
Liebe Leute,
der Reporter:innen-Forum-Vorstand erwacht aus der Winterpause – und gleich mit einer Bitte.
Ghada Alkurd hat ja dieses Jahr unseren Sonderpreis gewonnen, sie ist Journalistin in Gaza und arbeitet unter anderem für den Spiegel.
Hier könnt ihr euch ein Bild von ihrer Arbeit machen (Opens in a new window)
Nun können wir etwas für ihre Familie tun und bitten Euch dazu um Eure Hilfe. Ihre Schwester Wafaa Eid und deren Mann leben in Berlin in einer Flüchtlingsunterkunft mit zwei Kindern im Kita-Alter. Alle haben einen deutschen Pass, er ist Restaurantmanger, seine Frau will hier als Psychologin arbeiten. Bis zu 1700 Euro Miete sind durchs Amt gesichert. Wer weiß von einer Wohnung irgendwo in Berlin (gerne Nähe Tegel) für die supersympathische Familie, die wir bei der Preisverleihung kennenlernen durften?
Nachrichten gern an uns.
Und wir haben einen neuen Sponsor: Dr. Adam-Claus Eckert, der dem Printjournalismus sehr verbunden ist. Als Aufsichtsratsvorsitzender der Unternehmensgruppe Dr. Eckert prägt er eine Branche, die viele von uns aus Bahnhöfen kennen – etwa die Buchhandlungen „Eckert“ und „Ludwig“. Lange hat er den „Journalistenpreis Bahnhof“ vergeben, jetzt unterstützt er den Reporter:innen-Preis. Lieber Herr Eckert: Danke! Das ist fantastisch – und kommt genau zur richtigen Zeit.
Weiter unten wie immer unser Fragebogen, diesmal von Reporter:innen-Preis-Gewinnerin Julia Kopatzki. Außerdem ein Hinweis auf den Reportagen.FM-Journalist:innen-Preis, sowie neue Kurse in der Reporter-Fabrik.
Herzliche Grüße
Heike Faller im Namen des gesamten Vorstands
Wie arbeitest du, Julia Kopatzki?
1992 in Schledehausen geboren, in Köln aufgewachsen, in Berlin studiert. Danach an die Henri-Nannen-Schule und in Hamburg geblieben. Schrieb vier Jahre als freie Reporterin. Seit November 2023 im Reporter-Ressort des SPIEGEL.
Du hast mit einer Geschichte über ein Heim für schwer erziehbare Jugendliche den Reporter:innen-Preis gewonnen. Was waren deine Überlegungen, dieses Thema spannend und erzählbar zu machen?
Über Jugendhilfe wird selten berichtet, über Mädchen, die als schwer erziehbar gelten, noch seltener. Es wäre naheliegend gewesen, einen traurigen Text über arme, vergessene Mädchen zu schreiben. Das wollte ich auf gar keinen Fall. Die Mädchen haben mich auch so fasziniert, weil sie keine Opfer waren – zumindest nicht nur. Sie waren lustig, stark, manchmal nervig und immer überraschend. Ich hatte das Glück, dass der Stoff nicht spannend werden musste, sondern es schon war.
Wie arbeitet es sich überhaupt beim Spiegel, einem Blatt mit starkem Haus-Ton, bei dem sich viele Reporter:innen schwer tun, ihren eigenen Tonfall zu finden?
Von innen stellt sich vieles als Fata Morgana heraus. Ich erlebe das einstige Haifischbecken als wohltemperiert, »unspiegelig« zu schreiben als wertgeschätzt und gewünscht. Als Schülerin habe ich ein Buch über Wege in den Journalismus gelesen. Darin stand der Rat, man solle bei Bewerbungen nicht sagen, was gut an der Zeitung ist, sondern was anders muss. Das gilt meiner Meinung nach auch für Haustöne und andere Schablonen. Denn für das, was es schon gibt, brauchen sie einen ja nicht.
Heute gibt es auch die Anforderung, dass Geschichten Abos bringen müssen. Wie beeinflusst das deine Arbeit?
Als Anfang 30-jährige Frau bin ich relativ weit weg vom typischen SPIEGEL-Abonnenten, männlich, Ü50. Wenn mich ein Thema interessiert, gibt es eine hohe Chance, dass es auch Menschen interessiert, die noch kein Abo haben. Meist ist die größere Herausforderung, diese Themen so aufzuschreiben, dass ich danach nicht etliche »Das ist nicht mehr mein SPIEGEL!!«-Mails bekomme.
Deine Dramaturgie-Tricks, um Leser:innen für die Zeit, die es braucht, um fünf Seiten zu lesen, zu fesseln?
Guter Stoff. Ehrlich zu sich selbst sein. Werde ich ungeduldig beim Lesen, habe ich mich wohl in Gelaber verloren. Dann muss gerafft werden, hochgezogen, umgestellt. Außerdem liebe ich Klammern und Andeutungen in Texten, die sich wie Rätsel erst später auflösen.
Was kann Reportage heute besser als vor 15 Jahren?
Um das zu beurteilen, bin ich zu kurz dabei – und lese nicht intensiv genug die alten Meister. Ich glaube aber, Reporter:innen müssen noch besser darin werden, gute Recherche in den Vordergrund zu stellen und nicht gute Sprache. KI kann sehr okay Texte schreiben, aber rausfahren und Leute treffen kann sie nicht.
Ein Recherchetrick?
Augenhöhe herstellen. Wenn man sich nicht fühlt wie das Objekt einer Reporterin, schafft das Vertrauen. Beim ersten Termin in der Nieferburg haben die Mädchen immer wieder versucht, mich zu provozieren. Eine fragte genervt: »Schreibst du, dass wir schwer erziehbar sind?« Ich hätte nein sagen können und lange meine guten Absichten beteuern. Stattdessen habe ich gefragt: »Seid ihr denn schwer erziehbar?« Es war nur ein winziger Moment. Danach haben die Mädchen sich ernst genommen gefühlt.
Ein Schreibtick?
Ich klebe die Uhrzeit am Laptop ab. So werde ich nicht nervös, weil ich 30 Minuten auf einem Satz herumdenke.
Auf welchen deiner Texte bist du heute stolz?
Auf alle Texte, in denen sich die Menschen gut getroffen fühlten. Sie müssen meinen Blick nicht mögen, aber sie sollen sich erkennen.
Gutes Redigieren heißt für dich?
Ein Gefühl für den Stoff zu entwickeln und das zu sehen, was man als Autorin nicht mehr erkennen kann. Meine Ressortleiterin Özlem Gezer hat dafür einen beeindruckenden Blick. Sie schickt mich gnadenlos auch durch die dritte Schleife, wenn sie das Gefühl hat, dass da noch was geht. Sie sieht Potenzial, von dem ich immer noch nicht verstehe, wie sie das erkennt.
Welchen Text einer anderen Autor:in hättest du gern selbst geschrieben?
Ich lasse den anderen gern ihre Texte und erfreue mich daran. Manchmal neide ich aber die Recherche, den Mut, den sie haben und die Menschen und Orte, die sie dadurch kennenlernen. Da wäre ich gern weniger ängstlich.
Geheimtipp, der jeden Text besser macht?
Mal ein paar Kommas durch Punkte ersetzen. Und »und«.
Ein Buch, das dich journalistisch geprägt hat (und warum)?
Die »Freche Mädchen, freche Bücher«-Reihe. Mit 13 saß ich am Computer und wollte auch solche Geschichten schreiben. Ich habe aber keinerlei Fantasie. Die Erkenntnis, dass es einen Job gibt, in dem man Geschichten erzählen kann, ohne sich etwas auszudenken, war eine große Erleichterung.
Dein Lieblings-Buch aus dem Bereich des erzählerischen Journalismus?
»Deadline« von Constantin Seibt. Es soll ein Buch sein, wie man besser schreibt, aber ich habe darin vor allem etwas über gute Ideen gelernt.
Neue Kurse der Reporterfabrik
Wie man gute Gespräche führt, Matze Hielscher, Workshop 276, kostenlos (Opens in a new window)
Wie schafft man es, dass einem 1,2 Millionen Menschen pro Monat zuhören? Matze Hielscher war Schülerzeitungsredakteur und wurde dann doch erst mal Lampenhändler. Er baute das digitale Stadtmagazin „Mit Vergnügen” auf und ist seit 2016 Host seines Podcasts „Hotel Matze”. Warum er nur Fragen stellt, die ihn selbst interessieren, wie Nähe im Interview entsteht und wie viel Nähe zu viel ist, das erfahrt ihr in diesem Workshop. Und auch, wie er es geschafft hat, genau so so erfolgreich zu werden.
Warum sollten Journalisten einen Podcast über Tech-Bosse machen? Vor allem über solche, die kaum jemand kennt, wie zum Beispiel Peter Thiel? Ganz einfach: Wir sollten sie kennen. Weil sie die Technologie besitzen und kontrollieren, die viele von uns täglich nutzen. Weil sie soziale Netzwerke kontrollieren, in denen wir Videos schauen, posten und in denen sich Meinungen und Bewegungen bilden. Kurz: Weil sie riesigen Einfluss haben. Dieser Workshop zeigt die Recherche zu einem der einflussreichsten Tech-Investoren der USA – und wie man sie als Podcast erzählt.
In der Waffel oder im Becher? Ist keine schlechte Eingangsfrage. Die Antwort ist verwendbar für ein Portrait, weil Alltagssituation. Und Eis mag jeder, der ein Herz und Geschmack hat. Aber aber aber es gibt drei Wege, ein gutes Gespräch SOFORT zu ruinieren. Darum geht es im Workshop mit Benjamin von Stuckrad-Barre. Benjamin spricht, Spiegel-CvD Jens Radü fragt und Benjamin antwortet nicht nur, sondern bewertet gleichzeitig auch die Fragen und analysiert sie auf der Meta-Ebene.
Reportagen.FM-Journalist:innenpreis
Am Freitag vergibt Reportagen.FM (Opens in a new window) den Preis für die lustigste Reportage 2025. Ein Abend mit Musik und Quiz und fantastischer Unterhaltung. Außerdem könnt ihr live mit abstimmen, wer den Preis gewinnen soll.
Nominiert sind:
Alexander Krützfeldt – Schöner Schein – FAZ Magazin (Opens in a new window)
Karin Ceballos Betancur – Der Untergang des Hauses Ficker – Die Zeit (Opens in a new window)
Lea Ernst – Die Frau und ihr Fischer – WOZ (Opens in a new window)
Kolja Haaf – Wie ich lernte, klassische Musik zu lieben – SZ Magazin (Opens in a new window)
Lennart Loß - Furz und Vorurteil - Die Zeit (Opens in a new window)
Wenn ihr dabei sein möchtet: Schreibt dem Team, es gibt noch ein paar Tickets.
Fortbildungen für Fortgeschrittene
Masterclass Integraler Journalismus
Von August 2026 bis Juli 2027 gibt die Masterclass Integraler Journalismus zwölf Journalist*innen Raum, komplexe Wirklichkeiten tief zu durchdringen, empathischer zu erzählen und mit ihren Geschichten spürbaren gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen. Im Zentrum steht die Arbeit an einer eigenen großen Geschichte – getragen vom integralen Framework, das bewährtes journalistisches Handwerk mit Einsichten aus Psychologie, Systemtheorie, Neurowissenschaft und anderen Feldern verbindet.
Alle Details findest du hier: