
Liebe Leserinnen und Leser,
überlegen, wie man schreiben würde, wenn man keine Angst hätte, und dann genau so schreiben – das riet der Reporter Roland Schulz mir und meinen Mitschülerinnen und Mitschülern an der Reportageschule Reutlingen. Ich wusste genau, was er meint und wie schwer es zu erreichen ist.
Angstfrei zu schreiben dürfte ebenso schwierig sein wie angstfrei zu leben. Alle äußeren und inneren Erwartungshaltungen abzulegen und einfach ehrlich zu sein – wie oft gelingt das schon? Zu viele Konventionen im Kopf.
So wie ich den Rat verstanden habe, geht es darum, jenen Sweetspot zu finden, an dem ich so an mein Unterbewusstsein rankomme, dass ich Sätze schreibe, von denen ich, wenn ich sie später lese, denke: Wow, woher kommen die denn jetzt? Den Weg zu ihnen könnte ich nicht rekonstruieren. Sie kamen aus meinem tiefsten Inneren, und dann schloss sich das Portal dorthin wieder.
Angstfrei zu schreiben gelingt mir am ehesten morgens. So wie jetzt um 6 Uhr: Draußen ist es noch dunkel, gerade läutete die Marienkirche, zur Erinnerung an die Tagzeitengebete. Drinnen brennt nur meine Nachttischlampe, und ich sitze im Bett mit angewinkelten Beinen und tippe diesen Newsletter auf dem Laptop auf meinem Schoß. Noch nicht ganz wach, noch nicht viel gedacht oder gefühlt, noch nicht angekommen im Alltag – es ist dieser Dämmerzustand, der mir am ehesten Ehrlichkeit in die Zeilen bringt.
Ob die drei Autorinnen und Autoren, deren Texte ich Ihnen heute empfehle, diese angstfrei geschrieben haben? Bei Jonah Lemm kriegt man wenigstens den Eindruck, dass es so sei, sein Text fließt wie ein wilder Fluss.
Ihre
Elena Lynch


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