ihm seine Unwissenheit vor Augen, seine naive Art von Wahrnehmung. Sie sage ihm: Was du alles gesehen hast; du hast nicht gewußt, vielleicht sogar nicht wissen wollen.</p><p>Eine Weile blickte er stumm vor sich hin. Ich sah, wie es hinter seinen Stirnfalten arbeitete. Es war, als würde er den Jungen sehen, der er gewesen war an diesem fernen Sommertag: wie er auf dem Bahnsteig stand und dem langsam wieder anrollenden Güterzug nachsah.</p><p>Schließlich schüttelte er den Kopf.</p><p>„Das Kind wußte es nicht, obschon“, er stockte erneut, „es kommt mir gespensterhaft vor – über aller Unwissenheit immer ein Schatten von Ahnung lag, von Angst auch, daß einen irgendwann der Schock trifft: Es stimmt alles nicht, es ist alles ganz anders.“</p><p>Im Buch folgt auf die Schilderung der Bahnhofsszene noch eine Überlegung grundsätzlicher Art: „Lange Zeit brauchte ich, bis ich anfing, meinen Wahrnehmungen nicht immer zu mißtrauen, aber manchmal kommt es noch vor, daß ich wieder ganz unsicher bin und nicht weiß, kann ich mir selber denn glauben.“</p><p>So, erklärte mir Jürgen Becker an dem Tag in Köln, gehe es ihm auch mit manchen Erinnerungen. Mitunter zweifle er an ihrer Zuverlässigkeit. Manchmal bemerke er, daß er sich an etwas erinnere, das er gar nicht selbst erlebt habe, sondern das ihm erzählt worden sei. Vorgänge, die er vielleicht von Fotografien oder aus Filmen kenne.</p><p>Im nächsten Augenblick sah er mich an. Er schien zu ahnen, was ich ihn gleich fragen würde. Nein, sagte er, die Stimmen aus dem Waggon, die habe er gehört. Da gebe es keinen Zweifel.</p><p>Eine Weile blickte er schweigend zu Boden. Die, sagte er, höre er immer noch.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/1117a51f-c5f4-4487-abf4-86d688d1d84c/uploads/images/ecmcou4wtl/IMG_4735.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Die Buttermilch, deren Geschmack ihn an die Kindheitslandschaft an der Ostsee erinnert: Ich hatte an Proust denken müssen und an das in einem Löffel Lindenblütentee aufgelöste Stück Madeleine, das dem Erzähler der „Recherche“ die längst versunkene Welt der Kindheit wieder vor Augen führt.</p><p>Ja, sagte Jürgen Becker. „Die Impulse, die von sinnlichen Wahrnehmungen ausgehen: von Geschmack, Gerüchen, Geräuschen, die setzen unser Erinnern in Gang.“ Das sei beim Schreiben sicher entscheidend.</p><p>Merkwürdig, denke ich jetzt und dachte ich neulich, als mir das Wort Buttermilch begegnete – und ich sofort eine Erinnerung im Kopf hatte, die nicht die meine war. Als könnte man sich an einer fremden Erinnerung anstecken: so wie man von einer ansteckenden Fröhlichkeit oder einem ansteckenden Lachen spricht.</p><p>Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal Buttermilch getrunken habe. Ja, damals in den Alpen, nachdem wir den von Jürgen Becker empfohlenen Wanderweg gegangen waren, bestellte ich tatsächlich ein Glas. Aber sonst?</p><p>Und doch: Wenn ich das Wort höre, habe ich sofort den säuerlichen Geschmack auf der Zunge. Und mir fällt der Junge ein, der, wie es an anderer Stelle heißt, „am Rand eines Kiefernwaldes, hinter dem gleich der Strand begann“, den Becher langsam leertrinkt.</p><p>Ob es mir, frage ich mich, mit der Quittenmarmelade auch so gehen wird? Werde ich in ein paar Jahren noch an das Gedicht denken, wenn ich beim Frühstück den Löffel in das Marmeladenglas tauche?</p><p>Schwer zu sagen. Es ist noch nicht lange her, daß ich Jürgen Beckers letztes Buch gelesen habe. Der Eindruck ist noch frisch. Die „Nachspielzeit“, an die er dachte, als es vier Monate vor seinem Tod erschien, mag zu Ende sein. Aber das Nachleben des über die Jahre von ihm Geschriebenen hat erst angefangen.</p><p>Doch schon jetzt merke ich, wie sich in meinem Kopf all das eingenistet hat, wovon das Gedicht erzählt. Der alte Mann, der allein und etwas wehmütig in der Haustür steht. Der Satz der Nachbarin, die sagt, was zu sagen ist. Die verwilderte Hecke, der sie beherzt zu Leibe rückt.</p><p>Vor allem aber das kleine Glas Marmelade, dessen Erwähnung genügt, daß die Quitten an diesem Wintertag so gelb zu mir herüberleuchten, als wäre es schon Sommer.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/1117a51f-c5f4-4487-abf4-86d688d1d84c/uploads/images/brwvpq62oh/IMG_4028.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p><strong>Eine Geschichte wie diese schreibt sich nicht von allein. 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      <pubDate>Sun, 16 Mar 2025 06:02:37 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Die Scherbe]]></title>
      <description><![CDATA[Über schwarze Steine und Höllenkreise, über Victor Klemperer und die Dresdner Bombennacht 1945, über Dante und einen Fund in einem Heidelberger Antiquariat]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über schwarze Steine und Höllenkreise, über Victor Klemperer und die Dresdner Bombennacht, über Dante und einen Fund in einem Heidelberger Antiquariat</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b4afcd91-ebb5-48e6-b9f6-b4283b37b6af/uploads/images/7nk5e4oe4b/IMG_4149.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Auf meinem Schreibtisch liegt ein seltsam verformtes Stück Glas: handtellergroß, grünlich glänzend, wenn durch das Fenster ein Sonnenstrahl darauf fällt. „Was ist das?“ hat mich meine kleine Tochter gefragt. Sie hat es von allen Seiten betrachtet, aber anfassen wollte sie es nicht.</p><p>„Siehst du die kleinen Steine?“ sagte ich zu ihr. „Die sind wie festgebacken an dem Glas.“ Sie nickte und berührte es jetzt doch mit den Fingerspitzen. Ganz geheuer war es ihr noch immer nicht. Aber als ich mit dem Fingernagel dagegen tippte, gab es einen hellen Klang, und da mußte sie lachen. „Wo hast du das her?“</p><p>Ihre zweite Frage zu beantworten, fiel mir leichter. Ich hatte es geschenkt bekommen: von einer Frau, die wie ich selbst auf Spurensuche geht, um Geschichte ganz buchstäblich zu begreifen.</p><p>Einmal waren wir gemeinsam unterwegs gewesen, im vorigen Jahr. Nein, das war keine große Expedition, für die man sich ausrüstet mit festem Schuhwerk, Taschenlampe, Schlafsack, Zelt. Wir hatten keine Schaufel dabei, und der Weg war auch nicht lang und beschwerlich. Es war nur ein kurzer Spaziergang, ein paar Schritte in der Stadt.</p><p>Mitten in Dresden, unweit der Elbe standen wir vor einem Bauzaun; und als der Bagger dahinter aufhörte zu grollen, und die Bauarbeiter in die Mittagspause verschwanden, zwängten wir uns durch eine Lücke und beugten uns über die frisch aufgeworfene Erde. Lang brauchten wir nicht zu suchen. Hier und da ein Blick, und schon wurden wir fündig: verkohltes Gestein, eine verglühte Fahrradlampe der Chemnitzer Firma BALACO, Porzellanscherben in weiß und blau.</p><p>„Jetzt baggern sie die Trümmerberge wieder auf“, erzählte sie mir. Die Flächen, auf denen man nach dem Krieg den Schutt der zerbombten Stadt aufgetürmt habe, würden nun gebraucht. Neue Baugründe würden erschlossen, Wohngebiete geplant.</p><p>Manchmal gehe sie zu einem dieser Plätze, stehe eine Weile am Zaun und lasse den Blick über die braune Erde schweifen. Und plötzlich sehe sie etwas zwischen dem Geröll, nur zwei Armlängen entfernt.</p><p>Mit dem, was wir an jenem Tag fanden, war sie nicht zufrieden. „Ich suche Ihnen noch so ein Stück Glas“, sagte sie. Zuvor in ihrer Wohnung hatte sie mir gezeigt, was sie bei ihren letzten Erkundungsgängen gefunden hatte.</p><p>Ein paar Tage später rief sie mich an. „Ich habe da was für Sie.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b4afcd91-ebb5-48e6-b9f6-b4283b37b6af/uploads/images/lcu4yrdcl5/IMG_4191.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>In Dresden bin ich geboren und aufgewachsen. Vielleicht braucht es diesen Satz, um zu verstehen, was das alles zu bedeuten hat – und was es mir bedeutet. Die brandgeschwärzten Steine, die geschmolzene Scherbe.</p><p>Ich wuchs in einer Stadt auf, über die am liebsten im Präteritum gesprochen wurde. Kein Wunder: Ihre einstige Pracht war dahin. Außerhalb der Gemäldegalerie war der berühmte Canaletto-Blick nur noch fragmentarisch zu haben. Die Frauenkirche ein Trümmerberg, der Hausmannsturm eine heruntergebrannte Kerze.</p><p>Mein Vater zeigte mir, wo bis zum 13. Februar 1945 der Zirkus Sarrasani gestanden hatte und wo das Haus in der Zöllnerstraße, wo ihn seine Mutter im zweiten Kriegswinter zur Welt gebracht hatte. Ich sah nur einen staubigen Sportplatz, dessen Ränder das Unkraut überwucherte.</p><p>Vier Jahrzehnte war der Krieg her, doch immer noch war er so allgegenwärtig wie die mit weißer Farbe an die Häuser gemalten Buchstaben LSR. Sie waren ein wenig verblaßt, aber noch deutlich sichtbar. So wie der Pfeil, der die Richtung anzeigte, in der bei einem Bombenangriff der nächste Luftschutzraum zu finden war.</p><p>Neulich begegneten mir die Buchstaben bei Victor Klemperer wieder. Am 4. September 1944 notiert er in seinem Tagebuch: „Wir hörten als neue Deutung: ‚Lernt schnell Russisch‘.“ Ein paar Monate später blieb den Dresdnern das Lachen im Hals stecken.</p><p>Dem Kind, das ich war, erschien der Krieg nicht als ferne Vergangenheit, sondern als mögliche Gegenwart. Blickte ich aus dem Fenster unserer Wohnung in der Äußeren Neustadt, sah ich auf die Ruine der St.-Pauli-Kirche, die mit ihren ins Nichts ragenden Backsteinmauern wie ein gestrandetes Wrack zwischen den verrußten Häuserzeilen lag. Die Kraft des Sturms, der es dorthin geworfen hatte, mußte schrecklich gewesen sein.</p><p>Geschürt wurde meine Angst durch eine Lehrerin, die uns Zehnjährige in die ideologische Mangel nahm. Ihr besonderer Haß galt den Amerikanern, die, wie sie uns erklärte, bald wiederkommen würden, um erneut ihre Bomben auf unser schönes Dresden zu werfen.</p><p>Damals legte ich mir einen Plan zurecht, was ich tun würde, wenn wieder Krieg wäre. Ich wollte mich an den Straßenrand legen: die Stirn auf dem Pflaster, mit zugekniffenen Augen. Man würde mich, so glaubte ich, für tot halten und in Ruhe lassen. Ich würde so lange dort liegen bleiben, bis der Krieg zu Ende wäre.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b4afcd91-ebb5-48e6-b9f6-b4283b37b6af/uploads/images/vgviu4wweh/IMG_6339.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Vor fünfzehn Jahren zog ich in einem Heidelberger Antiquariat einen verwitterten Band aus dem Regal: Dantes „Göttliche Komödie“, übertragen von Stefan George, erschienen 1921 im Verlag von Georg Bondi in Berlin. Ein abgerissenes Etikett auf dem Buchrücken hatte mich stutzig gemacht. Als ich die Titelseite aufschlug, fiel mein Blick auf eine Signatur und den Stempel: „Sächsische Landesbibliothek Dresden“.</p><p>Ich weiß noch, daß ich vor Überraschung zusammenzuckte – und mir plötzlich mein Großvater vor Augen stand. In seinen letzten Lebensjahren war er oft in minutenlanges Schweigen versunken. Jetzt sah ich ihn empört die Stirn runzeln; und gleich darauf sagte ich, was er an meiner Stelle mit fester Stimme erklärt hätte: „Das gehört aber nach Dresden!“</p><p>Sein Leben lang war Helmut Deckert Bibliothekar an der Sächsischen Landesbibliothek gewesen. Begonnen hatte er in den dreißiger Jahren im Japanischen Palais. Ein prächtiges Gebäude am Neustädter Ufer, unter dessen kupfergrünem Dach sich die goldstrotzenden Renaissancebände drängten. Vom Direktorzimmer ging der Blick über die Elbe auf die berühmten Türme und Kuppeln.</p><p>Als ich geboren wurde, war das längst Geschichte. Die Bibliothek fristete ein Schattendasein in einer früheren Kaserne am Stadtrand. Tausende Bücher und Handschriften waren verbrannt oder verschollen: von Stalins Trophäenkommission beschlagnahmt oder von Plünderern gestohlen.</p><p>Zeitlebens trieben meinen Großvater die Kriegsverluste um. Immer hatte er gehofft, eines Tages „die verlorenen Schätze auspacken, liebevoll streicheln und wieder in ihre Regale einstellen zu dürfen“. Vergeblich.</p><p>An jenem Nachmittag in Heidelberg, in der Dämmerung eines bis zur Decke mit Büchern zugewucherten Antiquariats, hielt ich plötzlich einen dieser Bände in der Hand.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b4afcd91-ebb5-48e6-b9f6-b4283b37b6af/uploads/images/rrvzj7icqm/neu_2_Renatus_blauer_Dante_IMG_0720.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“ Wie oft schon ging mir dieser Satz von William Faulkner durch den Kopf, wenn ich an Dresden dachte.</p><p>Seit zwanzig Jahren erhebt sich die Kuppel der neuerbauten Frauenkirche über der Elbe. Die Ruinen meiner Kindheit sind ebenso verschwunden wie die verdächtig leeren Rasenflächen in der Innenstadt. Die mit weißer Farbe gemalten Buchstaben LSR habe ich schon lange nicht mehr gesehen; vielleicht gibt es sie noch irgendwo an einer vergessenen Hauswand.</p><p>Und doch ist das Vergangene nicht tot. Wie eine Staubschicht legt sich die Gegenwart darüber; aber manchmal wirbelt ein Windstoß sie auf – und alles ist wieder da.</p><p>Da ist die britische Fliegerbombe, die man beim Abriß der Carolabrücke findet und deren Entschärfung die halbe Stadt lahmlegt. Da sind die Hakenkreuze und Hitler-Devotionalien („M. K. verfügbar“), die mit breitbeinigem Stolz auf einem Flohmarkt feilgeboten werden. Da sind die Scherben und die verkohlten Steine, die ein Trümmerberg nach achtzig Jahren freigibt. Und da ist dieses verloren geglaubte Bibliotheksbuch, das, anders als befürchtet, dem Feuer entgangen ist.</p><p>Wie aber war es in das Heidelberger Antiquariat gelangt? Das immerhin ließ sich rekonstruieren. Auf dem vorderen Vorsatzblatt entdeckte ich folgende Bleistiftnotiz:</p><p>„Im Jahr 1942 oder 1943 bildete Dr. Ewald Jammers, Bibliothekar der Sächsischen Landesbibliothek, in Radebeul (bei Dresden) einen Dante-Studienkreis, zu dem auch meine Eltern gehörten, die 1938 Italienisch gelernt hatten. Bei dieser Gelegenheit kam das Buch als Leihgabe an meine Eltern, die es nach der Zerstörung der Bibliothek und vor unserer ersten Flucht aus Radebeul 1945 wohl meiner Tante zur Verwahrung gaben.“ Später sei es mit den Büchern der Eltern oder beim Umzug der Tante in den Westen gelangt. „Ich fand es im Nachlaß meiner Mutter.“</p><p>Unterschrieben hatte diese Erklärung Helmut Haack: ein, wie ich herausfand, Heidelberger Musikwissenschaftler, der 2002 gestorben war. Laut Dresdner Adreßbuch von 1943 wohnten seine Eltern in der Radebeuler Weinbergstraße – nur einen kurzen Fußweg entfernt von der Zillerstraße 11, der Adresse von Ewald Jammers. Es klingt, als habe man sich zur gemeinsamen Dante-Lektüre reihum getroffen.</p><p>Warum aber gab man das Buch nach dem Krieg nicht zurück? Ja, das Japanische Palais war ausgebrannt. Doch bereits im Sommer 1945 eröffnete die Bibliothek einen provisorischen Ausleihbetrieb in einer ehemaligen Schule in Striesen.</p><p>Einer der ersten Besucher dort war am 22. August Victor Klemperer.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b4afcd91-ebb5-48e6-b9f6-b4283b37b6af/uploads/images/g4r3bv2zqb/IMG_0741_2.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>In Berlin, gegenüber der Museumsinsel, steht ein Haus, dessen Sandsteinfassade zerfurcht ist von den Spuren der schweren Kämpfe im April 1945.</p><p>Neben dem Eingang erinnert eine Gedenktafel an Victor Klemperer, der nach einem Ruf an die Humboldt-Universität von 1951 bis 1954 das Institut für Romanistik leitete. Über seinen Werdegang heißt es: „Bis zu seiner Entlassung durch die Nationalsozialisten lehrte er in Dresden, wo er Holocaust und Bombenkrieg überlebte.“</p><p>Jedesmal, wenn ich vor der Tafel stehe, irritiert mich diese Formulierung. Nein, falsch ist sie nicht. Und doch verfehlt sie das Eigentliche. Denn daß Klemperer überlebte, verdankt er neben der bewundernswerten Tapferkeit seiner Frau Eva, die in den Jahren der Verfolgung zu ihm stand, eben jenen Bomben.</p><p>Am 13. Februar 1945 erging an die letzten Dresdner Juden der Deportationsbefehl. Klemperer hatte einige dieser Briefe austragen müssen. Er selbst war für den Transport nicht vorgesehen, doch hatte er erfahren, daß die Zurückbleibenden „acht Tage später ebenso beseitigt werden würden“. Aber dazu kam es nicht mehr.</p><p>„Am Abend dieses 13. Februar“, schreibt er, „brach die Katastrophe über Dresden herein: Die Bomben fielen, die Häuser stürzten, der Phosphor strömte, die brennenden Balken krachten auf arische und nichtarische Köpfe, und derselbe Feuersturm riß Jud und Christ in den Tod; wen aber von den etwa 70 Sternträgern diese Nacht verschonte, dem bedeutete sie Errettung, denn im allgemeinen Chaos konnte er der Gestapo entkommen.“</p><p>Auch Victor Klemperer entkam. In seinem Buch „LTI“ erinnert er sich an das „Hochgefühl der märchenhaften Errettung“ und die Hoffnung auf das bevorstehende Ende des Krieges, die ihn „unter dem Eindruck dieser Vernichtung“ erfüllt habe. Doch er spricht auch von „unserm <em>dies ater</em>“, unserem Unglückstag. Obwohl ihm die alliierten Luftangriffe das Leben retteten, schmerzte ihn die Zerstörung seiner Stadt.</p><p>Von der Brühlschen Terrasse aus blickte er auf die Brände, in denen das alte Dresden unterging. Ganz in der Nähe, zwischen Semperoper und Schloß, lag der Theaterplatz, der seit 1933 Adolf-Hitler-Platz hieß. Dort hatte Hitler am 30. Mai 1934 vor einer begeisterten Menge verkündet: „Dresden ist eine Perle, und der Nationalsozialismus wird ihr die richtige Fassung geben.“</p><p>Hätte er Genugtuung empfunden – niemand hätte es ihm verdenken können. Die zwölf Jahre unter Hitler waren für Eva und Victor Klemperer ein einziger langer Unglückstag gewesen.</p><p>Kein Wunder, daß dem Professor der Romanistik, der er bis zu seiner Entlassung 1935 gewesen war, Dante einfiel. Immer wieder kommt er in seinem Tagebuch auf dessen „Inferno“ zu sprechen. Angesichts des immer stärker anschwellenden Terrors sieht er die Juden in immer tiefere Höllenkreise hinabbefördert.</p><p>Was hätte er wohl gedacht, wäre ihm zu Ohren gekommen, daß in jenem Jahr 1942, über das er am Silvesterabend voller Bitterkeit notiert: „bisher das schlimmste Jahr“, nur wenige Kilometer entfernt ein Kreis von selbstverständlich „arischen“ Bildungsbürgern die „Göttliche Komödie“ las?</p><p>Nein, überrascht wäre er bestimmt nicht gewesen über dieses Nebeneinander von Kultur und Barbarei im Dresden jener Jahre.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b4afcd91-ebb5-48e6-b9f6-b4283b37b6af/uploads/images/kuifu7dvt2/IMG_6363_4.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Von etlichen Büchern und Handschriften der Sächsischen Landesbibliothek fehlt seit 1945 jede Spur. Die Karteikarten der verschollenen Titel hat man digitalisiert und <a href="https://kriegsverluste.slub-dresden.de/nachweiskatalog">ins Internet gestellt</a>. Von Dante werden über hundert Bände vermißt. Nur die Karteikarte von Stefan Georges Übersetzung mit der Signatur Lit. Ital. A 828 vh ist inzwischen gelöscht.</p><p>Nie vergesse ich die Freude der Bibliothekare über das wiedergefundene Buch. Wie sie es staunend in den Händen hielten, die Bleistiftsätze lasen, gerührt darin blätterten. Wie sie immer wieder den Kopf schüttelten.</p><p>„Nach meinem Tod soll es der Sächsischen Landesbibliothek zurückgegeben werden“, hatte Helmut Haack auf das Vorsatzblatt geschrieben. Offenbar hatte auch er begriffen, daß dieses Buch nach Dresden gehörte und nirgendwohin sonst.</p><p>Manchmal stelle ich mir vor, wie ich es meinem Großvater überreicht hätte: damals, als er immer öfter schwieg. Dann sehe ich seine gerunzelte Stirn, seinen ungläubigen Blick. Und höre die Frage, die mir neulich meine kleine Tochter gestellt hat: „Wo hast du das her?“ Doch an jenem Frühlingstag vor fünfzehn Jahren, als ich das Antiquariat in Heidelberg betrat, war er schon lange tot.</p><p>Während ich jetzt darüber nachdenke, fällt mein Blick auf das grüne Stück Glas, das im Schein der Schreibtischlampe glänzt. Es sieht aus wie zerknüllt. Manchmal nehme ich es in die Hand und streiche mit der Fingerkuppe über die rauhe Oberfläche.</p><p>Ich kann nur vermuten, was für ein Gegenstand es war, den das Feuer bis zur Unkenntlichkeit verformte. Eine Karaffe oder ein Wasserglas? Ein Lampenschirm? Und schon zieht eine Frage die nächste nach sich: Wer hat aus dem Glas getrunken? Und wer im Licht der Lampe die Zeitung gelesen oder ein Buch? Und welche Zeitung, welches Buch? Den „Stürmer“ oder – sagen wir: eine französische Literaturgeschichte von Victor Klemperer?</p><p>Scherben bringen Glück, heißt es. Hat auch dieses zerbrochene Glas seinen Besitzern Glück gebracht? Schafften sie es, das nackte Leben zu retten? Oder wiegten die weißen Buchstaben LSR sie in trügerischer Sicherheit? Sind sie, wie so viele, im Keller ihres Hauses erstickt?</p><p>Unentwegt starre ich das grüne Glas an: als könnte es mir etwas über die Menschen verraten, denen es gehörte. Aber das Glas schweigt.</p><p>So wie es schwieg, als die Sirenen aufheulten, als ein Mann und eine Frau, vielleicht ein paar Kinder durch die Wohnung rannten, als sie Straßenschuhe anzogen und den Mantel überwarfen, aus der Tür stürzten. Eine Weile noch hörte man das Poltern auf der Treppe.</p><p>Für ein paar Augenblicke war es so still, als hielte die Welt den Atem an.</p><p>Dann das Dröhnen der Flugzeuge, das Krachen der Explosionen. Ich versuche, mir vorzustellen, wie im Buffet die Gläser klirrten. Wie ein Bild von der Wand fiel. Wie plötzlich ein fürchterlicher Krach die Mauern beben ließ. Als würde ein Riese einen Pappkarton hochheben und in rasender Wut schütteln.</p><p>Und wie das Feuer kam und stumm und gründlich seine Arbeit tat.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b4afcd91-ebb5-48e6-b9f6-b4283b37b6af/uploads/images/woyap2mh55/IMG_4235_NEU.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p><strong>Eine Geschichte wie diese schreibt sich nicht von allein. Ein herzliches Dankeschön an alle, die mit einer Mitgliedschaft meine Arbeit an „Wolken und Kastanien“ ermöglichen! Das geht schon zum Preis einer Tasse Kaffee im Monat. Möchten auch Sie Unterstützer(in) werden? Das geht hier:</strong></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/about">Mitglied werden</a></p><p>Schon 1615 Leserinnen und Leser haben „Wolken und Kastanien“ abonniert. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten möchten, tragen Sie sich gern hier ein:</p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">Kostenlos abonnieren</a></p><p></p><p><strong>Und hier noch eine herzliche Einladung zu zwei Lesungen:</strong></p><p>Am <strong>10. März</strong> lese ich auf Einladung des Dresdner Geschichtsvereins in der Zentralbibliothek im Dresdner Kulturpalast.</p><p>Es wird um <strong>Dresden</strong> gehen, um Victor Klemperer und die Zerstörung der Stadt vor achtzig Jahren. Um Spuren und Scherben und eine Vergangenheit, die nie vergeht.</p><a href="https://www.bibo-dresden.de/de/events/z/reihe-erinnerungen/20250310_Literaturreihe_Erinnerungen_Deckert_3.php">https://www.bibo-dresden.de/de/events/z/reihe-erinnerungen/20250310_Literaturreihe_Erinnerungen_Deckert_3.php</a><p></p><p>Am <strong>20. März</strong> lese ich auf Einladung der Literarischen Gesellschaft Lüneburg im Lüneburger Heinrich-Heine-Haus aus „Wolken und Kastanien“.</p><p>Und weil <strong>Lüneburg</strong> der Ort ist, an dem ich Tag für Tag den schiefen Backsteinriesen vor meinem Fenster fotografiere, lese ich auch die Geschichte „Der Turm“.</p><p><a href="https://ligelue.de/programm/wolken-und-kastanien/">Nähere Informationen finden Sie hier.</a></p><p>Über Ihr Kommen würde ich mich sehr freuen!</p><a href="https://steadyhq.com/de/renatus-deckert/posts/7c6a7a8d-f0b5-4372-9096-8ec779ceb285">https://steadyhq.com/de/renatus-deckert/posts/7c6a7a8d-f0b5-4372-9096-8ec779ceb285</a><p></p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/b4afcd91-ebb5-48e6-b9f6-b4283b37b6af/teaser_image/1739083477?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Sun, 09 Feb 2025 06:48:54 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Hände, die einander wärmen]]></title>
      <description><![CDATA[Über einen Sommertag im Garten von Helga Schubert, über Kohlweißlinge und Streuselkuchen, Erinnerungen, Geröllfelder und die Gemälde von Johannes Helm]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über einen Sommertag im Garten von Helga Schubert, über Kohlweißlinge und Streuselkuchen, Erinnerungen, Geröllfelder und die Gemälde von Johannes Helm</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8c155bb8-fd02-4887-9624-2a5fd199dcea/uploads/images/p5hzi7sy4u/IMG_9704.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Ein Sommertag in Mecklenburg. Abgeerntete Felder, ein wolkenloser Himmel. Sonnenblumen, die in der Hitze tanzen.</p><p>„Da ist sonst nichts“, sagt der Taxifahrer und fährt stoisch auf den Horizont zu, an dem alles zu enden scheint. Ist es dort, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen? Er verzieht keine Miene. „Das finden nicht mal Fuchs und Hase. Also, der Fuchs sowieso nicht.“</p><p>Er muß es wissen, er ist von hier. Und natürlich führt die Straße wohin. Neu-Meteln heißt der Ort, der nicht viel mehr Häuser hat als Buchstaben. Eine halbe Stunde von Schwerin entfernt, wenn man ein Auto hat. Aber es fährt auch ein Bus, gleich auf dem Bahnhofsvorplatz; und wenn man am Tag vorher anruft, wartet in Lübstorf das Ruftaxi.</p><p>Der Fahrer sagt nicht viel; wir sind in Mecklenburg, da haben sie nichts zu verschenken, jedenfalls keine Worte. Aber Helga Schubert kennt er. Die hat er schon mal gefahren. Offenbar war es eine gute Begegnung, denn nun beschenkt er mich doch und fährt an der Haltestelle vorbei, direkt zu ihrem Haus.</p><p>Helga Schubert lacht, als ich ihr erzähle, daß der Fuchs sie sowieso nicht findet. Ein strahlendes, fast mädchenhaftes Lachen, das die Falten in ihrem Gesicht in Lachfalten verwandelt. Später, als ich sie fotografiere, rutscht mir der Satz heraus: Sie schauen heute so ernst. „Ja“, sagt sie, „das paßt zu diesem letzten Jahr. Das war nicht zum Lachen.“</p><p>Im vorigen Herbst, als ich das erste Mal hier war, prasselte der Regen gegen die Fenster. Wir saßen im Wintergarten und sprachen über „Judasfrauen“, wie ihr Buch über Denunziantinnen in der Zeit des Nationalsozialismus heißt. Die dunklen Wolken, die über das Haus zogen, schienen direkt unserem Gespräch entstiegen, das um Diktatur und Verrat kreiste, um Schuld und Mut.</p><p>Jetzt stehen Fenster und Türen offen; ein Kohlweißling flattert herbei, als wolle er uns nach draußen bitten. Auf die Wiese, auf die der Sturm vor ein paar Nächten körbeweise Äpfel geschüttet hat. Zu Tisch und Stühlen, die uns erwartungsvoll entgegenblicken. Zum Brombeerschwarz und den glockenschwer herabhängenden Birnen. Noch sind sie ein bißchen grün um die Ohren, aber das gierige Summen der Wespen, keine Frage, das können sie hören.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8c155bb8-fd02-4887-9624-2a5fd199dcea/uploads/images/wac5cicpic/IMG_9670.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Helga Schubert drückt mir Kissen in die Hand, holt Gläser, eine Flasche. Und dann sitzen wir im Garten, nur ein paar Schritte von der Stelle entfernt, an der sie vor vier Jahren saß, an einem Frühsommermorgen. Hinter ihr leuchtete das Grün; und ein Leuchten war auch in ihren Augen, als sie ihre Erzählung „Vom Aufstehen“ las, die mit dem Satz beginnt: „Auf, auf, sprach der Fuchs zum Hasen, hörst du nicht die Hörner blasen?“</p><p>Mit dieser Lesung, von der Kamera eingefangen und noch weit jenseits der Apfel- und Birnbäume zu hören, gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis. Sie war die älteste Teilnehmerin, die jemals diesen Wettbewerb gewann. Aber alt sah eher der Literaturbetrieb aus, der über all seinen Aufgeregtheiten diese Autorin von Rang vergessen hatte – und jetzt so tat, als habe er Amerika entdeckt oder zumindest eine neue Orchideenart.</p><p>Jahrelang schrieb Helga Schubert für die Schublade, kein Verlag interessierte sich für sie. Wohl nicht zufällig hatte sie bei ihrer Lesung gleich neben dem Wasserglas ein paar Bücher plaziert. Ein dezenter Hinweis.</p><p>Nein, sie war kein unbeschriebenes Blatt, sondern eine gestandene Autorin mit gut einem Dutzend Büchern: die meisten zu DDR-Zeiten erschienen, einige auch im wiedervereinigten Deutschland. Ihr erstes, der Erzählband „Lauter Leben“ von 1975, schloß mit einem preisenden Nachwort von Sarah Kirsch, in dem es heißt: „Profession und Talent haben sie mit Über-Blicken über das Leben der Menschen ausgerüstet.“</p><p>Fast ein halbes Jahrhundert später stießen die lange Zeit so ignoranten Experten plötzlich ins gleiche Horn. Landauf, landab wurden die Erzählkünste von Helga Schubert gefeiert. Die Verlage rissen sich um sie; und schon bald gesellten sich zu ihren nur noch antiquarisch erhältlichen Büchern drei neue hinzu.</p><p>Gleich das erste, „Vom Aufstehen“, 2021 erschienen, wurde begeistert aufgenommen. Und das völlig zu Recht: Neben der titelgebenden Erzählung über das Leben und Sterben ihrer vom Krieg traumatisierten Mutter enthielt er zwei Dutzend Geschichten aus den letzten Jahren. Geschichten, wie man sie lange nicht gelesen hatte: autobiographisch grundiert, voller Lebenserfahrung und Zartsinn, von einer beiläufigen Poesie.</p><p>In einer der schönsten erinnert sich Helga Schubert an die Sommerferien im Garten ihrer Großmutter in Greifswald, wo sie als Kind in der Hängematte lag, Streuselkuchen aß und Bücher las, Äpfel pflückte und Johannisbeeren. Es geschieht nicht viel auf diesen knapp vier Seiten, aber für die Erzählerin ist es eine ganze Welt, und was sie ihr bedeutet, noch immer, teilt sich mit in jedem Wort – schon lange vor den letzten drei Sätzen, auf die alles zuläuft: „So konnte ich alle Kälte überleben. Jeden Tag. Bis heute.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8c155bb8-fd02-4887-9624-2a5fd199dcea/uploads/images/icvklcqtde/IMG_3165.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Auch jetzt sitzen wir in einem Garten in Norddeutschland, aber nicht in Vorpommern, sondern in Mecklenburg. Während die Wespen summen und drüben auf dem Feld ein Traktor brummt, geht es um Anton Tschechow: für Helga Schubert viele Jahre lang ein erzählerisches Vorbild.</p><p>„Er war der mit dem Heiligenschein“, heißt es in dem schmalen Buch, das sie ihm im vorigen Jahr gewidmet hat. Allerdings klingt schon der nächste Satz wie Ketzerei: „Solange ich noch einen Heiligen hab, dachte ich, solange bin ich noch nicht erwachsen.“</p><p>Ja, sagt sie, dieser Gedanke habe sie lange begleitet. Wenn man schreibe, könne man Vorbilder haben oder elektrisch geladene Zäune. „Aber richtig schreiben heißt, daß man beide nicht mehr braucht.“</p><p>Was denn elektrisch geladene Zäune seien?</p><p>„Eine Weile habe ich immerzu gedacht: Bloß nicht langatmig werden! Oder sentimental. Auch nicht belehren oder missionieren. Solche Zäune sind das. Die darf man nicht berühren. Das ist wie bei den Pferden, die haben auch solche Zäune. Ein paarmal passiert es ihnen, daß sie ihnen zu nahe kommen. Aber dann lernen sie und gehen nicht mehr dorthin. Und so habe ich das auch gelernt.“</p><p>Im Mittelpunkt ihres Buches steht eine Erzählung, die Tschechow als 25jähriger schrieb. Sie selbst war nur wenige Jahre jünger, als diese Erzählung sie in einer ihr ausweglos erscheinenden Situation beschützte: „Sie half mir, den kleinen lebensrettenden Schritt vor dem Abgrund zurückzuweichen.“</p><p>Immer wieder hat sie die Geschichte gelesen, über hundertmal im Laufe ihres Lebens. „Und sie wurde zur wichtigsten Erzählung für mich.“</p><p>„Gram“, so heißt sie, erzählt von dem Kutscher Jona Potapow, der in einer Winternacht wie ein Häufchen Elend auf seinem Kutschbock kauert. Er fährt so langsam, daß die betrunkenen Fahrgäste anfangen, ihn zu beschimpfen, und mit wüsten Drohungen antreiben. Ein ums andere Mal versucht er zu erklären: Der Sohn sei ihm gestorben, ganz plötzlich! Aber diese Mitteilung facht den Ärger der Leute nur noch mehr an. Es hagelt Schimpfwörter, ja sogar Schläge. Von der Not des Alten will keiner etwas hören.</p><p>Es ist eine Geschichte über menschliches Leid und den Unwillen, mit dem andere ihm begegnen – als fürchteten sie, sich daran anzustecken. Als Helga Schubert die Erzählung als junge Frau las, erging es ihr wie dem Kutscher: daß sie „niemanden hatte, dem ich mich anvertrauen konnte“.</p><p>Ihr Leben lang, schreibt sie, habe sie sich die Kürze dieser Erzählung zum Maßstab genommen, „die Menschenfreundlichkeit und das Wissen um die gefährliche Gleichgültigkeit gegenüber dem Kummer, dem Gram eines Gegenübers, die er nur leise und vorsichtig andeutet“.</p><p>Tschechow als Lehrmeister des Existenziellen?</p><p>Sie nickt. „Ganz kalt soll man sein beim Schreiben, hat er mal gesagt. Also immer auf Distanz bleiben. Das kann er meisterhaft. Aber er ist nicht der einzige. Natalia Ginzburg oder Katherine Mansfield, die können das auch. Die schreiben auch lakonisch, mit Abstand. Und da habe ich mich immer zugehörig gefühlt.“</p><p>Aber solche Vorbilder, sagen Sie, braucht es nicht, um richtig zu schreiben?</p><p>„Nein, man darf einem Genie wie Tschechow nicht nacheifern. Man muß wirklich sein ganz Eigenes haben und dazu stehen. Dafür braucht es furchtbar viel Mut. Und es bedeutet: Einsamkeit. Da ist überhaupt keiner mehr da. Man muß am Abgrund schreiben, so wie man auch am Abgrund leben muß – und sich trotzdem sicher fühlen.“</p><p>Neulich, erzählt sie, sei sie jemandem begegnet, der die Alpen durchquert habe. Sie habe ihn gefragt, ob es dort inmitten der Geröll- und Schneefelder auch Seile gegeben habe, zum Festhalten. Nein, die gab es nicht. „Und ich habe gedacht: Das ist wie mit dem Schreiben. Daß man ganz auf sich zurückgeworfen ist und seinem eigenen Geschmack vertrauen muß.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8c155bb8-fd02-4887-9624-2a5fd199dcea/uploads/images/oc2ktpcv6q/IMG_9669.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Ein Mensch, der allein über ein Geröllfeld geht ...</p><p>Fast unwirklich, jedenfalls weit weg erscheint einem dieses Bild, während man jetzt im Garten sitzt, unter diesem unendlichen Blau; man braucht nur die Hand auszustrecken, um eine Brombeere zu pflücken. Der Kohlweißling hat sich verdoppelt und tänzelt über unsere Köpfe; aber nicht mal zwei von der Sorte gehen als Wolke durch. Nein, nichts wirft einen Schatten auf diesen Sonnentag. Kein Abgrund weit und breit.</p><p>Und was, wenn der Abgrund in uns selbst ist? Wenn man sich einen Weg bahnt, den noch keiner gegangen ist. Das Papier so weiß wie ein Schneefeld. Woran hält man sich dann fest?</p><p>Ob es ihr hilft, frage ich Helga Schubert, daß sie schon etliche Bücher geschrieben hat.</p><p>„Ja“, sagt sie, „das hilft sehr.“</p><p>Und dann kommt sie auf ihr neues Buch zu sprechen. Das heißt: ein Buch ist es noch nicht. Aber auch keine weiße Seite; ein paar Erzählungen gibt es schließlich schon.</p><p>Es geht um die Lebensgeschichten ihrer Großmütter Klärchen und Wilhelmine: mit allem, was daran hängt. Ein fast uferloser Stoff. Die Frage sei, wie sie sich beschränken soll. „Ich weiß ja nicht, wieviel Lebenszeit ich noch habe. Das kann mir ja keiner sagen, da gibt es keinen Haltegriff.“</p><p>Als junge Frau habe sie das gekonnt: sich beschränken. Sie habe mit kurzen Erzählungen begonnen. Später seien sie länger geworden. „Aber da wußte ich immer: mein ganzes Leben liegt noch vor mir, und alles, was ich noch nicht erzählt habe, das erzähl ich dann eben, wenn es soweit ist, daß ich es ambivalent finde.“</p><p>Das sei die Voraussetzung, daß sie über etwas schreiben könne: daß etwas nicht nur schwarz oder weiß sei, sondern daß sie darin Widersprüche entdecke. „Alles Schwarz-Weiße ist ein elektrisch geladener Zaun.“</p><p>Aber mit dem Beschränken, das werde mit zunehmendem Alter schwierig. Was sie gern noch erzählen würde, das könne sie nicht mehr in die Zukunft schieben. „Mit 84 ist meine Lebenszeit ja nun wirklich sehr begrenzt.“ Sie lacht. „Wilhelmine ist mit 81 gestorben.“</p><p>Ob sie sich sage: Diese oder jene Geschichte muß ich unbedingt noch schreiben? Und was sei mit den anderen, die sie noch nicht erzählt habe?</p><p>Sie überlegt nicht lange. „Das hört sich vielleicht merkwürdig an oder sehr selbstbewußt. Aber ich habe ein großes Vertrauen, daß die Geschichte, die als nächstes erzählt werden will, auch erzählt wird. Und dann bleibt eben eine andere auf dem Weg. Die war vielleicht nicht so wichtig.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8c155bb8-fd02-4887-9624-2a5fd199dcea/uploads/images/ghvj4gykpl/IMG_3180.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Diese Geschichte war ihr wichtig: „Der heutige Tag“, im letzten Jahr erschienen, erzählt von der Liebe zu ihrem Mann Johannes Helm, den sie zu Hause pflegt.</p><p>„Derden“ nennt sie ihn im Buch, was ausbuchstabiert heißt: Der, den ich so liebe. Man braucht nur die ersten Seiten zu lesen, um zu wissen: Das ist keine Floskel und auch kein im Überschwang hervorgesprudeltes Kosewort. Es steckt Lebenserfahrung darin und eine lange gemeinsame Geschichte.</p><p>Was es heißen kann, jemanden zu lieben: in guten wie in schlechten Zeiten, das erfährt man hier. Es kann heißen: Für den anderen da zu sein, statt ihn in ein Heim zu geben. Seine Würde zu achten und ihm in seiner Schwäche und Hilflosigkeit beizustehen.</p><p>Fast ein halbes Jahrhundert sind Helga Schubert und Johannes Helm verheiratet – und sie sagt über diese Zeit, daß sie „nichts“ vergessen hat; alles erscheine ihr „wie gerade erlebt“. Was für ein Kontrast zur Demenz ihres Mannes, der sie manchmal nicht erkennt und in Gedanken durch eine andere Wirklichkeit irrt. Ein Wanderer über ferne Geröllfelder.</p><p>An diesem Sommertag ist er ganz bei sich. Den Gast hat er freundlich begrüßt und ein paar Sätze mit ihm gewechselt. Jetzt sitzt er im Rollstuhl am gedeckten Tisch, ißt und trinkt und blinzelt zufrieden in die Sonne.</p><p>Wenn er etwas sagt, wendet sich Helga Schubert ihm zu, nimmt den Faden auf, fragt nach. Nur einmal, als ich mich nach etwas erkundige, fällt ihm die Antwort nicht ein. „Das habe ich vergessen“, sagt er. „Wissen Sie, ich habe viel vergessen. Ich bin ja auch schon 96 ...“ Er hält inne und legt ein paar Falten mehr auf. „Oder 97?“ Er lacht.</p><p>Und dann sind da diese Momente, wo er den Kopf hebt, die Augen zusammenkneift und Ausschau hält. „Wer ist das, da hinten, unter den Bäumen?“ Was meinst du, fragt Helga Schubert. „Da sind doch Menschen!“ sagt er und zeigt in Richtung Feld, wo vorhin der Traktor gebrummt hat. Sie folgt seinem Blick. Dann sagt sie: „Weißt du, ich sehe da niemanden.“ Und noch einmal, weil er darauf beharrt: „Ich sehe sie nicht.“</p><p>Ich habe gelernt, sagt sie später zu mir, daß man nicht sagen darf: Dort sind keine Menschen. Man soll sagen: Ich sehe die Menschen nicht. Es kann ja sein, daß er sie sieht. Und wenn ich ihm das abspreche, ist das eine Kränkung.</p><p>Es ist ein Geschenk, zu erleben, wie Helga Schubert mit ihrem Mann spricht: so liebevoll wie geduldig. Ich muß an Tschechows Erzählung denken und daran, was dem Kutscher Jona Potapow widerfuhr, dem der Sohn gestorben war. Wie keiner ihm zuhören wollte. Wie alle sein Leid abwehrten. Und da stelle ich mir vor, wie Helga Schubert zugestiegen wäre: in jener Winternacht, als er auf dem Kutschbock saß, verzweifelt und „ganz weiß, wie ein Gespenst“.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8c155bb8-fd02-4887-9624-2a5fd199dcea/uploads/images/gssr6j4w7h/IMG_9700.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Die Kohlweißlinge sind wieder da: als wollten sie sich erkundigen, ob wir noch einen Wunsch haben. Es sieht nicht so aus. Johannes Helm macht ein Nickerchen, erwacht, hört eine Weile zu, schläft wieder ein. Helga Schubert schaut einer Wespe zu, die wie berauscht ein ausgetrunkenes Apfelsaftglas ergründet. Dabei erzählt sie mir von Klärchen und Wilhelmine.</p><p>Schon letztes Jahr, als ich ihr im bis zum letzten Stuhl gefüllten Hamburger Literaturhaus meine Fragen stellen durfte, hatte sie von ihnen gesprochen. Sie war ganz beschwingt, und ich spürte, wie eine große Vorfreude sie erfüllte. Sie schien es kaum erwarten zu können, als nächstes dieses Buch zu schreiben.</p><p>Jetzt wirkt sie nachdenklich. Die Suche nach der Form treibt sie um. In Hamburg hatte sie ihre Arbeit mit der eines Bildhauers verglichen. Ihre Erinnerungen seien der Lehm, aus dem sie ein Kunstwerk forme. „Es ist ein Irrtum zu denken, daß das Material bereits die Kunst ist. Das Material kann man auf vielfältige Weise verarbeiten.“</p><p>Noch weiß sie nicht wie. An diesem Nachmittag breitet sie verschiedene Möglichkeiten vor mir aus, erörtert die Anforderungen, die sie selbst an ihr Schreiben stellt. Immer wieder wägt sie ab, verwirft, denkt neu. „Die Idee habe ich jetzt gerade“, sagt sie einmal.</p><p>Aber es ist nicht nur die Form. Je länger sie erzählt, um so mehr begreife ich: Die Leben ihrer Großmütter sind nicht irgendein Stoff. Er ist verwoben mit ihrer eigenen Geschichte, und er schließt alle Arten von Empfindungen ein – die glücklichen wie die schmerzlichen. Kein Wunder, daß sie all das wieder und wieder durchdenkt.</p><p>Wie hatte sie in Hamburg gesagt? Das Schreiben sei ein Weg, etwas für sich selbst zu klären, das Erlebte und auch das als schlimm Empfundene zu verarbeiten.</p><p>Während sie spricht, steht mir das Bild des sommerlichen Gartens wieder vor Augen, der ihr als Kind ein Refugium war: mit seinen Äpfeln und Johannisbeeren, mit dem frisch gebackenen Streuselkuchen und der Hängematte. „Mein idealer Ort“ hat Helga Schubert die Geschichte genannt, in der sie davon erzählt. Diese Geschichte, die mit den Sätzen endet: „So konnte ich alle Kälte überleben. Jeden Tag. Bis heute.“</p><p>Jetzt erzählt sie mir, wie es weiterging: mit diesem Garten und der Großmutter, Wilhelmine, deren Fürsorge später umschlug in Mißgunst und Wut. Die versuchte, der Enkelin ihren Willen aufzuzwingen, als diese schon eine junge Frau war, die ihr Leben lebte, ihrer Wege ging.</p><p>Nach dem Tod ihrer Mutter fand Helga Schubert die Briefe, die Wilhelmine an diese schrieb: in forderndem Ton, ungehalten, ja böse. „Sie hat meine Mutter gegen mich aufgehetzt.“ Jahrelang schickte Wilhelmine diese Briefe, jeder fünf, sechs Seiten lang, in kleiner Schrift. Es war damals, als ihre Mutter zu ihr sagte: Wärst du doch gestorben auf der Flucht.</p><p>Der Widerspruch, von dem sie vorhin sprach: der Widerspruch, den es brauche, damit sie über etwas schreiben könne – hier ist er. Da der paradiesische Garten, die Geborgenheit; dort die alte Frau: ihre Erbitterung, ihre Wut.</p><p>Helga Schubert blickt vor sich hin: „Fast achtzig Jahre habe ich gedacht: Dieser Garten in Greifswald, der war immer meine Oase. Und das habe ich beschrieben in dieser Geschichte.“</p><p>Sie hält inne. „Aber der Garten bleibt ja. Obwohl ich weiß, wie es weiterging, bleibt er. Das ist ja wichtig im Leben: daß man etwas bejahen kann, auch so wie man es früher gesehen hat. Es war ja trotzdem nicht anders. Und es war existenziell.“</p><p>Im nächsten Augenblick wendet sie sich ihrem Mann zu. „Jetzt habe ich ganz kalte Hände“, sagt sie. Sie beugt sich zu seinem Rollstuhl hinüber und legt ihre Hände in seine. Die Kohlweißlinge und ich schauen zu, wie die Hände einander fassen und zärtlich streicheln.</p><p>Und mir fällt die Stelle in Helga Schuberts letztem Buch ein: „Das ist übrig nach unseren Jahrzehnten, dachte ich: Hände, die sich aneinander wärmen. Ich gab ihm unter der Decke die Hand und drückte sie. Und er drückte meine Hand. Wie ein Versprechen.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8c155bb8-fd02-4887-9624-2a5fd199dcea/uploads/images/4im66rcc6n/IMG_9691.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>„Sie waren noch nicht in der Galerie?“ fragt Helga Schubert erstaunt, und ich sage: „Nein, leider. Beim letzten Mal flog uns ja die Zeit davon. Aber heute würde ich sie mir gern anschauen.“</p><p>Kurz darauf stehen wir vor dem kleinen Gebäude, in dem sich der überwiegende Teil von Johannes Helms malerischem Werk befindet. Nach einem langen Berufsleben als Psychologe und Universitätsprofessor in Berlin hatte er beschlossen, sich ganz der Malerei zu widmen. Seither entstanden weit über tausend Gemälde, die er in seiner eigenen Galerie ausstellte.</p><p>Während Helga Schubert die Tür aufschließt, erzählt sie mir von den „Bilderwechseln“, zu denen sie viele Jahre lang einluden. Manchmal kamen vierzig Leute, einmal sogar siebzig. Und jedesmal las Helga Schubert eine Geschichte, die sie, wenn alle Bilder ihren Platz gefunden hatten, in der Nacht zuvor geschrieben hatte. Zwei Dutzend dieser Geschichten standen dann in dem Erzählungsband „Vom Aufstehen“.</p><p>Gleich an der ersten Wand entdecke ich ein mir bekanntes Selbstporträt. Der Maler vor grünem Abendhimmel: im gestreiften Unterhemd, mit zerknautschter Mütze und nachdenklichem Blick. Es ist mir in dem Band „Malgründe“ begegnet, der nicht nur Bilder von Johannes Helm enthält, sondern auch seine Gedanken und Geschichten zu diesen Bildern.</p><p>Weil er bereits 1978 erschien, sind mir viele Gemälde neu. Die späteren Selbstporträts, natürlich, aber auch die mecklenburgischen Landschaften mit den gewaltigen Wolken, die Bauernhöfe, der Leuchtturm vor dem wogenden Meer. Auch religiöse Motive gibt es und manches rätselhafte Arrangement, in das man sich stundenlang vertiefen könnte.</p><p>Bilder, wohin das Auge reicht. Die Wände sind voll davon, und was keinen Platz mehr fand, lehnt Leinwand an Leinwand in großen Regalen im Nebenraum. Das Klavier steht davor; darauf die beiden Bronze-Abgüsse von Ernst Barlach, die ich aus der Erzählung kenne, die Helga Schubert damals hier im Garten las. Wir schieben es zur Seite, damit der Rollstuhl zwischen Klavier und Wand hindurchpaßt.</p><p>Schweigend sitzt Johannes Helm zwischen seinen Bildern. Ein Gemälde nach dem anderen zieht er aus dem Regal und betrachtet es eine Weile: erst die Vorderseite, schließlich den Rahmen, auf dem das Entstehungsjahr notiert ist. Dann schiebt er es ins Regal zurück.</p><p>Durch das Fenster fällt warm und golden das Sonnenlicht, läßt die Farben glänzen, die Brillengläser des Malers, den Ring an Helga Schuberts Hand.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8c155bb8-fd02-4887-9624-2a5fd199dcea/uploads/images/62hjtusexg/IMG_9735.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Der Nachmittag neigt sich dem Ende zu. Es wird Zeit, daß ich mich wieder auf den Weg mache.</p><p>Als ich das Tablett mit den Gläsern und Tellern vom Garten ins Haus balanciere, fällt mir ein orangefarbener Jutebeutel ins Auge: „Erinnerung als Auftrag“ steht darauf. Wie gut er zu Helga Schubert paßt! Zu ihrem Buch „Die Welt da drinnen“ über die 1941 als „lebensunwert“ ermordeten Patienten der Schweriner Nervenklinik. Zu ihrem Interesse an den Mechanismen der Diktatur. Zu ihrem Eintreten für die offene Gesellschaft.</p><p>Es ist ein Auftrag, der aus den Erfahrungen eines langen Lebens erwächst. Einer der berührendsten Sätze in ihrer Erzählung „Vom Aufstehen“ wendet sich an ihre kriegstraumatisierte Mutter. Mit ihrer Unfähigkeit, das eigene Kind zu lieben, hatte diese ihrer Tochter einst einen Rucksack voller Steine aufgeladen. Dafür gab sie ihr etwas anderes mit auf den Weg.</p><p>„Ich danke dir“, schreibt Helga Schubert, „daß du mir von klein an so viel von 1933 erzählt hast, wie alles kippte, von euerm Geschichtslehrer, der im Unterricht plötzlich sein Jackett auszog, und darunter war das Braunhemd, von eurem Erschrecken, weil deine Freundin doch eine Jüdin war.“</p><p>Da sind die Geschichten ihrer Großmütter Klärchen und Wilhelmine: Geschichten von Krieg und Flucht und vom Überleben in einem verbrecherischen Regime. Bald ein halbes Jahrhundert später sind sie noch immer da und warten darauf, aufgeschrieben zu werden.</p><p>Und dann sind da ihre eigenen Erfahrungen als Schriftstellerin in der DDR, der 1981 die Druckgenehmigung für ihren Erzählband „Das verbotene Zimmer“ verweigert wurde. „Was Sie über unsere Partei schreiben“, erklärte man ihr, „ist wie ausgekotzt. Hören Sie auf zu schreiben! Das ist Analphabetismus.“</p><p>All das schwingt immer mit, wenn Helga Schubert erzählt: auf den Seiten eines Buches oder in ihrem Garten in Mecklenburg – mag der Sommertag auch noch so heiter sein mit seinem wolkenlosen Blau, den Sonnenflecken, dem Tanz der Kohlweißlinge.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8c155bb8-fd02-4887-9624-2a5fd199dcea/uploads/images/2a3inlmtwv/IMG_3026.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Johannes Helm ist zurück aus der Welt der Bilder. Ich erzähle ihm, daß man sein Buch „Malgründe“ antiquarisch nur schwer bekommt und wie ich es in Lüneburg als Fernleihe bestellen wollte und die Bibliothekarin zu mir sagte: „Das brauchen Sie nicht! Das habe ich zu Hause. Bring ich Ihnen morgen mit.“</p><p>Dann frage ich ihn nach den Büchern seiner Frau. Selber lesen, sagt er, könne er ja nicht mehr. Aber sie habe sie ihm vorgelesen.</p><p>Und was sagt er dazu?</p><p>„Na, wenn es um mich geht, werde ich ...“ Einen Augenblick sucht er nach dem Wort. Als er es hat, lacht er: „... spitzohrig.“</p><p>Hat er auch mal Einwände?</p><p>„Nein, nein.“ Er winkt ab. Die habe er nicht.</p><p>Kurz darauf stößt Helga Schubert zu uns. „Komm, Hannes!“ sagt sie. „Wir begleiten Herrn Deckert noch ein Stück.“ Gemeinsam laufen wir die Straße vor, an dessen Ende das Ruftaxi schon wartet. Johannes Helm im Rollstuhl blinzelt in die Spätnachmittagssonne.</p><p>Der Fahrer ist ein anderer als am Vormittag, nicht der mit Fuchs und Hase. Aber auch er kennt Helga Schubert, hat sie schon ein paarmal gefahren. „Ihren Mann auch“, sagt er, und mehr sagt er nicht, während er über die Dörfer fährt, vorbei an einem Feld mit verblühten Sonnenblumen, bis zu dem Wartehäuschen, wo der Bus nach Schwerin hält.</p><p>Aber als wir losfahren in Neu-Meteln und Helga Schubert winkt und ich winke, da winkt auch er.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8c155bb8-fd02-4887-9624-2a5fd199dcea/uploads/images/63xv537fvm/IMG_9701.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p><strong>Eine Geschichte wie diese schreibt sich nicht von allein. Um so dankbarer bin ich allen, die mit einer Mitgliedschaft meine freiberufliche Arbeit an „Wolken und Kastanien“ ermöglichen. Das geht schon zum Preis einer Tasse Kaffee im Monat. Wollen auch Sie Unterstützer(in) werden? 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      <pubDate>Sun, 29 Dec 2024 06:42:30 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Weiße Johannisbeeren]]></title>
      <description><![CDATA[Über einen Sommertag und das weiße Zimmer am Ende des Flurs, über welke Blumen, das Blätterrauschen der Kastanie und eine Orgelpfeife mit blonden Locken]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über einen Sommertag und das weiße Zimmer am Ende des Flurs, über welke Blumen, das Rauschen der Kastanie und eine Orgelpfeife mit blonden Locken</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/2a9495c3-1f5b-4795-a668-278e4c6536d6/uploads/images/dnjsqaz6oq/IMG_2724_5.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Es war voriges Jahr im Sommer, als ich nach München fuhr, um von meiner sterbenden Tante Abschied zu nehmen. Ich wußte nicht, was mich erwartete, als ich dem langen Flur bis ans Ende folgte und sich die Tür der Palliativstation vor mir auftat. Würde sie wach sein? Würde ich mit ihr sprechen können? Ja, würde sie mich überhaupt erkennen?</p><p>Das letzte Mal hatten wir uns vor ein paar Jahren auf einem Bahnsteig in Gera gesehen. Jahrzehntelang war sie nicht mehr in der Stadt gewesen, in der sie geboren war. Sie und meine Mutter und noch vier Geschwister. Jetzt lebten nur mehr sie beide.</p><p>Ihren Vater hatte noch im April 1945 eine Kugel getroffen. Er war auf dem Heimweg gewesen und nur noch dreißig Kilometer von zu Hause entfernt. Ihre Mutter stand mit sechs Kindern allein da. Die älteste noch nicht zwölf, A. zweieinhalb.</p><p>„Kannst du dich an ihn erinnern?“ hatte ich sie in Gera gefragt. Sie hatte den Kopf geschüttelt. „Nur von Fotos.“</p><p> </p><p>Als ich die Tür des Krankenzimmers öffnete und an ihr Bett trat, sah sie mich mit großen Augen an. Ihr Haar so weiß, wie ich es noch nie gesehen hatte. Ich merkte, wie es in ihr arbeitete, und um ihr zu helfen, sagte ich meinen Namen. Aber da hatte sie mich schon erkannt.</p><p>Ich war erleichtert, sie sprechen zu hören. Ihre Stimme war leise und klang ein wenig heiser. Langsam, als schiebe sie Steine über eine Tischplatte, folgten die Worte aufeinander. Sie schien müde zu sein; aber in dem, was sie sagte, war sie ganz klar. Doch je länger wir sprachen, um so öfter war es, als würde sich über ihre Gedanken ein Nebel senken.</p><p>Das Nächstliegende schien für sie weit weg zu sein. Was mit ihr passiert war, als sie gestürzt und nächtelang allein in ihrer Wohnung gelegen hatte; daran erinnerte sie sich nicht.</p><p>Statt dessen erzählte sie von ihrer Mutter: „Sie war so eine tüchtige Frau. Sie hat sich für uns Kinder aufgeopfert.“ Und von ihrem Vater: „Ich habe ganz lange gar nicht verstanden, was das heißen sollte: gefallen. Ist er hingefallen? Aber warum steht er dann nicht wieder auf?“</p><p>Auch von ihren toten Geschwistern sprach sie. So wie immer, wenn wir in der letzten Zeit telefoniert hatten. Daß so kurz nacheinander ihre älteste Schwester und ihre beiden Brüder gestorben waren, das ging ihr nicht aus dem Kopf.</p><p>Es gibt ein Foto, auf dem stehen alle sechs aufgereiht wie die Orgelpfeifen vor dem Haus, in dem sie damals wohnten. Die kleinste Orgelpfeife hat blonde Locken und ein zaghaftes Lächeln im runden Gesicht.</p><p>„Weißt du, wo wir aufgewachsen sind?“ Einen Augenblick war es so still, daß ich durch das geöffnete Fenster das Blätterrauschen der Kastanie hörte. „In Gera, an der Weißen Elster.“</p><p>Ich legte ihr die Hand auf den Arm. „Aber da waren wir doch zusammen“, sagte ich. „In der Schillerstraße. Erinnerst du dich?“</p><p>Die Straße gab es noch, aber wo das Haus gewesen war, stand nun ein anderes Gebäude. Ich sehe noch den Blick, mit dem A. es betrachtete. Wie sie die gepflasterte Straße ein Stück hinunterging und sich suchend umsah. Als könnte gleich ein vertrautes Gesicht auftauchen. Ihr Bruder Eberhard. Ihre Schwester Erika. Ihre Mutter.</p><p>„Ach ja“, sagte sie und sah mich fragend an.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/2a9495c3-1f5b-4795-a668-278e4c6536d6/uploads/images/rdupnefjl6/IMG_6993.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Später, nachdem sie geschlafen hatte, setzte ich mich wieder zu ihr. Sie fragte nach meiner Frau und meiner kleinen Tochter, und ich erzählte und zeigte ihr Fotos. Auf einem leuchtete das Rot der Johannisbeeren. Es war der Strauch im Garten meiner Schwiegereltern im Mühlviertel, woher ich gerade kam.</p><p>Ich erzählte ihr, daß sie in Österreich nicht Johannisbeeren heißen, sondern Ribiseln, und daß ich jeden Morgen, wenn ich vom Schwimmen kam, eine Handvoll pflückte, um sie zum Frühstück zu essen.</p><p>„Johannisbeeren“, sagte sie. „Die hatte unsere Mutter auch. Weißt du, sie hatte so einen kleinen Garten. Da gab es rote und schwarze und weiße.“</p><p>„Weiße?“ fragte ich.</p><p>„Oder gelbe. Das kann man auch sagen.“</p><p>Noch nie hatte ich von weißen Johannisbeeren gehört. Ich war mir sicher, daß es nur rote und schwarze gab. Aber ich ließ mir nichts anmerken. Ich dachte, daß sich ihre Gedanken jetzt wieder im Nebel verloren, so wie vorhin, als sie erzählt hatte, daß in der Nacht zwei Riesen sie aus dem Bett gehoben und in der Luft hin- und hergeschwenkt hätten.</p><p>Immer öfter hörte ich das Rauschen der Kastanie. Die Gesprächspausen wurden länger, von Zeit zu Zeit schloß A. die Augen. Wenn sie sie wieder öffnete, blickte sie mich erstaunt an.</p><p>Auf einmal begann sie zu sprechen: „Rosen, Tulpen, Nelken ... alle Blumen welken ... aber nur die eine nicht ... und die heißt Vergißmeinnicht.“</p><p>Ich fragte: „Was ist das?“</p><p>Blicklos starrte sie vor sich hin. Es sah nicht so aus, als ob sie mich gehört hätte. Aber dann bewegte sie wieder die Lippen. „Das war so ein Spruch“, sagte sie. „Den hat man ins Poesiealbum geschrieben.“</p><p>Wieder fielen ihr die Augen zu. Ich betrachtete ihr blasses Gesicht: die Falten auf Hals und Stirn, das dünne weiße Haar. Irgendwann drehte sie den Kopf zu mir und sah mich an. „Danke, daß du gekommen bist.“</p><p>Eine Weile saß ich noch bei ihr. Dann stand ich langsam auf und stellte den Stuhl, den ich neben das Bett gerückt hatte, wieder an seinen Platz. Mit den Augen folgte sie jeder meiner Bewegungen.</p><p>Als ich ihre Hand nahm und mich noch einmal zu ihr hinunterbeugte, wußte ich, daß ich sie zum letzten Mal sah.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/2a9495c3-1f5b-4795-a668-278e4c6536d6/uploads/images/zshmwl7mvu/IMG_3208.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Die Johannisbeeren im Garten meiner Schwiegereltern waren schon alle geerntet. Nur hier und da versteckte sich noch eine einzelne Beere hinter einem Blatt. Aber die Nachbarin ließ mir ausrichten, ich dürfe bei ihr so viele pflücken, wie ich wolle. Ich könne ruhig alle haben; ihr seien sie zu sauer.</p><p>Am nächsten Morgen nach dem Schwimmen ging ich zu ihr hinüber. Schon von weitem sah ich sie in der Sonne leuchten: Johannisbeeren, reif und saftig, glänzend wie kleine Murmeln.</p><p>Im Nu hatte ich eine Handvoll beisammen. Aber diesmal konnte ich gar nicht aufhören. Ich pflückte eine Beere nach der anderen und aß mich satt.</p><p>Da sah ich den Strauch. Er stand etwas abseits, deshalb hatte ich ihn nicht gleich bemerkt. Im ersten Moment glaubte ich an eine Verwechslung. Aber als ich nähertrat, begriff ich. Keine Frage, das waren Johannisbeeren. Nicht rote oder schwarze, wie ich sie kannte, sondern – weiße. Sie waren fast durchsichtig, so daß man die Kerne darin sah.</p><p>Ich kostete eine Beere. Sie schmeckte süßer als die roten. Ich aß noch eine und wieder eine. Und während ich begann, auch von diesem Strauch eine Handvoll zu pflücken, dachte ich an meine sterbende Tante.</p><p>Ich dachte, daß sie recht gehabt und ich mich geirrt hatte und jetzt immer an sie denken würde, wo immer ich weiße Johannisbeeren sah.</p><p> </p><p>An dem Tag, an dem A. starb, stand ich am Fenster und blickte in das Grau des Himmels, der aussah wie eine Felslandschaft. Als könnte ich zwischen den Wolken ihr Gesicht erkennen.</p><p>Später ging ich in den Garten der Nachbarin und pflückte ein paar Johannisbeeren. Meine kleine Tochter sah mich und kam zu mir. Ich fragte sie, ob sie kosten wolle, und hielt ihr eine Beere hin. Sie schüttelte den Kopf. „Die sind mir zu sauer.“</p><p>Ich sagte: „Aber sauer macht lustig.“</p><p>Unschlüssig blickte sie mich an. Sie schien zu überlegen. Vielleicht kam ich ihr sehr ernst vor, wie ich so stand, in Gedanken noch immer in dem weißen Zimmer am Ende des Flurs.</p><p>Plötzlich trat sie auf mich zu. Sie nahm mir die Beere aus der Hand und steckte sie mir in den Mund.</p><p>„Und jetzt mußt du lachen!“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/2a9495c3-1f5b-4795-a668-278e4c6536d6/uploads/images/f4o7hfx247/IMG_2705.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p>Schon 1512 Leserinnen und Leser haben „Wolken und Kastanien“ abonniert. Wollen auch Sie meine Geschichten erhalten? Dann tragen Sie sich gern hier ein:</p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">Kostenlos abonnieren</a></p><p><strong>Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie meine freiberufliche Arbeit an „Wolken und Kastanien“ mit einer Mitgliedschaft unterstützen! 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      <pubDate>Sun, 24 Nov 2024 06:53:58 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Der doppelte Gustav]]></title>
      <description><![CDATA[Über den Attersee und seine Säulenheiligen, das von Gustav Mahler wegkomponierte Höllengebirge und was mein Ururgroßvater mit Gustav Klimt zu bereden hatte]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über den Attersee und seine Säulenheiligen, das von Gustav Mahler wegkomponierte Höllengebirge und was mein Ururgroßvater mit Gustav Klimt zu bereden hatte</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/61a3f321-5056-4429-b493-7862603402c4/uploads/images/ouhj6siosb/IMG_3722.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Zu den größten Wundern Österreichs zählen der Apfelstrudel, der Marillenstrudel und der Topfenstrudel. Aber das allergrößte Wunder ist der Attersee mit seinem augenbetörenden, in der Sonne glänzenden Türkis. Jetzt, wo der Sommer dahin ist und auch dem Herbst allmählich die Farben ausgehen, kommt es dir immer wieder in den Sinn. Du brauchst nur auf deine Füße zu schauen, die deine kleine Tochter dir angemalt hat. Noch ist der Lack nicht ab, noch kannst du es sehen: das leuchtende Blaugrün.</p><p>Manchmal nachts, kurz vor dem Erwachen, stellst du dir vor, wie du in der Stille des Morgens aus dem Zimmer schleichst. Sogar mit geschlossenen Augen würdest du den Weg finden. Die wackeligen Holzstufen hinab (Vorsicht bei der vorletzten!), über die taufeuchte Wiese mit den haselnußbraunen Schnecken, am Gasthof vorbei und die kleine Straße hinunter, neben der ein Bach gluckert und schäumt.</p><p>Und dann liegt er vor dir: windstill oder noch gewellt von einem nächtlichen Unwetter; auf und nieder bewegt sich der See, als würde er atmen – und vielleicht tut er es wirklich. Ja, tatsächlich, du glaubst es zu spüren, während du eintauchst mit den Füßen, den Beinen, während du die Arme ausstreckst, schwimmst.</p><p>Es ist, als hätte er nur auf dich gewartet. Ganz still ist es, niemand sonst ist da. Nur hin und wieder hörst du ein Plätschern, wenn ein Fisch aus dem Wasser springt. Am Ufer krähen die Hähne.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/61a3f321-5056-4429-b493-7862603402c4/uploads/images/gqqbg4xbfs/P1190849.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Das erste Mal, daß du im Attersee geschwommen bist ... Du erinnerst dich daran, als wäre es gestern gewesen. Dabei ist er dreizehn Jahre her: dieser Sommertag, an dessen Ende ein sintflutartiger Regen über euch hereinbrach. Ihr wart schon auf dem Heimweg, und vielleicht war das der Grund, daß der Himmel die dicksten Wolken über euch auswrang – als wollte er dir aufs Auge drücken, was du tief in deinem Inneren fühltest. Wahrscheinlich konnte er so wenig fassen wie ihr selbst, daß ihr schon wieder fort mußtet.</p><p>Und war es nicht wirklich widersinnig, gegen alle Vernunft? <a href="https://steadyhq.com/de/renatus-deckert/posts/51d8ba0c-9dee-467b-925f-5632c6c1dec6">Gerade erst hattest du herausgefunden</a>, daß dein Ururgroßvater am Attersee eine Sommervilla besaß – und es sie hundert Jahre später noch immer gab. Freilich, sie gehörte jetzt fremden Leuten und sah anders aus als damals; aber was tat das zur Sache? Es war das Haus deiner Vorfahren, das da in Seewalchen an der Promenade stand: mit dem schönsten Blick auf dieses Türkis, dem du vom ersten Moment an verfallen warst.</p><p>Was für eine Entdeckung, daß lange vor dir schon ein Deckert sein Herz daran gehängt hatte! Die Liebe zum Attersee, dieser <em>coup de foudre,</em> steckte dir also in den Genen. Das einzige Erbe, das auf dich gekommen war – außer ein paar Postkarten, Fotos und einem Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof. Die Millionen des Wiener Großindustriellen und Firmenchefs Wilhelm Deckert? Pustekuchen!</p><p>Hand aufs Herz: Eigentlich hättest du dableiben müssen. Klingeln, einziehen, fertig. Morgens: Schwimmen im See. Abends: Schwimmen im See. Und dazwischen Apfelstrudel.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/61a3f321-5056-4429-b493-7862603402c4/uploads/images/aklh5splft/IMG_8760.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>An diesem Tag konntest du immerhin einen Blick auf das Haus werfen. Er geriet dir – nein, nicht besitzergreifend! Eher sehnsüchtig, wie deine Frau sich erinnert. Du selber weißt noch, daß du gar nicht aufhören konntest zu schauen, während du durch Seewalchen gingst und dich alle paar Schritte fragtest, wie es hier wohl ausgesehen hatte: damals in der Sommerfrische der Deckerts.</p><p>Nur nach den Kastanienbäumen, die der bärtige Wilhelm auf der Promenade pflanzen ließ, hieltest du vergeblich Ausschau. Den letzten hatte man vor dreißig Jahren beim Bau des neuen Strandbades gefällt.</p><p>Ja, das eine oder andere wußtest du schon, als du dich auf den Weg machtest. Du wolltest ja nicht unvorbereitet sein bei diesem Rendezvous mit deiner Familiengeschichte. Vieles andere aber war dir noch unbekannt. Die Legenden, die am See im Umlauf sind – noch hatte sie dir keiner erzählt. Selbst von den beiden Säulenheiligen des Attersees nahmst du erst später Notiz.</p><p>Von Gustav Klimt, der von 1900 bis 1916 fast jeden Sommer hier verbrachte und über fünfzig Landschaftsgemälde schuf. Auf einem fing er die Farben des Sees so treffend ein, daß ein begeisterter Kritiker von einem „Rahmen voll Seewasser“ sprach.</p><p>Und von Gustav Mahler, der ein paar Jahre früher in seinem Komponierhäuschen in Steinbach nicht nur Teile der Zweiten und seine Dritte Sinfonie, sondern gleich das ganze Höllengebirge wegkomponierte! Das jedenfalls erklärte er dem Dirigenten Bruno Walter, der bei seiner Ankunft die Felsmassen ringsum bestaunte: „Sie brauchen gar nicht mehr hinzusehen – das habe ich alles schon wegkomponiert!“</p><p>Aber da hat er geflunkert. Über ein Jahrhundert später ist alles noch da: der See und das Höllengebirge, ja sogar das Gasthaus, in dem er damals logierte. Und auch den beiden Gustavs begegnet man auf Schritt und Tritt. Überall stößt man auf Gedenktafeln, Hinweisschilder und Aufsteller mit quadratischen Fenstern, durch die man auf das Blaugrün („Rahmen voll Seewasser“) blickt wie einst Klimt.</p><p>Nähert man sich der Anlegestelle von Unterach, stampft prompt ein Schiff heran, dessen dem Ufer zugewandte Seite ein Porträt von Mahler ziert. An Bord ist es, als würde man durch Klimts Farbkasten waten – die Teppiche in den Salons wurden mit Hilfe einer Künstlichen Intelligenz „im Gustav Klimt Style“ gestaltet. Nein, es gibt kein Entkommen!</p><p>Wüßte man es nicht besser, man könnte denken, nicht der Attersee, sondern Mahler und Klimt seien zuerst dagewesen – und dann erst wurde ihnen zu Ehren das Wasser eingelassen. Vielleicht sollte man ihn einfach in Gustavsee umbenennen, und die Leute könnten sich aussuchen, ob sie dabei an den Maler denken oder an Mahler.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/61a3f321-5056-4429-b493-7862603402c4/uploads/images/bc2tc6d2qc/IMG_8930.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Die Zeiten waren andere, als die beiden Gustavs am Attersee zu Werke gingen. Was heute der Tourismus ist, war damals die Sommerfrische. Um der Wiener Hitze zu entgehen, war das Salzkammergut ein beliebtes Ziel. Am Wolfgangsee und am Traunsee tummelte sich der Adel – nicht weit entfernt von Bad Ischl, wo das Kaiserhaus residierte. Dagegen waren am Attersee die liberalen Bürgerlichen zugange.</p><p>Mahler und Klimt hielten nicht Hof. Sie waren froh, den Zumutungen des Alltags entronnen zu sein. Sommerfrische, das hieß: Ruhe und Abgeschiedenheit, ein anderes Licht, einen freien Kopf – frei für neue Gedanken, Pläne, für Musik und Malerei.</p><p>Und dann war ja noch der Attersee selber. Mahler schwamm furchtlos ans gegenüberliegende Ufer. Klimt ruderte und setzte mit Kennermiene Segel; und als das Motorboot aufkam, war er einer der ersten, die über das glänzende Türkis knatterten. Bei einer Regatta fungierte er sogar als Schiedsrichter!</p><p>Mahler bevorzugte das Fahrrad oder ging zu Fuß. Und hatte er eine besonders harte kompositorische Nuß geknackt, stiefelte er zur Erholung in die Berge: im Rucksack gebratenes Hühnerfleisch und eine Thermosflasche mit schwarzem Kaffee.</p><p>Vier Sommer verbrachte Gustav Mahler ab 1893 in Steinbach. Das Domizil: ein Landgasthof am Fuße des Höllengebirges, vom Seeufer getrennt nur durch eine Wiese voller Feldblumen und Bienengesumm. Es war diese Wiese, die ihm schon bald nicht mehr aus dem Kopf ging. Wäre es nicht denkbar ...? Könnte man nicht ...?</p><p>Was ihm vorschwebte, war ein Häuschen auf eben jener Wiese: mit Tisch und Stuhl und einem Flügel. Das Wichtigste aber war kein Instrument und kein Möbelstück, sondern – die Stille. Denn damit war es im Gasthof nicht weit her. Unmöglich, die lärmenden Ausflügler oder gar die eigene Familie zum Schweigen zu verpflichten!</p><p>Rasch nahm der Gedanke Gestalt an, schon im Herbst lag ein Bauplan auf dem Tisch. Ein örtlicher Maurermeister machte sich ans Werk, und bereits in seinem zweiten Steinbacher Sommer arbeitete Mahler alle Tage in seinem Komponierhäuschen. Jeden Morgen ab halb sieben war er dort anzutreffen.</p><p>Halt! Treffen durfte man ihn dort nicht, natürlich nicht! Unter keinen Umständen sollte der Meister gestört werden: „bei Todesstrafe“, wie Mahlers Seelenfreundin Natalie Bauer-Lechner in ihrem Tagebuch notiert.</p><p>Um das zu verhindern, wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt. Lärmende Dorfkinder bestach man mit Süßigkeiten und Spielzeug. Knechte kassierten einen Gulden, damit sie ihre Sensen nicht in Hörweite dengelten (was sie nun freilich erst recht taten). Und kam ein wandernder Musikant des Wegs, stürzte man mit einem „Abfindungszehnerl“ auf ihn los, so daß er „mitten im Ton“ verstummte.</p><p>Schlechter erging es nur den Tieren: „Hunde, Katzen, Hühner und Gänse konnten ihres Lebens in unserer Nähe nicht froh werden; sie wurden vertrieben und eingesperrt oder, wollten sie gar keine Ruhe geben, gekauft und verzehrt, um ihre Stimmen aus der Welt zu schaffen.“</p><p>Diese Methoden erwiesen sich als denkbar ungeeignet, wenn sich Mahler durch „pfeifende Schnitter“ oder „sing- und streitlustige Bauern“ gestört fühlte. Dann, erinnert sich Natalie Bauer-Lechner, „war es meiner ganzen Schlauheit und Überredungskunst anheimgegeben, den Ruhestörern begreiflich zu machen, was wir von ihnen wollten, und sie durch Bier, Trinkgeld oder weiß Gott was sonst zum Schweigen zu bringen. Wollte es gar nicht gelingen, so sagte ich ihnen, der Herr sei nicht ganz richtig im Kopf.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/61a3f321-5056-4429-b493-7862603402c4/uploads/images/vivuvfib4x/IMG_3728.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Daß der Herr nicht ganz richtig im Kopf sei: das mag manch braver Bürger auch von Gustav Klimt gedacht haben, wenn er ihm am See begegnete. Mit seinem Vollbart und dem von Emilie Flöge geschneiderten wallenden Reformkleid hätte man ihn glatt für einen Jünger Jesu halten können – wären da nicht Leinwand und Staffelei gewesen, die er mit sich herumtrug.</p><p>Klimt wird es recht gewesen sein. Er haßte es, von fremden Leuten angesprochen zu werden. Für die Sommerfrischler, die ihn erkannten, hatte er nur mürrisches Schweigen übrig. Selbst das Angebot, ihm beim Transport seiner Malsachen zu helfen, lehnte er ab. Wenn es nicht regnete, ließ er sie lieber im Wald zurück: unter einem Haufen Laub vor neugierigen Blicken verborgen.</p><p>Wie Mahler war er schon frühmorgens auf den Beinen. Um sechs, schreibt er in einem Brief, stehe er auf, um vor dem Frühstück einen kleinen Buchenwald zu malen. Auch er brauchte die Stille, um arbeiten zu können.</p><p>Das war auch der Grund, weshalb er nur in seinem ersten Sommer am Attersee in jener Villa logierte, die heute vor allem mit ihm verbunden ist. Es war einfach zu viel los im Hause des k. u. k. Hoftischlermeisters Friedrich Paulick in Seewalchen!</p><p>Schon damals war die Villa Paulick die berühmteste Villa am See. Spektakulär war nicht nur ihre Lage am Wasser, sondern auch ihre Dachlandschaft und die vergoldete Neorenaissance-Kassettendecke im Salon, die aus dem Pavillon des Kaisers auf der Wiener Weltausstellung von 1873 stammte. Kein Wunder, daß sich über die Jahre reichlich Publikum einfand – und Klimt sich ein ruhigeres Quartier suchte.</p><p>Dank familiärer Verbandelungen blieb er auch danach ein gern gesehener Gast. Es gibt etliche Fotos, auf denen er zu sehen ist: im Garten, auf der Terrasse, vor dem Bootshaus, und oft in Gesellschaft von Emilie Flöge. Einmal sitzt er in einer Pferdekutsche, im Hintergrund erkennt man die Kirche.</p><p>Vom Sommerhaus, das dein Ururgroßvater erbauen ließ, bis zur Villa Paulick sind es zweihundert Meter; zur Kirche geht es ein kleines Stück bergauf. Seit du weißt, daß Klimt und er zur selben Zeit am selben Ort waren, stellst du dir vor, wie sich Gustav (der Maler ohne h) und Wilhelm begegnet sein könnten.</p><p>Könnten? Ach was – begegnet sind! Seewalchen ist nicht Wien; die Anzahl der Passanten auf der Promenade dürfte damals so überschaubar gewesen sein wie heute die der Schwäne vor dem Café Eiszeit. Es würde schon an ein Wunder grenzen, wären sie sich nie über den Weg gelaufen. Nur: wie solltest du das herausfinden – ob und wie, wann und wo?</p><p>Schon länger ging dir ein Gedanke durch den Kopf ... vielleicht war es bloß eine fixe Idee. Aber womöglich hattest du ja Glück! Zumindest wolltest du nichts unversucht lassen. Und solltest du auch nur das kleinste Zipfelchen einer Möglichkeit erspähen – mit wilder Entschlossenheit würdest du daran ziehen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/61a3f321-5056-4429-b493-7862603402c4/uploads/images/fcyzkn3jjt/P1250859.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Als du in diesem Sommer an den Attersee fuhrst, hattest du eine Einladung in der Tasche, die sich so gewichtig anfühlte, als würdest du einen jener klobigen Telephonapparate mit dir führen, welche die Firma Deckert &amp; Homolka damals herstellte.</p><p>Nachdem du letztes Jahr schon das Haus deines Ururgroßvaters hattest besichtigen dürfen, öffnete sich dir nun sogar das schmiedeeiserne Tor der Villa Paulick. Die Hausherrin bedauerte es, abwesend zu sein; aber sie hatte einen freundlichen Gruß hinterlassen – und die Erlaubnis, in den Gästebüchern zu stöbern.</p><p>Auf dich allein gestellt warst du trotzdem nicht. Dir zur Seite stand <a href="https://atterwiki.at/index.php/Franz_Hauser">Franz Hauser</a>, der am See jeden Namen kennt, jeden Stein und jeden Bootssteg und alles weiß über die Villen an der Seewalchener Promenade und deren einstige Besitzer. Sogar Wilhelms Kastanienbäume, stell dir vor, hat er noch mit eigenen Augen gesehen!</p><p>Jetzt waren es vier Augen (und zwei Brillen), die nach der Nadel im Heuhaufen suchten. Ein zufällig vorbeiflatternder Zitronenfalter sah euch auf der Terrasse: stirnrunzelnd über die ledergebundenen Bücher gebeugt, die einst Friedrich Paulick gehörten. Das Heu waren die kunstvollen Krakel, mit denen sich seine Gäste verewigt hatten; die Nadel war der Wilhelm deines Ururgroßvaters, den es zu finden galt.</p><p>Eine fixe Idee? Ach was! Lag es nicht auf der Hand, daß der k. k. Schätzmeister und Sachverständige für Elektrotechnik dem nur vier Häuser weiter residierenden k. u. k. Hoftischlermeister zumindest einmal seine Aufwartung gemacht hatte? Und wenn nicht er selbst, dann doch wohl sein blitzgescheiter und in gesellschaftlichen Dingen umtriebiger Chefingenieurs-Sohn Friedrich, in dessen Aufzeichnungen sich gleich zweimal (1898 und 1903) die Notiz findet: „dem Kaiser Franz Josef I. vorgestellt worden“.</p><p>Wieviel Wert Friedrich auf dergleichen Dinge legte, zeigt auch noch ein Vermerk vom 9. Januar 1900. Da besuchte er „in Paradeuniform“ den kaiserlichen Hofball. Man glaubt, seine stolz geschwellte Brust zu sehen, als er notiert: „Dort alle Mitglieder des höchsten Hofes und den Kaiser Franz Josef I. ganz nahe gesehen.“ Und das beste: „Hofkoch Hampel gab mir den ganzen Czako voll Hofzuckerln.“ Kaum zu glauben, daß sich dieser Mensch eine Audienz in der Villa Paulick hätte entgehen lassen!</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/61a3f321-5056-4429-b493-7862603402c4/uploads/images/gxcewn66o5/IMG_8591.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Und doch ... Wie hartnäckig ihr euch auch in die Bücher vertieftet und welche Mühe ihr euch gabt, noch die hieroglyphischsten Hinterlassenschaften zu entziffern: die Nadel im Heuhaufen – sie war nicht da.</p><p>Ein ums andere Mal zeigte Franz Hauser auf einen Krakel und erklärte dir, welch bedeutende Persönlichkeit sich dahinter verbarg: hier ein Villenbesitzer, da ein Großindustrieller, dort ein Künstler. Mochten sie auch schon lange tot sein oder sich höchstens (rein rechnerisch) noch über die Wiege des neugeborenen Franz gebeugt haben: Er kannte sie alle!</p><p>Nur der entscheidende Krakel, das letzte Puzzleteil, der <em>missing link</em> fehlte. Kein Deckert, nirgends.</p><p>Franz Hauser sah dir deine Enttäuschung an. Wohl um dich zu trösten, gab er zu bedenken, daß ja auch ein paar andere Namen aus der Nachbarschaft fehlten. In diesem Moment kam dir ein Gedanke. Was heißt: <em>ein</em> Gedanke? Es war <em>der</em> Gedanke, der alles vom Kopf auf die Füße stellte und dir deinen Irrtum vor Augen führte.</p><p>Fehlten die Unterschriften von Paulicks Nachbarn, hieß das ja nicht zwangsläufig, daß sie nicht seine Gäste gewesen waren. Vielleicht fanden sie es nur überflüssig, ihre Namen unter die der weitgereisten Besucher zu setzen. Selbst Gustav Klimt trug sich im Gästebuch nur ein einziges Mal ein.</p><p>Womöglich bewies die fehlende Nadel also das genaue Gegenteil! Daß nämlich Wilhelm Deckert nicht bloß ein seltener Gast, sondern ein regelmäßiger Besucher war: ein vertrautes Gesicht, ein Hausfreund, dem man, ohne zu fragen, eine Tasse Kaffee hinstellte – aber doch kein Gästebuch unter die Nase hielt.</p><p>Ja, genau so mußte es gewesen sein! Franz Hauser warf dir einen besorgten Blick zu, als du vor lauter Überschwang anfingst, über die Terrasse zu tänzeln, auf der einst dein Ururgroßvater gestanden, eine von Paulicks Zigarren geschmaucht und auf den in der Sonne glitzernden See geblickt hatte.</p><p>Ach, Wilhelm!</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/61a3f321-5056-4429-b493-7862603402c4/uploads/images/nx37hroyzg/IMG_8536.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Viel weißt du nicht über diesen Vorfahren, der aus der schlesischen Stadt Glatz und kleinen Verhältnissen stammte, 1870 nach Wien ging und es mit glühendem Ehrgeiz und nimmermüdem Erfindergeist zum Firmenchef und Millionär brachte. Um die Jahrhundertwende war er Herr über eine „Telegraphen-, Telephon- und Blitzableiter-Bau-Anstalt“ mit 1000 Angestellten, mit einem Verkaufsgeschäft in der Kärntner Straße, Filialen in Budapest, Prag, Brünn, Paris und einer Vertretung in London.</p><p>Das einzige Foto, das du von ihm kennst, zeigt einen Mann mit schwarzem Vollbart, schwarzem Mantel und schwarzem Zylinder. Eine stattliche Erscheinung von der Sorte unnahbar. Er soll ein harter Hund gewesen sein, nicht besonders beliebt bei seinen Arbeitern, die ihm am 1. Mai schon mal die Scheiben einschmissen.</p><p>Ob er besonders kunstsinnig war? Keine Ahnung. Aber eine feine Nase in geschäftlichen Dingen hatte er ganz sicher. Und – einen Sinn für das Schöne. Dafür gibt es zwei Indizien. Erstens: die Alimente, die er einer, wie es in der zähneknirschenden Familienüberlieferung heißt, „bildhübschen Tänzerin“ für ihr gemeinsames Kind zahlte. Und zweitens: die Villa am Attersee.</p><p>Als Sommerfrischler in Seewalchen muß er Klimt schon gekannt haben, lange bevor „Der Kuß“ in Wien für Aufsehen sorgte. Die 25 000 Kronen, für die das Bild verkauft worden war, hätten Wilhelm wohl nur ein Schulterzucken entlockt. Aber: wie der Maler das Schöne mit dem Geschäftlichen verband, das dürfte ihm imponiert haben. Lag es da nicht nahe, daß die beiden Hausgäste von Friedrich Paulick ins Gespräch kamen?</p><p>Genau hier, denkst du, während du noch über die Terrasse tänzelst, könnten sie gestanden haben, an einem Sommertag wie heute. Und plötzlich siehst du sie vor dir – wie von Geisterhand diesem Nachmittag hinzugefügt. Da deinen Ururgroßvater: ohne Mantel und Zylinder. Und dort den Maler: etwas weniger vollbärtig, im wallenden Reformkleid.</p><p>Mit ungelenken Schritten tritt Wilhelm auf ihn zu. Er deutet eine Verbeugung an. „Gestatten ... Wilhelm Deckert ... Industrieller aus Wien ...“</p><p>Anders als erwartet, ist seine Stimme leise, fast sanft. Kein Knurren, kein Bellen, wie man es von einem harten Hund erwartet. Mit den Arbeitern, die ihm die Fenster eingeworfen haben, wird er anders geredet haben.</p><p>Klimt sagt nichts, aber sein Blick hat etwas Bohrendes, als wolle er ihn ergründen. Wortlos betrachtet er die Photographie, die Wilhelm ihm reicht. Du reckst den Hals und erkennst eine Frau in einem dunklen Kleid. Wo hast du sie schon einmal gesehen? Aber da fällt auch schon ihr Name. Tatsächlich! Es ist Rosa. Deine Ururgroßmutter.</p><p>„Ein Porträt“, hörst du Wilhelm sagen. „Rosa am Attersee ... umgeben von Rosen ... Aber natürlich ... Sie sind der Künstler ... selbstverständlich!“</p><p>Der andere hört schweigend zu, nickt – und schweigt noch immer. Es sieht so aus, als warte er noch auf etwas. Das scheint jetzt auch Wilhelm zu spüren. Noch einmal verbeugt er sich feierlich, dann liefert er das Fehlende nach: „Eins noch“, sagt er. „Geld spielt keine Rolle.“</p><p>Ein Lächeln huscht über die Züge des Malers. Er sagt etwas, das du nicht verstehst, und streckt Wilhelm eine harte, schwielige Hand entgegen. Der schüttelt sie geradezu überschwenglich. Man sieht ihm seine Erleichterung an.</p><p>„Wie wär’s?“ Er zeigt auf das weiße Tischtuch, auf dem Kaffeetassen stehen, Teller und das, was sie hier Mehlspeise nennen. Ein Wort, an das er sich nie gewöhnen wird.</p><p>„Topfen?“ fragt Gustav.</p><p>„Nein, besser!“ Wilhelm lacht. „Apfelstrudel.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/61a3f321-5056-4429-b493-7862603402c4/uploads/images/rywnfu2shj/IMG_8477.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><strong>Quellen:</strong></p><p>Natalie Bauer-Lechner: Erinnerungen an Gustav Mahler, Wien und Leipzig 1923</p><p>Erich Bernard, Judith Eiblmayr, Barbara Rosenegger-Bernard, Elisabeth Zimmermann: Der Attersee. Die Kultur der Sommerfrische, Wien 2008</p><p>Dietmar Grieser: Nachsommertraum im Salzkammergut. Eine literarische Spurensuche, Frankfurt am Main und Leipzig 1996</p><p></p><p><strong>Eine Geschichte wie diese schreibt sich nicht von allein. Um so dankbarer bin ich allen, die mit einer Mitgliedschaft meine freiberufliche Arbeit an „Wolken und Kastanien“ ermöglichen. Das geht schon zum Preis einer Tasse Kaffee im Monat. 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      <pubDate>Sun, 27 Oct 2024 06:42:16 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Wolken und Schafe]]></title>
      <description><![CDATA[Über fliegende Zuckerwatte und Wolkenleserei, den Himmel über Paris und Paul Austers Dienstmädchenkammer, ein fahles Pferd und Sterne wie blinkende Taler]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über fliegende Zuckerwatte und Wolkenleserei, den Himmel über Paris und Paul Austers Dienstmädchenkammer, ein fahles Pferd und Sterne wie blinkende Taler</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8e7b20b7-e755-4c48-8e1c-33cb8d88de14/uploads/images/jlnvyeje3e/IMG_0378_2.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Der Sommer ist die Saison der Wolken. Der Frühling natürlich auch und der Herbst sowieso: mit seinen Stürmen und Drachen und fliegenden Blättern. (Nur der Winter nicht; der ist eine einzige große Wolke, die irgendwer über die Erdkugel stülpt wie eine von zu vielen Alpträumen ergraute Schlafmütze.)</p><p>Aber der Sommer! Hat er nicht die schönsten Wolken bei der Hand? So groß und so weiß, so bauschig wie Zuckerwatte. Luftschiffe, die mit geblähten Segeln über das Himmelsblau schippern. Schäfchenwolken, wie keine Bilderbuchwolken-Malerin sie schöner malt.</p><p>„Das Wolkenschaf“ hieß ein Buch, das ich als Kind las und jetzt meiner Tochter vorlese. Ein kleines Mädchen hat auf der Wiese ein Wolkenschaf gefunden, das beim Spielen aus dem Himmel gefallen ist. „Ich bin hier ganz falsch“, sagt es traurig. Das Mädchen bittet den Schäfer, den Doktor und den Polizisten um Hilfe. Doch erst die Feuerwehr weiß Rat: Das Wolkenschaf in seinen Armen, steigt der Kommandant die Feuerwehrleiter hinauf und bringt es heim zu seinen Spielgefährten.</p><p>Ich stelle mir vor, wie das Mädchen immer wieder den Kopf hebt und am Himmel nach seinem Schaf sucht. Gar nicht so leicht, es zu erkennen unter all den anderen Wolkenschafen. Auch meine Tochter hat es schon versucht. Ob sie es gefunden hat? „Ja klar“, sagt sie. „Siehst du es nicht?“</p><p>So wie das Mädchen halte auch ich immer wieder Ausschau. Meistens gegen Abend, wenn die Wolkenherde heimkehrt; manchmal auch drei- oder viermal am Tag. So oft stehe ich auf dem Balkon, um den Turm von St. Johannis zu fotografieren: den alten Backsteinriesen mit dem kupfergrünen Helm, der aus den Lüneburger Dächern herauszuwachsen scheint.</p><p>Längst ist es zu einem Ritual geworden, ohne das mir etwas fehlen würde. Es gehört dazu wie der Kaffee am Morgen oder die zwei Gedichte, die ich jeden Tag lese.</p><p>Und jedesmal bleibt mein Blick an den Wolken hängen – die wiederum es noch immer vermeiden konnten, an der Turmspitze hängenzubleiben. Manchmal stelle ich mir vor, wie es doch geschieht: das aufgeschlitzte Federbett und wie die Gänsefedern über die Dächer stieben.</p><p>Ja, ich bin ein Wolkensüchtiger. Schon als Kind habe ich ihnen nachgeschaut – mit gerecktem Hals, den Mund offen vor Erstaunen. Was ich alles in ihnen sah! Luftschlösser, Flaschengeister, Seeungeheuer.</p><p>Man spricht von Kaffeesatzleserei. Noch schöner ist Wolkenleserei. Ich war ein Meister darin. Kein Wunder: so oft, wie ich in den Himmel blickte. Fast immer war er interessanter als die Menschen um mich herum. Ganz zu schweigen von der mit Kreide an die Tafel gekritzelten Gleichung mit diesem mir völlig gleichgültigen x.</p><p>Mit dem Kopf in den Wolken ... Wann immer ich diese Wendung höre, muß ich an den Jungen denken, der ich damals war – und heute manchmal noch bin. Vor allem im Sommer, wenn sie Saison haben: die Luftschiffe, die Wolkenschafe, die fliegende Zuckerwatte.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8e7b20b7-e755-4c48-8e1c-33cb8d88de14/uploads/images/tuzh2ldgzu/IMG_9254_2.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Der Sommer geht zu Ende, und du sortierst die Ernte der letzten Monate. Nein, keine Johannisbeeren (alle aufgegessen) und keine Äpfel (liegen in einer Kiste im Keller), keinen Rhabarber (zu Marmelade zerkocht) und keine Salatblätter (von den Schnecken vertilgt). Nein, diese Ernte kann man zwar genießen, aber nicht essen. Es sind die Bilder vom Turm.</p><p>Natürlich könnte ich ihn auch in der dunklen Jahreszeit fotografieren, und hin und wieder tu ich das. Aber die Winter im Norden sind trüb und verregnet, und man ist ja kein Caspar David Friedrich, der noch aus dem gräulichsten Grau eine Studie über menschliche Einsamkeit und die wohlverdiente Vergänglichkeit unserer Gattung macht.</p><p>Da halte ich mich lieber an die Etymologen, die das Wort Fotografie so schön übersetzen, wie ich es nicht könnte. Was nicht nur daran liegt, daß ich kein Altgriechisch kann. Schreiben mit Licht. Genau das! Ohne Licht wäre der Turm nur halb so aufregend. Abend für Abend führt es einem der Sonnenuntergang wieder vor Augen. Was für ein Anblick aber auch: der Backstein, der im Abendrot glüht. Und plötzlich, von einem Moment auf den anderen, ist es vorbei: als ob jemand an den Lichtschalter gekommen ist. Die Glut ist erloschen, in der Dämmerung weidet ein fahles Pferd.</p><p>Zum Glück habe ich in den Stunden davor etliche Male auf den Auslöser gedrückt – und mit dem Turm auch diesen Himmel fotografiert, der es in Sachen Wandlungsfähigkeit mit jedem Chamäleon aufnehmen kann. Mal ist er heiter, mal finster, mal strahlend, mal von Wolkenschafen übersät. Und all diese Blautöne, die sich in keinem Farbkasten finden!</p><p>Jedesmal bist du von neuem wie berauscht. Du spürst das Lächeln in deinem Rücken, das Augenverdrehen („Papa wieder!“), aber du beachtest es nicht. Eilig trittst du auf den Balkon hinaus, und dann hältst du ihn fest – diesen flüchtigen, einmaligen, unwiederholbaren Augenblick.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8e7b20b7-e755-4c48-8e1c-33cb8d88de14/uploads/images/3afylaffju/IMG_0053_1.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Zufall oder nicht? Meistens habe ich ganz oben gewohnt: im dritten, vierten oder fünften Stock. Den Wolken näher als der Erde – was natürlich nicht stimmt. Aber es fühlt sich so an, wenn man nachts unter der Dachschräge träumt, daß einem der Regen auf den Kopf trommelt.</p><p>Dem Himmel am nächsten war ich in Paris. Zwei, bald drei Jahrzehnte ist das her; wo ist nur die Zeit hin? Dabei höre ich es so deutlich, als wäre es gerade erst gewesen: wie das Telefon klingelt an einem Sonntag in Berlin. Ich lag noch im Bett und wollte zuerst nicht aufstehen.</p><p>Ein ferner Anrufer, dessen Namen ich kaum verstand, bot mir ein Mansardenzimmer im 15. Arrondissement an. Bis zu dieser Minute hatte ich noch keinen Gedanken daran verschwendet, wo in Paris ich wohnen würde, wenn im Herbst das Semester begann. Ja, denken Sie es ruhig! Es ist ja wahr: Ich hatte mehr Glück als Verstand. Vor allem aber hatte ich nun: ein Zimmer.</p><p>Es war ein <em>chambre de bonne,</em> wie man die kleinen Kammern unter dem Dach nennt, in denen früher die Dienstmädchen schliefen. Über mir waren nur die Wolken. Und so fühlte ich mich: im Himmel oder zumindest in dessen greifbarer Nähe. Eines Tages nahm ich ein Blatt Papier, malte vier blaue Buchstaben darauf und klebte es an meine Tür. <em>Ciel.</em></p><p>Ich war zum Studieren gekommen, aber was genau ich studierte, hätte ich nicht sagen können. Das Leben, die Liebe – oder einfach: Paris. Statt auf akademischen Pfaden trieb ich mich in der Stadt herum, in Cafés und Museen, Kellerkinos und Spelunken. Ein Taugenichts auf Sinnsuche, mit dem <em>Subjonctif</em> auf Kriegsfuß, meist kurz vor der Pleite und immer hungrig. Nach allem.</p><p>Einmal hörte ich Derrida in der Sorbonne. Aber eigentlich hörte ich nur eine Stimme komplizierte Wörter in ein launisches Mikrophon sprechen. Ich verstand nicht viel, genauer gesagt: nichts – was auch daran lag, daß ich es nicht in den Vorlesungssaal geschafft hatte, der so voll war, daß sich vor der weit geöffneten Tür, ja sogar noch im Treppenhaus die Zuhörer drängten.</p><p>Der Unbekannten, mit der ich die Treppenstufe teilte, ging es genauso. Erst wechselten wir nur Blicke, dann ein paar Worte; schließlich mußten wir lachen, was uns ein empörtes Zischen des Stirnrunzlers eine Stufe tiefer einbrachte. Da machten wir uns davon. Im Café bestellte sie eine heiße Schokolade, und als uns der Kellner den Rücken zukehrte, nahm sie aus ihrer Tasche ein weiß bestäubtes Mandelcroissant, brach es in zwei Hälften und gab mir die eine.</p><p>Sie wohnte im sechsten Stock eines dieser typischen Pariser Häuser aus dem vorvergangenen Jahrhundert. Der Fahrstuhl: halb Eisenkäfig, halb Taucherglocke. Das Zimmer klein wie eine Kajüte; von der Wand blätterte die Farbe, und es war kalt. Doch an diesem Abend hätte ich es um nichts in der Welt eintauschen wollen – nicht mal für einen Platz bei Derrida in der ersten Reihe.</p><p>Ich weiß noch, daß man von ihrem Fenster aus den Eiffelturm sah. Man mußte sich nur weit genug hinauslehnen. Nur ein bißchen: ohne sich den Hals zu brechen! Besonders schön war das in der Nacht, weil da der Turm illuminiert war und es in der Finsternis funkelte wie im Märchen, wenn die Sterne als blinkende Taler vom Himmel fallen.</p><p>Das war überhaupt das beste an diesen Zimmern im obersten Stock: der Blick über die Pariser Dächer. Sie mochten eng, spartanisch, ja schäbig sein (nur billig waren sie nie): Man fühlte sich trotzdem wie ein König. Auf die betuchteren Leute in ihren großen, hell erleuchteten, doch aussichtslosen Wohnungen blickte man buchstäblich herunter.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8e7b20b7-e755-4c48-8e1c-33cb8d88de14/uploads/images/ezlhdyypsg/P1110763.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Ich hatte Glück. Mein Zimmer war winzig, aber weder spartanisch noch schäbig; und bezahlbar war es auch. Daß die Wände so dünn waren wie Knäckebrot, kam meinem Französisch zugute. Ich hörte die Nachbarn, und die Nachbarn hörten mich. Oder uns, wenn ich nicht allein war; und manchmal klopfte es nachts gegen die Wand.</p><p>Jean und Janie, meine Vermieter, wohnten ein Stockwerk tiefer und waren zu mir wie zu einem Sohn. Jean, der ferne Anrufer, sprach mir so lange „Champs-Elyssées“ vor, bis ich es so elegant zischelte wie ein Franzose. Er zeigte mir die „Olympia“ von Manet und half mir, eine Erzählung von Michel Tournier zu übersetzen. Und damit ich mir beim Studieren nicht die Bandscheiben ruinierte, stand er eines Tages mit einem nigelnagelneuen Schreibtischstuhl vor meiner Tür.</p><p>„Maintenant, c’est une chambre luxurieuse!“ improvisierte ich, noch wenig vokabelfest – und erntete diskrete Heiterkeit sowie einen erhobenen Zeigefinger. Verwirrt blickte ich ihn an. War die Ausstattung meines Zimmers etwa nicht luxuriös? „Luxueuse!“ berichtigte er mich. Und fuhr auf deutsch fort: „Luxurieuse heißt: unzüchtig.“</p><p>Hätte ich Jean darum gebeten, er hätte mir auch noch einen funkelnden Eiffelturm vors Fenster gestellt. Aber den brauchte es gar nicht – der Blick über die Dächer und das Gestrüpp der Schornsteine und Antennen war pariserisch genug.</p><p>Außerdem widerlegte er Guy de Maupassant. Als der Eiffelturm errichtet wurde, hatte der lautstark protestiert, „im Namen des mißachteten französischen Geschmacks“. Lächerlich fand er ihn, monströs und nutzlos: einen Alptraum, der die Schönheit von Paris demütige. Was ihn später nicht daran hinderte, des öfteren im Turmrestaurant zu speisen. Wenn man ihn auf seine früheren Schmähungen ansprach, erklärte er: „Es ist die einzige Stelle in Paris, von wo aus ich ihn nicht sehe!“</p><p>Ich selbst hätte mir dort nicht mal eine Vorspeise leisten können. Aber das machte nichts. Ich hatte ja Kochplatten und Töpfe, mit denen sich einiges anstellen ließ. Und was den französischen Geschmack betraf: da nahmen sich Jean und Janie meiner an. Als sie hörten, daß ich noch nie Meeresfrüchte gegessen hatte, erging umgehend eine Einladung an mich. Auf meine Frage, ob ich etwas mitbringen könne, sagte Janie nur: „Einen leeren Bauch!“</p><p>Beim Betreten ihrer Wohnung staunte ich nicht schlecht. Wo sonst ein einfaches Abendbrot mit Baguette und Wein auf den Tisch kam, hatte sich der halbe Atlantik versammelt. Muscheln, Schnecken und anderes Schalengetier warfen mir spöttische Blicke zu. Na, Kleiner, hast du überhaupt eine Ahnung, wie man uns ißt?</p><p>Aber auch darum kümmerte sich Jean. Mit präzisen Instruktionen führte er mir vor, wie man den Spöttern zu Leibe rückte. (Es gab sogar ein spezielles Besteck, um die Schnecken aus ihren Häusern zu holen.) Ich sah genau hin und wiederholte jeden seiner Handgriffe; und von Muschel zu Muschel, von Schnecke zu Schnecke ging es besser.</p><p>Auch meine erste Auster aß – nein: schlürfte ich bei Jean und Janie. „Délicieux, n’est-ce pas?“ kam Jean mir zuvor, wohl um eine weitere Vokabelpanne zu vermeiden. Ich nickte sehr beschwingt. Und während sich in meinem Mund der Geschmack des Meeres mit einem köstlichen Prickeln mischte (hätte es vor dem Fenster einen Eiffelturm gegeben: der Champagner hätte ihn mindestens verdoppelt!) – gratulierte ich mir dazu, doch noch ans Telefon gegangen zu sein: an jenem fernen Sonntag in Berlin.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8e7b20b7-e755-4c48-8e1c-33cb8d88de14/uploads/images/sdgy2pj6tw/P1030315.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Auster, Auster ... was wollte ich bloß erzählen? Während ich mir noch den Kopf zerbreche, fällt mir ein, daß – ja: auch Paul Auster in einem <em>chambre de bonne</em> gewohnt hat, als er in jungen Jahren in Paris lebte. In seinem „Winterjournal“ hat er darüber geschrieben.</p><p>Ich muß nicht lang blättern, da stoße ich auf die fünfzig Seiten lange Aufzählung der „Orte, die du, im Guten wie im Schlechten, dein Zuhause genannt hast“. Natürlich ist es mehr als eine Aufzählung; es sind lauter kleine Geschichten, aufgefädelt wie Perlen an einer Schnur. Die Schnur steht für Austers Leben, jede Perle für ein Zuhause.</p><p>Was nicht heißt, daß all die Wohnungen und Häuser, in denen er im Laufe seines Lebens gewohnt hat, Perlen gewesen wären. Schon gar nicht jene Dachkammer unweit der Seine, in die er mit Mitte zwanzig zog.</p><p>„Das Zimmer“, erinnerte er sich, „war der kleinste Raum, den du je bewohnt hattest, so klein, daß nur das Allernotwendigste hineinpaßte: ein schmales Bett, ein winziger Tisch mit Stuhl, ein Waschbecken und noch ein Stuhl neben dem Bett, auf dem deine elektrische Kochplatte und dein einziger Topf standen, den du brauchtest, um Wasser für löslichen Kaffee und zum Eierkochen heiß zu machen. Toilette am Ende des Gangs; keine Dusche, kein Bad.“</p><p>Das Beste scheint auch in diesem Fall der Ausblick gewesen zu sein. Er ging auf einen Wasserspeier des Glockenturms von Saint-Germain l’Auxerrois. „Linker Hand sahst du Les Halles, und weit weg am Nordrand von Paris die weiße Kuppel von Montmartre.“</p><p>Auch Auster hatte also keinen Eiffelturm vorm Fenster. Aber Sacré-Coeur ist ja auch nicht zu verachten – mit der Zeit gewöhnt man sich an ihre Cremetortenhaftigkeit. Allerdings scheint sich Auster mehr um die Kirche in seiner Nachbarschaft gekümmert zu haben. Immerhin wußte er, daß ihre Glocken am 24. August 1572 ununterbrochen geläutet hatten, „um die Nachricht vom Massaker der Bartholomäusnacht zu verkünden“.</p><p>Ich stelle mir vor, wie er manchmal von seinem Schreibtisch aufsah und den jahrhundertealten Turm betrachtete, dessen Glockenton ihm nach ein paar Wochen so vertraut gewesen sein muß wie das Sirenengeheul in der Fifth Avenue.</p><p>Wie er zu schreiben versucht, während es ihn drängt, hinauszugehen in die Pariser Straßen, wo das Leben spielt: Paare, Passanten, Stimmen, Gelächter. Wie er den verwitterten Wasserspeier ansieht oder (wie Baumgartner, der Held seines letzten Romans) einfach „in den Himmel blickt und den langsamen Lauf einer Wolke verfolgt“.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8e7b20b7-e755-4c48-8e1c-33cb8d88de14/uploads/images/tp3d66tpxe/IMG_0376.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Kein Wunder, daß mir jetzt Paul Auster eingefallen ist. Seit Monaten geistert der Gedanke an ihn durch meinen Kopf. Die Nachricht von seinem Tod am 30. April kam nicht ganz unerwartet; aber traurig stimmte sie mich doch.</p><p>Letztes Jahr, <a href="https://steadyhq.com/de/renatus-deckert/posts/7c6a7a8d-f0b5-4372-9096-8ec779ceb285">als ich über den Turm schrieb,</a> den ich Tag für Tag fotografiere, kam ich auch auf „Smoke“ zu sprechen, diesen kleinen, feinen Brooklyn-Film, dessen Drehbuch von Auster stammt. Neben anderen Geschichten erzählt er die von Auggie, der jeden Tag zur selben Zeit die Kreuzung vor seinem Tabakladen fotografiert. Das erinnerte mich an mein eigenes Tun.</p><p>Wenn ich jetzt auf den Balkon trete und den Turm mit der kupfergrünen Spitze betrachte, ist da jedesmal der Gedanke an Paul Auster. Was, zugegeben, ein bißchen skurril ist: Schließlich hat Auster diesen Turm nie gesehen. Und wenn von New York etwas himmelweit entfernt ist, dann die norddeutsche Backsteingotik.</p><p>Immerhin für zwei Stunden kam neulich beides zusammen: Um meine Erinnerung aufzufrischen, sah ich mir „Smoke“ noch einmal an. Es war ein Regentag, und man verpaßte nichts, wenn man die Wolken über St. Johannis für eine Weile außer acht ließ. Ich brauchte auch gar nicht lang zu warten; schon nach ein paar Minuten konnte ich Auggie dabei zusehen, wie er auf dem Gehweg vor seinem Laden das Stativ mit der Kamera plaziert.</p><p>Und dann war da diese Szene, die ich schon vergessen hatte: Eines Abends zeigt er seinem Schriftstellerfreund Paul die Fotoalben mit den Aufnahmen der letzten Jahre. Der schaut und schaut: erst verblüfft, dann belustigt. Man sieht ihm an, daß er nicht recht weiß, was er davon halten soll. Immer schneller blättert er die Seiten um – zu schnell für Auggies Geschmack: „Du kommst nie dahinter, wenn du nicht langsamer machst, mein Freund.“</p><p>„Wie meinst du das?“ fragt Paul. „Ich meine“, sagt Auggie, „du bist zu schnell. Du siehst die Fotos nicht richtig an.“ Paul zögert, er sucht nach Worten. Schließlich läßt er alle Höflichkeit beiseite: „Ich finde, sie sind alle gleich.“ Auggie nickt. „Ja, sie sind alle gleich. Aber trotzdem unterscheiden sie sich.“</p><p>Es gebe, sagt er, die hellen Morgen und die dunklen Morgen, das Sommerlicht und das Herbstlicht, die Wochentage und die Wochenenden. „Du siehst Leute in Mänteln und Gummistiefeln und welche in Shorts und T-Shirts. Manchmal sind es die gleichen Leute, manchmal andere, und manchmal werden die neuen zu alten und die alten verschwinden. Die Erde dreht sich um die Sonne, und jeden Tag trifft das Licht der Sonne in einem anderen Winkel auf die Erde auf.“</p><p>Es ist eine wunderbare Lektion über das Sehen und über die kleinen Unterschiede, die einem erst auffallen, wenn man sich Zeit nimmt. Wenn man schaut und schaut – und mit einem Mal etwas sieht, was einem vorher völlig entgangen war.</p><p>Wenn eine Wolke nicht einfach eine Wolke ist, sondern: Zuckerwatte, ein Luftschiff mit geblähten Segeln, ein im Himmelsblau spielendes Schaf.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8e7b20b7-e755-4c48-8e1c-33cb8d88de14/uploads/images/2734gjmifc/IMG_8770_2.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Auch damals in meinem kleinen Zimmer in Paris sah ich den Wolken nach. So lange und so geduldig, bis ich mir ihre Gestalt eingeprägt hatte. Manchmal glaube ich, sie noch immer zu sehen. So wie den kleinen Tisch, an dem ich schrieb, das Messer, mit dem ich das Brot schnitt, die Tasse, aus der ich Kaffee trank. In meinem Kopf ist all das noch da.</p><p>Auch Janie ist noch da – obwohl sie verschwunden ist, wie Auggie gesagt hätte. Oder gestorben, wie Jean mir schrieb: vor zwei Jahren im Mai. Ich sehe sie vor mir: die vielen kleinen Fältchen in ihrem Gesicht, das weiße Haar; und ich höre ihr Lachen, als sie auf den Teller mit den leeren Muschelschalen deutet und sagt: „Ich hoffe, dein Bauch ist jetzt voll!“</p><p>Vor ein paar Jahren, als wir sie besuchten, zeigte sie meiner Frau den Schlüssel der Mansarde, die einst mein Zuhause gewesen war. Es war der Ersatzschlüssel, denn natürlich war das Zimmer wieder vermietet.</p><p>Aber noch immer war es mein Zimmer. Janie lachte, als wir entdeckten, was auf dem Schlüsselanhänger stand: „Chambre Renatus“.</p><p>Mein Zimmer, in dem ich dem Himmel so nah war. Erst vor kurzem habe ich wieder von ihm geträumt.</p><p>Es ist früh am Morgen, und ich komme nach Hause, mit der ersten Métro oder zu Fuß, ein bißchen zerzaust von der Nacht. Die Augen fallen mir zu, ich möchte nur noch schlafen. Aber vorher öffne ich das Fenster, beuge mich hinaus und blicke auf die Straße hinunter. Ich sehe zu, wie die Stadt erwacht und ein zartes Morgenlicht auf dem Grau der Zinkdächer glänzt.</p><p>Eine Weile stehe ich so da, auf das Geländer gestützt. Mein Kopf ist leer vor Müdigkeit, doch ich kann nicht aufhören zu schauen.</p><p>Und da kommen sie: langsam, schweigend, wie eine feierliche Prozession. Eins nach dem anderen betreten sie den Himmel – munter und fröhlich, gleißend weiß ihr Fell.</p><p>Wolken und Schafe.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8e7b20b7-e755-4c48-8e1c-33cb8d88de14/uploads/images/haew6mdgxh/IMG_0290.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p><strong>Eine Geschichte wie diese schreibt sich nicht von allein. Ein herzliches Dankeschön an alle, die meine freiberufliche Arbeit an „Wolken und Kastanien“ ermöglichen! Möchten auch Sie Unterstützer/in werden? 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      <pubDate>Sun, 15 Sep 2024 05:44:11 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Die Bienen und der Krieg]]></title>
      <description><![CDATA[Über einen Jungen, der in den Krieg muß, über Schmerz und eine Handbreit Glück, über das Taubengrau des Himmels, leere Felder und das Versteck in der Bienenhütte]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über einen Jungen, der in den Krieg muß, über Schmerz und eine Handbreit Glück, über das Taubengrau des Himmels, leere Felder und das Versteck in der Bienenhütte</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/222885b8-26d1-4d61-ad54-1bb0070b9a84/uploads/images/fybirw5fkt/IMG_7444.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Karl Aufreiter, Bauernsohn aus Sallersdorf, war siebzehn, als er den Einberufungsbefehl erhielt. Am 24. November 1944 machte er sich auf den Weg nach Linz. Als ihn sein Vater in der Morgendämmerung fortgehen sah, dachte er an seinen ältesten Sohn Hans, der 1941 in Rußland gefallen war.</p><p>Was Karl selber dachte, hat er nie erzählt.</p><p>Ich stelle ihn mir vor: Das weiche Jungengesicht mit dem runden Kinn. Die Lippen zusammengepreßt zu einem Strich, während er über die Felder stapft, sein Atem weiß in der Winterluft.</p><p>Einmal bleibt er stehen, er lauscht auf die Stille unter dem aschfarbenen Himmel. Nach einer Weile reißt ihn ein fernes Motorgeräusch aus seinen Gedanken. Er blickt sich um, und plötzlich weiß er, daß er all das zum letzten Mal sieht. Den Hof, die Felder, die Gestalt des Vaters, der noch immer vor der Tür steht, wie versteinert.</p><p> </p><p>Im März 1945 geht es nach Würzburg. Er hat noch immer dieses Jungengesicht, aber die Uniform läßt ihn älter erscheinen.</p><p>Die Front ist jetzt ganz nah. Die Erde bebt unter den Detonationen. Wie Donnerschläge, denkt er, und ihm fällt ein, wie er sich als Kind bei Gewitter unter der Ofenbank verkrochen hat. Eine ungeheure Spannung liegt in der Luft und drückt schmerzhaft gegen die Schläfen.</p><p>Ein paar Tage später ist es soweit: Ein Offizier sucht Freiwillige für einen Spähtrupp. Keiner meldet sich. Da werden vier Mann eingeteilt. Er ist der letzte in der Reihe und muß mit.</p><p>Ein Waldrand, nördlich von Nürnberg. Minutenlang stehen sie da und beobachten ein Dorf. Nichts regt sich, bis auf den Rauch, der über den roten Dächern tänzelt.</p><p>Kaum sind sie auf der Wiese, sehen sie den Amerikaner. „He! Kamerad!“ ruft er ihnen zu. Da rennen sie los. Das schaffen wir, denkt er noch. Der Wald ist zum Greifen nah. Plötzlich kracht ein Schuß. Im selben Moment fühlt er einen brennen­den Schmerz, sein Gewehr fliegt weg.</p><p>Eine Handbreit neben dem Herzen prallt die Kugel an einer Rippe ab und streift seinen Arm. Aber das begreift er erst später. Jetzt krümmt er sich blutend am Boden.</p><p>Endlich hört er Schritte. Zwei Männer beugen sich über ihn. Sie wechseln ein paar Worte miteinander, die er nicht versteht. Schließlich legen sie ihn auf eine Decke und tragen ihn zum Dorf hinüber. Von Schritt zu Schritt hängt er tiefer, bald schleift er über den steinigen Boden. Als er aufstöhnt, heben sie ihn höher. Da weiß er, daß sie ihn am Leben lassen.</p><p>Er sieht Bäume, Häuser, das Taubengrau des Himmels. Dann schließt er die Augen. Er denkt an zu Hause. An das Versteck unter der Ofenbank. An seine Mutter, ihre kühle Hand auf seiner fieberheißen Stirn. Im nächsten Augenblick verliert er das Bewußtsein.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/222885b8-26d1-4d61-ad54-1bb0070b9a84/uploads/images/cqfyqgfpwu/IMG_7199.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Ein paar Wochen später: Er liegt in einem Lazarett in Frankreich. Wo genau, weiß er nicht; und er hat keine Landkarte, um es sich zeigen zu lassen.</p><p>Man hat ihn operiert und ihm mit zwei Fingern gezeigt, wie wenig gefehlt hat, daß ihn die Kugel ins Herz traf. Er mußte schlucken, als er sah, daß die Finger nur ein paar Zentimeter trennte. „Glück gehabt!“ haben sie zu ihm gesagt.</p><p>Eines Morgens liegt auf dem Stuhl neben seinem Bett eine Stange Zigaretten. Verwirrt blickt er sich um. Doch viel Zeit zum Staunen bleibt ihm nicht. Als er die Augen wieder öffnet, ist der Stuhl leer. Es war ein Irrtum. Für einen aus Hitlers Armee gibt es keine Zigaretten.</p><p>Aber jetzt weiß er es, und er atmet auf: Der Krieg ist aus.</p><p>Kaum, daß er den Arm wieder bewegen kann, überstellt man ihn ins Kriegsgefangenenlager Neu-Ulm. Am 15. August wird er entlassen.</p><p>Zu Fuß macht er sich auf den Weg. Die Sonne brennt auf den Asphalt, seine linke Seite schmerzt bei jedem Schritt. Einmal nimmt ihn ein Pferdefuhrwerk mit, aber schon zwei Dörfer weiter ist die Fahrt zu Ende. Nachts schläft er bei Bauern im Heu.</p><p>München ist ein Alptraum aus zerstörten Häusern. Fassungslos blickt er sich um – und macht, daß er weiterkommt. Kurz darauf hält neben ihm ein Wagen. Er denkt noch: Hoffentlich mehr als zwei Dörfer! Und dann bleibt ihm vor Verblüffung der Mund offen stehen: Der Wagen fährt nach Linz. „Glück gehabt!“ sagt der Fahrer und grinst.</p><p>Die Stadt ist geteilt. Am anderen Donauufer beginnt die sowjetische Zone. Auch das Mühlviertel ist von den Russen besetzt. Seine Linzer Tante schärft ihm ein, sich vorzusehen. Vorher aber tischt sie ihm auf, was die Speisekammer hergibt.</p><p>Als er sich verabschiedet, trägt er ein viel zu großes Hemd; die Hosen seines Onkels schlottern um seine Beine. Aber seine Tante ist zufrieden, und sie hat recht: In seiner Uniform wäre er gleich verhaftet worden.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/222885b8-26d1-4d61-ad54-1bb0070b9a84/uploads/images/crbzbyvi7u/IMG_7930.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Am 26. August erreicht er Sallersdorf. Neun Monate ist es her, daß er in der Morgendämmerung fortging. Als seine Mutter ihn erkennt, stürzt sie auf ihn zu. Schluchzend zieht sie ihn an sich.</p><p>Der Hof kommt ihm kleiner vor: als ob er in seiner Abwesenheit geschrumpft ist. Sonst hat sich nichts verändert, fast nichts. In einer Wiege im Schatten schläft ein Säugling. Er blickt seine Schwester an, sie lächelt. Aber als er sie nach dem Namen des Kindes fragt, schlägt sie die Augen nieder. Einen Moment ist es ganz still.</p><p>„Er heißt Karl.“</p><p>Da begreift er: Sie haben nicht mehr geglaubt, ihn wiederzusehen.</p><p>Die Roggenernte ist vorbei, aber er hätte ohnehin nicht helfen können. Noch immer hat er Schmerzen. Er geht über das leere Feld und spürt die Stoppeln unter seinen Füßen. Tief zieht er die Luft durch die Nase ein: der vertraute Geruch. Er ist wieder zu Hause.</p><p>In der Ferne ragt der Kirchturm von Neumarkt auf, spitz wie ein Bleistift. Er denkt an die Wiese, den Amerikaner, den Schuß, der ihn zu Boden reißt. „Glück gehabt!“ haben sie gesagt. Er weiß es nicht besser. Doch am Sonntag wird er eine Kerze anzünden.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/222885b8-26d1-4d61-ad54-1bb0070b9a84/uploads/images/ly22g224rd/IMG_88382.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Die Angst vor den Russen ist groß. Die Frauen verstecken sich im Heu, wann immer sie sich dem Hof nähern. Die Männer verschwinden in den Wald. Es geht das Gerücht, daß sie nach Sibirien verschleppt werden.</p><p>„Geh in die Bienenhütte!“ sagt sein Vater. „Da trauen sie sich nicht hin.“</p><p>Um ihn her summt und brummt es. Vorsichtig setzt er sich in eine Ecke und lauscht auf das, was draußen vor sich geht; seine nervösen Finger spielen mit einer Wabenzange. Er glaubt sich zu erinnern, daß er bei einem der Ärzte im Lazarett eine ähnliche Zange gesehen hat. Aber kaum ist es ihm eingefallen, verscheucht er den Gedanken.</p><p>Während er wartet, bis die Luft rein ist, betrachtet er die herumschwirrenden Bienen. Es sind die Bienen von Hans, der jetzt irgendwo in russischer Erde liegt. Ein Kopfschuß, hieß es. Einundzwanzig ist er geworden.</p><p>Wann immer die Soldaten kommen, versteckt er sich in der Hütte. Das Brausen in den Kästen ist ihm jetzt so vertraut, daß er die Augen schließt. Einmal wird er gestochen. Er entfernt den Stachel und drückt die Stelle aus, bis ein helles Tröpfchen erscheint: das Gift. So hat Hans es ihm gezeigt.</p><p>Eines Morgens sagt sein Vater: „Kümmere du dich um die Bienen!“</p><p>Zwischen den Sachen seines Bruders findet er ein Buch. Als er den Staub vom Einband wischt, liest er: „Illustriertes Lehrbuch der Bienenzucht“.</p><p>Er nimmt es an sich und liest jeden Tag darin. Als er es ausgelesen hat, schreibt er mit grüner Tinte hinein: „Eigenthü­mer: Aufreiter Karl, Imker“.</p><p> </p><p>Siebzig Jahre später nehme ich das Buch zur Hand. Es liegt im Bienenzimmer, zwischen allerlei Gerätschaften, Futterballons, leeren Gläsern. Auch die Schleuder steht noch da, aus der einst dick und gelb der Honig rann.</p><p>Erst als er nicht mehr gehen konnte und seine Hände zitterten, hat er die Bienen aufgegeben. Im Mai 2016 ist er gestorben, nur ein paar Kilometer von Sallersdorf entfernt.</p><p>„Schau mal, eine Biene!“ sagt meine Frau, als wir vor dem Grab ihres Großvaters stehen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/222885b8-26d1-4d61-ad54-1bb0070b9a84/uploads/images/q6onyi6ttk/IMG_9208.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p><strong>Eine Geschichte wie diese schreibt sich nicht von allein. Um so dankbarer bin ich allen, die mit einer Mitgliedschaft meine freiberufliche Arbeit an „Wolken und Kastanien“ ermöglichen. Das geht schon zum Preis einer Tasse Kaffee im Monat. Wollen auch Sie Unterstützer(in) werden? 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      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/222885b8-26d1-4d61-ad54-1bb0070b9a84/uploads/images/fybirw5fkt/IMG_7444.jpeg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Sun, 11 Aug 2024 05:47:24 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[Der Elefant zittert]]></title>
      <description><![CDATA[Über Mut und Verrat und den letzten Roman von Hans Fallada, über eine Entdeckung von Helga Schubert und die Stimmen der Toten in einem Berliner Treppenhaus]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über Mut und Verrat und den letzten Roman von Hans Fallada, über eine Entdeckung von Helga Schubert und die Stimmen der Toten in einem Berliner Treppenhaus</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/5df99916-d3d6-41f1-8b22-fa055e19b7fd/uploads/images/zxqk2ses5w/IMG_4324.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Als vor zwanzig Jahren mein Großvater starb und wir seine Wohnung auflösten, fand sich in den vollgestopften Bücherschränken auch ein Stoß vergilbter Zeitschriften. Die meisten stammten aus der Nachkriegszeit und trugen so namhafte Titel wie „Die Weltbühne“ und „Aufbau“. Auch das erste Heft des „Merkur“ war dabei.</p><p>Kurz zuvor hatte der „Merkur“ (inzwischen erschien er im 58. Jahrgang) meinen ersten Essay gedruckt. Vielleicht landeten die Hefte deshalb auf dem mir zugedachten Stapel. Zu Hause blätterte ich sie flüchtig durch – und mußte einmal, zweimal, dreimal niesen von all dem Staub, der sich in dem alten Papier eingenistet hatte. Schließlich legte ich sie beiseite. Interessant, zweifellos; aber gerade beschäftigten mich andere Dinge.</p><p>Ich hatte vor, sie mir später noch einmal genauer anzuschauen. Aber immer wieder schob sich etwas dazwischen: das Leben, die Liebe – und Bücher, immer wieder Bücher. Im Laufe der Zeit gerieten die Hefte in Vergessenheit.</p><p>Welcher Zufall sie mir wieder in die Hände spielte? Ich weiß es nicht mehr. Eines Abends saß ich vor der geöffneten Kiste, in die der Stapel irgendwann gewandert war. Um mich herum lagen ausgebreitet mehrere Jahrgänge des „Aufbau“, einer Zeitschrift, die ab September 1945 in Ostberlin erschienen war, herausgegeben vom „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“.</p><p>Ich erinnerte mich, daß mir mein Großvater erzählt hatte, wie wichtig für ihn nach dem Krieg jene Bücher und Zeitschriften gewesen seien, aus denen nicht mehr das Gift des Nazismus tropfte. Geradezu hungrig habe er sich auf alles gestürzt, was ab 1933 verboten gewesen war.</p><p>Kein Wunder, daß er den „Aufbau“ las. Wie sehr wird ihm aus der Seele gesprochen haben, was etwa zum Auftakt der Nürnberger Prozesse darin stand: „Fegen wir also endlich die Lüge, den Rassenwahn, den Weltherrschaftsdünkel, an dem so viel bestialischer Blutgeruch klebt, aus dem eigenen Haus und öffnen wir weit die Fenster für den Gedanken der Humanität ...“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/5df99916-d3d6-41f1-8b22-fa055e19b7fd/uploads/images/4vpac3jgi3/IMG_4816.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Die Humanität wurde damals unaufhörlich beschworen – meist mit viel Pathos und gelegentlich einer Überdosis Schwulst. Als sollten die hehren Worte das Schweigen übertönen, mit dem die Mehrheit der Deutschen die nationalsozialistischen Verbrechen mitgetragen hatte.</p><p>Auch im „Aufbau“ begegnet einem der hohe Ton immer wieder. Bei der Lektüre achtzig Jahre später kam es mir so vor, als müßte ich unentwegt den Hals recken. Es war so anstrengend wie ermüdend. Und so blieb es an diesem Abend nicht bei gelegentlichem Niesen. Einmal, zweimal, dreimal mußte ich ausgiebig gähnen.</p><p>Wahrscheinlich tat ich den Autoren unrecht; viele hatten das Ende der Hitlerei aus vollem Herzen herbeigesehnt. Manche hatten in Konzentrationslagern gelitten, andere unter dem Exil. Daß nun die Worte nicht groß genug sein konnten für das, was sie beseelte – wer wollte es ihnen verdenken?</p><p>Doch an diesem Abend fehlte nicht viel, und ich hätte die Hefte ein zweites Mal beiseite gelegt. Ich war schon kurz davor, als ich etwas zu lesen begann, was mich sofort fesselte.</p><p>„Ein dünner Band Akten liegt vor mir, etwa 90 Seiten stark, begonnen und zum Hauptteil ausgeschrieben von der Gestapo in Berlin, beendet von dem Volksgerichtshof, ebenfalls in Berlin. In diesem Band Akten erfüllt sich das Schicksal zweier Menschen; nun, in meine Hände gekommen, soll er den Rohstoff für einen Roman abgeben. Prüfen wir einmal, was dieser Akt an Material enthält, ohne Zu- oder Abneigung, rein sachlich, wie etwa ein Tischlermeister seine Bretterstapel auf ihre Verwendbarkeit durchgeht.“</p><p>Nur kurz zuckte ich bei dem Wort Schicksal zusammen. Spätestens mit dem Auftritt des Tischlermeisters war es um mich geschehen. Die schnörkellosen Sätze, die zupackende Art (man glaubt, die Schwielen an den Tischlerhänden zu sehen) – das las sich erfrischend anders! Ich hörte auf zu gähnen, ja selbst das Niesen vergaß ich. Und las gebannt weiter.</p><p>Doch schon ein paar Zeilen weiter stutzte ich, denn was da stand, kam mir bekannt vor. Es ging um ein Berliner Ehepaar namens Quangel, das in die Mühlen der nationalsozialistischen Justiz gerät und schließlich vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt wird. Quangel, Quangel ... wo hatte ich den Namen schon gehört? Noch während ich überlegte, überflog ich die nächsten Zeilen – und da ging mir ein Licht auf.</p><p>„Diese beiden Eheleute Quangel, zwei bedeutungslose Einzelwesen im Norden Berlins, fast arm, ohne Hilfsmittel, ohne besondere Fähigkeiten, nehmen eines Tages im Jahre 1940 den Kampf auf gegen die ungeheure Maschinerie des Nazistaates, und das Groteske geschieht: der Elefant fühlt sich von der Maus bedroht! Die ganze Macht, alle List und Gewalt werden gegen die Maus in Bewegung gesetzt, ein beispielloser Apparat beginnt zu arbeiten, um diese beiden Menschlein zu fangen. Der Elefant zittert, er kann kaum noch schlafen, da sind diese Feinde im Dunkeln, sie müssen gefangen, sie müssen erlegt werden!“</p><p>Erst jetzt sah ich den Namen des Verfassers, und nun war ich mir sicher, worum es ging und was ich da vor mir hatte.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/5df99916-d3d6-41f1-8b22-fa055e19b7fd/uploads/images/jsefcszeyq/IMG_4480.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Im Herbst 1946 schrieb Hans Fallada einen Roman, der unter dem Titel „Jeder stirbt für sich allein“ berühmt werden sollte. Es war seine letzte literarische Arbeit. Kein Vierteljahr später, am 5. Februar 1947, starb er an Herzversagen.</p><p>Der Roman erzählt von Anna und Otto Quangel, die zwischen 1940 und 1942 in Berliner Treppenhäusern über 220 Postkarten auslegen, auf denen sie zum Widerstand gegen Hitler und den Krieg aufrufen („Glaubt dem Hitler seine Lügen nicht mehr! Er will euch nur ins Verderben stürzen ...“). Erstaunlich lange geht es gut; die Gestapo schafft es nicht, ihnen auf die Spur zu kommen. Aber dann werden sie doch verhaftet, verhört, verurteilt und in Plötzensee hingerichtet.</p><p>Die Quangels gab es wirklich, nur hießen sie nicht Quangel, sondern Elise und Otto Hampel. Die Ermittlungsakten, die Fallada im „Aufbau“ zitiert, handeln von ihnen. Erhalten hatte er sie von Johannes R. Becher, der dem „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ als Präsident vorstand. Es war seine Idee, daß Fallada über den in der Öffentlichkeit unbekannten Widerstand der Hampels schrieb.</p><p>Der lehnte zunächst ab – aus moralischen Gründen: Er sei kein Widerstandskämpfer gewesen, sondern habe sich „im großen Strom mittreiben lassen“ und wolle nicht besser scheinen, als er gewesen sei. Erst als er erfuhr, daß es sich nicht um eine konzertierte Aktion von Hitlergegnern handelte, sondern um den Alleingang zweier nach außen hin völlig unpolitisch wirkender Menschen, war sein Interesse geweckt.</p><p>Vor allem eine Frage ließ ihm keine Ruhe: „Wie kamen die Quangels, die bis zu der Mitte ihrer Jahre mit nichts vom allgemeinen Schritt und Tritt abgewichen waren, dazu, plötzlich aus Reih und Glied zu treten und Hitler, dem Führer, den Kampf anzusagen, einen Kampf, der angesichts der erdrückenden Übermacht doch nur schlimm ausgehen konnte?“</p><p>In seinem Essay für den „Aufbau“, veröffentlicht im November 1945, versucht er, Antworten zu finden. Auf acht eng bedruckten Seiten breitet er die Geschehnisse in allen Einzelheiten aus – und beginnt schon, die Leerstellen zu füllen. Eine Gestapo-Akte macht noch keinen Roman; um von den Quangels erzählen zu können, muß Leben hinein in die Bleiwüsten der Vernehmungsprotokolle.</p><p>Das Ganze ist so etwas wie eine Bestandsaufnahme. Der Tischler, der seine Bretter auf ihre Verwendbarkeit hin durchsieht und in Gedanken bereits anfängt zurechtzuhobeln, ist Fallada selbst. Mit dem Ergebnis ist er offenbar zufrieden. Im letzten Satz bezeichnet er sich selbst als „Autor eines noch zu schreibenden Romans“. Es ist ein Versprechen.</p><p>Doch allein die Tatsache, daß es diese acht Seiten braucht, läßt schon die Schwierigkeiten erahnen, die der Stoff mit sich brachte und über die sich Fallada erst klarwerden mußte. Der sperrige Titel des Essays kommt nicht von ungefähr: „Über den doch vorhandenen Widerstand der Deutschen gegen den Hitlerterror“. Es waren, um im Bild zu bleiben, dicke Bretter zu bohren.</p><p>Vielleicht dauerte es deshalb noch ein Jahr, ehe er sich am 30. September 1946 an die Arbeit machte. Dann aber ging es verblüffend schnell. Für die 866 Typoskriptseiten brauchte er gerade einmal vier Wochen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/5df99916-d3d6-41f1-8b22-fa055e19b7fd/uploads/images/u5wjhg7vv4/IMG_4586.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Es war noch nicht lange her, daß ich „Jeder stirbt für sich allein“ gelesen hatte. Die Eindrücke waren noch frisch, und so traf es mich wie ein Blitz, als ich den Essay im „Aufbau“ entdeckte.</p><p>Der Roman hatte mich aufgewühlt – zumal ich die Gegend kannte, in der die Quangels die Karten verteilt hatten. Jahrelang hatte ich in Prenzlauer Berg gewohnt und war durch die Straßen gegangen, deren Namen mir nun auf jeder Seite begegneten. Damals hing noch der Rauch der verbrannten Kohle in den Hinterhöfen. Ich kannte die Treppenhäuser mit den knarzenden Stufen und den toten Fliegen auf den Fensterbrettern. Und ich sah Otto Quangel vor mir, wie er immer höher stieg: Schweißperlen auf der Stirn von der Anstrengung und der Angst, die immer mitging.</p><p>Aber das war es nicht allein. Es war der Mut dieser Menschen, der mich beeindruckte. Die Entschlossenheit, mit der sie sich gegen Hitler stellten. Ihr fast naiv anmutender Glaube, etwas ausrichten zu können gegen die tödliche Maschinerie der Diktatur.</p><p>Wer wärst du gewesen? Hättest du den Mut gehabt, dich zu verweigern? Oder hättest du mitgemacht? Jeder Nachgeborene kennt diese Fragen. Sie kommen nachts, wenn man wachliegt und die Gedanken mal hierhin, mal dorthin flitzen: unaufhaltsam, durch Zeit und Raum. Eine Antwort gibt es nicht. Keiner kann wissen, wie er sich verhalten hätte. Das einzige, was wir sagen können: Ich kann nur hoffen, daß ...</p><p>Doch so müßig diese Fragen sind – sie machen uns bewußt, was für ein Privileg es ist, Geschichte vom Ende her betrachten zu können. Nicht Spielball zu sein, umhergeschleudert von der Gewalt des Irrsinns.</p><p>Ich mußte an Alexandra Skotschilenko denken, eine junge Russin, die im November 2023 zu sieben Jahren Straflager verurteilt wurde. Ein Gericht befand sie für schuldig, Falschinformationen über das russische Militär verbreitet zu haben.</p><p>Kurz nach Putins Überfall auf die Ukraine waren in einem Supermarkt in Sankt Petersburg Botschaften gegen den Krieg aufgetaucht. Anstelle von Preisschildern klebten auf den Waren Zettel mit Aufschriften wie: „Der Preis für diesen Krieg ist das Leben unserer Kinder. Stoppt den Krieg!“ Oder: „Mein Urgroßvater hat vier Jahre lang im Zweiten Weltkrieg gekämpft, nicht damit Rußland ein faschistischer Staat wird und die Ukraine angreift.“ Eine Rentnerin fand die Zettel und erstattete Anzeige bei der Polizei. Wenig später wurde Alexandra Skotschilenko verhaftet.</p><p>„Schande! Schande!“ skandierten Zuschauer nach dem Urteilsspruch. „Das ist keine Gerechtigkeit, das ist eine Hinrichtung“, sagte der russische Oppositionspolitiker Boris Wischnewski und sprach aus, was viele dachten: Skotschilenkos angeschlagene Gesundheit läßt für das Straflager das Schlimmste befürchten.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/5df99916-d3d6-41f1-8b22-fa055e19b7fd/uploads/images/w75uzigk3o/IMG_4352.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Wäre ich bereit, unter Lebensgefahr für meine Überzeugungen einzustehen? Für die Würde meiner Nachbarn, für die Freiheit der anderen? So wie Elise und Otto Hampel? So wie Alexandra Skotschilenko?</p><p>Ich dachte an Helga Schubert, die ein Buch über Denunziantinnen im Nationalsozialismus geschrieben hat. Es trägt den Titel „Judasfrauen“. Im Vorwort von 2021 nennt sie die Diktatur „eine furchtbare, eine Grauen erregende, eine verführerische, Leben zerstörende Täterin“. Sie schreibt: „Es steht mir nicht zu, die beschriebenen Frauen zu verurteilen. Ich glaube, daß auch sie Opfer der Diktatur waren.“</p><p>Ihr Buch hatte mich tief beeindruckt. Aber diese Sätze irritierten mich. Entschuldigten sie nicht jene, die mit ihrem Verrat andere ans Messer geliefert hatten? Als wäre es in einer Diktatur gar nicht möglich, anständig zu bleiben. Hatten sie nicht doch eine Wahl gehabt?</p><p>Vor einiger Zeit hatte ich Gelegenheit, mit Helga Schubert darüber zu sprechen. Geduldig hörte sie sich meine Fragen an. „Ja“, sagte sie schließlich, „jeder Mensch hat eine Wahl. Auch diese Frauen hatten eine Wahl. Doch der Versuchung zum Verrat konnten sie nicht widerstehen. Sie haben sich in dieser Situation nicht bewährt.“</p><p>Aber, fragte ich weiter, wenn die Diktatur die eigentliche Täterin ist: Entläßt sie das nicht aus der Verantwortung?</p><p>„Es ist ein Unterschied, ob man das Ganze als Richter betrachtet oder als Schriftstellerin. Ich will diese Frauen von keiner Schuld entlasten, aber auch nicht verurteilen. Ich sehe meine Aufgabe darin zu differenzieren. Ich möchte verstehen, wie jemand in so eine Situation geraten konnte und das ganz genau darstellen.</p><p>Ob man ihren Verrat entschuldigen kann? Ob man sagen kann, diese Frauen haben sich nur deshalb so verhalten, weil sie in einer Diktatur lebten? Vielleicht nicht. Aber als Schriftstellerin muß ich Gnade üben und den Menschen in seiner Widersprüchlichkeit zeigen; ich muß mich in seine Zwangslage hineinversetzen. Das ist anstrengender, als zu sagen: Das könnte mir nie passieren. Das wäre hochmütig. Wer weiß schon, wozu man selbst fähig wäre, aus Angst vor Folter oder aus Todesangst?“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/5df99916-d3d6-41f1-8b22-fa055e19b7fd/uploads/images/zyoqjmfwft/IMG_4687.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>An diesem Tag sprachen wir lange über Diktatur und Schuld, Mut und Hochmut, Widerstand und Ergebung. Am Himmel über Mecklenburg zogen dunkle Wolken auf; immer wieder prasselten Regenschauer gegen das Fenster, während Helga Schubert erzählte, wie sie die Fälle recherchiert hatte, die sie in „Judasfrauen“ schildert.</p><p>Plötzlich fiel der Name Fallada. Zuerst glaubte ich, ich hätte mich verhört. Doch gleich darauf erwähnte sie „Jeder stirbt für sich allein“. Erstaunt blickte ich sie an. Woher wußte sie, daß mir das Buch seit Wochen durch den Kopf ging? Aber dann begriff ich, daß sich hier einfach zwei Wege kreuzten.</p><p>Im zweiten Kapitel von „Judasfrauen“ erzählt Helga Schubert, wie sie sich in der DDR bemühte, an Prozeßakten des Volksgerichtshofs zu kommen. Man brauchte dafür eine Genehmigung vom Zentralkomitee der SED. Als sie erklärte, sie interessiere sich für Fälle, in denen Denunziationen von Frauen zu Todesurteilen geführt hätten, forderte man sie auf, ein anderes Buch zu schreiben – über den Widerstand von Frauen in der Nazizeit.</p><p>In der Hoffnung, auf diese Weise auch an Fälle zu gelangen, in denen Denunziation eine Rolle spielt, willigte sie ein. Unter den Akten, die man ihr vorlegte, waren, wie sie mir an diesem Nachmittag erzählte, auch die Akten von Elise und Otto Hampel.</p><p>„Und da“, sagte sie, „bin ich auf etwas gestoßen. Und zwar habe ich festgestellt, daß die beiden gar nicht bis zum Schluß aufrecht geblieben sind, sondern sich gegenseitig beschuldigt haben. Der andere habe sie aufgehetzt; sie selbst würden Hitler ja lieben. Und so weiter. Offenbar waren sie so gebrochen durch die Verhöre, daß sie sich nun irgendwie herauszuwinden versuchten. Das fand ich ganz furchtbar, und natürlich hat es mich überrascht, weil ja Fallada das ganz anders beschrieben hat.“</p><p>Die Haltung, mit der die Quangels vor Gericht aufgetreten waren, hatte auch mich bewegt. Wie sie es geschafft hatten, ihre Würde zu bewahren – und dabei zu einer inneren Freiheit gefunden hatten, die ihnen die Angst vor dem Tod nahm. Nun erfuhr ich, wie es wirklich gewesen war.</p><p>Aber warum hatte Fallada es so erzählt?</p><p>Auch Helga Schubert konnte es nur vermuten. „Ich denke mir, daß er das einfach nicht aushielt. Er war ja selber ein gebrochener Mann: Alkoholiker, drogenabhängig, psychisch labil. Und da hatte er nicht die Kraft, dieses Furchtbare zu ertragen. Vielleicht war es auch Respekt gegenüber diesem Ehepaar, das so mutig gewesen war und sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte. Da wollte er ihnen nicht im nachhinein vorwerfen, daß sie bei den Verhören im Gestapokeller der Mut verlassen hatte.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/5df99916-d3d6-41f1-8b22-fa055e19b7fd/uploads/images/njjup7tss6/IMG_4700.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Über ihren Archivfund schrieb Helga Schubert 1987 einen Essay mit dem Titel „Das Böse im historisch Guten“. Darin vermutet sie neben den genannten Gründen noch eine politische Absicht. Offenbar sei es nach dem Krieg wichtig gewesen, ein Buch über ein Arbeiterehepaar zu schreiben, das bis zum Schluß aufrecht geblieben sei. Fallada habe daher „ein für ihn stimmigeres Geschichtsbild“ entworfen.</p><p>Diese Überlegung leuchtete mir ein. Auch in den Zeitschriften, die mein Großvater hinterlassen hatte, ging es um Rückbesinnung auf moralische Werte und Gegengeschichten zur Nazibarbarei.</p><p>Aber einige Zeit später spielte mir der Zufall ein Buch in die Hände, das noch eine andere Erklärung enthielt. „Falladas letzter Roman“ von Manfred Kuhnke erzählt die Geschichte hinter „Jeder stirbt für sich allein“. Mit geradezu detektivischem Spürsinn hat sich der Verfasser auf Spurensuche begeben, hat in Archiven geforscht, Akten gelesen, Zeitzeugen befragt und eine solche Fülle an Details ausgegraben, daß man das Resultat seiner Forschungen immer wieder mit angehaltenem Atem liest.</p><p>Nicht nur, daß man erfährt, wer Elise und Otto Hampel waren und wie sich in der Realität zugetragen hat, was Fallada nur drei Jahre nach ihrer Hinrichtung in die Form eines Romans brachte. Man wird auch mit den Gnadengesuchen der Verurteilten konfrontiert, die sich gegenseitig anschwärzen, um die eigene Haut zu retten. Es ist eine beklemmende Lektüre, und man versteht nur zu gut, warum Helga Schubert 1987 schrieb: „Was ich da las, war so tragisch, daß ich zu weinen anfing.“</p><p>Doch die für mich interessanteste Erkenntnis betrifft die Frage, warum der Roman den tatsächlichen Ablauf der Geschehnisse geradezu ins Gegenteil verkehrt. Was Kuhnke an Indizien zusammengetragen hat, ist so eindeutig, daß man sich fragt, warum nicht schon viel früher jemand darauf gekommen ist – daß Fallada nur einen Teil der Akten gekannt haben kann.</p><p>Eigentlich läßt es sich bereits dem „Aufbau“-Essay entnehmen, in dem lediglich von einem dünnen Band die Rede ist, „etwa 90 Seiten stark“. Laut Kuhnke umfassen die Akten aber mehr als 400 Blatt. Und wenn Fallada schreibt, daß die ihm vorliegenden Schriftstücke mit dem Todesurteil enden, dann ist klar, daß er weder die Gnadengesuche kannte noch das Hinrichtungsprotokoll und also auch nichts wußte von dem fürchterlichen Drama, das sich in den letzten Lebensmonaten von Elise und Otto Hampel abgespielt hat.</p><p>Warum aber nur 90 Seiten? War es ein Versehen oder Kalkül, daß Johannes R. Becher Fallada nur ein Viertel der Akten zukommen ließ – und ihm damit ausgerechnet jene Teile vorenthielt, die den menschlichen Zusammenbruch des Berliner Ehepaars dokumentieren?</p><p>Viel spricht dafür, daß es eine bewußte Entscheidung war. Der Wille, dem moralischen Bankrott der Nazizeit etwas entgegenzusetzen, muß so groß gewesen sein, daß alles andere dahinter zurückzustehen hatte – sogar die historisch verbürgte Wahrheit. Kuhnke schreibt: „Der Roman, der durch dieses Aktenmaterial in Fallada ausgelöst werden sollte, mußte aufrechtes Menschentum in der düsteren Vergangenheit zeigen, um Hoffnung und Kraft gegen die Bedrängnisse der Gegenwart zu ermöglichen.“</p><p>Hätte Fallada den Roman auch geschrieben, wenn er die Wahrheit gekannt hätte? Es wäre sicher ein anderes Buch geworden. Eines, auf das der Titel „Jeder stirbt für sich allein“ sogar noch besser gepaßt hätte. Denn so allein wie Otto und Elise Hampel am frühen Abend des 8. April 1943, als sie im Abstand von gerade einmal zwei Minuten mit dem Fallbeil in Plötzensee hingerichtet wurden (bei ihm brauchte der Scharfrichter 14 Sekunden, bei ihr 16), dürfte kaum je ein Mensch gewesen sein.</p><p>„Für mich ist es viel tragischer und berührender, daß Leute, die mutig so viel auf sich genommen, die im Gegensatz zu Millionen anderen etwas getan haben, trotzdem gebrochen wurden durch Folter.“ Man kann es so sehen wie Helga Schubert in ihrem Essay von 1987 – und Falladas Roman dennoch ein Meisterwerk nennen. Aber wer um die Vorgeschichte weiß, liest das Ende des Romans mit zwiespältigen Gefühlen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/5df99916-d3d6-41f1-8b22-fa055e19b7fd/uploads/images/zyuh32wbze/IMG_4759.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Einige Zeit war vergangen, als ich an einem Sonntagnachmittag durch Moabit ging. Die Straßen lagen still in den Wolkenschatten, nur wenige Leute waren unterwegs. Ich war noch nicht oft hier gewesen und sah immer wieder nach den Straßenschildern. Einfacher wäre es gewesen, durch das Viertel zu gehen, in dem ich früher gewohnt hatte. Doch ich ahnte schon, daß ich hier eher finden würde, was ich suchte.</p><p>Die Liste der Häuser, in denen Elise und Otto Hampel die Postkarten abgelegt hatten, enthielt 234 Adressen. Jedes einzelne Haus war darin verzeichnet, dazu das Datum und die Uhrzeit, wann jemand die Karte gefunden hatte. Auch eine Telefonzelle war aufgeführt, eine Bedürfnisanstalt und der U-Bahnhof Alexanderplatz.</p><p>Anders als in Falladas Roman hatten die Hampels nicht in der Jablonskistraße 55 gewohnt, sondern in der Amsterdamer Straße 10. Die meisten Karten hatten sie daher nicht in Prenzlauer Berg verteilt, sondern im Wedding – oft nur ein paar Straßen von ihrer Wohnung entfernt. Aber auch in anderen Bezirken hatte man sie gefunden.</p><p>Ich hatte mir ein paar Adressen in Moabit notiert. Hier würde ich am ehesten auf Häuser stoßen, die noch so aussahen wie damals, als Elise und Otto Hampel in der Stille eines fremden Hausflurs oder unter dem verräterischen Knarren einer Treppenstufe ihre Botschaften verteilt hatten.</p><p>Aber gleich der erste Versuch schlug fehl. Statt eines Hauses war da nur ein begrünter Platz, wahrscheinlich eine Bombenlücke. Auch das Haus, in dem die Quangels gewohnt hatten, war bei einem Luftangriff zerstört worden – ein halbes Jahr nach ihrer Hinrichtung. Es gab 96 Tote. Es war das einzige Haus in der Straße, auf das eine Luftmine fiel.</p><p>Weit mußte ich nicht gehen, um zur nächsten Adresse zu gelangen. Auf dem Weg dorthin stellte ich mir vor, wie Otto Hampel (die meisten Karten hatte er verteilt) in der Dämmerung durch diese Straßen gegangen war. Wahrscheinlich hatte er sich um einen festen Schritt bemüht, einen unbeteiligten Gesichtsausdruck. So als gehe er hier jeden Tag entlang. Ein Arbeiter auf dem Nachhauseweg. Nur nicht zögern. Nur nicht den Kopf heben und an den Fassaden hinaufschauen. Nur nicht auffallen.</p><p>Aber Ausschau gehalten hatte er natürlich doch. Verstohlene Blicke aus dem Augenwinkel, die einem Haustor galten, das offen stand – vor allem aber der Abwesenheit von Zeugen. Trauben herumtollender Kinder wird er gemieden haben.</p><p>Einige der Häuser lagen an Straßenkreuzungen. Da kam er rasch weg. Bog er um die Ecke, war er aus dem Blickfeld. Nicht mehr zu sehen für jemanden, der die Karte fand und in heller Aufregung aus dem Haus stürzte, fieberhaft die Straße hinauf und hinunter spähte, wer es gewesen sein könnte, der sie auf das Fensterbrett gelegt hatte.</p><p>An diesem Tag stand nirgends ein Tor offen. Die Häuser, an denen ich vorbeikam, wirkten wie Festungen. Abweisend, verschlossen; nicht zugänglich für Fremde. Für Leute, die Werbung in Briefkästen warfen. Oder Botschaften gegen Hitler verteilten. </p><p>Minutenlang stand ich vor der Adresse, die ich mir notiert hatte. Nichts rührte sich. Was blieb mir anderes übrig, als irgendwo zu klingeln? Wieder wartete ich – vergebens. Aber dann, ich wollte schon aufgeben, hörte ich etwas, das wie eine Zikade klang. Als ich mich gegen das Tor lehnte, tat es sich auf wie von Geisterhand.</p><p>Und auch beim nächsten Haus, ein paar Straßen weiter, hatte ich Glück. Ich überlegte gerade, bei welchem Namen ich klingeln sollte, da kam ein Mann, nickte mir zu und schloß auf. Ich murmelte einen Gruß und ging hinter ihm her.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/5df99916-d3d6-41f1-8b22-fa055e19b7fd/uploads/images/rso5yj4cdx/IMG_4336.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Als ich das geschwungene Treppengeländer sah, wußte ich: Ich war richtig. Hier war es gewesen. Ich sah Otto Hampel vor mir, wie er die Treppe hinaufgestiegen war: den schweren Schritt auf den Stufen, die schwielige Hand, die das Geländer umfaßte. Oder hatte er vermieden, es zu berühren, um keine Fingerabdrücke zu hinterlassen?</p><p>Es war ein düsteres Treppenhaus, verdunkelt von den großen Bäumen im Hof. Matt lagen ein paar welke Blätter auf dem Schachbrettmuster im Hausflur. Auf einem braun gestrichenen Podest hatte jemand seinen Roller abgestellt. Ich dachte, daß das kein schlechter Platz war, um dort eine Karte hinzulegen: gut sichtbar für jeden, der vorbeikam.</p><p>Oder war er weitergegangen – wie um anzugehen gegen die Angst in seiner Kehle? In den ersten, den zweiten, dann in den dritten Stock. Ich stellte mir vor, wie er auf dem Treppenabsatz stehengeblieben war, um Atem zu holen und zu lauschen. Auf die Stimmen in den Wohnungen: Kindergeschrei, Radiogedudel, das Gezänk beim Abendbrot. Auf das Klirren von Geschirr. Das Klappen der Haustür.</p><p>Achtzig Jahre war das her, die Bewohner von damals waren längst tot. Vielleicht, daß noch ein paar Kinder lebten. Doch während ich langsam nach oben stieg, kam es mir so vor, als wären sie alle noch da. Ihre Stimmen in den Wänden, das Getrappel ihrer Füße auf der Treppe über mir. Bei jedem Schritt glaubte ich es zu hören: wie eine zweite Tonspur, die hinter der Stille lag.</p><p>Immer wieder blickte ich mich um, als könnte auch Otto Hampel eine Spur hinterlassen haben, das eine Mal, als er in diesem Haus gewesen war. Ich hatte mir vorgestellt, daß er aus einem Fenster nach draußen geblickt hatte, auf die andere Straßenseite, wo Elise auf ihn wartete, mit nervös flatternden Händen. Hatte er ihr nicht gesagt, sie solle schon weitergehen; er komme gleich nach? Aber jetzt sah ich, daß alle Treppenhausfenster zum Hof gingen.</p><p>In diesem Augenblick hörte ich ein Krachen. Ich zuckte zusammen, aber es war nur ein offenes Fenster, das der Wind gegen die Mauer schlug. Gleich darauf begann im Stockwerk über mir ein Hund zu bellen.</p><p>Ich spürte, wie mir der Schweiß über die Stirn rann. Als hätte mich Otto Hampel angesteckt mit diesem Fieber, das ihn überkommen haben mußte, sobald er sich mit einer frisch geschriebenen Karte auf den Weg machte. Auch ich hatte das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. Wäre eine Tür aufgegangen, und jemand hätte gefragt, was ich hier zu suchen habe – ich hätte es nicht erklären können.</p><p>Wie gelähmt stand ich auf der Treppe. Jedes Schlüsselloch ein Auge, das mich zu beobachten schien. Das hölzerne Geländer eine Schlinge, die sich langsam zusammenzog.</p><p>Nein, ich war nicht in Gefahr. Ich hatte nichts zu befürchten, keinen Verrat und keine Verhaftung, keinen Ankläger und keinen Henker. Ich lebte in keiner Diktatur. Aber wer sagte mir, daß das immer so sein würde?</p><p>Und während ich lauschte, auf die Schritte, die Stimmen, hörte ich in der Stille des Treppenhauses mein Herz: seinen dumpfen, rhythmischen, leise drängenden Schlag.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/5df99916-d3d6-41f1-8b22-fa055e19b7fd/uploads/images/dzmkdqcued/IMG_4651.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p><strong>An dieser Geschichte habe ich mehrere Wochen gearbeitet. Ohne eine Zeitungsredaktion oder einen Verlag im Rücken. Ich weiß, das ist weder vernünftig noch rentabel. Aber ich fand, die Sache war es wert.</strong></p><p><strong>Finden Sie das auch? Dann bitte ich Sie herzlich, meine freiberufliche Arbeit an „Wolken und Kastanien“ mit einer Mitgliedschaft zu unterstützen. Das geht schon zum Preis einer Tasse Kaffee im Monat.</strong></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/about">Mitglied werden</a></p><p>Schon 1347 Leserinnen und Leser haben „Wolken und Kastanien“ abonniert. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten möchten, tragen Sie sich hier ein:</p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">Kostenlos abonnieren</a></p><p></p><p><strong>Darf ich Sie am Ende noch einmal auf meinen Schreibworkshop hinweisen?</strong> Ein Wochenende im Spätsommer in Lüneburg – für alle, die es selber mal mit dem Schreiben versuchen möchten.</p><p>Was Sie erwartet? Eine kleine kreative Runde. Anleitung und Schreibübungen in inspirierender Atmosphäre. Viel Gelegenheit zum Austausch und anregenden Gesprächen. Ich würde mich freuen, wenn jemand von Ihnen Lust hat, dabeizusein!</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/5df99916-d3d6-41f1-8b22-fa055e19b7fd/uploads/images/qjrwj62fly/Schreibwerkstatt_Flyer-NEU-IM-JULI.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 30 Jun 2024 05:33:13 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Lessings Katze]]></title>
      <description><![CDATA[Über eine Begegnung in Wolfenbüttel und eine Lesung in Kamenz, über eine Arche Noah auf zwei Beinen und den Katzensprung zwischen Taufstein und Totenmaske]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über eine Begegnung in Wolfenbüttel und eine Lesung in Kamenz, über eine Arche Noah auf zwei Beinen und den Katzensprung zwischen Taufstein und Totenmaske</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/93b5de3f-509a-4702-b7be-ccad546a065d/uploads/images/il2hlxarcx/Lessing_Katze.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3>Lessings Katze</h3><p>Neulich in Wolfenbüttel stand ich in dem Haus, in dem Lessing den „Nathan“ geschrieben hat. Ich zog eine Schublade auf und sah eine Locke von seinem Kopf; ich zog eine andere Schublade auf und betrachtete die Totenmaske. Dann zog ich noch eine Schublade auf, darin lag eine Zange.</p><p>Ich las, daß Lessing mit seiner hochschwangeren Frau Eva, geborene König, kurz vor Weihnachten 1777 in dieses Haus gezogen war. Am ersten Weihnachtstag kam ihr Sohn zur Welt – mit einer solchen Zange ins Leben geholt. Am übernächsten Tag starb er. Keine drei Wochen später starb auch die Mutter.</p><p>„Ich wollte es auch einmal so gut haben wie andere Menschen“, schrieb Lessing an seinen Freund Eschenburg. „Aber es ist mir schlecht bekommen.“</p><p>Die Sonne schien durchs Fenster. Der Himmel war wolkenlos. Aber ich dachte an Lessings Kind und seine tote Frau.</p><p>Wie ich aus dem Haus kam, war da plötzlich die Katze. Sie lag auf einem Stein, wie um sich zu sonnen, und musterte mich neugierig. Ich ging weiter; und als ich mich noch einmal umdrehte, da sah ich, daß sie mir folgte.</p><p>Ich überquerte den Schloßplatz und bog in eine Gasse ein, ging durch ein paar Straßen, und immer war die Katze hinter mir. Ging ich schneller, ging auch sie schneller; blieb ich stehen, rührte sie sich nicht vom Fleck. Es war wie ein Spiel. Es brachte mich auf andere, fröhlichere Gedanken. Aber ich dachte auch: Hoffentlich läuft sie nicht in ein Auto, wenn ich über die Straße gehe.</p><p>Dann sah ich die Buchhandlung, und weil ich an keiner Buchhandlung vorbeigehen kann, ging ich hinein. Ich stöberte in den Regalen – und hielt auf einmal ein Buch über Lessings Wolfenbüttel in der Hand. Das kaufte ich, und als ich aus dem Laden trat, war die Katze fort.</p><p>Ich hatte nicht mehr viel Zeit und machte mich auf den Weg zum Bahnhof. Doch immer wieder blickte ich mich suchend um, ob nicht doch irgendwo ... Nein, sie war wirklich fort.</p><p>Im Zug schlug ich das Buch auf, und es vergingen keine fünf Minuten, da hatte ich die Katze vergessen. Ich las, daß Lessing bald nach dem Tod seiner Frau den „Nathan“ geschrieben hatte. Und dann, ich traute meinen Augen nicht, las ich, woran sich Lessings Stieftochter Amalia, genannt Malchen, Jahrzehnte später erinnerte:</p><p>„Seine Einsamkeit teilte mit ihm nur sein treues Kätzchen, welches gewöhnlich auf seinem Arbeitstische Platz nahm, und einst, krank wie sein Herr, das kostbare Manuscript des ‚Nathan‘ beschmutzte, ohne daß sich der Dichter die Mühe des abermaligen Abschreibens verdrießen ließ.“</p><p>Als ich aus dem Fenster blickte, verschwanden am Horizont die letzten Häuser von Wolfenbüttel. Aber was ich noch viele Stunden später sah, war Lessings Katze.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/93b5de3f-509a-4702-b7be-ccad546a065d/uploads/images/wcgj2aktd3/Wolfenbuttel_Silhouette.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p>Es ist schon wieder eine Weile her, daß ich in Kamenz war. Dem Kalender nach war es noch Winter, aber als ich in der Frühe erwachte, hörte ich die Vögel singen.</p><p>Das Lessing-Museum hatte mich zu einer Lesung eingeladen, ganz unverhofft, und das gab mir Gelegenheit, einmal wieder durch die Gassen der Stadt zu gehen, in der im Januar 1729 Gotthold Ephraim Lessing geboren wurde. Das Haus gibt es nicht mehr, aber in der Marienkirche steht noch der Taufstein, an dem sein Großvater ihn getauft hat. Als ich im Pfarramt fragte, schloß mir der hilfsbereite Diakon die Kirche auf und zeigte mir den verwitterten Stein und die Epitaphe von Lessings Eltern und Großeltern.</p><p>Erst letztes Jahr hatte ich an Lessings Grab gestanden, auf dem Magnifriedhof in Braunschweig. Auch Johann Joachim Eschenburg liegt dort, der Shakespeare-Übersetzer und Freund, an den Lessing nach dem Tod seiner Frau schrieb. Und vor vier Jahren war ich in Wolfenbüttel in dem Haus gewesen, in dem er die letzten Jahre seines Lebens gewohnt hatte, nur ein paar Schritte von der Herzog August Bibliothek entfernt.</p><p>Viel gab es nicht zu sehen. Die wenigen Ausstellungsstücke lagen in verglasten Schubladen, die man aufziehen mußte, um ihren Inhalt zu betrachten. Man tat das so andächtig, wie im Mittelalter ein Mönch eine Reliquie beäugte. Hätte die Geburtszange hinter der staubigen Scheibe eines Antiquitätenladens gelegen, zwischen alten Büchern und Gerümpel, wäre sie mir nicht aufgefallen. Aber hier stand ich minutenlang davor.</p><p>Später, als ich in einem halbleeren Zug durch die Dämmerung fuhr, holte ich ein Blatt Papier heraus, faltete es, nahm das Buch, in dem ich gelesen hatte, als Unterlage und fing an, ein paar Sätze zu notieren.</p><p>Einige Tage darauf schrieb ich die kleine Geschichte.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/93b5de3f-509a-4702-b7be-ccad546a065d/uploads/images/si4emeci46/IMG_9256.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Das war im Februar 2020, nur wenige Wochen, bevor die Pandemie alles zum Stillstand brachte. In dieser Zeit sah ich manchmal das stille Haus in Wolfenbüttel vor mir. Vor allem die Zange ging mir nicht aus dem Kopf.</p><p>Der Gedanke an sie hatte etwas Schmerzliches, und ich bemühte mich, ihn fernzuhalten von einem anderen Bild, das mir wieder und wieder in den Sinn kam. Es zeigte meine Tochter kurz nach ihrer Geburt, wie sie in den Armen meiner Frau lag. Ihr zarter Kopf, die winzigen Hände. Ein Glücksgefühl durchströmt mich, wann immer ich daran denke.</p><p>Vielleicht reißt mich schon morgen der Tod von hier fort; wer kann das wissen. Doch sollte ich alt werden, so alt und knorrig wie der Baum vor dem Fenster, der nach dem Himmel greift, als wollte er die Wolken pflücken, so alt, daß ich vergesse, wer ich bin, und alles im Dämmer versinkt, was ich je wußte und sah, jede Berührung und jedes Wort – dann wünschte ich, daß dieses Bild mir bleibt.</p><p>Als wir nach Hause fuhren (das erste Mal zu dritt), waren die Straßen voller Menschen. Irgendein Stadtfest war im Gange, und der Taxifahrer hatte Mühe, uns einen Weg durch die Menge zu bahnen.</p><p>Wenn ich im ersten Lockdown daran zurückdachte, kam es mir so vor, als hätte ich das nur geträumt. Es erschien mir so unwirklich angesichts der menschenleeren Stadt. Es war der schönste Frühling, das Sonnenlicht füllte Straßen und Plätze. Doch für das Blühen der Magnolie gab es keine Zeugen. Nur hin und wieder sah man in der Ferne eine Gestalt um die Häuser schleichen: verstohlen und mißtrauisch, maskiert wie ein Räuber.</p><p>Es war in diesen Wochen, als ich mit meiner kleinen Tochter auf dem Lüneburger Marktplatz Fußball spielte. Wo sollten wir sonst hin? Die Spielplätze waren gesperrt, rotweiße Plastikbänder flatterten über Rutsche und Klettergerüst.</p><p>Zu Hause fiel uns die Decke auf den Kopf, trotz all der Bücher, die wir vorlasen, und trotz des Schattentheaters, mit dem meine Frau eine Vorstellung nach der anderen gab. Jeden Tag von neuem setzten wir das große Puzzle zusammen, das die Arche Noah zeigte mit all den Tieren, die fröhlich dem Weltuntergang trotzten.</p><p>Vor dem Rathaus hätten noch viel mehr Tiere Platz gehabt. An Markttagen war das huckelige Pflaster überschwemmt von Blumen und Früchten; ein Farbenmeer, auf dem Inseln aus Honig, Käse, sauren Gurken, Pferdewurst schwammen. Und überall Menschen: ein Gewimmel wie vor dem Eingang eines Bienenstocks. Jetzt war da – nichts. Vielleicht das Plätschern im Lunabrunnen; aber ich glaube fast, auch das Wasser war abgestellt.</p><p>Ich winkte meiner Tochter, sie nahm ein paar Schritte Anlauf und schoß. Der rote Ball mit den weißen Punkten hopste über die Lüneburger Katzenbuckel und blieb im Nirgendwo liegen.</p><p>An Tagen wie diesen stellte ich mir vor, wie Lessing mit seinem kleinen Sohn gespielt hätte, wäre er zu einer anderen Zeit geboren worden, wäre die Zange nicht gewesen und nicht der Tod.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/93b5de3f-509a-4702-b7be-ccad546a065d/uploads/images/div7lmbbcr/Grab_Eschenburg.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Jetzt, vier Jahre später, ging das Leben wieder seinen gewohnten Gang – als hätte es das alles nicht gegeben. Keinen Stillstand, keine rotweißen Absperrbänder, keine Toten in Leichensäcken. Stattdessen: Markttage, Pferdewurst, Bienenstock.</p><p>Als ich von Dresden nach Kamenz fuhr, war die S-Bahn voller Menschen. Ich erinnerte mich, daß es auch beim letzten Mal so gewesen war, im Januar 2011. Der Anlaß dieser Reise war die Verleihung eines kleinen Literaturpreises, den man mir in Lessings Namen zugesprochen hatte.</p><p>Die Laudatio hielt Katja Lange-Müller, und von den vielen schönen Sätzen, die sie wie aus einem Füllhorn über mir ausschüttete, ist mir vor allem einer in Erinnerung geblieben. Er stand am Ende einer Passage, in der sie die Felder aufzählte, auf denen ich mich tummelte, weil ich ja nicht nur schrieb, sondern auch lektorierte, erst eine Zeitschrift und dann Bücher herausgegeben hatte, Lesungen moderierte und anderes mehr.</p><p>Hier Prioritäten zu ermitteln, erklärte sie auf ihre unnachahmliche Weise, das solle man gleich bleiben lassen „und besser beherzigen, was, in solche Verlegenheit gebracht, meine Oma gerne sagte: Der Mensch ist wie eine Arche Noah; es sind alle Tiere an Bord, doch nie sind die auch alle gleichzeitig an Deck.“</p><p>Daran mußte ich denken, als ich jetzt wieder durch die Stadt ging: eine Arche Noah auf zwei Beinen, an deren Reling diesmal der Schreiber lehnte – dreizehn Jahre und ein paar graue Haare älter als der Jungspund bei dem Festakt im Kamenzer Rathaus.</p><p>Die Stürme, die seither über Bord gefegt waren, hatten ihre Spuren hinterlassen und an Illusionen mitgerissen, was sie greifen konnten. Aber immerhin: meine Füße waren noch dieselben. Mühelos fanden sie die Wege, die ich schon damals gegangen war – und entdeckten sogar ein paar neue.</p><p>An dem ziegelroten Rathaus, das an ein venezianisches Palazzo erinnert, ging ich diesmal nur vorbei. Dafür sah ich die Ausstellung im Lessing-Museum, die es beim letzten Mal noch nicht gegeben hatte. Gleich zu Beginn des Rundgangs begegnete ich der Totenmaske wieder, deren bleicher Zwilling in Wolfenbüttel in einer Schublade lag. Nur die Zange fehlte, aber ich vermißte sie nicht.</p><p>Auch eine Katze konnte ich nirgends entdecken. Aber ich hatte ja eine im Gepäck: Als man im Vorfeld gefragt hatte, was ich lesen würde, war man hocherfreut gewesen, als ich die kleine Geschichte erwähnte. Die würde in Kamenz auf offene Ohren stoßen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/93b5de3f-509a-4702-b7be-ccad546a065d/uploads/images/nt2oogj2z5/Lessing_Museum.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Als es Abend wurde, zog ich ein frisches Hemd an und machte mich auf den Weg. Mit der Lessingbüste, die auf einer Stele mit Goldinschrift vor dem Museum stand, hatte ich schon tagsüber Zwiesprache gehalten; jetzt musterte ich sie nur flüchtig.</p><p>Kurz darauf blickte ich in erwartungsvolle Gesichter. Das Wasserglas neben meiner rechten Hand soufflierte mir mit einem Wispern.</p><p>Ich las drei Geschichten sowie ein Kapitel aus meinem noch immer unveröffentlichten Roman „Das Japanische Palais“, in dem von einem anderen Weltuntergang die Rede ist: dem Untergang Dresdens im Bombenhagel 1945. Und dann, ich hatte noch ein paar Fragen beantwortet, vielleicht zu ausführlich, die Uhrzeiger waren schon über alle Berge – las ich „Lessings Katze“.</p><p>Schon nach den ersten Sätzen stand alles wieder vor mir. Das stille Haus mit den Schubladen und der Zange. Lessing, der an Eschenburg schreibt. Die Katze auf dem Stein, die mich neugierig beäugt. Plötzlich begriff ich, daß sie mir noch immer nachging.</p><p>Aber waren es die Straßen von Wolfenbüttel, durch die sie mir folgte? Oder die von Kamenz? Während ich las, kam es mir so vor, als würden die Orte und Zeiten inein­anderfließen wie die Farben eines Gemäldes. Jeden Pflasterstein sah ich vor mir, jede Gasse, durch die ich gegangen war. Als wäre es nur ein Katzensprung zwischen damals und heute, zwischen Wiege und Bahre, zwischen Taufstein und Totenmaske.</p><p>Als ich kurz darauf in die Dunkelheit trat, stand der Mond über den Dächern. Aus einem Schornstein ringelte sich weißer Rauch.</p><p>Wir waren noch keine drei Schritte gegangen, da hörte ich hinter mir ein Geräusch. Die Katze! schoß es mir durch den Kopf. Ich fuhr herum. Aber nichts war zu sehen – und erst recht nicht zu hören. Natürlich nicht! Einen gestiefelten Kater gab es nur im Märchen.</p><p>Ich schüttelte den Kopf und mußte über mich selber lachen. Und als ich noch einmal zu der Büste hinübersah, da war mir, als würden auch Lessings Mundwinkel zucken.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/93b5de3f-509a-4702-b7be-ccad546a065d/uploads/images/czigvwhav2/Lessing_Buste.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p><em>Diese Geschichte habe ich am 19. Mai 2024 an 1310 Leserinnen und Leser verschickt. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten wollen, tragen Sie sich gern hier ein:</em></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">Kostenlos abonnieren</a></p><p><strong>Eine Geschichte wie diese schreibt sich nicht von allein. Um so dankbarer bin ich allen, die mit einer Mitgliedschaft meine freiberufliche Arbeit an „Wolken und Kastanien“ ermöglichen. Das geht schon zum Preis einer Tasse Kaffee im Monat. Wollen auch Sie Unterstützer(in) werden? Das geht hier:</strong></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/about">Unterstützen</a></p><p>Und hier noch eine Einladung – zur freundlichen Beachtung:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/93b5de3f-509a-4702-b7be-ccad546a065d/uploads/images/5jj6nnjkpt/Schreibwerkstatt-Renatus-Deckert_Flyer.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 19 May 2024 05:35:16 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Requiem auf ein Fahrrad]]></title>
      <description><![CDATA[Über frostige Nächte und aufplatzende Knospen, über Abschiede und Schmetterlinge im Bauch, Ostseemuscheln und Eselsohren und warum Tauben Tauben heißen]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über frostige Nächte und aufplatzende Knospen, über Abschiede und Schmetterlinge im Bauch, Ostseemuscheln und Eselsohren und warum Tauben Tauben heißen</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a2924abe-1d63-432c-a75e-3f3194b4c8c7/uploads/images/fassgiyyew/Magnolie_mit_Himmel.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Der Frühling ist da, und es wird Zeit, Abschied zu nehmen. Nicht, daß es mir leichtfiele, jetzt, wo die Sonne wieder aufgetaucht ist aus der Schwärze des Alls, wo die Tage nicht mehr nur aus Morgen- und Abenddämmerung bestehen und man fast hören kann, wie die Knospen unter dem blauen Himmel aufplatzen. Wäre es nicht herrlich, gemeinsam durch diesen Frühling zu fahren: umsummt von Bienen, umflattert von Schmetterlingen?</p><p>Ja, es wäre ein Fest, und was für eins – nach diesem langen Winter mit seiner ewig gleichen Farbpalette, so öde wie eintönig (grau, grau und grau). Es würde uns entschädigen: dich für die vereiste Bremse und frostige Nächte im Fahrradständer, mich für Regen, Wind und Graupel, die mir grimmig die Wangen massierten, wenn wir zusammen unterwegs waren.</p><p>Nicht mal der Schnee, mit dem dieser Winter uns überraschte, konnte uns davon abhalten. Ein paarmal gerieten wir ins Schlingern, aber das war auch schon alles. Stoisch rolltest du durch die verschneite Stadt, als wäre die weiße Straße eine frisch asphaltierte Piste. Ohne zu klagen, brachtest du mich ans Ziel.</p><p>Keine Frage: Den Frühling haben wir uns verdient! Die weiche Luft, die Sonnenstrahlen, all das Grünen und Blühen. Dahinzuradeln, daß es eine Lust ist. Aber so sehr ich es auch wünschte und mich das schlechte Gewissen plagt: Es geht nicht mehr – nicht mit dir. Es ist vorbei.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a2924abe-1d63-432c-a75e-3f3194b4c8c7/uploads/images/3nsp6cyyic/Rad_im_Schnee.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Dieses Knarzen, wenn ich in die Pedale trat: im Laufe des Winters war es immer – ja: noch knarziger geworden. Dazu ein Hundewelpenfiepen, das von den Bremsen kam, aber auch dann zu hören war, wenn ich gar nicht bremste. Schon lange brauchte ich keine Klingel mehr, um die auf ihre Telefone starrenden Passanten von der Straße zu scheuchen. Sie stoben auch so zur Seite: erschrocken, ja panisch, als näherte sich ihnen eine Straßenwalze.</p><p>Nur die Tauben ignorierten mich geflissentlich. Nickend trippelten sie vor mir her, als gehöre die Straße ihnen. Kein Knarzen und kein Geratter brachte sie dazu, das Köpfchen zu drehen. Hießen sie deshalb Tauben?</p><p>Auch mich störten die Geräusche nicht. So wenig wie der Rost am Lenker, an der Kette, an den Speichen. Aber als das Fiepen immer flehentlicher wurde, begann ich doch, mir Sorgen zu machen. Nicht, daß ich viel von diesen Dingen verstehe, aber zumindest eins hat mich das Leben gelehrt – daß alles miteinander zusammenhängt. Und tatsächlich: Das Knarzen war nur ein Symptom, dessen Ursache wenig Raum für Hoffnung ließ. Um es kurz zu machen (und im Fahrradladen machten sie es sehr kurz): Das Getriebe war hin.</p><p>Es war in diesen Tagen, als mir eine Stelle im „Parzival“ einfiel, die mich als Kind beeindruckt hat. Während ich durch den Februarnebel fuhr, den rostigen Lenker vor Augen, mußte ich plötzlich daran denken. Für die Geschichte war das kleine Detail ohne Belang, Wolfram von Eschenbach hatte es dennoch nicht ausgespart: Sobald sich die Ritter aus ihrer Rüstung gezwängt haben, waschen sie sich den Rost von Gesicht und Händen.</p><p>Ich weiß schon, warum mir die Sache nachging. Der Rost und der Schweiß als die Kehrseite der glänzenden Heldentaten – das leuchtete mir ein. Was mich als Kind an den kommunistischen Helden verstörte, das war ihre Sauberkeit, nicht zuletzt in moralischer Hinsicht. Schon in der Schule hatten sie ihre Pausenbrote mit den Ärmsten geteilt. Und daß sie die besseren Noten hatten (kein Vergleich mit meinen), verstand sich von selbst. Im Grunde waren sie Heilige.</p><p>Was ich damals nur ahnte, wurde mir später zur Gewißheit: Viele von ihnen hatten Dreck am Stecken. An ihren Händen klebte nicht bloß Rost, sondern Blut.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a2924abe-1d63-432c-a75e-3f3194b4c8c7/uploads/images/rtymc7vgc5/IMG_5185.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Nein, den Rost brauchte ich mir nicht abzuwaschen, wenn ich irgendwo ankam. Ich war ja auch kein Ritter. Und das Scheppern meines Fahrrads auf den Lüneburger Pflastersteinen hatte schon gar nichts Heldenhaftes. Die Blicke, die ich damit auf mich zog, waren eher mitleidig als bewundernd.</p><p>Nicht ganz zu Unrecht: Von Woche zu Woche fiel es mir schwerer, in die Pedale zu treten. Schon bald mußte ich so viel Kraft aufwenden, daß ich bei der kleinsten Steigung ins Schwitzen kam (gar nicht so einfach im flachen Norden). Was auch immer ich versuchte: es half nicht viel. Selbst die letzte Ölung versagte – aber die ist ja auch nicht dafür gedacht, Sterbende wieder zum Leben zu erwecken. Und ans Sterben ging es tatsächlich.</p><p>„Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen! / Und einen Herbst ...“ Ach, Hölderlin! Der Sommer würde es bestimmt nicht werden. Selbst die Vorstellung, gemeinsam durch den Frühling zu radeln, war utopisch. Nein, es ging zu Ende, ich spürte es in diesen letzten Wintertagen. Aber ein wenig wollte ich ihn noch hinauszögern, knarzend und scheppernd, fiepend wie ein Korb voller Hundewelpen – den Abschied für immer.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a2924abe-1d63-432c-a75e-3f3194b4c8c7/uploads/images/sqodnu2nph/IMG_5597.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Warum fällt es mir so schwer loszulassen? Abschied zu nehmen von Menschen und Orten. Von Dingen, die mich eine Zeitlang begleitet haben: die mir gehören und denen ich gehöre.</p><p>Ich weiß noch, wie ich als Kind in einem der unergründlichen Schränke unseres Kinderzimmers auf eine Tüte mit Muscheln stieß. Sofort fiel mir der Urlaub in Graal-Müritz wieder ein. Den halben Ostseestrand hatte ich aufgesammelt, um ihn am Ende der Ferien mit nach Hause zu nehmen. Zwei oder drei Sommer war das her. Jetzt lagen die Muschelschalen grau und glanzlos auf meiner Hand, manche in winzige Splitter zerbrochen. Sollte ich sie aufheben? Ein paar vielleicht, aber doch nicht alle.</p><p>Nur: was sollte mit den übrigen geschehen? Sollte ich sie unten im Hof in einen Aschekübel kippen? Unmöglich! Sie gehörten nicht nach Dresden, wo weit und breit kein Meer rauschte, sondern an den Strand, an den die Ostsee sie angespült hatte.</p><p>Damals legte ich mir einen Plan zurecht. Wenn wir das nächste Mal an die Ostsee fuhren, würde ich die Tüte mitnehmen. Und tatsächlich: Im Sommer darauf schmuggelte ich sie in einem unbeobachteten Moment in den vollgepackten Kofferraum unseres Trabis.</p><p>Und dann, eines Morgens, noch waren nicht viele Menschen am Strand, die Sandburgen von gestern hatte die Nacht geschleift, und wie ein kostbares Törtchen in der Kuchenvitrine lag eine violett schimmernde Qualle im nassen Sand – da holte ich die Tüte heraus und schüttete die Muscheln wieder in die Ostsee.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a2924abe-1d63-432c-a75e-3f3194b4c8c7/uploads/images/xxtam6jffm/Sandstrand.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Was ist das? Und wo kommt das her: diese Empathie gegenüber Dingen, als wären sie fühlende Wesen?</p><p>Neulich erzählte mir eine Frau von ihrer Mutter, die 1945 als Kind aus Breslau fliehen mußte. Einmal, als sie ihr in der Küche beim Puddingkochen zusah, bemerkte sie folgendes: „Sie riß die Packung auf und schüttete das Puddingpulver in den Topf mit der Milch. Danach warf sie die abgerissene Papierecke nicht etwa weg, sondern legte sie in das leere Tütchen.“</p><p>Als sie ihre Mutter darauf ansprach, sagte die, sie wolle nicht, daß sich die beiden Teile des Tütchens verlieren. „Das machte sie seit der Flucht so. Damals war es ihre größte Angst gewesen, die geliebte Mutter auf den tagelangen Fußmärschen zu verlieren.“</p><p>Je länger ich darüber nachdenke, um so mehr Verhaltensweisen fallen mir ein, die womöglich auf Erfahrungen und Traumata aus Kriegszeiten beruhen. Verwandte oder Bekannte haben mir davon erzählt. Oft wurden sie an die nachfolgende Generation vererbt, so daß man ihre Herkunft nur erahnen kann.</p><p>Ich denke an meinen Dresdner Großvater, der 1945 half, die Bücher der Sächsischen Landesbibliothek aus dem Keller des ausgebrannten Japanischen Palais zu retten. Auf Leiterwagen zogen er und die anderen Bibliothekare zigtausende Bände durch die Trümmerwüste. Daß er, als ich ihn Jahrzehnte später kennenlernte, größten Wert darauf legte, daß auch wir achtsam mit Büchern umgingen – wen wundert es, nach dieser Erfahrung?</p><p>Keine Frage: Die Liebe zu Büchern haben mein Vater, meine Brüder und ich von ihm. Den Drang, Dinge zu bewahren. Die Sorgfalt, mit der wir ein Buch anfassen: oft schon hat sie mir verwunderte Blicke eingetragen. In Bücher hineinschreiben? Den Buchrücken brechen? Eselsohren? Undenkbar für einen Deckert! Wahrscheinlich ist es ein fernes Echo auf das, was damals mit den Bibliotheksbüchern geschah.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a2924abe-1d63-432c-a75e-3f3194b4c8c7/uploads/images/r5a3rxa42a/IMG_7664.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Etwas bewahren wollen. Nicht loslassen können. Vermutlich sind es zwei Seiten einer Medaille. So wichtig es mir ist, schreibend festzuhalten, was sonst in Vergessenheit geriete, so schwer fällt es mir, mich von Dingen zu trennen, weil sie überzählig sind oder ausgedient haben.</p><p>Mein altes Fahrrad, das mich jahrein, jahraus über das Lüneburger Holperflaster getragen hat, über Stock und Stein, Schnee und Eis. Ist es nicht grob undankbar, wenn ich es jetzt einfach an einer Straßenlaterne stehenlasse (für den Fall, daß es doch noch jemand gebrauchen kann) oder dem Sperrmüll überantworte? Nicht, daß ich ihm einen Namen gegeben hätte, so wie meine Tochter, die ihr Fahrrad nach einem bei kleinen Mädchen hochberühmten Pferd getauft hat. Aber ein wenig hängt mein Herz eben doch daran.</p><p>„Es ist schon alt“, tröstet mich meine Frau, die über größere Ressourcen an Pragmatismus verfügt. Schon im Winter half mir ihr Realitätssinn aus der Not. Als das Fahrradschloß einfror und danach nicht mehr funktionierte, drückte sie mir das Zahlenschloß des alten Kinderrads in die Hand. „Aber“, wandte ich ein, „das kann man ja mit der Zange durchknipsen.“ Sie winkte ab. „Die alte Mühle klaut doch keiner.“</p><p>Natürlich hatte sie recht: Kein Mensch vergriff sich an meinem Rad, obwohl es nachts monatelang draußen stand. Das Wertvollste an ihm war ja auch der Regenschutz für den Sattel.</p><p>Wobei – ganz so einfach ist es auch wieder nicht. Wie lautet der Satz von Montaigne, der mich schon seit einer Weile begleitet? „Die Dinge haben nicht ihr eigenes Gewicht, sondern das, welches wir ihnen geben.“</p><p>Erst neulich habe ich daran denken müssen, als ich las, daß im Sommer 1605, als im Südwesten Grönlands ein dänisches Schiff vor Anker ging, die herbeigepaddelten Inuit ihre Fuchs-, Eisbär- und Seehundfelle nicht gegen Gold und Silber tauschen wollten, wohl aber gegen alte Eisennägel und Nadeln.</p><p>Die Dänen waren hocherfreut über das gute Geschäft, das sie machten. Sie glaubten, die „Wilden“ übervorteilt zu haben. Aber die Inuit hatten ihre Wahl ganz bewußt getroffen. Nur bemaßen sie den Wert eines Gegenstands nicht an einer abstrakten Währung, sondern daran, wie nützlich er ihnen in ihrem beschwerlichen Alltag war.</p><p>Für einen Dieb ist mein Fahrrad keine Verlockung. Wertlos ist es dennoch nicht – nicht für mich. Erinnerungen hängen an ihm. Ich denke an all die Fahrten durch die Stadt, zur Bibliothek hinaus oder ins Grüne. An das in den Gassen schallende Weihnachtslied, das meine Tochter singt, wenn wir im Frühling zur Schule radeln. An das vertraute Knarzen, wenn ich zu ungestüm in die Pedale trete. An die Schmetterlinge in meinem Bauch.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a2924abe-1d63-432c-a75e-3f3194b4c8c7/uploads/images/gkkkfjkkf5/IMG_8583.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Die Schmetterlinge? Na gut, vielleicht waren es auch kleine Mücken. Wenn ich im Sommer zum Yoga sauste, flogen sie mir in den Mund, und ehe ich es mir versah, hatte ich sie hinuntergeschluckt. Manchmal stellte ich mir vor, wie sie hilflos durch meinen Magen taumelten wie der Graf von Monte Christo durch sein finsteres Verließ. Ich wünschte, sie würden mir verzeihen, doch angesichts ihrer hoffnungslosen Lage erschien mir das nicht sehr wahrscheinlich.</p><p>Der Gedanke an sie verfolgte mich bis in den Schlaf. Ich erinnere mich an einen Traum. Es war Nacht, im Fenster stand weiß und voll der Mond. Plötzlich sah ich mich selbst: schlafend, und aus meinem Mund, der leicht geöffnet war, flogen kleine Schmetterlinge.</p><p>Ob ich auch von meinem Fahrrad träumen werde? Unwahrscheinlich ist das nicht. Aber zunächst steht mir, steht uns ja der Abschied bevor. In ein paar Tagen, ein paar Wochen ...</p><p>Ich weiß nicht, wie es sein wird, wenn es soweit ist. Werde ich ihm zärtlich über den Sattel streichen, noch einmal seinen Lenker tätscheln, ihm einen letzten Dank zuflüstern? Werde ich mich noch einmal nach ihm umdrehen, die Hand zum Gruß erhoben? Bevor ich mich endlich auf den Weg mache: zu Fuß oder vielleicht schon auf einem anderen Fahrrad – das Platzen der Knospen im Ohr, den blauen Himmel über mir.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a2924abe-1d63-432c-a75e-3f3194b4c8c7/uploads/images/xk7elkjy7b/Magnolie_Zweig.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p><em>Diese Geschichte habe ich am 14. April 2024 an 1275 Leserinnen und Leser verschickt. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten wollen, tragen Sie sich gern hier ein</em>:</p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">Kostenlos abonnieren</a></p><p><strong>Eine Geschichte wie diese schreibt sich nicht von allein. Um so dankbarer bin ich allen, die mit einer Mitgliedschaft meine freiberufliche Arbeit an „Wolken und Kastanien“ ermöglichen. Das geht schon zum Preis einer Tasse Kaffee im Monat. Wollen auch Sie Unterstützer(in) werden? 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      <pubDate>Sun, 14 Apr 2024 05:15:02 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[Seine Hände so weiß]]></title>
      <description><![CDATA[Über Noten und Fäuste, ein Stück Kohle zur Klavierstunde und das morgendliche Stakkato hinter der Wand, über Arthur Rubinstein und ein Pogrom in den Straßen von Lodz]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über Noten und Fäuste, ein Stück Kohle zur Klavierstunde und das Stakkato hinter der Wand, über Arthur Rubinstein und ein Pogrom in den Straßen von Lodz</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/693a141b-964e-4537-b2ce-6f852e8ada3a/uploads/images/2gksbcbg2c/Klaviertasten_Czajka.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Wann immer ich diese Klänge höre, muß ich daran denken, wie Glenn Gould vor jedem Konzert seine Hände in heißes Wasser tauchte. Diese großen, weißen Hände, die sein Kapital waren als Pianist – auch wenn er einmal sagte: „Klavier spielt man nicht mit den Händen, sondern mit dem Kopf.“ Aber er konnte ja nicht seinen Kopf in heißes Wasser halten. Eine halbe Minute vielleicht, aber nicht eine Viertelstunde.</p><p>Nein, es stimmt nicht. An die Hände denke ich erst später. Zuerst sind da diese Klänge, die mich innerlich ganz still werden lassen. Die Klänge und jener eigentümliche Singsang, ein Summen oder Raunen, das die Melodie begleitet wie ein Schatten. Ich schließe die Augen und lausche, und für eine Weile verschwindet alles andere aus meinem Bewußtsein.</p><p>Ich weiß nicht mehr, wann ich diese Aufnahme der Goldberg-Variationen zuerst gehört habe. Es muß dreißig Jahre her sein. Ich erinnere mich, wie wir in jugendlichem Eifer diskutierten, welche Einspielung die bessere ist: die des jungen Glenn Gould, der in halsbrecherischem Ungestüm über die Tasten fegt, oder die des älteren, der sich Zeit läßt und jede einzelne Note mit Bedacht spielt, als würde er meditieren.</p><p>Wir redeten uns die Köpfe heiß, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Nur einmal waren wir alle stumm vor Erstaunen. Das war, als jemand zwei Zahlen in die Runde warf: Während Gould sich im Jahr vor seinem Tod 51:15 Minuten Zeit ließ, brauchte der Zweiundzwanzigjährige gerade einmal 38:27 Minuten.</p><p>Schon damals war mir die spätere Einspielung näher als die atemlose frühe. Aber ganz gleich, welche Aufnahme ich hörte: Jedesmal mischte sich in die Bewunderung ein leiser Schmerz. Wie gern hätte auch ich Klavier gespielt.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/693a141b-964e-4537-b2ce-6f852e8ada3a/uploads/images/ayla6h4z2t/Sonate_Beethoven.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Versucht hatte ich es – aber nie auch nur im entferntesten etwas zuwege gebracht, was man Klavierspielen hätte nennen können. Zum Mißfallen der Lehrerin, die ich einmal in der Woche für eine Stunde aufsuchte, und das jahrelang. Sie hieß Frau Kummer, und mehr muß man vielleicht nicht sagen.</p><p>Oder doch? Es blieb ja nicht bei Kummer. Jedesmal, wenn ich mich ihrem karg eingerichteten Zimmer im zweiten Stock der Kreuzschule näherte (das Schachbrettmuster des Flurbodens, hinter der Tür das abgetretene Linoleum), fürchtete ich schon die säuerliche Miene, mit der sie meine stockend vorgetragenen Tonfolgen quittieren würde. Und tatsächlich: Von Kummer konnte bald keine Rede mehr sein. „Siehsde mich de Fäusde balln?“ fauchte es von dem Stuhl neben mir.</p><p>Es waren stets dieselben Worte, mit denen sie ihrem Ärger Luft machte und mein Geklimper unsanft unterbrach. Ein banger Seitenblick erspähte Fäuste, zu einem Strich zusammengekniffene Lippen, ein Funkeln hinter dicken Brillengläsern. Nicht, daß sie die Fäuste jemals benutzt hätte. Aber schon ihr Anblick kränkte mich zutiefst. Hätte Frau Kummer gewußt, daß ich nicht eine Minute geübt hatte – mein tapferes Improvisieren hätte ihr Ausrufe der Bewunderung entlocken müssen!</p><p>Ach was, ich war kein Glenn Gould. Wenn ich mich einem Klavier näherte, sahen mich die Tasten an wie gefletschte Zähne. Sie werden schon gewußt haben, warum. Und sie hatten ja recht: Ich wollte lieber Bücher lesen, statt am Unmöglichen zu scheitern.</p><p>Übung macht den Meister? Mag sein. Aber es gehört schon noch etwas mehr dazu. Nennen wir es Talent, Begabung, wie auch immer. Ich hatte es nicht – und das wußte ich.</p><p>Hätte ich es gehabt, wäre ich hier richtig gewesen. In der Schule und im Internat gab es ein Dutzend Übezimmer, in denen es nach Staub und Schweiß roch. Vier kahle Wände, ein Klavier, ein Stuhl. Man konnte sich ganz aufs Klavierspielen konzentrieren. Dreimal in der Woche sah mein Stundenplan am Nachmittag eine halbe Stunde Übezeit vor. Irgendwann fühlte ich mich beobachtet, und als ich mich umdrehte, erblickte ich im Türspalt den Kopf einer Klavierlehrerin, die nachsah, ob ich auch wirklich übte.</p><p>Zumindest tat ich so. Angespannt suchte ich Fingersätze und Tasten zusammen, entschlüsselte die wie immer viel zu vielen Vorzeichen, schichtete Töne zu Akkorden und vergaß auch nicht den Rhythmus. Doch kaum war sie fort, vertiefte ich mich wieder in das Buch, das ich unter den Noten versteckt hatte. Mein Fuß auf dem Pedal zögerte die unaufhaltsam eintretende Stille noch ein paar Sekunden hinaus.</p><p>Ein schlechtes Gewissen hatte ich nur, wenn meine Mutter erzählte, daß sie als Kind zur Klavierstunde ein Brikett mitbringen mußte, damit ihr Lehrer das Zimmer heizen konnte. Das war in Gera gewesen, ein paar Jahre nach dem Krieg. Sogar an den Namen des Lehrers erinnerte sie sich: Herr Marenholz.</p><p>Den Unterricht teilte sie sich mit ihrem nächstjüngeren Bruder, jeder hatte eine halbe Stunde. Das Mädchen vor ihr brachte zwei oder sogar drei Briketts mit, dafür durfte sie ein paar Minuten länger spielen. „Aber“, sagte meine Mutter achselzuckend, „wir waren ja arm. Der Vater war im Krieg gefallen, und unsere Mutter mußte sich um sechs Kinder kümmern.“</p><p>Wie gern hätte auch ich mir die Klavierstunde mit einem meiner Brüder geteilt; so wäre sie schneller vorübergegangen. Freilich hätte es dann noch einen weiteren Zeugen gegeben für mein jämmerliches Spiel.</p><p>Aber öfter noch mußte ich an das Stück Kohle denken. Ich stellte mir vor, daß meine Mutter das in Zeitungspapier eingewickelte Brikett trug und ihr Bruder die Notentasche. Und ich fragte mich, ob sie es auf dem kurzen Weg von der Schillerstraße gleich in der Hand behalten hatte. Ob Herr Marenholz, während sie die Hände wusch, das Brikett in den leeren Kohleneimer plumpsen ließ oder ob er gleich die Ofentür öffnete und es mitsamt dem Papier ins Feuer warf.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/693a141b-964e-4537-b2ce-6f852e8ada3a/uploads/images/g35teesrop/Tasten_Draufsicht.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Wenn ich überlege, wann meine Mutter mir das erzählt hat, fällt mir die Wohnung in der Dresdner Neustadt ein, in der wir in den achtziger Jahren lebten. Auch wir heizten noch mit Kohlen, deshalb hatte ich keine Mühe, mir das Mädchen vorzustellen, das mit einem Brikett zur Klavierstunde geht.</p><p>Nur ein paar Armlängen entfernt von dem Kachelofen, an den ich im Winter vor dem Schlafengehen meine nackten Füße hielt (das Kinderzimmer wurde nicht geheizt), stand das Klavier, dessen bloße Anwesenheit auf mich wie eine stetige Ermahnung wirkte. So wie die tägliche Frage meines Vaters: „Hast du schon geübt?“</p><p>Es muß in den Ferien gewesen sein, denn das Schuljahr über war ich ja im Internat und nur am Wochenende daheim. An diesen Tagen weckte mich morgens ein vertrautes Geräusch. Nein, kein Klavierspiel erfüllte die Wohnung, sondern das Stakkato einer Schreibmaschine. Mein Vater tippte die Predigt, die er am Sonntag hielt. Er tippte Gemeindebriefe, Gottesdienstordnungen, Fürbitten und einmal einen Brief an die Dresdner Verkehrsbetriebe, weil man mich beim Schwarzfahren erwischt hatte.</p><p>Mit angehaltenem Atem lauschte ich auf das Geräusch hinter der Wand, so als könnte ich durch bloßes Hören herausfinden, was er schrieb. Nur hin und wieder wurde es still: mal für ein paar Sekunden (neue Zeile), mal für eine halbe Minute (Nachdenken). Danach ging es mit einer Vehemenz weiter, als gelte es, die versäumte Zeit so rasch wie möglich aufzuholen.</p><p>Um meinen Vater zu sehen, brauchte ich nicht aufzustehen. Ich hatte ihn vor Augen, wie er Tag für Tag an seiner Schreibmaschine saß. Der abwesende Blick, der höchste Konzentration verriet; die Lippen leicht geöffnet, als würden sie gleich nach einer Formulierung schnappen. Die Hände so groß, daß meine eigenen mühelos darin verschwanden.</p><p>Ich mochte es, wenn die Glastür des Wohnzimmerschranks vibrierte und unter dem Vorwärtsschnellen der Typenhebel ein Buchstabe nach dem anderen auf dem Papier erschien. Buchstaben, die Wörter bildeten. Wörter, die sich zu Sätzen fügten. Sätze, die aussahen wie gedruckt, was ihnen etwas Endgültiges gab, sie unangreifbar machte, unumstößlich – und das genaue Gegenteil war von meinem Gekrakel.</p><p>Ich weiß nicht, wie alt ich war, als ich meinen Vater überredete, mich an seine Schreibmaschine zu lassen. Er spannte ein weißes Blatt ein und zeigte mir, wie es funktionierte und worauf ich zu achten hatte. Als ich den ersten Buchstaben tippte, war der Abdruck auf dem Papier kaum zu sehen.</p><p>Ich tippte den zweiten und den dritten, das erste Wort, das zweite, dann den ersten Satz. Noch waren die Buchstaben hellgrau, als wäre das Farbband am Ende; aber schon beim zweiten Satz waren sie dunkelgrau und schärfer konturiert. Ich schrieb den nächsten Satz und den übernächsten; hin und wieder vertippte ich mich. Doch als es Abend wurde, sahen die Sätze fast so aus, als hätte mein Vater sie geschrieben.</p><p>Eine Zeitlang spielte ich noch Klavier, ballte Frau Kummer die Fäuste, las ich in der Übezeit heimlich Bücher. Das eine oder andere Stück gelang mir sogar ganz leidlich. Aber keine Spur von dem Glücksgefühl, das ich empfand, wenn ich mit der Schreibmaschine die Glastür des Wohnzimmerschranks zum Vibrieren brachte.</p><p>Ich erinnere mich an meine Erleichterung, als ich Frau Kummer zum letzten Mal die Hand gab. Das Bedauern, nicht Klavier spielen zu können, nicht Bach, nicht Chopin, ja nicht einmal einen Schlager der Comedian Harmonists – es kam erst später.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/693a141b-964e-4537-b2ce-6f852e8ada3a/uploads/images/rzgbm44f3b/Schreibmaschine_Erika.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Kürzlich erzählte mir eine Frau in Leipzig von einem Klavierkonzert, das sie vor vielen Jahren erlebt hatte. Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen. Wir hatten uns getroffen, um über ihren Fluchtversuch aus der DDR zu sprechen, ihre Verhaftung an der Friedrichstraße und ihre Zeit im Stasi-Gefängnis. Vielleicht hatte sie manchmal, wenn sie schlaflos auf ihrer Pritsche lag, daran gedacht.</p><p>Das Konzert fand in Prag statt, in den sechziger Jahren. Eine tschechische Freundin hatte Stehplätze besorgt; alles andere wäre unbezahlbar gewesen. Am Flügel saß Arthur Rubinstein, einer der größten Pianisten seiner Zeit. „Und dieser kleine Mann in dem großen Saal“, erinnerte sie sich, „spielte Chopin – aber so begnadet und schön!“ Sie sah aus dem Fenster und schüttelte den Kopf, als könnte sie es noch immer nicht fassen.</p><p>Als das Konzert zu Ende war, bildete sich im Vorraum zur Künstlergarderobe eine Menschentraube. Immer mehr Zuhörer strömten herbei, um noch einen Blick auf den Pianisten zu erhaschen. Als Rubinstein erschien, tauchte er ein in eine Wolke von Ehrfurcht und Enthusiasmus.</p><p>Doch als ihn jemand um eine Unterschrift bat, wich er kaum merklich zurück. Er hob seine Hände mit den langen weißen Fingern. „Bitte verstehen Sie: Wenn diese Hände zwei Stunden lang Chopin gespielt haben, können sie keinen Stift mehr halten. Bitte haben Sie Verständnis!“</p><p>Es war so still, daß man von draußen das Quietschen einer Straßenbahn hörte. Alle hatten Verständnis. Alle gingen leise wieder hinaus. </p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/693a141b-964e-4537-b2ce-6f852e8ada3a/uploads/images/xsyrqrio62/Klaviertasten_schrag.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Sucht man im Internet nach Arthur Rubinstein und fügt das Wort Hände hinzu, stößt man auf ein Schwarzweißfoto aus dem Jahr 1966. Darauf sieht man, wie der Pianist seine Hände in die Kamera hält – aber nicht abwehrend, sondern um sie zu zeigen. Offenbar hatte der Fotograf, Ben Martin, ihn darum gebeten. Dafür spricht auch die Bildbeschreibung: „Arthur Rubinstein, Pianist, zeigt die Schwielen an seinen Fingern“.</p><p>Rubinstein starb im Dezember 1982, seine Asche wurde in Jerusalem beigesetzt. Aber seine Hände gibt es noch immer – als golden glänzende Abgüsse, die in einer Glasvitrine im Stadtmuseum von Lodz aufbewahrt werden. In Lodz, 130 Kilometer südwestlich von Warschau, wurde Rubinstein 1887 geboren; damals stand die Stadt unter russischer Herrschaft. In seinen Erinnerungen spricht er von Polen als „diesem ewigen Schlachtfeld Europas, so oft gewaltsam geteilt und nie sich des Friedens erfreuend“.</p><p>Lese ich den Namen Lodz, habe ich die rostige Inschrift am Bahnhof Grunewald vor Augen. Als in Berlin die Deportationen begannen, im Herbst 1941, fuhren die ersten vier Züge nach Lodz, das die Deutschen in Litzmannstadt umbenannt hatten. Für viertausend Berliner Juden war es eine Reise in den Tod. Wer nicht im Ghetto starb, wurde in Kulmhof und Auschwitz ermordet.</p><p>Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Lodz 223 000 Juden. Von Warschau abgesehen, gab es in keiner anderen Stadt in Europa so viele Juden. Die Zahl der Überlebenden wird auf fünf- bis achttausend geschätzt. Auch Rubinsteins Familie wurde ausgelöscht.</p><p>„Nach dem Krieg habe ich ihn einmal sagen hören, daß hundert Familienmitglieder umgekommen seien“, hat Rubinsteins Tochter Eva nach seinem Tod erzählt. „Über solche Dinge“, fügte sie hinzu, „haben wir nie gesprochen. Es war wohl zu schmerzlich, und wahrscheinlich empfand er eine Überlebensschuld. Wir konnten emigrieren, weil er berühmt war. Wäre er unbekannt gewesen, hätten wir all das vielleicht nicht überstanden.“</p><p>Niemals wieder ist Rubinstein in Deutschland öffentlich aufgetreten, obwohl man ihn geradezu bekniete. Überall in Europa gab er Konzerte, nicht aber in Deutschland.</p><p>Im November 1965 spielte er in Straßburg; an diesem Tag gab er dem Südwestrundfunk ein Interview. Er sitzt an einem Flügel, die Hand auf dem Notenpult; im Hintergrund sieht man Reihen leerer Stühle. „Wieviele leben noch, die sehr schuldig sind?“ sagt er in nahezu akzentfreiem Deutsch. „Es sind doch hunderte, tausende – die sind doch da! Die sind doch nicht alle getötet worden oder gestorben oder verschwunden oder im Gefängnis. Wenn ein einziger von diesen Leuten im Konzertsaal wäre: ich würde sterben vor Scham.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/693a141b-964e-4537-b2ce-6f852e8ada3a/uploads/images/w3irgpg76w/Berlin_Lodz.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Als seine Verwandten in den Vernichtungslagern ermordet wurden, war Rubinstein schon in Amerika. Nachdem die Wehrmacht Polen überfallen hatte, war er Hals über Kopf aus Paris geflohen, wo er seit zwanzig Jahren gelebt hatte. „Jeder von uns durfte nur einen Koffer mitnehmen“, erinnerte sich seine Tochter später. Was zurückblieb, plünderten nach ihrem Einmarsch die Nazis.</p><p>Schon im Ersten Weltkrieg hatte Arthur Rubinstein gelernt, die Deutschen zu fürchten. Und als Kind in Lodz, es muß um das Jahr 1894 gewesen sein, hatte er den Haß erlebt, der Juden entgegenschlug. In seinen Erinnerungen schildert er, wie er auf dem Heimweg von der Schule ein Pogrom erlebte.</p><p>Aus einer Seitenstraße sei plötzlich ein Trupp Berittener gestürmt: Nagaikas schwingend, die aus Lederstreifen geflochtene Peitsche der Kosaken. Auf kleinen Araberpferden, die Kappe keck auf einem Ohr, hätten sie sich wie rasend auf die Menge geworfen und unbarmherzig auf jeden eingeschlagen; „und als die verzweifelt schreienden Opfer um ihr Leben liefen, gingen die Kosaken auf harmlose Zuschauer los, meist alte Juden im Kaftan, und mißhandelten sie grausam. Dann zertrümmerten sie Schaufenster. Blut floß über die Straße.“</p><p>Rubinsteins Bericht endet mit einem Satz, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht, seit ich ihn das erste Mal gelesen habe: „Als alles vorbei war, gingen wir heim, den Tod im Herzen, im Gedächtnis unauslöschlich die Bilder des Grauens.“</p><p>Offenbar hatte der Siebenjährige alles mit angesehen, verborgen im Dunkel eines Hauseingangs, in den er und seine Mitschüler sich geflüchtet hatten.</p><p>Ich stelle mir vor, wie er später sein Versteck verließ – schreckensbleich, nur einen Gedanken im Kopf: fort von hier! Daß er wirklich gegangen ist, kann ich mir nicht denken. Wahrscheinlich ist er gerannt wie der Wind.</p><p>Ich sehe ihn auf dem Weg nach Hause: noch immer das Blut vor Augen, die Schreie der Sterbenden im Ohr. Ich weiß nicht, ob Tränen über sein Gesicht laufen oder ob er die Zähne zusammenbeißt, als könnte er dadurch seine Angst bezwingen.</p><p>Ich sehe die schmale Brust, die sich hebt und senkt. Die Arme, die Beine, wie sie bei jedem Schritt durch die Luft wirbeln. Seine Hände so weiß: wie kleine flatternde Vögel.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/693a141b-964e-4537-b2ce-6f852e8ada3a/uploads/images/47hhglbx75/Noten.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p><em>Diese Geschichte habe ich am 17. März 2024 an 1252 Leserinnen und Leser verschickt. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten wollen, tragen Sie sich gern hier ein:</em></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">Kostenlos abonnieren</a></p><p><strong>Eine Geschichte wie diese schreibt sich nicht von allein. Um so dankbarer bin ich allen, die mit einer Mitgliedschaft meine freiberufliche Arbeit an „Wolken und Kastanien“ ermöglichen. Das geht schon zum Preis einer Tasse Kaffee im Monat. Wollen auch Sie Unterstützer(in) werden? 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      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/693a141b-964e-4537-b2ce-6f852e8ada3a/uploads/images/2gksbcbg2c/Klaviertasten_Czajka.jpeg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Sun, 17 Mar 2024 06:40:03 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[Die Puppe]]></title>
      <description><![CDATA[Über eine Berliner Nacht im März 1943, den roten Himmel über der brennenden Stadt, einen zerbrochenen Puppenkopf und die Schrecken der Kindheit, die nie vergehen]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über eine Nacht im März 1943, den roten Himmel über der brennenden Stadt, einen zerbrochenen Puppenkopf und die Schrecken der Kindheit, die nie vergehen</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/171eaa2d-da37-4da7-ad11-36a09320f674/uploads/images/v2527tzvue/Puppe.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Ich kann jetzt gar nicht nach Hause gehen. Diese Geschichte, die Sie vorgelesen haben, die hat mich richtig aufgewühlt.</p><p>Sie sind ja noch jung. Aber ich habe das alles erlebt. Ich habe viel vom Krieg gesehen. Als die Russen kamen, sind wir auch geflohen. Bis sie uns eingeholt haben.</p><p>Wie alt ich war? Na, lassen Sie mich mal rechnen. Geboren 1936, im November. Das heißt, da war ich acht. Da kriegt man schon was mit.</p><p>Manchmal denke ich, ich hätte jünger sein sollen. Bloß ein paar Jahre. Dann hätte ich diese ganzen Bilder nicht im Kopf. Aber wer weiß. Kinder kriegen ja immer mehr mit, als man denkt. Neulich haben sie gesagt, daß sogar die ungeborenen Kinder was mitkriegen. Die Ängste, die die Mutter aussteht. Also, wahrscheinlich hätte es mir auch nichts genützt. Ich würde mich trotzdem erinnern.</p><p>Aber manchmal will ich einfach nicht mehr. Als Sie die Geschichte gelesen haben, ist eine Frau rausgegangen. Haben Sie das bemerkt? Ich glaube, die wollte auch nicht mehr. Ich versteh das. Es gibt Tage, da ertrage ich das nicht.</p><p>Wissen Sie, Krieg ist so etwas Furchtbares. Ich kann gar nicht hinsehen, wenn sie das im Fernsehen zeigen. Was jetzt in der Ukraine passiert. Diese armen Menschen! Haben Sie den Mann gesehen, mit seinem Fahrrad? Der lag tot auf der Straße. Den haben sie erschossen, am hellichten Tag. Einfach so. Ich komm da gar nicht drüber weg. Vielleicht wollte er ein Brot kaufen, und die Frau hat auf ihn gewartet.</p><p>Und die Kinder! Wenn man in diese Gesichter blickt: wie ernst die schauen. Wenn ich das sehe, kann ich gar nicht mehr schlafen. Als das losging, lag ich die ganze Nacht wach. Ich habe gezittert, ich konnte gar nicht aufhören. Warum tun Menschen das einander an? Warum machen die das? Ich versteh das nicht.</p><p>Ich habe das ja alles gesehen, als Kind. Ich weiß, was Krieg ist. Ich habe gesehen, wie Dresden brannte. Dieser Feuerschein ... der war so gewaltig, daß in der Richtung, in der Dresden lag, der ganze Himmel rot war. Zwei Nächte hintereinander. Wir sind aufgestanden und haben das angeschaut, den Feuerschein. Ich habe das nie vergessen.</p><p>Wo wir waren? In einem Dorf in der Nähe von Reichenberg, an der böhmischen Grenze. Da waren wir, ich glaube, anderthalb Jahre: meine Mutter, mein Bruder und ich. Das muß ganz am Ende gewesen sein. Ein paar Tage später waren wir schon auf der Flucht. In einem Wagen, der – stellen Sie sich das mal vor: der war von unten bis oben mit Munitionskisten beladen. Und der Kinderwagen für meinen Bruder, der kam auch mit.</p><p>Das hatte sich mein Vater so ausgedacht. Der war ... ich weiß gar nicht, wo der war. Nicht an der Front, dafür war er zu alt. Außerdem war er im Ersten Weltkrieg schwer verwundet worden. Lungensteckschuß. Der hatte zwei Löcher im Rücken. Aber eingezogen haben sie ihn trotzdem.</p><p>Das war ein eisig kalter Winter. Aber wir saßen wie auf heißen Kohlen. Die Russen waren schon in Schlesien, und meine Mutter hat gezittert: Komm ich hier noch weg? Er hat doch versprochen, uns zu holen! Und er hat es gerade noch geschafft.</p><p>Die Munition mußte nach Berlin. Hitler wollte ja unbedingt Berlin halten, die Reichshauptstadt. Sie wissen ja, die sollte bis zum letzten verteidigt werden. Dafür wurde die Munition gebraucht. Ein Wahnsinn.</p><p>Und auf der Berliner Ringautobahn versuchten die Tiefflieger, diese Transporte zu treffen. Jedesmal, wenn einer kam, hielt das Auto, wir sind schnell raus und in den Wald, mit dem Baby und dem Kinderwagen. Ein Treffer, und wir wären alle tot gewesen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/171eaa2d-da37-4da7-ad11-36a09320f674/uploads/images/2dkz6mhpoo/Lauenburg_Schilf.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Nein, nein, ich bin aus Berlin. Aber wir wurden evakuiert, wegen der Bombenangriffe. Die wurden ja von Jahr zu Jahr schlimmer. Wenn ich jetzt im Fernsehen diese rauchenden Ruinen sehe, dann ist das alles wieder da. Dann ist das ganze Leben wie weggewischt. Das ganze Leben, das man seither gelebt hat. All die Jahre, alles. Da fühl ich mich wieder wie als Kind.</p><p>Ich muß immer daran denken, wie ich einmal meine Puppe vergessen habe. Das war im März 1943. Das weiß ich so genau, weil da mein Bruder geboren wurde. Meine Mutter war in der Universitätsklinik. Und während der Zeit hat sie mich zu einer befreundeten Familie gegeben. Die wohnte nur eine Straße weiter. Das war in Wilmersdorf, an der Grenze zu Schöneberg. U-Bahn-Station Nürnberger Platz.</p><p>Die Familie hatte eine Tochter, die war etwas älter als ich und schon in der Schule. Wir waren ganz eng. Sie hat mich sogar mal in ihre Klasse mitgenommen. Da hatte sie die Lehrerin gefragt, und die hatte nichts dagegen.</p><p>Und da gab es nachts Bombenalarm. Die Uhrzeit kann ich nicht sagen, aber es war Nacht. Ich hatte schon geschlafen. Ich lag allein in einem Zimmer, mit meiner Puppe. Die Sirene ging, und wir Kinder wurden geweckt und gingen mit den Eltern die Hintertreppe hinunter.</p><p>Das war die Treppe, die früher die Dienstboten benutzt haben. Die war ganz schlicht. Die Vordertreppe war bis zum zweiten Stock mit Teppichen belegt. Und unten war eine Portierfrau. Ich sag Ihnen: ein Drachen! Die hatte was gegen Kinder. Kinder machten Lärm.</p><p>Jedenfalls, wir gingen hinunter und über den Hof; der war gepflastert mit gelben Klinkern. Und von dort in den Keller. Und da setzte ich mich an den Schornstein. Das hatte ich verinnerlicht: Setz dich an den Schornstein! hat Mutter immer gesagt.</p><p>Der Schornstein ist ja das, was am ehesten stehenbleibt, bei Bombenangriffen. Der ist anders gemauert. Deshalb sah man oft noch in den Trümmergrundstücken ein Stück Schornstein.</p><p>Da herum gab es so eine gemauerte Bank, und da setzte ich mich hin mit meiner Freundin. Ihre Eltern setzten sich irgendwo in die Nähe. Und kaum saßen wir, da hörte man schon die Flugzeuge brummen.</p><p>Und plötzlich fällt mir ein: Meine Puppe!</p><p>Sie müssen wissen: Diese Puppe hatte schon allerhand erlebt. Ich neigte als Kind zu eitrigen Mandelentzündungen, darum hat man mir die Mandeln herausgenommen. Da lag ich in einem großen Krankensaal, und das einzige Bett in dem Saal war meins. Zwischen Wand und Bett war ein Spalt. Und da fiel die Puppe rein, und der Porzellankopf zerbrach.</p><p>Ich weinte natürlich furchtbar: Meine Puppe, meine Puppe! Und da hat sich ein junger Arzt hingesetzt, in der Nacht, während ich schlief, und hat den Puppenkopf mühsam wieder zusammengeklebt.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/171eaa2d-da37-4da7-ad11-36a09320f674/uploads/images/pt2fpkbxi6/Puppe2neu.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Und diese Puppe hatte ich in der Wohnung vergessen, in meinem Bett. Sie können sich vorstellen, wie ich erschrocken bin. Was, wenn es oben brennt? Und da habe ich etwas gemacht, was ich leider in meinem Leben immer wieder gemacht habe: Ohne zu fragen oder jemandem was zu sagen, bin ich einfach aufgestanden und habe getan, was ich mir in den Kopf gesetzt hatte.</p><p>Ich bin aus diesem Luftschutzraum raus und über den Hof. Man hörte natürlich die Fluggeschwader. Aber meine Puppe war in Gefahr! Die war da oben allein, die mußte ich retten.</p><p>Ich bin die Hintertreppe wieder hochgegangen. Da war kein Mensch, die waren ja alle im Keller. Ich habe mich gegruselt, aber jetzt war ich schon auf dem Weg. Es gab ein paar Fenster, da konnte ich hinausschauen. Und plötzlich hörte ich einen unglaublichen Krach. Das Haus hat gewankt. Und da sah ich durch das Fenster die ganz gleichmäßig gesetzten Bomben explodieren. Nur eine Straße weiter. Jedesmal ein furchtbarer Krach! Ich fuhr zusammen. Aber ich bin immer weitergegangen.</p><p>Ich habe meine Puppe geholt und bin wieder nach unten, so schnell ich konnte. Über den Hof, der war taghell erleuchtet, und in den Keller. Da hatten sie noch gar nicht gemerkt, daß ich weg war.</p><p>Ich war mir der Gefahr gar nicht bewußt. Das war so nah, die nächste Bombe hätte auch auf unser Haus fallen können. Das ist dann später ja auch passiert. Diese ganzen Straßenzüge waren nachher Ruinen.</p><p>Aber das dachte ich nicht. Ich war so fasziniert von diesem Feuerschein. Natürlich hatte ich Angst. Diese schrecklichen Explosionen! Aber als ich wieder hinunterging, da war ich nicht mehr allein. Ich hatte ja mein Puppenkind, das hielt ich ganz fest. Das war mein Baby. Meine Mutter hatte ja auch ein Baby.</p><p>Wie sie hieß? Das habe ich auch überlegt. Ich weiß es nicht mehr. Ich glaube, sie hatte gar keinen Namen. Die anderen Puppen schon. Ich hatte ja noch mehr Puppen, und da wechselte ich dauernd die Namen. Wenn ich irgendwo einen Namen hörte, der mir gefiel, dann nannte ich eine Puppe so. Nur sie nicht. Das war einfach mein Puppenbaby.</p><p>Ach, jetzt habe ich Sie so vollgequasselt. Als ob Sie nichts anderes zu tun haben. Entschuldigen Sie! Aber Ihre Geschichte, die hat mich ganz schön mitgenommen.</p><p>Wie? Nein, nein, die gibt es nicht mehr. Die ist verlorengegangen, da war ich zwölf. Bis dahin war sie immer mitgekommen. Ich habe ja damals nie sehr lange irgendwo gelebt, immer ging es woandershin. Während des Krieges und auch danach.</p><p>Aber eigentlich hatte ich sie schon vorher verloren. Ein halbes Jahr nach dieser Nacht, als ich noch mal da hoch bin. Das war ja im März. Und dann, kurz vor Weihnachten, war meine Puppe plötzlich weg. Da wurde gesagt: Die ist beim Christkind. Ich habe mich furchtbar erschrocken. Ich habe das gar nicht verstanden. Ich habe gedacht, sie ist tot.</p><p>Meine Mutter hat gesagt: Nun warte doch mal ab! Bald ist Heiligabend. Wer weiß ... Und dann lag sie unterm Weihnachtsbaum. Aber das war nicht mehr meine Puppe, nicht mehr mein Baby.</p><p>Man hatte der Puppe einen neuen Kopf verpaßt. Den alten hatte ja der Arzt geflickt, und natürlich sah man das. Jetzt hatte sie einen neuen Kopf mit einem neuen Gesicht, das hat gelächelt. Ich bin in Tränen ausgebrochen. Das habe ich meiner Mutter nie verziehen.</p><p>So, aber jetzt laß ich Sie wirklich in Ruhe. Sie müssen ja nach Hause. Sie werden bestimmt erwartet. Haben Sie Kinder? Ach, und wie heißt sie? So ein schöner Name. Also, wenn ich noch eine Puppe hätte ...</p><p>Na dann. Grüßen Sie Ihre Frau! Ja, Ihnen auch. Und kommen Sie mal wieder. Wer weiß, vielleicht bin ich dann noch da.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/171eaa2d-da37-4da7-ad11-36a09320f674/uploads/images/sgv7yfxetz/Lauenburg_Sonne.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p><em>Diese Geschichte habe ich am 18. Februar 2024 an 1224 Leserinnen und Leser verschickt. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten wollen, tragen Sie sich gern hier ein:</em></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">Kostenlos abonnieren</a></p><p><strong>Eine Geschichte wie diese schreibt sich nicht von allein. Um so dankbarer bin ich allen, die mit einer Mitgliedschaft meine freiberufliche Arbeit an „Wolken und Kastanien“ ermöglichen. Das geht schon zum Preis einer Tasse Kaffee im Monat. Wollen auch Sie Unterstützer(in) werden? 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      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/171eaa2d-da37-4da7-ad11-36a09320f674/uploads/images/v2527tzvue/Puppe.jpeg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Sun, 18 Feb 2024 06:58:41 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Europa bei Regen]]></title>
      <description><![CDATA[Über die weißen Flecken auf einem Berlin-Stadtplan, Lügen in Zeiten des Kalten Krieges, eine Tonne Kaviar und das Spiel, mit dem ich als Kind vom Mars träumte]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über die weißen Flecken auf einem Berlin-Stadtplan, Lügen in Zeiten des Kalten Krieges, eine Tonne Kaviar und das Spiel, mit dem ich als Kind vom Mars träumte</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/827d187f-0ca4-4baf-887e-a27a76799bf2/uploads/images/2za44vt7po/Europareise%20Deckel.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Neulich, als ich in der Wohnung meiner Eltern die Spiele durchsah, die in einem entlegenen Schrankfach so weltvergessen schliefen wie Dornröschen in seinem Schloß, machte ich eine Entdeckung. Ich wollte schauen, ob unter den Karten- und Brettspielen, mit denen wir uns als Kinder die Zeit vertrieben hatten, etwas für meine kleine Tochter dabei wäre. Plötzlich sah ich den Jungen wieder, der ich damals gewesen war.</p><p>Ich zog gerade ein Spiel aus dem wackligen Stapel, bei dessen Anblick ich sofort wußte, daß ich es oft gespielt hatte. Es hieß „Europareise“, und vielleicht um den europäischen Gedanken zu betonen, war der Name auch noch auf Englisch und Französisch zu lesen: „Journey through Europe“ und „Voyage en Europe“.</p><p>Kaum hatte ich den Deckel angehoben, stand alles wieder vor mir. Die so weitläufige wie verwinkelte Wohnung in der Dresdner Neustadt mit den Kachelöfen und dem knarrenden Parkett. Vor dem Fenster die Ruine der St.-Pauli-Kirche, auf deren bröckelnden Backsteinmauern ein paar wagemutige Birken balancierten. Und die verregneten Nachmittage im Herbst, an denen der Sonntagsausflug ins Wasser fiel: mit dem Trabi hinaus in die Heide oder in den „Fischbüchsenwald“, wie mein Bruder und ich die Gegend um die Prießnitz nannten, weil dort die Leute ihren Müll zwischen die Bäume geworfen hatten, jedenfalls auf dem ersten Wegstück.</p><p>An jenen Nachmittagen kam irgendwann mein Vater in das große Zimmer, dessen Tür nur schloß, wenn man sie mit einem kräftigen Ruck herandrückte („seit dem Angriff“, wie es in Dresden stets hieß), und sagte: „Hol doch mal ein Spiel!“ Zu zweit spielten wir Reversi oder Mastermind und später, als ich die Regeln gelernt hatte, ein ums andere Mal Schach. Waren wir zu dritt oder zu viert, war die Auswahl fast unerschöpflich; der wandhohe Schrank im Kinderzimmer quoll geradezu über vor Spielen.</p><p>Erstaunlich viele waren uns aus dem Westen zugegangen. Von Freunden und Bekannten, die wußten, daß es in einem Pfarrhaus in der DDR mehr Kinder gab als Geld. Und von Verwandten, die Tante Elsbeth und Tante Ella hießen, Tante Erika und Tante Heidi, und denen ich zwar eine Handschrift hätte zuordnen können, nicht aber ein Gesicht. Zwei der vier Tanten war ich nie begegnet und den anderen nur ein- oder zweimal.</p><p>Und doch waren mir ihre Namen vertraut. Von Briefen und Postkarten und jenen schweren Paketen, die mein Vater kurz vor Weihnachten auf der Post abholte und die beim Auspacken einen solchen Duft verströmten, daß mir unsere schwer heizbare Küche mit den undichten Fenstern, der Ameisenstraße und dem Wasserfleck an der Decke vorkam wie eine Wunderkammer. </p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/827d187f-0ca4-4baf-887e-a27a76799bf2/uploads/images/wxiy7nvvew/Malefiz.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Es gab das Hütchenspiel und das Mix-Max, Mensch-ärgere-dich-nicht und Malefiz, Denk fix! und Halma und wie sie alle hießen. Dazu eine Schublade voller Kartenspiele, die meist klemmte, weil sie so voll war. Und mit den Puzzles, die die übrigen Fächer verstopften, hätte man mühelos die leeren Rasenflächen in der Dresdner Altstadt zum Verschwinden bringen können.</p><p>Sogar ein Monopoly gab es – keine Ahnung, auf welchen Wegen diese Ausgeburt des Kapitalismus zu uns gelangt war. Wir spielten es mit jener unverschämten Fröhlichkeit, die heute aus den Augen meiner Tochter blitzt, wenn sie in meinen viel zu großen Schuhen durch das Wohnzimmer stolpert. Auch wir genossen unseren Triumph. Im wahren Leben würde uns nie eine Schloßallee gehören, ja nicht einmal ein Elektrizitätswerk; das war schließlich Volkseigentum.</p><p>Und was hätte man auch mit einem Bahnhof anfangen sollen? Ein Frösteln steigt in mir auf, wenn ich an diese von Lärm und Wind erfüllten Unorte meiner Kindheit denke, wo einem eher eine Taube auf den Kopf kackte, als daß ein Zug pünktlich war. Das schmerzhafte Kreischen der Bremsen, wenn er doch noch einfuhr. Die mit dunkelgrünem Kunstleder überzogenen Bänke. Die Heizung, der eine Eiseskälte zu entströmen schien.</p><p>Während der endlosen Fahrten hielt ich mich an den Inschriften fest, die ich vor- und rückwärts buchstabierte. An dem Schriftzug „Deutsche Reichsbahn“, der mich mit preußischer Strenge ansah. An den Verbots- und Hinweisschildern und der Mahnung an jeder Tür: „Nicht öffnen, bevor der Zug hält.“ Einmal hatte ein Witzbold ein paar Buchstaben weggekratzt, nun stand da in frappierender Logik: „ich öffne, bevor er Zu hält.“</p><p>Den Zug nahmen wir nur im Winter, den mein Vater unserem Trabi nicht zutraute. Nicht, daß er mit Kindern und Koffern im Schnee steckenblieb, bevor wir das abgelegene Dorf in Thüringen erreichten, wo uns ein paar frostige Ferientage erwarteten.</p><p>Im Sommer war das anders. Da faltete mein Vater seine langen Beine zusammen, klemmte sich stoisch hinter das Lenkrad, ignorierte die Nachbarschaft von Knie und Kinn und chauffierte uns in endloser Ruckelfahrt auf teergeflickter Autobahn an die Ostsee. Einmal mußte einer meiner Brüder trampen, weil nicht alle in den Trabi paßten. Schon nach wenigen Kilometern winkte er uns von der Überholspur aus zu: sein freudestrahlendes Gesicht hinter der Scheibe eines Westwagens. Später präsentierte er uns stolz den Mars-Riegel, den er geschenkt bekommen hatte.</p><p>Die Ostsee war jedes Jahr das Ziel unserer Sehnsucht. Daß sie zugleich die Grenze aller weitergehenden Sehnsüchte war, verstand ich erst viel später. Sonne, Strand und Wellen: die Idylle war nur vordergründig. Im Hintergrund lauerte das Unheil in Gestalt jener grauen Schemen, die uns diskret vor Augen führten, daß jeder Fluchtversuch sinnlos war.</p><p>Noch heute, wenn ich an einem Meer stehe, sucht mein Blick den Horizont ab, als wären sie noch immer da – kalt und drohend, wie eingebrannt auf der Netzhaut.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/827d187f-0ca4-4baf-887e-a27a76799bf2/uploads/images/574ydneiel/Ich%20in%20der%20Fichtenstra%C3%9Fe.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Der verriegelte Horizont: was für ein Gedanke. Ich bin nicht sicher, ob ich ihn damals schon ganz begriffen hatte, bis in die letzte Konsequenz. Daß die Welt dahinter für mich unerreichbar wäre, lebenslang.</p><p>Ich hatte einen blauen Pullover, den ich mit heimlichem Stolz trug, weil er aus einem Westpaket stammte. Wenn ich ihn anzog, stand in kleinen schwarzen Buchstaben „Paris – London – New York“ auf meiner Hühnerbrust. In keiner dieser Städte war ich je gewesen, und hätte ich sie auf dem Globus zeigen sollen, wäre es mir ergangen wie im Klavierunterricht, wenn ich nicht geübt hatte und mein Improvisieren bei Frau K. auf wenig Gegenliebe stieß.</p><p>Und doch waren sie mir merkwürdig vertraut. In den Büchern, die ich las, schritt ständig jemand mit hochgeschlagenem Mantelkragen durch den Londoner Nebel. Wenn von Paris die Rede war, klang mir das Säbelgeklirr der drei Musketiere in den Ohren. Und bei New York dachte ich an jene turmartigen Häuser, die man Wolkenkratzer nannte, weil sie bis an den Himmel reichten. Noch nie hatte ich so etwas gesehen, und daran würde sich auch nichts ändern. Auf meinem Pullover hätte genauso gut „Mars – Jupiter – Mond“ stehen können.</p><p>Wie selbst das Nahe unendlich fern sein konnte, begriff ich, als mir mein Vater vor einer Reise nach Berlin einen Stadtplan zeigte. Als ich ihn vor kurzem danach fragte, schenkte er ihn mir. Jetzt liegt er auf meinem Schreibtisch. „Berlin“ steht in Großbuchstaben darauf. Darunter in kaum halb so großen Lettern: „Hauptstadt der DDR“. Tatsächlich umfaßt der Plan nur die östlichen Bezirke. West-Berlin ist eine weiße Fläche, auf der bloß die Magistralen, ein paar Bahnhöfe und Parks sowie das Sowjetische Ehrenmal im Tiergarten verzeichnet sind.</p><p>Ich muß an die Inschriften denken, die man auf alten Weltkarten findet. Wußten die Kartographen nicht weiter, weil ein paar ferne Breitengrade noch nicht erforscht waren, schrieben sie: „Terra incognita“. Manchmal schrieben sie auch: „Hic sunt leones.“ Hier sind Löwen. Oder: „Hic sunt dracones.“ Hier sind Drachen.</p><p>Dabei fällt mir eine Geschichte ein, die mir mein Vater erzählt hat. Als er in den fünfziger Jahren zur Schule ging, wetterte einer seiner Lehrer unentwegt gegen den „Aggressor“ aus dem Westen. „Wenn diese Westberliner Wildschweine“, rief er immer wieder empört aus, „in unser sozialistisches Arbeiter- und Bauernparadies einfallen ...“ Den Rest habe ich vergessen, und mein Vater inzwischen auch. Siebzig Jahre sind vergangen, seit er die Schulbank drückte.</p><p>Bei mir ist es nicht halb so lang her. Und trotzdem muß ich in einem Wörterbuch nachschlagen, um den Satz zu bilden, mit dem ein linientreuer Kartograph die weißen Flecken auf dem Berlin-Plan hätte bezeichnen können: „Hic sunt apri.“ Hier sind Wildschweine.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/827d187f-0ca4-4baf-887e-a27a76799bf2/uploads/images/4wrufhqm3w/Berlin-Stadtplan.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Ein paar Tage, nachdem mir mein Vater den Stadtplan gezeigt hatte, war ich in Berlin – genauer gesagt: in Ost-Berlin. Es könnte im Dezember 1988 gewesen sein. Ich erinnere mich an einen Spaziergang entlang einer ungewöhnlich breiten Straße. Mir taten schon die Füße weh, als wir an einer Absperrung stehenblieben. Vor unseren Augen erstreckte sich ein leerer Platz, an dessen Ende ein Tor mit verwitterten Säulen stand.</p><p>„Siehst du? Da ist die Mauer“, sagte leise jemand neben mir. Erst da sah ich das steinerne Band im Hintergrund. Die Bäume dahinter wuchsen schon in West-Berlin.</p><p>Vielleicht ging mir in diesem Moment jenes Wortungetüm durch den Kopf, das unsere Lehrerin benutzte: „antifaschistischer Schutzwall“. Niemand von uns wäre auf die Idee gekommen, es ihr nachzusprechen. Obwohl die so sperrige wie absurde Fügung, die dem Hirn eines Psychopathen entsprungen sein mußte, zu dem Irrsinn dieses Bauwerks paßte. Besser jedenfalls als das kleine, unscheinbare Wort Grenze.</p><p>Was ich als Kind von all dem empfand? Ich bin nicht sicher. Die Bilder von damals sind angereichert durch späteres Bewußtwerden, Wissen, Deuten. Ich habe vergessen, was ich dachte, als wir da standen, und ob ich versuchte, mir vorzustellen, was alles hinter dem steinernen Band lag. Die Gestalt im Londoner Nebel. Die Türme in New York.</p><p>Als ich den Stadtplan zusammenfalte, fällt mein Blick auf die Ecke links unten. Was heute das Zentrum von Berlin ist, lag damals am Rand – auf drei Seiten von Weiß umgeben. Anders, als ich vermutet hatte, war der Platz vor dem Brandenburger Tor nicht nach einem kommunistischen Helden benannt. Er hieß, wie er schon bei Fontane hieß und auch heute wieder heißt: Pariser Platz.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/827d187f-0ca4-4baf-887e-a27a76799bf2/uploads/images/74orbjrwgo/Berlin%20Ausschnitt.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Natürlich gab es Fotos, die uns zeigten, was sich jenseits der Mauer befand. Man staunte sie an, wo immer man darauf stieß. Doch ich hatte schon gelernt, den Bildern zu mißtrauen. Es war keine Lektion, die man erteilt bekam; man nahm sie eher beiläufig zu sich, so wie man zum Essen ein Glas Wasser trinkt. Es genügte, in einem Schulbuch zu blättern und dabei festzustellen, daß die Fotos der „kapitalistischen“ Länder alle schwarzweiß waren, während es von den „sozialistischen“ Ländern nur Farbfotos gab.</p><p>An zwei Aufnahmen erinnere ich mich noch heute: Das eine zeigte einen Wald von rauchenden Fabrikschloten: „Industrieanlagen um Duisburg“. Auf dem anderen sah man abblätternde Fassaden: „Wohnelend in Süditalien“. Die Botschaft war klar: Im Kapitalismus wurden die Menschen erbarmungslos ausgebeutet. Allerdings sahen etliche Häuser in der Dresdner Neustadt viel schlimmer aus. Und Schornsteine, die schwarze Wolken ausstießen, gab es in der DDR unzählige.</p><p>Für andere Bilder sorgten jene Tanten, die uns zu Weihnachten die Pakete schickten und übers Jahr die eine oder andere Postkarte. Darauf war der Dom in Speyer zu sehen, der Bodensee oder das Münchner Rathaus. Jeder Stein schien zu glänzen, fast unwirklich leuchteten die Farben. Verelendete Proletarier suchte man vergebens.</p><p>Genauso wie auf den Puzzles mit Ansichten westdeutscher Städte, die mir die Zeit vertrieben, wenn ich einmal allein war. Vor allem über die richtige Zusammensetzung von Hamburg zerbrach ich mir regelmäßig den Kopf: Die Blätter der Bäume, die den Blick auf die Außenalster einrahmten, sahen einander einfach zu ähnlich.</p><p>Bis heute sind mir diese Ansichten im Gedächtnis – und manchmal stehen sie mir ganz unvermittelt wieder vor Augen. So wie vor ein paar Jahren, als ich in Essen aus dem Zug stieg und plötzlich glaubte, schon einmal dagewesen zu sein. Aber wann? Stunden später fiel es mir ein: Die belebte Kreuzung vor dem Hauptbahnhof kannte ich von den verregneten Nachmittagen in meiner Kindheit.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/827d187f-0ca4-4baf-887e-a27a76799bf2/uploads/images/r4nycdzslx/Ereignisk%C3%A4rtchen.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Und dann war da dieses Spiel, dessen Name wie eine Verheißung klang. Von einer „Europareise“ konnte ich höchstens träumen. Doch weil ein solcher Traum jenseits meiner Vorstellungskraft lag, kam das nicht oft vor.</p><p>Heute habe ich Mühe, mir vorzustellen, was ich damals dachte. Doch neulich in Dresden, als ich das Spiel zum ersten Mal seit einer Ewigkeit wieder in den Händen hielt, als ich den Deckel anhob und die Ereigniskarten, die Figuren und die Fähnchen auf dem Wohnzimmertisch meiner Eltern ausbreitete, da hatte ich das Gefühl, eine Zeitkapsel zu öffnen. Alles, alles war wieder da.</p><p>Das Spielfeld bestand aus einer Landkarte, die tatsächlich ganz Europa umfaßte und von Lissabon bis Moskau und von Catania bis Tromsø reichte. Schiffe und Flugzeuge, Autos, Reisebusse und Züge waren großzügig über den Kontinent verstreut und bildeten länderspezifische Eigenheiten ab. Zwischen Leningrad und Minsk rollte ein Wolga, zwischen Bremen und Köln ein VW Käfer. Auf dem Deckel des Spiels hatte man das Ganze auf die Spitze getrieben: Da zierte die Bundesrepublik ein gigantisches Autobahnkreuz. Ein passenderes Wahrzeichen fiele mir auch heute nicht ein.</p><p>Weil jedes Land eine andere Farbe hatte, konnte man sie gut unterscheiden – auch die zwei deutschen Staaten, die sich wie Liebende aneinanderschmiegten. Die Bundesrepublik leuchtete in einem satten Orange, während die DDR beige trug wie die Aktentaschenträger der Stasi.</p><p>Die innerdeutsche Grenze sah so unscheinbar aus wie die zwischen Spanien und Frankreich. Nichts deutete darauf hin, daß den Kontinent ein Eiserner Vorhang teilte, an dem Menschen erschossen wurden. Im Gegenteil: ein engmaschiges Verkehrsnetz verband Ost und West. Mit dem Auto von Leipzig nach Nürnberg? Oder von Magdeburg nach Hannover? Nichts leichter als das! Nach Berlin konnte man sogar fliegen. Spielend passierten die blauen und roten, die gelben und grünen Männchen jede Grenze.</p><p>Sogar zum Mars oder zum Jupiter konnte man reisen: Kein Stacheldraht versperrte einem den Weg nach Paris oder London. Nur der Mond blieb unerreichbar: auch die schönste „Europareise“ führte nicht nach New York.</p><p>Was uns vollkommen absurd erschien (und deshalb am meisten Spaß machte), das war die Selbstverständlichkeit, mit der wir diese Ziele anpeilten. Würfelte man eine Sechs, zog man ein sogenanntes Ereigniskärtchen. Darauf stand: „Sofort nach Frankfurt. Von dort per Flugzeug zur Konferenz nach Stockholm. Weiterreise von Stockholm.“ Oder: „Schwiegermutter sofort in London abholen und nach Sofia bringen. Von dort aus Reise fortsetzen.“</p><p>Es war dieser beiläufige Ton, der einem den Boden unter den Füßen wegzog. Eine Konferenz in Stockholm? Eine Schwiegermutter in London? Ach, es ging noch besser: „Sie gewinnen eine Schiffsreise von Marseille nach Palermo. Treten Sie die Reise sofort an und reisen Sie dann von Palermo aus weiter.“</p><p>Wie ich wohl „Marseille“ aussprach? Und ob ich eine Vorstellung hatte, wo es lag? Oder zeigten mir meine Brüder, wo auf der großen vielfarbigen Landkarte ich zu suchen hatte?</p><p>Vieles habe ich vergessen. Aber noch heute gegenwärtig ist mir das erhebende Gefühl, das die gelben Kärtchen in mir auslösten. Die Empfindung, eine respektierte, ja weltgewandte Persönlichkeit zu sein – zumindest für die Dauer eines Regennachmittags.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/827d187f-0ca4-4baf-887e-a27a76799bf2/uploads/images/meo4uuq67s/Ukraine.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Es war Nacht geworden in der Wohnung in Dresden. Müde starrte ich in die Dunkelheit vor dem Fenster; nirgends war mehr ein Licht zu sehen. Ich klappte das Spielbrett zusammen und legte die Figuren wieder in die Schachtel, da sah ich, klein auf den Rand gedruckt, das Herstellungsjahr.</p><p>Ich hielt einen Augenblick inne. Was hatte sich 1975 in der Welt ereignet? Auf Anhieb fiel mir nur der Terror der RAF in Stockholm ein. Fast fünfzig Jahre war das her. Die Welt war jetzt eine andere: mit anderen Grenzen, anderem Terror, anderen Toten. Wer von Europa träumte, verblutete nicht mehr an der Berliner Mauer, sondern ertrank im Mittelmeer. Der Kalte Krieg war vorbei, doch in der Ukraine fielen Bomben, wurden Menschen abgeschlachtet, Kinder verschleppt – auf dem Spielbrett nur eine Handbreit von Dresden entfernt.</p><p>Ich dachte an das gelbe Ereigniskärtchen, das uns damals besonders skurril erschienen sein muß: „Sofort in Sewastopol eine Tonne Kaviar bestellen und von dort weiterreisen.“ Dachte man jetzt an die Krim, war Kaviar das letzte, was einem in den Sinn kam.</p><p>Noch einmal nahm ich das Spielbrett heraus und las die Namen der Städte, die in diesen Tagen wieder von russischen Raketen angegriffen werden: Kiew, Charkow, Odessa. Auf ukrainisch: Kyiv, Charkiw, Odesa. Auf dem Schwarzen Meer, das nicht schwarz, sondern blau war, wie ich als Kind verblüfft feststellte, flog ein Segelboot dahin.</p><p>Damals brauchte man nur eine Eins zu würfeln, um von Kiew nach Moskau zu gelangen. Würfelte man eine Zwei, war man in Leningrad, das heute wieder Sankt Petersburg heißt. Jetzt mußte ich daran denken, wie ich im Februar 1989 dort gewesen war, meine erste große Reise, und wie ich für meine großen Brüder Anstecker mit dem Porträt von Michail Gorbatschow gekauft hatte. Als ich wieder in Dresden war, leuchtete der rote Fleck auf Gorbis Stirn auch von meinem Anorak, und in der Straßenbahn erntete ich finstere Blicke.</p><p>Unvorstellbar, daß ein paar Monate später alles zusammenbrechen würde: die DDR samt ihrer Greisengarde, ja der ganze Ostblock und was sie Sozialismus nannten. Unvorstellbar, daß die Grenzen geöffnet („ich öffne, bevor er Zu hält“) und diese Landkarte mit ihren Straßen und Flugrouten, ihren Schiffen und Schnellzügen plötzlich mehr sein würde als ein phantastisches Spielfeld, auf dem man an Regentagen, halb belustigt und halb erschrocken über so viel Verwegenheit, durch Europa reiste.</p><p>Jetzt lag sie vor mir auf dem Tisch, und fast kam es mir vor wie ein Wunder, daß sie die Zeiten überdauert hatte. Die Welt hatte sich weitergedreht, aber es war noch immer dasselbe Spiel. Die Farben auf dem Deckel mochten verblichen sein, aber die Fähnchen und Männlein, die ich in meinen Händen gehalten hatte, waren alle noch da.</p><p>Und wieder sah ich den Jungen, der ich damals gewesen war. Seine Hände nicht viel größer als heute die Hände meiner Tochter, wenn sie sich von hinten an mich heranschleicht und mir plötzlich die Augen zuhält. Wenn sie meinen Kopf zu sich heranzieht und ich ihr kleines Herz schlagen höre. Diese Hände und dieses Herz, die es nicht gäbe, wäre nicht ein Jahr nach jenem Spaziergang durch Ost-Berlin (meine schmerzenden Füße, das steinerne Band) die Mauer gefallen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/827d187f-0ca4-4baf-887e-a27a76799bf2/uploads/images/xuycpqt4bp/Portugal.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Es war ein paar Tage später, als ich zu Hause ein Buch aus dem Regal zog. Mir war eingefallen, wie sehr mich als Kind ein Städtename fasziniert hatte, der mir auf einer der gelben Ereigniskarten begegnet war: „Sofort in Le Havre einschiffen. In Lissabon an Land gehen und Reise fortsetzen.“ Es klang wie in den Seefahrergeschichten, die ich immerzu las. Wie groß war mein Erstaunen, als ich entdeckte, daß diese Stadt am westlichen Rand von Europa auf dem Spielbrett anders hieß als auf dem Kärtchen.</p><p>Lisboa ... ein Name wie ein Magnet. Damals war er für mich der Inbegriff der verlockenden Ferne. Einmal im Leben wollte ich dorthin. Hatte es mir die ungewöhnliche Folge der Vokale angetan, diese fast gehauchte Melodie von i und o und a? Von der Stadt selbst kannte ich weder Bilder noch Filme – geschweige denn, daß ich von einem Dichter namens Pessoa gehört hätte, dessen Name fast die gleichen Vokale enthielt.</p><p>Jetzt las ich in seinem „Buch der Unruhe“ diese Sätze: „Reisen? Existieren ist reisen genug. Ich fahre von Tag zu Tag wie von Bahnhof zu Bahnhof im Zug meines Körpers oder meines Schicksals und blicke auf Straßen und Plätze, auf Gesichter und Gesten, immer gleich und immer verschieden, wie auch Landschaften es sind.“</p><p>Und dann: „In uns sind die Landschaften Landschaft. Daher erschaffe ich sie, wenn ich sie mir vorstelle; wenn ich sie erschaffe, sind sie; wenn sie sind, sehe ich sie, wie ich alle anderen sehe. Wozu also reisen? Wo anders wäre ich in Madrid, Berlin, Persien, China oder an beiden Polen als in mir selbst, in dem, was und wie ich empfinde.“</p><p>Ich stutzte, rieb mir die Augen. Was da stand, klang wie ein fernes Echo auf all das, was mir an dem Abend in Dresden durch den Kopf gegangen war. Wo anders, dachte ich, wäre ich heute, wären die Kulissen noch immer da, die mich als Kind bedrückten? Die grauen Schemen, das steinerne Band. Ich dachte an den blauen Pullover mit der mich elektrisierenden Aufschrift. An die Postkarten und Pakete, die die Begegnungen ersetzen mußten.</p><p>Würden die Sätze von Pessoa mich trösten? Würde ich sie trotzig vor mich hersagen, wann immer ich mir der Grenzen bewußt wurde, die ich nur in Gedanken zu überwinden vermochte? Oder würden sie mein Fernweh erst recht entfachen – so wie das Spiel, das mich von Europa träumen ließ?</p><p>In diesem Augenblick spürte ich, wie in mir eine unbändige Freude aufflammte. Ich war ja dagewesen! Die Straßen und Plätze, die Gesichter und Gesten: ich hatte sie nicht selbst erschaffen müssen. Was ich erlebt hatte, war nichts, was das Kind, das ich war, sich auch nur im entferntesten hätte vorstellen können.</p><p>Längst war Lisboa mehr als eine Melodie aus Vokalen oder ein Punkt auf einem Spielbrett, während der Regen ans Fenster klopft. Mein Kopf war voller Bilder und Stimmen, war voller Erinnerungen, die so lebendig waren, daß ich nur die Augen zu schließen brauchte, um in Gedanken wieder durch die Rua dos Douradores zu gehen, nachts, wenn alles schläft außer dir und mir.</p><p>Aber das ist eine andere Geschichte.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/827d187f-0ca4-4baf-887e-a27a76799bf2/uploads/images/2twzij3vd5/Pessoa%20Azulejo.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p><em>Diese Geschichte habe ich am 7. Januar 2024 an 1156 Leserinnen und Leser verschickt. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten wollen, tragen Sie sich gern hier ein:</em></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">Kostenlos abonnieren</a></p><p><strong>Eine Geschichte wie diese schreibt sich nicht von allein. Um so dankbarer bin ich allen, die mit einer Mitgliedschaft meine freiberufliche Arbeit an „Wolken und Kastanien“ ermöglichen. 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      <pubDate>Sun, 07 Jan 2024 06:50:48 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[Alle meine Toten]]></title>
      <description><![CDATA[Über ein Buch und seine unerzählten Geschichten, Grüße auf die Füße von Sarah Kirsch, drei Schluck Geduld von Peter Rühmkorf und zwei Krokodile in Salzburg]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über ein Buch und seine unerzählten Geschichten, Grüße auf die Füße von Sarah Kirsch, drei Schluck Geduld von Peter Rühmkorf und zwei Krokodile in Salzburg</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/3d3fb44b-f3b6-42ea-a3ba-90d911bcf1a4/uploads/images/lyw55ywrs2/P.Handke.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>In meinem Regal steht ein Ordner, der so schwer ist, daß selbst meine ungestüme kleine Tochter es nicht schaffen würde, ihn herauszuziehen. Eine ganze Weile habe ich nicht mehr an ihn gedacht. Doch in den letzten Jahren greife ich immer öfter danach, zuletzt, als ich hörte, daß Sibylle Lewitscharoff gestorben ist.</p><p>Vor sechzehn Jahren gab ich bei Suhrkamp einen Band heraus, für den ich Schriftsteller einlud, noch einmal ihr erstes Buch zur Hand zu nehmen und aufzuschreiben, was ihnen dabei durch den Kopf geht. Der Ordner enthält all das, was mich damals mit der Post erreichte.</p><p>Handschriftliche Seiten von Peter Handke und Gerhard Roth. Mehrseitige Typoskripte von Jürgen Becker und Reinhard Jirgl; eine Notiz auf Hotelpapier von Gabriele Wohmann. Zwei Briefe von Friederike Mayröcker, die darauf hindeuten, daß die Tastatur ihrer Schreibmaschine kein ß kennt, denn sie schickt „herzliche Grüsze“.</p><p>Und Absagen: eine höfliche von Christa Wolf, eine liebenswürdige von Reiner Kunze, eine schroffe von Wulf Kirsten. Dazu eine Reihe von Schreiben, deren Absender mir durch die Blume oder auch ganz unverblümt mitteilen, daß mein Tun die reine Zeitverschwendung sei: „Und wenn ich in Ihrem Buch nicht vertreten bin, wird das kein Verlust sein.“</p><p>Außerdem Postkarten. Eine von Martin Walser (ein grünes Tal vor verschneiten Schweizer Bergen), eine von Eckhard Henscheid (eine rauchende Dampflokomotive) und eine von Robert Gernhardt (ein Frankfurter GrünGürteltier, selbst gezeichnet).</p><p>Auch ein paar ausgedruckte E-Mails sind dabei. Ins Auge sticht die von Elfriede Jelinek. Unterschrieben ist sie mit: „stets das Ihre“. Es folgt auf vier Zeilen ein typographisches Kunstwerk aus Buchstaben, Zahlen und Sonderzeichen. Unschwer zu erkennen ist ein fröhliches kleines Schwein mit einer 9 als Ringelschwänzchen.  </p><p>Manch einer bevorzugte die persönliche Zustellung. Durs Grünbein kam an einem Wintermorgen vorbeigeradelt, um in meiner Hinterhaus-Küche die frisch ausgedruckten Seiten aus der Tasche zu ziehen. Und Emine Sevgi Özdamar überreichte mir ihre Erzählung bei einem Minztee (oder war es ein Glas Rotwein?) in einem Lokal in Kreuzberg.</p><p>„Das erste Buch“ erschien 2007 mit knapp hundert Beiträgen: Geschichten, Essays, Lektüreerfahrungen. Was seinen Weg nicht in das Buch fand und auch nicht dafür bestimmt war, ist ebenfalls abgeheftet: die Anschreiben, die Korrespondenzen, Textvarianten, Korrekturen.</p><p>Krümel vom Schreibtisch? Ja, sicher! Doch auch ein bißchen Goldstaub ist dabei. Oder kommt es mir nur so vor, wenn ich in dem Ordner blättere – und sich in den Anblick Erinnerungen mischen?</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/3d3fb44b-f3b6-42ea-a3ba-90d911bcf1a4/uploads/images/ty3bgdn7uc/Hinterhof-Kastanie.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Ein Sommertag vor siebzehn Jahren: Der Blick aus dem Fenster geht auf eine Kastanie in einem Berliner Hinterhof, und aus dem Telefonhörer kommt die Stimme von Peter Rühmkorf. „Aber nein, ich habe Sie nicht vergessen ... Bitte noch um drei Schluck Geduld!“ Und dann erzählt er, ja sprudelt es geradezu aus ihm heraus, wie sich damals „Big Benn“, also Gottfried Benn höchstpersönlich für die Gedichte des jungen Lyrikers ins Zeug legte. Das werde er aufschreiben, versprochen, gleich nächste Woche. „Was für eine fabelhafte Idee! Das erste Buch ...“</p><p>Eine Woche verging, zwei Wochen, drei. Es wurde Herbst. Und dann kam eine Postkarte, mit Datum vom 11. Oktober 2006: „Lieber Herr Deckert, hier leider unvorhersehbar gewesene Malaise (Blasenkrebs), und ich hoffe, daß ich vor der Operation am 23. Okt. noch was Erheiterndes aufs Papier kriege. Herzlich grüßt Sie Ihr Peter Rühmkorf“.</p><p>Was mir erst jetzt auffällt: Die Tinte bis zu dem Wort „Blasenkrebs“ ist dünn, wässerig fast, danach ist sie tiefblau. Offenbar hat der Schreiber die Patrone gewechselt; aber zugleich sieht es so aus, als hätte Rühmkorf nach der Niederschrift der schlechten Nachricht (sie ist aufs Papier gebracht und damit gebannt) sogleich neue Kraft, ja Zuversicht geschöpft.</p><p>Zumindest Tatendrang. Meine guten Wünsche erwidert er prompt. Schon am 16. Oktober schickt er seinen Beitrag, dazu ein paar Zeilen: „Ich konnte das Ms. nicht einmal angemessen korrigieren, weil ich übermorgen ins Krankenhaus muß, um einen leider schon etwas fortgeschrittenen Blasenkrebs operieren zu lassen. Woll’n mal hoffen, daß die von mir ein Leben lang hochverehrte Fortuna auch in diesem Fall nicht von mir läßt und vielleicht sogar für ein Weilchen an meiner Bettkante Platz nimmt.“ Am Tag, als er ins Krankenhaus muß, jagt er noch ein P.S. in die Maschine, drei Seiten lang.</p><p>Ja, ein „Weilchen“ blieb Fortuna noch auf seiner Bettkante sitzen. Bald telefonierten wir wieder, kam Post aus Övelgönne, im Frühjahr darauf sogar ein Gedicht. Doch begegnet sind wir uns nicht mehr. Am 8. Juni 2008 ist er gestorben.</p><p>Auf der Karte mit dem Selbstporträt, einer Federzeichnung, die er mir vor der Operation schickte, liegt er auf einem Diwan, eine langstielige Pfeife im Mund. So raucht er in meinem Ordner noch immer.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/3d3fb44b-f3b6-42ea-a3ba-90d911bcf1a4/uploads/images/nodysargxi/Peter%20R%C3%BChmkorf%20Karte.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Immer häufiger ist es der Tod, der aus den Krümeln vom Schreibtisch Goldstaub macht. Je öfter ich in der Zeitung auf einen Nachruf stoße, auf Urs Widmer oder Brigitte Kronauer, Ernst Augustin oder Hans Magnus Enzensberger, um so kostbarer erscheinen mir die rasch hingekritzelten Sätze und die fast zwei Jahrzehnte alten Grüße – ja sogar die sorgfältig beschrifteten Briefumschläge.</p><p>Peter Rühmkorf war nicht der erste Tote in meinem Buch. Robert Gernhardt starb schon im Jahr vor dessen Erscheinen, ebenso Oskar Pastior.</p><p>Mit Pastiors Text hatte es eine besondere Bewandtnis. Bei einem Abendessen nach einer Lesung in Berlin hatte ich ihn angesprochen, er hatte zweifelnd den Kopf gewiegt und den Begriff Debüt hin- und hergewendet. Sei denn nicht jedes neue Buch ein Debüt? Nachher begleitete ich ihn zur U-Bahn am Potsdamer Platz. Auf dem Bahnsteig, im Rauschen des einfahrenden Zuges nickte er mir zu: „Also gut, ich will es versuchen.“</p><p>Pastiors Rückblick auf seine Schreibanfänge erschien im Januar 2005 in der Literaturzeitschrift „Lose Blätter“, die ich gemeinsam mit Birger Dölling herausgab. Zusammen mit den elf anderen Texten in diesem Heft bildete er den Grundstock für „Das erste Buch“.</p><p>Wenn ich das Typoskript zur Hand nehme, fällt mir alles wieder ein. Pastior schickte es im Dezember 2004: „diese drei Blätter sind nun beim Sinnieren über debütierendes Herauskommen herausgekommen“. Wir brachten den Text ins Format der „Losen Blätter“ und bekamen die Fahnen postwendend zurück: Er hatte ein paar Korrekturen eingefügt und bedankte sich „für den schönen Satz“.</p><p>Der „schöne Satz“ erwies sich diesmal jedoch als unerbittliches Korsett. Mit welchen Finessen wir dem Text auch zuleibe rückten – immer blieb er eine Zeile zu lang. Ein Hurenkind, wie früher die Setzer sagten. Unbedingt zu vermeiden! Was tun? Pastior fragen, ob er nicht eine Zeile streichen wollte? Unmöglich! Zumal unter seinem Beitrag ja auch noch ein Datum stand. Er hätte also mehrere Zeilen streichen müssen, damit alles auf zwei Seiten paßte. Ihn bitten, noch etwas dazuzuschreiben? Das ging schon eher.</p><p>Als ich zwei Tage vor Weihnachten zum Telefon griff, war ich nervös. Doch zu meiner großen Erleichterung hatte Pastior Verständnis. „Ja“, sagte er. „Da füge ich noch etwas ein.“ Ich solle morgen noch mal anrufen.</p><p>Anderentags nannte er mir die Stelle, an der seine Ergänzung stehen sollte. Es war der Absatz, in dem er von seiner Flucht aus dem kommunistischen Rumänien erzählt: Von einer Studienreise in den Westen war er 1968 „einfach“ nicht zurückgekehrt. Durch das Telefon diktierte er mir zwei Sätze: „Es war ein minimalistisches Handeln durch freiwilliges Nichthandeln – quasi im Vorgriff auf spätere lipogrammatische Verfahrensstrategien. Aber natürlich ein großer Schritt für meine Menschheit.“</p><p>Ausgerechnet diese Stelle wurde seither etliche Male zitiert. Als sich nach Pastiors Tod herausstellte, daß er in Rumänien Informant der Securitate gewesen war, griffen mehrere Zeitungen sie auf. „Die Ausreise als Mondlandung“, kommentierte Lothar Müller in der Süddeutschen Zeitung den Satz mit der Neil-Armstrong-Anspielung: „Wie vom Mond muß Pastior auf die Welt zurückgeblickt haben, der er entkommen war.“</p><p>Zuletzt zitierte Michael Lentz die Stelle in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen. In Oskar Pastiors ursprünglichem Typoskript steht sie nicht.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/3d3fb44b-f3b6-42ea-a3ba-90d911bcf1a4/uploads/images/6qycg7xrol/Wilhelm%20Genazino%20Brief.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Auch in den Beiträgen anderer Autoren gibt es Passagen, die erst auf Nachfrage entstanden – doch nicht aus typographischen Zwängen. Vielmehr war Neugier im Spiel; der Wunsch, manches noch genauer zu wissen. Ich bohrte nach und fragte, ob dieses Motiv oder jenes Detail nicht noch einer näheren Betrachtung wert wäre.</p><p>So ließ sich Ingo Schulze verlocken, in Gedanken noch einmal in die Gerüche und Farben jener längst vergangenen St. Petersburger Welt einzutauchen, der sich seine „33 Augenblicke des Glücks“ verdanken. Günter Kunert holte bis in die Kriegszeit aus und spürte den Ursprüngen seines Rufs als „Kassandra von Kaisborstel“ nach. Und Gabriele Wohmann erzählte die hinreißende Geschichte, wie ihr Vater sie eines Tages zu einem Spaziergang überredete, der an einer Buchhandlung vorbeiführte: „Zu meiner Überraschung hatte er den Buchhändler dazu gebracht, sein Schaufenster mit meinen Büchern zu dekorieren.“</p><p>In meinem Ordner stoße ich immer wieder auf solche Ergänzungen – mal als Nachtrag, mal als Einschub. Am kunstfertigsten verfuhr Wilhelm Genazino. Auch ihn hatte ich um Nachschlag gebeten: Ob er nicht da oder dort noch zwei Sätze einfügen könnte? Er konnte! Wenige Tage später erhielt ich den Ausdruck mit seinem Text zurück. Er hatte das Blatt an zwei Stellen zerschnitten und mit Papierstreifen sorgfältig wieder zusammengeklebt. Auf den Papierstreifen standen seine Ergänzungen. Das Ganze erinnerte ein wenig an die <em>paperoles</em> oder <em>béquets,</em> wie man bei Proust die in das Manuskript der „Recherche“ eingeklebten Zettel nennt, und sah großartig aus.</p><p>Doch das Wunderbarste waren diese drei Sätze in seinem Begleitschreiben: „Ich habe, Ihren Wünschen folgend, den Text an zwei Stellen erweitert. Ich schicke Ihnen die Neufassung des Manuskripts, das Sie nun, wie ich annehme, noch einmal abtippen müssen. Das tut mir leid!“ Er bat also um Entschuldigung für die Mühe, die ich ihm bereitet hatte.</p><p>Beim Lesen dieser Sätze steht mir der stille Mann mit dem großen Kopf wieder vor Augen; seine zuvorkommende Art, sein freundliches Wesen. Und mir fällt unsere erste Begegnung ein, im Januar 2008, als wir im Literaturhaus Salzburg „Das erste Buch“ vorstellten.</p><p>Fast wären wir zu spät gekommen: Katja Lange-Müller und ich, die wir unter allerlei Mühen aus Berlin angereist waren. Die letzte Etappe war die abenteuerlichste gewesen. Stoisch hatte der asiatisch aussehende Taxifahrer das Fahrtziel „Literaturhaus“ zur Kenntnis genommen. Nach zehn Minuten hielt er vor einem großen Gebäude, dessen Fenster alle dunkel waren. Als wir ihn fragten, wo denn jetzt das Literaturhaus sei, zeigte er lächelnd auf die Inschrift über dem Portal: Haus der Natur. Noch heute sehe ich das Gesicht von Katja Lange-Müller vor mir, der Autorin von „Verfrühte Tierliebe“, die fassungslos ausrief: „Sehen wir aus wie Krokodile?!“</p><p>Als wir drei Minuten vor Beginn der Lesung ins Literaturhaus stürmten, saß Wilhelm Genazino seelenruhig in einem Sessel und nippte an einem Glas Wein. Wäre plötzlich ein Krokodil vor ihm aufgetaucht – ich bin sicher, nicht einmal das hätte ihn aus der Fassung gebracht.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/3d3fb44b-f3b6-42ea-a3ba-90d911bcf1a4/uploads/images/zeoj34lsir/Erika.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Wilhelm Genazino, Oskar Pastior, Peter Rühmkorf: Sie alle haben ihre Beiträge auf der Schreibmaschine getippt – obwohl das digitale Zeitalter längst angebrochen war. Einen ordentlichen Lärm muß das gegeben haben! Und doch kommt es mir so vor, als wären die Zeiten ruhiger gewesen. Nicht, daß die Welt besser war. Gewiß nicht! Aber es schwappten nicht dauernd Wellen der Empörung durchs Land. Statt einander mit Tweets zu beschießen, hat man Briefe geschrieben.</p><p>Oder gehe ich der Erinnerung auf den Leim, der großen Besänftigerin, die alles Vergangene in ein mildes Licht taucht? Mag sein. Doch etwas muß anders gewesen sein, damals im Juli 2006, als Ludwig Harig herzliche Grüße schickte: „mitten aus dem Schreiben alexandrinischer Sonette über die laufende WM“. Kann man sich einen Dichter vorstellen, den die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar auch nur zu einem einzigen Alexandriner inspiriert hätte? Eben.</p><p>Vielleicht hätte auch Harig resigniert den Bleistift sinken lassen, wäre er nicht schon 2018 gestorben. Wobei – wenn einer es geschafft hätte, aus dem erneuten Vorrundenaus der deutschen Fußballer poetische Funken zu schlagen, dann er. Wie heißt es in seinem Sonett „Das Spiel an sich“ so leicht- und gar nicht rumpelfüßig? „So ist nicht personell die Mannschaft das Problem, / jedoch der Doppelklang von Wille und System“.</p><p>Gelassenheit, Hintersinn ... Ich ahne, daß es die Schreibmaschinenschreiber sind, die über einen größeren Vorrat davon verfügen. Das wäre kein erfreulicher Befund – werden sie doch immer weniger, von Jahr zu Jahr. Blättere ich in meinem Ordner, so ist mir, als würde ich über einen Friedhof gehen und die Namen auf den Grabsteinen lesen. Die älteren Jahrgänge sind nahezu ausgestorben. Ilse Aichinger (wie oft schon habe ich ihre zittrige Unterschrift betrachtet), Siegfried Lenz, Peter Härtling, Friederike Mayröcker.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/3d3fb44b-f3b6-42ea-a3ba-90d911bcf1a4/uploads/images/ywkro7mlmc/F.Mayr%C3%B6cker.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Auch unter den Jüngeren beginnen sich die Reihen zu lichten. Hat man einander gut gekannt, ist die Trauer um so größer. So ging es mir beim Tod von Thomas Rosenlöcher. Tagelang war ich wie vor den Kopf gestoßen. Ich konnte einfach nicht begreifen, daß ich ihn nie wiedersehen würde, nie wieder seine Stimme hören, wie sie ein Gedicht vorträgt, nie wieder eine Zeile von ihm erhalten, unterschrieben mit „Dein Thomasius“.</p><p>Als Sibylle Lewitscharoff starb und ich noch einmal in ihren Briefen las, stieß ich auf ein Versäumnis, das mir seither nicht mehr aus dem Sinn geht. Im September 2009 hatte sie mir in einer E-Mail geschrieben: „wenn wir uns treffen, erzähle ich Ihnen eine gute Geschichte aus Luzern, wo ich gestern abend mit Sack und Pack blitzartig getürmt bin“. Vier Tage später moderierte ich in Heidelberg eine Lesung von ihr. Über Luzern verlor sie kein Wort, und auch ich dachte nicht mehr daran.</p><p>Was ihr widerfahren war? Jetzt ist es zu spät, sie das zu fragen – was freilich den winzigen Wurm nicht beeindruckt, der unentwegt durch mein Hirn kriecht und keine Ruhe geben will. Als könnte ich durch beharrliches Nachdenken doch noch herausfinden, was damals geschah.</p><p>Mit einem anderen Satz aber brachte sie mich noch posthum zum Lachen. Sie schickte ihn mir am 4. Juni 2013, als sie in der Villa Massimo erfuhr, daß man ihr den Georg-Büchner-Preis zugesprochen hatte: „Bin natürlich überglücklich und springe in meinem römischen Atelier herum wie nicht gescheit.“</p><p>Ein solches Glück wie damals in Rom wünsche ich ihr auch jetzt, wo immer sie nun ist.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/3d3fb44b-f3b6-42ea-a3ba-90d911bcf1a4/uploads/images/x7snddhjq5/Thomas%20Grabstein.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>An jedem Namen im „Ersten Buch“ hängt eine Erinnerung. Da ist die Karte von Walter Kempowski. Eine Absage im Telegrammstil: als ob er gewußt hätte, daß ihm nur noch wenig Zeit bleiben würde. Daß er sich dann doch noch umstimmen ließ und im August 2006 einen ergreifenden Bericht über die prekären Umstände schrieb, mit denen er bei der Niederschrift von „Im Block“ zu kämpfen hatte, der literarischen Verarbeitung seiner Haftjahre in Bautzen, ist eine andere Geschichte.</p><p>Und da sind die Pankower Schreibmaschinenbriefe mit der knorrigen Unterschrift von Adolf Endler sowie, in unmittelbarer Nachbarschaft, ein Blatt aus Tielenhemme – von Sarah Kirsch, die unter ihren Brief eine langstielige Blume (eine Tulpe?) malte und dazu schrieb: „1000 Grüße auf die Füße!“ Tielenhemme liegt auf halbem Weg zwischen Rendsburg und Husum; nicht weit entfernt von einem Ort mit Namen Witzwort. Ich stelle mir ihr Lachen vor, als sie das bemerkte.</p><p>Adolf Endler starb im August 2009, Sarah Kirsch im Mai 2013. Vielleicht sitzen sie jetzt gemeinsam mit Thomas Rosenlöcher und Peter Rühmkorf auf einer Wolke und lassen hin und wieder einen tüchtigen Regenguß niedergehen auf diese von Poesie so ausgedörrte Welt.</p><p>Anfang und Ende. Hier das Debüt, das Herauskommen, das Die-Schale-Sprengen; dort der Tod, das Verstummen, die weiße Seite, die auf die lebenslang geschriebenen Worte folgt. Vielleicht gehört ja beides zusammen. Und wenn das Debüt der Moment ist, in dem alles möglich scheint, dann trifft das auf den Tod nicht weniger zu.</p><p>Wenn ich den Ordner aus dem Regal ziehe, sind die Erinnerungen wieder gegenwärtig und die Toten noch am Leben. Alles ist noch da. Das GrünGürteltier von Robert Gernhardt, die Erzählungen von Adolf Endler, dem ich stundenlang gegenübersaß, um noch dies und das zu erfragen. Und die Erinnerung, wie das Telefon klingelt und ich den Hörer abnehme, und da ist Peter Rühmkorf. Am anderen Ende, wie man sagt. Und das ist nicht einmal metaphorisch gemeint.</p><p>Als ich in der Zeitung die Todesanzeige für Wilhelm Genazino sah, kam mir Salzburg wieder in den Sinn. War es am Abend nach der Lesung oder am nächsten Morgen im Hotel? Zum Abschied drückte er mir die Hand, und als ich sagte: „Auf hoffentlich bald!“, lächelte er. „Man trifft sich ja immer wieder: auf den Pferdewechselstationen des Literaturbetriebs.“</p><p>Wäre das ein Western, lautete das Ende so: Ohne sich noch einmal umzudrehen, schwang er sich in den Sattel und sprengte davon – mitten hinein ins Abendrot.</p><p>Leider ist es keiner.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/3d3fb44b-f3b6-42ea-a3ba-90d911bcf1a4/uploads/images/unwzde6mni/Cover%20Erstes%20Buch.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p><em>Diese Geschichte habe ich am 26. November 2023 an 1092 Leserinnen und Leser verschickt. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten wollen, tragen Sie sich gern hier ein:</em></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">Kostenlos abonnieren</a></p><p><strong>Eine Geschichte wie diese schreibt sich nicht von allein. Um so dankbarer bin ich allen, die mit einer Mitgliedschaft meine freiberufliche Arbeit an „Wolken und Kastanien“ ermöglichen. Das geht schon zum Preis einer Tasse Kaffee im Monat. Wollen auch Sie Unterstützer(in) werden? Das geht hier:</strong></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/about">Unterstützen</a></p><p></p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/3d3fb44b-f3b6-42ea-a3ba-90d911bcf1a4/uploads/images/lyw55ywrs2/P.Handke.jpeg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Sun, 26 Nov 2023 06:20:53 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Dem Gift entgehen]]></title>
      <description><![CDATA[Über das paradiesische Leben der Robben im Zoo, einen Sommertag 1935 in Berlin und den Mut von Sebastian Haffner, der seiner jüdischen Verlobten ins Exil folgte]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über das paradiesische Leben der Robben im Zoo, einen Sommertag 1935 in Berlin und den Mut von Sebastian Haffner, der seiner jüdischen Verlobten ins Exil folgte</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f62d3b14-8f62-4fcc-8315-2b0556bb4ce5/uploads/images/pkigjqmau4/neue_Robbe%20mit%20Riss.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Neulich bei den Seelöwen im Berliner Zoo fiel mir eine kleine Betrachtung von Sebastian Haffner ein. Sie heißt „Robben im ‚Ruhestand‘“ und erschien im Juli 1935 in einer Berliner Illustrierten mit dem geheimnisvoll funkelnden Titel „Die Koralle“. Vor etlichen Jahren hatte ich sie bei einer Lesung in Berlin gehört; seitdem ging sie mir nicht mehr aus dem Kopf.</p><p>Wegen Onkel Rudolf und Tante Mathilde?</p><p>Man vergleiche, heißt es darin, die Tiere im Zoo gern mit Gefangenen. Erwähnt wird jener Panther im Jardin des Plantes in Paris, von dem Rilke schreibt: „Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe / und hinter tausend Stäben keine Welt.“</p><p>Dem hält Haffner das paradiesische Leben der Robben entgegen: Dreimal am Tag fliegen ihnen die Fische aus der Hand des Wärters ins Maul „wie den Einwohnern des Schlaraffenlandes die gebratenen Tauben“. Sommer, Sonne und nichts zu tun, als zu spielen und zu verdauen.</p><p>Kein Wunder, daß auf ihren „verschmitzten Rentnergesichtern“ der Ausdruck satter Zufriedenheit liegt und sie die Gewißheit ausstrahlen, das große Los gezogen zu haben.</p><p>Der Betrachter fühlt sich an fröhliche Urlauber erinnert: „am Strand des Wannsees oder der Ostsee“. Allzu groß sind die Unterschiede in seinen Augen nicht. Im Gegenteil: „Wer sich Zeit nimmt, die Robben ein Weilchen zu studieren, wird staunen, wie viele liebe und bekannte Gesichter er unter ihnen wiedersieht. Onkel Rudolf, Rechnungsrat Meier und Tante Mathilde, sie sind alle da, alle deutlich erkennbar.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f62d3b14-8f62-4fcc-8315-2b0556bb4ce5/uploads/images/4jxyawve4f/Sebastian%20Haffner%20Geschichte.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Der heitere Ton, den Sebastian Haffner damals anschlug: Flog er ihm zu, oder kostete er ihn übermäßige Anstrengung? Nicht, daß es so klingt. Die Sätze scheinen mit leichter Hand geschrieben, fast schwerelos.</p><p>Doch empfunden haben wird er die Heiterkeit kaum.</p><p>Seit Hitler an der Macht war, fühlte er Ekel und Schrecken. Seine juristische Laufbahn sah er als erledigt an, noch bevor sie überhaupt begonnen hatte. Auf keinen Fall wollte er sich korrumpieren lassen und an der Beseitigung des Rechtsstaates mitwirken.</p><p>Die Nazi-Revolution, schrieb er 1939, wirkte wie ein Giftgas, das durch alle Wände drang. „Wenn man diesem Giftgas wirklich entgehen wollte, gab es nur eins: physische Entfernung; Emigration; Abschied von dem Lande, zu dem man nach Geburt, Sprache, Erziehung gehörte, und von allen patriotischen Bindungen.“</p><p>Seit 1933 war er dazu fest entschlossen. Bis er es tatsächlich wagte, hielt er sich mit journalistischen Arbeiten über Wasser. Haffner, der eigentlich Raimund Pretzel hieß, schrieb für Zeitungen und Modejournale: über das Wetter, den Müßiggang, das Grammophon. Über Eitelkeit, das Laster des Rauchens und das Leben der Fußgänger.</p><p>Jahrzehnte später urteilte er über diese Zeit so aufrichtig wie illusionslos: „Jeder, der unter Goebbels arbeitete, auch wenn er sich noch so sehr als Antinazi fühlte, spielte irgendein kleines Instrument in Goebbels’ Orchester, in dem auch die Idylle, auch der altmodische Snobismus, alles, was zur sogenannten Normalität gehörte und dem Dritten Reich nicht direkt zuwiderlief, mitspielen mußte, so wie im Orchester eben auch die Piccoloflöte gebraucht wird.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f62d3b14-8f62-4fcc-8315-2b0556bb4ce5/uploads/images/roimloz5aa/Wannsee.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Die Piccoloflöte: war sie der Grund, weshalb er in jenem Sommer den Robben einen Besuch abstattete? Hatte er vor, eines seiner glänzenden Feuilletons zu schreiben? Oder besuchte er den Berliner Zoo aus freien Stücken? Vielleicht mit Erika. Und mit Peter, ihrem vier Jahre alten Jungen, dessen blonde Locken jedem „Ariernachweis“ spotteten.</p><p>Erika Schmidt-Landry oder Hirsch, wie sie mit ihrem Geburtsnamen hieß. Bei einer ihrer ersten Unterhaltungen entzückte sie ihn mit einer Bemerkung über Freud und Marx. Würden diese einander begegnen, sagte sie, könnten sie sich nicht verständigen: „Freud würde den Marxismus immer nur als Resultat von Marx’ persönlichen Komplexen, Marx die Psychoanalyse immer nur als Ausgeburt von Freuds Klassensituation verstehen können.“</p><p>Haffner war überwältigt von dem Esprit dieser Frau, die neun Jahre älter war als er und frisch geschieden. Bald darauf wurden sie ein Paar.</p><p>Auch für Erika Schmidt-Landry gab es im Dritten Reich nichts zu hoffen. Wegen ihrer jüdischen Großeltern hatte sie ihre Stelle als Bibliothekarin an der „Deutschen Hochschule für Politik“ am Schinkelplatz verloren. Seither wurden die Spielräume immer kleiner.</p><p>Den Zoologischen Garten durften Juden noch betreten – anders als das Strandbad Wannsee, vor dem seit 1935 ein Schild stand: „Juden ist das Baden und der Zutritt verboten“. Anders auch als die meisten Seebäder der Ostsee, die damit warben, „judenfrei“ zu sein.</p><p>Für den Zoo galt das Verbot erst nach den Novemberpogromen. Auf der Aktionärshauptversammlung im darauffolgenden Jahr höhnte der Verwaltungsdirektor Hans Ammon, der Zoologische Garten sei „immer ein wesentliches Stück Lunge der Großstadt Berlin“ gewesen, „mit frischer, sauberer Luft. Aber ich finde, seit dem November 1938 ist die Luft bei uns noch reiner geworden.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f62d3b14-8f62-4fcc-8315-2b0556bb4ce5/uploads/images/guo44k3ifo/Robbe%20und%20W%C3%A4rter.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Ein Sommertag mit blauem Himmel und ein paar träge dahinziehenden Wolken. Von irgendwo plärrt eine Radiostimme: „... das ist die Berliner Luft, Luft, Luft ...“</p><p>Ich stelle mir ein junges Paar vor, das Hand in Hand über die Kieswege des Zoologischen Gartens schlendert: übermütig lachend, aber schon im nächsten Augenblick ungewöhnlich ernst. Ein paar Schritte vor ihnen läuft fröhlich staunend ein blonder Junge. Hier sieht er die Giraffen und da die Löwen, dort das Aquarium und da den Affenfelsen, hier das ägyptische Straußenhaus und dort die Elefanten.</p><p>Und dann sind sie da – bei Onkel Rudolf, Rechnungsrat Meier und Tante Mathilde.</p><p>Die Felsenanlage für Robben war erst ein paar Jahre zuvor entstanden. Es gab Zuschauertribünen und einen Felsentunnel mit Glasscheiben, durch die man die Tiere beim Schwimmen beobachten konnte. In den Becken tummelten sich Seehunde, Seelöwen, See-Elefanten.</p><p>Auf einer Fotografie aus dieser Zeit sieht man die Menschenmenge bei der mittäglichen Fütterung. Eng gedrängt stehen sie da und verfolgen gebannt, wie die schwarz glänzenden, wie lackierten Tiere aus dem Wasser schnellen und die Fische in der Luft fangen. Kleine Kinder sitzen auf der Mauer, die das Publikum vom Wasserbecken trennt, und lassen die Beine baumeln. Man glaubt zu hören, wie es spritzt und schäumt.</p><p>Ich stelle mir vor, wie der Mann, der später Sebastian Haffner hieß, am Rande steht und ein paar Worte in ein Notizbuch schreibt. Immer wieder hebt er den Blick, mustert die vergnügten Zoobesucher und sieht, halb erstaunt, halb amüsiert, den jungen Seehunden beim Schwimmen und Tauchen zu. Und den riesigen See-Elefanten beim Verdauen.</p><p>Weiß er, daß sie Namen haben? Der eine heißt Roland, die andere Freya. So steht es auf einer alten Postkarte, die ich vor Jahren auf einem Flohmarkt in Berlin gefunden habe. Auf einer anderen Karte ist zu sehen, wie ein Wärter Roland einen Fisch zuwirft. Auf der Rückseite hat jemand mit Bleistift notiert: „4,5 Meter lang, 46 Zentner schwer, frißt pro Tag 50 Pfund“.</p><p>Die Menschen an den Felsenrändern, wird er am nächsten Tag schreiben, „quittieren jede ihrer Lebensäußerungen mit lautem Jubel“.</p><p>Nicht brausender Jubel, nicht fanatischer Jubel. Nur lauter Jubel. Im Jahr drei unter Hitler.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f62d3b14-8f62-4fcc-8315-2b0556bb4ce5/uploads/images/phappomymr/Notiz%20mit%20Robbe.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Der Jubel wird nicht leiser geworden sein in den folgenden Jahren. Ob er verstummte, als der Krieg begann? Wohl kaum.</p><p>Die Robben taten, was sie immer schon getan hatten. Sie spielten und schwammen und fingen die Heringe, die ihnen die Wärter zuwarfen. Danach lagen sie in der Sonne, als wäre es der Ostseestrand. Tatsächlich, sie hatten das große Los gezogen.</p><p>Vielleicht dachte das auch der Fronturlauber auf der Zu­schauertribüne, der auf dem Arm ein kleines Kind hielt, das nicht wußte, wovor es mehr Angst haben sollte: vor den Seelöwen oder vor dem fremden Mann, dessen stoppeliges Kinn immer wieder an seiner Wange rieb.</p><p>„Beneidenswert!“ sagte er zu seiner Frau und lachte aufgekratzt. Er versuchte, nicht an den nächsten Morgen zu denken, an dem er in aller Herrgottsfrühe losmußte: zum Bahnhof, nach Osten, an die Front.</p><p>Das große Los. Bis das Feuer kam.</p><p>Am 22. November 1943 bombardierte die britische Luftwaffe Berlin. Der Zoologische Garten wurde schwer getroffen; fast siebenhundert Tiere fanden den Tod. Das Antilopenhaus, das Affenhaus, die Krokodilhalle, das Raubtierhaus ... alles lag in Trümmern. Es gab Gerüchte, entflohene Löwen seien um die brennende Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gerast. In Wirklichkeit lagen sie erstickt und verkohlt in ihren Käfigen.</p><p>So hat es Katharina Heinroth, die erste Zoodirektorin nach dem Krieg, geschildert.</p><p>Die Liste der toten Tiere: auf der Schreibmaschine getippt, Bleistifthäkchen. Sieben Elefanten, ein Nashorn, ein Schimpanse, ein Orang-Utan, drei Löwen, zwei Tiger, zwei Giraffen ... und ein See-Elefant. Die Rubrik „noch vorhanden“ verzeichnet vier Robben.</p><p>Bald ist auch diese Zahl überholt. Ein Schreiben des Zoodirektors Lutz Heck vom Februar 1945 erwähnt noch einen Seelöwen und eine Kegelrobbe. Akribisch notiert Heck ihren wöchentlichen „Seefischbedarf“: etliche Kilogramm Hering und Schellfisch. Danach verliert sich ihre Spur.</p><p>Ab Frühjahr 1945 verweigerten die Reichsbahndirektionen den Transport „nicht-kriegswichtigen“ Tierfutters.</p><p>Erhalten hat sich die handschriftliche Liste der Zootiere, die den Krieg überlebt haben; auf Deutsch und auf Russisch. Verzeichnet sind 92 Tiere, darunter ein Arbeitspferd. Einen Seelöwen und eine Kegelrobbe sucht man darin vergebens.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f62d3b14-8f62-4fcc-8315-2b0556bb4ce5/uploads/images/m2nti7ntka/Rolandkopf%20Karte.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Im August 1938 folgte Sebastian Haffner seiner schwangeren Verlobten ins Londoner Exil. Sie war mit Peter schon im Mai ausgereist, gerade noch rechtzeitig. Am 29. August traf er in Cambridge ein, am 1. September heirateten sie. Acht Wochen darauf wurde ihr Sohn Oliver geboren.</p><p>Hinter ihnen lagen Jahre der Demütigung und Angst. Erika Schmidt-Landry litt unter Kopfschmerzattacken und Depressionen. Ihr „arischer“ Freund konnte es ihr nachfühlen. Sollte er an jenem Sommertag im Berliner Zoo so etwas wie Unbeschwertheit empfunden haben, vielleicht weil Erika seine Hand hielt, dann war es zwei Monate später damit vorbei.</p><p>Am 15. September 1935 erließ der Reichstag die Nürnberger Gesetze. Ihre Liebe galt jetzt als „Rassenschande“. Nur noch heimlich konnten sie sich treffen; bei Verrat drohte Zuchthaus. Ausgerechnet der Nazi-Blockwart nahm sie vor den Denunziationen der Nachbarn in Schutz.</p><p>Was Sebastian Haffner nach seiner Ausreise über den Sommer 1933 schrieb, das dürfte er damals des öfteren empfunden haben: „Nur manchmal in der Nacht wachte ich auf, und die Welt sah plötzlich grau aus wie ein Hinrichtungshof.“</p><p>Beiden war klar: Sie mußten fort. Fieberhaft suchten sie nach einem Ausweg.</p><p>Dem Giftgas entgehen. Wie bestürzend hellsichtig diese Formulierung gewesen war: Es muß Haffner gegraust haben, als es ihm später aufging.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f62d3b14-8f62-4fcc-8315-2b0556bb4ce5/uploads/images/hxhma27rkg/Berlin%20Lodz.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Und Onkel Rudolf, Rechnungsrat Meier, Tante Mathilde? Vielleicht hatten auch sie überlebt, mit etwas Glück. Es sei denn: sie waren Juden.</p><p>In Berlin begannen die Deportationen am 18. Oktober 1941. Am hellichten Tag zogen Hunderte von Menschen mit Koffern und Taschen durch die Straßen von Moabit, Charlottenburg und Halensee. Sie alle trugen den gelben Stern „fest angenäht“ und „sichtbar auf der linken Brustseite“, wie es die Polizeiverordnung vorsah.</p><p>Auf ihrem Weg passierten sie den Kurfürstendamm, der um diese Zeit voller Fußgänger, Autos und Busse war. Wer den Blick nicht abwandte, konnte sie sehen.</p><p>Der Zug, in den sie am Bahnhof Grunewald steigen mußten, fuhr nach Lodz.</p><p>Wenige Tage darauf notierte Joseph Goebbels in seinem Tagebuch: „Hauptsache ist, daß die Reichshauptstadt judenrein gemacht wird; und ich werde nicht eher ruhen und rasten, bis dieses Ziel vollkommen erreicht ist.“</p><p>Der letzte Transport ging am 27. März 1945 vom Anhalter Bahnhof nach Theresienstadt. In dreieinhalb Jahren wurden über fünfzigtausend Menschen deportiert. Menschen wie Erika und Peter.</p><p>Pro Person und Schienenkilometer berechnete die Reichsbahn vier Reichspfennig, für Kinder galt eine Ermäßigung. Befanden sich mindestens vierhundert Personen im Zug, gab es einen Gruppenrabatt von 50 Prozent. Beglichen wurden die Rechnungen aus den Vermögenswerten, die der Staat den deportierten Juden geraubt hatte.</p><p>Noch im April 1945 rollten Viehwaggons durch das zertrüm­merte Reich. Nach Dachau, Bergen-Belsen, Neuengamme, Mauthausen.</p><p>Keine Reichsbahndirektion verweigerte den Transport.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f62d3b14-8f62-4fcc-8315-2b0556bb4ce5/uploads/images/r3aob66gxy/Davidstern.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><strong>Quellen:</strong></p><p>Sebastian Haffner: Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914-1933, Stuttgart und München 2000</p><p>Sebastian Haffner: Das Leben der Fußgänger. Feuilletons 1933-1938, München 2004</p><p>Jürgen Peter Schmied: Sebastian Haffner. Eine Biographie, München 2010</p><p>Katharina Heinroth: Mit Faltern begann’s. Mein Leben mit Tieren in Breslau, München und Berlin, München 1979</p><p>Clemens Maier-Wolthausen: Hauptstadt der Tiere. Die Geschichte des ältesten deutschen Zoos, Berlin 2019</p><p></p><p><em>Diese Geschichte habe ich am 15. Oktober 2023 an 905 Leserinnen und Leser verschickt. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten wollen, tragen Sie sich gern hier ein:</em></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">Kostenlos abonnieren</a></p><p><strong>Eine Geschichte wie diese schreibt sich nicht von allein. Um so dankbarer bin ich allen, die mit einer Mitgliedschaft meine freiberufliche Arbeit an „Wolken und Kastanien“ ermöglichen. Das geht schon zum Preis einer Tasse Kaffee im Monat. Wollen auch Sie Unterstützer(in) werden? 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      <pubDate>Sun, 15 Oct 2023 05:13:55 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[Sommerhaus, früher]]></title>
      <description><![CDATA[Über Blitzableiter und Kirchturmspitzen, ein stattliches Familiengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof und die Sommervilla meines Ururgroßvaters am Attersee]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über Blitzableiter und Kirchturmspitzen, ein stattliches Familiengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof und die Sommervilla meines Ururgroßvaters am Attersee</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/51d8ba0c-9dee-467b-925f-5632c6c1dec6/uploads/images/3km2taq5au/Leerer%20Kopf.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Was haben der Stephansdom in Wien und Schloß Miramare bei Triest gemeinsam? Nun, wäre mein Urgroßvater nicht gewesen, gäbe es sie beide nicht mehr – es sei denn als schwarze Trümmerhaufen.</p><p>Ich übertreibe? Natürlich! Aber alles andere wäre ja langweilig. Wie sagte schon Gustav Mahler (wenn Alma Mahler-Werfel es nicht gut erfunden hat)? „Ich liebe nur die Menschen, die übertreiben. Die, die untertreiben, interessieren mich nicht.“</p><p>Lassen wir die schwarzen Trümmer also stehen. Eine gewisse Berechtigung haben sie ja doch. Schließlich hätten sie Realität werden können (ach was: müssen!), wäre mein Urgroßvater nicht vor einem guten Jahrhundert auf Stephansdom und Schloß Miramare herumgestiegen, um sie mit Blitzableitern zu versehen.</p><p>Das gleiche gilt für Schloß Schönbrunn, Schloß Belvedere und das österreichische Parlamentsgebäude. Und das sind nur die namhaftesten Wiener Bauten, die er vor dem sicheren Untergang durch eine Feuersbrunst bewahrt hat.</p><p>Kurzum: die halbe Donaumonarchie wäre abgebrannt und Klimts goldgerahmte Frauen gleich mit. Kein Prater, keine Hofburg, kein Wiener Kaffeehaus. (Und ohne Kaffeehaus kein Karl Kraus.) Alle Walzerseligkeit wäre verweht und der Kaiser aus Schmerz und Verzweiflung schon viel früher abgedankt – weshalb auch kein Pistolenschuß Sarajevo und die Welt erschüttert hätte, und alles folgende ... Ach, wer weiß, wer weiß, wie die Welt aussähe – wäre mein Urgroßvater nicht gewesen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/51d8ba0c-9dee-467b-925f-5632c6c1dec6/uploads/images/gdhpazdnli/Friedrich%20Photos.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Woher ich die Sache mit den Blitzableitern weiß? Nun, es gibt Aufzeichnungen: handschriftliche und auf der Schreibmaschine getippte. Sogar die Schulzeugnisse meines Urgroßvaters sind erhalten. (Um es kurz zu machen: blitzgescheit ist anders.) Dazu Skizzen, Aufzeichnungen und Fotografien sowie Zeitungsartikel auf vergilbtem Papier, die auf das große Renommee der „Telegraphen-, Telephon- und Blitzableiter-Bau-Anstalt“ schließen lassen, für die Friedrich Deckert schon in jungen Jahren als Chefingenieur Verantwortung trug.</p><p>Die Firma hatte sein Vater Wilhelm Deckert zusammen mit Eduard Homolka 1872 in Wien gegründet. In der Familie heißt es, Deckert habe den elektrotechnischen Erfindergeist besessen, Homolka den kaufmännischen Verstand. Ob das stimmt, weiß ich nicht – da sich unter den firmeneigenen Patenten aber auch ein „Spitzen-Mikrophon Deckert“ findet (es ermöglichte Musikübertragungen über weite Distanzen in einer noch nicht dagewesenen Qualität), ist es zumindest nicht unwahrscheinlich.</p><p>Ein Zeitungsbericht von 1898, erschienen im Neuen Wiener Tagblatt, berichtet folgendes: „Die älteste Firma der elektrotechnischen Branche ist die Firma Deckert und Homolka, welche ihre Hauptetablissements in Wien und in Budapest sowie Filialetablissements in Prag und Brünn besitzt. Die Firma hat sich von den kleinsten Anfängen zu einer der größten Etablissements Österreichs entwickelt und beschäftigt heute über 1000 Arbeiter. Ihr Fabrikationsgebiet umfasst alle Zweige der Stark- und Schwachstromtechnik.“</p><p>Nein, was meine Urahnen da betrieben, war kein schummeriger Lampenladen. Das Neue Wiener Tagblatt läßt keinen Zweifel daran, daß die Elektrotechnik in Österreich Deckert &amp; Homolka „zum großen Teile“ ihren Aufschwung verdankt. Durch „die Solidität und Mustergiltigkeit ihrer Anlagen“ habe man es verstanden, „die jeweiligen Errungenschaften der Elektrizität im Publikum einzubürgern“.</p><p>Man kann es auch einfacher sagen (und zumindest Gustav Mahler hätte das gefallen): Ohne meinen Ururgroßvater säße man in Österreich noch bei Kerzenschein zusammen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/51d8ba0c-9dee-467b-925f-5632c6c1dec6/uploads/images/sz5zr77dwx/Miramare%20Licht.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Und dann fällt der Satz, der die Seele des Chefingenieurs Friedrich Deckert gestreichelt haben dürfte: „Eines besonders guten Rufes erfreut sich das Unternehmen auf dem Gebiet der Blitzableiteranlagen.“ Das nämlich war sein Spezialgebiet. Als „Sachverständiger für Blitzschutz und Blitzableiter-Bau“ war er derjenige, der auf die Türme und Dächer Kakaniens kletterte, um sie feuerfest zu machen.</p><p>Welche das genau waren, hielt er in einer auf der Schreibmaschine getippten Chronik fest, die alle wichtigen Ereignisse eines Jahres aufführt. So ist für 1899 folgendes vermerkt: „Ab 16. August Rekonstruktion der gesamten Blitzableiteranlage auf dem St. Stephansdom in Wien“. Im Jahr darauf heißt es: „Am 23. Mai Probe der Blitzableiter auf dem Stephansdom in Wien.“ Und das gleiche noch mal am 10. und 11. September 1903.</p><p>Nun, allzu sehr habe ich gar nicht übertrieben.</p><p>In den Aufzeichnungen für das Jahr 1900 findet sich auch noch diese Notiz: „Am 27. Mai Reise nach Triest am Adriatischen Meer. Von dort nach dem Schloss Miramare des früheren Kaisers Max von Mexico. Dort die gesamte Blitzableiteranlage rekonstruiert. Aufenthalt vier Tage; täglich im Meer gebadet. Am letzten Tag schwerster Borasturm am Meere.“</p><p>Noch nie bin ich in Triest gewesen, geschweige denn in Schloß Miramare. Was die Bora ist (ein kalter, böiger Wind an der Adria), mußte ich erst nachschlagen. Aber in diesem Augenblick liegen drei Postkarten vor mir, die Friedrich an seine Verlobte Helene Lechner nach Wien schrieb. Zwei im Mai, die andere im August, als er noch einmal zur Übergabe nach Triest fuhr. Auf allen ist das Schloß zu sehen.</p><p>In seiner winzigen Handschrift sendet er innigste Grüße „von Ihrem treuen Fritz“, einmal nennt er sich in einem Anflug von Verwegenheit gar „Federico“. Er erwähnt die totale Sonnenfinsternis vom 28. Mai 1900, die er bei prachtvollem Wetter hat beobachten können. Und auch mit dem Erfolg seiner Arbeit ist er zufrieden. Die Blitzableiter von Deckert &amp; Homolka auf Schloß Miramare: sie scheinen funktioniert zu haben.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/51d8ba0c-9dee-467b-925f-5632c6c1dec6/uploads/images/i4sgmwsghr/Miramare%20Boote.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Als ich mich vor einigen Jahren das erste Mal in Friedrichs Aufzeichnungen vertiefte, waren es andere Stellen, die mich hellhörig machten – oder elektrisierten, wie mein Urgroßvater wohl gesagt hätte.</p><p>Da war die Passage über den Tod seines Vaters Wilhelm Deckert am 22. November 1910, an deren Ende es hieß: „Die Urne wurde in der Familiengruft Deckert am Zentralfriedhof in Wien, wo auch der Sarg meiner Mutter steht, beigesetzt.“ Und dann diese Notiz von 1901: „Am 24. September mit D-Zug längs des Chiemsees über Rosenheim nach Salzburg gefahren; dort umgestiegen und über Vöcklabruck nach Kammer am Attersee gefahren. Von dort nach Seewalchen, Villa Deckert. Sehr schönes Wetter; nachmittags im Attersee gebadet.“</p><p>Eine Villa Deckert im Salzkammergut? Und eine Familiengruft auf dem Wiener Zentralfriedhof? Weder von dem einen noch von dem anderen hatte ich jemals gehört. Hieß das, daß beides nicht mehr existierte? Aber ein Haus verschwindet ja nicht einfach. Und hatte ich nicht schon oft vor jahrhundertealten Grüften gestanden, in denen mehrere Generationen einer Familie beigesetzt waren?</p><p>Antwort auf meine Fragen fand ich schneller als erwartet. Im Fall der Deckertschen Gruft genügte eine kurze Recherche auf der Website der Wiener Friedhöfe. Kaum hatte ich bei der „Verstorbenensuche“ den Namen meines Ururgroßvaters eingetragen, erfuhr ich auch schon alles, was ich wissen wollte. Das Wichtigste: Das Grab gab es noch immer, und es würde sogar noch da sein, wenn ich selbst schon nicht mehr unter den Lebenden weilte – denn unter Grabnutzungsrecht stand da: „auf Friedhofsdauer“, was man getrost mit „bis zum Jüngsten Gericht“ übersetzen kann.</p><p>Aufgeführt waren auch noch sieben Personen, die mit Wilhelm das Grab teilten, samt dem Datum ihrer Beerdigung. Und dann war da der Lageplan, auf dem verzeichnet war, wo genau auf dem riesigen Areal sich das Grab befand: Gruppe, Reihe, Nummer. Eine rote Linie zeigte an, wie man vom Haupttor aus zu gehen hatte.</p><p>Vor wenigen Minuten noch hatte ich nichts geahnt von der Existenz dieser Familiengruft. Und jetzt das! Es war ganz einfach: Ich mußte nur nach Wien fahren, die 71 zum Zentralfriedhof nehmen und der roten Linie folgen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/51d8ba0c-9dee-467b-925f-5632c6c1dec6/uploads/images/mswg5bdrg2/Werfel.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Weil Österreich die Heimat meiner Frau ist, gab es schon bald Gelegenheit dazu. Es war ein heißer Sommertag, als wir mit der Straßenbahn hinausfuhren. Während wir uns der letzten Ruhestätte der Wiener Deckerts näherten, dachte ich an eine Passage aus Franz Werfels Novelle „Der Tod des Kleinbürgers“. Es geht um eine Trambahnfahrt zum Zentralfriedhof am Allerseelentag. Der Wagen ist überfüllt: von Menschen, Kränzen und dem Duft der „Leichenflora“, der sich auf atemraubende Weise mit einem anderen Geruch vermischt:</p><p>„Dies war der Geruch von schlechten schwarzen Stoffen, regendurchnäßt bei vielen Grabbesuchen, der Geruch von muffigen Hüten, Schleiern, Maschen, Trauersachen, die man von einem Todesfall zum andern eingekampfert in dumpfen Kästen bewahrt, und über all diesen Gerüchen der Geruch von Schnupfen, Husten, Halsschmerz und Katarrh.“</p><p>Wie anders dieser Tag im Juli! Die Straßenbahn fast leer; die Mittagshitze, die wie ein toter Hund auf der Gasse lag. Auf dem Friedhof das Jaulen der Motorsäge, mit der ein Gärtner einem Baum die Flügel stutzte.</p><p>Die rote Linie, an die wir uns hielten wie Hänsel und Gretel an die Kieselsteine, führte an den Gräbern der berühmten Toten vorbei (Franz Werfel, Ernst Jandl, noch ohne Friederike Mayröcker) und dann auf schattigen Alleen immer weiter geradeaus. Je länger wir gingen, um so stiller wurde es. Kein Mensch war zu sehen.</p><p>Später hat mir meine Frau erzählt, wie sie auf den letzten hundert Metern ein Gefühl der Beklemmung überkam. Etliche Gräber sahen verwahrlost aus: die Steine umgeworfen oder umgestürzt, von Gestrüpp überwuchert. Oje, dachte sie, das wird jetzt enttäuschend. Ich werde ihn trösten müssen!</p><p>Aber dann ragte vor uns diese schwarze Stele auf: mit einem Rosenfries aus Bronze und einer Goldschrift, die aussah, als wäre sie erst vor kurzem erneuert worden. Noch nie hatte ich den Namen meiner Familie in so edle Lettern gefaßt gesehen. Jugendstil, Blattgold ... wer hätte das gedacht?</p><p>Ich meinte zu spüren, wie mir meine Frau einen bewundernden Blick zuwarf. – Aber nein, das habe ich erfunden! Wahrscheinlich holte sie vor Erleichterung erst einmal tief Luft.</p><p>Nun, ein klein wenig beeindruckt war sie doch. Sowohl von dem Schwarzen Schweden (so heißt der polierte Stein, wie ein Bildhauerfreund mich später aufklärte) als auch von der Inschrift, die Wilhelm Deckert nicht nur als „Groß-Industriellen“ und Chef der Firma Deckert &amp; Homolka auswies, sondern auch als Kaiserlich-königlichen Schätzmeister und Sachverständigen für Elektrotechnik.</p><p>Allerdings vermute ich, es wäre ihr lieber gewesen, hätten meine Urahnen den familiären Vorrat an elektrotechnischem Sachverstand nicht gleich für mehrere Generationen aufgebraucht.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/51d8ba0c-9dee-467b-925f-5632c6c1dec6/uploads/images/sihffl3t6u/Deckert-Grab%20ohne%20Spiegelung.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Und das Haus am Attersee? Auch da wurde ich rasch fündig. Ehe ich es mir versah, stieß ich im Internet – nein, nicht auf die Villa Deckert, sondern auf die Rosenvilla, die einst mein Ururgroßvater in Seewalchen hatte erbauen lassen.</p><p>Wer sie so genannt hat, weiß ich nicht. War es Wilhelm Deckert selbst? Immerhin hieß seine Frau Rosa, und wenn ich an den Bronzefries denke und daran, daß sie die erste war, die in der Familiengruft in Wien bestattet wurde, dann liegt der Gedanke nahe, daß Rosen ihre Lieblingsblumen waren. Hatte sie also den Garten der Villa mit Rosenstöcken bepflanzen lassen – so wie Wilhelm die Seepromenade mit Kastanienbäumen (weshalb ihn die Gemeinde 1907 zum Ehrenbürger ernannte)?</p><p>Ob Rosenvilla oder Villa Deckert – zumindest eines weiß ich sicher: daß meine Ururgroßmutter und ihre sechs Kinder von 1895 bis 1908 hier den Sommer verbrachten. Wilhelm blieb oft in Wien, um sich um die Firma zu kümmern. So steht es in den Aufzeichnungen von Rosas ältestem Sohn, ohne die ich von alldem nichts wüßte.</p><p>Tempi passati. Lang ist es her, daß der letzte Deckert am Attersee die Tür hinter sich zuzog. Seither hat das Haus ein paar Mal den Besitzer gewechselt, mehrfach wurde es umgebaut. Aber noch immer steht es an der Promenade und hat den schönsten Blick auf den See. Wenn man vom Strandbad aus zur Villa Paulick läuft, in der damals Gustav Klimt ein- und ausging, kommt man daran vorbei.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/51d8ba0c-9dee-467b-925f-5632c6c1dec6/uploads/images/2mxxznedh6/Seewalchen.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Es war in dem Sommer, als ich meinen Namen in Goldschrift auf einem Grabstein entdeckte – und einen Telephonapparat von Deckert &amp; Homolka im Technischen Museum in Wien. Die Sonne schien, und wir fuhren nach Seewalchen.</p><p>Den Moment, als ich den Attersee zum ersten Mal sah, werde ich nie vergessen. Die Farbe des Wassers: ein Türkis, wie ich es nur vor Capri gesehen habe, und dahinter das Höllengebirge mit seiner grauen Wucht. Ich spürte, wie mir das Herz bis zum Hals schlug. Und konnte nicht aufhören zu schauen.</p><p>Wie oft sind wir seither dagewesen? Und wieviele Male schon bin ich früh leise aufgestanden, voller Ungeduld und Vorfreude, und hinuntergegangen, um im See zu schwimmen? Das letzte Mal vor ein paar Wochen. Was für ein Morgen! Die Berge nebelverhangen; Wolken, grau und schwer. Im strömenden Regen nahm ich Abschied vom See.</p><p>Ja, wie oft? Ich habe nicht gezählt. Aber während ich jetzt darüber nachdenke, wird mir klar, daß ich, bewußt oder nicht, den Faden wieder aufgenommen habe. Wie meine Ururgroßmutter, die die Rosen liebte, und wie Friedrich, ohne den es den Stephansdom nicht mehr gäbe, zieht es mich an den Attersee, Jahr für Jahr.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/51d8ba0c-9dee-467b-925f-5632c6c1dec6/uploads/images/if4pa3tzui/Steg.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>So viel Regen wie in diesem Sommer hatten wir noch nie. „Es heißt ja auch Sommerfrische“, sagten die Einheimischen und zuckten mit den Schultern. Und natürlich hatten sie recht.</p><p>Aber noch etwas war diesmal anders, und das war nichts, was die Freude, wieder dazusein, hätte trüben können. Im Gegenteil: Tagelang fieberte ich darauf hin und konnte es kaum erwarten – obwohl ich nun schon so lang gewartet hatte. Sommer für Sommer war ich um sie herumgeschlichen, hatte den Hals lang gemacht und diskrete Blicke geworfen. Und mich ein ums andere Mal gefragt: Soll ich mir ein Herz fassen und einfach klingeln? Aber ich wollte nicht aufdringlich sein, sondern wartete Jahr für Jahr auf eine Gelegenheit. Jetzt war sie da.</p><p>Aus der Ferne eingefädelt, war eine Einladung an mich ergangen; der jetzige Besitzer der Rosenvilla war bereit, mir das Haus meiner Vorfahren zu zeigen. Und an einem grauen Morgen im August war es soweit. Der Regen fiel aus allen Wolken, als ich unter einem vom Wind zerzausten Regenschirm über die Promenade hastete. Unter Wilhelms Kastanienbäume konnte ich mich nicht flüchten; der letzte hatte vor dreißig Jahren beim Bau des neuen Strandbades weichen müssen.</p><p>Auch vieles andere gab es nicht mehr – nicht zuletzt den kleinen Turm, den man auf der einzigen Fotografie des Hauses sieht, die sich im Familienarchiv meines Onkels fand. Rechts unten in der Ecke, unter dem Dach einer Gartenlaube, erkennt man einen jungen Mann mit einer weißen Kopfbedeckung; es könnte ein Bruder von Friedrich sein, vielleicht der unglückliche Gustav, der sich Jahre später in Wien erschoß.</p><p>Wenige Minuten später saß ich im Salon der Rosenvilla. Eine andere Bezeichnung fällt mir nicht ein für den langgestreckten Raum mit dem gemauerten Kamin und der Holzbalkendecke. Wir tranken Kaffee und sprachen über die Geschichte des Hauses: über das viele, das sich verändert hatte, und das wenige, das womöglich noch aus der Zeit der Deckerts stammte. Der Kamin vielleicht und ein oder zwei dunkle Möbel, die schweigend in der Ecke standen; ganz sicher aber die Proportionen des Raumes, der wie gemacht war, um Gäste zu empfangen: Bekannte aus Wien oder die Nachbarn in Seewalchen.</p><p>Wer weiß, wer hier wem die Klinke in die Hand gab? Nicht auszudenken, daß Gustav Klimt einmal vorbeikam, zusammen mit Emilie Flöge ... Bei diesem Gedanken fiel mein Blick auf die golden schimmernde Türklinke. Ein schönes Stück aus Messing, unverkennbar Jugendstil. Plötzlich war ich mir sicher, daß diese Türklinke noch von damals war. Aber kaum hatte ich den Arm ausgestreckt, als könnte ich auf diese Weise meinen Vorfahren die Hand reichen, mußte ich über mich selber lachen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/51d8ba0c-9dee-467b-925f-5632c6c1dec6/uploads/images/u2j5hfnh2d/Villa%20Deckert.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Es regnete noch immer, als ich aus einem der Fenster im ersten Stock auf den Attersee und auf Schloß Kammer blickte. Während ich mit den Augen einem Fischerboot folgte, das trotz des schlechten Wetters hinausgefahren war, stellte ich mir vor, wie mein Urgroßvater hier gestanden hatte, der Chef­ingenieur, der Blitzableiterexperte, dem kein Turm zu hoch war und der doch später so tief fiel.</p><p>Am Ende seines Lebens, sagt mein Vater, habe Friedrich mit dem Schicksal gehadert, von dem er sich betrogen und gedemütigt fühlte, weil es ihm alles genommen hatte: die väterliche Firma, die er nach Wilhelms Tod leiten und zu neuem Glanz hätte führen sollen, die Filialen in Prag, Budapest, Paris, die Häuser und das Vermögen, das man angehäuft hatte in jenen goldenen Jahren in Wien. All das war fort, unwiederbringlich, war untergegangen, verschleudert, von der Inflation aufgefressen.</p><p>Auf der Flucht vor den Schatten der Vergangenheit hatte es ihn nach Sachsen verschlagen. Wie eingelegt in den Essig seines Unglücks hockte er in einer Wohnung mit feuchten Mauern in Kötzschenbroda: ein alter Mann, der die Hände rang und den Kopf schüttelte angesichts des Unglücks, das über ihn gekommen war. „Furrrrchtbar!“ habe er immer wieder ausgerufen, sagt mein Vater, der ihn als Kind noch erlebte. Wobei er das r aussprach wie das ch in „Ach!“ oder in „Lachen“. Aber nach Lachen war ihm nicht zumute.</p><p>Ob er manchmal an den Attersee dachte, an das Türkis des Wassers und das Grau der Berge ringsum? Wußte er noch, wie er in der Sonne geschwommen war, so wie damals an der Adria, mit Blick auf Schloß Miramare? Erinnerte er sich oder kam es ihm so vor, als wäre all das nur ein Traum gewesen?</p><p>Noch immer stand ich am Fenster. Ich dachte, wie vertraut mir dieser Anblick war, und im selben Moment spürte ich, wie sich eine tiefe Ruhe in mir ausbreitete. Der Himmel, die Wolken, der See: alles war da. Wie vor hundert Jahren.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/51d8ba0c-9dee-467b-925f-5632c6c1dec6/uploads/images/exn3bjji2u/Abend%20in%20Steinbach.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p><em>Diese Geschichte habe ich am 17. September 2023 an 812 Leserinnen und Leser verschickt. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten wollen, tragen Sie sich gern hier ein:</em></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">Kostenlos abonnieren</a></p><p><strong>Eine Geschichte wie diese schreibt sich nicht von allein. Um so dankbarer bin ich allen, die mit einer Mitgliedschaft meine freiberufliche Arbeit an „Wolken und Kastanien“ ermöglichen. Das geht schon zum Preis einer Tasse Kaffee im Monat. Wollen auch Sie Unterstützer(in) werden? Das geht hier:</strong></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/about">Unterstützen</a></p><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 17 Sep 2023 05:17:13 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Der junge Löwe]]></title>
      <description><![CDATA[Über eine Fotografie im Nachlaß meines Onkels und seine Stasi-Akte von 1961, eine Flucht im Kofferraum nach West-Berlin und den Gestank der Angst, der nie vergeht]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über eine Fotografie im Nachlaß meines Onkels und seine Stasi-Akte von 1961, eine Flucht im Kofferraum nach West-Berlin und den Gestank der Angst, der nie vergeht</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f45208c9-4bda-4068-9e48-f878c6dda80e/uploads/images/zfpj4jqm3o/Backsteinmauer.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Als Eberhard Hüttig am Abend des 18. Februar 2015 in Basel starb, lag auf seinem Nachttisch im Universitätsspital eine abgewetzte Mappe. Als ich sie in die Hand nahm, fiel etwas heraus.</p><p>Ein Foto, schwarzweiß, vergilbt. Ein junger Mann, vielleicht ein Student, im Straßenanzug, mit Brille und weißem Hemdkragen. Dem Betrachter zugewandt, sitzt er auf einer Bank. Seine Hände halten einen jungen Löwen.</p><p>Im Hintergrund sieht man verschwommen eine Gruppe von Menschen, die hinter einem kniehohen Zaun auf etwas zu warten scheinen. Auf den Studenten? Oder darauf, sich mit dem Löwen fotografieren zu lassen?</p><p>Auf der Rückseite entdeckte ich den Stempel eines Leipziger Fotografen. Daneben stand in krakeliger Schrift: „Pfingsten 1960“.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f45208c9-4bda-4068-9e48-f878c6dda80e/uploads/images/2x6wltqvin/neu_oben_links.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Es ist die Brille, an der ich meinen Onkel erkenne. Eine Hornbrille mit dicken Gläsern. Sein Leben lang trug er diese schweren Brillen, durch deren Gläser die Augen kleiner erschienen. Wegen seiner Augen, sagte er einmal zu mir, habe er nicht Arzt werden können.</p><p>An dem Tag, als das Foto im Leipziger Zoo entstand, war er 21. Ein möblierter Herr, wohnhaft in der Scheffelstraße in Connewitz. Er war noch nicht lange in der Stadt. Seit acht Monaten arbeitete er als Krankenpfleger an der Medizinischen Klinik der Karl-Marx-Universität. Er wollte Medizin studieren, aber dazu kam es nicht – nicht in Leipzig.</p><p>Der 22. August 1961. Er will gerade zur Arbeit gehen. Als er aus der Tür tritt, stehen zwei Polizisten vor ihm und fordern ihn auf mitzukommen.</p><p>Er ist so verblüfft, daß er kein Wort herausbekommt. Doch als sie ihn auf die Rückbank eines wartenden Autos schieben und die Tür hinter ihm zuknallt, bricht ihm der Schweiß aus allen Poren.</p><p>In einer Zelle muß er warten. Zwei Stunden? Drei? Er weiß es nicht. Die Uhr hat man ihm abgenommen, seine Tasche, die Schnürsenkel. Zwischen den Gitterstäben glänzt blau der Himmel.</p><p>Es muß gegen Mittag sein, denn sein Magen knurrt, als man ihn zum Verhör abholt. Der Mann hinter dem Schreibtisch schaut nicht auf, als er in den Raum geführt wird.</p><p>„Hüttig, Eberhard, geboren am 13. August 1938 in Gera.“</p><p>Buchstabe für Buchstabe, Zahl für Zahl hackt der Mann in die Schreibmaschine. Plötzlich ist es still. Nur das Summen der Neonröhren ist zu hören.</p><p>„Sie wissen, warum Sie hier sind?“ Es klingt nicht wie eine Frage, sondern wie eine Feststellung.</p><p>Er preßt die Lippen zusammen. Seine Hände sind eiskalt, während er fieberhaft überlegt. Soll er sagen, daß er es weiß? Oder wollen sie nur ein Geständnis aus ihm herauslocken?</p><p>Der andere wartet seine Antwort nicht ab. Er fixiert ihn aus grauen Augen. Dann spricht er es aus, langsam und mit übertriebener Deutlichkeit. Es fühlt sich an wie ein Schlag in die Magengrube.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f45208c9-4bda-4068-9e48-f878c6dda80e/uploads/images/lmcuhhypj5/Backsteinmauer.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Ich weiß nicht, wie es wirklich war. Er hat es mir nie erzählt. Mir nicht und auch sonst keinem. Alles, was ich weiß, weiß ich aus seiner Stasi-Akte.</p><p>Aus dem Protokoll der Vernehmung durch Hauptwachtmeister Deuse. Aus der Anklage durch Staatsanwältin Schüritz und dem Protokoll der Gerichtsverhandlung am Kreisgericht Leipzig, geführt von der Justizbeamtin Feustel. Aus dem Urteil, gesprochen von Richter Dr. Engelmann.</p><p>Seine Aussage bei der Vernehmung am 22. August 1961 hat er unterschreiben müssen, auf jeder Seite einmal. Auf der ersten Seite kürzt er seinen Vornamen mit E. ab. Offenbar hat man ihn dann aufgefordert, ihn auszuschreiben. Auf den folgenden Seiten unterschreibt er mit seinem vollen Namen.</p><p>Seine Handschrift sieht anders aus als die auf der Rückseite des Fotos mit dem Löwen. Als würde ein Wind durch die Buchstaben wehen.</p><p>Er sehe, gibt er als letztes zu Protokoll, seinen Fehler ein. Er wisse, daß er „unserem Staat“ damit geschadet habe. In Zukunft werde er alles versuchen, daß er diesen Fehler wiedergutmachen könne.</p><p>„Allerdings möchte ich auf keinen Fall eingesperrt werden.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f45208c9-4bda-4068-9e48-f878c6dda80e/uploads/images/gq33uyorpk/neu_unten_links.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Ein fataler Fehler, heißt es, wenn von einem Unglück die Rede ist: eine falsch gestellte Weiche, eine achtlos weggeworfene Zigarette.</p><p>Welchen Fehler hat Eberhard Hüttig begangen?</p><p>„Dem Beschuldigten wird Beihilfe zur Republikflucht zur Last gelegt. Er traf sich nach Verabredung mit seiner Schwester A. in Berlin und brachte sie über die Grenze in die Nähe des Flughafens Tempelhof, von wo aus sie mit dem Flugzeug das Gebiet der DDR illegal verließ.“</p><p>Der Beschuldigte, schreibt der Hauptwachtmeister in seinem Schlußbericht, hätte sich darüber im klaren sein müssen, daß seine Handlungsweise „gerade in der jetzigen Situation sehr gesellschaftsgefährlich“ ist. Er hätte auf seine Schwester einwirken und sie daran hindern müssen, die DDR zu verlassen.</p><p>„Er tat dies jedoch nicht, sondern unterstützte sie noch beim Verrat am ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat.“</p><p>Es ist kein Fehler. Es ist ein Vergehen gemäß Paragraph 8 des Paßgesetzes.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f45208c9-4bda-4068-9e48-f878c6dda80e/uploads/images/lmcuhhypj5/Backsteinmauer.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Am 19. Juli 1961 ist der Himmel über Berlin wolkenverhangen. Die Stadt ist geteilt, aber noch trennen weder Mauer noch Stacheldraht die beiden Hälften.</p><p>Eberhard ist mit dem Zug aus Leipzig gekommen, A. aus Gera, über Erfurt und Halle. Sie treffen sich in der Stalinallee. Irgendwo trinken sie einen Kaffee. Dann gehen sie in Richtung Westsektor. So hat es Eberhard bei seiner Vernehmung erzählt.</p><p>„Wir liefen die Straße Unter den Linden entlang und haben durch das Brandenburger Tor das demokratische Berlin verlassen.“</p><p>Sind sie wirklich so weit gelaufen? Der Vernehmer fragt nicht nach. Offenbar weiß er nicht, daß es sechs Kilometer sind von der Stalinallee bis zum Brandenburger Tor.</p><p>In West-Berlin nehmen sie einen Bus nach Tempelhof. In der Nähe des Flughafens trennen sie sich.</p><p>„In West-Berlin haben wir außer einer Flasche Coca-Cola nichts weiter verzehrt.“</p><blockquote><p>Sie betrachten ihn wie ein lästiges Insekt. Nicht wie einen Löwen.</p></blockquote><p>Sechzig Jahre später wähle ich die Nummer von A. in München. Sie war 18, als sie mit ihrem Bruder die Sektorengrenze passierte. „Am Brandenburger Tor?“ Sie klingt erstaunt. „Nein, das stimmt nicht.“</p><p>Von Leipzig nach Berlin seien sie zusammen gefahren und dort in eine S-Bahn nach Potsdam gestiegen. Er habe gewußt, daß die S-Bahn in West-Berlin hielt. An der ersten Station seien sie ausgestiegen.</p><p>Ich frage, ob sie kontrolliert worden sind.</p><p>Es seien Polizisten durch den Wagen gelaufen. Eberhard habe zu ihr gesagt: „Tu doch dein Köfferchen unter den Sitz.“ Als die Polizisten kamen, hatte sie nur ihre Handtasche. „Darin hatte ich all mein Erspartes und meinen Kaufmannsgehilfenbrief.“</p><p>Sie überlegt. „Ich hatte ein Sommerkleid an und einen dünnen Mantel. Das war alles.“</p><p>Mit einem Bus seien sie nach Tempelhof gefahren. Am Flughafen hätten sie sich verabschiedet. „Ich habe ihn gefragt, ob er demnächst nachkommt. Da hat er gesagt: Später mal, jetzt noch nicht.“</p><p>Drei Stunden darauf ging ihr Flug nach Frankfurt.</p><p>Hat er ihr später erzählt, daß er wegen Beihilfe zur Republikflucht verurteilt wurde?</p><p>„Ich habe es gewußt. Aber erzählt hat er nie was. Kein Wort.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f45208c9-4bda-4068-9e48-f878c6dda80e/uploads/images/yy2k6wxfqa/neu_oben_rechts.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Am 26. September 1961 erhebt die Staatsanwältin Anklage. Dem „Beschuldigten Hüttig“ wirft sie vor, nicht ernsthaft gegen die Absichten seiner Schwester aufgetreten zu sein.</p><p>„Er hätte erkennen müssen, daß sie in Westdeutschland, an welcher Stelle sie auch arbeitet, die Vorbereitungen der westdeutschen Imperialisten zu einem 3. Weltkrieg unterstützt.“ In der Hauptverhandlung müsse dem Beschuldigten „das Verwerfliche seines Tuns“ klar werden.</p><p>Der Prozeß ist auf den 25. Oktober angesetzt: vor der Strafkammer des Kreisgerichts Leipzig, Stadtbezirk Süd.</p><p>Er trägt ein weißes Hemd, seine Wangen sind glatt rasiert. Ein Nachbar, dem er hin und wieder im Treppenhaus begegnet, hat ihm eine Krawatte geliehen. Für eine Theaterpremiere, hat Eberhard gesagt, obwohl der andere gar nicht gefragt hat.</p><p>Auch den Knoten hat der Nachbar gebunden. Er sitzt ein wenig zu fest. Wie eine Schlinge, denkt Eberhard und nestelt die ganze Zeit an seiner Kehle.</p><p>Ich sehe die Blicke vor mir. Die kalte Verachtung in den Augen der Richter. Sie betrachten ihn wie ein lästiges Insekt. Nicht wie einen Löwen.</p><p>Wegen der „großen Gesellschaftsgefährlichkeit seiner Handlungsweise“ wird er zu einer Gefängnisstrafe von 6 Monaten verurteilt. Da er bisher „völlig unbescholten durchs Leben gegangen“ sei und seine Tat bereue, wird die Strafe zur Bewährung ausgesetzt.</p><p>„Es wird nunmehr an dem Angeklagten liegen, ob er sich dieser Rechtswohltat würdig erweist, so daß er nach Ablauf der Bewährungszeit als unbestrafter Bürger in unserem Arbeiter- und Bauern-Staat leben und für den weiteren Aufbau des Sozialismus tätig sein kann.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f45208c9-4bda-4068-9e48-f878c6dda80e/uploads/images/lmcuhhypj5/Backsteinmauer.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Als Eberhard das Gerichtsgebäude verläßt, fällt eine Last von ihm ab. In vollen Zügen atmet er die Herbstluft ein. Feine Regentropfen sprühen ihm ins Gesicht und auf die Brillengläser; er merkt es kaum.</p><p>Während er zur Straßenbahn geht, denkt er an den 19. Juli, als er A. nach West-Berlin gebracht hat. Am Nachmittag ist er noch über den Ku’damm spaziert und hat sich die Nase an den Schaufenstern plattgedrückt. Am liebsten wäre er ins Kino gegangen, aber dafür reichte sein Geld nicht. Erst spät in der Nacht war er wieder in Leipzig.</p><p>Und er denkt an den 13. August, als er im Radio hörte, daß man in der Nacht in Berlin die Sektorengrenze abgeriegelt hat. Es war sein 23. Geburtstag, aber nach Feiern war ihm nicht zumute.</p><p>Als A. ihn gefragt hat, ob er bald nachkommt, hat er gesagt: „Später mal.“ Jetzt ist es zu spät.</p><p>Aber nein. Er schüttelt den Gedanken ab. Es wird sich schon ein Weg finden.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f45208c9-4bda-4068-9e48-f878c6dda80e/uploads/images/cq6m4ivd36/neu_unten_rechts.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Fünf Jahre danach ist es soweit.</p><p>Eines Morgens hockt er auf dem Ku’damm auf einer Bank: übernächtigt, unrasiert. Den Gestank der Angst wird er so bald nicht loswerden. Er sitzt in seinen Kleidern und in seiner Seele. Die Kleider kann er wegwerfen, aber die Seele?</p><p>Wie hat er damals zu seinem Vernehmer gesagt? „Allerdings möchte ich auf keinen Fall eingesperrt werden.“ Jetzt war er es doch. Eingesperrt in die Dunkelheit eines Kofferraums. Zusammengekrümmt, schweißgebadet. Sein Herz raste, fast wäre er erstickt.</p><p>Das stinkt ja wie im Raubtierhaus, sagte der Schleuser, als er ihn endlich aus seinem Versteck befreite. Benommen, wie er war, hatte Eberhard nichts gesagt, aber er hatte an die Löwen im Leipziger Zoo denken müssen.</p><p>Ein Mann und eine Frau gehen vorbei, die Frau mustert ihn abschätzig. Riecht sie es auch? Sie sagt etwas zu ihrem Begleiter, der dreht sich nach ihm um. Während sie weitergehen, hört er ihr Lachen. Das dunkle, rauhe des Mannes, das grelle der Frau.</p><p>Sein Magen knurrt; seit zwei Tagen hat er nichts gegessen. Auf der anderen Straßenseite ist ein Café, davor sitzen Menschen in der Sonne. Er könnte hinübergehen, sich an einen Tisch setzen und etwas bestellen. Doch er hockt nur da und hält sich an seiner Aktentasche fest. Für die glänzenden Schaufenster hat er keinen Blick.</p><p>Es ist, als irre er noch immer durch diesen Wald, in den ihn der Schleuser bestellt hat. Zwei Nächte hat er auf das Fluchtauto gewartet. Es war so finster, daß er die Hand vor Augen nicht sah. Bei jedem Knacken im Unterholz fuhr er zusammen. </p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f45208c9-4bda-4068-9e48-f878c6dda80e/uploads/images/lmcuhhypj5/Backsteinmauer.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Als ich ihn kennenlernte, war er ein alter Mann. Seine Brillengläser dick wie Flaschenböden. Der Blick dahinter: scheu, von Unruhe erfüllt. Zugleich hatte er etwas Hochfahrendes. Als müßte er seine Unsicherheit durch Schroffheit überspielen.</p><p>Wir trafen uns in Basel, wo er seit den siebziger Jahren lebte. Nach ein paar Semestern Medizin in Heidelberg hatte er wieder als Krankenpfleger gearbeitet.</p><p>Einmal gab er mir ein Kuvert. Es enthielt Fotos von der Berliner Mauer und den Grenzanlagen. Nach seinem Tod fand ich in seiner Wohnung bunte Mauerstücke und einen nicht ausgefüllten Antrag auf Einsicht in seine Stasi-Akte.</p><p>Manchmal rief er mich an. Er sagte nie seinen Namen, sondern begann sofort zu sprechen. Hastig, raunend. Als hätte er Angst, daß er abgehört wird.</p><p>Er sagte, von seinem Fenster aus sehe er die Flugzeuge aufsteigen. Auch das Flugzeug, mit dem ich neulich nach Berlin zurückgeflogen sei, habe er gesehen. Er sagte, ich solle vorsichtig sein, wenn ich nachts durch die Straßen gehe. „Es sind schon Leute von Brücken gestoßen worden.“</p><p>Ob er manchmal das Foto mit dem Löwen zur Hand nahm? Auf seiner Flucht muß er es dabeigehabt haben, im Juni 1966. Anders kann ich mir nicht erklären, daß es erhalten geblieben ist.</p><p>War es für ihn eine Art Talisman? Wie auch immer – es hat ihm etwas bedeutet. Warum sonst sollte er es ins Krankenhaus mitgenommen haben?</p><p>Was hat er gedacht, als er es betrachtete: ein halbes Jahrhundert später, ein paar Stunden vor seinem Tod?</p><p>Damals im Leipziger Zoo lag alles noch vor ihm. Der Himmel war blau, von keiner Wolke getrübt, so wie die Zukunft, die jetzt begann, in diesem Augenblick. Kein Gedanke an Mauer und Stacheldraht, an Todesangst und schwarze Wälder, aus denen es kein Entrinnen gibt.</p><p>Voller Erwartungen blickt er in die Kamera. Als sehe er sich selbst, so wie er sich sehen will.</p><p>Ein junger Löwe.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f45208c9-4bda-4068-9e48-f878c6dda80e/uploads/images/vgvrctmbsx/Bildgro%C3%9F%20neu%206.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><strong>Am 28. Juli 2023 ist A. in München gestorben. Ihr ist diese Geschichte gewidmet.</strong></p><p></p><p><em>Diese Geschichte habe ich am 13. August 2023 an 735 Leserinnen und Leser verschickt. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten wollen, tragen Sie sich gern hier ein:</em></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">Kostenlos abonnieren</a></p><p><strong>Eine Geschichte wie diese schreibt sich nicht von allein. Um so dankbarer bin ich allen, die mit einer Mitgliedschaft meine freiberufliche Arbeit an „Wolken und Kastanien“ ermöglichen. Das geht schon zum Preis einer Tasse Kaffee im Monat. Wollen auch Sie Unterstützer(in) werden? Das geht hier:</strong></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/about">Unterstützen</a></p><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 13 Aug 2023 05:07:06 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[Der Turm]]></title>
      <description><![CDATA[Über den Blick von unserem Balkon und den sechshundert Jahre alten Backsteinturm von St. Johannis, aus dessen Fenster jeden Morgen ein Choral erklingt]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über den Blick von unserem Balkon und den sechshundert Jahre alten Backsteinturm von St. Johannis, aus dessen Fenster jeden Morgen ein Choral erklingt</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/7c6a7a8d-f0b5-4372-9096-8ec779ceb285/uploads/images/hihxaqmvul/Kirchturm.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Was ich schon wieder angestellt hatte? Ich weiß es nicht mehr. Nach all den Jahren habe ich nur noch diesen Satz im Ohr: „Treib es nicht auf die Spitze!“ Gesagt hatte ihn einer meiner Lehrer, in schroffem Ton. Vielleicht hat er sich mir deshalb eingeprägt.</p><p>Etwas auf die Spitze treiben: die Wendung war mir neu. Ich wußte nicht, was sie bedeutete. Doch die gerunzelte Stirn von Herrn H. verhieß nichts Gutes – was mich erstaunte. Hatte er nicht vorhin erst gesagt, irgendein Radfahrer oder Fußballspieler sei „einsame Spitze“? Dabei hatte er den Mund zu einem Strich zusammengepreßt und anerkennend genickt.</p><p>Der Satz fiel mir neulich wieder ein, als ich unter einem fast wolkenlosen Himmel auf St. Johannis zuging, die älteste der drei großen Lüneburger Kirchen. Bevor ich in den Schatten der Linden eintauchte, hob ich den Kopf und sah hinauf zu der kupfergrünen Turmspitze, um die gerade ein Falke seine Kreise zog.</p><p>Nein, ich habe es nicht auf die Spitze getrieben. Dafür fehlten mir der Mut, ein Seil und noch einiges mehr. Aber ich bin Lüneburg zu Kopf gestiegen, zumindest ein bißchen.</p><p>Wie lange ich das schon vorhatte? Fragen Sie mich nicht! Nein, nicht Wochen oder Monate; es sind Jahre. Seit wir hier wohnen, blicken wir auf diese Backsteinkirche mit ihrem schiefen Turm, dessen Neigung durch den dahinter aufragenden Wasserturm geradezu ins Auge sticht. Der Legende nach stürzte sich der Baumeister, als er das Malheur bemerkte, aus einem Kirchturmfenster. Nur weil unten ein Heuwagen vorbeifuhr, kam er mit dem Leben davon.</p><p>Sechshundert Jahre ist das her, und der Turm steht noch immer. Wüßte man es nicht besser, könnte man das Ganze für eine Alterserscheinung halten. Daß er sich nach all der Zeit nicht mehr gerade hält – wer will es ihm verdenken? Vielleicht sieht er nicht mehr gut; und um zu erkennen, was zu seinen Füßen vor sich geht, auf diesem belebten Platz mit dem merkwürdigen Namen „Am Sande“, beugt er sich ein Stück erdwärts.</p><p>Schaue ich aus dem Fenster, habe ich ihn genau im Blick. Ich sehe ihn vom Regen gepeitscht und ins Dunkel der Nacht getaucht. Am schönsten aber ist er an einem jener Sommerabende, an denen die Mondsichel erst links, dann rechts von ihm am Himmel hängt und die untergehende Sonne den Backstein blutrot färbt.</p><p>Einmal, wir wohnten erst ein paar Wochen hier, quoll gegen Abend dicker Rauch aus einem Turmfenster. Der Schreck fuhr mir in die Glieder. Hastig griff ich zum Telefon und wählte die Nummer der Feuerwehr. „Gut, daß Sie anrufen!“ sagte der Mann am anderen Ende. „Und das nächste Mal rufen Sie bitte wieder an. Aber das heute ist nur eine Übung.“</p><p>Kaum hatte ich aufgelegt, wuchs aus einer der Baumkronen vor der Kirche ein Eisenarm, der einen Feuerwehrmann in die Höhe hievte. Wenige Augenblicke darauf schoß ein Wasserstrahl in die Luft.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/7c6a7a8d-f0b5-4372-9096-8ec779ceb285/uploads/images/uidyucoobi/Turm.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Wir wohnen im Hinterhaus, abseits vom Getümmel. Auch bei offenem Fenster dringen die Geräusche der Straße nur gedämpft herein. Während ich diese Zeilen schreibe, regiert das Tschilpen der Spatzen. Und manchmal steigt mir ein würziger Duft in die Nase, dann weiß ich: jetzt wird wieder Kaffee geröstet. Die Rösterei Ratzsch, deren Laden schon 1892 eröffnete, ist nur ein paar Häuser entfernt.</p><p>Setze ich mich für ein paar Minuten auf den Balkon, kann ich all das hören und riechen – und, wenn noch Kaffee in der Tasse ist, auch schmecken. Aber zu sehen ist etwas anderes: Wie von einem Logenplatz aus geht der Blick über die Dächer. Sie leuchten nicht so klatschmohnrot wie die, die Oskar Zwintscher in Meißen malte; malerisch sind sie trotzdem. Dazu das Kupfergrün von St. Johannis, die rauschende Linde, die auf dem Dachfirst vor meiner Nase knutschenden Tauben. Und der alte, schiefe Turm.</p><p>Es ist der schönste Blick, den man sich denken kann. Und immer ist er anders: je nachdem wie blau der Himmel ist und wie weiß und groß die Wolken sind, die darauf schwimmen. Ob sie aussehen wie Löwen oder wie Einhörner. Wie Fische, Schiffe oder Schafe.</p><p>An manchen Tagen kommt mir all das fast unwirklich vor. Es hat nichts zu tun mit den Bildern, die uns nachts bis in die Träume verfolgen. Rußlands mörderischer Krieg gegen die Ukraine, die unzähligen Toten im Mittelmeer, die Welle der Gewalt in den französischen Vorstädten ... Wüßte man nicht, was gerade in der Welt vor sich geht und hätte nur diesen Blick – man könnte die Erde für einen idyllischen Ort halten.</p><p>Und doch kann ich nicht aufhören zu schauen. Manchmal schüttelt meine Frau den Kopf und fragt mich, wie oft ich den Turm schon fotografiert habe. (Ich glaube, sie hält mich für einen seltsamen Menschen, und im Stillen gebe ich ihr recht.) Aber ich kann nichts dafür. Immer wieder drängt es mich, den flüchtigen Anblick festzuhalten, bevor Licht und Schatten alles wieder verändern.</p><p>Mir fällt „Smoke“ ein, der Film von Wayne Wang, dessen Drehbuch eine Geschichte von Paul Auster zugrunde liegt. Es muß zwanzig Jahre her sein, daß ich ihn in einem Berliner Hinterhofkino gesehen habe. Von der Handlung habe ich das meiste vergessen, aber eine Figur hat sich mir eingeprägt: der Mann, der jeden Tag zur selben Zeit ein Foto von der Kreuzung vor seinem Tabakladen in Brooklyn macht. Stets an derselben Stelle plaziert er sein Stativ.</p><p>Ich greife eher zufällig zur Kamera. Oft am Abend, wenn die Amsel singt oder die Wanderfalken den Turm in weiten Kreisen umfliegen. Aber gestern war es halb sechs in der Frühe. Und auch mein Standpunkt variiert. Manchmal stehe ich einen Schritt weiter links, dann wieder sitze ich am Tisch oder beuge mich über die Balkonbrüstung.</p><p>„Wer dich so sieht, könnte denken, du bist gerade eingezogen“, sagt meine Frau und lacht mich an – vielleicht auch aus.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/7c6a7a8d-f0b5-4372-9096-8ec779ceb285/uploads/images/hgqqra2jws/Mit%20Mond.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Auch damals, als es aus dem Turm rauchte, habe ich ein paar Fotos gemacht. Wenn ich sie jetzt betrachte, fällt mir das offene Fenster auf, in der oberen Reihe ganz rechts. Es sieht so aus, als ob dort jemand steht und den Feuerwehrmann beobachtet.</p><p>Es ist das Fenster, das jeden Morgen zehn vor neun aufgeht. Man erkennt einen Kopf und in der dunklen Jahreszeit einen Lichtschein. Manchmal sieht man etwas blitzen. Wenige Augenblicke darauf erklingen zwei Strophen eines Chorals, geblasen auf einem Flügelhorn. Zuerst ist es auf unserer, der Nordseite, zu hören; dann folgen Osten und Süden und, nach dem Stundenschlag, Westen.</p><p>Vom ersten Tag an hat mich dieses morgendliche Ritual berührt. Noch heute halte ich inne und lausche der Melodie, die wie ein Echo aus der Kindheit zu mir herüberweht. Ich bin in einem Pfarrhaus aufgewachsen, die meisten Lieder sind mir vertraut; nur manchmal suche ich nach einem Wort oder einer Zeile.</p><p>Daß es ein Flügelhorn ist, weiß ich erst seit kurzem. Der Turmbläser hat es mir erzählt, neulich, als ich Lüneburg zu Kopf stieg. Ich höre es am Schreibtisch oder in der Küche, wenn ich mir gerade den zweiten Kaffee mache. Manchmal trete ich auf den Balkon hinaus, und während ich über die Dächer blicke, spüre ich, wie die Klänge durch mich hindurchgehen.</p><p>Wir hatten schon Gäste, die sich dreiviertel neun auf unserem Balkon postierten, um den Choral nicht zu verpassen. Für solche Fälle halte ich das Opernglas meiner Großmutter bereit, die 1915 in Dresden geboren wurde. Ihr Vater spielte in der Sächsischen Staatskapelle Kontrafagott. Mit elf Jahren nahm er sie in den „Falstaff“ mit. Kein Wunder, daß es sie immer wieder in die Semperoper zog.</p><p>Nach ihrem Tod fand sich außer dem Opernglas noch ein Klavierauszug der „Walküre“. Offenbar hatte sie Wagner gemocht. Vielleicht teilte sie diese Vorliebe mit einer ihrer Schulfreundinnen, die später Opernsängerin in München wurde, bei den Salzburger Festspielen auftrat und auf Wunsch von Richard Strauss zu dessen Begräbnisfeierlichkeiten 1949 in Garmisch. Es muß eine innige Freundschaft gewesen sein, denn bei der Hochzeit meiner Großeltern sang Gerda Sommerschuh „von der Orgelempore aus uns ins Herz“, wie sich mein Großvater noch nach Jahrzehnten erinnerte.</p><p>Das ist alles, was ich darüber weiß. Aber wann immer ich das Opernglas in die Hand nehme, stelle ich mir das strahlende Gesicht der jungen Frau vor, die später meine Großmutter wurde. Wie sie im Dunkel des dritten Rangs den Klängen von Verdi oder Wagner lauscht und wie sie lächelnd den Hals reckt, um im Orchestergraben ihren Vater zu erspähen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/7c6a7a8d-f0b5-4372-9096-8ec779ceb285/uploads/images/kfayki5vz2/Turmbl%C3%A4ser.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Das Opernglas habe ich nicht dabei, als ich unter einem fast wolkenlosen Himmel auf den Turmbläser von St. Johannis warte. Halb neun kommt er angeradelt: Manfred Toews, ein großer, schmaler Mann mit weißem Bart und einer leisen, freundlichen Stimme. „Dann kommen Sie mal mit.“</p><p>Er schließt ein Seitenportal auf und geht voran: durch die Von-Dassel-Kapelle, in dem die Talare der Pfarrer hängen, am Luftkasten der Orgel vorbei, eine steile Wendeltreppe hinauf und dann eine zweite. Als wir unter dem Eichengebälk des Glockenstuhls ankommen, räuspert er sich. „So, das waren jetzt zweihundert Stufen.“ Ich habe den Eindruck, er könnte mühelos noch weitere zweihundert steigen.</p><p>Acht Glocken hängen hier, direkt vor uns die älteste, die Apostelglocke, 1436 von einem damals berühmten Glockengießermeister aus Bremen gegossen. Sie ist fast fünf Tonnen schwer und so wuchtig wie alles hier: die Backsteinmauern, jede zwei Armlängen dick, die sechshundert Jahre alten Holzbalken. Und draußen gleiten die Wolken dahin, wie schwerelos.</p><p>Während ich mich noch umsehe, hat Manfred Toews schon das Flügelhorn in der Hand. Tatsächlich glänzt es golden; nur wo er es hält, liegt das Messing bloß. Es ist sein zweites Flügelhorn, zwölf Jahre spielt er schon darauf. Das erste hielt über dreißig. Ich will schon rechnen, da kommt er mir zuvor: „Am 1. Oktober 1978 habe ich begonnen.“ Anders als heute, wo in der Innenstadt nur noch Busse und Taxis fahren, war unten alles voller Autos. Da habe er manchmal in den Verkehrslärm hineingeblasen.</p><p>Angefangen habe er mit einer Trompete, aber die war auf der Straße schlecht zu hören. Spielen Sie mit einem Dämpfer? habe ihn einer gefragt. Beim Flügelhorn sei der Schalltrichter größer, dadurch trage es erstaunlich weit. Und es habe so einen vollen Klang.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/7c6a7a8d-f0b5-4372-9096-8ec779ceb285/uploads/images/qyhor6amsz/Horn.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Jahrzehntelang hat er allein gespielt; inzwischen gibt es zwei Mitstreiter. Sie teilen sich das Instrument, jeder bringt sein eigenes Mundstück mit. Er selbst spielt noch zwei-, dreimal in der Woche. Aber zur Zeit muß er kürzertreten, eine Operation steht an. „Der Zahn der Zeit nagt an meinem Gebiß“, sagt er und zeigt ein stilles Lächeln.</p><p>Vor kurzem ist er 82 geworden. Längst ist er der dienstälteste Turmbläser im Land und vermutlich weit darüber hinaus. Daß er eines Tages nicht mehr die zweihundert Treppenstufen hinaufsteigt – man kann es sich nicht vorstellen. Schon gar nicht, wenn man die zwei Kalender sieht, die mit Reißzwecken auf ein Holzbrett gepinnt sind: einer von diesem, einer vom letzten Jahr. Tag für Tag (außer sonntags) ist mit Kugelschreiber vermerkt, wer wann welches Lied gespielt hat. Der Choral am Morgen als Lebenselixier.</p><p>Notiert ist auch die Temperatur im Turm. An den heißesten Tag aber erinnert sich Manfred Toews auch so: „Im Sommer 2018 waren es einmal, als ich halb neun heraufkam, 29 Grad. Ich habe mit freiem Oberkörper geblasen.“</p><p>Ob Sonne oder Schnee: der Instrumentenkoffer bleibt stets hier oben. Auch im Winter, wenn es so kalt ist, daß die Ventile einfrieren. Er zeigt auf den Föhn, der an einem Haken an der Wand hängt. Früher habe er so lange in das Flügelhorn hineingepustet, bis ihm schwarz vor Augen wurde. Später klemmte er es sich zwischen die Beine und wärmte es mit dem Körper. Dann sei er auf die Idee mit dem Föhn gekommen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/7c6a7a8d-f0b5-4372-9096-8ec779ceb285/uploads/images/yjtkzpedbs/Schneeturm.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Was er spielt, entscheidet er erst kurz vorher. Oft fällt es ihm auf dem Fahrrad ein oder auf der Treppe. „Und manchmal weiß ich es noch immer nicht, wenn ich oben ankomme. Dann fange ich erst mal an zu blättern.“ Er zeigt auf den Notenständer, auf dem aufgeschlagen das „Choralbuch für Posaunenchöre“ liegt. Nur am Montag braucht er nicht zu überlegen; da spielt er das Graduallied, das am Sonntag in allen evangelischen Kirchen im Gottesdienst gesungen wird.</p><p>An diesem Morgen hat er ein Lied von Martin Luther ausgesucht: „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“. Er blättert die Seite auf und spielt eine Strophe für sich, wie jeden Tag. Manchmal, wenn ich auf dem Balkon stehe und es sehr still ist, kann ich es hören. Dann weiß ich: gleich ist es soweit.</p><p>Welches Lied ist ihm das liebste? Er überlegt eine Weile. „Lobe den Herren“ vielleicht. Oder „Die Nacht ist vorgedrungen“ von Jochen Klepper, der sich 1942 zusammen mit seiner jüdischen Frau und deren Tochter das Leben nahm. Er starrt einen Augenblick ins Leere. Ach, es gebe so wunderbare Lieder, viele von Paul Gerhardt. „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“. Sie seien so schlicht, aber sie berührten die Seele.</p><p>Es ist die Liebe zu diesen alten Chorälen, die ihn immer wieder auf den Kirchturm steigen läßt. Seit er als Schüler im Posaunenchor blies, hat er ein inniges Verhältnis zu ihnen. Auch wenn sie quer zu unserer Zeit stehen und manchmal etwas Anachronistisches hätten, könnten sie einer Gesellschaft auf Sinnsuche Orientierung geben.</p><p>Für ihn selbst ist das morgendliche Blasen „ein innerer Kirchgang“ und ein kleines Stück Verkündigung. Nicht zuletzt führt er damit eine alte Tradition fort: Schon seit dem Dreißigjährigen Krieg gibt es auf St. Johannis einen Turmbläser.</p><p>„So, jetzt wird es höchste Zeit.“ Er geht zum ersten Fenster, stellt den kleinen Notenständer vor sich hin. Dann hebt er das Flügelhorn an die Lippen und holt tief Luft.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/7c6a7a8d-f0b5-4372-9096-8ec779ceb285/uploads/images/4gmbhh6luc/Johannis.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Wie oft schon habe ich in diesem Moment auf dem Balkon gestanden und dem Choral gelauscht und Ausschau gehalten nach dem Fenster in Rapunzelzopfhöhe: mit dem Kopf und dem goldenen Blitzen. Jetzt ist all das zum Greifen nah.</p><p>Der Backsteinturm, die Glocken, der Choral. Ein Schwindel erfaßt mich bei dem Gedanken, daß all das schon lange vor uns da war – und noch sein wird, wenn wir nicht mehr sind.</p><p>Das Lied von Martin Luther ist fünfhundert Jahre alt, der Turm sechshundert. Was wird in sechshundert Jahren sein? Wird diese Kirche dann noch stehen? Werden die dicken Backsteinmauern den Folgen unserer Untätigkeit standhalten, wenn die Sommer immer heißer werden und die Stürme immer gewaltiger? Oder wird ein Krieg vernichten, was die vergangenen Jahrhunderte so glücklich überdauert hat?</p><p>Ich trete an das Fenster, das noch offensteht. Lange brauche ich nicht zu suchen, um das Haus zu entdecken, in dem wir wohnen. Die Tür zum Balkon steht offen. Für einen Augenblick glaube ich, meine kleine Tochter zu sehen, die, von den Klängen angelockt, zu dem Turm herüberschaut, dessen Spitze sie an eine umgedrehte Zuckertüte erinnert und daran, daß sie bald in die Schule kommt. Aber dann fällt mir ein, daß sie ja gerade im Kindergarten ist.</p><p>Der Gedanke an sie stimmt mich froh. Vielleicht, denke ich, wird ja in jenem fernen Jahr 2623 ein anderes Kind dort unten stehen, auf einem Balkon oder womöglich auf einer blühenden Wiese, und den steinernen Riesen mit dem kupfergrünen Helm anstaunen.</p><p>Während in meinem Kopf die Bilder und die Zeiten wechseln, geht Manfred Toews von Fenster zu Fenster und spielt hier eine Strophe (weil der Wind heute so stark ist) und dort zwei. „Man bläst wie in einen großen Saal hinein“, sagt er und läßt den Blick über die Dächer wandern, die im Sonnenschein leuchten.</p><p>Dann öffnet er das Fenster nach Westen und wartet auf die neun Glockenschläge. Kaum ist der letzte verklungen, beginnt er zu spielen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/7c6a7a8d-f0b5-4372-9096-8ec779ceb285/uploads/images/7sk4eullyu/P1240786.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p><em>Diese Geschichte habe ich am 9. Juli 2023 an 700 Leserinnen und Leser verschickt. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten wollen, tragen Sie sich gern hier ein:</em></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">Kostenlos abonnieren</a></p><p><strong>Eine Geschichte wie diese schreibt sich nicht von allein. Um so dankbarer bin ich allen, die mit einer Mitgliedschaft meine freiberufliche Arbeit an „Wolken und Kastanien“ ermöglichen. Das geht schon zum Preis einer Tasse Kaffee im Monat. Wollen auch Sie Unterstützer(in) werden? Das geht hier:</strong></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/about">Unterstützen</a></p><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 09 Jul 2023 04:57:37 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[Das Haus]]></title>
      <description><![CDATA[Über ein unscheinbares Haus in Dresden und die Tagebücher von Victor Klemperer, über Mut in finsterer Zeit und das Todesurteil für Muschel, den geliebten Kater]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über ein unscheinbares Haus in Dresden und die Tagebücher von Victor Klemperer, über Mut in finsterer Zeit und das Todesurteil für Muschel, den geliebten Kater</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b208523b-48a6-446e-95d0-1e4996739a1f/uploads/images/b7kziuodhw/Haus.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3>Muschel</h3><p>Es war im vorigen Sommer in Dresden, als ich zu dem Haus in der Cas­par-David-Friedrich-Straße ging, in dem Victor Klemperer jahrelang um sein Leben gebangt hatte. Das erste „Judenhaus“, in das man ihn und seine Frau Eva im Mai 1940 zwang. Bis September 1942 wohnten sie hier in zwei Zimmern im ersten Stock. Der letzte Satz, den Klemperer vor dem Umzug in sein Tagebuch schreibt: „Wir bemühen uns, nicht zu verzweifeln.“</p><p>In den folgenden Jahren fällt ihnen das immer schwerer. Haussuchungen, Drohungen, Schläge. Wenn die Gestapo vor der Tür steht, krampft sich Klemperers krankes Herz zusammen. Angst vor Verhaftung, Angst vor Deportation, Todesangst.</p><p>Eva Klemperer gilt den Nazis als „arisch“. Das rettet ihm das Leben. Sie wird angespuckt und ge­schlagen, aber sie steht zu ihm. Sein erstes Buch nach dem Krieg wird er ihr widmen: „Du weißt es, und ein Blinder muß es mit dem Stock fühlen, an wen ich denke, wenn ich über Heroismus spreche.“</p><p>Während die Dresdner Zeitungen das „Heldentum“ an der Front feiern, herrscht im „Judenhaus“ die blanke Not. Immer länger wird die Liste der Verbote. Klemperer schreibt in sein Tagebuch: „Jedes Tier ist freier.“ Bis zum Mai 1942.</p><p>Dem Haus in Strehlen sieht man nicht an, was darin geschah. Hell verputzt, mit einem kleinen Vorgarten steht es an der Straße. Idyllisch fast.</p><p>Ich stand davor und schaute, prägte mir jedes Detail ein. Die Haustür, die Fensterläden, den grünen Zaun. Ich überlegte, die Gartentür zu öffnen und die Namen am Klingelbrett zu lesen. Wer lebte heute hier? Und was wußten sie über die früheren Bewohner?</p><p>Ich dachte an die alte Frau Pick, die Veronal genommen hatte, als man sie zur Gestapo einbestellte. An den Schrei von Elsa Kreidl, als sie die Nachricht vom Tod ihres Mannes erhielt, den man in Buchenwald ermordet hatte. Ich fragte mich: Wie schläft es sich in diesen Mauern?</p><p>Eine Weile noch stand ich da, unschlüssig, hin- und hergerissen. Dann ließ ich die Tür­klinke los. Da war mir, als hätte sich hinter einem Fenster im ersten Stock etwas bewegt. Kein Mensch, aber vielleicht ein Tier. Eine ... Katze? In diesem Moment durchfuhr es mich. Muschel!</p><p>So hieß der graue Kater, der Eva und Victor Klemperer über manche Bitterkeit hinwegtröstete. Vor allem ihr bedeutete er viel. In Phasen tiefer Depression konnte nur Muschel sie aufmuntern. Wenn sie das Tier mit mütterlicher Zärtlichkeit umsorgte, spürte er manchmal einen Stich der Eifersucht.</p><p>Aber auch er hing an ihm. Im Tagebuch zählt er die wenigen verbliebenen Glücksmomente auf: „Und wenn es bloß der kleine Abendspaziergang bis zur Neun-Uhr-Grenze ist. Und daß der Kater lebt.“ Selbst in Zeiten größten Hungers fiel immer etwas für ihn ab.</p><p>Ich stand noch ein paar Minuten vor dem Zaun, reckte den Hals, aber es war nichts mehr zu sehen.</p><p>Zu Hause nahm ich das Tagebuch und las den Eintrag vom 15. Mai 1942. „Sternjuden und jedem, der mit ihnen zusammenwohnt, ist mit sofortiger Wirkung das Halten von Haustieren (Hunden, Katzen, Vögeln) verboten, die Tiere dürfen auch nicht in fremde Pflege gegeben werden. Das ist das Todesurteil für Muschel, den wir über elf Jahre gehabt und an dem Eva sehr hängt.“</p><p>Um dem Kater die Angst beim Abgeholt-Werden und die gemeinsame Tötung mit den anderen Tieren zu ersparen, fassen sie einen Entschluß. Vier Tage noch ringen sie mit sich. Sie klagt: „Das Tierchen spielt herum, ist vergnügt und weiß nicht, daß es morgen stirbt.“ Er grübelt: „Ob es jemanden gibt, der vielleicht von uns weiß: Morgen sterben sie?“</p><p>Die Henkersmahlzeit: 450 Gramm Kalbfleisch, vom Mund abgespart.</p><p>Am 19. Mai bringt Eva Klemperer den Kater zum Tierarzt. Sie ist dabei, als er betäubt und getötet wird.</p><p>Ich stelle mir vor, wie der kleine Körper reglos daliegt. Ein graues Häufchen Fell, noch warm und weich. Wie sie einen letzten Blick auf ihn wirft, bevor sie hinaustritt in den warmen Maitag. Wie sie heimkommt und nichts sie erwartet als die gebeugte Gestalt ihres Mannes am Küchentisch. Sein ängstlich fragender Blick.</p><p>Ihre Antwort schreibt er später in sein Tagebuch: Das Tier hat nicht gelitten. „Aber <em>sie</em> leidet.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b208523b-48a6-446e-95d0-1e4996739a1f/uploads/images/iuuglpqkmy/Klemperer%20Portr%C3%A4t%201930.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><hr aria-hidden="true"/><p>Neulich fiel mir diese Erzählung wieder ein, die ich vor zwei Jahren geschrieben habe. Vor mir ein Zettel mit Notizen, in Reichweite Victor Klemperers Tagebücher 1933 bis 1945. Seit ich sie als Student gelesen hatte, hatten sie mich nie wieder losgelassen.</p><p>In Berlin war es Winter. Ich lag im Bett: die Decke bis zum Kinn, denn mir war kalt, so kalt, die ganze Zeit. Längst hätte ich schlafen sollen, doch ich konnte nicht aufhören zu lesen. Irgendwann in der Nacht zwang ich mich, das Licht auszumachen, weil in ein paar Stunden die Vorlesung begann. Ich lag dann in der Dunkelheit, noch immer fröstelnd; nur meine Augen brannten. Aber schlafen konnte ich nicht mehr.</p><p>An die Vorlesung habe ich keine Erinnerung, aber Klemperers Tagebücher waren mir noch viele Jahre später auf beklemmende Weise gegenwärtig. Keine andere Lektüre hat mich so stark geprägt. Mein Blick auf die Welt wäre ein anderer, hätte ich nicht eines Tages die zwei dicken Bände aus dem Bibliotheksregal gezogen und schon auf der Rückfahrt, im Gerumpel der U-Bahn nach Prenzlauer Berg, darin zu lesen begonnen.</p><p>Erst später erfuhr ich, daß sich mein Großvater lange vor mir in Klemperers Aufzeichnungen vertieft hatte. In der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden hatte Helmut Deckert zwanzig Jahre lang die Handschriftenabteilung geleitet. 1977, im Jahr meiner Geburt, bekam er Klemperers Nachlaß auf den Tisch. Beglückt machte er sich an die Arbeit, ordnete, katalogisierte und erstellte in seiner akkuraten Handschrift ein Findbuch, das auf 90 Seiten akribisch jedes Blatt Papier auflistet. Klemperers „erstaunlicherweise erhalten gebliebene Tagebücher“, notierte er, seien „von unschätzbarem Wert“.</p><p>Immer wieder greife ich zu der vergilbten Reclam-Ausgabe der „LTI“, die meinem Großvater gehört hat. Ich erbat sie mir, als er mit 92 Jahren starb. Manchmal stecke ich sie noch rasch ein, bevor ich mich früh auf den Weg mache: nach Magdeburg oder Stendal, Lübeck oder Bremerhaven. Im Zug bin ich oft der einzige, der in einem Buch liest. Aber nichts macht einen wacher und schärft die Sinne so zuverlässig wie die Lektüre von Victor Klemperer.</p><p>„Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“ Es sind Sätze wie dieser, die ich immer wieder lese – und dabei jedesmal von neuem erstaunt bin, weil sie ein Dreivierteljahrhundert nach ihrer Niederschrift unsere Gegenwart auf den Punkt bringen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b208523b-48a6-446e-95d0-1e4996739a1f/uploads/images/dgbmbbmj5o/Waggon.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Seit einigen Jahren gehe ich an Schulen, um aus Victor Klemperers Tagebüchern zu lesen. Ich wollte etwas tun gegen die Geschichtsvergessenheit und gegen das Gift, das heute wieder im Umlauf ist. Die Gleichgültigkeit gegenüber einem Antisemitismus, der sich achtzig Jahre nach Auschwitz immer unverhohlener äußert, fand ich unerträglich.</p><p>So kommt es, daß ich manchmal noch bei Dunkelheit in den Zug steige und nach Magdeburg oder Stendal, Lübeck oder Bremerhaven fahre. Im Laufe der Zeit bin ich an etlichen Schulen gewesen und habe von Victor Klemperer erzählt, habe vorgelesen, erklärt und Fragen beantwortet.</p><p>Inzwischen sind mir die Tagebücher auf eine Weise vertraut, daß ich viele Sätze wortwörtlich im Kopf habe. Fast kommt es mir so vor, als hätte ich die von Klemperer geschilderten Ereignisse aus seinem Mund gehört.</p><p>Der Parteibeamte, der ihm eröffnet, daß sie ihr Haus in Dölzschen verlassen müssen. Das demütigende Verhör bei der Gestapo. Die Liste der Verbote. Sein vergeblicher Versuch, die alte Frau Pick vom Suizid abzuhalten. Die brutalen Hausdurchsuchungen. Die Jungen, die ihn auf der Straße beschimpfen. Die Nacht, in der er den Dresdner Feuersturm überlebt. Der Morgen, als Eva den Judenstern von seinem Mantel reißt.</p><p>Und dann ist da der Tagebucheintrag vom 15. Mai 1942. In sachlichem Ton schildert er die neue Verordnung, die ihm gerade zu Ohren gekommen ist: das Verbot, Haustiere zu halten. Schließlich bricht sich seine Empörung Bahn: „Welch eine niedrige und abgefeimte Grausamkeit gegen die paar Juden.“</p><p>Wo immer ich diese Stelle lese, wird es ganz still. Noch stiller als ohnehin schon. Es ist, als würde ich die fassungslosen Blicke spüren. Manch einer von denen, die vor mir sitzen, hat vielleicht auch ein Tier zu Hause. Daß die Klemperers ihren geliebten Kater töten lassen müssen, das geht ihnen nahe.</p><p>Im Tagebuch folgen noch einige Sätze: „Es ist mir um Evas willen sehr bitter zumute. Wir haben uns so oft gesagt: Der erhobene Katerschwanz ist unsere Flagge, wir streichen sie nicht, wir behalten die Nasen hoch, wir bringen das Tier durch, und zum Siegesfest bekommt der Muschel ‚Schnitzel von Kamm‘ (dem feinsten Kalbschlächter hier). Es macht mich beinahe abergläubisch, daß die Flagge nun niedergeht. Das Tier mit seinen mehr als elf Jahren war in letzter Zeit besonders frisch und jugendlich. Für Eva war es immer ein Halt und ein Trost. Sie wird nun geringere Widerstandskraft haben als bisher.“</p><p>Der Gedanke drängt sich auf: Was wäre gewesen, hätte es diese Verordnung nicht gegeben? Hätte das Tier den Krieg überlebt?</p><p>Am 13. Februar 1945 steht das Haus in der Zeughausstraße, in dem Eva und Victor Klemperer seit über einem Jahr leben, „in vollen Flammen“. Es ist das dritte „Judenhaus“, in das man sie gezwungen hat. Wie durch ein Wunder kommen sie mit dem Leben davon.</p><p>Die Tagebücher blieben nur deshalb erhalten, weil eine Freundin der Klemperers, die Ärztin Annemarie Köhler, sie in ihrer Praxis in Pirna versteckte. Sie riskierte dafür ihr Leben, so wie Eva Klemperer das ihre – jedesmal, wenn sie die Aufzeichnungen ihres Mannes nach Pirna brachte. In Dresden hätte die Gestapo sie bei einer Hausdurchsuchung finden können.</p><p>Ohne den Mut dieser beiden Frauen wären die Tagebücher verbrannt.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b208523b-48a6-446e-95d0-1e4996739a1f/uploads/images/ik37kfixnw/Tageb%C3%BCcher.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Vor ein paar Wochen war ich wieder in Dresden; es war kurz vor Ostern, und in vielen Gärten hingen Ostereier an den noch kahlen Sträuchern. An einem dieser Tage stieg ich in den Bus und fuhr zum Wasaplatz, um mir noch einmal das Haus in der Cas­par-David-Friedrich-Straße anzusehen.</p><p>„Eine hübsche Villa“, notierte Klemperer kurz nach dem Einzug, „gepropft voll mit Leuten, die alle das gleiche Schicksal haben. Wunderschön im Grünen gelegen.“</p><p>Das erste, was ich sah, als ich die Straße heraufkam: hinter dem grünen Zaun ein Strauch mit Ostereiern. Das Haus stand da im goldenen Licht des Nachmittags, wie abgewaschen nach einem Regenguß, alles glänzte.</p><p>Noch immer wies nichts darauf hin, daß es ein „Judenhaus“ gewesen war. Immerhin, ein Stolperstein erinnerte an Ernst Kreidl, dem das Haus gehört hatte, bevor es enteignet worden war. Nachdem am 19. September 1941 der Judenstern eingeführt wurde, ging er nicht mehr auf die Straße. Zwei Monate später bestellte man ihn „zur Befragung“ auf die Gestapo. Er kehrte nie zurück. Am 21. Mai 1942 wurde er in Buchenwald erschossen.</p><p>Eine Woche später stürmten Gestapoleute das Haus. Zwei Stunden lang verhörten sie im Erdgeschoß den früheren Bankier Sally Friedheim. Er wurde verhaftet, am 16. Juni erfuhren die übrigen Bewohner von seinem Tod. Klemperer schreibt: „Wir empfanden alle einen schweren Schauder, uns allen steht der Tod sehr nahe.“</p><p>Der Gedanke läßt ihn nicht los. Einige Tage später notiert er: „Peinlich ist mir die leere Gartenbank unten vor meinem Fenster. Dort saßen den ganzen vorigen Sommer in hundert Gesprächen Ernst Kreidl und Dr. Friedheim zusammen. Jetzt ist Kreidl erschossen und Friedheim im Gefängnis ‚gestorben‘.“</p><p>Wenige Wochen darauf, am 20. August 1942, starb in einem Zimmer im Erdgeschoß die achtundsiebzigjährige Julia Pick an einer Überdosis Veronal. Ein erster Suizidversuch im Juni war fehlgeschlagen. Auf ihrem Tisch lag ein Abschiedsbrief: „Ich danke allen, die mir die zweieinhalb Jahre in Strehlen durch ihre Herzenshöflichkeit verschönt haben.“</p><p>Außer den Klemperers und Ernst Kreidls Witwe Elsa Kreidl erlebte keiner der Bewohner das Kriegsende. „Was an mir liegt“, heißt es im Tagebuch, „so soll das Judenhaus Caspar-David-Friedrich-Straße 15 b mit seinen vielen Opfern berühmt werden.“ Es ist der letzte Satz, den Victor Klemperer am 2. September 1942 schreibt: am Abend vor dem Umzug in das nächste „Judenhaus“ im Lothringer Weg 2.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b208523b-48a6-446e-95d0-1e4996739a1f/uploads/images/un2ancrxcy/Ernst%20Kreidl.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Still lag das Haus an der Straße; hin und wieder fuhr ein Auto vorbei. Ich hatte gehofft, daß zufällig jemand hineinging oder herauskam. Vielleicht hätte ich ihn angesprochen. Doch kein Mensch war zu sehen.</p><p>Ein paar Minuten stand ich da. Dann fotografierte ich das Haus und den Stolperstein für Ernst Kreidl.</p><p>Ich wollte gerade gehen, da bemerkte ich den Baum. Er stand an der Straße zwischen dem einstigen „Judenhaus“ und dem Nachbargrundstück. Als ich den Kopf hob, schienen sich die kahlen Äste nach den Wolken zu recken.</p><p>Ich hätte nicht sagen können, wie alt er war. Aber es erschien mir nur natürlich zu denken, daß auch damals ein Baum hier gestanden hatte.</p><p>Während ich mit meinem Blick den Verzweigungen folgte, stellte ich mir vor, wie Victor Klemperer in der Nacht erwacht war. Wie er leise aufstand und die Verdunkelung eine Handbreit beiseite schob, um zu sehen, ob es schon dämmerte. Wie er hinaussah: reglos, mit pochenden Schläfen; minutenlang.</p><p>Das unentwegte Kreisen der Gedanken. Das Schwanken der Äste vor dem Fenster. Wie Krallen, die nach ihm griffen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b208523b-48a6-446e-95d0-1e4996739a1f/uploads/images/2xjmnaycqk/Astgewirr.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><hr aria-hidden="true"/><p>Diese Geschichte habe ich am 28. Mai 2023 an 591 Leserinnen und Leser verschickt. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten möchten, tragen Sie sich gern hier ein:</p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">Kostenlos abonnieren</a></p><p><strong>Eine Geschichte wie diese schreibt sich nicht von allein. Um so dankbarer bin ich allen, die mit einer Mitgliedschaft meine freiberufliche Arbeit an „Wolken und Kastanien“ ermöglichen. Das geht schon zum Preis einer Tasse Kaffee im Monat. Wollen auch Sie Unterstützer(in) werden? 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      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/b208523b-48a6-446e-95d0-1e4996739a1f/uploads/images/b7kziuodhw/Haus.jpeg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/3fd644b1-6179-488d-9965-d7532add4804/posts/b208523b-48a6-446e-95d0-1e4996739a1f</link>
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      <pubDate>Sun, 28 May 2023 05:30:34 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[Die feindliche Kugel]]></title>
      <description><![CDATA[Über eine rostige Kanonenkugel und eine verwitterte Steinpyramide, eine letzte Liebe, den Geschmack von Eisen und einen Fund auf einem Dresdner Dachboden]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über eine rostige Kanonenkugel und eine verwitterte Steinpyramide, eine letzte Liebe, den Geschmack von Eisen und einen Fund auf einem Dresdner Dachboden</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d476b406-b3f2-437e-923f-2268cc28af86/uploads/images/5ynxyfosbx/Kanonenkugel.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>In Lüneburg, gegenüber der Michaeliskirche, in der vor dreihundert Jahren Johann Sebastian Bach als Chorknabe sang, steht ein Haus, in dessen Backsteinmauer eine Kanonenkugel steckt. Ein paar Schritte weiter, kurz bevor rechterhand eine Pflastersteinstraße mit dem seltsamen Namen „Auf dem Meere“ abgeht, stößt man noch auf eine zweite Kugel.</p><p>Der Platz, den die Häuser säumen, ist so still und friedlich, daß er etwas Verwunschenes hat mit seinen alten Steinen und den im Sommer rauschenden Linden. Manchmal hört man hinter den Kirchenmauern die Klänge der Orgel. Wären nicht die Verkehrsschilder und die parkenden Autos: man könnte glauben, in ein anderes Jahrhundert geraten zu sein.</p><p>Der Krach eines Kanonenschusses – ein größerer Kontrast zu dieser Szenerie ist kaum denkbar. Vielleicht geht mir der Anblick der Kugel deshalb nach. Wann immer ich dort vorbeikomme, suche ich sie mit den Augen, als müßte ich mich versichern, daß ich sie nicht geträumt habe.</p><p>Seit wann sie in der Mauer steckt? Eine vor kurzem erneuerte Inschrift nennt den 1. April 1813. Damals kam es in Lüneburg zu einem Gefecht zwischen napoleonischem Militär und verbündeten preußischen und russischen Truppen. Die französischen Bataillone mußten eine blutige Niederlage einstecken. Allerdings bestanden sie mehrheitlich gar nicht aus Franzosen, sondern aus sächsischen Infanteristen.</p><p>Daß die Kugel damals verschossen wurde, ist unwahrscheinlich. So dekorativ wäre sie kaum in der Hauswand steckengeblieben. Vermutlich hat man sie hundert Jahre später dort eingelassen – vielleicht an jenem Frühlingstag 1913, als man ein paar Straßen weiter vor dutzenden schwarzen Zylinderhüten und Kaiser-Wilhelm-Bärten das Denkmal für Johanna Stegen einweihte. Der Legende nach hatte das Lüneburger Dienstmädchen in jenen von Pulverdampf erfüllten Apriltagen die drohende Niederlage der preußischen Soldaten dadurch abgewendet, daß es in seiner Schürze die dringend benötigte Munition heranschaffte.</p><p>Noch im selben Jahr widmete ihr Karl August Varnhagen von Ense ein Gedicht mit der kriegsbesoffenen letzten Strophe: „Frisch auf! Ihr Kameraden, / Es gilt den besten Schuß! / Von solcher Hand zu laden, / Das Herz ja treffen muß!“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d476b406-b3f2-437e-923f-2268cc28af86/uploads/images/5rqvomag33/Georgplatz.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Wenige Monate darauf, bei einem anderen Gefecht in Norddeutschland, wurde ein junger Mann von nicht einmal 22 Jahren getötet. Anders als seine sächsischen Landsleute in Lüneburg stand er jedoch nicht auf Seiten der Franzosen.</p><p>Theodor Körner, geboren 1791 in Dresden, hatte sich dem Lützower Freikorps angeschlossen, das gegen Napoleon kämpfte. „Die Lützower“, schreibt Hedwig Richter, „waren militärisch wenig erfolgreich, aber ihre Geschichte wurde schnell romantisiert, weil sie die Sehnsucht nach Einigkeit, Recht und Freiheit symbolisierten.“ Körner brachte es mit seinen patriotischen Versen zu ungeheurer Popularität, wozu sicher auch sein früher Tod im Kampf beitrug.</p><p>In meiner Dresdner Kindheit war er so etwas wie ein Säulenheiliger. Einige hundert Meter vom Rathaus entfernt, auf einer von Autolärm umtosten Verkehrsinsel ragte sein Denkmal in die Höhe. Wann immer wir im Trabi daran vorbeistotterten, erklärte mir mein Vater, daß hier früher die Kreuzschule gestanden hatte.</p><p>Theodor Körner war ihr berühmtester Schüler, so wie ich zwei Jahrhunderte später ihr unbegabtester. Ich weiß noch, wie ein Lehrer zum anderen sagte: „Wenn wir Glück haben, schafft er den Achte-Klassen-Abschluß.“ Ich stand daneben und tat, als hätte ich nichts gehört.</p><p>Ich träumte statt zu lernen, las Buch um Buch. Die Welt war mir ein Rätsel; in gewisser Weise ist sie das für mich noch heute. Nur weiß ich inzwischen, was es mit der von Auspuffgasen umwehten Einöde auf sich hatte, die mein Vater damals Georgplatz nannte.</p><p>Irgendwann sah ich ein Vorkriegsfoto, auf dem sich das Körner-Denkmal vor einer gotischen Fassade erhob. Erst als ich die Bildunterschrift las, begriff ich. Das also war die alte Kreuzschule gewesen. Wie ich erfuhr, war sie bei den schweren Luftangriffen im Februar 1945 ausgebrannt; fünf Jahre später hatte man die Ruine abgebrochen. Seither stand der bronzene Jüngling mit seinem astlangen Schwert im bleiernen Nichts.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d476b406-b3f2-437e-923f-2268cc28af86/uploads/images/uu3dw7kwlp/Griebens.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>So wie die Schule am Georgplatz war in meiner Kindheit vieles wie vom Erdboden verschluckt – genau genommen die halbe Stadt. Auch Körners Geburtshaus in der Neustadt gab es nicht mehr. Es hatte am Kohlmarkt gestanden, in der Nähe des Japanischen Palais. Einst war es ein Mekka für Schriftsteller und Künstler gewesen. Körners Vater Christian Gottfried war mit Goethe und Herder bekannt; nach dessen Tod gab er die erste Werkausgabe seines Freundes Friedrich Schiller heraus.</p><p>Griebens Reiseführer von 1908 widmet dem Museum, das sich darin befand, dreißig eng gedruckte Zeilen. Akribisch sind die Exponate vermerkt: Erinnerungen an die Goethe- und Schillerzeit sowie an die Befreiungskriege. Das Andenken an den berühmten Sohn ist nach Art einer Heiligenverehrung inszeniert. In seinem Geburtszimmer, heißt es feierlich, „blicken uns seine Laute, sein Schwert und die blutige Uniform der Lützowschen Schar entgegen“, was den Kult um Theodor Körner gut illustriert.</p><p>Von dem Haus ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Einige der 1945 geretteten Reliquien sind heute im Kügelgenhaus ausgestellt. Die „trefflichen Reliefporträts von Schiller und Körner“, die der Reiseführer erwähnt, kann man im Stadtmuseum besichtigen. Einst waren sie zu beiden Seiten des Eingangsportals angebracht: von dem Bildhauer Carl Echtermeier modelliert und „aus einem Stück einer 1870 eroberten bronzenen Kanone gegossen“.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d476b406-b3f2-437e-923f-2268cc28af86/uploads/images/tspuz5ocva/K%C3%B6rner.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>All das ist lange her. Wer Körner war, wissen heute die wenigsten – selbst in Dresden, wo man alle naselang auf den Namen stößt. Überquert man das Blaue Wunder, kommt man zum Körnerplatz, wo der Körnerweg beginnt, der zum Loschwitzer Sommerhaus der Familie führt, dem – genau: Körnerhaus. Hier schrieb Schiller am „Don Karlos“.</p><p>Als ich zur Schule ging, dachte ich, Theodor Körner wäre als Dichter genauso bedeutend. Zwar fuhr über den Körnerplatz keine Straßenbahn wie über den Schillerplatz, direkt gegenüber auf der anderen Elbseite. Doch auch er war ein urbaner Dreh- und Angelpunkt: belebt mit Menschen und Verkehr, von stattlichen Gebäuden gesäumt.</p><p>Erst spät las ich Körners Gedichte – und war enttäuscht von der erdschweren Rhetorik mit dem leichten Eisengeschmack. Viel Pathos, viel Blut, viel Waffengeklirr. „Nur in dem Opfertod reift uns das Glück.“ Des Vaterslandes Fahnen. Der Seele Heiligtum. Oder, wie auf seinem Grabstein steht: „Wachse, du Freyheit der deutschen Eichen, / Wachse empor über unsere Leichen!“</p><p>Nein, Schiller konnte er nicht das Wasser reichen. Seine Gedichte mögen damals den Zeitgeist gespiegelt haben, doch sie sind schlecht gealtert und heute zu Recht vergessen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d476b406-b3f2-437e-923f-2268cc28af86/uploads/images/g3lwaj2org/Pyramide.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Um so größer war meine Überraschung, als mir vor einiger Zeit ein Freund in Wien von dem Reiseführer erzählte, an dem er gerade schrieb. Es ging um das Mühlviertel: eine Gegend in Oberösterreich, die im Westen an Bayern und im Norden an Böhmen grenzt. In der Nähe von Hammern, einer entlegenen Ortschaft mit nur 24 Einwohnern, war er auf eine Steinpyramide gestoßen, die an Theodor Körner erinnerte.</p><p>Das Ganze war so merkwürdig, daß ich Lust bekam, selber dorthin zu fahren und mir die Pyramide anzuschauen. Bis ich es schaffte, war das Buch, in dem Georg Renöckl die Geschichte erzählt, längst erschienen. Das hatte ich dabei, als ich vor ein paar Monaten dem jungen Körner in die Augen sah.</p><p>Daß er es war, erkannte ich auf den ersten Blick. Weder die Spinnen, die einen zartgrauen Schleier über seine Stirn gewebt hatten, noch der Zahn der Zeit hatten ihm etwas anhaben können. Aber warum ein Denkmal in dieser Gegend, wo sich im Dunkel der Fichtenwälder Fuchs und Hase Gute Nacht sagen?</p><p>Ich schlug das Buch auf und las: „Der Vater schickte den Heißsporn, der sich als Student in Leipzig und Berlin von einem Duell ins nächste gestürzt hatte, zur Abkühlung ins gemütlichere Wien. Dort feierte Körner auf Anhieb Erfolge als Dramatiker. Am Burgtheater lernte er die ebenfalls jung entdeckte Schauspielerin Antonie Adamberger kennen, die beiden verlobten sich 1812.“</p><p>Das Glück währte nicht lang. Im Jahr darauf schloß sich Körner dem Lützowschen Freikorps an und zog in den Krieg gegen Napoleon. Am 26. August 1813 traf ihn im Forst von Rosenow „eine feindliche Kugel“, wie es auf seinem Grabstein heißt.</p><p>Die Trauer seiner Verlobten muß groß gewesen sein. Anders ist nicht zu erklären, was vier Jahre später geschah. 1817, erzählt Georg Renöckl, heiratete sie den im benachbarten Leopoldschlag geborenen Joseph von Arneth. Im selben Jahr wurde die Körnerpyramide errichtet. Der Erbauer war der Bruder des Bräutigams, der seiner trauernden Schwägerin „über den Verlust ihres ersten Verlobten Trost spenden wollte“.</p><p>Wie nah Glück und Leid beieinanderliegen: der verwitterte Stein führt es einem vor Augen. Das Wort „großherzig“ ging mir durch den Kopf, während ich die Pyramide betrachtete, das Eisenkreuz und die ungelenke Kopie des Körner-Porträts von dessen Tante, der Malerin Dora Stock, die auch Schiller und Mozart porträtiert hat. Aus großen, traurigen Augen blickt der Tote den Betrachter an – anders als auf den meisten Darstellungen, die ihn mit Schwert und Leier und einem Ausdruck grimmiger Entschlossenheit zeigen.</p><p>Eine Bank lädt zum Verweilen ein. Ob Antonie Adamberger hier Trost fand: fernab von Wien, wo sie Körner einst begegnet war, und fern von seinem Grab im mecklenburgischen Wöbbelin? Ich stelle mir vor, wie sie stundenlang hier saß und den Blick schweifen ließ über die Anhöhe, die Felder, das Schwarzgrün der Fichten. Wie sie die Augen schloß und die letzten Worte ihres Verlobten hörte, als er von ihr Abschied nahm. Das Rollen der Räder, das sich langsam entfernte. Die endlose Stille.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d476b406-b3f2-437e-923f-2268cc28af86/uploads/images/h73yskedxk/Birke.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Es war der letzte Tag des alten Jahres – und ungewöhnlich mild. Wir beschlossen, noch ein Stück zu gehen. Nach ein paar Minuten kamen wir zu der kleinen Brücke, die Österreich und Tschechien verbindet.</p><p>Auch meine Frau, die im Mühlviertel aufgewachsen ist, war zum ersten Mal hier. In ihrer Kindheit hatte sie von Leuten gehört, die beim Pilzesammeln von tschechischen Grenzposten aufgegriffen und eingesperrt worden waren. „Geh nicht vom Weg ab!“ hieß es beim Wandertag mit der Schule wie im Märchen vom Rotkäppchen.</p><p>Kein Mensch war zu sehen. Auf der anderen Seite begann ein asphaltierter Weg; eine Birke hing wie ein Schlagbaum darüber. Nach einigen hundert Metern kamen wir an einer Ruine vorbei: die frühere Kaserne der Grenzsoldaten. „Věznice“ hatte jemand an die Mauer geschrieben, Strafanstalt.</p><p>So trist dieser Anblick war – ich spürte, wie mich eine unbändige Freude erfaßte. Wie anders, dachte ich, wäre mein Leben verlaufen, wäre der Eiserne Vorhang nicht gefallen. Weder stünde ich jetzt hier noch hielte ich die Hand meiner Frau. Geboren auf unterschiedlichen Seiten der Mauer, hätten wir einander nie gefunden. Unser Kind gäbe es nicht.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d476b406-b3f2-437e-923f-2268cc28af86/uploads/images/spfwj53bav/Kirchturm.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Auf einmal standen wir vor der Kirche von Zettwing. Schon von weitem hatten wir ihren Turm gesehen, an deren Zifferblättern die Zeiger fehlten. Als man Mitte der 1950er Jahre das Dorf geschleift hatte, weil es in der Sperrzone lag, wollte man auch sie sprengen. Doch weil beim ersten Versuch der Sprengmeister zu Tode kam, ließ man sie stehen.</p><p>Die Tür war verschlossen. Doch es gab anderes zu sehen: Auf Tafeln wurde die Geschichte des Ortes erzählt, mit ihren Brüchen und Abgründen. Ein Plan zeigte die frühere Anordnung der Gebäude. Auf einer Fotografie von 1913 sah man die Kirche, die jetzt verloren an der Straße stand, umgeben von Häusern, einem Kramladen mit weit geöffneter Tür, einer Familie mit zwei Kindern.</p><p>Diese Bilder hatte ich im Kopf, als wir später zurückgingen. Ich hatte gelesen, daß der Kirchturm bis 1989 als Wachturm gedient hatte, und blickte mich suchend um – als stünde dort oben noch immer ein Grenzsoldat: vor der Brust das Fernglas, das Gewehr in Händen. Doch nichts war zu sehen, natürlich nicht.</p><p>War es der Gedanke an das Gewehr? Oder die Zahl 14, die mir noch nachging? So viele Menschen waren an dieser Grenze erschossen worden. Plötzlich fiel mir die Zeile ein: „Da kam eine feindliche Kugel ...“ Und mit ihr die Melodie, auf die sie gesungen wurde. Was war das? Wo kam das her? Ratlos blickte ich meine Frau an. Aber im selben Moment dämmerte es mir: Fragen konnte ich sie nicht; in ihrer Schule hatte man andere Lieder gesungen.</p><p>Die Melodie, die in meinem Kopf immer weiterging, trug mir noch andere Worte zu. „Rotgardistenblut“ hieß eines, von der Erinnerung sogleich ergänzt durch das Adjektiv „lustig“. Und dann tauchte sie auf – die Stelle, die mir alles wieder ins Gedächtnis rief: „Schlaf wohl, du kleiner Trompeter“. Das also war es.</p><p>Das Lied vom kleinen Trompeter: unzählige Male hatten wir es in der Schule gesungen. Es handelte von einem Kameraden, den eine feindliche Kugel bei einem „so fröhlichen Spiel“ niedergestreckt hatte; mit einem „seligen Lächeln“ war er gestorben. Mit sieben Jahren hatte es mich berührt: seine wehmütige Melodie und die kindliche Sprache. Ich hätte nicht sagen können, was „ein lustiges Rotgardistenblut“ war, aber ich fühlte Mitleid mit dem so jäh aus dem Leben Gerissenen.</p><p>Erst lange danach erfuhr ich, daß es von dem Liedtext mehrere Fassungen gab: die ursprüngliche, im Ersten Weltkrieg entstanden (wieder einmal ging es gegen die Franzosen), dann die kommunistische, später in der DDR bei jedem Fahnenappell gesungen. Und schließlich eine braune, dem „lustigen Hakenkreuzlerblut“ Horst Wessel gewidmete, in der die feindliche Kugel von „roter Mordbubenhand“ stammte.</p><p>Als wir an der Ruine der Grenzkaserne vorbeikamen, hielt ich den Atem an. Ich mußte an die Bilder aus der Ukraine denken: an die von russischen Geschossen zerstörten Häuser. An die getöteten Kinder, Frauen und Männer. Die Euphorie von vorhin war verschwunden, statt dessen spürte ich eine bleierne Müdigkeit. Ich hatte das Gefühl, ich könnte das alles nicht mehr ertragen.</p><p>Diese Blutspur, die wir Geschichte nennen; diese von Gewalt und Haß verseuchte Rhetorik. Die „feindliche Kugel“, wie es bei denen heißt, die sie zu Märtyrern macht in den Augen der Ihren: geehrt, besungen, auf Sockel gestellt. Während Millionen andere hingeschlachtet werden im Namen einer Ideologie, verscharrt, ins Vergessen gestoßen.</p><p>Die Zone, durch die wir gingen, sie war noch immer kontaminiert. Erst als wir die kleine Brücke erreichten, atmete ich auf. Für einen Augenblick hatte ich das Gefühl, die Gespenster hinter mir gelassen zu haben.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d476b406-b3f2-437e-923f-2268cc28af86/uploads/images/ohfo5afc5h/Kaserne.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Vor zwei Wochen, ich sah mir gerade die Bilder an, die ich an dem Tag im Dezember gemacht hatte, klingelte das Telefon. Es war Katrin Nitzschke, die fast vier Jahrzehnte das Buchmuseum in der Sächsischen Landesbibliothek geleitet hatte und sich mit Dresdner Geschichte und Geschichten auskennt wie niemand sonst.</p><p>„Ich muß Ihnen etwas erzählen!“</p><p>Sie kam gerade aus Loschwitz, wo sie die Bibliothek von Martin Raschke durchgesehen hatte, einem heute fast vergessenen Dresdner Schriftsteller. Seit seinem Tod 1943 war das Bücherregal in dem kleinen Haus am Veilchenweg unverändert – ein dreiviertel Jahrhundert lang. Sein schriftlicher Nachlaß befand sich seit den 1980er Jahren in der Landesbibliothek. Dorthin sollte jetzt auch ein Teil seiner Bücher gehen: Widmungsexemplare von Ilse Aichinger, Gottfried Benn, Günter Eich.</p><p>Beim Ausräumen war nun etwas zum Vorschein gekommen, das sie so bemerkenswert wie bedrückend fand: ein tellergroßes, schweres Ding aus brauner Keramik. Böttgersteinzeug, hergestellt in der Porzellan-Manufaktur in Meißen, wie die gekreuzten Kurschwerter verrieten. „Theodor-Körner-Ehrenplakette für Frontkämpfer-Dichter“ lautete die Inschrift auf der Vorderseite.</p><p>Ich glaube, mir entfuhr ein Ausruf der Überraschung. Noch nie hatte ich von der Existenz einer solchen Plakette gehört. Was mich aber noch mehr verblüffte: Ich hatte Katrin Nitzschke gar nicht erzählt, daß ich über Körner schrieb.</p><p>Was es mit dem Fund auf dem Dachboden auf sich hatte, konnte auch sie nur vermuten. Offenbar hatte man Raschke die Plakette posthum verliehen, nachdem er im November 1943 als Kriegsberichterstatter in Rußland an einem Bauchschuß gestorben war. Es gibt ein Foto, das ihn schwer verletzt auf einem Pferdefuhrwerk vor einer verschneiten Landschaft zeigt. Er hat eine Hand auf die Stirn gelegt und wirkt abwesend, wie unter Schock. Zwei Männer in Uniform beugen sich über ihn, um die Wunde zu versorgen. Ein dritter steht mit ernster Miene daneben.</p><p>Als ich ein paar Tage später in Dresden war, sah ich mir die braune Keramik an. Die Vorderseite zeigte das mir bekannte Konterfei von Körner, signiert von dem Bildhauer Erich Oehme, der SA-Mitglied und in Meißen Künstlerischer Leiter der Abteilung Gestaltung war. Auf der Rückseite stand der Satz: „Für das höchste menschliche Gut, für seines Volkes Freiheit ist kein Opfer zu groß“. Er stammt aus einem Brief vom 10. März 1813, in dem Körner seinem Vater ankündigt, in den Krieg gegen Napoleon zu ziehen.</p><p>Daß Körner für die Nationalsozialisten eine Art Galionsfigur war, ist bekannt. Als Goebbels im Berliner Sportpalast am Ende seiner Rede ausrief: „Nun, Volk, steh auf und Sturm brich los!“, bediente er sich bei Körner. Eines von dessen letzten Gedichten beginnt mit der Zeile: „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los“.</p><p>Der Körner auf der Plakette sah anders aus als der auf der verwitterten Pyramide: die Züge hart, der Blick entschlossen, kalt. Als ich sie in die Hand nahm, um sie genau zu betrachten, war mir, als würde die Kälte in mich eindringen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d476b406-b3f2-437e-923f-2268cc28af86/uploads/images/avadqopvsc/Plakette.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p><em>Diese Geschichte habe ich am 23. April 2023 an 530 Leserinnen und Leser verschickt. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten wollen, tragen Sie sich gern hier ein:</em></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">Kostenlos abonnieren</a></p><p><strong>Eine Geschichte wie diese schreibt sich nicht von allein. 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      <pubDate>Sun, 23 Apr 2023 05:30:23 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Lesung mit Löwen]]></title>
      <description><![CDATA[Über ein hungriges Löwenrudel, ein rätselhaftes Schild, klirrende Koffer und den pakistanischen Bücherturm, der Felicitas Hoppe ein schlechtes Gewissen bescherte]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über ein hungriges Löwenrudel, ein rätselhaftes Schild, klirrende Koffer und den pakistanischen Bücherturm, der Felicitas Hoppe ein schlechtes Gewissen bescherte</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/9bfb3c9b-2ca2-4588-b1e4-2e599a869f0f/uploads/images/fe5aejhcjv/Lesung%20Su%CC%88dafrika.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Wo anfangen? Bei dem Stirnrunzeln meiner Frau wegen der Weinflaschen in meinem Koffer, einem in Folie verpackten Stück DDR-Grenzzaun oder dem von Hotelzimmer zu Hotelzimmer kleiner werdenden Bücherturm von Islamabad? Oder doch bei dem Foto, das vor acht Jahren an einer menschenleeren Straße in Südafrika entstand?</p><p>Afrika: nie hätte ich gedacht, einmal dorthin zu kommen. Als Kind sowieso nicht; dafür sorgte schon eben jener Grenzzaun, der mich bis 1989 von der weiten Welt trennte. Doch auch später gab es keine Gelegenheit – bis zum Frühjahr 2015, als mich eine Einladung nach Südafrika erreichte. Ich blieb zwei Wochen. So hatte ich neben den Lesungen in Johannesburg und Kapstadt noch Zeit, etwas vom Land zu sehen.</p><p>Eines Tages fuhr ich mit dem Bildhauer Jürgen Waxweiler, der damals in Johannesburg lebte und als Werkstoff für seine Skulpturen Leopardensteine aus Simbabwe entdeckt hatte, zu den Pilanesbergen. Dort im Nationalpark wollten wir nach Tieren Ausschau halten, die es in Europa nur im Zoo zu sehen gab.</p><p>Wir waren schon zwei Stunden unterwegs, als er plötzlich das Auto zum Stehen brachte und mich aussteigen ließ. Ein Straßenrand im Nirgendwo. Er zeigte auf ein Schild, das ich noch nicht bemerkt hatte, und sagte: „Davor muß ich dich jetzt mal fotografieren!“</p><p>Schwarz auf weiß stand da: LESUNG.</p><p>Bis heute weiß ich nicht, was sich hinter dem Schild verbarg und was es mit dem Ortsnamen auf sich hatte. So weit reichte unsere Neugier nicht, als daß wir die Siedlung noch erkundet hätten. Wir wollten weiter – Tiere sehen. Und tatsächlich: An diesem Tag begegneten uns Giraffen und Zebras, Warzenschweine und Elefanten. Und kurz vor der Heimfahrt erblickten wir im hohen Savannengras ein Löwenrudel, das unter gräßlichem Knacken ein Gnu in Stücke riß.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/9bfb3c9b-2ca2-4588-b1e4-2e599a869f0f/uploads/images/nkfv27yx63/Savannenlo%CC%88wen.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Wann immer ich seither zu einer Lesung fahre, muß ich an dieses Schild denken. Manchmal glaube ich auch das Knacken zu hören, und dann stelle ich mir vor, wie mich in wenigen Stunden das Löwenrudel der Zuhörer zerfleischen wird.</p><p>Aber nein! Mit Löwen hat man es bei Lesungen selten zu tun. Meist sind die Zuhörer friedlich. Ja, mitunter reißt beim Gähnen einer den Mund auf. Aber sie brüllen nicht, und vor allem: sie fressen einen nicht auf.</p><p>Das einzige, was bei Lesungen auf den Tisch kommt, ist Wasser. Keine Lesung ohne Wasserglas, ohne Wasserglas keine Lesung. Wo auch immer ein Stuhl und ein Tisch auf mich warten, steht es da in seiner gläsernen Unerläßlichkeit: Manchmal steigen kleine Bläschen darin auf, als wollten sie mir die fieberhafte Nervosität in meinem Inneren vor Augen führen.</p><p>Stilles Wasser ist mir lieber. Unbewegt wie ein Gebirgssee füllt es das Glas: so klar und durchsichtig, wie man sich zu schreiben wünscht. Wie heißt es in einem Lied von <em>Element of Crime:</em> „Ohne Klarheit in der Sprache ist der Mensch nur ein Gartenzwerg.“</p><p>Es gibt Autoren – ja, meist sind es Männer: die lassen sich ein Glas Wein neben die Leselampe stellen oder bringen es, verwegen lächelnd, gleich selbst mit auf die Bühne. Nicht immer ist das der Klarheit der Gedanken förderlich. Der Satz, daß im Wein Wahrheit liegt, wurde vermutlich nicht in nüchternem Zustand geprägt. Oder etwa doch?</p><p>Nein, nicht um das Glas auf dem Podium soll es hier gehen, sondern um die Flasche, die man ab und zu nach einer Lesung überreicht bekommt. Wobei ich schon mehrfach gehört habe, daß auch hier das Geschlecht eine Rolle spielt.</p><p>So erzählte mir Julia Franck, daß sie eher selten Wein erhalte. Aber manchmal würden ihr Blumen geschenkt, und darüber freue sie sich dann so, daß sie diese nach Möglichkeit am nächsten Tag „mit Wasser im Konservenglas“ mit nach Hause nehme.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/9bfb3c9b-2ca2-4588-b1e4-2e599a869f0f/uploads/images/warx3l5y5n/Blumen.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Für die Männer eine Flasche Wein, für die Frauen ein Blumenstrauß. So klassisch (oder altmodisch) geht es hierzulande öfter zu. Aber hin und wieder wurde auch ich schon mit Blumen überrascht – eine schöne Geste, die tatsächlich jede Menge Glückshormone freisetzte: erst bei mir, dann bei meiner Frau.</p><p>Nur einmal stürzte mich ein Blumenstrauß in Verlegenheit. Es ist ein paar Jahre her, als ich nach einer Lesung in Heilbronn einfach nicht wußte, wohin damit. Die Blumen waren wunderbar, aber – ich war noch ein paar Tage unterwegs. Unmöglich konnte ich sie von Stadt zu Stadt tragen. Spätestens am übernächsten Tag wären sie verwelkt, oder besagtes Konservenglas wäre umgekippt, und sein Inhalt hätte sich über meine Hose oder gar ein Buch ergossen ...</p><p>Zum Glück kam ich nach der Lesung mit einer freundlichen Dame ins Gespräch. Als wir uns verabschiedeten, drückte ich ihr kurzentschlossen die Blumen in die Hand. Sie war außer sich vor Freude.</p><p>Damals lebte ich in Berlin, und das war für sie das Stichwort: Weil ihre Tochter dort studiere, sei sie ab und zu in der Stadt; das nächste Mal in einem Monat. Da bringe sie mir eine Flasche Wein aus Heilbronn mit!</p><p>Und tatsächlich: Vier Wochen später traf ich sie an der U-Bahnstation „Eberswalder Straße“. Es war ein trüber Herbsttag, aber Frau F. strahlte eine solche Herzlichkeit aus, daß sich sogar die Regenwolken verzogen. Weil sie den Prenzlauer Berg noch nicht kannte, führte ich sie zum Kollwitzplatz, zeigte ihr den Wasserturm und noch ein paar Ecken ringsum.</p><p>Am Ende unseres Spaziergangs überreichte sie mir feierlich die Flasche Wein. Ich freute mich – und hatte zugleich ein schlechtes Gewissen, weil sie sie die ganze Zeit hatte tragen müssen. Aber ich konnte ja nicht gleich zur Begrüßung sagen: „Jetzt geben Sie erst mal den Wein her!“</p><p>Der war übrigens köstlich.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/9bfb3c9b-2ca2-4588-b1e4-2e599a869f0f/uploads/images/euwxmohc5g/Weinflaschen.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Die Schwere von Wein hat mich schon öfter ins Grübeln gebracht. Nein, nicht die im Kopf am anderen Morgen, sondern tatsächlich sein Gewicht. Denn schon einige Male erhielt ich auf einer Lesereise an drei Abenden hintereinander eine Flasche überreicht. Rollt man dann seinen klirrenden Koffer zum Bahnhof, kommt man sich vor wie ein fliegender Weinhändler.</p><p>Womit ich bei dem Stirnrunzeln meiner Frau wäre. Allein die Erinnerung daran läßt mich unruhig werden.</p><p>Nein, nein, ich trinke nicht zu viel! Eher zu wenig – oder: zu langsam. Das kleine Weinregal ist zum Bersten voll; schon seit geraumer Zeit wird es bedrängt von weiteren Flaschen, die nicht mehr hineinpassen. Der Platz in der Wohnung ist begrenzt, und einen Weinkeller haben wir nicht. Kein Wunder, daß meine Frau mich fragt: „Wer soll das alles trinken?“ Ja, wer?</p><p>Unterwegs stellt sich erst mal eine andere Frage: Wie transportiere ich das? Schriftsteller gehen in der Regel nicht mit einer Schubkarre auf Reisen. Das schließt nicht aus, daß sich die eine oder der andere manchmal eine wünschen würde.</p><p>Zum Beispiel jene Autorin, die ein Buch über Gärten geschrieben hatte. Als ich sie auf einem Bahnhof irgendwo in Süddeutschland traf, führte sie eine Pflanze mit sich, die ganz gewiß in kein Weinregal gepaßt hätte – ja womöglich nicht mal in eine Altbauwohnung mit hohen Decken. Als ich sie ansprach, hob sie eine Augenbraue. Ja, sie komme von einer Lesung, und da habe man ihr dieses Exemplar für ihren Garten geschenkt.</p><p>Nicht so sperrig, aber doch irgendwie belastend war ein Präsent nach einer Lesung zum zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls. Bei der Erinnerung daran sehe ich Thomas Rosenlöcher vor mir, denn mit ihm saß ich an jenem Abend auf dem Podium. Nachher bekamen wir etwas überreicht, was ich auf den ersten Blick nicht deuten konnte.</p><p>Wie sich herausstellte, war es ein in Folie verpacktes und mit Geschenkband verziertes Stück DDR-Grenzzaun. Man hatte es in einen Holzfuß eingepaßt, so daß man es sich ins Regal stellen konnte. Ob zur täglichen Mahnung oder aus jenem mit Rache vermischten Triumphgefühl, mit dem einst die Menschenfresser die Schädel ihrer Feinde auf einen Pfahl gespießt haben, blieb jedem selbst überlassen.</p><p>Als wir am nächsten Tag weiterfuhren, fragte ich Thomas Rosenlöcher: „Und? Wo hast du deinen Grenzzaun?“ Er schüttelte sich, als wäre ihm kalt. „Das scheußliche Ding“, brummte er. „Bin froh, daß die Mauer weg ist.“</p><p>Wir saßen schon im Zug, er hatte sich in seine Goethe-Biographie vertieft. Als wir dem Schaffner unsere Fahrkarten zeigten und er in meinem Rucksack das Geschenkband erspähte, fiel ihm meine Frage wieder ein.</p><p>„Hast du das wirklich mitgenommen?“ Ich nickte. „Und du?“ Er zuckte mit den Achseln. „Was soll ich denn damit?“</p><p>Er hatte es auf dem Hotelfernseher stehenlassen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/9bfb3c9b-2ca2-4588-b1e4-2e599a869f0f/uploads/images/p4wixrvtjn/Goethe.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Kein Mensch würde das mit einer Flasche Wein tun. Schon gar nicht, wenn sie einem als Dank nach einer Lesung überreicht wurde. Natürlich nicht!</p><p>Das Kopfzerbrechen folgt am nächsten Morgen, wenn der Koffer nicht zugeht oder der Rucksack wie Blei am Rücken hängt. Und ich mir seufzend vornehme, mich bei der Wahl der Reiselektüre das nächste Mal für ein Taschenbuch zu entscheiden und nicht wieder für drei dicke Bände. Aber für diesmal läßt sich das nicht ändern; ich kann ja nicht zwei davon auf dem Hotelfernseher stehenlassen. Nur – wohin mit dem Wein?</p><p>Mir fällt Emine Sevgi Özdamar ein, die nach einer gemeinsamen Lesung in Stuttgart vor derselben Frage stand. Das Ganze ist fünfzehn Jahre her, aber ich höre noch ihr Lachen, als sie dem freundlichen Nachtportier unseres Hotels, nachdem sie mit ihm ein paar Sätze auf Türkisch gewechselt hatte, ihre Flasche in die Hand drückte.</p><p>Das ist es, dachte ich damals und denke es immer wieder: Die Freude weitergeben. Aber so einfach, wie das klingt, ist es nicht immer – jedenfalls mit einer Flasche Wein.</p><p>Als ich es einmal versuchte, scheiterte ich kläglich. Die Frau an der Hotelrezeption, der ich schilderte, worum es ging, blickte mich verständnislos an. Ich spürte, wie ich bis in die Haarwurzeln errötete. Noch einmal versuchte ich zu erklären: fieberhaft, nervös, als würde ich einen Taschendiebstahl beichten. Nach zwei Sätzen unterbrach sie mich barsch: „Ich trinke nicht.“</p><p>Eine Entschuldigung murmelnd, trat ich den Rückzug an. Die Morgensonne schien zum Fenster herein, in einer Stunde fuhr mein Zug. Es fehlte bloß ein Korkenzieher, und ich hätte die Flasche an Ort und Stelle geleert.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/9bfb3c9b-2ca2-4588-b1e4-2e599a869f0f/uploads/images/fqfwfafbp6/Bogen.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Aber was sind schon ein paar Flaschen Wein – verglichen mit einem pakistanischen Bücherturm? Von dem hat mir Felicitas Hoppe erzählt, als ich sie nach Lesungsgeschenken fragte. Ich konnte es kaum glauben, und hätte sie die Geschichte auf ihre ganz eigene phantastische Weise aufgeschrieben, so wäre ich vielleicht den Verdacht nicht losgeworden, daß sich darin Wahrheit und Dichtung vermischen.</p><p>Aber sie hat sie nicht aufgeschrieben, sondern mir erlaubt, sie hier zu erzählen, und darum habe ich keinen Zweifel, daß sich alles genauso zugetragen hat. Und ganz ehrlich: so etwas kann man nicht erfinden!</p><p>Die Geschichte geht so: Auf einer Reise, die sie vor über zwanzig Jahren mit ihrem Buch „Picknick der Friseure“ nach Indien und Pakistan führte, machte ihr nach einer Lesung in Islamabad ein, wie sie sagt, „Angehöriger der schreibenden Zunft“ sein – ja: Gesamtwerk zum Geschenk. Er war offensichtlich ein fleißiger Autor und publizierte jedes Jahr zwei bis drei Bücher. „Er hatte sie alle einzeln verpackt, ausnahmslos alle signiert und in alle seine Visitenkarte geklebt.“ Das brachte sie in Verlegenheit, doch sie ließ sich nichts anmerken. Mit Hilfe des Chauffeurs („Jaja, so eine Reise war das ...“) trug sie den Bücherturm zurück in ihr Quartier.</p><p>„Auf der Weiterreise“, erinnert sie sich, „habe ich dann in den Nachttischschubladen aller Hotels, in denen ich noch logieren durfte, einige der Werke deponiert – natürlich nicht, ohne vorher Signatur und Visitenkarte entfernt zu haben. Das kam mir wie ein kleines Verbrechen vor, aber es ging einfach nicht anders, denn je weiter ich reise, um so begrenzter ist mein Gepäck, und in meinem Koffer war einfach kein Platz dafür.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/9bfb3c9b-2ca2-4588-b1e4-2e599a869f0f/uploads/images/22fi7ujh3p/Bu%CC%88cherstapel.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Während ich noch dem Bücherturm von Islamabad hinterhersinne, fällt mir der Überseekoffer ein, den ich vor Jahren in einem Museum sah. Schwarz, mit goldenen Beschlägen. Groß wie ein Schrank, ausgestattet mit Schubladen und Bügeln, die an einer Art Garderobe hingen. Ein wahres Ungetüm. Das Wichtigste allerdings fehlte: die Rollen.</p><p>In solche Gedanken vertieft, habe ich eine Flasche Rotwein entkorkt und mir ein Glas eingeschenkt. Es ist schließlich Sonntag. „Magst du auch?“ frage ich meine Frau.</p><p>„Gern“, sagt sie und runzelt noch immer die Stirn. Aber diesmal nicht wegen des vollen Weinregals, sondern wegen der Seiten, die ich bis jetzt geschrieben habe. Sie schüttelt den Kopf.</p><p>„Deine Leser werden denken: Diese Schriftsteller, was für ein Leben! Fahren in der Welt herum und beklagen sich, daß sie zu viele Flaschen Wein geschenkt bekommen. So glamourös ist das alles nun wirklich nicht! Würdest du keine Lesungen machen, sähe es düster aus.“</p><p>Rasch gieße ich mir noch ein Glas ein.</p><p>„Ist ja nicht so, daß du ständig nach Johannesburg oder Kapstadt jettest. Wo warst du neulich?“</p><p>Diesmal runzele ich die Stirn. „Du meinst ... Drochtersen? Oder ... Radbruch?“</p><p>„Ja, irgendwo in der niedersächsischen Pampa.“</p><p>Ich halte das Glas in die Höhe und vertiefe mich in das Rot, als könnte ich an dem Farbton erkennen, bei welcher Lesung ich die Flasche geschenkt bekam. Schließlich lasse ich die Hand sinken.</p><p>„Auch da gibt’s Löwen.“</p><p>Meine Frau wiegt zweifelnd den Kopf. „Vielleicht solltest du einmal darüber schreiben.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/9bfb3c9b-2ca2-4588-b1e4-2e599a869f0f/uploads/images/wmttcupfq5/Papplo%CC%88we.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p><em>Diese Geschichte habe ich am 19. März 2023 an 512 Leserinnen und Leser verschickt. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten wollen, tragen Sie sich gern hier ein:</em></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">Kostenlos abonnieren</a></p><p><strong>Eine Geschichte wie diese schreibt sich nicht von allein. Um so dankbarer bin ich allen, die mit einer Mitgliedschaft meine freiberufliche Arbeit an „Wolken und Kastanien“ ermöglichen. Das geht schon zum Preis einer Tasse Kaffee im Monat. Wollen auch Sie Unterstützer(in) werden? Das geht hier:</strong></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/about">Unterstützen</a></p><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 19 Mar 2023 06:54:05 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[Der Stoff ihres Lebens]]></title>
      <description><![CDATA[Über eine Flucht im Januar 1945 über die eisige Ostsee, die Erinnerung eines vierjährigen Mädchens an Königsberg und eine unvollendet gebliebene Stickerei]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über eine Flucht im Januar 1945 über die eisige Ostsee, die Erinnerung eines vierjährigen Mädchens an Königsberg und eine unvollendet gebliebene Stickerei</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a42159d8-3360-40d1-83e8-df1f2571b550/uploads/images/cecoc3qjid/Meer.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Es ist nur ein unscheinbares Stück Stoff. Eine ungeübte Hand hat kleine Blumen darauf gestickt, mit blauen, gelben und rosa Blütenblättern. Grüne Ranken, von der Zeit verblaßt. Dazwischen Weiß, viel Weiß. Wie der Schnee in der Nacht, als die Flucht begann.</p><p>Königsberg im Januar 1945. Eine Frau und ein Mann ziehen zwei Schlitten hinter sich her. Darauf zwei kleine Kinder, zwei Koffer. Der Schnee ist so hoch, daß sie nur mühsam vorankommen. Einmal, als die Mutter sich umblickt, sitzt da nur noch ein Kind. Erschrocken läuft sie los, der Schlittenspur nach. Da liegt das andere: friedlich schlafend im Schnee.</p><p>Das Mädchen, das damals vor Müdigkeit vom Schlitten fiel: Fast achtzig Jahre später sitzt es auf einem knarrenden Stuhl in einer hellen Wohnung in Kassel und sprüht vor Erzählfreude. Natürlich ist Babette Schirmer kein Mädchen mehr. Aber die Gedanken von damals sind noch da, wie konserviert von der Eiseskälte in jener Nacht.</p><p>Sie weiß noch, daß der Mond schien, weil sein Licht auf der Schneedecke glitzerte. Ja, sie erinnert sich sogar an einen Witz, den ihr Vater machte – vielleicht um der saugenden Angst tief in der Magengrube ein aufgekratztes Lachen entgegenzusetzen. „Schade um den schönen Zucker!“ rief er aus, als einer der Koffer in den Schnee fiel. </p><p>Sie schüttelt den Kopf. „Er wollte sagen: Es ist alles vollgezuckert hier. Er meinte den Schnee, und das hab ich nicht begriffen. Ich habe mir eine Tüte mit Zucker vorgestellt, der jetzt im Koffer verstreut ist. Erst als ich erwachsen war, habe ich den Witz kapiert. Da war mein Vater längst gestorben. Komisch, nicht?“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a42159d8-3360-40d1-83e8-df1f2571b550/uploads/images/bmshdf523w/Ko%CC%88nigsberg.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Fluchtgeschichten, die im Januar 1945 spielen, gibt es zuhauf. Die Zutaten sind stets die gleichen: Hunger, Kälte, Verzweiflung. Und Angst vor der nächsten Nacht, dem folgenden Tag. Noch war das letzte Kapitel von Hitlers mörderischem Krieg nicht geschrieben, aber alle wußten: es würde fürchterlich werden. In panischer Angst vor der heranrückenden Roten Armee flohen die Deutschen aus Ostpreußen. In Pillau, dem Vorhafen von Königsberg, drängten sie auf die Schiffe, die „heim ins Reich“ fuhren.</p><p>Für einen vollgezuckerten Koffer ist nur in der Kinderperspektive Platz. Das eigentliche Drama kommt darin nicht vor. Wußte sie, daß sie Königsberg nie wiedersehen würde, daß es für immer fortging? Babette Schirmer schüttelt den Kopf. „Das Wort immer kannte ich gar nicht.“</p><p>Hört man sie von damals erzählen, kommen einem Zweifel, ob es den Erwachsenen so viel anders ging. Als ihre Mutter mit 96 starb, fand sie in ihrer Schmuckkassette den Königsberger Haustürschlüssel. „Wir haben alles ordentlich verlassen. Da stand kein Abwasch mehr in der Spüle. Meine Mutter hat noch aufgeräumt und die Betten frisch bezogen. Das macht man nicht, wenn man denkt, daß es für immer fortgeht. Die kamen zurück in Gedanken.“</p><p>In der Nacht ihrer Flucht kam nur ihr Vater zurück: aber nicht nach Hause, sondern in die Kaserne, weil er zum Volkssturm eingezogen war. Sie selbst ging mit ihrer Mutter und der ein Jahr alten Schwester an Bord eines Minensuchboots, das ein Flüchtlingsschiff auf seinem Weg über die Ostsee begleitete. „Ein richtiges Minensuchboot mit Kanonen. Wäre ich ein Junge gewesen, mir hätte das Herz gehüpft vor Freude. Aber erstens war ich ein Mädchen und zweitens war es dunkel, und ich war müde.“</p><p>Die Frau des Kapitäns war mit ihrer Mutter zur Schule gegangen. Er überließ ihnen das untere Bett in seiner Kabine. Nur leise mußten sie sein, die ganze Zeit, denn im Bett darüber schliefen abwechselnd er und der erste Offizier.</p><p>Eine Mutter mit ihren zwei Kindern auf einem Minensuchboot? Babette Schirmer zuckt die Achseln: „Wenn es auf eine Mine fährt, ist das große Schiff gerettet, und das kleine ist hin. Aber es war alles gefährlich, wo man auch war.“</p><p>Zwei Wochen sind sie unterwegs, viel länger als erwartet. Kein Tag ohne U-Boot-Beschuß und Fliegeralarm. Draußen sind 20 Grad minus, doch in der Kabine ist es warm. „Ich habe im Spielhöschen da gegessen, geschlafen und auf dem Nachttopf mein Geschäft gemacht.“ Gleichmütig schaut das Bullauge über ihrem Kopf zu.</p><p>An Spielzeug hat keiner gedacht. Warum auch? Normalerweise dauert die Fahrt anderthalb Tage. Aber ihre Mutter hat ein Stück Stoff eingepackt: ein Deckchen mit einem vorgedruckten Muster, dazu vier Farben Stickgarn und eine Nadel. „Sie hat mir gezeigt, wie man das macht. Und wirklich: ich habe gestickt.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a42159d8-3360-40d1-83e8-df1f2571b550/uploads/images/nrmkvqbpgr/Stoff.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Es ist wie mit dem Zuckerschnee, der keinen Raum läßt für Angst und dunkle Gedanken. Doch was man nicht sieht, ist trotzdem da. Während sich das Mädchen in die blauen, gelben und rosa Blütenblätter vertieft, bahnt sich ganz in der Nähe eine Katastrophe an: Am Abend des 30. Januar 1945 nimmt ein sowjetisches U-Boot die „Wilhelm Gustloff“ ins Visier. Drei Torpedos treffen das mit Flüchtlingen aus Ostpreußen völlig überfüllte Schiff. Fast 9000 Menschen sterben in dieser Nacht in der eisigen Ostsee.</p><p>Ihr Schiff ist eines der ersten an der Unglücksstelle. Viel ist es nicht, woran sich Babette Schirmer erinnert, aber genug, um es ein Leben lang nicht zu vergessen. Die Tür wird abgesperrt, die Kinder bleiben allein. Jede Hand wird gebraucht, um die halbtoten Menschen aus dem Wasser zu ziehen. „Und dann kam sie, meine Mutter, völlig fertig. Ich sehe noch ihr Gesicht, als sie sagte: Ich glaube, fünfzig haben wir geschafft.“</p><p>In den nächsten Tagen hört das Kind die Schreie der Überlebenden, die man unter Deck versorgt. Sind es Schmerzensschreie, Verzweiflungsschreie? Sie weiß es nicht. Erst in Swinemünde, wo die Fahrt zu Ende ist, bekommt sie die Menschen zu Gesicht. Ein Gasthaus nimmt die Flüchtlinge auf; die Bühne des Tanzsaals ist ein einziges großes Strohlager mit Verletzten: „Da sehe ich nur Verbände und Blut.“</p><p>Die Erinnerung hat etwas Peinigendes. Aber nicht, weil sie so viel Schreckliches sah, sondern weil sie es nicht begriff. Heute schämt sie sich für das Mädchen, das sie war: „Wir Kinder haben auf der Bühne Fangen gespielt und sind über diese Schwerverletzten gesprungen. Wenn ich mir das vorstelle ... Allein das Dröhnen von den Holzbohlen. Das tut doch weh!“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a42159d8-3360-40d1-83e8-df1f2571b550/uploads/images/gdpqlquzep/Kinderfoto.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Fast achtzig Jahre liegen zwischen damals und jetzt. Aber die Bilder der Kindheit sind so klar und deutlich, so scharf umrissen und voller Farbe, als wäre die Vergangenheit nie vergangen. Dabei ist kaum etwas so vergangen wie Königsberg; nicht einmal den Namen gibt es mehr. Was der Krieg übrig ließ, heißt seit 1946 Kaliningrad.</p><p>Aber in ihrem Kopf ist alles noch da. „Ich finde heute noch unser Haus. Zum Nordbahnhof waren es nur ein paar Straßen. Ich könnte Ihnen einen Plan aufzeichnen von der Wohnung meiner Großmutter: wo die Fenster waren und wo die Türen. Ich kann auch die Möbel beschreiben, sogar die Farbe der Kissen.“</p><p>Sie erzählt von ihrem Großvater, der in Tilsit im Gesangsverein war, und von dem Familienzimmer im Königsberger Krankenhaus der Barmherzigkeit, das ihr Onkel leitete und wo sie und alle ihre Cousinen nach der Geburt im gleichen Kinderbett lagen. Und sie erzählt vom Tiergarten. „Wir wohnten direkt gegenüber, Goltzallee 8. Ich bin so oft in den Zoo ausgerissen, daß die Polizei das schon kannte. Aber meistens hat mich unser Hausmädchen gefunden: im Raubtierhaus. Da ging ich hin, weil meine Eltern nicht mit mir hinwollten. Das stinkt so, hat meine Mutter immer gesagt. Fand ich gar nicht.“</p><p>Nur diese Bilder sind ihr geblieben, sonst nichts. Fast nichts. Aus einem Karton nimmt sie vergilbte Papiere. Photographien in schwarz-weiß. Briefe, ein selbst gezeichnetes und gedichtetes Bilderbuch, das der Vater ihr zu Weihnachten 1945 geschenkt hat. Sie zeigt auf ein mit Spitzen umhäkeltes Taschentuch. „Das hat meine Mutter auf der Flucht gemacht. So eine feine Arbeit! Anstatt sich Socken zu stricken, damit ihr nicht die Füße erfrieren. Die haben gar nicht begriffen, was los war. An solchen Dingen kann man das festmachen.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a42159d8-3360-40d1-83e8-df1f2571b550/uploads/images/yyqw3tvafv/Babette%20Schirmer.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Wieder knarrt der Stuhl, auf dem sie sitzt. Den Besucher hatte sie gebeten, sich auf den anderen zu setzen. Der hier, sie macht sich ganz leicht, sei schon einmal zusammengebrochen. Eigentlich müßte man ihn wegtun. Aber, sie zuckt die Achseln, warum?</p><p>Im nächsten Moment hat sie ein weißes Stück Stoff in der Hand, mit Blumen und grünen Ranken. Sie breitet es aus, betrachtet gedankenverloren die Stickerei. „Einige Tage meines Lebens habe ich damit verbracht.“ Als ihre Hände darüber streichen, ist es, als würden die blauen, gelben und rosa Blütenblätter aus dem Schnee hervorschauen. „Sie sehen, ich habe es nicht fertig gemacht.“ Als sie nach zwei Wochen die winzige Kabine verließen, dachte sie nicht mehr daran.</p><p>Die Fahrt über die tödliche Ostsee lag hinter ihnen. Aber es ging immer weiter: ins zerbombte Berlin, nach Thüringen, nach Bayern, nach Hessen. „Die Flucht hört ja nicht auf, wenn man irgendwo ankommt.“ Was es heißt, ein Flüchtlingskind zu sein, läßt sich an einer Zahl ablesen: Sechzehn Schulen hat Babette Schirmer besucht. „Wo man hinkam, war ja auch alles durcheinander.“ Lesen gelernt hat sie erst als Erwachsene. Ist es ein Wunder oder gerade keins, daß sie Lehrerin wurde?</p><p>Jahrzehnte später: Ihr Vater ist tot, und ihre Mutter trauert noch immer um die verlorene Heimat. Sie selbst ist verheiratet, hat ihrerseits Kinder. Was im Januar 1945 geschah und warum ihre Familie nach dreihundert Jahren in Königsberg alles verlor, weiß sie längst einzuordnen. Als Sechzehnjährige hat sie „Nacht und Nebel“, Alain Resnais Film über die deutschen Vernichtungslager, gesehen, zusammen mit ihrem Vater, der nach dem Krieg an der Erarbeitung der sogenannten Wiedergutmachungsgesetze beteiligt und in Frankfurt mit vielen jüdischen Überlebenden bekannt war.</p><p>Eines Tages bemerkt sie, daß ihre Mutter eine Schürze trägt, die sie noch nie gesehen hat. Eine einfache Halbschürze, selbst genäht: weiß, mit Blumen und grünen Ranken. Sie starrt ihre Mutter an, bringt kein Wort heraus.</p><p>Sie haben sich sofort erinnert?</p><p>„Sofort. Ich wußte ganz genau, was das ist.“</p><p>Was haben Sie zu ihr gesagt?</p><p>„Wir haben nur geweint.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a42159d8-3360-40d1-83e8-df1f2571b550/uploads/images/pdp33tzccb/Meereswellen.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p><em>Diese Geschichte habe ich am 19. Februar 2023 an 471 Leserinnen und Leser verschickt. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten wollen, tragen Sie sich gern hier ein:</em></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">Kostenlos abonnieren</a></p><p><strong>Eine Geschichte wie diese schreibt sich nicht von allein. Um so dankbarer bin ich allen, die mit einer Mitgliedschaft meine freiberufliche Arbeit an „Wolken und Kastanien“ ermöglichen. Das geht schon zum Preis einer Tasse Kaffee im Monat. Wollen auch Sie Unterstützer(in) werden? 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      <pubDate>Sun, 19 Feb 2023 07:00:42 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Die weiße Wolke]]></title>
      <description><![CDATA[Über den Lärm der verstreichenden Zeit und die Stimmen der Toten, das kupfergrüne Dach am Dresdner Elbufer und meinen Roman über das Japanische Palais]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über den Lärm der Zeit und die Stimmen der Toten, das kupfergrüne Dach am Dresdner Elbufer und meinen Roman über das Japanische Palais</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d3ed25c1-8346-48b1-86bc-80e173d71fec/uploads/images/fuv7zgpovd/Palais.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Vor ein paar Jahren fotografierte ich einen Satz, den jemand mit schwarzer Farbe an eine Mauer in Lüneburg geschrieben hatte. Seither geht er mir nicht mehr aus dem Kopf: „Spürst du den Lärm der verstreichenden Zeit?“</p><p>Ich weiß nicht, ob er immer noch dort steht oder ob die Zeit selbst oder ein gezielter Sandstrahl ihn ausgelöscht hat. Für den Augenblick genügt es, die Fotografie zu betrachten. Die grauen Steine der Quaimauer mit den sich mühsam in der Waagerechten haltenden Wörtern; die heranwuchernden Brennesseln, die schon nach dem Fragezeichen greifen.</p><p>Zuerst dachte ich, es wäre eine Zeile aus einem Gedicht oder einem Lied von <em>Element of Crime.</em> Eine Weile suchte ich danach – ohne Erfolg. Offenbar war der Satz der oder dem Unbekannten selber eingefallen. Wie sagten früher die Lehrer zu uns? „Narrenhände beschmieren Tisch und Wände.“ Nein, ein Narr war da nicht am Werk gewesen. Und wenn doch, dann ein weiser Narr. Denn was da auf der Mauer stand, war keine Schmiererei, sondern ein Satz von geradezu philosophischer Klarheit.</p><p>Lag es an seiner beiläufigen Poesie, daß er sich in meinem Kopf einnistete? Wobei sich der genaue Wortlaut im Laufe der Jahre änderte. Erst jetzt, während ich die Fotografie betrachte, fällt es mir auf. Aus „Spürst du“ wurde „Hörst du“, aus „Lärm“ wurde „Rauschen“. Ohne daß ich die Worte aussprach, lautete der Satz in meiner Erinnerung: Hörst du das Rauschen der verstreichenden Zeit?</p><p>Auch diese lautmalerische Variante hat etwas für sich. Sie paßt zu der großen Straße, die nur wenige Meter entfernt über die Ilmenaubrücke führt und auf der es unentwegt rauscht. Früh der Berufsverkehr, am Nachmittag der Feierabendverkehr. Wann immer ich sie überqueren will, dauert es eine halbe Ewigkeit, bis der Strom der Autos für wenige Sekunden abreißt.</p><p>Und doch ist es der schwächere Satz. Als habe die Zeit jene Wucht abgemildert, mit der mich damals die schwarzen Buchstaben trafen. So wie der Lärm, den man nicht nur hört, sondern der auf einen einstürmt, sich auf einen wirft, den ganzen Körper ergreift.</p><p>Rauschen: das kann alles sein. Der Verkehr auf der Brücke, aber auch das Geräusch der Wellen. Wie heißt es in einem Gedicht von Jürgen Becker? „Das Rauschen tags, das ist die Autobahn, / gleich hinter den Kiefern. Gleich hinter den Kiefern, / nachts ist es das Meer.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d3ed25c1-8346-48b1-86bc-80e173d71fec/uploads/images/d3bss3qlar/Boot.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Der Lärm der verstreichenden Zeit: Spätestens am Ende des Jahres ist er nicht mehr zu überhören. Der Krach in den Straßen, das Zischen und Fauchen am Himmel. Als sollte die „Stille Nacht“ endgültig ausgelöscht werden.</p><p>Als Kind war ich immer erstaunt, daß es am ersten Tag des neuen Jahres so weiterging wie am Ende des alten. In meiner Vorstellung war der Januar in strahlendes Weiß getaucht. Ich sah eine verschneite Landschaft; eine neue Seite, die aufgeschlagen wird. Doch als es soweit war, geschah – nichts. Morgens wurde es so spät hell, abends so früh dunkel wie in den Tagen zuvor. Dazwischen das gleiche Dämmergrau.</p><p>Nicht, daß ich heute klüger wäre. Noch immer ertappe ich mich bei der kindlichen Erwartung, daß im Januar etwas Neues beginnt. Und mit dem alten Jahr all das zurückbleibt, was ein Ballonfahrer als Ballast bezeichnen würde. Aber dann ist das Jahr noch keine zwei Wochen alt, viel heller geworden ist es nicht – und schon hat mich alles wieder eingeholt, was ich im ersten Überschwang glaubte, hinter mir zu haben.</p><p>Natürlich, ich weiß es ja. Wie fadenscheinig dieses Gewand ist, in das wir die Wirklichkeit kleiden, um sie uns irgendwie begreiflich zu machen. Wie untauglich die Begriffe sind, mit denen wir zu umschreiben versuchen, was wir nicht fassen können. Unsere Vorstellung von Zeit als ein Fortschreiten, Dahinfließen, ein Vergehen. Je älter ich werde, um so öfter entdecke ich die Löcher im Gewebe. Was ist schon vergangen?</p><p>Aber ja: die Tage verstreichen, und auch das Jahr kommt an sein Ende, mit Korken und Raketen. Doch was heißt das schon?</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d3ed25c1-8346-48b1-86bc-80e173d71fec/uploads/images/tdfhboa3lr/Herbstpark.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Man spricht von Vergangenheit, von Gegenwart und Zukunft. Aber in manchen Momenten ist mir das Vergangene so gegenwärtig wie die Luft, die ich atme. Es steht mir so klar vor Augen, als wäre es nicht Jahrzehnte her, sondern bloß ein paar Minuten.</p><p>In einem solchen Moment schrieb ich vor einiger Zeit diesen Satz: „Jedes Jahr im Advent, wenn ich die Krippenfiguren aus der verstaubten Schachtel nehme, sehe ich das Gesicht meiner Großmutter vor mir.“</p><p>Es war der Anfang einer Erzählung über die Weihnachtsfeste meiner Kindheit. Während ich sie schrieb, stand wieder alles vor mir: die Krippenfiguren, die 1945 den Angriff auf Dresden überstanden hatten, das Lied von der Pfefferkuchenfrau, das wir Jahr für Jahr unter dem Dröhnen des leicht verstimmten Klaviers schmetterten. Und die gebeugte Gestalt meiner Großmutter: ihre weißgrauen Locken, die tausend kleinen Fältchen, ihr verschmitztes Lachen.</p><p>Es war, als hätte mir Marcel Proust eine seiner zauberhaften Madeleines auf die Zunge gelegt. Nichts von all dem, was ich damals Am Jacobstein erlebt hatte, wie die stille Straße in Radebeul hieß, in der meine Großeltern jahrzehntelang wohnten, war vergangen oder vergessen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d3ed25c1-8346-48b1-86bc-80e173d71fec/uploads/images/4se3otqvzq/Nebel.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>So geht es mir immer wieder. Manchmal kommt es mir so vor, als wären alle Augenblicke irgendwo in meinem Inneren noch da.</p><p>Während ich diese Sätze schreibe, fallen mir die Fichtenstämme ein, die ich gestern am Waldrand liegen sah. Das Rund der hellen Schnittfläche, der man die Jahre ablesen kann, die der Baum dem Himmel entgegenwuchs. Als Kind glaubte ich, daß auch wir Menschen Jahresringe haben. Ich nur ein paar, aber mein Vater unvorstellbar viele. Daran mußte ich denken, als ich gestern meine Hand auf das konzentrische Muster legte und darüber nachdachte, was das ist: Zeit.</p><p>Jetzt bin ich so alt wie damals mein Vater, als er mir die Sache mit den Jahresringen erklärte. Aber was wir Zeit nennen, ist mir immer rätselhafter geworden. Die Sekunden, die sich zu Ewigkeiten dehnen; die Stunden, die in Windes­eile zu ein paar hastigen Atemzügen zusammenschnurren. Wer könnte das je begreifen?</p><p>Nie werde ich den Blick meiner kleinen Tochter vergessen, als ich ihr das Märchen von Dornröschen vorlas. Daß die Königstochter hundert Jahre lang schlief und beim Erwachen noch immer so jung war wie an dem Tag, als sie sich an der Spindel stach – sie konnte es kaum glauben. Erstaunt betrachtete sie das von einer Dornenhecke überwucherte Schloß mit den ebenfalls schlafenden Dienern und Pferden, den schlafenden Fliegen an der Wand und dem Küchenjungen, der schließlich doch noch seine Ohrfeige bekommt. Eine Insel der Zeitlosigkeit und Stille, unberührt vom „Lärm der verstreichenden Zeit“.</p><p>Eine ähnliche Empfindung hatte ich vor einigen Wochen, als ich in einer fremden Stadt durch eine Gasse lief und mein Blick auf ein Fenster fiel, im Erdgeschoß eines unscheinbaren Hauses. Viel war nicht zu sehen: ein paar Grünpflanzen, eine vergilbte Gardine mit Gänsen und Hühnern. Doch ich konnte nicht anders: ich mußte stehenbleiben und es betrachten wie ein Stilleben in einem Museum.</p><p>Während es zu schneien begann und die Flocken auf mich niedergingen wie die Federn der Gänse auf der Gardine, stellte ich mir das Zimmer vor, das dahinter lag. Das Tageslicht, das es nur spärlich erhellt. Die Finsternis, die es nachts bis in den letzten Winkel ausfüllt. Die Zeiger einer Uhr – so reglos wie die schwarzen Beine der Fliegen auf dem Fensterbrett.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d3ed25c1-8346-48b1-86bc-80e173d71fec/uploads/images/u7guizggxu/Ga%CC%88nse.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Einige Jahre lang habe ich an einem Roman geschrieben. Er beruht auf der Lebensgeschichte meines Großvaters, eines Büchermenschen, der sich, wäre die Welt eine andere, vielleicht einen solchen Ort der Stille gesucht hätte, um nichts zu tun als zu lesen, zu schreiben und hin und wieder ein Glas Meißner Wein zu trinken. Aber die Welt ist nicht so – und schon gar nicht waren es die Zeiten, in denen er lebte.</p><p>Geboren 1913 in Dresden, geriet er mitten hinein in ein Jahrhundert voller Mord und Zerstörung, von Ideologien verseucht, geprägt von Menschenverachtung und einem unfaßbaren Vernichtungswillen. Der Lärm der Zeit war das Jubelgeschrei der Masse, die sich an sich selbst berauschte, das Kommandogebell der SS, das Krachen von Bomben.</p><p>Helmut Deckert wußte früh, was die Stunde geschlagen hatte. Als Student versah er Hitlers Machwerk „Mein Kampf“ mit empörten Randbemerkungen. Später flüchtete er sich an die Sächsische Landesbibliothek, die ihm wie ein Refugium vor dem Nazi-Ungeist erschien. Damals befand sie sich im Japanischen Palais, das August der Starke einst für seine Porzellansammlung vorgesehen hatte. Ein prächtiges Gebäude an der Elbe, unter dessen kupfergrünem geschwungenen Dach sich die Renaissancebände drängten.</p><p>Das Palais war ein Mythos meiner Kindheit, legendenumrankt wie im Märchen das Schloß von Dornröschen. Bei jedem Gang über die Augustusbrücke wies der ausgestreckte Zeigefinger meines Vaters darauf hin. Wenn ich an damals zurückdenke, ist mir das Kupfergrün so gegenwärtig wie das Rot der Straßenbahnen, das nach der Wende plötzlich aus dem Stadtbild verschwand.</p><p>Und doch: das Palais meines Großvaters gab es nicht mehr. Bei einem jener Luftangriffe, die 1945 das alte Dresden in Schutt und Asche legten, brannte es aus. Zwar baute man es nach dem Krieg wieder auf. Doch weil den neuen Machthabern die ehemalige königliche Bibliothek als feudales Relikt galt, verbannten sie diese an den Stadtrand. Ein ewiges Provisorium, das die Erinnerung an den Büchertempel am Neustädter Ufer noch heller erstrahlen ließ.</p><p>Als Kind wuchs ich mit den Erzählungen vom Japanischen Palais auf. Vor meinen Augen erstand das Bild einer glorreichen Vergangenheit, deren dunkler Flecken sich die Erzähler zutiefst schämten. Der dunkelste war das Bibliotheksverbot für Victor Klemperer, der als Jude zuerst nur den Lesesaal, später die Bibliothek nicht mehr betreten durfte.</p><p>Auch das düstere Nachspiel war längst zur Legende geronnen: der Untergang der Stadt im Bombenhagel, das brennende Palais. Und noch Jahrzehnte später erregte die Katastrophe im Tiefenkeller die Gemüter. Zu spät hatte man entdeckt, daß er voller Elbwasser stand. Klitschnaß lagen die Kostbarkeiten der Bibliothek in den angeblich sicheren Stahlschränken: die Maya-Handschrift, Dürers Skizzenbuch, Notenblätter von Bachs h-Moll-Messe.</p><p>Wann immer die Rede auf das Japanische Palais kam, straffte sich der Körper meines Großvaters, und ein Leuchten trat in seine Augen. Doch wenn jemand den Tiefenkeller erwähnte, schien er auf seinem Stuhl zusammenzusinken, sein Gesicht wurde grau.</p><p>Als ich den Roman zu schreiben begann, hatte ich all das im Sinn. Vor allem ein Bild stand mir vor Augen. Es zeigte meinen Großvater als jungen Mann: blaß und hager, gezeichnet von den Hungerjahren. Ich habe es nie gesehen, aber es ist mir oft beschrieben worden: wie er und die anderen Bibliothekare die Leiterwagen voller Bücher durch die Trümmerlandschaft zogen, die einmal Dresden war.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d3ed25c1-8346-48b1-86bc-80e173d71fec/uploads/images/oae2xshcls/Hermen.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>In manchen Momenten ist mir das Vergangene so gegenwärtig wie die Luft, die ich atme. Das gilt nicht nur für das, was ich selbst erlebt habe.</p><p>Jahrelang habe ich mich in diese Geschichte vertieft, habe Aufzeichnungen gelesen und verkratzten Tonaufnahmen gelauscht, Briefe entziffert, schwarzweiße Fotografien betrachtet und in Stadtplänen und Adreßbüchern gestöbert. In dieser Zeit ist mir das Japanische Palais so vertraut geworden, als wäre ich vor dem Krieg dort ein- und ausgegangen. Mitten in der Nacht könnte man mich wecken, und es wäre mir ein leichtes, den Weg vom Großen Lesesaal zum Direktorzimmer zu beschreiben oder den Blick aus dem Fenster der Kartensammlung.</p><p>Nicht viel anders geht es mir mit den Bibliothekaren. Dem Direktor Martin Bollert, den die Nazis eiskalt abservierten, seinem einarmigen Nachfolger Hermann Neubert, dem Fassadenkletterer Hans Hofmann, der zerstreuten Dorothee von Watzdorf. Sie alle sind Romanfiguren geworden, und ihre Stimmen sind in meinem Kopf wie die Stimmen von alten Bekannten. Bin ich in Dresden, glaube ich sie zu sehen, wenn ich über die Brühlsche Terrasse gehe oder durch die Königstraße auf das Palais zu.</p><p>Der Roman ist noch unveröffentlicht (gedruckt werden nur die, die schreiben können). Vielleicht ist mir deshalb seine Welt auf eine Weise nahe, als ob es meine eigene wäre. Es ist, als hielte ich noch alle Fäden in der Hand. Ich habe noch nicht losgelassen, und deshalb läßt es auch mich nicht los.</p><p>Im vorigen Sommer stand ich wieder einmal im Hof des Japanischen Palais. Immer wieder war ich in den letzten Jahren dort gewesen, hatte aus einem der Fenster im zweiten Stock über die Elbe geblickt und mir den Tiefenkeller zeigen lassen. Jeden Stein, jede bemooste Brunneneinfassung hatte ich betrachtet.</p><p>Die steinernen Chinesen auf den Fassaden ringsum lachten mich an, als hätten sie mich erkannt. Ein leiser Spott funkelte in ihren Augen. Es fühlte sich an wie eine Heimkehr.</p><p>Ich setzte mich in den Schatten und genoß es, wieder hier zu sein. Die Sonne schien, und in dem blauen Viereck über mir stand eine Wolke: so weiß, daß es in den Augen schmerzte. Sogar diese Wolke war mir vertraut. Hatte ich sie nicht damals schon gesehen? An jenem fernen Sommertag, als mir Hans Hofmann vor dem Lesesaal das Buch in die Hand drückte ...</p><p>Ich hatte die Augen noch immer geschlossen und lauschte auf die Stimmen, die aus einem offenen Fenster zu mir drangen. Der Lärm der verstreichenden Zeit: in diesem Moment war er nicht zu spüren.</p><p></p><p><em>Diese Geschichte habe ich am 15. Januar 2023 an 415 Leserinnen und Leser verschickt. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten wollen, tragen Sie sich gern hier ein:</em></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">Kostenlos abonnieren</a></p><p><strong>Eine Geschichte wie diese schreibt sich nicht von allein. Um so dankbarer bin ich allen, die mit einer Mitgliedschaft meine freiberufliche Arbeit an „Wolken und Kastanien“ ermöglichen. Das geht schon zum Preis einer Tasse Kaffee im Monat. Wollen auch Sie Unterstützer(in) werden? 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      <pubDate>Sun, 15 Jan 2023 09:19:11 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[Wer war Peter G.?]]></title>
      <description><![CDATA[Über ein Rattenherz und einen rätselhaften Fund in Berlin, über das mutige Schweigen von Jürgen Fuchs und den Schwindel beim Blick in die Abgründe der Diktatur]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über ein Rattenherz und einen rätselhaften Fund in Berlin, über das mutige Schweigen von Jürgen Fuchs und den Schwindel beim Blick in die Abgründe der Diktatur</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/4df53daf-2afb-4286-9121-ffc4cc8b00e1/uploads/images/zme6zjmntc/Parkett%20NEU.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Es war ein sonniger Vormittag im Mai, als ich am Alexanderplatz aus der S-Bahn stieg, um in der Gegend um die Volksbühne ein wenig herumzustreunen. Zwei Tage war ich in Berlin und eilte von einer Verabredung zur nächsten. Aber dann war da diese eine Stunde, in der ich nichts vorhatte und mich treiben ließ: durch Straßen und an Cafés vorbei, in denen ich oft gesessen hatte, als ich noch in Berlin lebte. Alles sah anders aus, aber verändert hatte sich nichts.</p><p>Plötzlich sah ich das Straßenschild. Ich las „Almstadtstraße“, und in diesem Moment fiel mir Adolf Endler ein. Zwei Jahre vor seinem Tod hatte er mir aus seinem Leben erzählt, das voller Brüche und Zick-Zack-Wege war. Wie er als Kind den Krieg erlebt und im zertrümmerten Düsseldorf angefangen hatte, Gedichte zu schreiben, und warum er später in die DDR gegangen war. Denke ich an diese Gespräche, sehe ich ihn, wie er mir in seiner Pankower Wohnung gegenübersitzt. Die gerunzelte Stirn, in die er sich die Brille geschoben hat; sein offener Blick aus wachen, manchmal listig zwinkernden Augen.</p><p>In der Almstadtstraße hatte er eine Zeitlang gewohnt. In den sechziger Jahren, erklärte er mir, sei das eine unheimliche Gegend gewesen. „In dieser Straße im Scheunenviertel geschahen ganz merkwürdige Dinge. In einem Winter habe ich dreißig oder vierzig Ratten mit Briketts erschlagen; eine furchtbare Metzelei war das. Man hatte das Gefühl, das Haus bricht auseinander. Oder man stellte eine Rattenfalle auf, und da steckte eine drin, und eine zweite lag tot daneben. Da war mal ein Rattenvertilger da, der sagte: ‚Ist ganz klar! Das war die Frau von dem. Die hat einen Herzschlag gekriegt vor Schreck, als sie sah, daß ihr Mann tot war.‘ Seither weiß ich, daß Ratten auch ein Herz haben.“</p><p>Das Herz der Ratte, das vor Schreck aufgehört hat zu schlagen: Aus irgendeinem Grund hatte ich das nie vergessen. Und als ich jetzt vor dem Straßenschild stand, hatte ich Mühe, das Bild aus meinem Kopf zu bekommen. Eine Weile ging es mir noch nach, während ich weiterlief und meine Blicke schweifen ließ.</p><p>Da stieß ich auf Peter G.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/4df53daf-2afb-4286-9121-ffc4cc8b00e1/uploads/images/7yiabncw56/Parkett%20senkrecht%202.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Es fällt mir schwer, an einem Antiquariat vorbeizugehen. Wenigstens kurz hineinschauen möchte ich. Aber gleich darauf stehe ich mit einer Handvoll Bücher vor dem Buchstaben K und gehe in Gedanken die Namen durch, die bis zum Ende des Alphabets noch zu erwarten sind, was mir zuverlässig den Angstschweiß auf die Stirn treibt ...</p><p>Diesmal lauerten die Verlockungen schon vor der Ladentür. Auf einem Fenstersims stand eine Bücherkiste. Ein neugieriger Blick – und schon war es um mich geschehen. Wenig später hielt ich drei Bücher in der Hand. Taschenbücher, in den achtziger Jahren in der DDR erschienen. Fast vierzig Jahre war das her: so lange, wie dieser Staat existiert hatte. Doch anders als die DDR bei ihrem Untergang sahen die Bücher fast aus wie neu. Keine geknickten Ecken, keine Eselsohren; das Papier kaum vergilbt.</p><p>Am verlockendsten aber war ihr Inhalt. Helga Schubert und Wolfgang Kohlhaase: das waren Namen, die im Osten jeder kannte, der Bücher las und Filme sah. Auch im wiedervereinigten Deutschland hatten sie für Aufsehen gesorgt: Helga Schubert, als sie vor zwei Jahren den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann, Wolfgang Kohlhaase mit seinen Drehbüchern von „Sommer vorm Balkon“ und „Die Stille nach dem Schuß“.</p><p>Erfüllt vom Finderglück, blätterte ich in den Büchern. „Schöne Reise“ stand auf dem einen, „Silvester mit Balzac“ auf dem anderen. Der dritte Band stammte von Balzac selbst. „Ferragus“, eine Erzählung aus der Menschlichen Komödie, die mit den Worten beginnt: „In Paris gibt es Straßen, die entehrt sind wie ein Mensch, der eine Schurkerei begangen hat ...“</p><p>Gegen Abend, der Zug ratterte gen Norden, nahm ich die Bücher hervor: unschlüssig, welches ich zuerst lesen sollte. Da sah ich den Stempel. Das heißt, ich sah die sechs Stempel. In jedem Band zwei: einer auf dem Vorsatzblatt, einer auf der dritten Umschlagseite. Schwarzgrau stand da der Name des vormaligen Besitzers: Peter G. Alle drei Bücher hatten ihm gehört.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/4df53daf-2afb-4286-9121-ffc4cc8b00e1/uploads/images/fwf7ixg46f/Ferragus.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Wie gelangen Bücher in ein Antiquariat? Jemand sortiert sie aus, weil er keinen Platz mehr hat, sie nicht mehr lesen will. Oder ein Haushalt wird aufgelöst, weil jemand gestorben ist und die Nachkommen mit Büchern nichts anzufangen wissen.</p><p>Bei Peter G. schien mir das zweite wahrscheinlicher. Die Stempel, aber auch ihr guter Zustand wiesen darauf hin, daß ihm Bücher etwas bedeuteten – bedeutet hatten. Wer er wohl gewesen war? Ich stellte mir einen älteren Herrn vor: grauhaarig, mit Hornbrille. Einen Intellektuellen, der im Prenzlauer Berg sein eigensinniges Leben geführt hatte; nur ein paar Straßen entfernt von dem Laden, in dem jetzt der Rest seiner gepflegten Büchersammlung in ein paar Bananenkisten lag, zusammen mit Dutzenden abgegriffenen Bänden.</p><p>Der Gedanke ließ mir keine Ruhe. Ein paar Tage später tippte ich den Namen in die Tastatur – und überflog gespannt die Suchergebnisse. Ich las „sozialistische Diktatur“, ich las „Überwachung“ und „geheimdienstliche Ermittlungsmethoden“. Und ich sah den Namen von Jürgen Fuchs, der 1976 in der DDR verhaftet und nach neun Monaten im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen in den Westen abgeschoben worden war.</p><p>War G. ein Freund von Fuchs gewesen? Ein Büchermensch aus der ostdeutschen Dissidentenszene? Es sah ganz so aus, als wäre ich auf der richtigen Spur.</p><p>Ich las den Essay über Jürgen Fuchs, der im Mai 1999 an einem seltenen Blutkrebs gestorben war: mit 48 Jahren. Man vermutet, daß er während seiner Haft verstrahlt wurde, so wie auch andere Oppositionelle, die später an Krebs starben. Vor seinem Tod ging Fuchs diesem Verdacht nach und fand tatsächlich Hinweise, daß die Stasi radioaktive Substanzen gegen Menschen eingesetzt hatte.</p><p>Zu verwundern braucht einen das nicht, wenn man sich vor Augen führt, mit welcher Menschenverachtung der ostdeutsche Geheimdienst operierte. Die unverhüllte Drohung, die man Fuchs vor seiner Zwangsausweisung mit auf den Weg gab, spricht für sich: „Legen Sie sich später nicht mit uns an. Wir finden Sie überall. Auch im Westen. Autounfälle gibt es überall.“ Einem Bombenattentat in West-Berlin entgingen er und seine Familie nur um Haaresbreite.</p><p>Über die Zeit seiner Haft hat Jürgen Fuchs ein beklemmendes Buch mit dem Titel „Vernehmungsprotokolle“ geschrieben. Akribisch erinnert er sich darin an jedes Detail – bis hin zum Wortlaut der Verhöre. Das Buch ging mir lange nach, als ich es vor Jahren las. Damals fuhr ich nach Hohenschönhausen und ließ mich von einem der ehemaligen Häftlinge durch das Gefängnis führen. Mich fröstelte, obwohl es ein Sommertag war.</p><p>Während ich jetzt über Fuchs las, spürte ich wieder die Beklemmung von einst. Und plötzlich hielt ich den Atem an. „Sein erster Vernehmer“, las ich, „war der damals 36jährige Major Peter G., ein Mann mit krakeliger Handschrift, der in der Ermittlungsabteilung stellvertretender Referatsleiter war.“</p><p>Ich las den Satz ein zweites und ein drittes Mal. Ich war so überrascht, daß ich es zuerst nicht glauben konnte. Aber da stand es schwarz auf weiß: Der Mann, den ich suchte, war kein bücherliebender dissidentischer Geist, sondern ein Offizier der Staatssicherheit.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/4df53daf-2afb-4286-9121-ffc4cc8b00e1/uploads/images/bl5rxfibvh/Fuchs.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>An diesem Tag verbrachte ich Stunden damit, im Internet nach Peter G. zu suchen. Es gab mehrere Personen dieses Namens, die alle nicht in Berlin lebten. Daß der Vorbesitzer meiner Bücher Berliner gewesen war, dafür sprach aber schon die Tatsache, daß ich sie dort gekauft hatte. Und nicht zuletzt die Buchhandlung selbst ließ es plausibel erscheinen, daß es sich um jenen Stasi-Major handelte: Sie lag im Erdgeschoß des Karl-Liebknecht-Hauses, das zu DDR-Zeiten der SED gehört hatte und in dem heute die Partei „Die Linke“ ihre Geschäftsstelle hat.</p><p>Gegen Abend radelte ich in die Bibliothek und fand ein Buch, in dem von Peter G. die Rede ist. Es war vor über zwanzig Jahren erschienen und sah nicht so aus, als ob es in dieser Zeit einmal entliehen wurde. Ich las, daß G. 1975 zum stellvertretenden Leiter des Referats II der Hauptabteilung IX/2 ernannt worden war, dem als Referatsleiter ein Major E. vorstand. Wegen „mangelnder Eignung“ wurde er im März 1978 von dieser Funktion entbunden und seitdem als Offizier für Sonderaufgaben eingesetzt. Zu seinen Aufgaben zählte die „Aufarbeitung und Auswertung spezifischer Materialien auf dem Gebiet der Bekämpfung des staatsfeindlichen Untergrundes“.</p><p>Daß die Degradierung ausgerechnet in der Zeit geschah, als Jürgen Fuchs in Hohenschönhausen inhaftiert war, kann vieles bedeuten – nur eins nicht: In den „Vernehmungsprotokollen“ findet sich kein Hinweis darauf, daß G. besonders menschenfreundlich aufgetreten wäre, was womöglich seinen eigenen Leuten mißfallen hätte. Fuchs beschreibt den ersten seiner insgesamt fünf Vernehmer als Brillenträger mit Aktentasche, der Brecht und Biermann zitiert, auf die „Schachnovelle“ anspielt und Fuchs abspricht, Schriftsteller zu sein. Sein Ton ist spöttisch bis zynisch, selten übersteigen seine Drohungen Zimmerlautstärke; selbst seine Beleidigungen („dreckiger, kleiner Schwindler“) wirft er seinem Gegenüber nur hin wie einen nassen Lappen.</p><p>Ist das wirklich der Mann, in dessen Regal fein säuberlich aufgereiht die Bücher von Helga Schubert und Wolfgang Kohlhaase standen?</p><p>Weder die eine noch der andere waren staatstragend. Im Gegenteil: Für ihren Erzählband „Das verbotene Zimmer“ verweigerte man Schubert 1981 die Druckgenehmigung. „Was Sie über unsere Partei schreiben“, erklärte man ihr im Aufbau-Verlag, „ist wie ausgekotzt. Hören Sie auf zu schreiben! Das ist Analphabetismus.“ Wolfgang Kohlhaase erging es nicht besser. Der Film „Berlin um die Ecke“, für den er das Drehbuch geschrieben hatte, wurde 1965 im Zuge des berüchtigten elften Plenums wegen seiner „pessimistischen und subjektivistischen Grundhaltung“ noch im Rohschnitt verboten.</p><p>In den zwei Büchern, denen G. seinen Stempel aufdrückte, ist von sozialistischer Herrlichkeit nichts zu finden. Dem Vernehmer von Jürgen Fuchs müssen diese Erzählungen fast schon subversiv, zumindest ideologisch fragwürdig vorgekommen sein.</p><p>Oder ist das des Rätsels Lösung? Waren diese Bücher für ihn Arbeitsmittel, mit denen er sich für die „Bekämpfung des staatsfeindlichen Untergrundes“ wappnete? Aber nein, denke ich sofort, dann hätte er sie wohl kaum so pfleglich behandelt. Obwohl man ihnen ansah, daß sie gelesen waren, fand ich darin keinen Knick und keine Unterstreichung.</p><p>Der zweite Stasi-Mann, der Fuchs vernahm, war der schon erwähnte Referatsleiter, Major E. In den „Vernehmungsprotokollen“ wird er als aggressiv und aufbrausend geschildert. Die Sprache der Macht, gepaart mit kalter Brutalität. „Was gibt’s denn da zu glotzen?“ fährt er den Häftling an. „Und jetzt packen Sie aus!“ Doch auch er schafft es nicht, Fuchs zum Reden zu bringen – so wenig wie Peter G. und die anderen drei Vernehmer. Fuchs schweigt stundenlang; mit dem Finger malt er Buchstaben und Wörter auf die Tischplatte, in die Luft.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/4df53daf-2afb-4286-9121-ffc4cc8b00e1/uploads/images/2mydtf2ski/Kohlhaase.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Der einstige Major E. ist heute als Sozius einer Anwaltskanzlei tätig. Das Foto auf deren Website zeigt einen Mann mit wuchtigem Kinn und schmalen Lippen. Unter seiner Berliner Telefonnummer steht: „Refugees Welcome“. Ich würde gern wissen, was Rechtsanwalt Dr. E. heute über die Flüchtlinge denkt, die an der Berliner Mauer erschossen oder schwer verletzt ins Haftkrankenhaus in Hohenschönhausen eingeliefert wurden.</p><p>Aber nicht danach fragte ich ihn, als ich ihm kurzentschlossen eine Mail schickte, um etwas über seinen früheren Kollegen herauszufinden. Nach drei Tagen war die Antwort da: „Zu meinem Bedauern muß ich Ihnen mitteilen, daß ich seit Jahrzehnten keinen Kontakt zu Herrn Peter G. habe; ich weiß auch nicht, ob er noch unter den Lebenden weilt.“</p><p>Fast war ich erstaunt, daß er zurückschrieb. Erstaunt, daß der Mann, der vor einem halben Jahrhundert Jürgen Fuchs in die Mangel genommen hatte, noch immer da war. Daß er in diesem Augenblick durch Berlin ging oder in einem der östlichen Bezirke in seinem Büro saß, vor sich eine Tasse Kaffee. Ich sehe ihn vor mir, wie er die Lippen zusammenkneift und seinen Körper strafft. Die rasche Handbewegung, mit der er die Erinnerung an Peter G. verscheucht.</p><p>Immerhin, eine Antwort. Meine Anfrage an den Buchladen im Karl-Liebknecht-Haus wurde dagegen mit Schweigen quittiert. Zweimal faßte ich nach, vergebens. Offenbar war jedes Wort, das mir etwas über den Vorbesitzer meiner Bücher verraten konnte, eines zu viel.</p><p>An diesem Punkt brach ich die Suche ab. Sicher, es hätte noch Wege gegeben, mehr über G. in Erfahrung zu bringen. Beim Einwohnermeldeamt hätte ich sein Sterbedatum erfahren, seine letzte Adresse. Und dann war da noch dieser andere Fund: In einem Buch über die Wärter und Vernehmer in Hohenschönhausen stieß ich auf die Nummer der Kaderakte von Peter G. Ich las, daß er die Ablösung als stellvertretender Referatsleiter selber beantragt hatte, weil er sich „physisch und psychisch den gestellten Anforderungen nicht mehr gewachsen“ fühlte. Hatte er sein eigenes Tun nicht länger ertragen?</p><p>Nur: handelte es sich bei dem Gesuchten tatsächlich um den Vernehmer von Jürgen Fuchs? Weder das Einwohnermeldeamt noch die Stasi-Akten hätten mir diese Frage beantworten können. Geschweige denn jene andere Frage, die mir unentwegt durch den Kopf geht, seit ich auf die wahrscheinliche Identität von Peter G. gestoßen bin: Wie kann jemand, der solche Bücher liest, fähig sein, einen anderen zu erniedrigen, zu beschimpfen, zu quälen?</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/4df53daf-2afb-4286-9121-ffc4cc8b00e1/uploads/images/s7xcfb3eou/Scho%CC%88ne%20Reise.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Im Oktober, nach ihrer Lesung in Lüneburg, saß ich mit Helga Schubert zusammen. Es war der Tag, an dem die Nachricht von Wolfgang Kohlhaases Tod die Runde machte; im Alter von 91 Jahren war er in Berlin gestorben. Helga Schubert war ihm ein paarmal begegnet, auch sie bewunderte seinen Erzählband „Silvester mit Balzac“. Ich erzählte ihr von meinem antiquarischen Fund, von meiner Suche nach Peter G. und meiner Ratlosigkeit.</p><p>Wer hätte mir besser Auskunft geben können als sie, die lange als Psychotherapeutin tätig war, die sich immer wieder mit den Mechanismen der Diktatur beschäftigt und ein Buch über Denunziantinnen im Dritten Reich geschrieben hat? Im Vorwort der Neuauflage von „Judasfrauen“ nennt sie die Diktatur „eine furchtbare, eine Grauen erregende, eine verführerische, Leben zerstörende Täterin“.</p><p>Helga Schubert überlegte nicht lange. „Die waren ja nicht dumm. Das waren ganz normale, zum Teil sehr gebildete Leute. Nur daß sie in ihrer plötzlichen Machtfülle der Versuchung zu verletzendem und zynischem Verhalten nicht widerstehen konnten. Die Diktatur hat sie zu Tätern gemacht.“</p><p>Das heißt, fragte ich, in der Diktatur kann jeder zum Täter werden?</p><p>„Man muß schon vor der Versuchung gefestigt sein.“</p><p>Und die Bücher? Was mache ich mit denen?</p><p>„Die stellen Sie einfach in Ihr Regal.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/4df53daf-2afb-4286-9121-ffc4cc8b00e1/uploads/images/ljax2bqn6d/Parkett%20umgedreht.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Nachdem sie ein halbes Jahr auf meinem Schreibtisch und neben dem Bett gelegen und mich auf Reisen begleitet hatten, habe ich die drei Aufbau-Taschenbücher heute in mein Regal gestellt. „Schöne Reise“ neben „Judasfrauen“, Kohlhaase neben Kempowski, „Ferragus“ neben „Verlorene Illusionen“. Dann nahm ich noch einmal die „Vernehmungsprotokolle“ zur Hand. Mir war etwas eingefallen.</p><p>Wenn Jürgen Fuchs von November 1976 an neun Monate inhaftiert gewesen war, hieß das nicht ...? Tatsächlich, in den Aufzeichnungen aus seiner Haftzeit gab es einen Eintrag vom Tag meiner Geburt. Da das ein Sonntag war und noch dazu ein Feiertag, blieb Fuchs die Begegnung mit seinem Vernehmer erspart. Ich las: „Ich höre eine Blaskapelle. Irgendwo draußen. Sie spielt Märsche.“ Und dann: „Im Hof oder in einem der Nebengebäude läuft ein Tonband: alte Schlager von den Beatles und den Rolling Stones. Heute ist der 1. Mai.“</p><p>Daß der Staat, in den ich an diesem Tag hineingeboren wurde, von der Landkarte verschwand, noch bevor es für mich ernst wurde, verdanke ich auch Jürgen Fuchs. Die Flugblätter, die zur entscheidenden Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig aufriefen, waren auf einer illegalen Druckmaschine hergestellt, die er, in Einzelteile zerlegt, über die Grenze geschickt hatte.</p><p>Als die Mauer fiel, war ich zwölf. Die Zukunft lag vor mir wie eine weiße Seite. Jetzt brauchte ich mich nur noch zwischen den Beatles und den Stones zu entscheiden. Die Märsche hatte ich hinter mir.</p><hr aria-hidden="true"/><p><em>Diese Geschichte habe ich am 11. Dezember 2022 an 371 Leserinnen und Leser verschickt. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten wollen, tragen Sie sich gern hier ein:</em></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">Kostenlos abonnieren</a></p><p><strong>Eine Geschichte wie diese schreibt sich nicht von allein. Um so dankbarer bin ich allen, die mit einer Mitgliedschaft meine freiberufliche Arbeit an „Wolken und Kastanien“ ermöglichen. Das geht schon zum Preis einer Tasse Kaffee im Monat. Wollen auch Sie Unterstützer(in) werden? Das geht hier:</strong></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/about">Unterstützen</a></p><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 11 Dec 2022 08:50:33 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[Der Herbst bringt die Trauben]]></title>
      <description><![CDATA[Über die Weinlese an der Mosel, einen Müllberg in Dresden und den Bildhauer Jürgen Waxweiler, der aus Steinen Köpfe macht und aus François Truffauts Hölle Kunst]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über die Weinlese an der Mosel, einen Müllberg in Dresden und den Bildhauer Jürgen Waxweiler, der aus Steinen Köpfe macht und aus François Truffauts Hölle Kunst</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/39bf6f53-bdbf-4ba3-83b8-4184fb37d8f5/uploads/images/jx7k7ff32o/Weinlese.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Während meine kleine Tochter auf ihrem bunten Fahrrad durch die Fußgängerzone saust, singt sie lauthals: „Es war eine Mutter, die hatte vier Kinder: den Frühling, den Sommer, den Herbst und den Winter ...“ Eine weißgelockte Frau bleibt stehen, strahlt sie an. Aber da ist sie schon weitergefahren und schmettert: „Der Frühling bringt Blumen, der Sommer den Klee, der Herbst bringt –“</p><p>Plötzlich bremst sie und dreht sich zu mir um. „Papa, was bringt der Herbst?“ Ruckartig bleibe ich stehen. Der Herbst? Ja, was bringt er? Wie geht das Lied weiter? Lange muß ich nicht überlegen. Ich brauche ja nur in die Jackentasche zu greifen, da fühle ich sie: Kastanien! Frische, kühle, glänzende Kastanien! Vor einer Viertelstunde haben wir sie im Park gefunden und in alle Taschen gestopft. Es war wie ein Reflex.</p><p>Schon als Kind hatte ich sie gesammelt, um damit die Tiere im Wildgehege Moritzburg zu füttern. Oder um Rehe daraus zu basteln. Aus Kastanien wurden Kopf und Rumpf, aus Streichhölzern Hals und Beine. Aber – wie soll ich sagen? Meine Kastanienrehe gerieten stets so krumm und schief, daß sie mehr Mitleid als Bewunderung erregten. Nie erreichten alle vier Beine den Boden, weshalb sie umfielen, wenn jemand auch nur am Tisch vorbeiging. Und doch versuchte ich es immer wieder. Noch heute ...</p><p>„Nein, Papa!“ höre ich die Stimme meiner Tochter. „Keine Kastanien!“ Sie runzelt die Stirn. Aber was denn sonst? In diesem Moment fällt es mir ein: Pilze! Der Herbst bringt die Pilze – das muß es sein!</p><p>Hat nicht erst gestern mein Schwiegervater erzählt, was für schöne Schwammerln er gefunden hat? In der Nacht hatte es geregnet, da wußte er schon, daß er fündig werden würde. Wer, wenn nicht er? Pilze sind schließlich seine Leidenschaft. Kein Schwammerl, wie man in Österreich sagt, ist vor ihm sicher. Er sucht sie nicht, er findet sie. Und wenn er findet, daß sie noch zu klein sind, dann nimmt er eine Handvoll Moos und deckt sie zärtlich zu. Zwei Tage später kommt er wieder und erntet den Lohn für seine Geduld. Schon etliche Male ...</p><p>„Nein, Papa!“ ruft meine Tochter wieder. „Keine Pilze!“ Energisch schüttelt sie den Kopf. „Denk mal was Besseres!“ Betroffen sehe ich sie an. Ich weiß ja, daß sie recht hat. Ich sage mir das jeden Tag.</p><p>Aber was ist besser als Kastanien und Pilze? Was bringt der Herbst denn noch? Schweigend mustert sie mich. Auf einmal geht ein Leuchten über ihr Gesicht. „Trauben!“ ruft sie aus. Natürlich! Der Herbst bringt die Trauben. Wie konnte ich das vergessen?</p><p>Weißt du noch, will ich sagen, wie wir letztes Jahr an der Mosel waren, wo die Weinlese in vollem Gange war? Aber da ist sie schon losgefahren, der Marienkäfer-Rucksack hüpft auf ihrem Rücken. Und ich höre sie singen: „Der Frühling bringt Blumen, der Sommer den Klee, der Herbst bringt die Trauben, der Winter den Schnee.“</p><p>Aber nein, an den Winter will ich noch nicht denken. Nicht an diesem Herbsttag mit seinem blauen Himmel, seinen leuchtenden Farben. Für einen Moment schließe ich die Augen und sehe die von der Oktobersonne vergoldeten Hänge mit den schnurgeraden Reihen der Weinstöcke vor mir. Und wieder habe ich den Geruch der frisch geernteten Trauben in der Nase: wie vor einem Jahr, als wir durch die Weinberge wanderten.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/39bf6f53-bdbf-4ba3-83b8-4184fb37d8f5/uploads/images/jkk66g2el3/Skulpturengarten.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Wir waren bei dem Bildhauer Jürgen Waxweiler zu Gast. Er lebt in Traben-Trarbach, wo nur einen Steinwurf von der Mosel entfernt eine seiner Skulpturen aufragt: ein Doppelkopf, der auf die beiden vom Fluß getrennten Stadtteile blickt. Ein paar Straßen weiter liegt sein turmhohes Haus mit dem Atelier, leicht zu erkennen an dem Skulpturengarten, der sich vor dem malerischen Gemäuer einer spätgotischen Kapelle erstreckt. Immer wieder bleiben Passanten stehen, um die steinernen Köpfe mit den großen Augen, Nasen und Lippen zu betrachten: archaische Wesen, die einer anderen Zeit zu entstammen scheinen.</p><p>Das erste Mal begegnet sind wir uns vor zwölf Jahren, als ich in Ludwigshafen eine Lesung von Durs Grünbein moderierte. Dieser hatte kurz zuvor die Frankfurter Poetikvorlesung gehalten und dabei auch von seiner Kindheitslandschaft am nördlichen Stadtrand von Dresden erzählt. Ganze Nachmittage habe er sich in einer „Wildnis aus Tannengrün, Müllbergen, Sanddünen“ herumgetrieben, die „als militärisches Übungsgelände genutzt wurde, für große Manöver mit Panzern und Pioniergerät, weshalb der umgebende Forst bei den Leuten das Russenwäldchen hieß“.</p><p>Diese Schilderung hatte Jürgen Waxweiler elektrisiert, denn Anfang der neunziger Jahre war er selbst in jener Wildnis herumgestiegen, die ihm wie ein „apokalyptisches Idyll“ erschien. Beobachtet von Krähenschwärmen, hatte er mit einem Freund das Müllgebirge erkundet: die verrosteten Aschetonnen, die Autowracks, die schwarzen Seen aus Öl. Als Andenken an diesen Ausflug brachte er zwei Bronzebüsten von Marx und Lenin heim, die nach der Zeitenwende von 1989 für den Schmelzofen bestimmt waren.</p><p>In Ludwigshafen zeigte er uns die Fotografien, die er damals gemacht hatte. Später schickte er mir noch schwarzweiße Aufnahmen aus dem Dresden der Nachwendezeit, wohin er 1990 von München gezogen war, um an der Kunsthochschule zu studieren.</p><p>Staunend nahm ich die Bilder zur Hand, vertiefte mich in jedes Detail. Was ich sah, waren die Straßen meiner Kindheit in der Äußeren Neustadt. Die verrußten Altbauten mit den bröckelnden Fassaden. Die schwarzen Toreinfahrten mit den leeren Klingelbrettern. Die, wie es schien, für alle Ewigkeit heruntergelassenen Rolläden.</p><p>Nur wenige Menschen waren zu sehen: ein Mann auf einer Leiter, ein Mädchen mit einem geflochtenen Zopf, eine Frau mit gesenktem Blick. Vielleicht war es ein Sonntagmorgen gewesen, als der Fotograf das Viertel erkundet hatte.</p><p>Es fiel mir nicht schwer, mir auf einem seiner Bilder den Dreizehnjährigen vorzustellen, der ich damals war. In dieser Zeit waren wir beide durch Dresden gelaufen, ohne einander zu begegnen. Jetzt, zwei Jahrzehnte später und nicht an der Elbe, sondern am Rhein, hatten sich unsere Wege zum ersten Mal gekreuzt.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/39bf6f53-bdbf-4ba3-83b8-4184fb37d8f5/uploads/images/vauagzxutb/Neustadt.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>So kamen wir ins Gespräch. Ein Gespräch, das sich von Brief zu Brief, von Begegnung zu Begegnung fortsetzte und bis heute anhält. Die Dresdner Erinnerungen waren nur der Ausgangspunkt, schon bald ging es um vieles mehr. Um Leben und Kunst, Brot und Steine, Quitten und Gedichte. Und um Bücher, immer wieder um Bücher.</p><p>Und natürlich sprechen wir über unsere Arbeit: die Bildhauerei, das Schreiben. Ich liebe diese Blicke in die Werkstatt eines anderen. Die aufregendere Perspektive, so kommt es mir vor, habe in diesem Fall ich. Zu sehen, wie aus einem Gesteinsbrocken eine Skulptur entsteht. Ein Apfel oder eine Hand, ein Kopf. Augen, die mich anblicken wie aus tiefstem Vergessen.</p><p>Nicht immer ist der Stein ganz und gar unförmig. In einem Werkstattgespräch hat mir Jürgen Waxweiler einmal erzählt, daß er gern mit Spolien arbeitet: mit Überresten historischer Bauten, die ihm als Rohmaterial für seine Skulpturen dienen. „Sie haben eine Herkunft und sichtbare Spuren eines Vorlebens. Sie können Geschichten erzählen.“ Das ist auch der Grund, warum er die Spuren der Vergangenheit nicht tilgt, sondern bewußt in seine Arbeiten einbezieht.</p><p>Ein schönes Beispiel dafür habe ich jeden Tag vor Augen. „Roter Gott“ heißt die Skulptur in meinem Arbeitszimmer. Ein Kopf aus rotem Sandstein. Auf den ersten Blick sieht es so, als würde er eine festliche Kopfbedeckung tragen.</p><p>Der Stein stammt aus Wittlich, einer Kleinstadt in Rheinland-Pfalz. Beim Abbruch einer Kaserne hat ihn Jürgen Waxweiler aus dem Schutt gezogen. Was aussieht wie ein Hut oder ein Helm, ist das Fragment eines Fenstergewändes.</p><p>Die Kaserne wurde 1938 errichtet. Nach dem Krieg diente sie als französische Garnison. 1951 war hier François Truffaut stationiert, der spätere Regisseur der Nouvelle Vague. Damals war er 18 Jahre alt. Aus Scham darüber, daß er sämtliche Bücher seines Freundes Robert Lachenay ohne dessen Wissen verkauft hatte, und nicht zuletzt aus Liebeskummer hatte er sich Hals über Kopf zur Armee gemeldet. Wenig später fand er sich in einem Artillerieregiment in Deutschland wieder.</p><p>In einem Brief an Éric Rohmer schreibt er: „Ich bin hier, in Wittlich, in der Hölle; unglaubliche Disziplin, Überanstrengung; ich wage es nicht, mich krank zu melden.“ Was er als Rekrut erlebt, nennt er ein Martyrium: „Robben im Schnee, auf allen vieren im Dreck, Zwangsmarsch mit 32 Kilo auf dem Rücken. Ich erspare Ihnen die anderen Etappen des Kreuzweges.“ Hinzu kommt die Angst, nach Indochina in Marsch gesetzt zu werden, wo Frankreich einen immer blutigeren Krieg führt.</p><p>Statt in Indochina landete er im Militärgefängnis: Nach unerlaubtem Entfernen von der Truppe wurde er als Desserteur inhaftiert und im Jahr darauf wegen „charakterlicher Instabilität“ aus der Armee entlassen.</p><p>An diese Geschichte muß ich denken, wenn ich den Kopf aus rotem Eifelsandstein betrachte. Ich stelle mir vor, wie der Achtzehnjährige nachts in der Kaserne wachliegt, stundenlang; wie er irgendwann aufsteht und das Fenster öffnet, um die Winterluft in vollen Zügen einzuatmen. Wie er in die Finsternis blickt wie auf eine schwarze Leinwand und dabei eine Hand auf das Fenstergewände legt: genau dorthin, wo jetzt meine Hand den Stein berührt.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/39bf6f53-bdbf-4ba3-83b8-4184fb37d8f5/uploads/images/mdxamycreh/Roter%20Gott%204.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Ich erinnere mich nicht mehr, ob wir vor einem Jahr an der Mosel über Truffaut sprachen und über die abgebrochene Kaserne. Ein paarmal ging es um Dresden, und wieder vergaß ich, Jürgen Waxweiler zu fragen, was aus den Bronzebüsten von Marx und Lenin geworden ist. Ließ er sie zurück, als er drei Jahre später an die Mosel zog? Oder nahm er sie mit: als kurioses Andenken an eine Zeit des Umbruchs und der Denkmalstürze? Dienten sie ihm womöglich als Rohstoff für seine Kunst?</p><p>An einem dieser Tage kamen wir von einer Wanderung durch die Weinberge zurück, die Sonne war gerade am Untergehen, als ich aus dem Bücherregal einen schmalen Band zog, dessen leuchtendes Orange mir vertraut vorkam. „Vom Stellenwert der Worte“ stand auf dem Einband, darüber der Name des Autors: Durs Grünbein. Es war die Frankfurter Poetikvorlesung, über die wir damals in Ludwigshafen gesprochen hatten.</p><p>Noch einmal las ich die Passage über Hellerau und die „Wildnis aus Tannengrün, Müllbergen, Sanddünen“. Es muß in den siebziger Jahren gewesen sein, als er dort unterwegs war – vielleicht in dem Jahr, in dem ich geboren wurde, nur ein paar Kilometer und eine Elbüberquerung entfernt. Damals, schreibt er, sei eines seiner ersten Gedichte entstanden, ausgelöst von einem Augenblick in jenem Gelände, der ihm sein „ganzes Sein wie in einem Blitzschlag erhellte“.</p><p>Eine Müllhalde als Ort, an dem die Poesie beginnt. Schon einmal hat Durs Grünbein davon erzählt, in dem Essay „Vulkan und Gedicht“. Allerdings war es nicht irgendein Müllberg, den er in jugendlichem Entdeckerdrang erkundete. Jahre später ging es ihm auf: „Unter den Schichten jahrzehntelang aufgeschütteten Mülls lag das Alte Dresden, im Weltkrieg zerstört, ein barockes Pompeji. Hier am nördlichen Stadtrand hatte man seine Trümmer zu einem riesigen Tafelberg aufgetürmt, die gestürzten Kirchenportale über die leeren Balkone, die Emporen zerbombter Theater über Rümpfe brandgeschwärzter Statuen. Und als hätte der glorreiche Schutt alles spätere nach sich gezogen, war seither sämtlicher Müll aus den Wohnhäusern hierher geschafft worden, abgelagert auf dem Ruinenkehricht einer untergegangenen Stadt.“</p><p>Als Kind fuhr ich mit der Straßenbahn an weiten Rasenflächen vorbei, wo auf alten Stadtplänen ganze Häuserzeilen verzeichnet waren. Eines Tages zeigte mir mein Vater, wo das Haus gestanden hatte, in dem er zur Welt kam. Jetzt war dort nur noch ein staubiger Sportplatz.</p><p>Kein Wunder, daß mich dieses Bild des Trümmer-Friedhofs fesselte, als ich eines Tages darauf stieß. Ganz konkret führte es mir vor Augen, was ich lange schon geahnt hatte: Das weiße Blatt ist eine Illusion, man schreibt nicht in einen luftleeren Raum hinein. Schreiben hat mit Archäologie zu tun, mit Grabungen in der Vergangenheit, Tauchgängen im Untergrund.</p><p>Oder, wie es am Ende von Durs Grünbeins Essay heißt: „Das wenige, worauf später die Spitzhacke stößt, der Pinsel des Ausgräbers, die Schaufel des Müllsammlers, dies ist der Stoff, aus dem die Gedichte sind.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/39bf6f53-bdbf-4ba3-83b8-4184fb37d8f5/uploads/images/zk6n55ae5t/Weinsto%CC%88cke.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Zurück zu den Trauben! Seit Tagen habe ich ihren Geruch in der Nase, obwohl weit und breit kein Weinstock zu sehen ist. Liegt es an dem „Roten Gott“? Seit ich schon einmal vor Jahren und im letzten Herbst wieder an der Mosel war, jeweils zur Zeit der Weinlese, ist für mich die Landschaft, in der Jürgen Waxweiler lebt, untrennbar verbunden mit seinen Skulpturen. Ich kann das eine nicht ohne das andere denken. Das gilt um so mehr, seit ich weiß, daß der Stein eines seiner Köpfe aus einem Weinkeller stammt und lange Zeit als Faßlager diente.</p><p>Geht es dem „Roten Gott“ auch so? Vermißt er hier im Norden den Geruch frisch geernteter Trauben? Womöglich rümpft er ja, wenn ich ihm den Rücken zudrehe, die Nase, weil in der Schale auf meinem Schreibtisch keine Weintrauben liegen, sondern Äpfel aus dem Garten meiner Frau.</p><p>Vier Apfelbäume stehen darin – das heißt: eigentlich sind es nur noch dreieinhalb. Denn als wir im Sommer vom Attersee heimkehrten, war einer zusammengebrochen unter der Last der Äpfel. Die Krücken, die ihn hatten stützen sollen, lagen zerschmettert im Gras. Immerhin, der halbe Stamm war noch da; er soll auch nicht weichen, er wird ja noch gebraucht: für die Hängematte im Frühling. </p><p>Nun steht im Keller eine Kiste mit Äpfeln, zum Nachreifen. Wenn ich die Tür aufschließe, hüllt mich ihr schwerer Duft ein. Das wünschte ich mir auch für mein Arbeitszimmer. Nein, nicht faulige wie bei Schiller, sondern rote, reife Äpfel. Vielleicht verhilft mir ja ihr Duft dazu, was Besseres zu denken, wie meine kleine Tochter sagt. </p><p>Nicht wie gestern, als sie hörte, was ich sang: „Der Frühling bringt Blumen, der Sommer den Klee, der Herbst bringt die Äpfel ...“ Empört rief sie aus: „Nein, Papa! Nicht die Äpfel! Die ...“ Einen Augenblick sah sie mich verlegen an. Dann fiel es ihr wieder ein: „Der Herbst bringt die Trauben, der Winter den Schnee.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/39bf6f53-bdbf-4ba3-83b8-4184fb37d8f5/uploads/images/324no6dral/A%CC%88pfel.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p><em>Diese Geschichte habe ich am 6. November 2022 an 331 Leserinnen und Leser verschickt. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten wollen, tragen Sie sich gern hier ein:</em></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">Kostenlos abonnieren</a></p><p><strong>Eine Geschichte wie diese schreibt sich nicht von allein. Um so dankbarer bin ich allen, die mit einer Mitgliedschaft meine freiberufliche Arbeit an „Wolken und Kastanien“ ermöglichen. Das geht schon zum Preis einer Tasse Kaffee im Monat. Wollen auch Sie Unterstützer(in) werden? 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      <pubDate>Sun, 06 Nov 2022 13:08:45 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Flußpferd und Engel]]></title>
      <description><![CDATA[Über Thomas Rosenlöcher, der Blüten, Engel und Schnee bedichtete, den Mann, der ein Flußpferd war, und den Dresdner Rotarmisten, der mich als Kind das Fürchten lehrte]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über Thomas Rosenlöcher, der Blüten, Engel und Schnee bedichtete, über den Mann, der ein Flußpferd war, und den Dresdner Rotarmisten, der mich als Kind das Fürchten lehrte</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/85f96a28-daab-4782-8e51-824214921a38/uploads/images/bxvypdo734/Island.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Neulich, als wir durch Barendorf fuhren und ich die Mauer sah und dahinter den Park mit den hohen Bäumen, in dem damals das Lesepult stand und drei Dutzend Stühle davor, da war mir für einen Moment, als würde ich noch immer seine Stimme hören.</p><p>Es war im September vor einem Jahr, als ich Thomas Rosenlöcher zum letzten Mal sah. Ein Tag wie heute: eher Frühherbst als Spätsommer, mit ein paar Sonnenstrahlen, die hin und wieder durch die Wolken zuckten. Immerhin, es regnete nicht. Seit Tagen hatten wir in den Himmel gestarrt und uns gefragt, ob es gutgehen würde. Es ging gut: kein Regentropfen fiel auf die aufgeschlagenen Bücher, kein Windstoß wirbelte die Blätter mit den Gedichten auf.</p><p>Wir waren zu dritt: Katja Oskamp las zwei ihrer so leichtfüßigen wie lebendigen Porträts von Menschen, denen sie als Fußpflegerin in Marzahn begegnet ist. Ich las die Geschichte meines Onkels, der sich 1960 im Leipziger Zoo mit einem jungen Löwen fotografieren ließ und ein Jahr später den Mut eines Löwen gebraucht hätte, um Verhaftung und Stasi-Verhör unbeschadet zu überstehen.</p><p>Die Bäume rauschten unter einem immer grauer werdenden Himmel. Und dann kam er: die Locken und der Bart so weiß wie der Schnee, von dem in seinen Gedichten immer wieder die Rede ist. Keine Sorge, sagte er, er brauche nicht lang für sein „bissel Zeugs“. Es sei ja schon ziemlich kalt, und seinetwegen solle keiner frieren.</p><p>Mit voller, kräftiger Stimme schmetterte er seine Verse in die Weite. In der einen Hand hielt er das Buch, die andere glitt durch die Luft, als würde er ein unsichtbares Orchester dirigieren, aber kein großes, vielleicht ein Kammerorchester, das auf historischen Instrumenten spielt, etwas von Bach oder Schütz.</p><p>Das letzte Gedicht endete mit einem Bild von kalter Schönheit: Mitten durch einen brüllenden Orkan tritt „ein blendend weißer, stiller Todesschwan“. Noch ehe die Zuhörer zu klatschen begannen, rauschte der Wind Beifall.</p><p>Ich hatte keine Ahnung, daß ich ihn zum letzten Mal lesen hörte. Hätte ich es gewußt, ich hätte ihn gebeten, ach was: ihn angefleht, immer weiterzulesen. Alle seine Blüten-Engel-Schnee-Gedichte und dann seine Prosa, die „Pflastersteine“, die „Harzreise“, den „Brautzug“, und natürlich seine Kindergeschichten und, wenn er schon dabei wäre, gleich noch die Gedichte von Mörike, alles von Eichendorff, den ganzen Heine – und gar nicht mehr aufzuhören, nie mehr, selbst wenn alle Zuhörer längst gegangen wären und die Nacht alles eingehüllt hätte: den Park, die Bücher und ihn. Aber wahrscheinlich hätten seine weißen Locken auch in der Dunkelheit geleuchtet.</p><p>Nachher saßen wir noch zusammen, die Wiedersehensfreude war groß. Wir redeten und lachten und fingen schon wieder an, Pläne zu schmieden. Meine Tochter zeigte ihm voller Stolz sein Buch „Der Mann, der ein Flußpferd war“. Ich hatte ihr erklärt, daß er die Geschichte geschrieben hat. Aber so ganz klar war es ihr wohl nicht. Wie ein Flußpferd sah der Mann mit dem Bart und der Brille jedenfalls nicht aus. Und als er ihr vorschlug, etwas hineinzuschreiben, schüttelte sie den Kopf: „Man darf nicht in Bücher schreiben.“ </p><p>Wie er sich freute, wie er sie anlachte: mit diesem Strahlen im Gesicht, das er sich bis ins Alter bewahrt hatte. Zum Abschied winkte er uns lange nach. Keiner von uns ahnte, daß er sechs Tage später unter Sirenengeheul ins Krankenhaus eingeliefert würde.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/85f96a28-daab-4782-8e51-824214921a38/uploads/images/jqqnx2vd2h/Pflastersteine.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Ich habe nicht gezählt, aber vierzig Lesungen werden es gewesen sein, bei denen wir gemeinsam auf dem Podium saßen. Für zwei Bücher, die ich herausgab, hatte er Geschichten geschrieben. „Dankbarkeitsstaunen“ heißt die eine, in der er sich an seine Schreibanfänge und sein erstes Buch erinnert, „Warum ich den 9. November verschlief“ die andere, in der es um den Fall der Berliner Mauer geht.</p><p>Was wäre gewesen, wenn ... Diese Frage stellten wir uns oft, wenn wir nach Lesungen zusammensaßen, in Kneipen, Hotelzimmern und manchmal auch unter einem großen Baum, der seine Äste in die Nacht streckte, als wollte er nach den Sternen greifen. Was wäre gewesen, wenn die Mauer nicht gefallen wäre? </p><p>Eins war klar: So weit gereist wären wir nie. Mir fällt der Herbsttag ein, als wir durch Paris spazierten. Manchmal nahm ich die Kamera zur Hand und hielt fest, was ich sah. Thomas vor einer großen liegenden Frau von Maillol oder vor einem Karussell in den Tuilerien: Pferde, Gondeln und dann und wann ein weißer Elefant ... Eine Aufnahme zeigt ihn in Island, wie er in einer leeren Landschaft steht und in die Ferne blickt, am Horizont ein schneebedeckter Gipfel. </p><p>Immer wieder habe ich in den letzten Monaten diese Bilder betrachtet, gingen mir unsere Gespräche durch den Kopf. Über Bücher und Gedichte, über Dresden und die DDR. Und über das, was wir sahen, wenn wir aus dem Zugfenster schauten: auf blühende Wiesen oder verschneite Apfelbäume, „die jeder anders schief vor Alter standen, / von oben an bis unten überstäubt / und Ast für Ast mit Stille schwer beladen“, wie es in einem seiner schönsten Gedichte heißt.</p><p>Einmal erzählte er mir, wie er den Apfelbaum aus seinem Dresdner Garten mit ins Erzgebirge genommen hatte. Die neuen Eigentümer wollten ihn absägen. „Inzwischen ist es da unten so schick, daß dieser alte, schiefe, krüpplige, verknorpelte Griebel niemals dort hingepaßt hätte.“ Also habe er sich gesagt: Wenn ich schon hier wegmuß, dann nehme ich ihn eben mit. „Und jetzt steht der arme Kerl im kargen Erzgebirge. Ein Zipfel Kleinzschachwitz am Ackerrand. Doch da ich ihn viel mehr wässere als früher und pflege und bespreche, trägt er schon wieder erstaunlich viele Äpfel.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/85f96a28-daab-4782-8e51-824214921a38/uploads/images/3ucefcp7sh/Louvre.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Es war im April, die Kirschbäume blühten, und die Knospen der Apfelbäume begannen schon aufzuplatzen. Wir waren gerade in Dresden und saßen mit einem Freund an der Elbe. Auf einmal sagte er: „Habt ihr schon gehört? Thomas Rosenlöcher ist gestorben.“ Ich sah ihn entgeistert an. Aber, fuhr es mir durch den Kopf, nächste Woche soll er doch aus der Klinik entlassen werden: endlich, endlich! Doch dann sah ich es schwarz auf weiß – und dachte nichts mehr.</p><p>Am Abend wollte meine kleine Tochter, daß ich beim Haareföhnen mit ihr singe. Ich sagte ihr, daß mir heute so gar nicht nach Singen zumute sei. Warum? wollte sie wissen. Ich sagte, daß ein Freund gestorben ist. Welcher? Thomas, sagte ich. Und weil ich nicht wußte, ob sie sich an die Begegnung im Herbst erinnerte, erklärte ich ihr, das sei der mit dem weißen Bart, der die Geschichte vom „Mann, der ein Flußpferd war“ geschrieben habe. </p><p>Sie lachte, weil sie an das Buch denken mußte und an den Mann, der hundert Strauß Petersilie ißt und im Opernhaus so laut brüllt, daß der Direktor höchstpersönlich auf die Bühne tritt und ihn hinauswirft. Aber weil sie sah, daß ich traurig war, streichelte sie meine Hand und sagte: „Aber wir haben ja noch das Flußpferd.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/85f96a28-daab-4782-8e51-824214921a38/uploads/images/rxtd6xkcxm/Karussell.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Vier Wochen später saß ich in Berlin mit Ingo Schulze auf dem Podium. Wir sprachen über sein Schreiben, seine Bücher und unseren gemeinsamen Herkunftsort Dresden. Es war die erste Lesung in diesem Jahr, die draußen im Garten stattfand. Der Abend war herrlich, fast sommerlich warm. Während wir sprachen, blickte ich immer wieder auf den Wannsee, über dem allmählich die Dämmerung heraufzog.</p><p>Wir hatten verabredet, mit einem kleinen Salut an Thomas Rosenlöcher zu erinnern. Zwei Dresdner, die des Blüten-Engel-Schnee-Dichters aus Dresden gedachten. Ingo Schulze las einige Seiten aus „Ostgezeter“, ich zwei seiner Gedichte. Das Publikum war so still, wie ich es selten erlebt habe.</p><p>Mit dem Band „Ich lag im Garten bei Kleinzschachwitz“ hatte Thomas Rosenlöcher einst die literarische Bühne betreten. Daraus las ich das Gedicht „Der Garten“, in dem es heißt: „Ein Baum umgibt mich mit vielfachem Grün, / und langsam steigt das blütenreiche Meer / des frühen Jahrs. Die Vögel brülln wie irr.“ </p><p>Plötzlich, wie aus dem Nichts, zwitscherte es in den Bäumen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/85f96a28-daab-4782-8e51-824214921a38/uploads/images/odtgv4gnqo/Rotarmist.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Im Juni war ich wieder in Dresden und besuchte eine Frau, die als Kind den 13. Februar 1945 überlebt hatte. Sie hatte in Striesen gewohnt, nur ein paar Straßen entfernt von dem Haus meiner Großeltern, das in jener Nacht in Flammen aufging.</p><p>Jetzt war sie 91 und lebte in der Nähe der Stauffenbergallee. Nicht weit davon war ich aufgewachsen: Wenn ich aus dem Fenster meines Kinderzimmers sah, blickte ich auf die Ruine der St.-Pauli-Kirche, die mit ihren ins Nichts ragenden Backsteinmauern wie ein Wrack zwischen den verrußten Häuserzeilen lag. Auf dem Weg zur Straßenbahn kam ich an einer Kaserne vorbei, vor der sich im Herbst die russischen Soldaten beim Laub-Zusammenrechen ein letztes Gefecht mit dem Wind lieferten.</p><p>Daran mußte ich denken, als ich an diesem Tag in den Dresdner Norden fuhr. In der Stauffenbergallee hatte ich noch etwas Zeit, und so stattete ich dem verwitterten Rotarmisten meiner Kindheit einen Besuch ab. Damals hatte er am Platz der Einheit gestanden. Jeden Morgen, wenn ich auf dem Weg zur Schule die Straßenbahn wechselte, musterte ich verstohlen die Handgranate in seiner Faust, die er im Begriff war zu werfen.</p><p>Nach 1989 erhielt der Platz seinen früheren Namen zurück; er hieß jetzt wieder Albertplatz, nach dem sächsischen König. Auch das Denkmal mußte weichen. Der Sowjetsoldat wurde umgetopft und nur einen Steinwurf entfernt vom Militärhistorischen Museum aufgestellt. Seither hatte ich ihn nicht mehr gesehen. </p><p>Aber der martialische Anblick hatte sich mir eingeprägt, und als ich im April über das Dresden meiner Kindheit schrieb, das in jenen Jahren auch das Dresden von Wladimir Putin war, schilderte ich auch den Rotarmisten, wie er mir damals täglich vor Augen stand: das Sowjetbanner in der Linken, vor der Brust das Maschinengewehr.</p><p>Kurz darauf erhielt ich einen Leserbrief. Wenn man keine Ahnung habe, schrieb mir ein empörter Dresdner, solle man nicht darüber schreiben. Der Soldat halte kein Maschinengewehr in der Hand, sondern eine Maschinenpistole. Eine kurze Recherche genügte, um zu sehen, daß der Mann recht hatte: Es war wirklich eine Pistole, wenn auch eine ziemlich lange.</p><p>Aber warum die Empörung? Ist es nicht beruhigend, ja eigentlich ein Grund zur Freude, dachte ich und denke es noch immer, wenn acht Jahrzehnte nach Hitler ein Deutscher ein Maschinengewehr nicht von einer Maschinenpistole unterscheiden kann?</p><p>Das Denkmal steht in einem kleinen Park, den nur hin und wieder ein Radfahrer durchquert. Ich erkannte es sofort wieder, obwohl es mir kleiner vorkam: wie immer, wenn wir auf Dinge aus der Kindheit stoßen. Ich betrachtete es von allen Seiten und versuchte, mit meinem Schul-Russisch die Inschriften zu entziffern. </p><p>Erst jetzt sah ich den zweiten Soldaten, der, eine Maschinenpistole im Anschlag, hinter dem Rotarmisten kniet. Damals war er mir nie aufgefallen, so wenig wie die Bronzereliefs auf dem Sockel mit den vorwärtsstürmenden oder mit einem Geschütz feuernden Soldaten. Und natürlich hatte ich nicht gewußt, daß der Bildhauer Otto Rost, der das Denkmal 1945 geschaffen hatte, im Dritten Reich Mitglied der NSDAP gewesen war.</p><p>In diesem Augenblick bemerkte ich die Kerzen und die Blumen in den russischen Farben weiß, blau und rot. Den Strauß rote Rosen mit der Aufschrift „Kommunistische Plattform“. Und die rote Schleife, auf der in goldenen Buchstaben stand: „Kampf dem Faschismus! Krieg dem NATO-Krieg!“</p><p>Die Sonne schien, keine Wolke stand am Himmel. Aber ich dachte an das, was zweitausend Kilometer südöstlich von hier geschah. An die zertrümmerten Städte, die zerbombten Theater, Kirchen und Krankenhäuser. An die ukrainischen Kinder, Frauen und Männer, die seit dem 24. Februar von russischen Raketen und Panzern getötet wurden. </p><p>Und als ich einen letzten Blick auf den Rotarmisten warf, ging mir das zweite Gedicht durch den Kopf, das ich am Wannsee gelesen hatte: „Der Engel mit der Eisenbahnermütze“. Es ist jener Engel, der die Toten zählt – und bald schon nicht mehr weiter weiß. „So zählt er immer noch am letzten Krieg, / obwohl der nächste schon gesichert ist / und wieder Tote angeliefert werden.“</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/85f96a28-daab-4782-8e51-824214921a38/uploads/images/2al3gxy3vp/Relief.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p><em>Diese Geschichte habe ich am 2. Oktober 2022 an 282 Leserinnen und Leser verschickt. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten wollen, tragen Sie sich gern hier ein:</em></p><p><a href="https://steady.page/de/renatus-deckert/newsletter/sign_up">Kostenlos abonnieren</a></p><p><strong>Eine Geschichte wie diese schreibt sich nicht von allein. Um so dankbarer bin ich allen, die mit einer Mitgliedschaft meine freiberufliche Arbeit an „Wolken und Kastanien“ ermöglichen. Das geht schon zum Preis einer Tasse Kaffee im Monat. Wollen auch Sie Unterstützer(in) werden? 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      <pubDate>Sun, 02 Oct 2022 09:36:52 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Der große Sommer]]></title>
      <description><![CDATA[Über den Sommer, Sträucher voller Johannisbeeren und das Schwimmen im Attersee, an dessen Ufer vor hundert Jahren mein Ururgroßvater Kastanienbäume pflanzte]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Über den Sommer, Sträucher voller Johannisbeeren und das Schwimmen im Attersee, an dessen Ufer vor hundert Jahren mein Ururgroßvater Kastanienbäume pflanzte</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/ae18fb3b-9d59-453b-8b0a-1236dfc2a2a6/uploads/images/4ajmszo4hl/Atterseemorgen.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Wenn es schon vor dem Abendbrot dunkel wird und der See am Morgen kühler ist als noch vor ein paar Tagen; wenn die Sonne nicht mehr sticht, sondern scheint und sich immer öfter ein paar Wolken überzieht, so wie unsereins die schon fast vergessene Jacke; wenn die Motten die letzte Kastanie zernagt und die Brombeersträucher alles gegeben haben – dann wird es Zeit, die Fahrkarte zu kaufen und die Marmelade zwischen der Wäsche und den gelesenen Büchern im Koffer zu verstauen.</p><p>Zu Hause, schreiben die Nachbarn, regnet es. Ein Brief vom Finanzamt liegt in der Post. Und als wäre das noch nicht genug, kriecht einem der Rilke-Wurm durch den Kopf und knarzt: „Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. / Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, / und auf den Fluren laß die Winde los.“</p><p>Schon richtig, von einem Herbsttag ist hier die Rede, und so weit sind wir nun wirklich noch nicht. Aber es hilft nichts – das Knarzen geht immer weiter, und bei jedem Blick in den bewölkten Himmel ist der Sommer dahin. Nicht mal ein plötzlich hervorbrechender Sonnenstrahl kann daran etwas ändern.</p><p>Es ist wie mit jedem Ohrwurm: Man kriegt ihn so bald nicht los. Und so bleibt einem nichts anderes übrig, als sich der Melancholie von Rilkes Versen zu überlassen. Einer Melancholie, die sofort ins Blut geht – trotz des angestaubten Inventars jener versunkenen Welt, von der sie erzählen. Sonnenuhren hatten schon damals eher musealen als praktischen Wert. Lange Briefe schreibt auch keiner mehr. Immerhin, ein paar Alleen haben überdauert – wo nicht der Fortschritt oder ein anderer Plagegeist sie auf dem Gewissen hat.</p><p>Und natürlich gibt es noch den Sommer: groß wie immer, aber anders groß als in der Kindheit, wo er einem unendlich, ja ewig vorkam; eine Verheißung. Das ist er immer noch. Aber jetzt ist er auch noch groß im Anrichten von Unheil, und beim Blick auf all die Hitzewellen, Waldbrände und ausgetrockneten Flüsse fällt einem noch ein anderer Satz von Rilke ein: „Denn das Schöne ist nichts / als des Schrecklichen Anfang“.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/ae18fb3b-9d59-453b-8b0a-1236dfc2a2a6/uploads/images/4uh4i74tfb/Rilke.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Aber bleiben wir bei dem Schönen. Denn herrlich war er natürlich doch: der Sommer, der jetzt dahingeht.</p><p>Er begann mit roten Johannisbeeren. Oder sage ich: mit Ribiseln? So nennt man sie in Österreich, der Heimat meiner Frau, wo viele Obst- und Gemüsesorten ganz anders heißen. Zur Aprikose sagt man Marille, zur Pflaume Zwetschke, zur Aubergine Melanzani. Mais ist Kukuruz, grüne Bohnen sind Fisolen und Kartoffeln Erdäpfel. Wunderbar auch das Wort für Tomaten: Paradeiser. Als würde so das Paradies schmecken.</p><p>Ribiseln: das kommt vom lateinischen <em>ribes.</em> Eigentlich finde ich Johannisbeeren schöner. In dem o glaubt man die Beere zu sehen: das pralle Rot der kleinen Kugeln, die wie Murmeln davonspringen, wenn sie einem beim Pflücken entwischen. Aber meist sage ich doch Ribiseln. Denn es war in Österreich, wo ich sie vor ein paar Jahren wiederentdeckte.</p><p>Als Kind waren sie mir so vertraut gewesen wie Rhabarber und Stachelbeeren, die meine Mutter regelmäßig als Kompott auf den Tisch brachte. Später standen sie nicht mehr so hoch im Kurs. Nach dem Mauerfall gab es auch in Dresden andere Früchte zu kosten und zu bestaunen.</p><p>In Österreich begegneten sie mir wieder: Im Land der Mehlspeisen werden sie als Ribiselkuchen mit Schneehaube serviert. Und auch als Marmelade ißt man sie – in meiner Verwandtschaft allerdings nur zum Schnitzel. Weil ich sie auch ohne Schnitzel esse, stockte meine Schwiegermutter die häusliche Produktion auf. Fortan kam ich Jahr für Jahr in den Genuß etlicher Gläser Ribisel-Marmelade. Auf dem Deckel stand ein großes R, und ich konnte mir aussuchen, ob damit die Ribiseln gemeint waren oder ich. </p><p>In diesem Jahr nun, an einem heißen Junitag, brachte mir meine Frau aus ihrem neuen Garten ein paar Handvoll mit. Frische rote Johannisbeeren. Sie schmeckten köstlich.</p><p>Der Strauch in ihrem Garten war bald abgeerntet. Aber dann führte sie mich zu der kleinen, quietschenden Pforte und zeigte mir das Niemandsland dahinter. Und da gingen mir die Augen über. Denn gleich hinter dem Gartenzaun wucherten die Johannisbeerbüsche, und die waren voll mit reifen roten Früchten.</p><p>Offenbar hatte dort jemand vor langer Zeit einen Strauch entsorgt – woraufhin dieser tat, was meine kleine Tochter neulich beim Anblick einiger Rehe in den schönen Satz faßte: „Die genießen ihre Natur.“ Ein Satz, der sich auf erstaunlich viele Situationen anwenden läßt.</p><p>An diesem Sommertag genoß ich meine Natur und die Natur der Johannisbeeren, die mir auf geradezu paradiesische Weise fast in den Mund wuchsen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/ae18fb3b-9d59-453b-8b0a-1236dfc2a2a6/uploads/images/3xnct5cnkq/Schu%CC%88ssel%20Ribiseln.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Und doch wäre der Sommer nicht groß gewesen ohne die Tage am Attersee. Den ganzen langen Winter hatten wir uns darauf gefreut. Und kaum war der Frühling da, ertappten wir uns dabei, wie wir schon mit den Hufen scharrten. Am liebsten wären wir sofort losgefahren. Um es mit Rilke zu sagen: Die Sehnsucht war sehr groß.</p><p>Als es endlich soweit war und der See mit seinen im Sonnenlicht glitzernden Wellen vor uns lag, war es wie eine Heimkehr nach langer Zeit. Zugleich fühlte es sich an, als wären wir nie weg gewesen. Der See wogte und schäumte, als wäre er so aufgeregt wie wir.</p><p>Doch schon am nächsten Morgen lag er still da: wie ein Tuch, das unsichtbare Hände zwischen den ringsum aufragenden Bergen ausgebreitet haben. Wie immer war ich früh aufgestanden und hinuntergegangen. Kein Mensch war auf der Straße; auf einem Autodach lag zusammengerollt eine Katze und spähte mit schläfrigen Augen zu mir herüber.</p><p>Das Wasser war frisch, aber schon nach ein paar Zügen gab es nichts Besseres, als um diese Stunde im See zu schwimmen. Die über dem Berg aufgehende Sonne, das klare Wasser, die Stille – und hin und wieder ein Plätschern, wenn ein Fisch aus dem Wasser sprang. </p><p>Nur der See und ich. Mehr brauchte es nicht. Es war das reine Glück.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/ae18fb3b-9d59-453b-8b0a-1236dfc2a2a6/uploads/images/ockvq5sv6r/Attersee.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Und warum der Attersee? fragte gestern jemand. Ich fragte zurück: Waren Sie schon einmal da? Er verneinte, und da wußte ich, daß es nicht einfach werden würde, ihm das zu erklären. Er mußte es mit eigenen Augen gesehen haben: die Farbe des Wassers, ein Türkis, wie ich es nur vor Capri gesehen habe, und dahinter das Höllengebirge mit seiner grauen Wucht.</p><p>Also erzählte ich ihm von meinem Ururgroßvater, der Wilhelm hieß und den dazu passenden wilhelminischen Bart trug. Ein Wiener Großindustrieller, der die Sommerfrische im Salzkammergut zu schätzen wußte und am Attersee eine Villa erbauen ließ: in Sichtweite zur berühmtesten Villa von Seewalchen, der Villa Paulick, in der einst Gustav Klimt ein- und ausging.</p><p>Das Sommerhaus meines Ururgroßvaters gibt es noch – auch wenn es inzwischen etliche Male umgebaut wurde und schon lange nicht mehr im Familienbesitz ist. Von Wilhelm Deckert ist nichts geblieben als eine stattliche Familiengruft auf dem Wiener Zentralfriedhof, über die ich neulich in einer Erzählung über seinen jüngsten Sohn Gustav geschrieben habe: das schwarze Schaf der Familie.</p><p>Natürlich erklärt das alles nicht, warum es mich immer wieder zum Attersee hinzieht. Aber ein merkwürdiger Zufall ist es doch, daß ich, in Dresden geboren und hinter Mauer und Stacheldraht lange Zeit völlig abgeschnitten von der Landschaft meiner Vorfahren, hundert Jahre später in dem See schwimme, an dessen Ufer es einmal eine Villa Deckert gab.</p><p>Im Dezember 1907 wurde Wilhelm übrigens zum Ehrenbürger von Seewalchen ernannt, weil er die Seepromenade verbreitern und Kastanienbäume pflanzen ließ. Die Bäume gibt es nicht mehr (wie war das mit den Alleen?), aber den See und die Wolken, die jetzt immer mehr werden – wo doch der große Sommer dahin ist.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/ae18fb3b-9d59-453b-8b0a-1236dfc2a2a6/uploads/images/kr57qm7fd5/Attersee%20Abend.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p><em>Diese Geschichte habe ich am 27. August 2022 veröffentlicht. 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      <pubDate>Sat, 27 Aug 2022 19:10:13 +0000</pubDate>
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