
Liebe Leserinnen und Leser,
für unsere Jahresbesten achten wir nicht nur auf die technische Qualität der Reportagen, sondern auch darauf, wie sie auf uns wirken. Jeder Text in dieser Auswahl hat uns berührt.
So ist diese Sammlung subjektiver als die, die wir jede Woche treffen. Unsere Lobeshymnen darauf sind persönlicher, weil
Das sagen wir nämlich zu selten. Im Journalismus gibt es bereits genug Knappheit: an wirtschaftlichen Mitteln, an Freizeit und an Anerkennung. Wir wollen dem etwas entgegensetzen. Nicht nur neidisch lauern, sondern zeigen, dass es auch die Texte der anderen sind, die diesen Beruf so schön machen.
Allerbeste Grüße
euer Robert Hofmann (Opens in a new window) für das Reportagen.fm (Opens in a new window)-Team
P.S. Wir würden uns sehr freuen, wenn ihr uns mit einem kleinen Beitrag bei Steady (Opens in a new window) unterstützen würdet. Wir nutzen das Geld ausschließlich dafür, den Laden am Laufen zu halten und einmal im Jahr gemeinsam ein Bier trinken zu gehen.
P.P.S. Noch übers Wochenende nehmen wir Vorschläge für den Reportagen.fm-Journalist:innenpreis entgegen. Wir suchen wieder die lustigste Reportage des Jahres 2025. Hier könnt ihr sie einreichen. (Opens in a new window)

Elena Lynch empfiehlt:
"Signora, was wollen Sie von mir?" (Opens in a new window)
von Lena Niethammer, ZEITmagazin: (Opens in a new window)
Die Idee sei simpel gewesen, schreibt Lena Niethammer am Anfang ihres Interviews im ZEITmagazin: Anna Possi treffen, die älteste Barista Italiens, und ihr vielleicht ein paar Weisheiten übers Gastgeben entlocken, schliesslich steht die (damals) Hundertjährige jeden Tag in ihrer Bar in Nebbiuno.
Doch das Interview wird zu einem Monolog. Possi reißt der Journalistin die zwei Blätter mit den Fragen – und damit die Kontrolle – aus der Hand und stellt und beantwortet sie sich sogleich selbst. Das allein sagt mehr über sie aus, als man in jedem geführten Gespräch hätte herausarbeiten können.
Was sich Niethammer beim Verlassen der Bar wohl gedacht hat? Dass sie versagt oder auf Gold gestoßen ist? Jedenfalls hat sie aus der Not eine Tugend gemacht und alles genau so aufgeschrieben, wie es sich ereignet hat.
Damit hat sie ein Interview geschaffen, das in seiner Lebendigkeit an eine Reportage erinnert und damit ein Plädoyer dafür darstellt, auch für Interviews den Weg auf sich und das Geld in die Hand zu nehmen, um die Protagonistinnen und Protagonisten in Person zu treffen. Ja, auch nach der Pandemie und trotz Videocalls, liebe Redaktionen. Wer weiss, was sich daraus ergibt.
Vielleicht, wie bei Niethammer, formal das interessanteste und inhaltlich eines der unterhaltsamsten Interviews des Jahres.


Paul Weinheimer empfielht:
Ein Drogentoter, was heißt das schon? Dieser hieß Michele (Opens in a new window)
Von Paul Lütge, ZEIT (Opens in a new window)
Vergangenen Sommer ist mir beim Spazieren eine Sammlung von Kerzen an einem Baum aufgefallen. Dort hing ein Bild von einem Jungen. Er wurde von einem Auto erfasst, das war zu diesem Zeitpunkt schon ein Jahr her, aber die Kerzen waren gerade erst erneuert worden.
In den nächsten Wochen lief ich wieder dort vorbei. Und wieder flackerten neue Kerzen. Mitschüler:innen hatten berührende Briefe aufgehängt. Jedes Mal nahm ich mir vor, die Geschichte des Jungen zu recherchieren.
So ähnlich muss es dem Autor Paul Lütge gegangen sein, als er den Graffiti-Schriftzug am Schlesischen Tor sah: „He was just 16 and deserved much more but he died on the floor at Schlesisches Tor“. Im Gegensatz zu mir nahm er sich der Spurensuche an. In seinem Text rekonstruiert er das Leben von Michele, einem jungen Menschen, der dort an Drogen starb.
Ein Portrait über einen Menschen zu schreiben und wirklich nah an ihn heranzukommen, ist schwierig. Ein Portrait über einen Menschen zu schreiben, der bereits gestorben ist und nah an ihn heranzukommen: fast unmöglich.
Doch genau das gelingt dem Text. Gemeinsam mit Menschen, die Michele nahestanden, erfahren wir, was für ein liebevoller, aber auch zerrissener Mensch er war. Aus dem kleinen Schriftzug am Schlesinger Tor entsteht ein ganzes Leben. Am Ende des Textes denkt man darüber nach, an welchen Schicksalen man selbst tagtäglich vorbeiläuft und sich immer wieder dafür entscheidet, nicht nachzufragen.
Ich zumindest möchte das in Zukunft öfter tun. Nicht nur, weil das eine journalistische Pflicht ist, vielmehr ist es eine menschliche.


Robert Hofmann empfiehlt:
Wie ich lernte, klassische Musik zu lieben (Opens in a new window)
von Kolja Haaf, SZ Magazin (Opens in a new window)
Ich mag lustige Geschichten. Ich weiß nicht, warum, aber Humor ist die Sprache, die direkt in mein Herz stößt, es aufreißt und damit öffnet für alle anderen Emotionen. Und Kolja Haaf macht das mit brutal witziger Gewalt.
Er spürt in diesem Selbstversuch seiner Abneigung gegen klassische Musik nach, versucht, ihr den Garaus zu machen und lernt darüber, Spoiler, auch seinen Vater besser kennen. Das ist spannend, unterhaltsam und bewegend, obwohl ich doch selbst nichts von Klassik verstehe.
Aber Kolja dreht sprachlich auf. Seine Metaphern und Vergleiche sind so wild, dass ich mich nach jedem Satz auf den nächsten freue. Immer gespannt, mit welcher kreativen Formulierung er mich als nächstes überraschen wird.
Und während ich lese und schmunzle und mich darüber freue, dass jemand so viel Spaß an Sprache hat, merke ich, wie der Text mich berührt. Ganz unbemerkt ist durch den Humor die Sentimentalität in mein Herz gekrochen. Plötzlich frage ich mich, wie wohl mein Vater zu der Musik steht und ob ich ihn fragen möchte. Und sowieso: Ob ich nicht auch versuchen sollte, mir die geheime Welt der Klassik anzueignen.


Charlotte Köhler empfiehlt:
So arbeitet Trumps Abschiebemaschine (Opens in a new window)
Von Till Eckert, Correctiv (Opens in a new window)
Die Bilder brutaler Festnahmen durch ICE-Beamte in den USA haben mich durch dieses Jahr begleitet. Jedes Mal blieb dieselbe Frage zurück: Was geschieht danach mit den Betroffenen, mit ihren Angehörigen, ihren Kindern und Partner:innen, die diese Momente oft hilflos mitansehen müssen?
Der Correctiv-Reporter Till Eckert ist dieser Frage nachgegangen. Er reiste an den Ort, an dem sich Trumps Abschiebesystem zuspitzt: das Bundesgericht in Manhattan. Dort werden täglich Asylanträge verhandelt. Doch seit Trumps zweiter Amtszeit warten in den Fluren vor den Gerichtssälen maskierte Beamte der Abschiebebehörde. Eckert beschreibt es so: „Wer heute das Gebäude betritt, kann nicht wissen, ob er als freier Mensch wieder herauskommt.“
In seiner Reportage folgt er den Geschichten jener, die das Gericht in Handschellen verlassen und begleitet ihre Angehörigen bei dem verzweifelten Kampf, sie wieder freizubekommen. Solche Recherchen sorgen dafür, dass diese Schicksale nicht im Dunkeln verschwinden und sie zeigen, warum es sich lohnt, nicht wegzusehen – sondern weiterzulesen.


Torben Becker empfiehlt:
Sie wollten ein großes Ding durchziehen, sagt Justin. Einen Anschlag (Opens in a new window)
Lebensgefahr besteht für Journalist:innen meist an fernen Orten. In der Ukraine etwa oder in Gaza. Kaum jemand würde vermuten, dass auch Kinderzimmer in Deutschland zu gefährlichen Rechercheorten werden können.
Angelique Geray recherchierte mit ihrem Team monatelang undercover in der rechtsextremen Szene. Ihre Spurensuche begann auf Instagram, Snapchat und TikTok. Über diese Plattformen erreichen Rechtsextremisten immer jüngere Anhängerinnen und Anhänger, teils erst 15 oder 16 Jahre alt. Angelique wollte herausfinden, wozu jene bereit sind, die in geheimen Chatgruppen Gewalt und den Nationalsozialismus verherrlichen.
Angelique nahm eine falsche Identität an, gewann Vertrauen und erlebte aus nächster Nähe, wie sich rechte Terrorzellen organisieren, Jugendliche rekrutieren und Waffen besorgen. Schließlich wurde sie Zeugin der Vorbereitungen zu einem Anschlag.
Diese im Stern veröffentlichte Recherche gehört für mich zu den wichtigsten journalistischen Arbeiten dieses Jahres. Nach ihrem Erscheinen ermittelt die Polizei gegen mehrere Personen aus diesem Umfeld. Diese mutige Recherche hat vermutlich Schlimmeres verhindert.
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Henrik Schütz empfiehlt:
Die starken Frauen von Schwyz: Gewichtheben ist ein Boom-Sport (Opens in a new window)
von Remo Geisser (Text), Julia Ishac (Bilder), NZZ (Opens in a new window)
Reportagen sind dafür da, in neue Welten einzutauchen, neue Perspektiven kennenzulernen und verstehen zu wollen. Für diese Geschichte ist Remo Geisser in die Welt von Hanteln und Schweiß eingetaucht und hat dabei ‘literally’ starke Frauen porträtiert.
Deshalb hat mir dieser Text so gut gefallen. Sprachlich wie eine perfekt ausgeführte Kniebeuge. In die Knie gehen, den Rücken durchdrücken und stabil auf zwei Beinen aufstehen. Ich finde es gut, wenn konservative Medien sich mit Frauen außerhalb der eigenen Weltanschauung beschäftigen – und nicht, um ihnen vorzuschreiben, was sie anders machen sollten. Hier war jemand interessiert und fasziniert und das merkt man. Liebe NZZ – mehr davon und ich behalte mein Probeabo.


Stefanie Witterauf empfiehlt:
Endlich allein (Opens in a new window)
von Julia Kopatzki, Spiegel (Opens in a new window)
Generation Krise im Feriencamp. Eine Reportage mit einer Dynamik, die an das Buch „Herr der Fliegen“ von William Golding denken lässt – oder an RTL und das Dschungelcamp. Nur ist das eine Gruppe echter Jugendlicher, die in den Jahren 2008 bis 2011 geboren wurden.
Tagsüber seien ebendiese Teenager, wie alle im Urlaub, wahnsinnig langweilig, schreibt Julia Kopatzki. Sie streiten wegen Adiletten oder Videomaterial aus dem Jungszelt. Wenn die Sonne untergegangen ist, wird heimlich am Strand getrunken und über ernste Probleme gesprochen. Getrennte Eltern, suchterkrankte Eltern, gewalttätige Eltern. Bei der Reportage hat man das Gefühl, die Autorin sei eine von ihnen, so nah kommt man den Teenagern.
Vielleicht erinnere ich mich dabei auch ein bisschen an meine eigene Jugend zurück, vielleicht bin ich auch froh, dass sie vorbei ist. Nebenbei lerne ich eine ganze Menge über aktuelle Jugendliche, auch deren Sprache: von minus Aura farmen bis zum bodenlosen Sonnenbrand.


Tom Schmidtgen empfiehlt:
Herzstillstand (Opens in a new window)
von Oliver Meiler, SZ (Opens in a new window)
Wie kann man etwas so krass vermissen? Ich spazierte Ende November durch das Marais in Paris, schon fast durchgefroren bei Temperaturen um die Null und hätte es ganz gut gebrauchen können. Doch das Centre Pompidou, eines der bekanntesten Museen für zeitgenössische Kunst, hatte zu, für fünf Jahre wird es saniert. Wusste ich auch, hatte es sogar an genau dieser Stelle bereits am 23. Mai geschrieben. Damals empfahl ich (obwohl ich selbst noch nicht drin war) bis September einen Paris-Besuch.
Neuer Job, andere Reisepläne, volles Pensum – In die französische Hauptstadt habe ich es bis September nicht geschafft, aber dafür zwei Monate später, also trop tard.
Egal, der Text von Oliver Meiler lohnt sich trotzdem, oder gerade jetzt. Denn auch ihr werdet für die (mindestens) nächsten fünf Jahre nicht ins Centre Pompidou gehen können und das einzige, das uns bleibt, ist diese Liebeserklärung an ein architektonisches Juwel, das viele Anhänger eines Paris nach Haussmann wohl als Schandfleck bezeichnen würden, und viele Nachbarn am Anfang auch taten.
Doch nicht erst nach den 48 Jahren, die das Centre im Pariser Zentrum steht, wird Renzo Pianos ikonischster Bau gewürdigt. Oliver Meiler schreibt: „Jede glückliche Großstadt hat mindestens einen Lebensort, der sie atmet, sie durchströmt, der sie befreit von ihrer Last, der Dichte, dem Lärm, und sei es nur für einen Moment, ein kurzes Entfliehen. Paris hat dafür sein Centre Pompidou [...].“
Ich habe es in meinem Leben noch nicht ins Pompidou geschafft. Dafür war ich diesen Winter in der Fondation Louis Vuitton – übrigens ebenfalls ein ikonischer Museumsbau, erbaut vom kürzlich verstorbenen Frank Gehry. Wie im Mai möchte ich mit einem Kultur-Tipp schließen: Besucht die Gerhard Richter Ausstellung (Opens in a new window)!


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