Liebe Leserinnen, liebe Leser,
meistens sprechen wir über das Vorher, selten über das Nachher, wenn es um große Recherchen geht. Über Reporter:innen-Glück im Eiscafé, bei dem die große Geschichte am Nebentisch saß, oder die kleine Meldung in der BILD-Zeitung (klar, hier lauert immer die nächste Reporter:innenpreis-Geschichte!). Aber selten geht es darum, was nach der Veröffentlichung passiert.
Wenn bei WhatsApp die Nachricht von Protagonisten aufploppt, will ich sie meist erst mal nicht öffnen. Zu groß ist meine Angst, dass sie unzufrieden mit meinem Text, mit meiner Darstellung ihrer Lebensrealität sind. Denn sie haben sich für mich und vor mir vulnerabel gemacht. Ihre Kritik trifft mich besonders hart, weil ich um meine Verantwortung für ihre Geschichte weiß.
Auch wenn es die Magie eines ersten Treffens schmälert, habe ich mir deswegen ein Protokoll angewöhnt. Ich kläre die Protagonist:innen am Anfang eines Kennenlernens darüber auf, dass ich alles, was sie mir erzählen, auch aufschreibe. Dass sie aber jederzeit sagen können, wenn etwas unter uns bleiben muss. Ich gehe mit ihnen durch, was eine Autorisierung bedeutet, welche Textstellen sie sich anschauen dürfen, welche nicht und auch, warum das so ist. Und ich sage ihnen, dass der Text meine persönliche Sicht als Reporter widerspiegeln wird. Denn auch wenn wir versuchen, objektiv zu berichten, trägt eine gute Reportage immer einen subjektiven Blick in sich.
Seitdem habe ich weniger Angst vor dem Feedback meiner Protagonist:innen. So richtig leicht wird es mir trotzdem nie fallen. Aber wahrscheinlich ist das auch ganz gut so.
Ich wünsche viel Spaß beim Lesen der heutigen Wochenauswahl.
Ihr
Paul Weinheimer


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