
Liebe Leserinnen und Leser,
nicht alle Nachrichten machen gleich betroffen. Das wollte ich früher nicht wahrhaben. Aber ist leider so. Ich erinnere mich wie ich vor mehr als zehn Jahren als Erstsemestlerin an der Universität Bern in der Vorlesung „Einführung in die Medienwissenschaft“ zum ersten Mal damit konfrontiert wurde. Nachrichtenfaktoren war damals das Stichwort dazu. Einer davon ist Nähe: Ereignisse wirken stärker auf uns, wenn wir denken, dass es „auch uns“ hätte treffen können. An diesen Nachrichtenfaktor musste ich in den ersten Tagen dieses Jahres denken.
Als Kind habe ich im Winter fast jedes Wochenende mit meiner Familie in Crans-Montana verbracht und habe dort Schwimmen, Schlitteln, Schlittschuhfahren, Skifahren, Snowboarden gelernt, meine ersten Französischsätze geübt und unzählige Silvester gefeiert.
Möchte man also der Liste von Nachrichtenfaktoren, die Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge 1965 in ihrem wissenschaftlichen Aufsatz „The Structure of Foreign News“ als Grundmodell aufgestellt haben, Glauben schenken, muss mich die Brandkatastrophe in Crans-Montana, die in der Silvesternacht 40 jungen Menschen das Leben gekostet und weitere 119 verletzt hat, sehr mitgenommen haben.
Und das tut sie. Ich bin ein laufender Liveticker, weiss über jede einzelne Entwicklung Bescheid, habe mir jedes Video von Augenzeuginnen und -zeugen angeschaut und lasse mir nachts die Bilder des Brandes im Loop durch den Kopf laufen. Dass ich an den ersten vier Tagen des Jahres als Chefin vom Dienst eines Schweizer Nachrichtenportals durchgehend darüber berichtet habe, dürfte dazu beigetragen haben.
Heute um 14 Uhr werden in der Schweiz zum Gedenken an die Opfer alle Kirchenglocken läuten, Schulen eine Schweigeminute einlegen, ja, sogar die Seilbahnen kurz stillstehen. In einem Land, in dem der Tourismus oft über allem steht, sagt das viel über das Ausmass der Betroffenheit aus.
Betroffen gemacht haben seit Jahresbeginn auch andere Nachrichten, weswegen ich Ihnen heute bewusst Texte empfehle, die Sie – wenigstens fürs Wochenende – wegbringen von der Weltlage. So viel Eskapismus erlaube ich uns heute.
Ihre
Elena Lynch


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