Skip to main content

Fehlalarm oder Feueralarm? 

Ist die Zivilgesellschaft in Gefahr?
Und wenn ja, durch wen?

Eine Rezension zu Sonja Manderbachs Buch FeuerAlarm
von Dr. David Sittler - Historiker & Protestforscher

Das Buch FeuerAlarm von Sonja Manderbach gewährt Einblicke hinter die Kulisse von Straßenblockaden und klärt Fragen zu den umstrittenen Protesten der ehemaligen Letzten Generation vor den Kipp-Punkten 

Höchstaktuell!!

März 2026. Wieder sollen es die Gerichte klären: Das Landgericht Potsdam hat die Anklage der Staatsanwaltschaft Neuruppin wegen “Bildung einer kriminellen Vereinigung” zugelassen und das Verfahren gegen Bürger*innen eröffnet, die zwischen Januar 2022 und Dezember 2024 zivilen Ungehorsam gegen die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen geleistet haben. Mittlerweile wurden 13 Bürger*innen zwischen ca. 20 und ca. 70 Jahren aus verschiedenen Regionen in Deutschland mit unterschiedlichen Berufen von den Staatsanwaltschaften Neuruppin, Flensburg und München angeklagt: Melanie Guttmann, Lea Bonasera, Miriam Meyer, Carla Hinrichs, Imke Bludszuweit, Mirjam Herrmann, Christian Bläul, Edmund Schulz, Henning Jeschke, Jakob Beyer, Lukas Popp, Wolfgang Metzeler-Kick und Dr. Ingo Blechschmidt.

Auch Sonja Manderbach und andere Unterstützer*innen der ehemaligen Letzten Generation vor den Kipp-Punkten bekommen derzeit immer noch die juristischen Folgen ihrer friedfertigen Proteste zu spüren. Dazu gehören neben den Repressionen (wie Geldstrafen, Ersatzhaft, Erzwingungshaft oder gar Haftstrafen mit oder ohne Bewährung) auch Repressalien wie etwa Diskriminierung am Arbeitsplatz und Ausschluss aus Gruppen und Kreisen. Während die Frage, ob es sich bei störenden Protesten wie Straßenblockaden um kriminelle Handlungen oder um legitimen demokratischen Protest handelt, heiß diskutiert wird, bleibt eine sehr relevante Frage ungestellt: Handelt es sich bei den unignorierbaren Störungen des Alltags durch Mitbürger*innen um einen berechtigten Feueralarm, weil die Welt brennt, oder um einen hysterischen Fehlalarm, weil an sich alles soweit in Ordnung ist? Oder anders gefragt: Stimmt mit diesen angeklagten Bürger*innen etwas nicht oder stimmt mit der Welt etwas nicht?  

Mit dieser Frage setzt sich auch die Autorin Sonja Manderbach in ihrem Buch “FeuerAlarm. Gedanken im Polizeigewahrsam über zivilen Widerstand gegen die Zerstörung der Lebensgrundlagen” auseinander.

Hochinteressant

Was vom Kleben bleibt.

Eine Buchrezension von Dr. David Sittler - Historiker & Protestforscher

Feueralarm ist die titelgebende Kurzformel und Leitmetapher, mit der Sonja Manderbach in ihrem autobiografischen Bericht über ihren Klima-Aktivismus bestechend einfach und anschaulich erklärt, wie ihr Einsatz für die Erhaltung der Lebensgrundlagen auf der Straße zu verstehen ist: als lautes Warnsignal an alle, als die Botschaft, dass sich die Politik unbedingt sofort ändern muss, „die unbequemste Wahrheit unserer Zeit“ deutlich aussprechen, und endlich handelnd beweisen, dass sie diese ernst nimmt.

Feueralarm heißt: Es geht um die zunächst etwas schwer vorstellbare oder fühlbare und vor allem schwer auszuhaltende kollektive Lebensgefahr wie bei einem Feuer im eigenen Haus. Wie bei einem Feueralarm liegt die Gefahr nicht (nur) in ferner Zukunft, sie betrifft uns jetzt und hier, denn das Nichthandeln der Regierung und einer Bevölkerung, die das hinnimmt, bedeutet ein Verbrennen der Zukunft bzw. ihrer materiellen Grundlagen in Bezug auf fossile Brennstoffe wortwörtlich jetzt. Es ist zugleich ein Völkerrechtsbruch, woran die Autorin im Vorwort bereits erinnert. Es geht um die tatsächliche und wissenschaftlich erwiesene Bedrohung der Lebensgrundlagen, deren Verhinderung aber jetzt akut zu leisten ist. Denn das Regierungshandeln heute entscheidet darüber, wie schlimm es noch wird für alle. 

Die Idee zum Buch entstand in einer Gewahrsamszelle im Rahmen der Protest-Aktionen 2022 und die Darstellung ist eine Kombination aus autoethnografischem Feld-Tagebuch, in dem auch über die Rekonstruktions- und Darstellungsarbeit selbst reflektiert wird und minutiöser Erinnerung an die vorausgegangenen Konfrontationen, um die es bis heute vor Gericht geht. Die weiterhin aktive und reflektierende Protagonistin gibt einen tiefen Einblick in die Arbeit des zivilen Widerstands. Zwischendurch sind Protestliedertexte wie „Have you been to jail for Justice“ (Warst du im Gefängnis für Gerechtigkeit?) von Anne Feeney eingefügt, die die Aktivistin selbst in der Zelle und auf der Straße gesungen hat. Das Titelbild zeigt die Klimaaktivistin der ehemaligen Letzten Generation vor den Kipp-Punkten mit Transparent auf einer Berliner Straße. Es verdeutlicht die Dimension, um die es ihr und den Mitstreitenden eigentlich geht. Erstens: die drastischen Folgen des Nichthandelns angesichts der Klimakrise, die absolut jeden betreffen werden, allen voran Kriege um Wasser und Nahrung, die existenzielle Angst auslösen. Zweitens das zum persönlichen Opfer bereite öffentliche Bekenntnis zur Ernsthaftigkeit der Forderungen. Die Autorin beruft sich mit ihren wahren Geschichten des Widerstands auf ihre großen Vorbilder wie Mahatma Gandhi und die Suffragetten und beansprucht auch dadurch die Legitimität der Protestform. Sonja Manderbach hat alle Formen des Aktivismus, der politischen Bildungsarbeit und sogar parteipolitisches Engagement vorher kennengelernt und entschied sich nach Jahrzehnten des nicht ausreichend wirksamen anderen Protests, wissenschaftlich begründet und bewusst für diese Form des zivilen Ungehorsams und riskierte ihr (bürgerliches) Leben deshalb mit Klarnamen. Das tut mensch nicht leichtfertig. Es ging nie um Gesetzesbruch oder darum, sich einer Strafe zu entziehen. 

Das Buch dokumentiert in sehr gut lesbarem Stil einerseits die Aktionen und macht die Erfahrung, wie sich ziviler Widerstand anfühlt, über die Blase der Engagierten hinaus zugänglich. Es ist selbst als Bestandteil ihrer Botschaft an alle gedacht. Es zeigt, was fast immer nicht in die Medienberichterstattung gelangte, was aber im Sinne des Warnsignals gerade durch die Medien hätte weitertransportiert werden sollen: vor allem die Gründe, warum ganz unterschiedliche Menschen, so auch Frauen im mittleren Alter aus der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft alles stehen und liegen lassen und sich und anderen überhaupt so etwas antun.

Manderbach schildert das zugleich rational-strategische und trainiert gewaltfreie Handeln – Rettungsgassen wurden nachweislich immer gebildet – wie auch das hochemotionale Erleben packend, wenn sie sich dem Verkehr und dem Hass so mancher Verkehrsteilnehmender ausliefert. Andererseits ist es keine Selbstheroisierung oder Romantisierung. Mit radikaler Offenheit bekommen wir an ihr als einem Beispielfall einen tiefen und intimen Einblick in Gedanken, Ängste und andere Gefühle, die nicht nur bei Blockaden und in der Zelle, sondern auch im scharf dazu kontrastierenden Alltag jenseits des Aktivismus in ihren anderen Rollen als Kirchenmusikerin und Mutter aufkommen. Sie macht das Angebot, sich ganz persönlich auf sie in ihrer Rolle als jemanden einzulassen, die alles gibt und ein hohes Risiko eingeht – auch für das Leben danach. 

Es geht darum, wieviel Empathie wir aufbringen können und wollen - und diese wird erst wirksam wenn es persönlich wird. Die Autorin ist eine sehr genaue Beobachterin ihrer Mitmenschen und lässt die Lesenden auch an Gesprächen teilhaben, die sie auf der Straße und in Gewahrsam führte. Sie war seit der allerersten Straßenblockade der „Letzten Generation“ beteiligt: von der Rekrutierung bis zum Kleben.

Der Umfang des Buches mag einschüchtern. (724 Seiten) Durch die psychologische Dichte, geschickte Gliederung mit humorvollen Zwischenüberschriften und die originelle Komposition kann mensch es daher auch gut abschnittsweise lesen. Für Abwechslung sorgen die Perspektivenwechsel: immer wieder von der Gegenwart der sich erinnernden Autorin im Alltag des Sommers 2022 zurück ins durch Kursivierung gekennzeichnete Präsens der dichten Schilderung der vorausgegangenen einzelnen Protest-Aktionen. Beginnend im Sommer 2022 wird chronologisch rückwärts erzählt bis in den Januar 2022 zurück, als es losging mit den Straßenblockaden in Berlin - am 24. Januar 2022. 

Auf die übliche Kritik an der Protestform der Straßenblockade, geht sie direkt ein, indem sie sie brandmarkt als vom Kernanliegen wegführend: „In einem brennenden Haus über die Ästhetik des Warnens zu diskutieren macht keinen Sinn“ wird sie im Klappentext zitiert. Man kann das Buch auch mit Gewinn lesen, wenn man ihre Überzeugung von der Protestform nicht teilt, weil es Einblicke in die Vielfalt der Reaktionen der Bevölkerung und Polizeibeamtinnen und -beamten schildert, weil es die Gespaltenheit zwischen der Sehnsucht nach einem „normalen“ guten Leben und der Notwendigkeit, durch eine Aktivierung Veränderung zu bewirken, eindrücklich vermittelt. Jetzt, drei bis vier Jahre nach den allerersten Aktionen der Letzten Generation im Winter 2022, durch die wir sie im Buch begleiten, ist es auch ein spannendes zeithistorisches Zeugnis. Manderbach war an der allerersten Blockade beteiligt. Sie erlebt ihren Protest als existenziell, da sie die Abwehr der Bedrohung der Lebensgrundlagen als die wichtigste politische Aufgabe ansieht und versteht ihr Verhalten als Notwehr. 

Manderbach begreift den zivilen Ungehorsam und sich selbst als demokratisch, zumal er sich, wie sie vielfach zeigt, auf UN-Abkommen, Klimagesetz, Verfassung und Rechtsstaat beruft, auf Gewalt verzichtet und auf die Empathie der Mitmenschen baut. Sie räumt mit Mißverständnissen auf: Dieses Signal und die Botschaft richten sich nicht an einzelne Verkehrsteilnehmende, sondern an alle, an die Politik und an die Bevölkerung. Das gilt auch weiterhin – auch wenn die Gruppe seit 2024 aufgelöst ist. 

Es geht aber nicht nur um Klimafaktenwissen, von dem die meisten mindestens eine Ahnung haben mittlerweile, das aber dauerhaft verdrängt oder relativiert und bekämpft wird – nicht zuletzt durch Kriminalisierung des Klimaprotests, der sich darauf beruft. 

Manderbach macht immer wieder deutlich: Wenn die Regierung nicht handelt, ist ziviler Widerstand auch deshalb Pflicht, weil sonst auch Demokratie und Rechtsstaat durch die Klimakrise selbst in Gefahr geraten. In ihren Schilderungen finden sich durchgängig klare Bezüge auf Fakten, wieso das Festkleben als ziviler gewaltloser Widerstand begründet ist, und sie bezeugt, dass sie diese immer wieder im Gespräch bei Aktionen angebracht hat.

In Zeiten, in denen der US-Präsident triumphierend die vermeintliche Überwindung des „Klima-Betrugs“ feiert, hat diese Warnung ebenso wenig an Brisanz verloren wie die Frage zukünftiger Betroffener der Klimakatastrophe: was habt ihr getan?, auf die dieses Buch antwortet. Zugleich setzt es der Kriminalisierung schon des Protests die Legimitierung durch das Gemeinwohl und beanspruchte Angemessenheit bzw. die Pflicht zum zivilen Widerstand angesichts der faktischen Notlage entgegen und beruft sich dabei explizit auf das Grundgesetz und internationale Verträge. Entgegen der Vorstellung von falschverstandener Neutralität, die bei diesem Thema angesichts der Lage unmöglich ist, aber durchaus mit dokumentarischem Wahrheitsanspruch, will das Buch dem Aktivismus nachträglich Reichweite für seine Botschaft geben. Menschen, die selbst nicht vor Ort waren, sollen sich ein eigenes Bild machen können und womöglich auch Mut schöpfen. 

Direkt zum Buch: (Opens in a new window)

Sonja Manderbach (Opens in a new window)

FeuerAlarm (Opens in a new window)
Gedanken im Polizeigewahrsam über zivilen Widerstand gegen die Zerstörung von Lebensgrundlagen (Opens in a new window)

Band 1 aus der Erzählreihe “Ja!” (Opens in a new window)
Paperback (Opens in a new window)
724 Seiten (Opens in a new window)

ISBN-13: 9783759760562 (Opens in a new window)

Verlag: SPELLHOUSE Textwerkstatt (Opens in a new window)
BoD - Books on Demand (Opens in a new window)

E-Book: ePUB (Opens in a new window)
9,1 MB (Opens in a new window)

ISBN-13: 9783759781673 (Opens in a new window)

https://buchshop.bod.de/feueralarm-sonja-manderbach-9783759760562 (Opens in a new window)

Mehr zum Thema der Einleitung:

Dr. David Sittler

*1978

aufgewachsen in Bonn;

studierte Geschichte, Kunstgeschichte & Osteuropäische Geschichte in Bonn & Göttingen;

forschte zu Straßenprotesten in Chicago und promovierte in Erfurt;

arbeitet(e) anschließend an den Universitäten Bonn, Erfurt, Siegen, Magdeburg, Köln, sowie als Lehrer für Geschichte, Gemeinschaftskunde, Deutsch & Theaterspiel an Gesamtschulen in Nord- & Süddeutschland;

war an zahllosen Veröffentlichungen auch als Herausgeber beteiligt und hat neben seiner Dissertation unter dem Titel “Straßenverkehr und soziale Sichtbarkeit. Das Massenmedium Straße in Chicago 1900 - 1930” auch das Fotobuch “Allmineral” zusammen mit Thorsten Hattenkerl und Martha Pohlmann-Kryszkiewicz veröffentlicht. Bei Letzterem hat D. Sittler für den gesamten Text zu den Fotografien verfasst;

bringt seinen reichhaltigen Erfahrungsschatz seit Sommer 2024 in das Online-Magazin Rückenwind ein und ist am Ausbau der Rückenwind-Redaktion zur inklusiven Agentur für aktivistische Künstler*innen beteiligt.

Rückenwind

Inklusive Agentur & Netzwerk

für aktivistische Künstler*innen & Geisteswissenschaftler*innen

graswurzelpresse:
Social Media & Online-Magazin


Rückenwind
graswurzelpresse

Pressesprecher: 

Dr. David Sittler

Historiker 
Protestforscher

d.sittler@posteo.de (Opens in a new window)

Rueckenwind2024@proton.me (Opens in a new window)

https://linktr.ee/rueckenwind_graswurzelpresse (Opens in a new window)

https://steady.page/de/rueckenwind-graswurzelpresse-grassroot-press/posts (Opens in a new window)

Rückenwind

Inklusive Agentur & Netzwerk

für aktivistische Künstler*innen & Geisteswissenschaftler*innen

graswurzelpresse: Social Media & Online-Magazin

Topic Political Jiu Jitsu

0 comments

Would you like to be the first to write a comment?
Become a member of RÜCKENWIND and start the conversation.
Become a member