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    <title>Hermanns Segelabenteuer</title>
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    <description>Vierzig Jahre auf dem Meer zwischen Halifax und Petersburg, Cancun und Tel Aviv. Seltsame Typen, aufregende Abenteuer, Ketschsegeln.</description>
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      <title>Hermanns Segelabenteuer</title>
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      <title><![CDATA[Reise nach Jerusalem]]></title>
      <description><![CDATA[»Was ist das denn für ein seltsamer Kahn?« Bertram deutete durch die Windschutzscheibe des Mittelcockpits nach voraus. Das tiefblaue Meer war nur leicht bewegt und im…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong> </strong></p><p>»Was ist das denn für ein seltsamer Kahn?«</p><p>Bertram deutete durch die Windschutzscheibe des Mittelcockpits nach voraus. Das tiefblaue Meer war nur leicht bewegt und im blendenden Silberglanz der Morgensonne zeichnete sich auf dem Wasser die dunkle schmale Silhouette eines Schiffes ab. Gut eine Meile weit voraus. </p><p>Wir hatten das Frühstück gerade beendet. Das Besansegel war stehen geblieben beim Segelbergen gestern Nachmittag wegen der besseren Stabilität im leichten Seegang. Seitdem trieb dumpf brummend der Sechszylinder die Ketsch auf ihrem Kurs nach Südosten voran.</p><p>Über den mittleren Niedergang stieg ich in den Salon hinab und begab mich durch den Flur nach achtern zum Navigationsplatz. Dort wusste ich mein Steiner-Fernglas. Ich nahm es mit hinauf ins Achtercockpit. An der Steuersäule lehnend peilte ich das Objekt ein.</p><p>»Ein Fischer ist das jedenfalls nicht!« rief ich meiner Crew zu.</p><p>Bertram, Jürgen und Uschi saßen vorn im Mittelcockpit unter der dunkelblauen Sprayhood. Klaus hockte hinter mir, hinter dem Steuerrad. Gegen den spiegelnden Sonnenglanz war das Schiff nicht so einfach einzuschätzen. Aber dann konnte ich die Aufbauten eindeutig zuordnen: Die Kanone auf dem Vorschiff, der steil ansteigende Aufbau dahinter, die Funkmasten, die rotierende Radarantenne und die nach achtern flach auslaufende Kajüte. Und dort auf dem Achterschiff, das war keine Kanone aber ein Ding, das mich an meine Militärzeit erinnerte: Eine Art Hohlladungswerfer, sowas wie eine Panzerfaust, aber auf Lafette. Und dort stand zweifellos ein Soldat dahinter und zielte mit dem Teil genau auf mein Schiff. </p><p>»Das ist ein Kriegsschiff. Ein kleiner Kreuzer oder sowas.«</p><p>Ich peilte nochmal das Vorschiff an und blickte direkt in die Mündung des Kanonenrohrs. Mindestens zwanzig Millimeter Kaliber, sicher größer. </p><p>»Und die zielen genau auf uns.«</p><p>»Auweia, was sind denn das für welche?«</p><p>Klaus der weißhaarige untersetzte etwas über Sechzigjährige beschirmte mit der Rechten seine Augen. Er hatte erzählt, er arbeite als Nachtportier in einem großen Hotel in Niedersachsen.</p><p>»Sind das die von heute Nacht?«</p><p>»Naa. Die sind ja abgetaucht.«</p><p>Die letzte Nacht hatte echt einige Aufregung gebracht. Tagsüber war die Segelwelt noch ganz in Ordnung gewesen. Eine stetige Brise aus Nordost hatte uns gut vorangebracht. Unter Genua, Groß und Besan waren locker fünf Knoten Speed über Grund drin gewesen. Zwar etwas zu weit nach Süden, aber hauptsächlich nach Südosten. Die Insel Zypern mit ihrem hohen Gebirge war längst achteraus hinter dem Horizont versunken.</p><p>Um dreiviertel sieben abends hatte der Wind Feierabend gemacht. Nichts mehr los in der Luft. Ich hatte den Ford-Lehmann gestartet, während Bertram und Gerhard die Genua wegkurbelten und anschließend das Groß herunterholten. Die beiden hatten erzählt, sie hätten gerade ihren Ruhestand angetreten, nach einem Leben als Ingenieure bei Daimler-Benz in Stuttgart. Zwei kräftige Kerle mit Fachkompetenz. Ich hatte ein gutes Gefühl. Unter Maschine konnten wir nun direkt Kurs auf Herzliya nehmen, den Yachthafen von Tel Aviv.</p><p>Seit längerem plante ich, endlich mal nach Israel zu segeln. Zum einen war es Neugier, diesen Staat und seine mutigen Menschen zu erleben, zum anderen fand ich, dass ich mir das als Deutscher schuldig sei. Auch die Geschichte meiner Familie spielte ein Rolle. Für die konnte ich nichts, aber ich glaubte, irgendwie was gutmachen zu können. Deshalb hatte ich das im Herbst 2011 entschieden, hatte eine Crew eingeladen, mich im Frühjahr 2012 von Rhodos nach Israel und zurück zu begleiten. Wie leichtsinnig das war, musste ich mir am Ziel eingestehen: Mit fremden Leuten in ein Krisengebiet segeln, nach Israel, das von mörderischen Feinden umgeben ist.</p><p>Den Hintergrund, vor dem die Reise dann ablief, konnte ich freilich nicht vorhersehen. Es geschah am Mittwoch, den 4. April 2012. Ich ankerte abends in der wunderschönen ruhigen Bucht auf der kleinen Insel Alima, umgeben von flachen grüngesprenkelten Hügeln aus grauem Fels, etwa dreißig Seemeilen südwestlich der Stadt Rhodos.</p><p>An diesem Tag veröffentlichten die Tageszeitungen Süddeutsche Zeitung, La Repubblica und El País einen Text des deutschen Schriftstellers und Nobelpreisträgers für Literatur Günter Grass (85).  Er hatte seinem, so bezeichneten »Prosagedicht«, den Titel gegeben: »Was gesagt werden muss.« Darin thematisierte er den Konflikt zwischen Iran und Israel und die Rolle, in der er Deutschland dabei sah. Tendenz: Israel plane einen nuklearen Angriff gegen Iran und Deutschland liefere die U-Boote dafür.</p><p>Der Text löste weltweit diverse Stürme aus. Keine meteorologischen, die ich hätte beachten sollen, aber politische, die mich gleichwohl auch betreffen sollten, da ich just in der betroffenen Weltgegend unterwegs war.</p><p>Proteststurm in Israel. Am 8. April 2012 verhängte das Innenministerium in Tel Aviv ein Einreiseverbot gegen den Autor. Gegen einen Autor, der in seinem Prosagedicht auch diese Zeilen geschrieben hatte:</p><p><em>»…weil ich glaubte meine Herkunft,<br/>die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,<br/>verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit<br/>dem Land Israel, dem ich verbunden bin<br/>und bleiben will, zuzumuten</em>.«</p><p>Natürlich nahm ich die Nachrichten zur Kenntnis. Ich war Journalist und Segler genug, um mich interessiert, ja neugierig ins Auge des Sturms zu begeben.</p><p>Jetzt brummte erstmal tief im Bauch meines Schiffes der Sechszylinder und schob die achtzehn Meter lange Stahlketsch zuverlässig in die Nacht. Seit fünf Jahren war sie mein Zuhause: Die Außergewöhnlich Individuelle Segel-Yacht, kurz: DAISY.</p><p>Es hatte ein kleines Dinner gegeben, mehr eine Brotzeit. Wer viel isst, wird leicht müde und es lag eine weitere Nacht vor uns, die zweite, seitdem wir den Hafen Paphos auf Zypern verlassen hatten, um die zweihundert Seemeilen nach Herzliya in Angriff zu nehmen.</p><p>Mein Platz als Skipper war eigentlich am Kartentisch der Navigation und die befand sich unten, hinten im Achterschiff, gleich neben der kurzen Treppe, die zum Achtercockpit hinaufführte. Dieses Achtercockpit wurde vom Steuerrad beherrscht mit dem Kompass davor und den Hebeln der Motor- und Schraubensteuerung an der Seite.</p><p>Unten, am Kartentisch zeigte mir schwarz auf weiß das GPS-Gerät den Kurs, die Geschwindigkeit und die Position. Auch das Funkgerät und der Radarmonitor waren dort untergebracht neben der großen Tafel mit den Schaltern für Maschine und Generator und allen elektrischen Einrichtungen.</p><p>Um Viertel nach neun hockte ich oben am Steuerrad. Wir hatten April und die Nacht war schwarz, wenn auch der Sternenhimmel über uns funkelte. Es knackte deutlich im Lautsprecher des UKW-Funkgerätes und gleich darauf legte eine harte klare Stimme los:</p><p>»Ship in position thirtytwo degrees, fiftyfive dot four north, thirtythree degrees, fifty dot three east, course: one, two, eight degrees speed six point two knots. This is Israel Navy, Israel Navy.«</p><p>Hurtig turnte ich zum Kartentisch in die Navi hinunter und hörte weiter: »I repeat: Ship in position: Thirtytwo degrees, fiftyfive dot four north, thirtythree degrees, fifty dot three east, course: one, two, eight degrees degrees speed six point two knots I repeat: Thirtytwo degrees, fiftyfive dot dot four north, thirtythree degrees dot three east, course: one, two, eight degrees degrees speed six point two knots. This is Israel Navy. This is Israel navy, this is Israel navy. </p><p>Reflexartig hatte ich zum Kugelschreiber gegriffen und beim dritten Durchgang mitgeschrieben: 32°55,4 Nord 33°50,3 Ost. Ein Blick auf den GPS-Monitor machte die Sache klar: Das war meine Position. Der Typ meinte mich. Ich griff zum Mikrofon und drückte die Sprechtaste.</p><p>»Israel navy, Israel navy, Israel navy. This is sailing-vessel DAISY. I spell the name: Delta Alpha, India, Sierra, Yankee. Sailing-vessel DAISY. I repeat: Delta Alpha, India, Sierra, Yankee. Good evening.«</p><p>»Good evening sir. You soon are entering Israel waters. We need some information.«</p><p>»Yes sir, I like to visit Israel the port Herzliya. What do you need?«</p><p>»Please tell my your flag, how many people on board, your last harbour.«</p><p>Dabei blieb es nicht. Der Typ wollte alle Namen der Crew, ihre Staatsangehörigkeit und alle Passnummern wissen. »One moment please!«</p><p>»Hey Leute ich brauch alle Eure Pässe jetzt sofort.«</p><p>Nun hatte ich einen Moment Pause und sah auf den Radarmonitor. Na klar. Da waren drei Echos. Zwei dicht zusammen direkt voraus auf unserer Kurslinie etwa acht Meilen entfernt und eines sieben Meilen entfernt gut dreißig Grad südlich unserer Kurslinie. Welches Echo kam nun von der Israel Navy?</p><p>Uschi hatte sich schon schlafen gelegt auch Klaus lag in seiner Koje vorne im Vorschiff vor dem Großmast. Endlich hatte ich alle Pässe auf dem Schreibtisch und konnte die Nummern durchgeben.</p><p>»Tank you captain. If you enter Herzliya Harbour dock immediately after entrance at portside, you will be expected. Welcome to Israel have a good traveling.«</p><p>Damit war die Prozedur beendet. Und gleich nach der Hafeneinfahrt an backbord anlegen. Das ist doch mal ein Service! Unsere Position lag noch gut siebzig Meilen vor der israelischen Küste. Ich sah wieder auf den Radarmonitor. Da fand ich nur noch ein Signal. Und zwar jenes, das sich dreißig Grad abseits unseres Kurses befand. Die anderen waren weg. Sonderbar. Ich fragte mich: Wie lange braucht ein U-Boot um abzutauchen?</p><p>Für das verbliebene Signal auf dem Radar gab es wenig später eine Erklärung.</p><p>»Schau mal, wir haben zwar April, aber dort steht ein Christbaum mitten im Wasser.«</p><p>Bertram stand am Steuer. Ich nahm mein Fernglas mit hoch. Da leuchtete tatsächlich ein riesiger Christbaum weitab südlich unseres Kurses. Ich konnte ihn als hell erleuchtete Bohrplattform identifizieren. Offenbar eine nagelneue. In der Seekarte war an dieser Stelle nichts eingetragen. Wir passierten sie in sechseinhalb Meilen Abstand.</p><p>Die Nachtwachen waren eingeteilt. DAISY lief automatisch gesteuert durch die Nacht. Ich verzog mich in meine Koje, die gegenüber der Navi untergebracht war. Der Ford brummte mich bald in einen tiefen Schlaf.</p><p>Lange nach Sonnenaufgang gab es Frühstück und dann diese Begegnung auf dem blendend silbrig glänzenden Meer.</p><p>Der kleine graugemalte Kreuzer kam rasch näher. Endlich konnte ich mit dem Fernglas die Flagge erkennen: Weiß mit blauen Streifen und dem blauen Davidstern. Und ich sah auch die Brücke über der Kabine. Da standen fünf behelmte Soldaten nebeneinander mit Maschinenpistolen im Anschlag, auf mich gerichtet. Schluck. Hoffentlich sind sie nicht übernervös. Bald war das Boot auf zweihundert Meter herangekommen. Von wegen kleiner Kreuzer! Es handelte sich offenbar um ein Patrouillenboot der israelischen Navy. Kaum länger als die DAISY. </p><p>Die Kanone auf dem Vorschiff, die fünf MPs auf der Brücke und der Granaten- oder Raketenwerfer auf dem Achterdeck zielten immer noch auf mein Schiff, auf uns. Das Boot kam näher und näher. Als es weniger als hundert Meter heran war, knackte es wieder im Lautsprecher und eine andere Stimme als in der Nacht hob an: »Salingvessel on my portside, sailingvessel on my portside, this is Israel Navy.«</p><p></p><p><a href="https://steady.page/941f8b60-a014-472b-907a-7d82d390cf3f/posts/c701a98c-720a-4174-aaba-84caab0c2853">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Komm an Bord!]]></category>
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      <pubDate>Fri, 02 Oct 2026 21:43:34 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Viermal Schlafen bis Andalusien]]></title>
      <description><![CDATA[Mit dem schwarzen Schnurrer von Reichersbeuern nach Almerimar. »Abuelo, ich glaub, das Meer will Dich wiederhaben.« Der Junge rief es dem alten Skipper zu, als beide…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Mit dem schwarzen Schnurrer von Reichersbeuern nach Almerimar.</p><p><strong> </strong></p><p>»Abuelo, ich glaub, das Meer will Dich wiederhaben.«</p><p>Der Junge rief es dem alten Skipper zu, als beide sich aus der schäumenden und donnernden Brandung auf den Strand zurückkämpften. Welle nach Welle überschlug sich, wo das Wasser seicht wurde.</p><p>Es war nicht die Art das Meer zu genießen, die der Seemann gewohnt war. Er pflegte in stillen Buchten vom hohen Bord seiner Ketsch aus ins tiefblaue ruhige Nass zu hechten, ein paar Runden um sein schwimmendes Heim zu drehen und endlich bequem über die Badeleiter am Heck an Deck zurückzukehren, um sich mit der Süsswasserdusche das Salz von der Haut zu waschen. Danach begab er sich gewöhnlich in die Kombüse, um das Frühstück zu bereiten. Ein verflossenes Leben.</p><p>»Pass auf, die nächste ist riesig,« rief der junge Kerl. Tatsächlich rollte ein besonders mächtiger Wasserberg heran. »Vermutlich die siebente,« murmelte der Seemann nach alter Gewohnheit und stellte sich quer, um der Wucht nicht den breiten Rücken zu bieten. Doch der sich überschlagende Wellenkamm warf ihn wie ein Spielzeug um und der Skipper ließ sich von der weichen Flut auf den Strand tragen. Er sah sich nach dem Jungen um. Auch der hatte sich im weißen Schaum auf den Sand spülen lassen, stand auf und schüttelte sich vergnügt.   </p><p>Der Poniente hatte das Meer vor der Südküste <em>Andalusiens </em>munter aufgewühlt, und es war tatsächlich eine Lust, sich in die brechenden Wellen zu stürzen. Dem Abuelo war es obendrein ein Vergnügen, zu sehen wie sein fünfzehnjähriger Enkel mit den wuchtigen Wellen fertig wurde.</p><p>Nach kurzer Trockenpause gingen wir zurück ins Apartamento. Veit und ich, der Abuelo. Kaum zweihundert Meter vom Meer entfernt in der <em>Calle Varadero</em> Nummer dreizehn war ich nun zuhause. Das Leben auf der Ketsch LOREA hatte sich in der Vergangenheit verkrümelt. Seit über einem Jahr lebe ich dort oben im ersten Stock mit Marina, die mich fünf Jahre auf meinen Seereisen zwischen <em>Griechenland, Zypern</em>, den <em>Azoren</em> und den <em>Kanaren</em> begleitet hatte.</p><p>Am Strand setzte die Aufsicht die roten Flaggen auf ihren Wachtürmen und die dicht gedrängten Besucher beschränkten sich bei 34°C im Schatten aufs Baden im andalusischen Sonnenlicht.</p><p>Zum Frühstück schüttete sich Veit eine Portion Schokokrusties in eine bunte Keramikschüssel, die aus Rhodos in Griechenland stammt und goss Milch darüber. Außerdem gab es für jeden einen hübschen blaugeblümten Teller aus dem Hause <em>Corte Ingles</em> mit einer Scheibe geräucherter Hühnerbrust, einem Stück Camembert, einem Streifen Räucherlachs, einem Löffel schwarzen Kaviar, ein paar Oliven, drei Tomatenschnitzel und einem weichen Ei. Dazu getoastetes Baguette und grünen Tee mit Honig und Zitrone.</p><p>Danach hatte Veit einen Termin.</p><p>Seine andalusischen Freunde erwarteten ihn um zwölf Uhr. Vor allem Ivans dunkelbraune Augen blitzten voller Freude, wenn er Veit sah. Der neunjährige Blondschopf und seine große Schwester, die fünfzehnjährige Ana mit langer schwarzer Haarpracht hatten mit Julietta, Marcello und Marco – so heißen die doch, oder? -  den Gast aus Alemania schnell in ihre Bande aufgenommen.</p><p>Alle waren mit ihren Eltern und Geschwistern aus dem spanischen Binnenland aus <em>Madrid, Jaen</em> und <em>Albacete</em> für ihre langen Ferien nach <em>Almerimar</em> gekommen. Alle hatten irgendwelche Verwandten, die hier über Ferienwohnungen verfügten.</p><p>Veit hatte seinen Abuelo. Der hatte sich hier vor Jahresfrist von seiner Ketsch LOREA getrennt und eine Dreizimmerwohnung erworben, mit Balkon nach Süden und Blick über die Werft direkt auf die Kimm, wie der Seemann den fernen Horizont bezeichnet.</p><p>Der schnelle Kontakt zu den neuen Freunden war dem Durst zuzuschreiben.</p><p>Nach der vier Tage langen Überlandreise von <em>Reichersbeuern</em> in Bayern bis nach <em>Almerimar</em> im Süden Andalusiens fand sich ein fast leerer Kühlschrank in der Dreizimmerwohnung. Nix Kaltes zum Trinken. Claro. Ich hatte den Strom abgeschaltet. Während Marina die Wohnung lüftete und den Kühlschrank putzte, nahm der Abuelo seinen schwarzen Rucksack und sagte zu Veit: »Gehen wir einkaufen zum Mercadona. Sind kaum dreihundert Meter.«</p><p>»Okay ich komm mit.«</p><p>Die gläserne Haustür war gerade ins Schloss gefallen, da meinte der Abuelo: »Hast Du auch so Durst?«</p><p>Am letzten Reisetag hatten wir gut fünfhundert Kilometer zurückgelegt seit <em>Almardá</em> bei Valencia mit Besuch in <em>Cartagena</em>. Der Schwarze Schnurrer, unser kommodes Gefährt mit Stern, verfügt zwar über eine tolle Klimaanlage aber in <em>Cartagena</em> hatte es draußen 39°C.</p><p>Die Pause im dortigen Hafenrestaurant hinter den riesigen Glasscheiben rief wehmütige Erinnerungen wach: Wer weiß wie viele Male ich die DAISY und später die LOREA dort zu Tages- und Nachtzeiten festgemacht habe? Veit hörte die Geschichten mit geduldiger Fassung.</p><p>In der Hitze wanderten wir die prächtige <em>Calle Mayor</em> rauf und runter. Am bronzenen Matrosen, der auf einer Parkbank über das Schicksal der Seefahrer sinniert, hätte sich Veit fast die Finger verbrannt. Zum Trost fand sich eine schicke helle Short für meinen Enkel, ein paar Accessoires und eine weitere Erfrischung. </p><p>Im Restaurant <em>»Columbus«</em> saß der alte lustige Camarero nun neben seinem Rollator. Meinen Gruß nahm er wissend lächelnd entgegen. Wie oft hatte er uns eine leckere Paella marisco serviert? Er liebte seinen Beruf, das war mitzuerleben. Immer einen Scherz auf den Lippen, immer äußerst zuvorkommend. Einmal hatte ich ihn gefragt, seit wann er im <em>»Columbus«</em> mitarbeite. Er blieb am Tisch stehen, zückte einen Kugelschreiber aus dem dunkelgrünen Jackett und schrieb auf die Papiertischdecke: »1964«. Das war glaub ich, 2018. Er grinste augenzwinkernd und trug schwungvoll ein paar leergegessene Teller in die Küche.   </p><p>Wieder auf der <em>Autopista de Mediterranea</em> machte schon der Anblick der wüsten Landschaft durstig mit ihren ockerfarbenen und braunen Felsformationen und den weiten Trockentälern durchsetzt mit hellgrünen Olivenplantagen. Kurz vor sechs abends fanden wir uns schließlich wieder in <em>Almerimar</em> ein. Und der Kühlschrank war leer.</p><p>»Ja, ich hab auch ziemlich Durst.«</p><p>»Gut, dann sollten wir vor dem Mercadona erst mal links abbiegen. Sonst verdursten wir im Supermarkt.«</p><p>»Das wär blöd.«</p><p>Das <em>»Stumble Inn«</em>, die Kneipe der Engländerin, war noch geschlossen. Wir landeten im <em>»Algarbe«</em>. Da war in der Reihe der Tische vor dem kleinen Restaurant genau einer besetzt. Eine schlanke Frau in den Vierzigern, die rundliche Wirtin und ein Mädchen mit großen dunklen Augen und halblangem schwarzen Haar. Erinnerte an die junge Mirelle Mathieu.</p><p>Der Abuelo bekam eine eiskalte Halbe San Miguel, der Veit ein ebensolches Zitronenlimo. Die Hübschen vom Nebentisch hatten den Veit schnell im Visier.</p><p>»We are from Madrid.«</p><p>»We just arrived from Germany.« Veit zeigte sich fit in Englisch.</p><p>»Esta mi sobrina Julietta,« erklärte die Wirtin freundlich.</p><p>»Este es mi nieto, se llama Veit,« erwiderte der Abuelo. </p><p>Julietta und Veit fanden schnell heraus, dass sie gleichaltrig waren. Die Wirtin stellte ein Schälchen Tapas auf den Tisch, Julietta reichte Servietten nach, wodurch sie dem bayerischen Jüngling näherkam.  </p><p>»What is your hobby?« forschte das zierliche Mädchen weiter.</p><p>»Ähm, Skateboarding.«</p><p>»Oh, nice. I like reading.«</p><p>»I not. I like sports,« gab Veit zu.</p><p>»We have to read Don Quichotte in the school. Do you know?«</p><p>»What? No I do not know.«</p><p>Die Konversation lief darauf hinaus, daß Julietta Veit einlud, sich morgen um zwölf Uhr mittags wieder im <em>Algarbe</em> einzufinden. Es kämen dann noch mehr und sie würden zusammen an den Strand gehen zum Baden. Der Abuelo nickte zustimmend. Hätte schlimmer kommen können. Das wurde genau der Rahmen, den Veit brauchte, um bisschen ins Spanische zu schnuppern und dabei Spaß mit Gleichaltrigen zu haben.</p><p>Wir verabschiedeten uns und wanderten zum Mercadona weiter. Die Zutaten für zwei Mahlzeiten, Doradenfilets und Hühnchenteile, eine Menge Obst und die Frühstückszutaten für die nächsten Tage füllten bald den Rucksack und eine zusätzliche Tragetasche.</p><p>Abuelo fühlte sich müde und entschied auf dem Rückweg, dass es dem Tag entsprechen würde, ihn mit einem guten Mahl im <em>»Asador«</em> zu beschließen, statt sich selber in die Küche zu stellen.</p><p>Das Restaurant gegenüber dem Appartment war lebhaft besucht. Es fand sich dennoch ein freier Tisch und Jordi der Camarero tischte Conejo für Marina und Veit sowie die üblichen Chuletas de cordero für den Commandante auf. »Mei so ein süßes Kaninchen,« seufzte der Veit. Aber geschmeckt hat es offenbar.</p><p>Den Termin um zwölf Uhr mittags hielt Veit exakt ein und lernte gleich spanisches Zeitgefühl kennen. Die Burschen und Mädels hätten sich erst zwischen halb eins und eins eingefunden. Außerdem erzählte er, als er kurz nach drei heimgekommen war, es seien unterhaltsame Stunden am Strand gewesen. »Die Kinder können ganz gut Englisch, die Erwachsenen eher wenig.« Um drei gehen die Spanier zum Almuerzo, zum Mittagessen.</p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/35930c24-f3a9-44d3-9ad9-08f2e8c88c3a/uploads/images/tvf4kwcxii/20260916_202813.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Immer den Horizont im Blick, wie es der Seefahrer gewohnt ist. Calle Varadero."/><figcaption>Immer den Horizont im Blick, wie es der Seefahrer gewohnt ist. In Almerimar Calle Varadero.</figcaption></figure><p>Bei uns im ersten Stock gegenüber der Werft und einem acht Meter hohen immer grünen Azarero-Baum, (pitosporo japonés, azahar de la China oder azarero) und paar viel höheren Palmen, in denen hunderte Spatzen und Finken nisten, gibt es zu dieser Zeit auch eine Brotzeit. Diesmal einen Meeresfrüchtesalat, ein paar Boquerones, dazu ein Baguette und wer‘s mag, eine Tasse Gazpacho.</p><p>Nach unserer Wanderung durch den Hafen bereitete Marina die Doradenfilets zu. Mit Salzkartoffeln und der Abuelo steuerte einen gemischtem Salat bei. Insgesamt eine gewohnt leckere Sache.</p><p>Am nächsten Vormittag wieder ein gemeinsamer Sprung ins schäumende Meer. Es hatte sich deutlich abgekühlt. Im<br/>Vergleich zum Bad am Strand von <em>Almardá</em> nördlich von <em>Valencia,</em> fast schon kalt zu nennen.</p><p>Nach dem Frühstück sah Veit den Mittagstermin entspannter: »Die kommen eh erst um halb eins, eins.«  Aber sie kamen. Um drei war er wieder da. Sie hätten gebadet, erzählt er und offenbar viel parliert. Veit fragte nach weiteren spanischen Wörtern.</p><p>Nach unserem <em>Almuerzo</em> sollte endlich das Skateboard zum Einsatz, kommen, das Veit mitgebracht hatte: »Ich brauch Bewegung.« Das passte gut, denn Marina und Abuelo wollten in die Stadt <em>El Ejido</em> fahren, um was einzukaufen im <em>Corte Ingles</em>.</p><p>Wo sich der Skaterpark befindet und wie man hinkommt wusste Veit längst. »Ein toller Park,« schwärmte er und düste auf seinem Rollboard von Hügel zu Hügel. In einem Videoclip dokumentierte ich seine Künste.</p><p>Nach unseren Einkäufen gab es im Ayuntamiento, dem großspurigen Rathaus der angeblich reichsten Stadt Spaniens einen Imbiss. Die Café-Bar <em>»Blanco«</em> in einer Ecke des weiträumigen und edel gepflasterten Hofes mit seinen hohen Palmen hat sich für uns zu einem Fixpunkt unserer Stadtbesuche entwickelt.  </p><p>Umständehalber stand zum Cena daheim wieder Pesce auf dem Speiseplan. Das lag daran, dass die leckeren Fischfilets jeweils paarweise angeboten werden. Wer drei möchte, muss vier kaufen. Da nimmt man am besten gleich sechs.</p><p>Es folgte ein Back-Gammon-Abend. Auf der LOREA war das Spiel quasi auf der Abendordnung in zahlreichen Buchten und Häfen gestanden. Im Landleben war es kaum noch zum Einsatz gekommen. Deshalb musste der Abuelo erst die genauen Regeln wieder rauskramen, aus dem Internet. Das machte den Zugang für Veit nicht einfach. »Immer, wenn ich gewinn, findest eine neue Regel…« Oh je. Aber endlich hatten wir es drauf und Veit wurde immer besser.</p><p>Und schon war der Freitag da. Viernes heißt der in Spanien und er begann wie fast jeder Tag mit einem Besuch im Meer. Dann Frühstück und danach kehrte Veit zu den Freunden an den Strand zurück. Doch wurde es Zeit, dem Enkel mehr von Andalusien zu offenbaren. »Machen wir einen Ausflug?«</p><p>»Gern.«</p><p>Das Wetter hatte sich etwas geändert: Es war kühler geworden. Graue Wolken trieben sich am Himmel herum. Marina litt darunter mit Kopfschmerzen. Also blieb sie zuhause.</p><p>»Hast Du schon mal Flamingos gesehen?«</p><p>»Ja schon, glaub ich.«</p><p>»Ich will Dir das Cabo de Gata zeigen. Auf dem Weg dahin kommen wir an einer Lagune vorbei mit haufenweise Flamingos.«</p><p>»Was ist das Cabo de Gata?«</p><p>»Das wilde Felsenkap dort drüben auf der anderen Seite der Bucht von Almeria. Da muss man immer vorbei, wenn man mit dem Schiff von den Balearen, von Mallorca, kommt und nach Gibraltar will, oder nach Almerimar.«</p><p>Erst schnurrten wir ein paar Kilometer auf der Autovia dahin, dann auf der Carretera nach Westen. An der Lagune entlang, wo die Falmingos im Wasser stolzieren, dann am dicht bevölkerten Strand vorbei und schließlich die schmale kurvige Straße zum Leuchtturm hinauf.</p><p>War allerhand los, der Parkplatz fast voll. Die Leute machten Selfies an den atemberaubenden Abstürzen und knipsten die wilden Felszacken, die dort unten ins Meer hinausstapfen. Wie oft bin ich da vorbeigesegelt zu den unterschiedlichsten Tages und Nachtzeiten? Zuletzt mal gegen Strom und Wind in finsterer Nacht.</p><p>»Da schau, was machen denn die?«</p><p>Kommen tatsächlich drei Yachten nacheinander aus Norden. Passieren die Felsen dort unten im Abstand von nicht mal zweihundert Metern.</p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/35930c24-f3a9-44d3-9ad9-08f2e8c88c3a/uploads/images/in4use7lf6/20260822_174444_%282%29.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Die Klippen vor dem Cabo de Gata. Gefährlich nah passieren Yachten das Kap."/><figcaption>Die Klippen vor dem Cabo de Gata. Gefährlich nah passieren Yachten das Kap.</figcaption></figure><p>»Was sind das bloß für Seeleute? Der schwache Wind kommt aus Südost. Wenn da nur mal die Maschine aussetzt, dann hocken sie in Nullkommanix auf den Felsen.« </p><p>Kann nur hoffen, dass mein Enkel sich daran erinnern wird, sollte er vielleicht doch mal…</p><p>Zukunftsmusik. Noch ein paar Bilder. Er ersteht im Kiosk eine Flasche Zitronenlimo.</p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/35930c24-f3a9-44d3-9ad9-08f2e8c88c3a/uploads/images/rjmqfa5bxu/20260822_175133_%281%29.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Da drüben passieren die Segler die letzten Klippen um in die Bucht von Almeria einzubiegen."/><figcaption>Da drüben passieren die Segler die letzten Klippen um in die Bucht von Almeria einzubiegen.</figcaption></figure><p>Auf der Rückfahrt passieren wir wieder die Flamingos. Gerade recht zum Cena laufen wir in der Calle Varadero ein.</p><p>Ähnliches Programm am folgenden Tag: Baden in der Brandung, Treffen mit den Freunden. Nachmittags denke ich an eine Tour nach Ohanes. Tausend Meter hoch in den Bergen. Einer unserer Lieblingsorte und das hat Gründe.</p><p>»Magst noch einen Ausflug machen?«</p><p>»Ja gern.«</p><p>Marina blieb nochmal daheim.</p><p>Die Fahrt ging durch eine wilde Landschaft mit riesigen roten Felsabstürzen und wüsten Gegenden, die an den Grand Canyon erinnerten, dann ins grüne Tal des <em>Andarax</em> hinauf nach <em>Ohanes</em> auf tausend Meter Höhe über dem Meer. Vor Jahren hatten Marina und ich einige Monate hier verbracht, als Peter, ein Freund aus Holland, die LOREA für einen Sommer auf den <em>Balearen</em> übernommen hatte.</p><p>Jetzt wanderten Veit und ich am Berg entlang zum Wasserfall. Die Hänge sind seit Jahrhunderten terrassiert für Obst und Wein und allerlei Gemüse. Veit fand eine reife köstlich süße Frucht an einem riesigen Feigenbaum. An der dunklen Gumpe am kühlen Wasserfall, der allerdings nur ein dünnes Rinnsal bot, trafen wir auf ein Paar aus der Umgebung. Der kühle Platz dient vielen als Ausflugsziel.</p><p>Zurück in der <em>Urbanisacion</em>, der hübschen Feriensiedlung, fanden wir die kleine Bar am Freibad, am <em>piscina</em> tatsächlich geöffnet vor.</p><p>Der untersetzte Wirt hinter der Theke mit seinem eisgrauen Kurzhaar, ebensolchem Schnurbart und lustigen Augen nahm fast bissl mürrisch unsere Bestellung entgegen: Un Cerveca tostada sin alcohol, un Fanta y dos bocadillos con jamon. »No soy un chino! Tranquillo!« brummte er, als ich auch noch nach einem Glas zum Bier fragte. Der Schinken war ein echt spanischer was sonst? und ganz, ganz ausgezeichnet.</p><p>Draußen im hellblauen Schwimmbad platschten einige Kinder und andere spielten auf dem sattgrünen Rasen drumherum.</p><p>Später, drüben im uralten Pueblo <em>Ohanes</em>, wo sich blitzsauber weiß getünchte und mit Geranien geschmückte Häuser um eine große Kirche mit hohem Spitzturm drängen, erzählte uns ein freundlicher Caballero vor dem kleinen Supermarkt, dass nun wieder etwa dreizehnhundert Menschen hier lebten. Es waren mal über 2500, aber auch schon mal nur noch 560. Die betonierten Quergassen führen dort steil nach unten und auf der anderen Seite ebenso nach oben.</p><p>Bevor wir mit dem schwarzen Schnurrer die kurvenreiche Talfahrt antraten, hielten wir an einem Aussichtspunkt. Man muss von der Straße kurz nach dem Ort links abbiegen steil den Berg hinauf kurven Richtung <em>Tices</em> und <em>Abla</em> und kommt nach zwei Kilometern an den <em>»Mirador de Ohanes«</em>. Da halte ich immer, wenn ich hier oben bin.</p><p>Ein weiter Blick tut sich auf über die <em>Alpujarra</em> bis zur <em>Sierra Nevada </em>auf der einen Seite und hinüber fast in die Wüstenei von <em>Taberna</em>, die <em>Desierto de Taberna</em> auf der anderen Seite!</p><p><a href="https://steady.page/941f8b60-a014-472b-907a-7d82d390cf3f/posts/35930c24-f3a9-44d3-9ad9-08f2e8c88c3a">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Verlorene Meilen]]></category>
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      <pubDate>Thu, 17 Sep 2026 17:36:29 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[Bis dir das Blut gefriert: Tornados auf der Adria]]></title>
      <description><![CDATA[Was tun, wenn sich ein Tornado, eine Wasserhose vor dem Bug deines Schiffes entwickelt? Woran erkennst du das frühzeitig? Wenn ich an die Situationen denke, in denen ich…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong> </strong>Was tun, wenn sich ein Tornado, eine Wasserhose vor dem Bug deines Schiffes entwickelt? Woran erkennst du das frühzeitig? Wenn ich an die Situationen denke, in denen ich das lernen musste, laufen mir immer noch eisige Schauer über den Rücken.</p><p>Sowas willst du nicht erleben.</p><p>Und doch musst du damit rechnen.</p><p>Je wärmer das Meer wird, umso häufiger wird dieses Phänomen. Auch die Adria wird immer wärmer. Sogar noch im September entsprechen ihre Temperaturen schon regelmäßig dem spöttischen Gerede von der wohltemperierten Badewanne Europas.  </p><p>In Pula, der weit mehr als zweitausend Jahre alten Stadt in Istrien, hatte sich die neue Crew eingefunden. Richtig neu waren die meisten der Damen und Herren eigentlich nicht an Bord der DAISY. Gisela war schon von Halifax nach Horta dabei gewesen, Gerlinde von Antigua bis Santo Domingo, Hartmut und Bernd unter anderem von Jamaika nach Miami. Nur mit Jürgen und Christl kamen neue Gesichter in die Runde.</p><p>In Sichtweite des riesigen römischen Amphitheaters ergab sich in der ACI-Marina an Bord der DAISY eine lustige Willkommensparty. Ich hatte noch einen Stegnachbarn eingeladen. Moritz ein witziger Berliner brachte seinen Kumpel mit. Und den stellte er als einen Steuermann der CHRONOS vor. Da zeigten sich Klassenunterschiede. Ein Luxuskreuzfahrtsegler für gut Betuchte. Als die Rede auf die Kocherei an Bord kam, meinte der Nico: »Wir haben keinen Smutje. Bei uns kocht ein Chef.«</p><p>Na gut, bei uns kochen mindestens drei Chefs, und ab und zu der Skipper. Der aber nicht unbedingt nur am Herd. Auch auf dieser Reise sollte es dem richtig heiß werden und das, obwohl der September schon fortgeschritten war – oder gerade deshalb.</p><p>Die Kombüse war gut versorgt, Kühlschrank und Kühltruhe gefüllt, sollte reichen bis Korfu, die Crew eingewiesen und los gings am nächsten frühen Nachmittag. Vorbei an den riesigen Kränen auf der Werftinsel in der weiten Hafenbucht von Pula. Blauer Himmel, wenig los in der Luft.</p><p>Rum um die grüne Hafenlampe am Ende der langen, halbversunkenen Mole. Segel rauf, und zwar alle drei: Besan, Groß, Genua, insgesamt rund 170 Quadratmeter. Vollzeugsegeln nennt sich das. Aber ohne Wind bringt die Fläche auch nicht viel. Es reichte für dreieinhalb Knoten. Zum Eingewöhnen auf der achtzehn Meter langen Stahlketsch genau richtig. Vorbei am sicher berühmtesten Leuchtturm der <em>Adria</em>, dem <em>Porer</em>. Noch vor acht Uhr abends längsseits fest in <em>Pomer</em> an der Außenmole.</p><p>Tags drauf geht’s noch vor neun Uhr morgens los. Die Wettervorhersage drückt aufs Tempo: Ab drei Uhr nachmittags ist Gewitter mit stürmischen Winden angesagt. Da sollte die DAISY irgendwo fest sein. Die Wahl fällt auf <em>Mali Losinj</em>. Die 32 Meilen sollten in fünf Stunden zu schaffen sein. Ein sicherer, sehr schöner Hafen.</p><p>Davor liegt die <em>Kvarner Bucht</em>. Sechzehn Meilen bis zur Insel <em>Unje</em> und dann nochmal so viel bis <em>Losinj</em>. Viel gefürchtet, weil aus dem Trichter gern bei klarem Himmel die Bora pfeift, die vom <em>Kvarnergebirge</em> herunterfällt und die See ordentlich aufstellt. Man kann dann halbwinds richtig flott nach Südosten düsen an <em>Unje </em>vorbei, wo die Welle aufhört, und der Wind bleibt. Wunderbar.  </p><figure><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fhomepagedesigner.telekom.de%2Fimageprocessor%2Fprocessor.cls%2FCMTOI%2Fcm4all%2Fcom%2Fwidgets%2FPhotoToi%2F15%2F44%2F50%2F40%2F151cbcd3581%2Fscale_1200_0%253Bdonotenlarge%2F151cbcd3581?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=c221e00cd6d0628a3e14c286fc6afeeb" alt="Vollzeugsegeln mit der Sahlketsch DAISY"/><figcaption>Vollzeugsegeln mit der Sahlketsch DAISY</figcaption></figure><p>Heute sieht es genau danach aus. Blauer Himmel, zwar auch Nordost aber nur zehn bis fünfzehn Knoten. Drei Segel sind bald gesetzt, das Schiff legt los.</p><p>Die See ist bewegt. Die Wellen laufen von backbord an, bei Winddruck in den Segeln ergibt sich eine stetige, ruhige und sehr flotte Fahrt. Halbwindkurs. Sechs Knoten über Grund zeigt der GPS-Plotter am Kartentisch. Wenn man mal nicht hinschaut, sicher mehr. Die Crew wird in Teilen etwas wortkarg.</p><p>Um zehn ist <em>Unje</em> schon greifbar nah, aber die Ketsch bleibt stehen, die Segel flappen in der Flaute. Der Blick nach vorn läßt die Stirn runzeln. Dunkle Wolken ballen sich dort über der Halbinsel Losinj aber wer genau hinschaut, bemerkt, dass sie nach Osten ziehen.</p><p>Der Ford-Sechszylinder muss wieder schnurren. Das große Vorsegel, die Genua wird eingerollt. Die finsteren Wolken da vorn ziehen eindeutig zu langsam. Ich schlüpf schon mal ins Ölzeug, Gisela, Bernd und Hartmut, die geübten Deckshände, folgen dem Beispiel.</p><p>Gerade noch rechtzeitig.</p><p>Da vorn sieht es sehr ungemütlich aus. Die See dunkel, jetzt ist schon weiße Gischt zu erkennen über dem dunkelblaugrünen Wasser. Die Segel müssen runter, schnell.</p><p>»Bernd Autopilot aus, steuere in den Wind. Hartmut an die Großschotwinsch, hol dicht. Ich hol das Groß runter, Gisela halte die Zeisinge bereit.« Zwei steck ich mir gleich in die Tasche und laufe vor zum Großmast.</p><p>Das Schiff dreht in den Wind.</p><p>Großfall loswerfen und das Segel herunterziehen. Schon fliegt mir Gisch um die Ohren. Das Segel kommt zügig runter. Fall abschäkeln, am Baum einschäkeln, Zeisinge über das Tuch werfen, festknoten. Gisela ist da mit weiteren Zeisingen. Schnell nach achtern zum Besansegel.  Das kleine Tuch mit den vier Latten ist rasch unten.</p><p>»Zurück auf alten Kurs!«</p><p>Nun rennt das Schiff fast genau mit dem Wind. Jetzt geht es richtig los. Mit Wucht erwischt es die DAISY. Es fetzt ordentlich. Der Sturm kommt aus Nordnordwest. Also von Achtern. Wir laufen sozusagen vor Top und Takel aber mit Maschine. Noch bin ich am Besanmast beschäftigt als Bernd aus dem Steuercockpit ruft: »Fünfzig Knoten!«</p><p>Okay denk ich, wir laufen sieben oder acht Knoten, dann sind es insgesamt 57 oder 58 Knoten wahrer Wind. So sieht das fliegende Wasser auch aus. Weiße Gischstreifen auf grüner, scharf gezackter See.</p><p>Vorn im Mittelcockpit unter der Sprayhood klammern sich unsere beiden Neuen mit großen Augen an den Handläufen fest.</p><p>In diesem wüsten Toben vermittelt DAISY Gelassenheit. Das ist es, was, ich an diesem Schiff so sehr schätze. Der Ford brummt satt. Die dreißig Tonnen Verdrängung geben Souveränität.</p><p>Um großen Seegang aufzubauen ist der Sturm noch zu neu. So ziehen wir am Kirchturm von <em>Unje</em> und den flachen, bewaldeten Hügeln der Insel vorbei und lassen danach auch die beiden langgestreckten <em>Sarkane</em>-Lehmhaufen an Backbord. Aber dann geht es mit einem siebzig Gradschwenk nach Osten in die Bucht von <em>Mali Losinj.  </em></p><p>Und schon befinden wir uns im Schutz der Insel. Es regnet noch etwas auf dem Weg nach Süden in den Hafen von <em>Mali Losinj</em>. Aber das Gewitter hat sich nach Osten verzogen. Die Sonne taucht alles wieder in goldige Wärme. Der alte K.u.K.-Kurort zeigt klassizistische bis venezianische Fassaden etliche noch im Kaisergelb der Donaumonarchie.</p><p>An steuerbord findet sich ein Platz für die achtzehn Meter lange DAISY. Fender und Leinen sind klar. Um 15:00 Uhr liegt das Schiff steuerbord längsseits fest vertäut. Jetzt könnte der angesagte Sturm kommen.  Ein Wetterbericht ist eben kein zuverlässiger Fahrplan.</p><p>Großes Durchatmen bei der neuen Crew. Sommerklamotten werden rausgekramt. Es folgen ein entspannter Nachmittag und ein kulinarischer Abend. Theo von der Konoba <em>Odisej</em>, nur ein paar Schritte entfernt, serviert einen Lammbraten zum Träumen. Kroatien von seiner schönsten Seite.</p><p>Und es wird noch schöner. Auf dem Weg weiter nach Südosten schenkt uns der Himmel tags drauf ein wenig Segelwind. Bis zu drei Beaufort aus Nordost. Das bringt die DAISY genug in Schwung. Sieben Stunden darf der Ford schlafend mitreisen. An <em>Illovik, Premuda, Skarda</em> und <em>Silba</em> vorbei bis <em>Molat</em>. Da bricht schon der Abend herein. Der Wind ist weg, die Segel müssen runter, der Ford treibt uns weiter.</p><p>Romantische Stimmung im verglimmenden Abendrot als die ersten Sterne blinken, da unterläuft mir ein peinlicher Fehler.</p><p>Nicht weitererzählen!</p><p>Um auf die Südwestseite der Insel Molat zu gelangen, zu unserer angepeilten Bucht <em>Podgarbe</em> läuft DAISY langsam auf das <em>Kap Zaplo</em> zu, das Südkap von <em>Molat</em>. Auf der Seekarte sieht es nach einer Passage aus, aber eben nur von Weitem.</p><p>Plötzlich blitzt vor unseren Positionslichtern ein weißer Scheinwerfer auf. Genau auf uns. Drehzahl runter, was ist das? Propeller auf achteraus, alle Fahrt aus dem Schiff.</p><p>Ein unbeleuchteter Fischerkahn zeichnet sich auf dem Wasserspiegel ab. Da hockt ein Mensch drin. Jetzt schallt eine tiefe heisere Männerstimme:</p><p>»Ne možeš proći tamo. Kamenje!«</p><p>»What?«</p><p>»Hier nicht durch. Steine! Weiter da drüben!«</p><p>Jetzt erst check ich die Karte genau. Ach du Sch... natürlich. Wir müssen noch um die kleine Insel <em>Mali Tun</em> rum.</p><p>»Vielen, vielen Dank! Puno hvala.«</p><p>Sowas darf nicht passieren! Nur sehr zögernd verliert sich der Schock. Ganz wird das nie gelingen. Mir nicht. Der wird immer spürbar bleiben. Eine unvergessbare Lehre.</p><p>Ruder legen, Propeller auf voraus, Drehzahl hoch. Um 20:30 Uhr fällt der Anker in der Bucht <em>Podgarbe</em> auf der Westseite der Insel <em>Molat</em>. Zwei Chefinnen servieren im Salon Spagetti Bolognese und Salat. Draußen ist schon Herbstkühle zu spüren. Es findet sich noch Rotwein aus Italien.</p><p>Die erfahrenen Damen und Herren haben ja schon einiges erlebt mit diesem Schiff und seinem Skipper zwischen <em>Isla Mujeres</em> in <em>Mexiko</em> und <em>St. Petersburg</em> in <em>Russland</em>.</p><p>Aber keiner von ihnen war jemals in der <em>Uvala<br/>Telascica</em> auf <em>Dugi Otok</em>.</p><p>»Das müsst Ihr gesehen haben.«</p><p>Ist ja nicht so weit von <em>Molat</em> aus: Fünfunddreißig Meilen. »Gut, dann segeln wir dahin.«</p><p>Nach Baden und Frühstück Anker auf, Segel rauf. Um halb elf den Motor ausgemacht. Die Ketsch zog sehr verhalten los unter Vollzeug bei schwachem Nordwind. Wieder durch die bewusste Passage, nach Südosten. Die DAISY zog an den Inseln <em>Sestrunje, Iz, Rava </em>und<em> Lavdara</em> vorüber. Dunkelgrüne Hügel und karstige Felshaufen. Um halb drei war der Wind ganz weg. Der Ford-Lehmann erledigte brummend den Rest der Strecke.</p><p>Schließlich bogen wir ab in die <em>Mala Proversa</em>, der kleinen Passage in die Bucht <em>Telascica </em>auf <em>Dugi Otok</em>, der <em>Langen Insel</em>. Zwei rote und zwei grüne Bojen kennzeichnen die Fahrrinne. Die ist etwas über dreißig Meter breit, vier Meter achtzig tief und etwa hundert Meter lang. Danach muss noch ein rotes Leuchtfeuer umrundet werden dann gehts mit nördlichen Kursen in die <em>Uvala Telascica</em>.</p><p>Bald kurven wir um den letzten Inselkegel in der Bucht und fieren den Anker ab auf fünf Meter Tiefe. Vier andere Yachten sind schon da. Den Meeresgrund sieht man nicht mehr. Die Ruhe bezaubert. Es wird ein klassischer Buchtabend für sorglose, fröhliche Urlauber.</p><p>Diesmal kocht der Chef.</p><p>Rindersteaks mit Gemüsetopf. Beim Dinner schwärme ich den Leuten von einer der bezauberndsten Städte Dalmatiens vor. Nächstes Dinner beim <em>Kamerlengo</em> in <em>Trogir</em>! Der Plan wird akzeptiert.</p><p>Der Morgen schaut grau zu meiner Decksluke herein. Tatsächlich hängen dunkelgraue Wolken über <em>Dugi Otok</em>. Es nieselt leicht. Ölzeugwetter.</p><p>Es geht früh los.</p><p>Frühstücken kann man auch unterwegs. Kurz nach acht starte ich die Maschine und wir holen den Anker hoch. Wir kurven zwischen den Inselchen in der <em>Uvala Telascica</em> nach Süden. Gegen zehn Uhr sehen wir den rot-weiß gekringelten <em>Sestrice</em>-Leuchtturm voraus. Da geht’s hinaus aufs richtige Meer. Der Turm bleibt an Backbord. Es regnet aus tiefen Wolken.</p><p>»Gehen wir raus, oder bleiben wir drin?«</p><p>Bei 25 bis 30 kn Wind und mehr zwischen den Felsen herumzueiern, das gefiel mir gar nicht. Die Erinnerung an gestern! Bei solchen Bedingungen brauchst du Raum, der keine Balken und vor allem keine Felsen aufweist. Tatsächlich leuchten immer wieder Blitze auf über <em>Dugi Otok</em> und Donner rollt viele Sekunden später über die Inseln.  </p><p>Die Damen und Herren haben auch keine Lust, mit Felsen nähere Bekanntschaft zu machen. Also segeln wir raus.</p><p>»Wir müssen hart anluven, damit ich ein Reff ins Groß krieg! Bernd Autopilot aus, anluven. Hartmut, du fierst die Schot, wenn ich dir das Zeichen gebe.«</p><p>»Alles klar!«</p><p>Mit kleineren Segeln geht es flott weiter. <em>Otok Aba Vela</em> bleibt an backbord. Es gibt Wind aus Ost-Nordost an die 12 Knoten. Aber es sieht nach mehr aus. Die Wolken hängen tief, die See ist dunkelgrün, bald mit weißen Krönchen. Der Leuchtturm wandert achteraus.</p><p>Da fallen auch schon die harten Gewitterböen ein. Aus Nordost. Das passt gut. Wir segeln raus auf die Adria.</p><p>Der Wind nimmt deutlich zu. Die Genua wird zur kleinen Fock reduziert. Nochmal ein Manöver für das zweite Reff. Besan getrimmt. Die DAISY zeichnet souverän ihr Kielwasser ins grüne Meer.</p><p>Im Norden, Osten und Südosten dräuen jetzt finstere Wolken. Im Norden blitzt es, der Donner rumpelt sehr verzögert. Das Gewitter tobt offenbar etliche Meilen weiter nordöstlich, eher über Land. Ein Schauer geht nieder. Hartmut und Bernd hocken im Ölzeug neben der Steuersäule im Achtercockpit Der Rest der Crew gesammelt im geschützten Mittelcockpit um Gerlindes blonde Locken.</p><p>Das Meer spiegelt den Himmel dunkelblau fast schwarz und dunkelgrün wider mit kleinen weißen Schaumkämmen. Die Böen liegen jetzt bei dreißig Knoten. Und es wird mehr. DAISY läuft nach Südosten. Drei Segelyachten kommen achteraus aus Norden und streben mit ziemlich kleinen Segeln der Einfahrt in die Inselwelt zu. Na ja, wer’s mag!</p><p>Nach etwa einer Stunde lockert sich die Bewölkung ein wenig auf.</p><p>Dann sehe ich den ersten Schlauch.</p><p>Gut über eine Meile südöstlich von uns biegt er sich in elegantem blauengrauen Bogen aus den dunklen Wolken auf das Wasser herab. Sein Ursprung liegt wohl über der kahlen Insel <em>Kornat</em>, die sich an <em>Dugi Otok</em> anschließt. Dort, wo er aufs Wasser trifft, schäumt es wie aus einem Teller aus weißer Gischt. Ich ändere den Kurs zehn Grad von Südost weiter südlich. Die Crew sieht das Naturschauspiel mit Schaudern. Keiner hat sowas je gesehen. Faszinierend.</p><p>Doch dann sagt Hartmut in seiner gleichmütigen ruhigen Art: »Da schau, was ist das?«</p><p>Mir stockt der Atem. Hitze steigt mir in den Nacken. Das ist jetzt keine halbe Meile mehr entfernt. Da wirbelt gewaltig weißes Wasser auf. Auch so ein Teller bloß viel, viel größer.</p><p>Und viel zu nah.</p><p><a href="https://steady.page/941f8b60-a014-472b-907a-7d82d390cf3f/posts/567209f0-0745-46da-a243-5915b43b5e7c">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Albtraum Tornado]]></category>
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      <pubDate>Tue, 23 Jun 2026 23:29:44 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[Von Trani nach Dubrovnik: Die Schrecken der südlichen Adria]]></title>
      <description><![CDATA[Wenn auch schon fast Mitte September, fühlte sich der Tag im Hafen der apulischen Stadt Trani für uns Mitteleuropäer nicht viel anders an als ein ordentlicher Sommertag…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Wenn auch schon fast Mitte September, fühlte sich der Tag im Hafen der apulischen Stadt Trani für uns Mitteleuropäer nicht viel anders an als ein ordentlicher Sommertag in heimischen Gefilden. Angenehm warm unter wolkenlosem Himmel über dem Hafen und seiner romanisch-venezianischen Stadtkulisse.</p><p>Von der kantigen schnörkellos schönen romanischen Kathedrale San Nicola Pellegrino mit ihrem alles überragenden Kampanile geht der Blick in die Runde der Fassaden, von denen viele an die Vorherrschaft Venedigs erinnern. Eine fantastisch schöne Stadt, inspiriert vom Geist eines Friedrich II., dem mittelalterlichen Liebhaber und Beherrscher Apuliens und Siziliens. Vermutlich dem neugierigsten und aufgeklärtesten Kaiser Europas. Das <em>Castello Normanno Svevo</em> in Trani geht auf ihn zurück und wurde später massiv ausgebaut. Von hier aus führt auch der Weg zu seiner rätselhaftesten Hinterlassenschaft.</p><p>Morgens um sieben waren wir eingelaufen. Es ist immer ein besonderes Erlebnis, sich am frühen Morgen von Südosten dieser Küste zu nähern. Wenn du also die Sonne noch hinter dir hast, kannst du mit bloßem Auge dieses außergewöhnliche Schloss erkennen, das der Kaiser auf der höchsten Erhebung Apuliens errichten hat lassen: Castello del Monte. Mit einem Fernglas siehst du es natürlich noch besser im Sonnenlicht liegen. Als nächstes entdeckst du den Kampanile von Trani und dann weißt du, dass der Kurs stimmt.</p><p>Nach der Hafeneinfahrt, im Vorhafen ist Vorsicht geboten: Dort liegt meist ein Sandhaufen am Grund, über den du mit einem Tiefgang von 2,50 m nicht ohne Weiteres hinwegkommst. Also lieber bisschen steuerbord halten. Der ganze Hafen weist nicht viel mehr als drei Meter Tiefe auf. Es gibt für Yachten zwei Möglichkeiten festzumachen: Entweder an den Stegen der <em>Darsegna Communale</em> genau voraus oder an jenen der <em>Lega Navale di Trani</em> an backbord. Ich hatte schon beide ausprobiert. Preislich nehmen sie sich nichts, es kostete damals rund 75 Euro für meine 18 Meter lange DAISY hier wie dort. Bei der Lega haben sie die schöneren Sanitäranlagen und man kann ein hübsches T-Shirt mit dem aufgestickten Wappen des Clubs erwerben. </p><p>Eineinhalb erlebnisreiche Tage hatten wir in der Stadt verbracht und nun ging es weiter nach Nordosten. Die DAISY war eine 25 Jahre alte Stahlketsch. Dreißig Tonnen etwas über achtzehn Meter lang und 4,70 Meter breit, als Unikat einer Swan 54 nachempfunden aber eben aus Stahl.</p><p>Wir waren eine siebenköpfige Crew. Außer unserem blonden Engel, der großen schlanken Elke, der einzigen Frau an Bord, und dem 31jährigen Fabio, hatten alle die Sechzig schon hinter sich. Vor fünf Tagen waren wir in Korfu losgesegelt, hatten in der Südbucht des kleinen Eilandes Erikoussa eine Nacht geankert und waren dann quer über die Straße von Otranto in die Adria teils gesegelt teils motort.</p><p>Nun zielten wir auf die andere Seite der südlichen Adria, auf die wundervolle Stadt Dubrovnik.</p><p>Etwa einhundertzehn Seemeilen quer über offene See. Im Wetterbericht war von Gewittern die Rede, aber das sollte uns auf der DAISY mit ihren 30 Tonnen Verdrängung nicht weiter stören. Damit musst du rechnen auf der Adria zu dieser Jahreszeit. Meist hängen sich die Gewitter über Land fest oder im küstennahen Bereich.  </p><p>Die Brise, die jetzt durch den Hafen zog, entwickelte sich draußen zu einem ordentlichen Südost von bis zu 25 kn. Schon um des Reisekomforts willen pflege ich bei wahrem Wind ab zwanzig Knoten die Segel zu kürzen. So waren wir bald mit jeweils einfach gerefftem Lattengroß und Besan und einer auf zwei Drittel verkleinerten Genua unterwegs, und zwar ziemlich zügig. Klar: Halbwindkurs. Da lief die DAISY mit dieser Besegelung gern mal an die acht Knoten und mehr. Die Bugseen rauschten jedenfalls ordentlich und die weiße Gischt flog meterweit zu den Seiten über das tiefe Blau.</p><p>Am späteren Nachmittag tauchte Bewölkung am nordöstlichen Horizont auf und bald war abzusehen, dass wir es in den Abendstunden mit Gewittern zu tun bekämen. Mindestens ein Wolkenamboss war klar ausgeprägt. Wir durchsegelten Warmfronten und Kaltfronten, es regnete kurz schauerlich. Es blitzte und donnerte. Die Zeitspannen zwischen Blitz und Donner blieben beruhigend lang. Die Gewitterzellen waren einige Meilen entfernt. So wurden es wohl zwei oder drei Gewitter, deren Fronten wir streiften. Längst hatte sich der Tag im Westen verkrümelt und wir segelten in schwarzer Dunkelheit.</p><p>Eine Stunde nach Mitternacht war dann plötzlich der Wind weg. Komplett weg. Die Rollgenua wurde völlig gerefft. Wie üblich stellte ich die Baumsegel, Groß und Besan, in die Mitte, um sie als Stützen im Seegang zu nutzen. Beide waren einmal gerefft.  Der Ford-Sechszylinder sorgte nun brummend für den Vortrieb.</p><p>Um ein Uhr übernahm ich die Wache. Der Windindikator an der Armaturentafel im Achtercockpit wies in Fahrtrichtung und die Windgeschwindigkeit, die er anzeigte, entsprach ziemlich genau unserer Fahrt über Grund: Knapp sechs Knoten. Ergo: Null Wind. Der Simrad-Autopilot hielt die DAISY auf Kurs. Fünf Männer lagen schlummernd in ihren Kojen. Drei an Backbord, zwei an steuerbord. Alle in Einzelkojen aus massivem Mahagoni mit Leesegeln. Elke teilte mit mir die Wache und hielt sich unten in der Navigation auf. </p><p>Der Himmel bedeckt, kein Stern zu sehen, die Nacht war dunkelschwarz. Vorn am Bug tauchten die Positionslampen die Bugseen immer mal wieder in grünes und rotes Licht. Die Hecklampe sorgte für Widerschein im Kielwasser. Ein paar Meter weiter in jede Richtung verschwammen die Wellen in der Schwärze der Nacht. Kaum ein Horizont auszumachen.</p><p>Das Automatische Identifikations-System (AIS) entdeckte kein Schiff in der Nähe. Ohnehin hätte ich gut daran getan, es auszuschalten in kroatischen Gewässern. Hätte, hätte. Laut GPS befanden wir uns exakt auf Zielkurs, noch zwölf Meilen bis Dubrovnik.</p><p>Es galt später nur den <em>Greben</em> auszuweichen. Dabei handelt es sich um gefährliche Klippen, eine unbeleuchtete Felsgruppe, die vor der Halbinsel <em>Lapad</em> ein paar Meter aus dem Wasser ragt. Lapad muss sowieso an steuerbord bleiben, während das Inselchen Daksa an backbord bleiben muss, bevor wir nach steuerbord in den Hafen Gruz von Dubrovnik einbiegen konnten. Im Achtercockpit verbreiteten die Instrumentenbeleuchtungen und das Kontrolllicht der Kupplung einen rötlichen Lichtschimmer.</p><p>In diese ruhige Motorfahrt krachte das Chaos.</p><p>Ich lehnte im Achtercockpit an der Steuersäule. Elkes Blondhaar tauchte im Niedergang auf. Da traf uns der Hammerschlag. Ein gewaltiger Windstoß von steuerbord krängte die Ketsch mit Wucht nach backbord. Sechzig, siebzig Grad oder mehr, was weiß ich. Ich war nah dran, aus dem Cockpit zu fallen, hatte schon die Backbordreling in der Hand. Es war nur noch weißes Wasser, weißer Schaum um mich, weiße Gischt dicht vor mir.  </p><p>Da war nur ein Gedanke: Die Schoten! Schmeiß die Schoten los! Ich griff mit der freien Rechten zur großen Winsch der Großschot, riss das Tau aus der Rille, dann die kleinere Winsch die Besanschot. Die Bäume schwenkten sofort nach backbord. Ich denke, die Nocken tauchten ins Wasser.  Ich lag auf der Seitenwand des Cockpits. Irgendwo da unten mussten sich die Relingsstützen befinden. Ich nahm sie nicht wahr, nur weiße Gischt, die mit hohem Speed vorbeiflog.</p><p>Ein Blick zum Besan ließ mich Böses ahnen: Das Segel hatte sich schon selbst gefiert, die Latten bogen sich bereits um die Wanten, obgleich die Schot schon lose war. Ein Blick nach vorn bestürzte mich noch mehr: Der Großbaum hing zwar schon weit nach backbord aber das gereffte Tuch! Es war offenbar vom Baum gefallen, lag auf der Reling, auf dem Deck. Im schwachen Schimmer der Positionslampen sah das fatal aus. Jetzt richtete sich das Schiff wieder etwas auf, raste aber immer noch unter dem ungeheurem Druck dieses Sturmstoßes viel, viel schneller als die Maschine es hätte treiben können.</p><p>Das Besansegel knatterte böse in den harten Böen. Harte Böen? Nein, es handelte sich um mindestens Sturmstärke. Ich schätze 50 kn oder mehr. Und das Tuch glänzte nass, obgleich es seit Stunden nicht mehr geregnet hatte. Das gereffte und weit gefierte Groß stand nun einigermaßen. Aber ehe ich mich an die Situation gewöhnen konnte, war der ganze Spuk wieder verschwunden.</p><p>Kein Wind mehr. Wie abgeschnitten.</p><p>DAISY lief wieder aufrecht als wäre nichts gewesen. Pure Ruhe umgab das Brummen des Sechszylinders.</p><p>Der gereffte Teil des Lattengroßsegels hing aufs Deck herab. Ich holte die Schoten wieder dicht, die Bäume kamen wieder in Mittelstellung. Das Groß flappte im schwachen Seegang hin und her und das gereffte Tuch lag nun mit den Latten auf dem Kabinendach und auf der Sprayhood.</p><p>Nicht gut.</p><p>Das Besansegel hatte keine Spannung mehr. Da baumelte eine Leine aus der Baumnock: Die Reffleine, des Patentreffs, die als Unterliekstrecker das gereffte Segel auf Spannung halten sollte, sie war gerissen.</p><p>Was war das für eine Wettererscheinung?</p><p>Eine schnelle, vorläufige Analyse sagte mir, dass dieser Hammerwind von steuerbord schräg oben gekommen sein musste. Das schloss ich aus dem, was ich eben erlebt hatte und was ich nun im Lichtkegel der Taschenlampe sah: Die Lazyjacks des Großsegels auf der Backborseite waren nicht mehr an ihrem Platz. Sie sollten von der unteren Saling zum Großbaum herabführen, um das Segel auf dem Baum zu halten. Das taten sie nicht mehr.</p><p>Sie waren einfach weg.</p><p>Deshalb war das gereffte Tuch herabgefallen. Irgendwas muss also den Großbaum massiv nach unten gedrückt haben.</p><p><a href="https://steady.page/de/sailingstories/about">Jetzt Mitglied werden!</a></p><p>Die Lazyjacks bestehen aus einigermaßen flexiblen Leinen mit viel Reck. Was muss passieren, damit die überdehnt werden und brechen? Winddruck von oben oder von schräg oben! Jedenfalls von steuerbord oben. Die Dirk begrenzt den Spielraum des Großbaumes nach unten. Sie hat dem Druck standgehalten.</p><p>In dieser Nacht fand ich nur eine Erklärung: Ein Tornado, eine Windhose! Wir sind wohl genau mitten durchgefahren. Mit sechs Knoten Speed. Das war unser Glück.</p><p>Wir waren schnell durch. Ich habe sie in der Dunkelheit nicht wahrgenommen. Das soll mir nicht mehr passieren!  </p><p>In Dubrovnik und später noch einmal in Pula habe ich das Rigg kontrolliert. Die Reffleine des Großsegels zeigte klar Spuren von Überdehnung. Auf einer Länge von etwa vierzig Zentimetern war der Mantel weg: Sie war arg gestresst worden. Sie musste sogleich ausgewechselt werden. Auch das sprach für einen extremen Winddruck von oben. In Pula musste ich zudem feststellen, dass eine der Niro-Kardelen des zwölf Millimeter starken achterlichen Steuerbord-Unterwants am Großmast unter dem Terminal gebrochen war. Eine von zwölf Kardelen. Bei einem 16-fach verstagten Großmast nicht sofort ein unkalkulierbares Risiko, aber ein Schaden, der zügig behoben werden musste. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, was da mit einer filigraneren Yacht passiert wäre.</p><p>Elke stand bleich im Niedergang, hielt sich immer noch etwas verkrampft fest am Handlauf.</p><p>»Was war denn das?«</p><p>»Ein Wirbelsturm, eine Windhose, denke ich.«</p><p>»Du wärst beinah rausgefallen.«</p><p>»Ja, aber nur beinah. Wir sind gleich da.«</p><p>Nach diesem Schreckensereignis steuerten wir weiter in der schwarzen Nacht auf Dubrovnik zu. Nicht ahnend, dass uns dort eine weitere Turbulenz erwarten würde. Allerdings keine meteorologische.</p><p>Bald spiegelten sich die Lichter der Hafenstadt im schwarzen Wasser. Die Einfahrtslampen wiesen uns den Weg, rot und grün.</p><p>Gegen vier Uhr früh erreichten wir den Hafen Gruz. Er war mir gut bekannt von einigen früheren Aufenthalten. Dies sollte mein erster Besuch mit meinem eigenen Schiff werden. Bei Claudia in Trani hätte ich eine kroatische Gastlandsflagge besorgen können. Hätte.</p><p>Da ich diesmal aus Italien, aus dem Ausland anreiste, setzte ich mangels kroatischer Flagge die gelbe Flagge »Q« und legte das Schiff an die Zollpier. Jedenfalls dorthin, wo ich bisher die Zollpier wusste. Wir machten im Licht der Hafenbeleuchtung backbords längsseits fest. Das neue Zollbüro lag finster gegenüber. Offenbar geschlossen. Wir tuchten die Segel ordentlich auf, stellten die Schäden fest und legten uns schlafen.</p><p>Gegen sieben Uhr weckte mich eine Männerstimme von draußen »Hallo Daisy!«</p><p>Ein blonder Mensch in Zivil etwa Mitte Dreißig stand auf dem Kai, eine Ausweiskarte um den Hals. Ich sagte: »Good morning!«</p><p>»What do you want here?«</p><p>So eine Begrüßung nach langer Fahrt habe ich in noch keinem Hafen gehört. Okay. Wir sind in Kroatien.</p><p>»We like to visit Croatia. We want check in.«</p><p>»You have to berth at the toll-pier.«</p><p>»I thought, this is the toll-pier. I have been here before.«</p><p>»No. The toll-pier is there.«</p><p>Er deutete auf den Platz achteraus der DAISY, etwa eine Schiffslänge entfernt. Der Platz war nicht gekennzeichnet, nicht abgetrennt. Er lag einfach nur rund zwanzig Meter weiter zurück.</p><p>»Okay, we move.«</p><p>»And afterwords you have to go to the police, with your documents.« Er wies auf den Eingang des weißgrauen Zollgebäudes.</p><p>Inzwischen war die Crew auch aufgestanden. Wir verholten das Schiff die zwanzig Meter achteraus. Ich sammelte die Pässe ein, packte das Schiffsdokument dazu in den Rucksack und machte mich auf den Weg. Die Halle wurde von einer Reihe Abfertigungsschalter in der Mitte geteilt. An einem saß eine Polizistin in dunkelgrüner Uniform. Bisschen rundlich, dunkle Locken unter dem Militärschiffchen, vielleicht ende Vierzig, der übliche strenge Blick.</p><p>»You come from the Daisy?«</p><p>»Yes Mam. I am the owner and captain.«</p><p>»Okay. Now you have to pay hundred Euro.«</p><p>Ich musste schlucken.</p><p>»What? Why? Hundred Euros for what?«</p><p>»That’s what the harbour-authority said. You did not announce your arrival by VHF.«</p><p>Schon wieder musste ich schlucken. Das war lächerlich. Noch nie war es in diesem Hafen erforderlich gewesen, sich per Funk anzumelden.</p><p>»They registered you in the night and you come in without an announcing.«</p><p>Natürlich revoltierte alles in mir. Das war absoluter Humbug. Wenn sie mich schon kommen sahen in der Nacht, hätten sie mich ja anfunken können, um zu fragen, wo ich hinwollte. So habe ich das in England oder in Kuba erlebt. Ich war drauf und dran gleich wieder abzulegen. Es half alles Argumentieren nichts. Hundert Euro hatte ich nicht bei mir.</p><p><a href="https://steady.page/941f8b60-a014-472b-907a-7d82d390cf3f/posts/9ce34c21-1726-4c91-98a4-1a4d478db1fb">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Albtraum Tornado]]></category>
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      <pubDate>Fri, 19 Jun 2026 21:40:35 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[Der schnellste Jahreswechsel meines Lebens]]></title>
      <description><![CDATA[Das Schicksal schlägt ein neues Kapitel auf: Allein auf dem Schiff, allein auf hoher See. Seit fast einem Jahr lebe ich nun auf meiner über…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Der schnellste Jahreswechsel meines Lebens: Zwischen Antigua und Jamaika</h1><p> </p><p>Das Schicksal schlägt ein neues Kapitel auf: Allein auf dem Schiff, allein auf hoher See. Seit fast einem Jahr lebe ich nun auf meiner über achtzehn Meter langen Ketsch DAISY, war aber noch keine einzige Meile allein mit ihr unterwegs gewesen.</p><p>Bis heute, Freitag, den elften Januar 2008. Die für die Reise von <em>Santo Domingo</em> nach <em>Jamaika</em> angemeldete Crew hat abgesagt. Autounfall in Deutschland. Näheres wurde nicht mitgeteilt, nur die Folge: Der Urlaub musste ausfallen. Das bedeutet für mich drei Wochen ohne Crew. Ist zwar von der Dominikanischen Republik aus nicht sehr weit, aber immerhin hohe See, Karibik, Passat. Rund fünfhundertvierzig Seemeilen.  </p><p>Erreicht hatte mich die Nachricht vor drei Wochen in <em>English Harbour</em> auf <em>Antigua</em>.</p><p>Es ist eine der nördlichen Inseln der kleinen Antillen. Der Staat heißt <em>Antigua and Barbuda </em>und umfasst neben diesen beiden noch sechsundvierzig weitere Inseln. Er versteht sich als unabhängige konstitutionelle Monarchie mit dem englischen König als Repräsentanten.</p><p>Bewohnt wird das Mitglied im Commonwealth überwiegend von afrikastämmigen Menschen. Ihre Vorfahren wurden von Europäern aus Afrika entführt, um in den Zuckerrohrplantagen auf den Inseln zu schuften. Seit dem Ende der Sklaverei im neunzehnten Jahrhundert spielt Zuckerrohr keine Rolle mehr. Die Leute leben überwiegend vom Tourismus. Sie leben von Menschen wie mir.</p><p>Hier erfahre ich also, dass ich von <em>Santo Domingo</em> nach <em>Jamaika</em> allein sein würde. Nun habe ich noch drei Wochen, mich darauf vorzubereiten. Zeit für mein spezielles Einhand-Training.</p><p>Auszubaden hat das die Crew, die auf <em>Antigua</em> an Bord kam. Gerlinde eine blondgelockte blauäugige Kollegin der schreibenden Zunft in den Vierzigern, zählt seit langem zur Stammcrew, Thomas kräftiger Kerl mit weisem Haarkranz, Zahnarzt und Segellehrer von der deutschen Nordseeküste und Therese, seine große sportliche brünette Gattin und Kollegin. Alle drei ambitionierte Segler.</p><p>Mein spezielles Training besteht darin, zu versuchen, mehr als sonst alles selbst zu machen.  Überhaupt kein Problem, solange das Schiff auf See geradeaus läuft. Segel setzen, Segel trimmen, reffen, geht alles allein, einhand, wie Segler sagen. Solange der Autopilot funktioniert, sowieso. Bei Hafenmanövern sieht es etwas anders aus. Aber das will ich trainieren.</p><p>Die Drei wagen also das Abenteuer Karibik und treffen auf einen Skipper, der zwar weder Augenklappe noch Holzbein vorweist, aber dessen rechter Unterarm noch immer dick verbunden ist. Der blutige Raubüberfall in Chateaubelair in St. Vincent, hatte mich gezeichnet. Die Naht ist geschlossen, die Fäden noch drin. Albrecht, den die Machete des Räubers tief den Oberarm verletzt hatte, war nach der Operation schleunigst heimgeflogen nach Bayern. Hannes, Uschi und Matthias hatten mich bis Antigua begleitet. »Blut, überall Blut« habe ich die Geschichte überschrieben.</p><p>Die Neuen wollen trotzdem fröhlichen Urlaub erleben auf unserer Reise nach Westen. Der Hafen, in dem die DAISY sie erwartete, liegt auf der Südseite <em>Antiguas</em> und wird auch »<em>Nelsons Dockyard</em>« genannt. 1784 kam der später berühmte Seeheld und Lord sechsundzwanzigjährig als Kapitän der britischen Fregatte BOREAS nach <em>Antigua</em>. Es bestand dort im <em>English Harbour</em> schon seit 1725 eine Werft.</p><p>Horatio Nelson ließ den Naturhafen im Auftrag seines Königs George III. als Basis für die britische Präsenz in der Karibik ausbauen. Weil er die strengen britischen Handelsgesetze durchsetzen wollte, bekam er Ärger mit englischen und amerikanischen Geschäftsleuten. Acht Monate soll er deshalb auf der BOREAS gefangen gewesen sein, bis ein Gericht für ihn entschied.</p><p>Nur wenige der ersten Gebäude des Hafens sind erhalten. Vom alten Bootshaus stehen nur noch ein paar Säulen. Ein Erdbeben hat den Rest zerstört. Doch die Häuser, in denen heute die Büros der Autoritäten wie Immigration, Hafenbüro und Zoll untergebracht sind, haben locker zweihundert Jahre auf dem Dächern. Sie beherbergen auch ein kleines Museum und einige florierende Geschäfte.</p><p>In einer Boutique will ich mir neue Shorts besorgen. Die charmante Inhaberin sieht meinen Verband und fragt, was mir passiert sei. Als ich ihr die Story in groben Zügen schildere und <em>Chateaubelair</em> erwähne, meint sie: »I am so sorry. You are the poor guy. Keep you safe.«</p><p>Sie gibt mir einen Rabatt und legt noch ein T-Shirt von der Antigua-Sailing-Week drauf. Die <em>Kleinen Antillen </em>sind kommunikativ offenbar recht gut vernetzt.</p><p>Per Taxi schaffen wir Proviant für die nächsten Tage an Bord. Das Land lebt vom Tourismus. Man kann es an den Preisen fühlen. Die Anziehungskraft liegt in der Natur des Eilands: Es darf als paradiesisch gelten. Palmen, reiche Flora, noch etwas Urwald, der höchste Berg vierhundert Meter hoch, grün überwuchert, an den Küsten rund herum zahllose Buchten mit malerischen Ankerplätzen und immer der Passat aus Nordost gern um die sechs Beaufort.</p><p>Nur, im Sommer hört der Spaß mitunter plötzlich auf, wenn Wirbelstürme über die Insel fegen und alles demolieren, was nicht stark genug gebaut, verankert oder sonst gesichert ist.</p><p>Wenn sich die Karibik aufheizt, entstehen hier gewaltige Zyklone. Die ziehen gewöhnlich, sich kontinuierlich abschwächend, über den nordamerikanischen Kontinent nach Norden und über dem vierzigsten Grad nördlicher Breite nach Osten. Europa freut sich dann über stürmische Tiefdruckgebiete mit viel Nass aus den Wolken.</p><p>Die Zyklone im nördlichen Nordatlantik haben auch was Gutes: An ihrer Südseite lässt es sich genial nach Osten segeln etwa auf dem achtunddreißigsten Breitengrad. Meist raumschots und bei gutem Wetter. Habe es dreimal gemacht. Siehe: Novascotia – Faial, Azoren.</p><p>Diese Tour muss jetzt noch warten, erstmal liegt die <em>Karibische See</em> vor dem Bug. Drei Tage halten wir uns auf <em>Antigua</em> auf, weil es so schön ist. Genug Zeit, die Crew in das Schiff einzuweisen. Thomas wird zum Coskipper ernannt. Er kennt sich aus mit Segelbooten. Gemeinsam haben wir die Nachbarn bewundert:  Tolle teure Yachten liegen in <em>English Harbour</em>. Sehr teure. Segelyachten gut bis hundert Fuß lang, hochglanzpoliert, mit jungen Crews, die dauernd am Putzen und Wischen sind. Dort, wo früher die Fregatten seiner Majestät mit ihren Kanonen längsseits lagen, wird jetzt mit Buganker und Heckleinen gearbeitet.</p><p>Auch der Bug der DAISY zeigt nach Nordosten, dorthin, wo der Wind herkommt. Deshalb ist es wichtig, den Anker weit draußen im Hafenbecken mit viel Kette zu setzen. Sechs Beaufort auf die Nase machen ordentlich Druck. Sicherheitshalber hat man irgendwann eine mächtige Kette quer durch die Bucht gelegt. Wenn sich der Anker darin verhakt, liegt das Schiff sehr sicher. Nur das Ankeraufholen wird etwas schwierig. Hat mir freilich vor meiner Ankunft niemand verraten.  </p><p>Dreiundzwanzigster Dezember, drei Uhr nachmittags. Wir sind so weit. Diesel- und Wassertanks voll, ausklariert, Maschine kontrolliert, los geht‘s. Maschinenstart, Heckleinen los, Propeller sachte auf Voraus gestellt.</p><p>Thomas hockt vorn an der Ankerwinsch. Singend holt die Winsch die Kette, DAISY verlässt langsam die Lücke. Schon liegen zwei, drei Bootslängen hinter ihr. Klar, es liegen über sechzig Meter Kette im trüben Hafenwasser.</p><p>Da geht das Singen in ein gequältes Quietschen über und dann stockt die Winsch. Stille. Thomas beugt sich über den Bug. Er wendet sich nach achtern zu mir.</p><p>»Der Anker hängt an irgendwas.«</p><p>»Okay. Lass Kette runter. Ich fahr drüber, vielleicht…«</p><p>Wäre ein alter Trick gewesen. Drüberfahren auf der anderen Seite des Hindernisses Kette runterlassen, dann anziehen. Da könnte der Anker umfallen und aus dem Hindernis aushaken. Hat schon oft funktioniert. Aber jetzt höre ich einen Außenbordmotor. Zwei junge Kerle knattern in einem Schlauchboot heran. Der eine zieht gerade eine Taucherbrille übers schwarze Gesicht.</p><p>»Hey captain! Problem with the anchor? There is a big chain on ground. We get it. Hundred US. Okay?«</p><p>»One moment guys!«</p><p>Auskuppeln, bin schon am Bug. »Zieh mal an Thomas.«</p><p>Er drückt den Fußschalter der Ankerwinsch. Die Kette wird stramm, sehr stramm, der Bug nickt nach unten. Sieht schlecht aus.</p><p>»Okay lass Kette runter. Okay guys, do it.«</p><p>Schon plumpst der Taucher aus dem Schlauchboot ins Wasser.</p><p>»Hundert Dollar! Mein lieber Schwan.«</p><p>»Willkommen in der Karibik.«</p><p>Der Kerl taucht wieder auf.</p><p>»You are free!«</p><p>»Los hol ihn rauf ich geh ans Ruder und hol die Kohle.«</p><p>Der fünfunddreißig Kilo-CQR kommt spielend hoch, scheppert am stählernen Bugspriet in sein Lager. Das Schlauchboot folgt mir zum Heck.</p><p>»Hallo Gerlinde, hast Du mal hundert Dollar, kriegst sie wieder.«</p><p>»Thanks a lot. Have a nice trip!« Die beiden rauschen mit ihrem Schlauchboot zurück an Land.</p><p>Drehzahl erhöhen, Propeller auf Voraus. Ruder legen. Es geht um die erste Kurve der Einfahrt.</p><p>»Würde gern wissen, wie die früher mit ihren Rahseglern hier reingekommen sind.«</p><p>Thomas wundert sich genau wie ich.</p><p>»Vermutlich geschleppt von Ruderbooten.«</p><p>»Gegen den Wind? Ganz schön heftig.«</p><p>»Mit zehn Ruderern?«</p><p>Die nächste Kurve und dann noch um ein paar kleine braune zackige Klippen herum, Felsen, die nur einen halben Meter aus dem Wasser ragen. Der Ford-Lehmann Sechszylinder schiebt die DAISY sicher dran vorbei. Unser Ziel für heute liegt gleich um die Ecke.</p><p>Die <em>Morrisbay</em>. Hier kann man frei ankern. Kostet nichts und ist unglaublich malerisch. Eine weite Bucht nach Westen offen, türkisklares Wasser, gesäumt von hellem Sandstrand und wiegenden Palmen.</p><p>Wir üben Bordleben am 24. Dezember. Therese und Gerlinde betätigen sich zum Dinner in der Pantry. Herauskommt ein Weihnachtsmal: Fischfilet mit Kapernsoße, Reis und Salat. Festliche Stimmung im Mittelcockpit.</p><p>Tags drauf kommt Santa Claus. In rotem Gewand mit Zipfelmütze kurvt er auf einem Quad über den hellen Strand. Die Palmen wedeln über ihm, während wir das Frühstück im Mittelcockpit genießen und der Generator brummt. Um halb elf holt Thomas den Anker rauf. Die Reise beginnt.</p><p>Raus aus der Bucht. Draußen rolle ich die Genua raus. Das große Tuch füllt sich. Raumschots getrieben zieht die DAISY rauschend durchs herrlich glitzernde Meer nach Westen. Auskuppeln, Propeller auf Segelstellung, Maschine aus.</p><p>Bald zeigt das GPS sechs Knoten über Grund. Der westliche Horizont ist leer. Achtundvierzig Seemeilen sind es bis <em>Charlestown</em> auf der Insel <em>Nevis</em>. Wir segeln quasi im Kielwasser des jungen Horatio Nelson. Auf Nevis haben sich er und seine spätere Ehefrau gefunden.</p><p>Bei achterlichem Passatwind und kleiner Welle saust die DAISY hinter der stramm geblähten Genua her. Mittags muss der Generator mal zwei Stunden laufen. Aus der Pantry kommt ein köstlicher Snack. Der Autopilot steuert leise summend. Das ist es wohl, was die Leute von der Karibik erwarten. Segeln im Passat, blaues Meer, zweiunddreißig Grad Celsius mitten im Winter.</p><p>Nachmittags taucht am Horizont voraus eine Insel auf. Eine grüne Spitze. Das muss <em>Nevis</em> sein. Eine grünüberwucherte Vulkaninsel. Knapp tausend Meter ragt der erloschene Kegel laut Karte übers Meer. Das Eiland gehört zu dem Karibikstaat <em>Saint Kitts and Nevis</em>. Bisschen über fünfzigtausend Einwohner.</p><p><em>St. Kitts</em> hieß ursprünglich Sankt Christobal. So schrieb es Kolumbus in sein Logbuch. Hat sich bisschen abgeschliffen seit 1493. Auch <em>Nevis</em> hatte einen spanischen Namen: Nuestra Señora de Nieve. Auch zu lang. Nun bilden beide einen der kleinsten Staaten der Erde, Mitglied im Commonwealth of Nations. Parlamentarische Monarchie. Repräsentantin ist zur Zeit unserer Reise die britische Königin.</p><p>Wir lassen die Insel an steuerbord. Es wird finster, ehe wir das Südkap erreichen. Im Westen hinter dem kegeligen Berg gibt es kaum noch Wind. Der Sechszylinder wird gebraucht. Ich will die Genua wegrollen, aber Thomas nimmt mir die Arbeit ab. Mit den Lichtern der Siedlungen an steuerbord motoren wir schließlich nach Norden. Es gibt Arbeit: Die rote Lampe an Backbord fällt aus.</p><p>Vor der Stadt <em>Charlestown</em> umrunden wir das Kap einer vorspringenden Halbinsel und schon sehen wir die Ankerlichter etlicher Segler. Es findet sich ein ruhiger Platz in der weiten <em>Bathbay</em> im Windschatten des Vulkans. Anker klar und fallen lassen auf sechs Meter Tiefe mit vierzig Meter Kette. Wollte ich eigentlich auch selbst machen. Position 17°07‘433 Nord, 062°38‘068 West.</p><p>Landgang ist nicht geplant in der karibischen Finsternis. Das Dinner wieder im Mittelcockpit. Die vielen anderen Ankerlieger vermitteln ein Gefühl der Sicherheit. Die Schiebeluken werden dennoch verriegelt.</p><p>Am Morgen kümmert sich der Skipper um die Backbord-Positionslampe, während der Generator brummt. Die Glühbirne ist in Ordnung kriegt aber keinen Strom. Der Fehler in der Leitung wird gefunden. Baden, Frühstück. Um zwanzig vor zehn Maschinenstart und Anker auf. Diesmal ist unser Ziel schon bei der Abfahrt zu sehen: <em>St. Kitts</em>.</p><p>Der Kurs weist nach Nordwest und das bedeutet, dass der Passat fast halbwinds einfällt und alle Segel gefragt sein werden, sobald wir aus dem Windschatten kommen. Also kurble ich um zehn das Groß hoch und dann das Besansegel, während der Autopilot steuert. Muss mich richtig beeilen, damit mir niemand die Arbeit abnimmt.</p><p>Da wir wieder mit sechs Beaufort rechnen müssen, binde ich gleich das erste Reff ins Groß. Beim Trimm greifen dann doch Thomas und Therese ein. Die DAISY rennt wieder richtig flott.</p><p>Es sind nur zwölf Seemeilen bis <em>Basseterre</em>. Die Hauptstadt von <em>St. Kitts</em> und des gesamten Staates trägt den französischen Namen: <em>Basseterre</em>, niedriges Land. Um zwölf mittags schalte ich die Maschine ab. DAISY segelt leicht nach backbord gekrängt mit sechs Knoten nach Nordwest.</p><p>»Seht Ihr das?«</p><p>»Was?«</p><p>»Da vorn. Das Wasser. Weiß geschäumt. Da pfeift es sauber.«</p><p><a href="https://steady.page/941f8b60-a014-472b-907a-7d82d390cf3f/posts/93025fc1-8de0-43ab-9ea8-2fa14b132336">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Komm an Bord!]]></category>
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      <pubDate>Thu, 26 Feb 2026 21:43:59 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Tränen auf Isla Mujeres]]></title>
      <description><![CDATA[Es ist stockfinster, die Tageshitze längst verflogen. So fällt es uns auf den siebzehn Kilometern vom International Aeropuerto José Martí bis zur Marina Hemingway…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Es ist stockfinster, die Tageshitze längst verflogen. So fällt es uns auf den siebzehn Kilometern vom International Aeropuerto José Martí bis zur Marina Hemingway leichter, mit den tropischen Konditionen klarzukommen. Wir haben Februar und vor ein paar Stunden einen typisch oberbayerischen Winter hinter uns gelassen. Mein erster Landurlaub seit fast einem Jahr ist zu Ende.</p><p>In den vergangenen drei Wochen segelte der frühere Eigner der DAISY mein Schiff von Jamaika nach Havanna. Per SMS hatte er mitgeteilt, dass er sie im zweiten Becken der weitläufigen Marina festgemacht habe.</p><p>Das Taxi hält vor der pompösen hellblau und weiß gestrichenen Hafenpforte. Ich reiche dem Chauffeur 45 CUCs, das Äquivalent zu ebenso vielen US-Dollars. Fidel und sein damaliger Finanzminister Ché wollten das so: Keine US-Dollars auf Kuba aber ihren Wert.</p><p>Das Marinagebäude im modernistisch schwungvollen Betonstil der 50er Jahre ist beleuchtet und besetzt.</p><p>»Buenvenido en Marina Hemingway.«</p><p>Ausweise vorlegen, Schiffsname, Flagge des Schiffs?</p><p>Cornelia und ich laufen mit unserem Gepäck in das weitgehend dunkle Hafengelände. Es gibt vier Becken. Jedes dreißig Meter breit und rund achthundert Meter lang. Sparsame Beleuchtung. Wir tasten uns langsam vor, hart am Rand des zweiten Beckens. Manche Betonplatten der Piers sind brüchig. Eine Taschenlampe wäre zu empfehlen gewesen. Auch an den Kästen der Stromversorgung hat der Zahn der Zeit heftig genagt.</p><p>Der Yachthafen war 1953 als Barlovento-Marina begonnen worden. Fertigstellung 1957. Zwei Jahre später wurde er nach dem Sieg der Revolution verstaatlicht und umgetauft. Ernest Hemingway hat immerhin zwanzig Jahre in Havanna gelebt, vor der Revolution. Er besaß selbst eine Yacht und hat mit ihr Reisen in der Karibik unternommen. </p><p>Die Schiffe liegen alle längsseits vertäut. Das siebte oder achte Boot trägt zwei Masten. Na klar, das ist sie.</p><p>Weiß lackiert, die sanft geschwungene Linie vom horizontalen Bug nach mittschiffs und von dort wieder leicht ansteigend zum Heck. Das starre weißlackierte Wasserstag am Bug, der weiße Container der Rettungsinsel vor dem Großmastfuß, der flache Decksaufbau mit dem blauen Streifen, die breiten Windschutzscheiben vor dem stahlglänzenden Targabügel über dem Mittelcockpit, das blitzende Ruderrad im Achtercockpit. Mein Schiff. Achtzehn Meter lang, knapp fünf breit, da liegt sie dunkel im Schimmer der Hafenfunzeln.</p><p>In Montegobay, Jamaika, habe ich sie verlassen. Dort habe ich eine neue Crew aufgegabelt. Zwei junge Menschen, Andrew und Jenny. Sie möchten jetzt von Havanna bis Mexico dabei sein. Morgen wollen sie eintreffen.</p><p>Nun bin ich wieder daheim. Alle Luken sind geschlossen alles finster, niemand da. Komisch. Habe meine Ankunft per SMS angekündigt.</p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8d0f433c-5adc-494d-a466-1727ac1e1abb/uploads/images/uc27sfmice/kubahemingway.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Da liegt meine  Ketsch DAISY längseits festgemacht in der Marina Hemingway bei Havanna auf Kuba."/><figcaption>Da liegt meine  Ketsch DAISY in der Marina Hemingway bei Havanna auf Kuba.</figcaption></figure><p>Klar habe ich meine Zweitschlüssel bei mir. Das Schiebeluk im Achtercockpit aufschließen, vertikales Luk rausnehmen und runtersteigen. Der Geruch ist in Ordnung. Licht an. Die Skipperkabine ist belegt, niemand da, der Salon mit der langen Pantryzeile bewohnt, aber aufgeräumt. Fertig gepacktes Gepäck liegt auf den Bänken. Sehr schön. Der frühere Eigner hat zwei Crewmitglieder mitgebracht. Diese bewohnen offenbar die Mittelkabine. Alle drei werden morgen abreisen.</p><p>Wir stellen unsere Taschen ins Vorschiff. Dort gibt es noch zwei Kabinen mit Etagenkojen aus Mahagoni. Nach der langen Reise knurrt der Magen. Wir finden was Essbares: Pasta und Thunfisch in Dosen. Der Unterschied zu einem Charterboot. In meinem Zuhause sind Grundnahrungsmittel immer verfügbar. Das Zubereiten geht schnell. </p><p>Fast ist die Mahlzeit beendet als von draußen Stimmen zu hören sind.</p><p>»Da ist Licht an.«</p><p>»Der ist schon da.«</p><p>Jemand betritt des Schiff. Der Voreigner und seine Crew, ein junger Mann und seine Freundin, kommen in den Salon.</p><p>»Was machst Du denn da? Das ist nicht abgemacht. Das geht gar nicht!«</p><p>Der wird richtig laut.</p><p>»Moment mal. Ihr reist morgen ab und wir kommen heute. So ist es vereinbart. Ich hab Dir eine SMS geschickt, mit meiner Ankunftszeit.«</p><p>»SMS? Ich lese doch keine SMS!«</p><p>»Komm lass es. Geh schlafen. Morgen geht Euer Flieger.«</p><p>Was ist das für ein Typ? Sportmediziner, promoviert. Zehn Jahre jünger als ich. Ich bin fassungslos. Es wäre eine Schiffsübergabe angesagt. Innerhalb von drei Wochen kann viel passieren an Bord. Wäre wichtig zu wissen. Die Crew verzieht sich in ihre Kabine. Wir auch.</p><p>Nachtruhe.</p><p>Am Morgen kommt es doch zu einem sachlichen Gespräch. Der Voreigner erzählt von Problemen mit dem Generator. Die externe Kühlwasserpumpe habe nicht funtktioniert. Kann behoben werden, denke ich. Wir verabschieden die Drei. Sie nehmen ihr Gepäck auf und verlassen das Schiff.</p><p>Neben der Kühlwasserpumpe des Generators treibt mich eine andere Frage um: Seekarten von der Mexikanischen Küste, den ganzen Golf bis zur US-Küste. Konnte ich in Deutschland nicht beschaffen. Hoffte auf die große und traditionsreiche Hafenstadt Havanna. Wir kommen am Marina-Oficina vorbei.</p><p>»Moment, ich muss mal schnell was fragen.«</p><p>Cornelia wartet vor der Tür. Drinnen hinter der Theke eine gertenschlanke junge Dame in grüner Uniform. Kaffeebraun, makellos, schwarzes Haar, dunkle Augen. Und diese Lippen!</p><p>Erstmal tief durchatmen.</p><p>»I am looking for maps. Mapas para navegar.«</p><p>Diese Wimpern. Garantiert nicht angeklebt.</p><p>»Hay una tienda en la barria de puerto de Habana. Mira aquí esta la dirección.  Librería Fayad Hamis, Calle Osbispo, posiblamente también en Antigua Havana.«</p><p>Sie notierte die Adressen auf einem Zettel.</p><p>»Muchas gracias.«</p><p>»Und, erfolgreich?«</p><p>»Schauen wir mal. Zumindest zwei Adressen in der Stadt.«</p><p>Cornelia und ich finden ein Taxi. Ein dunkelgrüner uralter Chevrolet mit nicht enden wollender Motorhaube und diesem beinah barocken Kühlgrill aus den vierziger Jahren. Als Kind fand ich so ein Modell mal unterm Weihnachtsbaum. In Blau aus Blech, mit Kabelantrieb und Lenkung zum Hinterherlaufen. Und jetzt sitz ich drin! Die Fahrt geht an der Küste entlang und biegt dann in die prächtige Innenstadt ab in den breiten Paseo de Marti.</p><p>Typisch spanische Stadtanlage. Sie wurde paar Jahre nach dem Kolumbus hier aufgekreuzt war gegründet. Offiziell 1519 und zwar auf Veranlassung von Karl V. Der war gerade 19 Jahre alt und König von Spanien und dem Heiligen römischen Reich. Aber erst 1592 ernannte sein Nachfolger, König Philipp II. von Spanien Havanna zur Hauptstadt Kubas. Praktischer Stützpunkt für das weitere Vordringen der Europäer nach Westen.</p><p>Wir gelangen in das Hafenviertel. Der Chauffeur hält vor der Buchhandlung, die angeblich auch Seekarten im Angebot hat. Wir steigen aus.</p><p>Drinnen eine magere Dame mit grauer Lockenwolke, Brille. Kann ich hier Englisch erwarten?</p><p>»You offer maps for navigation at sea?«</p><p>Ein fragender Blick.</p><p>»Lo siento..«</p><p>Da muss Cornelia helfen.</p><p>»Tiene usted mapas para navegar en el mar?«</p><p>»Para navegar? Si si.«</p><p>Die Dame führt uns zu einer Tischkommode, zieht eine große Schublade auf. Da sind Seekarten drin! Seekarten von Kuba. Ostteil, Nordküste, Westteil, Santiago de Cuba, Südteil.</p><p>»Mapa de Mexico? Yucatan? Golfo des Mexico?«</p><p>»Lo siento no. Solo Isla Cuba.«</p><p>»Que mal suerte. Gracias.«</p><p>Pech gehabt.</p><p>Die zweite Adresse. Wir fragen uns durch. Auf dem Weg gibt es viel Musik. Flotte Rhythmen von Gitarren und Flöten. Dann stehen wir vor dem Geschäft. Es handelt sich um einen Laden direkt am Hafenbecken, einen Laden, den ich für ein Antiquariat halten würde. Spezialgebiet Seefahrt. Bücher, Bilder, alte Positionslampen, Kerzenleuchter, Zirkel, eine historische Peilscheibe. Ein Senor, der die Revolution überlebt hat.</p><p>»Tiene usted mapas para navegar en el mar?«</p><p>»Si si. Alli.«</p><p>Ein uralter dunkler Schrank, wieder eine Schublade. Karten von Kuba. Alle Küstenabschnitte.</p><p>»Mexico?«</p><p>»Lo siento…«</p><p>»Was machen wir jetzt?«</p><p>»Nachdenken. Vielleicht findet sich noch eine Möglichlichkeit.«</p><p>Wir schlendern durch weitere Straßen, in denen sich spanische Barockfassaden aneinanderreihen. Manche bunt und sauber herausgeputzt, viele dem Verfall nahe. Erinnern an die alte DDR.</p><p>In einer von Touristen heftig belebten Calle spricht uns ein kaffeebrauner Senor an. Sicher Mitte der Fünfzig, graumeliertes Haar, schwarzer Schnurrbart, dunkler Anzug mit weißem Hemd samt Krawatte.</p><p>»Darf ich Sie in unsere Bar einladen? Wir haben sehr interessante Angebote an Rum und Zigarren.« Einwandfreies Deutsch mit sächsischem Tonfall. Moment mal, wir sind auf Kuba und nicht in Dresden.</p><p>»Danke, das klingt verlockend. Wo ist die Bar denn?«</p><p>»Da drüben, bitte sehr.«</p><p>»Sie sprechen sehr gut Deutsch.«</p><p>»Hab ich in Leipzig gelernt. Habe dort Maschinenbau studiert.«</p><p>»Das finde ich ja gut. Und jetzt hier in Kuba?«</p><p>»Leider keine Arbeit für Ingenieure. Bin jetzt Direktor dieser Bar dort.«</p><p>Ein sehr malerischer Laden, stilvoll eingerichtet, dunkles Holz viele Spiegel. Eine unüberschaubare Menge an Rumsorten in verschnörkelten Regalen. Blankpolierte Holzkistchen und edle Schatullen mit erlesenen Zigarren.</p><p>Der Bardirektor leitet uns an einen Angestellten weiter. Der junge Mann öffnet einige der Schatullen. Duftwolken aus einer Welt aus Tabak. Kindheit poppt auf in meinem Kopf. Mein Vater hatte das Elternhaus mit Zigarrenrauch erfüllt, Tag für Tag, all die knapp zwanzig Jahre, die ich dort verbracht hatte.</p><p>Und jetzt? Ich habe dem Tabak längst entsagt. Und für Rum war der Tag noch zu jung.</p><p>»Muchas gracias, quizas mas tarde.«</p><p>Wir kommen an einem Supermarkt vorbei. Moderner Laden. Große Schaufenster. Drinnen Regalreihen und diese voll mit buntem Zeugs. Sieht nach großem Sortiment aus, von draußen.</p><p>Ein paar Meter weiter bietet ein Café schattige Plätze in einem Innenhof an kleinen grünlackierten eisernen Rundtischchen. Eine Tasse Kaffee, ein Stück Pastel für jeden.</p><p>Am Nebentisch sitzt ein junges Paar. Eine zierliche Schönheit mit dunklem Teint, lange schwarze Mähne, ein kräftiger Kerl. Die Frau umsorgt ein Baby im Arm. Ein ziemlich neuer Mensch, keinen Monat alt, meine ich. Cornelia meint zwei mindestens. Wir haben selber drei Kinder großgezogen. Ist schon eine Weile her. Die fünf Enkel waren auch mal so klein.</p><p>»Que lindo, que dulce.«</p><p>Cornelia spricht besser spanisch.</p><p>»Gracia, muchas gracias.«</p><p>Die Mama gibt dem Kleinen die Brust. Was für ein Bild in diesem lauschigen Café mit den alten Palmen und den tropischen Topfpflanzen im Hintergrund.</p><p>Die junge Frau sieht uns mit einem unglaublichen Augenaufschlag offen an. Eine Karibikschönheit.</p><p>»Tenemos un problema.«</p><p>»Que problema?«</p><p>»No leche para el niño. Esta es no suficiente.«</p><p>»Pero allí en el supermercado?«</p><p>»Was ist los? Was sagt sie?«</p><p>»Sie hat zu wenig Milch.«</p><p>»Bettelei?«</p><p>»Weiß nicht. Sie tut mir leid. Zu wenig Milch ist gar nicht gut.«</p><p>»Vielleicht haben sie einfach kein Geld. Ich geh rüber in den Supermarkt.«</p><p>Die Regale sind wirklich voll. Putzmittel für Bad, Küche, Kosmetik, Duschgels. Reihenweise Rumflaschen, Zigarren für Touris, Seifen. Plastikspielzeug, Bürsten, Besen, Kaffee.</p><p>An der Fleischtheke hinter Glas ein angeschnittener gekochter Hinterschinken, vier Paar dunkle Würste, eine Art Salami. Eine rundliche Dame mit weißem Papierhütchen im schwarzen Haar putzt die Arbeitsfläche mit Hingabe.</p><p>»Lo siento, perdoname.«</p><p>»Di me.«</p><p>»Leche, milk, I need milk, leche.«</p><p>»Leche? Oh. Si. Quizas próxima semana.«</p><p>»No leche?«</p><p>»No hoy no. Quizas próxima semana.«</p><p>»Gracias.«</p><p>Zurück im Café. El nino quäkt verhalten im Arm der schönen jungen Mama.</p><p>»Es gibt keine Milch. Erst nächste Woche, vielleicht.«</p><p>»So wird es wohl auch in der DDR gewesen sein.«</p><p>»Bescheuerte Planwirtschaft.«</p><p>»Hay no leche, verdad?«</p><p>»Lo siento no.«</p><p>Wir wollen weiter, bezahlen. Ich kann nicht anders und drück dem Papa einen zehn CUC-Schein in die Hand.</p><p>»Proxima semana, supermercado.« Ich deute auf den Laden. Ich weiß noch nicht, dass das eben ein halbes durchschnittliches Monatseinkommen war. Er bedankt sich jedenfalls sehr herzlich.</p><p>Ein paar Ecken weiter. Souvenirläden mit Bildern von Fidel Castro und Ché Guevara, Erinnerungen an José Martí, dem literarischen Freiheitskämpfer Kubas im 19. Jahrhundert. Ein Schwarzweißfoto taucht immer wieder auf: Ernest Hemingway mit Fidel Castro. Immer dasselbe Motiv. Castro in seiner Revolutionsuniform, Hemingway eher beiläufig distanziert. Lässt vermuten, dass es nicht so viele Begegnungen gab.</p><p>Hemingway hat ein Jahr nach der Revolution das Land verlassen. Es heißt, er habe seine wunderschöne und geliebte Finca La Vigía vor den Toren Havannas dem Staat geschenkt. Andere Varianten das Anwesen loszuwerden, dürften schwierig geworden sein. Die Kommunisten haben Privatbesitz weitgehend abgeschafft. Zwanzig Jahre hatte er dort verbracht. Er ging nach Ketchum in Idaho, USA. War schwer krank. Er hat sich dort am 2. Juli 1961 erschossen, neunzehn Tage vor seinem 62. Geburtstag. </p><p>Noch ein paar Meter weiter und wir stehen vor der Bar La Floridita. Das war eine Weile sowas wie Hemingways  zweites Wohnzimmer hier in Havanna. Die Stammkneipe des Nobelpreisträgers. Der Staat hat dafür gesorgt, dass die Erinnerung daran nicht untergeht. Als lebensgroße Bronzeplastik lehnt Ernesto dort lässig in der Ecke an der Theke.</p><p>Jetzt muss natürlich ein Daiquiry her, egal wem und was die Stunde schlägt. Hat den Vorteil, dass die feine Bude noch nicht restlos voll ist. Die Ober im schwarzen Smoking mit Fliege oder schwarzer Weste. Gutes Gefühl im Kometenschweif des großen Autors. Man kann ihm den Arm um die Schulter legen.</p><p>Der Daiquiri! Soll Hemingways bevorzugter Drink gewesen sein. Das leere Glas schreit eigentlich nach einem nächsten. Wir wollen aber noch mehr sehen. Und Hunger meldet sich.</p><p>Ein Stück Richtung Handelshafen findet sich ein günstigeres Restaurant. Dort begegnet uns die Musikalität der Kubaner sehr direkt. Zwei Gitarren, ein Banjo, Männer in den Vierzigern fangen uns ohne Umschweife am Tisch mit ihren poetischen Melodien und Rhythmen ein. Sie machen das perfekt. So leicht, so schwungvoll mitreißend, und traurig. »Y tu querida presencia, comandante Ché Guevara…« natürlich »Guajira Guantanamera.« Ich bin hingerissen.</p><p>Die drei grinsen fröhlich. Der erste Gitarrist, offenbar der Chef, pechschwarzes Haar, ebensolcher Schnurbart, fummelt eine CD aus der Tasche. Bunte Bilder zeigen die Truppe vorn drauf und hinten die Titelliste. Muss ich haben. Zehn CUCs. Kann ja nicht wissen, dass diese Rhythmen jahrzehntelang bei mir an Bord bleiben werden. Gute Investition.</p><p>Mein Telefon dudelt.</p><p>»Hi Hermann, captain!« Ach der Andrew!</p><p>»Hi Drew, where are you?«</p><p>»At the airport. We just arrived.«</p><p>»Nice. We are in the city of Havanna. We will return to the ship. Marina Hemingway. At the bassin two.«</p><p>»Okay, thanks. See you soon.«</p><p>»Sie sind da. Andrew und Jenny. Sind am Flughafen.«</p><p>»La cuenta por favor.«</p><p>Wieder ein Oldtimer-Taxi.</p><p>Wir sind früher als Andrew und Jenny auf der DAISY. Die beiden wollen uns bis Isla Mujeres in Mexiko begleiten.</p><p>In Montegobay waren sie zum ersten Mal an Bord gewesen. An der blitzenden Theke im noblen Yachtclub von Montegobay hatte er mich angesprochen. Etwa Mitte zwanzig, sportlich kräftiger Typ, mittelblondes gewelltes Haar, blaue Augen, paar Zentimeter kleiner als ich. Eine dunkeläugige schmale junge Dame mit mehr als schulterlangem schwarzen Haar hockte neben ihm.</p><p>»You are the captain of the DAISY right?«</p><p>Weiß der Geier, woher er das wusste.</p><p>»Yes. That’s right.«</p><p>»My name is Andrew. And this is Jenny.«</p><p>»Nice to meet you. My name is Hermann.«</p><p>»We are looking for an opportunity to sail a bit.« </p><p>Gut. Wir segelten eine Woche zusammen nach Negril in Westjamaika und wieder zurück. Sie stammt aus Rumänien und arbeitet als Programmiererin auf Jamaika. Drew kommt aus Pennsylvania. Hat als Student ein Jahr im Peace-Corps als Entwicklungshelfer auf Jamaika gearbeitet.</p><p>Der kurze Törn hat den beiden gut gefallen und der Bordkasse auch. Ich lernte den schönsten Strand kennen, den ich je gesehen habe: Die Westküste Jamaikas. Und einige der Buchten auf dem Weg dorthin in Westjamaika. Herrlich. Außerdem schwamm mir Maria zu vor dem weißen Strand von Negril. Ehemalige Pädagogin aus Oberbayern. Fabelhafte Person. Eine andere Geschichte. </p><p>Zurück in Montegobay fragte Drew, ob sie nochmal mitsegeln dürften.</p><p>Havanna - Mexiko war noch frei und weiter über den Golf von Mexiko bis New Orleans. Erst dort wird mich eine neue Crew erwarten.</p><p>»Oh, we have only one week and the money, you know…«</p><p>»Yes, I understand. Okay till Isla Mujeres?«</p><p>Es war abgemacht. Sie würden in drei Wochen nach Havanna kommen, um mit mir und Cornelia nach Mexiko zu segeln. Ausflüge auf Yukatan sollten die Reise abrunden.</p><p>Jetzt sind sie da. Die paar Tage in Jamaika werden wieder lebendig. Ein gutes Team.</p><p>»Take your cabin in the front again.«</p><p>»We like to see the city too.«</p><p>»Of course let’s take a taxi if you are ready.«</p><p>Die jungen Leute richten sich ein. Cornelia erholt sich von der Rumlatscherei in der Stadt.</p><p>Mich plagt immer noch eine Sorge: Seekarten von der mexikanischen Küste! Also lauf ich das Hafenbecken Nummer zwei entlang. Es findet sich eine ganze Reihe Yachten mit den Stars and Stripes am Heck. Erstaunlich, wo doch die USA offiziell fast sowas wie eine Kontaktsperre gegen Kuba erlassen haben. Soll ich noch kennenlernen.</p><p>Auf den Booten sind jetzt keine Menschen zu sehen. Bis ich vor einem großen weißen Katamaran stehe. USA-Flagge am Heck. Ein Kerl mit Preisboxerfigur an die zwei Meter hoch, sehr kurz geschorenes blondes Haar verblasste vielleicht rosa gewesene Bermudashorts, hellgrünes T-Shirt. Er spritzt gerade den landseitigen Rumpf ab.</p><p>»Hello!«</p><p>»Hello, How are you?«</p><p>»Fine. Nice ship. You ‘ll stay long here?«</p><p>»Some days I think.«</p><p>»Arrived from the states directly?«</p><p>»No. Dom Rep. But from Texas, originally. Where you from?««</p><p>»I sailed over from Europe. I am German.«</p><p>Er dreht den Wasserstrahl an der Spritzdüse ab.</p><p>»Germany! Thats far. Nice to meet you. My name is Jeff.«</p><p>»Nice to meet you Jeff. My name is Hermann. I have a little problem.«</p><p>»Can I help?«</p><p>»I am looking for maps of Mexico. I thought…«</p><p>»Turn off the tap please, and come on board.«</p><p>Der Wasserhahn ist ein uraltes Schraubmodell. Aber funktioniert.</p><p>»Come on board!«</p><p>Schon steh ich an Deck. Kräftiger Handschlag. Er erklärt, dass er schon einige Karten von der westlichen Karibik an Bord habe. Aber er könne sie nicht aus der Hand geben. Aber ich könnte sie ja fotografieren. Was für eine geniale Idee. Ich habe einen Drucker an Bord.</p><p>»I am back in a minute.«</p><p>Mit meiner Digitalkamera einer ziemlich neuen Canon EOS 250 kehre ich zurück.</p><p>Ein tolles Gerät dieser Kat. Jeff lädt mich in den Salon ein. Ein richtiger Schreibtisch als Navigationszentrale. Er sei schon etliche Jahre in der Karibik unterwegs. Boote kaufen und verkaufen sei sein Job. Er klappt den Navitisch auf.  Da liegt ein dicker Stapel Seekarten.</p><p>»What do you like? Coast of Mexico?«</p><p>»Yes, Yucatan, Isla Mujeres, Coast of Louisiana, New Orleans and Mississippi.«</p><p>Er entdeckt meine noch immer sehr deutlich sichtbare Naht an meinem rechten Unterarm.</p><p>»What happens to you?«</p><p>»Pirates. A machete.«</p><p>»Where?«</p><p>»Chateaubelair, St. Vincent.«</p><p>»Oh, I know. I am sorry. Caribean is dangerous.«</p><p>Er findet eine Karte von Yucatan mit Isla Mujeres. Ich fotografiere die Karte.</p><p>»I had some meetings with pirates too. Not funny.« Er findet eine Karte von der Küste zwischen Louisiana und Mississippi. Die Kamera klickt.</p><p>»Since the first attack I have eleven guns with me.«</p><p>»What? Eleven guns?«</p><p>»Yes I don’t have time to go in the kitchen, you know. To save my live I had to shoot five people.« Er klappt den Navitisch zu.</p><p>»Five?«</p><p>Vor Venezuela hätte sich ein Fischerkahn seinem Schiff genähert. Außerhalb der Hoheitsgewässer, hohe See. Er habe das Fernglas benutzt. Drei Männer an Bord des Kahns und er allein auf seinem Kat. Sie hätten Langwaffen rausgekramt, Flinten, Gewehre. Er sei in Deckung geblieben und habe sie angeschrien: »Stay away!« Aber sie hätten weiter direkt auf ihn zugehalten. Da habe er erst in die Luft geschossen. Das habe die aber nicht beeindruckt. Sie wollten ganz offenbar seinen Kat entern. Da habe er gezielt geschossen. Die drei seien in ihren Kahn gestürzt und er habe seine Fahrt unbehelligt fortgesetzt.</p><p>»You know. On high sea it is dangerous. There is no police, no law.«</p><p>»And the other two?«</p><p>»A different case. In the waters of Honduras. Again fishermen.«</p><p>Diesmal seien es zwei Typen gewesen. Wieder mit Gewehren bewaffnet. Auch sie hätten auf die Warnung nicht reagiert. Als sie regungslos in ihrem Kahn lagen, habe er die Küstenwache von Honduras verständigt. Ziemlich bald sei ein Küstenwachboot aufgekreuzt, sei längsseits an den Kat gekommen. Die Beamten hätten den Fischerkahn untersucht, den Tod der beiden festgestellt. Sie hätten ein kurzes Protokoll geschrieben, das er unterzeichnet habe. Sie hätten eine Gebühr von fünfzig Dollar kassiert und seien mit dem Kahn im Schlepp Richtung Küste zurückgedampft.</p><p>»Therefore, I have eleven guns on my boat one in every corner.«</p><p>Freilich nicht hier im Hafen. Da müssen alle Waffen abgegeben werden. Man bekommt sie bei der Ausklarierung wieder. Aber das soll ich erst später rauskriegen.</p><p>»Thanks a lot Jeff! I will buy a gun too!«</p><p>Es funktioniert prima. Zurück an Bord übertrage ich die Bilddateien aus der Kamera auf den Laptop, formatiere sie und druck sie auf dem kleinen Printer aus. DIN A4 und in Farbe. Natürlich mehrerer Blätter, um die ganze Region zu überblicken. Was brauchst du mehr?</p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8d0f433c-5adc-494d-a466-1727ac1e1abb/uploads/images/cyzx73jmgr/KubaHavanna.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Spanischer Barock und Klassizismus im turbulenten Zentrum von Havanna auf Kuba."/><figcaption>Spanischer Barock und Klassizismus im turbulenten Zentrum von Havanna auf Kuba.</figcaption></figure><p>Ein lebhafter bunter Abend in Havanna. Wir finden ein Lokal mit Flamencobühne. Knallvoll der Laden. Kein Wunder. Der Tanz der jungen Leute in spanischen roten und gelben, violetten und blauen enganliegenden Flamencotrachten verzaubert, die Rhythmen gehen ans Herz. Kastagnetten und harte Schuhabsätze, elegante Disziplin. Feuer und Flamme.</p><p>Der Tag der Abfahrt. Die Kühlwasserpumpe des Generators läuft wieder. Es war die Stromversorgung. Um elf finde ich den Dockmaster. Er organisiert das Auslaufen. Erst kommen zwei Beamte der Immigration an Bord. Crewliste schreiben, Despacho ausstellen. Das Dokument, das bestätigt, dass wir Kuba verlassen.  Danach kontrollieren zwei Zollbeamte das Schiff. Nicht, dass irgendeine unverzollte Zigarre herumliegt! Oder eine Flasche Rum? Nichts dergleichen. Dann die Polizei. Könnte sich ja ein Kubaner oder eine Kubanerin illegal aus dem Staub machen.</p><p>Es wird viertelnachzwei bis zum Motorstart.</p><p>Ablegen.</p><p>Ein Glück, dass die Crew sich schon auskennt an Bord. Andrew und Jenny holen die Leinen ein.  Ich muss DAISY umdrehen in dem kanalähnlichen Hafenbecken. Dreißig Meter reichen, um ein achtzehneinhalb Meter langes Schiff umzudrehen. Bei Seitenwind aus Ost. Sie dreht schön auf der Stelle um den gemäßigten Kurzkiel.</p><p>Raus aus dem Hafen.</p><p>Draußen an der Ansteuerungstonne, in den Wind drehen und Großsegel und Besan hochkurbeln.  Ein Meter Welle, drei bis vier Beaufort aus Nordost. Die Welle geht gegen den Strom, das macht sie steil. Hier läuft der Golfstrom aus dem Golf von Mexico. Gegen den wollen wir nach Westen segeln.</p><p>Das wird ein Vorwindkurs mit drei Segel. Wir brauchen einen Windeinfall von weniger als hundertzwanzig Grad. Das klappt bei einem Kurs von zweihundertsechzig Grad. Aus der Pantry liefern Drew und Jenny Krautsalat mit Schinken und Knoblauchbrot. Cornelia legt sich in die Koje. Der Seegang.</p><p>Um zehn vor drei stell ich die Maschine ab. Die Fahrt durchs Wasser sieht klasse aus. DAISY rauscht mit der Welle durch die tiefblaue Karibik, schleudert die weißen Seen zur Seite. Nur der Blick auf das GPS in der Navi unten ernüchtert stark: Gerade mal viereinhalb Knoten über Grund kommen wir nach Westen voran. Da fehlen einfach die zwei Knoten, die uns der Strom klaut.</p><p>Hat der Nordostpassat hier einen neuen Tarifvertrag? Keine Nachtarbeit mehr? Kurz vor Sonnenuntergang stellt der Wind jedenfalls die Arbeit ein. Nichts mehr los. Nur noch Strom in die falsche Richtung. Genua weg, den Sechszylinder starten. Aus der Pantry kommen Gemüsesuppe mit Nudeln und Reis und scharfer Chorizo. Die Wacheinteilung wird verwirklicht. Dafür sind wir im Grunde zu zweit. Andrew und ich. Er wacht mit Jenny zusammen, ich allein.</p><p>Wir müssen uns weiter von der Achse des Stroms entfernen. Mit einem Kurs von zweihundertfünfzig Grad sollten wir weiter vom Zentrum wegkommen. Unser Brummbär mit seinen hundertdreißig Pferdestärken schafft bald fünfkommasechs Knoten. Als wir das erreichen, ist es halbvier in der Nacht.</p><p>Es weht ein Lüftchen aus Südwest. Nach dem Frühstück sieht es wieder anders aus. Süd mit drei Beaufort. Genua raus. Um zehn kann der Ford wieder schlafen. Kurs zweihundertsechsundvierzig Grad mit vier Knoten über Grund. Der liebe Südwind hält nur bis zwei nachmittags.</p><p>Genua weg, Maschine an.</p><p>Die brummt bis acht abends. Davor gibt es Pasta mit Thunfischsoße und Salat. Mit etwas Weißwein, Frischkäse und viel Pfeffer und Salz. Das kann der Skipper am besten. Der Wind kommt nun aus Nord und nimmt zu. Die DAISY rauscht kraftvoll durch die Finsternis. Einen Windmesser gibt es nicht an Bord. Die Kämme draußen aber werden immer weißer.</p><p>Vormittags um zehn reißt es rundumher die Gischt von den Kämmen. Ein satter Sturm. Wir reffen, das Groß ins dritte Reff, die Genua auf weniger als ein Drittel. Das Reffen geht nicht ohne Segelknallen. Für eine Segellatte wird es zu viel: Sie bricht in zwei Teile. Besan ist ganz weg.</p><p>Wind und Seegang kommen von steuerbord. Das GPS in der Navi zeigt schwarz auf weiß zehn Knoten Speed over Ground, Kurs zweihundertdreißig Grad. Es geht nach Mexico hinunter.</p><p>Die dreißig Tonnen der DAISY wiegen sich gelassen und deutlich nach backbord gekrängt im aufgewühlten Meer. Bugseen fliegen in die schwarze Nacht, die Böen lassen die Wanten pfeifen. Keine Sterne am Himmel. Finsternis rundumher, nur die Positionslampen beleuchten ein paar Meter Meer, das Kielwasser weiß und am Bug sprühen grüne und rote Funken.</p><p><a href="https://steady.page/941f8b60-a014-472b-907a-7d82d390cf3f/posts/8d0f433c-5adc-494d-a466-1727ac1e1abb">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Macheten und Kanonen]]></category>
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      <pubDate>Tue, 06 Jan 2026 00:29:37 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Leine los in den Karibik-Alltag: Trinidad bis Horseshoe-Reef]]></title>
      <description><![CDATA[Richtig reibungslos läuft der Crew-Wechsel diesmal nicht.  Schade, aber was willst du machen? Ein Omen? Zu viert sind wir über den Atlantik gekommen. Die Ketsch DAISY…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Richtig reibungslos läuft der Crew-Wechsel diesmal nicht.  Schade, aber was willst du machen? Ein Omen?</p><p>Zu viert sind wir über den Atlantik gekommen. Die Ketsch DAISY läuft unter Besansegel, Großsegel und der Genua. Windeinfallswinkel etwa 110°. Aber der Nordostpassat nimmt ab. Am Samstagmorgen wächst weit voraus klitzeklein ein dunkelgrüner Buckel aus dem Horizont. So hat das auch Christoph Kolumbus gesehen vor genau 509 Jahren an derselben Stelle.</p><p>Er wusste nicht, was ihn erwartet. Uns bestätigt es die Seekarte: Tobago liegt vor uns. Die erste Landsicht seit zwanzig Tagen.  </p><p>Allen wird klar: Das Ende der Atlantikreise ist erreicht. Walter, Hans und Rüdiger beginnen ihre Sachen zu packen. Ich versuche eine Telefonverbindung mit der neuen Crew. Klappt noch nicht. Erst als nur noch zehn Meilen zwischen uns und den Bergen Tobagos liegen, erreiche ich Uschi.</p><p>Die vier Neuen haben sich wie abgemacht in einem Hotel eingemietet. Einen exakten Fahrplan erlauben die dreitausend Seemeilen über den nördlichen Atlantik nicht. Nicht für ein Segelschiff. Jetzt zieht die DAISY am dunklen Urwald von Tobago entlang. Das Eiland gehört zu Trinidad and Tobago, dem südlichsten der Westindischen Inselstaaten.  </p><p>Es wird Mitternacht. In der karibischen Finsternis flimmern weit voraus Lichter. Muss die Küste von Trinidad sein. </p><p>Da wir nur über GPS-Position und Seekarten verfügen, müssen wir den Kurs zur »Boca del Dragon«, dem Maul des Drachens, selbst ermitteln. Die Lücke zwischen Trinidad und Monos Island, der nächsten westlichen Insel, haben wohl spanische Seefahrer so getauft. Sie ist eng und du erkennst sie erst, wenn du kurz davorstehst.  </p><p>Um vier Uhr früh ist der Wind ganz weg. Ich bemühe den Sechszylinder, ein Ford-Lehmann Diesel, 130 PS. Er schiebt die DAISY satt brummend in das Maul des Drachens. Finstere Buckel zu beiden Seiten. Plattes Wasser zwischen den Inseln. Die Genua ist weggerollt. Zeit, das Groß- und das Besansegel zu bergen.</p><p>Kaum sind wir durch, glitzern voraus eine Menge Lichter. Seltsam hoch über der Küstenlinie. Sterne sind das nicht. Toplaternen! Dutzende Segelyachten ankern frei in der Bucht von Chaguramas! Und an backbord glimmen weiter unten Lichterketten. Die Straßenlampen der ausgedehnten Ansiedlung.   </p><p>Um 06.00 geht die Sonne auf. Vorbei an den Ankerliegern wird der kleine Hafen erkennbar. An backbord eine Steganlage mit paar Yachten und an steuerbord, etwas wie eine Marina. Und ein dreistöckiges Haus, »Crews-Inn-Hotel« kann ich entziffern.  Da also schlummert die neue Crew. Vor dem Bug entdecke ich eine kurze Pier aus Beton mit Brücke zum Land. Zwei Pfosten halten ein weißes verwaschenes Schild: »CUSTOMS«.</p><p>Fender und Leinen klar. Anlegen steuerbord, Walter steigt auf die Pier, Leinen rüber, festmachen. »06:06 Lokale Zeit« notiere ich im Logbuch.</p><p>Jetzt sollte es schnell gehen. Rüdiger hat für diesen Sonntag einen Flug gebucht.</p><p>Pässe und Schiffspapiere rauskramen und los geht‘s zur Immigration. Über die Brücke nur siebzig Meter weiter landeinwärts in einem zweistöckigen Gebäude, die Treppe hoch ins Obergeschoß, und erst mal warten. Der schwarze Beamte mit graumelierten kurz gehaltenen Locken sitzt malerisch im Uniformhemd hinter einem großen Schreibtisch. Lässig routiniert mit einem Lächeln winkt er mich zu sich.  </p><p>»Welcome to Trinidad and Tobago! «</p><p>Schiffsdokument, Pass, Despacho von Teneriffa, alles will genau geprüft sein. Crew-Liste ausfüllen mit allen Daten und Passnummern. Bis wir alle Stempel in den Pässen haben und die Gebühren bezahlen können, ist es zu spät. Rüdiger kann den Flieger nicht mehr erreichen.</p><p>Die DAISY muss verlegt werden. Achtzehn Meter lang, dreißig Tonnen schwer, zwei Masten. Seit zehn Monaten mein Zuhause aus Stahl. Am gegenüberliegenden Ufer können wir sie mit Muring und Achterleinen festmachen. Coral-Cove wird die Bucht genannt, in die man die kleine Steganlage gebaut hat.</p><p>Abschiedsfrühstück mit der Atlantikcrew. Rüdiger hat einen anderen Flug bekommen, Hans und Walter wollen noch ein paar Tage in Trinidad bleiben.</p><p>Dann wird es turbulent.</p><p>Uschi mit ihrem leuchtend rotem Lockenkopf, Albrecht und Hannes, zwei kräftige Kerle in den Mitsechzigern, gehören zu meiner Stammcrew. Wir haben einige Segelreisen auf Adria und Nordsee zusammen unternommen.  Auf einer davon war Moni zu uns gestoßen. Sie kommt aus dem Rheinland war im selben Jahr zwei Wochen in Norwegen dabei. Sie hat sich für ein Sabbatical beurlauben lassen und möchte über die dreiwöchige Karibikreise hinaus einige Monate an Bord bleiben.</p><p>Um elf rum kommen alle vier an Bord. Herzliches Wiedersehen aber sie bringen ein Problem mit: Monis Gepäck ist nicht mit demselben Flieger gekommen. Sie hat eine Nachricht, dass die zwei Reisetaschen nun am Flughafen Piarco International Airport von Port of Spain eingetroffen seien. Dabei handelt es sich um die Hauptstadt von Trinidad and Tobago. Es gibt die Möglichkeit sie von einem Taxi abholen zu lassen.</p><p>Das klappt auch, aber der Fahrer möchte achtzig US-Dollar haben.  Moni meint, das sollte die Crew bezahlen. Dafür gibt es kein Verständnis. Sie meint auch, dass ich das Hotel bezahlen sollte, in dem sie auf meine Ankunft gewarteten hatten. Ich sei ja zu spät gekommen. Die übrige Crew weist das energisch zurück.</p><p>Dann begegne ich an Bord unversehens einem Fremden. Ein schlanker blonder Kerl, in den Dreißigern.</p><p>»Tach.«</p><p>»Wie kommst Du denn an Bord? Was machst du hier?«</p><p>»Ähm ich bin…«</p><p>Walter, der sich schon verabschiedet hatte, kommt dazu. »Das ist Fred, ein Freund von mir. Ich wollte ihm das Schiff zeigen.«</p><p>»Hey, das solltest Du bitte vorher ankündigen. Das hier ist mein Zuhause. Da kann nicht jeder einfach reinspazieren.«</p><p>»Oh sorry, ich dachte…«</p><p>»Nein, ich latsch auch nicht einfach in Deine Wohnung.«</p><p>Die neue Crew bezieht ihre Kabinen und Kojen. Moni bringt ihre Sachen stracks in die große Mittelkabine.</p><p>»Sorry Moni, die ist Ursula und Matthias zugesagt, der in St. Lucia zu uns stoßen wird.«</p><p>»Aber ich will doch viel länger bleiben.«</p><p>»Das können wir dann später entscheiden. Für diese Reise ist die Kabine vergeben.«</p><p>Grummelnd richtet sie sich in der Backbordkabine im Vorschiff ein. Auch dort gibt es zwei zweimeterlange Etagenkojen.</p><p>    Es ist heiß in den Tropen Mittelamerikas. 38° C zeigt das Thermometer. Ursula, Hannes und Albrecht machen sich auf, Proviant für die nächsten drei Wochen einzukaufen. Für den Transport heuern sie ein Taxi an. Dennoch ist es eine Schlepperei. Moni ist nicht dabei.</p><p>Ich kümmere mich um einen defekten Decksschweinwerfer und besorge ein Ersatzteil beim Budget Marine-Shop.  </p><p>Zurück an Bord sehe ich das Dinghi, das mittschiffs über der Salonluke fest gelascht war, aufgestellt und die Luke darunter weit offen. Diese große Luke hat ein Dichtigkeitsproblem, weshalb ich sie nicht öffnen will. Das hatte ich der Crew erklärt.</p><p>»Wir haben der Moni gesagt, sie soll, die Luke nicht aufmachen. Du willst das doch nicht wegen dem Dichtgummi.«</p><p>»Und?«</p><p>»Sie hat gemeint,…«</p><p>»Was?«</p><p>»Sie hat gemeint, der Skipper habe eh keine Ahnung.«</p><p>Als Moni wieder an Bord kommt, frage ich sie: »Hey warum hilfst Du nicht mit beim Provianteinkauf für die Reise?«</p><p>»Sorry ist mir zu heiß. Musste Baden gehen.«</p><p>»Das ist aber jetzt nicht sehr sozial. Wir sind eine Crew. Den anderen ist auch heiß.«</p><p>»Die schaffen das schon.«</p><p>»Und warum machst Du die Mittelluke auf? Die hat ein Problem mit dem Dichtgummi.«</p><p>»Weiß ich doch nicht. Es ist so heiß.«</p><p>»Das Schlauchboot hat Schatten gebracht. Ich möchte, dass meine Anweisungen befolgt werden. Könnte wichtig sein.«</p><p>»Okay. Ich habe eine Verabredung.« Sie schnappt sich aus den eben an Bord geschafften Vorräten ein Sixpack Caribian Premium Beer verschwindet damit auf ein Nachbarschiff.</p><p>Der Decksscheinwerfer funktioniert wieder. Die Vorräte sind verstaut. Moni kommt an Bord zurück.</p><p>»Moni, wir müssen reden. Heute Abend setzen wir uns zusammen und besprechen unsere Reise. Dort drüben in der Kneipe.«</p><p>»Nein, geht nicht. Ich bin zu müde. Morgen vielleicht.«</p><p>Das war’s dann. Wie soll diese Crew zusammenarbeiten? Wie soll ich mit der Dame längere Zeit segeln?</p><p>»So funktioniert das nicht Moni. Sorry. Bitte pack Deine Sachen und geh von Bord. Jetzt.«</p><p>»Das kannst Du nicht machen! Was soll ich denn hier in Trinidad?«</p><p>»Tut mir leid. Ich bin für das Gelingen der Reise verantwortlich. Du hast Dich deutlich ausgeklinkt. Verlasse das Schiff!«</p><p>Am Kartentisch klappe ich meinem PC auf und schreibe eine förmliche Kündigung des Crew-Vertrages. Mit dem kleinen Sony-Drucker bring ich sie zu Papier und überreiche sie ihr.</p><p>Moni räumt ihre Koje und geht von Bord.</p><p>Ursula, Hannes und Albrecht atmen auf.</p><p>»Danke. Das wäre nicht gut gegangen mit der.«</p><p>»Sonderbar. In Norwegen war sie doch recht normal gewesen.«</p><p>»Komisch. Eine Juristin, Regierungsbeamtin. Leute gibt’s!«</p><p>Es folgt ein entspannter Abend zu viert in der Kneipe. Gegrillte Hähnchenteile mit Pommes und Caribian Premium Beer.</p><p>»Morgen Nachmittag legen wir ab Richtung Norden, nach Grenada. Erst noch zur Bunkerstation. Dann machen wir die fünfundneunzig Meilen nach Georgetown durch die Nacht.«</p><p>Die Nacht bleibt ruhig. Nur die Vögel aus dem nahen Wald lassen sich vernehmen. Die erste Tropennacht.</p><p>In meiner Kabine im Achterschiff gibt es wie in allen anderen Kabinen, Etagenkojen. Zwei Meter lang, hübsch breit. Oben liegen meine Klamotten und paar Ersatzteilkisten, unten ich. Die Bordwandverkleidung ist wie die ganze Einrichtung aus massivem Mahagoni gezimmert.</p><p>An der Koje läuft ein Schapp als tiefe Rinne entlang. Da liegen mein Portemonnaie, Taschenlampe, Wecker und Schlüssel drin. In der Decke ist eine Luke zum Himmel eingebaut.</p><p>Nach dem Frühstück geh ich ins Marinabüro hinüber. Der Liegeplatz hier im Coral-Cove kostet für die DAISY 33 US-Dollar pro Tag. Im Immigration-Office klariere ich das Schiff und seine Besatzung aus Trinidad and Tobago aus. Im Flur vor dem Office hockt ein Skipper, der offenbar eben angekommen ist. Sieht europäisch aus, eher nordisch.</p><p>»Hello,« sag ich.</p><p>»Moin,« sagt er.</p><p>»Ah deutsch?«</p><p>»Jo. Kiel.«</p><p>»Freut mich. Ich komm aus München. Atlantik?«</p><p>»Jo.«</p><p>»Alles gut?«</p><p>»Jo.«</p><p>»Ich muss los. Diesel bunkern. Vielleicht sehen wir uns noch irgendwo.«</p><p>»Jo. Wir bleiben noch ein wenig.«</p><p>»Gute Reise.«</p><p> Zurück an Bord klaren wir das Schiff auf, füllen die beiden Frischwassertanks. Knapp sechshundert Liter haben wir an Bord. Das Ablegen wird besprochen.</p><p>Maschine starten. Die Bunkerstation liegt nur eine halbe Meile weiter westlich. Wir laufen draußen vor dem Hafen an einem Dutzend Ankerlieger vorbei. Unterschiedlichste Flaggen, alle wohl schon länger unterwegs.</p><p>An der Pier der Bunkerstation können wir längsseits anlegen.</p><p>Diesel bunkern ist nicht so einfach auf der DAISY. Den Einfüllstutzen hat man in der Mitte des Brückendecks im Mittelcockpit eingebaut. Unten im Salonboden muss eine Holzplatte weggenommen werden, damit wir an das Entlüftungsloch des stählernen Tanks kommen.</p><p>Durch dieses Loch kann ich einen Messstab in den Tank einführen. Ein Rundmetall aus Bronze einen Zentimeter dick und 180 Zentimeter lang mit zehn Kerbmarken für jeweils hundert Liter bis zur letzten für einen Füllstand von eintausend Litern.</p><p>Zum Dieselbunkern brauchen wir zwei Leute: Einen oben an der Zapfpistole und einen unten im Salon.</p><p>Der Dieselpreis überrascht mich: Neunzehn US-Dollarcent pro Liter! Achthundert kriegen wir rein, bis Albrecht unten »Stopp!« ruft. Tank zuschrauben, Messstab reinigen und verstauen, Zapfpistole samt Schlauch an Land bringen, bezahlen: 152 US-Dollar. Traumhaft.</p><p><a href="https://steady.page/de/sailingstories/about">Mitglied werden</a></p><p>Inzwischen ist es 16:00 Uhr geworden. Motorstart und ablegen. Im Windschatten der dunkelgrünen bis zu 950 m hohen Dschungelberge von Trinidad rührt sich kein Lüftchen. Der Sechszylinder mit seinen 130 Pferdestärken hilft. Es geht durch das »Maul des Drachens« hinaus auf die offene See. Kurs Nord.</p><p>Noch bevor die Nacht hereinbricht, macht sich Hannes in der Küche zu schaffen. Er weiß mit Pfanne und Herd trefflich umzugehen. Es duftet bald verführerisch. Die Pantry verfügt über eine große Muldenkühlbox mit 110 Liter Volumen und eine ebenso große Gefrierbox.</p><p>Gemischtes Gefühl in der Magengegend. Es sei nicht empfehlenswert in diesen Gewässern bei Nacht zu segeln, hieß es in manchen Beschreibungen. Fischer, aber auch andere Leute sollen hier gern unbeleuchtet unterwegs sein. Im Zweistundentakt halten wir Wache.</p><p>Lange nach dem Dinner im Mittelcockpit kräuselt sich im fahlen Licht der Sterne das Meer. Ein Luftzug aus Nordosten. Großsegel und Besan hoch. Genua ausrollen.</p><p>Die Segel füllen sich. Hannes steuert, Albrecht, Uschi und ich trimmen die Schoten. Ich kupple die Schraube aus, dreh sie auf Segelstellung und schalte die Maschine ab. Das GPS-Display in der Navi zeigt es schwarz auf weiß: 4,5 Knoten, Kurs 356°.  Der Autopilot steuert weiter.</p><p>Leise rauschend zieht die DAISY durch die karibische Nacht, bis der Wind sich wieder verkrümelt. Um 03:45 notiere ich 3,3 kn SOG. Um 07:30 muss der Sechszylinder wieder helfen. Vielleicht befinden wir uns noch zu weit südlich für den Nordostpassat.</p><p>Vor dem Bug taucht dunkelgrün ein großer dunkelgrüner Buckel aus dem Horizont:</p><p>Grenada.</p><p>Das Eiland sieht schmal aus. Die gebirgige Insel zieht sich nach Norden und wir sehen sie von Süden. Der höchste Buckel steigt laut Karte auf 840 Meter über dem Meer. Unser Ziel ist die Prickly Bay im südlichen Ende Grenadas.</p><p>Ein Frachter kommt in Sicht. An backbord mit Kurs Südost. Kommt also von links. Laut Kollisions-Verhütungs-Regeln (KVR) ist der ausweichpflichtig. Das Automatic-Informations-System (AIS) gibt es auf der DAISY noch nicht. Der Steuermann dort verlässt sich wohl auf ein Heimatrecht in diesen Gewässern. Also weichen wir aus, fahren hinter ihrem Heck rum. TROPIC CARIB steht drauf.</p><p>Im Fernglas entdecke ich flach und klein die beiden Landzungen der Prickly Bay und wenig später dazwischen einen wahren Mastenwald. Dauert noch ein Stündchen aber dann finden wir zwischen den vielen ankernden Yachten einen komfortablen Platz in der weiten Bucht. Auf fünf Metern Tiefe lass ich den Anker runter. Vierzig Meter Kette. Einfahren, Ankerball setzen, Maschine aus. Rund herum Segelyachten.</p><p>Erst mal ein Carib einschenken. Dann das Dinghi zu Wasser, Motor dran, Papiere einsacken und an Land fahren. Hannes und Albrecht bleiben an Bord. Das Schiff soll hier nicht unbewacht bleiben.</p><p>Der Fünf-PS-Yamaha bringt Uschi und mich in schäumender Fahrt zu den paar Häusern hinüber. Da gibt es tatsächlich einen Dinghi-Steg. Ich quetsche das Schlauchboot zwischen all die anderen. Auf dem Steg binde ich es mit mehreren Knoten fest. Das Office finden wir in einem kleinen zweistöckigen Haus im ersten Stock. Ein Beamter mittleren Alters residiert hinter dem schlichten Schreibtisch.</p><p>Grenada ist ein eigener Staat, aber auch Kronkolonie Großbritanniens. Elisabeth II ist das Staatsoberhaupt. Ein Gouverneur vertritt sie vor Ort. Da wir die nächsten Tage in diesem Staat verbringen wollen, müssen wir einklarieren.</p><p>»Welcome to Grenada!«</p><p>Crewliste ausfüllen, Stempel in die Pässe. Fertig.</p><p>Draußen gibt es eine Strandbar und an der Theke ein Carib. Die flache Halbinsel reizt ansonsten wenig zum Bleiben. Mit dem Schlauchboot zurück. Ein Dinner wird fällig und in Koproduktion hergestellt: Spaghetti Bolognese mit Salat. Finstere Wolken ziehen auf und ein tropischer Regenguss wäscht kurz drauf das Deck. Danach gibt es Arbeit: Den Yamaha verstauen und das Schlauchboot auskippen und an Bord holen.</p><p>Mein Sicherheitsbedürfnis fordert eine besondere Maßnahme für die Nacht heraus: Mit einer Angelschnur sichere ich den Zugang zu beiden Cockpits. Ein nächtlicher Besucher würde über das unsichtbare Hindernis stolpern, das alle Wanten von mittschiffs bis achtern umspannt. Das sollte uns ausreichend alarmieren. Das sollte mein Karibik-Standard werden. Sollte.</p><p>Die beiden Schiebeluks hatte ich schon in Europa mit innen liegenden Riegeln versehen. Sie lassen sich von außen nicht aufschieben. Die senkrechten Schotts darunter lasse ich jedoch verstaut, zwecks Lüftung. Noch zwei Stunden Generatorbetrieb für die Batterien. Gefrierbox und Kühlbox sowie die Lampe im Maststopp und die Innenbeleuchtung wollen gefüttert sein.</p><p>Es folgt eine ruhige erholsame Nacht. Nicht meine erste in der Karibik. Mit zwei kleineren Booten hatte ich Jahre vorher einige der Westindischen Inseln kennengelernt. Eine der Reisen hatte in Georgetown geendet, der Hauptstadt Grenadas. Sie ist unser nächstes Ziel.</p><p>Um 08:15 starte ich den Generator. Während leise brummend die Batterien geladen werden, genießen wir unser Frühstück.  Es wird zwanzig vor zwei Uhr, ehe ich die Hauptmaschine starte und den Anker an Deck hole. Nach dem Verlassen der Prickly Bay gibt es sogar Wind. Groß und Besan hochkurbeln, Genua raus.</p><p>Immerhin zwei Stunden Segeln im Lee der Insel. Sehr genussvoll. Gegen fünf stehen wir vor der Reede von Georgetown. Auch da liegt eine Reihe von Yachten vor Anker und eine davon sehr groß und lang. Segel bergen. Maschine starten.</p><p>Schräg achterlich des schwarzglänzenden Rumpfes mit rotem Wasserpass einer Superketsch lass ich den Anker fallen. Welch ein edler Kahn! Gut fünfzig Meter lang, weißer Decksaufbau, zweistöckig, auf dem dritten Deck die knallweiße Flybridge, sieht nagelneu aus. Auf dem Heck steht der Name: TAMSEN. Später nachgelesen: Gebaut von Perini Navi, Italien. Stapellauf 2007. Ist wohl gleichzeitig mit uns über den Atlantik gekommen.</p><p>Albrecht und Hannes helfen das Dinghi zu Wasser zu lassen und den Yamaha dran zu schrauben.</p><p>Wieder fahren Uschi und ich an Land, stromern durch die Stadt. Anglikanische Kirche, Katholische Kirche, Baptistenkirche. Meist einstöckige Häuser aus Holz, jedenfalls die alten. Britischer Kolonialstil. Englisch ist die Landessprache, alle Schilder alle Reklame natürlich englisch. Dabei war das Eiland, das ursprünglich von Kariben bewohnt war, zunächst von Spanien als Besitz betrachtet worden. Klaro, wurde ja von Christoph Columbus 1498 im spanischen Auftrag entdeckt.</p><p>Sollen aber kaum Spanier gekommen sein. Die Seeleute nannten die Insel »Granada« obwohl ihr Capetan Colon sie als »Concepcion« in sein Logbuch geschrieben hatte.</p><p>Mitte des 17. Jahrhunderts sollen Franzosen hier aufgekreuzt sein. Angeblich kauften sie den Kariben Land ab und ließen sich als Händler nieder. Das bedeutete das Ende der Kariben jedenfalls auf dieser Insel. Die Franzosen nannten sie »La Grenade«. Mehr als hundert Jahre war La Grenade Französisch. 1783 wurde die fruchtbare Vulkaninsel nach den Kolonialkriegen den Briten zugesprochen. Frankreich war mit der keimenden Revolution beschäftigt, die 1789 die Monarchie vorübergehend beseitigte.</p><p>Die Briten gliederten La Grenade in ihr Weltreich ein und erklärten Grenada zur Kronkolonie. Der Chef auf der Insel war fortan ein Gouverneur. Der blieb Staatsoberhaupt in Vertretung des Königs von England.</p><p>1974 entließ Großbritannien die Kronkolonie in die Unabhängigkeit. Demokratie wurde etabliert, Parlament und Premierminister gewählt. 1979 kam der Marxist Maurice Bishop durch einen Putsch an die Macht. Der suchte die Nähe zu Kuba, Nicaragua und zur damaligen UDSSR. Es gab keine Wahlen mehr.</p><p>Das gefiel dem Gouverneur ebenso wenig wie der Union der Östlichen Westindischen Inseln. Beide sollen die USA gebeten haben, der marxistischen Diktatur ein Ende zu setzen. Die US-Army besetzte das Land, nahm die Regierung fest. Maurice Bishop wurde angeblich vom grenadischen Militär ermordet. 1984 gab es nach zehnjähriger Pause wieder freie Wahlen.</p><p>Heute umfasst das Staatsgebiet auch die Inseln Carriacou, Petit Martinique, Ronde Issland, Caille Island, Diamond Island, Large Island, Saline Island, Les Tantes, und Frigate Island. Einige davon sind die Highlights jeder Karibikreise. Auch wir wollen einige davon besuchen.</p><p>In Georgetown kommen wir an einem ebenerdigen Gebäude vorbei aus dem scheppernder Krach herauslärmt. Ein dunkles Holzhaus mit flachem Satteldach. Eine Kneipe. Die vier Fenster sind offen. Drinnen hocken gut sechzig Männer jeweils vier oder sechs um Tische. An einer großen grünen Wandtafel sind zwei weitere Typen mit Kreide am Werk. Sie schreiben Zahlenkolonnen auf. Die Leute an den Tischen knallen Dominosteine mit Wucht auf die dicken Tischplatten und begleiten das lauthals mit fachlichen Kommentaren. Könnte Englisch sein oder Kreolisch oder ein Gemisch. Das erste Dominoturnier, das ich erlebe.</p><p>Nach Einbruch der Nacht soll man sich in den Westindies nicht an Land aufhalten, habe ich gelesen. Vor 18 Uhr sind wir wieder an Bord zurück. Danach wird es schlagartig finster.</p><p>Hannes hat das Dinner bereitet. Sehr lecker und ein paar Carib dazu und danach ein Glas Rotwein. Der Generator muss zwei Stunden laufen. Die TAMSEN glitzert hell wie ein riesiger Christbaum schräg vor der DAISY. Rund herum schlichte Ankerlichter. Das Dinghi ist wieder verstaut.</p><p>Nachtruhe.</p><p>Nach dem Frühstück Maschinenkontrolle, Motorstart und Anker an Deck. Es ist halb elf. Auf dem Wasser lässt sich der Nordost blicken. Stärke vier. Ab zwölf ziehen Groß und Genua. Es geht nach Norden. Um halb sechs und nach 28 Meilen sind wir da: Vor Ronde Island. Da war ich schon mal.</p><p>Maschine starten, Segel bergen. Dabei bemerke ich, dass die oberen drei Verbindungen zwischen Rutscherschlitten und Segel sich auflösen. Dabei ist das Segel erst ein paar Monate alt. Gibt Arbeit.</p><p>Eine weite Bucht, nach Südwesten offen. Die winzige Urwaldinsel ist unbewohnt. Dichtes Grün bis ans Wasser, nur ein kurzer schwarzer Strand. Vulkanisches Gebiet. Nur paar Fischer kommen ab und zu vorbei. Ein hölzerner offener Kahn liegt verlassen ganz im Eck an einer Boje. Weiter östlich ragen zwei Felsen hoch und steil aus dem Wasser. Die Twin-Rocks. Davon gäbe es auch noch was zu erzählen: »Im Paradies der Haie.«</p><p>Hier herrscht Einsamkeit. Baden mit Schnorchel und Taucherbrille. Viele tausend Fische zu sehen, bunte Moränen auf dem Grund.</p><p>Hannes findet brasilianische Rindersteaks in der Kühlung. Vorzüglich mit Reis und Salat. Mit dem Fernglas sorgsam die Inselküste absuchen. Nein, wirklich kein Lebenszeichen. Wir sind allein.</p><p>Der Generator muss zwei Stunden laufen.</p><p>Nachtruhe.</p><p>Nach dem Frühstück mit Nadel und Faden die Rutscherverbindungen am Groß nähen. »Qualitätssegel durchgelattet, aus Travemünde. Hat rund sechs Mille gekostet. Kaum segelst du über den Atlantik…« Ich krieg es wieder hin.</p><p>Um 10:15 Maschine starten, Anker auf. Ab 10:30 wird gesegelt, Groß und Genua, halbwind, fantastisch bis halb drei. DAISY steht vor Petit Martinique. Wieder so ein zauberhafter Ankerplatz mit tiefblauem Meer. Und einem Dutzend anderer Ankerlieger. 12°32‘041 Nord 061°23‘214 West. Schon wieder Schnorcheln.</p><p>Diesmal fabriziert Uschi einen leckeren Gemüseauflauf. Zwei Stunden Generator. Gute Nacht.</p><p>Halb acht morgens Generator starten. Frühstück. Heute wollen wir den Staat Grenada verlassen. Dazu müssen wir nach Hillsborough auf der Insel Carriacou zum Ausklarieren. Acht Uhr den Sechszylinder anwerfen und den Anker aufholen. Nur ein Katzensprung hinüber nach Carriacou.</p><p>Halb Zehn auf der Reede von Hillsborough. Anker runter, Motor aus, Dinghi ins Wasser, Motor dran. Zum langen Anlegesteg fahren. Am Eck gibt es einen niedrigen Holzsteg zum Festmachen. Das gelbe Customs-Office ist schnell gefunden. Der Beamte ist gut drauf, trällert ein Lied, während er die Papiere stempelt.</p><p>»Have a nice journey!«</p><p>Bisschen durch den Ort schlendern, Gemüse und Papayas kaufen. Eine gepflegte Siedlung mit niedrigen Häusern maximal Erdgeschoß plus erster Stock. Sehr farbenfroh. Auf manchen Hütten bunte Malereien mit Darstellungen aus der Voodoo-Mystik. </p><p>Wie schön, das Schlauchboot ist noch da im Hafen. Das ganze eingekaufte Zeugs auspacken untersuchen, neu einpacken. Schuhe reinigen. Kakerlakenprävention nennt sich das. So verstreicht Mittag. Zur DAISY hinausdüsen.</p><p>Dinghi an Bord holen, Maschine starten, Anker aufholen.</p><p>Jetzt geht es über die Grenze nach St. Vincent and the Grenadines. Reine Maschinenfahrt.</p><p>Um halb Drei steht DAISY vor Clifton Harbour auf der Insel Union Island. Ein Muss für jeden Karibiktörn. Die weite Bucht wird nach Osten von einem Korallenriff geschützt, das teilweise über Wasser ragt und zwei winzige Inseln bildet. Auf einer steht immerhin eine Hütte. Die Einfahrt von Süden ist betonnt.</p><p>Mitten in der Bucht liegen zwei weitere Korallenriffs. Ich mach den Anker klar und fahr langsam in die Bucht. Gut ein Dutzend Yachten verteilt sich in der Bucht.</p><p>»Hey schau, da gibt es Bojen.« ruft Hannes.</p><p>Tatsächlich hat man Bojen verankert, um sichere Liegeplätze zu schaffen. Früher mit dem Anker war das abenteuerlich. Die Untiefen, kaum zu erkennen, die Fläche eng.</p><p>»Gut, dann brauchen wir eine Leine und den Bootshaken.«</p><p>»Da drüben ist eine frei.«</p><p>Uschi deutet quer über die Bucht.</p><p>Der Nordostpassat weht in Cliftons-Harbour. Fünf bis sechs Beaufort. Es gilt die Boje so anzufahren, dass man sie an der niedrigsten Stelle des Schiffes, also mittschiffs auffassen kann, um die Leine durch das Festmacherauge zu ziehen und am Bug auf der Klampe festzumachen.</p><p>Dazu muss das Schiff ohne jede Fahrt stehen, auch bei diesem Wind. Geht nur, wenn der Bug direkt in den Wind zeigt.</p><p>Albrecht steht mit dem Bootshaken an Backbord bereit, Hannes hat die Leine in der Hand. In weitem Bogen steuere ich die Boje an, genau gegen den Wind. Sie verschwindet unter der Bordwand, ich sehe sie nicht mehr. Albrecht zeigt mit dem Bootshaken auf sie. Ich muss näher ran. Der Wind vertreibt das Schiff. Ich brauch einen neuen Anlauf.</p><p>Wieder im Kreis fahren und auf die Boje zuhalten. Diesmal verschwindet sie schon früher unter der Bordwand am Bug. Ganz langsam aber mit relativ hoher Drehzahl gegen den Wind. Der Verstellpropeller bewährt sich. Es lässt sich damit sehr feinfühlig der Vortrieb einstellen.</p><p>Jetzt ist die Boje mittschiffs. Albrecht hat sie mit dem Bootshaken erwischt. Fahrt weg, eher bisschen achteraus. Aber der Wind drückt. Also wieder voraus. Hannes zieht die Leine durch das Auge, geht mit dem Ende nach vorn, die Leine bei jeder Want außen rumführend und belegt sie auf der Bugklampe. Fertig.</p><p>»Auskuppeln«</p><p>Maschine aus.</p><p>Welche Ruhe! Das Schiff legt sich in Windrichtung und liegt still. Wir haben Glück. Viele Bojen sind nicht mehr frei. Aber wir waren zu schnell.</p><p>»Da kommt einer.«</p><p>Uschi deutet auf einen großen bunten Holzkahn, der mit weißer Bugwelle heranrauscht. Ein großer kräftiger Kerl hockt am Heck am Außenborder, breites Lachen im Gesicht. Schwarz wie die Nacht mit lustigen Augen, blendend weißen Zähnen.</p><p><a href="https://steady.page/941f8b60-a014-472b-907a-7d82d390cf3f/posts/ad1ce4e5-901b-4aee-9e30-c5fda8660ca9">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Macheten und Kanonen]]></category>
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      <pubDate>Fri, 05 Dec 2025 20:49:28 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Blut, überall Blut.]]></title>
      <description><![CDATA[Mit sieben bis acht Knoten rauscht die Ketsch nach Nordnordost. Hier im Lee der flachen Insel Bequia gibt es kaum Seegang. Beste Bedingungen für schnelle Fahrt. Nur die…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p> Mit sieben bis acht Knoten rauscht die Ketsch nach Nordnordost. Hier im Lee der flachen Insel Bequia gibt es kaum Seegang. Beste Bedingungen für schnelle Fahrt. Nur die halbe Genua, das erste Reff im Groß und das Besansegel lassen das achtzehn Meter lange Schiff durch das tiefblaue Meer sausen.  </p><p>Wir sind zu viert an Bord auf der Reise von Trinidad nach Antigua: Uschi mit ihren leuchtend roten Locken, Hannes und Albrecht, zwei stämmige Mitsechziger aus Bayern und ich als Eigner und Skipper meiner DAISY, seit zehn Monaten mein Zuhause aus Stahl.</p><p>»Pass auf, da kommt ein Boot entgegen!« Uschi hat’s zuerst gesehen. Ein solides großes Schlauchboot hält von vorne kommend direkt auf uns zu, passiert an backbord, dreht schäumend um und läuft parallel zu uns nach Nordosten. Keine fünfzig Meter entfernt. Nah genug, um zu sehen, worum es geht.</p><p>Der Typ am Steuer hebt ein schwarzes Gerät vor sein Gesicht: Er peilt uns mit einer großen Kamera an. Er kommt noch näher. Ein Weißer, rotblond. Er legt die Kamera weg, kommt noch näher.</p><p>»What a nice yacht. I have some pictures of you. You come to Port Elizabeth?«</p><p>»Yes. It is the plan.«</p><p>»How long you ‘ll stay?«</p><p>»One night, I think. Let’s see.«</p><p>»Okay. See you tomorrow morning!«</p><p>Der Kerl gibt Gas, der Motor heult auf und das Boot prescht davon.</p><p>Port Elizabeth auf Bequia liegt an einer weiten Bucht, die nach Südwest offen ist. »Admirality Bay« steht in der Seekarte. Im Fernglas sehe ich was da los ist: Bestimmt dreißig oder vierzig Schiffe liegen dort vorn vor Anker. Die meisten mit Masten, Segelyachten.</p><p>Bevor wir die ersten passieren, dreh ich in den Wind, lass die Maschine an. Albrecht kurbelt die Genua weg und ich geh nach vorn, um das Groß zu bergen und den Anker klarzumachen. Hannes steht am Ruder. Mal sehen, ob es einen Platz näher an der Stadt gibt. Flaggen aus aller Welt. An vielen Schiffen dümpeln Schlauchboote am Heck.</p><p>»Schau mal, da gibt es auch Bojen.«</p><p>Uschi weist nach vorn und nach steuerbord.</p><p>Tatsächlich liegen die meisten Schiffe an weißen und grauen Bojen. Also Leine und Bootshaken vorbereiten.</p><p>Da tut sich eine Lücke auf, und eine schöne weiße Boje liegt auch noch da. Fahrt weg, Boje gegen den Wind anfahren, an backbord mittschiffs aufnehmen. Fahrt weg. Übung macht den Meister. Diesmal klappt es gleich. Albrecht erwischt die Boje, Hannes steckt die Leine durchs Auge und macht sie am Bug fest. Maschine aus. Das waren nun 27 Meilen. Es gib ein Carib oder zwei. Und eine kleine Brotzeit.</p><p>Der Generator muss noch eine Stunde laufen. Während dessen machen wir das Dinghi klar. Fertig zum Landgang. Es findet sich ein kleiner Holzsteg, an dem schon zehn Schlauchboote festgemacht sind. Ich quetsche meines dazwischen.</p><p>Ist richtig was los im Ort. Die Restaurants und Bars sind gut besucht. Das mexikanische Lokal lockt uns besonders mit leckeren Tacos.</p><p>Lustiger Abend.</p><p>Wir hören Deutsch in verschiedenen Färbungen von schwäbisch bis österreichisch, dazu Französisch und Englisch von Nachbartischen. Wir vergessen die Zeit. Eigentlich wollte ich immer um 18:00 Uhr an Bord zurück sein. Hier tobt das karibische Leben.</p><p>Draußen flanieren Menschen aus aller Welt. Steelbandklänge von irgendwoher. Mopeds kurven durch die Straßen mit und ohne Licht. Längst ist es stockfinster, als wir uns zur Heimkehr entscheiden.</p><p>Ein Glück, das Dinghi liegt noch da am Steg. Und ein weiteres Glück, dass ich das Topplicht und ein Kabinenlicht der DAISY eingeschaltet habe. Nicht so einfach in der karibischen Nacht zwischen all den Ankerliegern das eigene Schiff wieder zu finden. Zurück an Bord sieht alles recht friedlich aus. Trotzdem kurbeln wir das Dinghi an Deck. Nicht ahnend, was uns noch blühen wird.</p><p>Nachtruhe.</p><p>Gemütliches Frühstück. Das Meer glitzert rundherum in der Sonne.</p><p>Der Tee ist noch nicht getrunken als ein großes Schlauchboot herantuckert.</p><p>»Das ist der von gestern!«</p><p>Der rothaarige Typ grinst ein »Good Morning!« herüber. Er stoppt sein Boot längsseits auf, macht es mit einem Bändsel an der Reling fest.</p><p>»Look, your pictures.«</p><p>Er reicht einen großen Umschlag herüber. Tolle Bilder. DAISY in voller Fahrt unter leicht gerefften Segeln. Elegantes Boot. Uschi winkt fröhlich. Das Ganze in Farbe und auf A5-Format.</p><p>»How much?«</p><p>»Twentyfive US.«</p><p>»Wieviel?« fragt Albrecht.</p><p>»Fünfundzwanzig US-Dollar.«</p><p>»Naa oiso des is ma zu teuer.«</p><p> »Aber ist schon einmalig irgendwie.«</p><p>»Fünfundzwanzig Dollar. Mein lieber Schwan.«</p><figure><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fwww.hermann-engl.de%2Fmediac%2F400_0%2Fmedia%2FVorBequia.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=b6132a06e18821b47c06324fafa649a5" alt="Die Ketsch DAISY in voller Fahrt am Ufer von Bequia entlang."/><figcaption>Die Ketsch DAISY in voller Fahrt am Ufer von Bequia entlang. Auf der Bordwand ist meine Hompageadresse zu lesen: www.hermann-engl.de. Dieses Bild erschien auch in der Zeitschrift &quot;Yacht&quot; zu einem Bericht über den Raubüberfall.</figcaption></figure><p>»Also ich kauf es,« entscheide ich. »Wo kriegst denn sonst so ein hübsches Foto her? Alle sind wir drauf. Und das Schiff, wie das im Wasser liegt, einfach super.«</p><p>Ab in meine Kabine, mit der Kohle zurück.</p><p>»Thanks a lot! How long you do this job?«</p><p>»Two years now.«</p><p>»Where are you from?«</p><p>»UK.«</p><p>»Good idea. Good luck!«</p><p>Hannes hat schon seinen Fotoapparat zur Hand. »Legs mal auf den Tisch ich mach eine Kopie für alle.«</p><p>»Hehe und ich darf zahlen, was? Mach nur.« Grins.</p><p>Niemand kann ahnen, dass dieses Bild noch ziemlich bekannt werden würde.</p><p>Der Fotograf bindet sein Schiff los und düst davon, sucht seine nächste Kundschaft.</p><p>Es gilt, das Dinghi wieder zu verstauen. Motorcheck und Maschine starten. Ich geh zum Bug, um die Leine einzuholen, die das Schiff an der Boje hält.</p><p>Oh Schreck: Die sieht gar nicht gut aus.</p><p><a href="https://steady.page/de/sailingstories/about">Mitglied werden</a></p><p>Da ist ein kapitaler Fehler passiert: Die Leine ist auf zwei verschiedenen Klampen am Bug belegt. Die Folge: Die Schiffsbewegungen im Wind haben das Tau im eisernen Auge der Boje hin und her bewegt, so daß der Mantel der zwanzig Millimeter starken Leine durchgescheuert wurde. Noch ein Tag und die Leine wäre komplett durch gewesen. Fatal. Merke: Bojenleine immer auf ein- und derselben Klampe belegen.</p><p>Leine einsammeln und nach achtern gehen zum Ruderrad.</p><p>»Schaut mal, was mit der Leine passiert ist. Nächstes Mal machen wir das anders. Immer auf derselben Klampe festmachen. Okay?«</p><p>Unter Maschine schlängeln wir uns durch das Feld der ankernden Yachten raus aus Port Elizabeth.</p><p>Nächstes Ziel: Die Bucht von Chateaubelair. Die siebzehn Meilen verlaufen zum größten Teil im Nordost-Passat. Also Beaufort fünf bis sechs. Besan, erstes Reff im Groß und die halbe Genua. Die Standardbesegelung der DAISY im Gebiet der Winwards Islands.   </p><p>Kaum fährt der Wind in die Tücher, legt sich das Schiff etwas nach lee und pflügt mit sieben und acht Knoten durch die knallblaue See.</p><p>Chateaubelair liegt an der Westküste der Insel St.Vincent geschützt von hohen, mit Dschungel überwucherten Bergen. Einer davon springt ein Stück nach Westen ins Meer und in seiner Verlängerung steigt eine bewaldete Insel steil aus dem Wasser. Diese Formation bildet nördlich und südlich je eine recht heimelig wirkende Bucht.</p><p>Vor Jahren habe ich dort mal geankert für eine Nacht. Richard, ein kaum Zwanzigjähriger Bursche half mir beim Einklarieren und Proviant beschaffen. Nun gedenke ich, die Erinnerung aufzufrischen.  </p><p> Am Kap der Insel fallen die Felsen fast senkrecht in Wasser. Malerische Klippen an ihrem Fuß. Respekt heischend.</p><p>Schon liegen Klippen und Kap an steuerbord querab. Zeit, den Sechszylinder zu starten und die Segel zu bergen. Hannes dreht die Genua weg. Im Windschatten der hohen Berge lass ich das Groß runter. Albrecht macht das Gleiche mit dem Besansegel.</p><p>Zwei Kabellängen vor dem Bug steht die eckige graue Betonpier im Wasser. Das massive Teil in L-Form ruht auf Betonsäulen. Hoch und trocken liegt am Strand ein halbes Dutzend bunt bemalter Fischerkähne. Jeder bestimmt fünf Meter lang, auf die Seite gekippt und mit großem Außenborder ausgestattet.</p><p>»Da kommt einer!«</p><p>Uschi deutet nach backbord voraus.</p><p>»Will bestimmt was verkaufen,« meint Albrecht.</p><p>Ein großer schlanker Mann, vielleicht vierzig, in bunten Bermudashorts hockt in der Mitte und rudert. Drei Buben um die zwölf Jahre, winken uns fröhlich entgegen. Der Typ grüßt freundlich.</p><p>Drehzahl runter, Schraube auf neutral. <br/>Es ist windstill. DAISY bleibt fast stehen.</p><p>Der Kahn kommt langsam längsseits. Hannes kniet schon vorn am Bug neben der Ankerwinsch.</p><p>»Hello!« Ich winke den Buben zu.</p><p>»Look this is my uncle, this is my brother and this is my son.« Dabei strahlt er glücklich und lacht breit.</p><p>»Nice. You are lucky man.«</p><p>»Yes. You are looking for a berth?«</p><p>»Yes. We like to stay a night or two.«</p><p>»I show you. Over there is a nice spot.«</p><p>Er deutet nach Norden, nach außerhalb der Bucht.</p><p>»Oh I would like to stay inside the bay here.«</p><p>»But in the port you have no line to shore. Look there is quieter. I show you.«</p><p>Der Typ legt sich ins Zeug an den Riemen. Der Kahn dreht und läuft schräg auf das dicht bewaldete Ufer zu, dort wo der Strand endet.</p><p>»Schauen wir uns den Platz halt mal an.«</p><p>»Da kostet’s vielleicht nix.«</p><p>»Schaut aber schon ziemlich einsam aus, da draußen.«</p><p>Propeller wieder auf Vorausfahrt, Ruder legen. Die DAISY folgt dem Holzkahn.</p><p>Der steuert auf eine Stelle zwischen zwei Felsen zu. Der Typ springt an Land, hält sich an einem Busch fest und ruft: »Look here you can put a rope arround. Put the anchor down.«</p><p>Die DAISY steht noch zwei Schiffslängen von den Felsen entfernt. Ruder hart backbord, Schraube voraus. Sie dreht fast auf der Stelle. Das Echolot zeigt hier vier Meter fünfzig unterm Kiel.</p><p>»Wenn ich mit dem Ruder achteraus so nah an die Felsen komme, weiß ich gar nicht wie tief das ist. Gefällt mir gar nicht.«</p><p>»Ja, da sehe ich schon Felsen im Wasser, obwohl, vielleicht tief genug.«</p><p>Albrecht und Uschi stehen auf dem Seitendeck und peilen ins klare blaue Wasser.</p><p>»Vielleicht…«</p><p>Mein Bauchgefühl meldet sich. Welches Interesse hat der Typ, uns diesen Platz zu empfehlen, weit ab von der Ortschaft?</p><p>»Nein, gefällt mir nicht, so weit weg von allem. Ich möchte lieber näher an den Ort.«</p><p>»Ja ist wahrscheinlich sicherer.«</p><p>»Thanks a lot! We look for a place close to the village!«</p><p>Schraube auf Vorausfahrt, Drehzahl erhöhen. Das Schiff läuft zurück in die Bucht. Etwa hundert Meter von der Betonpier entfernt gebe ich Hannes das Zeichen.</p><p>Der Anker platscht ins Wasser und die Kette rasselt raus. Das Echolot zeigt sechs Meter Tiefe. Vierzig Meter Kette sollten reichen für eine ruhige Nacht. Schraube auf Achterausfahrt drehen bis der Anker die Fahrt stoppt. Maschine aus.</p><p>»Also hier gefällt es mir schon besser,« meint Uschi.</p><p>»Ja find ich auch. Viel näher zum Ort.«</p><p>»Gehen wir an Land?«</p><p>»Ich komm mit,« meldet sich Uschi.</p><p>»Ich bleib an Bord,« sagt Albrecht und Hannes schließt sich ihm an.</p><p>Erst mal ein Ankerbier und eine kleine Brotzeit. An Land drüben zeigt sich wenig Leben.</p><p>Schlauchboot per Spifall ins Wasser, Motor dranschrauben.</p><p>An der Betonpier findet sich eine Treppe bis zum Wasser. Sehr praktisch. Ich muss das Boot so anbinden, dass es nicht unter die Betonpier gerät. Könnte beschädigt werden, falls es Wellen geben sollte oder der Spiegel steigt.  </p><p>Es handelt sich wohl um die Hauptstraße, die wir entlangwandern. Der Ort zieht sich auf einer ansteigenden Ebene zum Fuß der Berge hin. An den Straßen reihen sich einzelnstehende meist ebenerdige Häuser.</p><p>»Hey schau, da ist die Polizeistation.« Steht auf dem Schild: »Police« über der Tür des blassrosa gehaltenen ebenerdigen Hauses. Alle Fenster sind offen. Kein Wunder bei der Hitze. In der Straße parallel zum Strand spielt eine Schar Kinder Fußball. Ein paar der Kleinen mustern uns mit großen Augen, laufen lachend um uns herum.  Noch ein Stück weiter erreichen wir das Beach-Front-Restaurant.</p><p>»Lass uns was trinken.«</p><p>Eine hübsche schwarze Miss serviert uns zwei Cubalibre an den Tisch. Wir sind die einzigen Gäste. Gut es ist Mittwochnachmittag. Wer hat da schon Zeit? Die Bude ist schlicht eingerichtet.</p><p>Nach dem Bezahlen schlendern wir zum Hafen zurück. Hannes und Albrecht betätigen sich in der Pantry. Es entsteht ein köstliches Dinner.</p><p>Eine Besprechung schließt sich an. Die bisherige Reise, die nächsten Ziele und das Leben überhaupt. Oben im Mittelcockpit. Begleitet von einigen Caribs aus der Dose. Unter den Straßenlampen an Land bewegt sich allerhand. Leute spazieren, Kinder spielen.</p><p>Das Dinghi steht samt angeschraubtem Motor vorne auf dem Deck, wie immer, wenn wir über Nacht vor Anker liegen und es am nächsten Tag nochmal einsetzen wollen. Einkaufen und so.</p><p>Um Mitternacht schlummern alle in den Kojen.</p><p>Ein Geschrei! Ein unglaubliches Geschrei.</p><p>»I am a woman, I am a women!«</p><p>Jemand schreit aus Leibeskräften um Hilfe um sein Leben. Um ihr Leben. Eine Frauenstimme. Es ist Uschis Stimme. Ihre Kabine liegt mittschiffs.</p><p><a href="https://steady.page/941f8b60-a014-472b-907a-7d82d390cf3f/posts/eea07a39-f320-4a20-9e53-43a52bb2828f">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Macheten und Kanonen]]></category>
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      <pubDate>Fri, 05 Dec 2025 20:33:23 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Krimi Nr. 2: Die Irische See]]></title>
      <description><![CDATA[Jetzt brauche ich einen Ship-Chandler oder irgendeinen anderen Laden, der Bowdenzüge auf Lager hat. Die Schaltung für die Propellerverstellung ist gebrochen, draußen auf…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Jetzt brauche ich einen Ship-Chandler oder irgendeinen anderen Laden, der Bowdenzüge auf Lager hat. Die Schaltung für die Propellerverstellung ist gebrochen, draußen auf dem Bristol-Channel.</p><p>Zwar bin ich kein Mechaniker, aber ich habe keine Lust aufzugeben. Schon wegen der sechs Damen und Herren nicht, die sich wie ich von dieser Segelreise nach Schottland viel erwarten.  </p><p>Gerade haben wir die achtzehn Meter lange DAISY im hintersten Eck des Hafens von Milford Haven festgemacht. Eine Stahlketsch, 170 Quadratmeter Segel am Wind, 30 Tonnen schwer. Habe ich gechartert für eine erste Etappe in einem größeren Reiseprogramm mit diesem Schiff. </p><p>Die Beschaffung sollte möglich sein in einem Hafen mit einer Tradition wie diesem. Von hier sind sie schon im zwölften Jahrhundert unter Henry II. zur Eroberung Irlands ausgelaufen und im 17. gleich nochmal unter dem Kommando von Oliver Cromwell.  Aber erst 1793 wurde die Stadt gegründet. Zeit genug, ordentliche Schiffsausrüster und Werkstätten anzusiedeln. Immerhin liegen gut und gerne hundert Yachten in der Marina und drüben ein Dutzend Fischtrawler.</p><p>Vom Liegeplatz der DAISY aus hinter dem großen Motorkutter lässt sich die Anlage ganz gut überblicken. Das Becken ist landseitig gesäumt von offenbar nagelneuen roten Klinkerfassaden. Drei- und vierstöckig. Sieht nach Wohnungen aus.</p><p>»Where is the office?«</p><p>Der junge Marinero, der mir den Platz zugewiesen und uns die Leinen angenommen hat, steht in seinem grünen Overall noch am Steg. Er weist quer über den Hafen.</p><p>»You will find the office over there. But I show you, if you like.«</p><p>Bernd, der Co-Skipper erklärt sich bereit, mit dem Burschen zu gehen. Er packt das Schiffsdokument ein und steigt auf den Steg hinüber.  </p><p>»An other question: I need a ship-chandler. Where I can find…«</p><p>»It is close. Only short behind these buildings.«</p><p>»Thanks a lot.«</p><p>Erst mal Maß nehmen. Bowdenzüge gibt es sicher in vielen Längen. Das Gewinde am Ende des Stahlkabels der hydraulischen Propellerverstellung ist gebrochen. Nach diesem Knacks habe ich den Schaltmechanismus um 90° gedreht, damit die Gewindestange nicht mehr bei jedem Schaltvorgang gebogen werden musste. Aber nun saß die Haltemutter nur auf den letzten drei Windungen. Kann so nicht bleiben.</p><p>Sylvia hat eine Einkaufsliste für die Küche zusammengestellt und meldet sich mit der übrigen Crew zum Landgang ab. Walter unser Senior ist nicht gut zu Fuß, übernimmt die Bordwache. Er hilft mir beim Ausmessen des Bowdenzugs. Ich lass den alten noch drin, für den Fall, dass ich keinen neuen bekomme.</p><p><a href="https://steady.page/de/sailingstories/about">Mitglied werden</a></p><p>Bernd kommt zurück: »Alles erledigt.« Ich frag nicht nach, was »Alles« zu bedeuten hat. Ein Kommunikationsfehler. Ich denke, er hat den Hafen bezahlt. Mit meinem Rucksack zieh ich endlich los.</p><p>Zwischen den Neubauten hindurch gelange ich in eine Art Gewerbegebiet. Ein ebenerdiger Bau mit flachem Satteldach, an der Giebelseite eine große Fensterfront mit Glastür. Jede Menge Reklameschilder von maritimen Ausrüstern. Sieht gut aus.</p><p>Die Eisentür mit Glasfüllung öffnet quietschend. Drinnen eine Mischung aus Werkstatt und Lager. Alles, was man an Bord so braucht. Hinter der Theke ist ein bärtiger Mensch mit grauem Haarschopf in einem reichlich gebrauchten Blaumann, mit irgendwas beschäftigt. Er schaut auf.</p><p>»Hello. How can I help you?«</p><p>»I am looking for a steering cable. Four meters and thirty centimeters.«</p><p>»Steering cable?«</p><p>»Yes a Bowden cable, if it is the right expression.«</p><p>»Oh yes. I have. One moment.«</p><p>Der Typ zieht eine große Schublade auf. Aufgerollte Bowdenzüge in blau, rot, schwarz kommen zum Vorschein. Viermeterdreißig hat er nicht aber viermeterfünfzig. Lieber zu lang als zu kurz. Muss halt irgendwo eine Kurve eingebaut werden.</p><p>»Okay, looks very good.«</p><p>»Where you come from?«</p><p>»Germany. We are sailing to Dublin and Scotland.«</p><p>»Oh nice sailing. Ambitious. To Ireland!«</p><p>»Yes we arrived yesterday night from Falmouth.«</p><p>»Oh nice. Good travelling.«</p><p>»This is a nice shop. But less sun behind this buildings, is nt it?«</p><p>»Yes the bloody English build this houses for tourists. Before I had a nicely view over the harbour.«</p><p>Okay, wir sind in Wales gelandet. England ist woanders. Ich erwerbe noch eine Sprühflasche WD40 und bezahle.</p><p>Zurück an Bord schraube ich den alten Bowdenzug von der Kupplung im Motorraum los, ebenso von der Schaltmimik im Achtercockpit und ersetzte ihn durch den neuen. Die zwanzig Zentimeter verlieren sich unter den Bodenbrettern des achteren Flurs. Gut geölt flutscht die Propellersteuerung jetzt fast federleicht, ohne dass die Gewindestange geknickt werden musste.</p><p>Allerdings steht der Hebel draußen im Steuercockpit in Neutralstellung nun nicht mehr senkrecht, sondern waagerecht. Daran sollte man sich gewöhnen können. Nach unten Achterausfahrt, nach oben Vorausfahrt. Eigentlich ganz einfach. Eigentlich.</p><p>Mein Herzchen hüpfte ein bisschen. Warum musste erst ich mechanistischer Superlaie an Bord kommen, um dieses Problem auf der großartigen DAISY zu lösen? Ich fühlte Feierstimmung.</p><p>Jetzt sollte nur noch der Generator ein Stündchen Strom produzieren. Er fängt auch fleißig damit an. Aber nach fünfzehn Minuten etwa schaltet er ab. Zu heiß, sagt das Panel. Neustart. Es läuft kein Kühlwasser. Ich kenne das Teil nicht, habe null Erfahrung mit Einzylinder-Dieselgeneratoren. Ich brauche einen Mechaniker. Also geh ich nochmal zum Ship-Chandler. Der scheint mir irgendwie kompetent.</p><p>»Hi sir, do you know about Fischer-Panda-Generators?«</p><p>»What happens?«</p><p>»To hot. No cooling-water.«</p><p>»Okay. I send you my mechanic. Ships-name?«</p><p>»DAISY. Netherlands flag.«</p><p>Zurück zum Schiff. Halbe Stunde später klopft jemand an die Reling. Ein junger blonder Mensch im Blaumann, noch keine dreißig, Werkzeugtasche unterm Arm.</p><p>»You have a problem with the generator? «</p><p>Die hölzerne Dämmwand unter dem Kartentisch ist schnell entfernt. Gebannt schau ich dem jungen Mann über die Schulter. Er holt den Impeller der Seewasserpumpe raus. Das ziemlich kleine Teil sieht ungesund aus: Es fehlen ein paar Flügel. Der junge Mann setzt einen neuen ein, schraubt den Deckel wieder drauf. Generator-Start. Läuft. Kühlwasser spritzt. Zehn GBP. Trinkgeld?</p><p>»No thanks. Give me a smile.«</p><p>Noch ein Erfolg. Das nächste Mal kann ich das selbst.</p><p>Der Abend ist da.</p><p>Die Neuigkeiten, die die Crew aus der Stadt mitbringt, passen zu meiner Stimmung. Statt ein Dinner in der Bordküche zuzubereiten, schlagen die Damen und Herren vor, zur Feier des Tages die Kulinarik der Stadt auszuprobieren.</p><p>»In England, in Wales? Kennen die hier Jamie Oliver?«</p><p>»Das Risiko müssen wir nicht eingehen,« meint unsere kulinarische Sachverständige Sylvia. »Wir sind an einem Inder vorbeigekommen. Sieht gut aus.«</p><p>»Inder hört sich gut an. Gehen wir.«</p><p>Das indische Restaurant Tandori finden wir mitten in der Stadt. Ein bunter Tupfen in den ansonsten eher grauen Straßen.</p><p>Im Reiseführer ist zu lesen, daß die etwa 14.000 Menschen, die hier leben das im Wesentlichen vom Fischfang tun, vom Schiffbau und vom Öl. Große Raffinerien bestimmen seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts das Wirtschaftsleben. Die gut geschützte Bucht bietet sich freilich seit je her Seefahrern als Stützpunkt an. Mag sein, dass ich schon mal hier war, damals in der Zeit der Drachenboote. Mechaniker brauchte es seinerzeit nicht.</p><p>Das Dinner beim Inder zieht sich köstlich in die Länge. Geht freilich von der Nachtruhe ab. Der nächste Schlag soll uns, ganz typisch für diese Hafenbucht, nach Irland bringen. Dublin ist unser Ziel, beziehungsweise der Yachthafen Dun Laoghaire. Hundertzwanzig Seemeilen.</p><p>»Da gehen wir wohl wieder durch die Nacht?«</p><p>»Anders schaffen wir das nicht.«</p><p>»Wenn wir früh loslegen, kommen wir früh an. Haben den ganzen Tag in Dublin.«</p><p>»Guter Plan. So machen wir das.«</p><p>»Frühstücken kann man ja auch unterwegs.«</p><p>»Sind bloß drei Leute nötig zum Ablegen, die Übrigen können in der Koje bleiben.«</p><p>Angela, Heike und Hartmut sagen zu.</p><p>Unser Tag beginnt kurz nach Sonnenaufgang. Wolkenloser Himmel, etwas frisch. Friedlich und bewegungslos liegen drüben die Yachten aufgereiht an ihren Stegen, die Masten spiegeln sich im platten Hafenwasser zusammen mit den Backsteinhäusern der bloody English.</p><p>»Wie kommen wir nun aus dem Eck heraus?«</p><p><a href="https://steady.page/941f8b60-a014-472b-907a-7d82d390cf3f/posts/976f7a98-2217-4526-834d-6e11d886fef5">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Komm an Bord!]]></category>
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      <pubDate>Sun, 16 Nov 2025 20:04:56 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Der Krimi: Von Dartmouth bis Milford Haven]]></title>
      <description><![CDATA[Ein Freitag im April. Am folgenden Samstag sollte ich die DAISY in Dartmouth, Cornwall, übernehmen, um am frühen Sonntagmorgen mit dem Ebbstrom auszulaufen. Drei…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Ein Freitag im April. Am folgenden Samstag sollte ich die DAISY in Dartmouth, Cornwall, übernehmen, um am frühen Sonntagmorgen mit dem Ebbstrom auszulaufen.</p><p>Drei Seglerinnen und drei Segler wollten sich mir anvertrauen: Angela, Heike, Silvia, Bernd, Hartmut und Walter. Alle gut über vierzig. Bernd hatte sich telefonisch angemeldet, persönlich kannte den Zahnarzt aus Oberhausen niemand. Seinen Angaben nach ein erfahrener Segler, sei schon mal in Schottland gesegelt. Klang nach Co-Skipper.</p><p>Treffpunkt Airport London-Heathrow. Zwei Autos anmieten für die One-way-Fahrt nach Plymouth. Dort gab es einen Stützpunkt des Car-Rentals, wo man sie wieder loswerden konnte.</p><p>Wir gedachten am späteren Nachmittag in Dartmouth anzukommen. Reine Theorie. Niemand von uns war jemals am Wochenende in Cornwall unterwegs gewesen. Hatte ich irgendeine Nachricht überhört? Hatte man irgendeine Katastrophe angesagt?</p><p>Der Motorway ist voll, als flüchtete die halbe oder vermutlich dreiviertel der Einwohnerschaft Londons nach Cornwall. Alle nach Cornwall!</p><p>Dort, runter vom Motorway, werden die Straßen enger, der Linksverkehr linker. Mit der Dunkelheit kommt der Regen. Typisch Englandkrimi. Arthur Conan Doyle, Agatha Christie oder sowas. Die Sicht auf die Wegweiser verschwamm immer wieder. Navigeräte für Autos waren noch Sciencefiction.</p><p>Mit einem Mal geht es sehr kurvig und krass bergab. Im Scheinwerferlicht verschwindet die asphaltierte Straße in den Fluten. Ist wohl der Dart-River. Nein, sie ist nicht überschwemmt. Es handelt sich vermutlich um die verlassene Landestelle einer früheren Autofähre.</p><p>Abzweigung verpasst.</p><p>Immerhin gibt es schon Funktelefonie. Der Eigner der Yacht will uns in Dartmouth an Bord erwarten. Ich teile ihm mit, dass wir uns verspäten würden und frage, ob er irgendwo noch so etwas wie ein Dinner besorgen könnte. Er will es versuchen.</p><p>Gegen 23 Uhr erreichen wir die Dart-Haven-Marina auf dem Kingswear-Ufer des Dart-Rivers. So früh im Jahr liegen noch nicht viele Boote an den Stegen. Die DAISY ist kaum zu übersehen, selbst unter den Hafenfunzeln nicht: Weißer Rumpf, achtzehn Meter lang, zwei Masten, blankblitzender Targabügel über dem Mittelcockpit.</p><p>Der Salon hell erleuchtet von gut einem Dutzend Halogenlampen in der Decke. Der Eigner lehnt lässig neben dem weißen Kühlschrank an der Küchenzeile. Nein, was Essbares habe er leider nicht mehr auftreiben können. Die DAISY ist bis auf ein paar Gewürze leergefressen. Die Proviantbeschaffung steht für nächsten Tag im Plan.</p><p>An diesem Abend fand sich doch noch eine Kneipe, die diverse Toasts servierte. Und Ale. Wenigstens etwas.</p><p>Ein Frühstückskommando besorgt am nächsten Morgen das Nötigste. Wir nutzen die Autos zur Verproviantierung. Danach müssen wir sie loswerden. Bernd und ich hatten uns von vornherein als Fahrer eingeteilt. Fünfundvierzig Kilometer nach Plymouth.</p><p>Die Rückfahrt im ersten Stock des Doppeldeckerbusses wird für uns beide zu einem verbindenden Erlebnis. Ein energischer Kumpel. Hat Einiges aus Schottland zu erzählen. Klaro: Der Co-Skipper. Leider hat er nur zwei Wochen Zeit. Weite Blicke über die rapsgelben Felder und grünen Wiesen. Zauberhaftes Cornwall.</p><p>Zurück an Bord empfängt uns eine eigenartige Stimmung. Der Eigner-Skipper kramt seine Sachen zusammen.  Für diesmal sind es seine letzten Stunden an Bord. Der Gezeit wegen sollten wir am nächsten Morgen kurz vor fünf Uhr ablegen. Heike, Hartmut, Walter, Sylvia und Angela finden sich nach und nach auch wieder an Bord ein, verziehen sich aber wortkarg in die Kabinen.  </p><p>Endlich ist Zeit für die Einführung in das Schiff. Der Eigner hat ein paar bittere Wahrheiten auf Lager. Trotz einer Reparaturwoche nach Ankunft der DAISY aus den USA funktioniere der Autopilot nicht. War zu verschmerzen, wir hatten genug Steuerleute.</p><p>Auch die Warmwasserheizung sei unbrauchbar. Könnte in Schottland unangenehm werden.</p><p>»Ach ja, der Drehzahlmesser der Hauptmaschine, der ist übrigens auch ausgefallen.«</p><p>Okay, dann nutzen wir die Maschine eben nach Gehör.</p><p>»Brot backen müsst Ihr ja nicht unbedingt, oder? Der Backofen des Gasherds ist leider außer Betrieb.«</p><p>»Noch was?«</p><p>»Nein, sonst funktioniert alles.«</p><p>Er legt ein Übergabeprotokoll auf den Tisch. Die Ausfälle waren aufgelistet. Ich unterschreibe den Wisch. Er macht sich daran, seine restlichen Sachen aus der Skipperkabine im Achterschiff zu räumen. Die letzte Nacht würde er im Salon verbringen.</p><p>Mit meiner Crew war vereinbart, in Dartmouth drüben in der Bahnhofskneipe ein Dinner einzunehmen. Man setzt dazu mit der kleinen Autofähre über, die quasi im Zehn-Minuten-Takt verkehrt.</p><p>Als wir unter uns sind, wird die miese Stimmung klar: Der Eigner-Skipper habe sie aufgefordert, mit kleinen Bürstchen den Rost an der Fußreling der DAISY zu beseitigen. Sie haben das Ansinnen nicht besonders ernst genommen und sich stattdessen mit der Einrichtung ihrer Kabinen und Kojen befasst, bzw. die malerische Umgebung erkundet.</p><p>Der Typ hatte sich mir als promovierter Sportmediziner vorgestellt auf dem Weg zur Habilitation. Zahlende Crew zum Rostklopfen zu verdonnern, schien mir schon etwas dreist. Als wir zurückkehren, schlummert er bereits.</p><p>Am nächsten Morgen: Grau bedeckter Himmel, dünnes Nieseln. Gegen halb fünf schafft er wortlos sich und sein Gepäck auf den Steg. Die Crew zaubert ein kleines Frühstück.</p><p>»Wir sind nicht da, um das Schiff zu entrosten.«</p><p>»Ja aber bisschen Pflege…«</p><p>»Mach‘s gut, komm gut heim.«</p><p>Das Boot ist zwischen vier Pfählen festgemacht. Mein Plan: Achterausfahrt gegen die Gezeiten- und Fluss-Strömung, in der Gasse zwischen den Stegen, Ruder hart steuerbord kräftig Gas geben mit Schraube auf Vorausfahrt. Wie lange es dauern wird, bis der Propeller und die 130 PS der Maschine in Vorwärtsfahrt umsetzen würde, weiß ich noch nicht. Muss schnell gehen, der Strom wartet nicht.</p><p><a href="https://steady.page/de/sailingstories/about">Mitglied werden</a></p><p>Erst mal Segelpersennings von Groß- und Besansegel abnehmen und verstauen. Crew in das Ablegemanöver einweisen.</p><p>Motorstart. Dumpfes, sattes Brummen des Sechszylinders. Das Kühlwasser plätschert stoßweise steuerbords am Heck in den Dart. Die Damen und Herren befinden sich an Deck, zwei nehmen vorn die Bugleinen weg, zwei die Heckleinen, drei stehen mittschiffs an der Reling bereit und Walter, unser Senior, sitzt im Mittelcockpit unter der geschlossenen Sprayhood.</p><p>Angela sitzt im Achtercockpit für die Kupplung. Das Aus- und Einkuppeln funktioniert elektrisch. Der Knopf dafür befindet sich am Armaturenbrett im Steuercockpit, vom Steuerrad aus unerreichbar. Direkt neben dem Rad sind die Hebel für Schraubensteuerung und Drehzahl montiert und zwischen ihnen eine Lampe. Wenn die rot leuchtet ist eingekuppelt. Hochmodern!</p><p>»Einkuppeln!«</p><p>Den Hebel der Schraubensteuerung langsam hochziehen auf Achterausfahrt. Noch Standgas. Nun die Drehzahl bisschen erhöhen.</p><p>Die dreißig Tonnen setzen sich langsam in Bewegung nach achteraus, raus aus der Box, gegen den Strom. Bevor wir an den nächsten Dalben kommen, dreh ich das Ruder bis zum Anschlag steuerbord, drücke den Hebel der Schraubensteuerung nach unten und schiebe den Gashebel weit nach vorn.</p><p>Mein Puls wird deutlich schneller, die Maschine laut. Sie schiebt heftig an. Das Schiff dreht fast auf der Stelle. Der Bug schwenkt aus der Gasse. Aber der Strom drückt. Noch mehr Gas. Der Sechszylinder dröhnt los und das Schiff dreht deutlich schneller.</p><p>Der Eigner auf dem Steg und sieht dem Manöver zu. Ruder gerade und das Boot schießt in den River hinaus.  Huch, es hat geklappt. DAISY ist im Dartriver draußen. Fender und Leinen einsammeln.</p><p>Das grüne Tal des Dartriver in grauer Morgendämmerung und Nieselregen. Rechts der Ort Dartmouth mit der mächtigen Marine-Kaserne auf dem Hügel und gegenüber Kingswear, mit seinen den Hang hinauf gestaffelten Häuserzeilen. Voraus verschwindet das Fahrwasser hinter einem Kap, ein Felsen mit trutziger Burganlage drauf. Der Fluss schlängelt sich zwischen den grünen Bergen hinaus ins Meer.</p><p>Immer schön in der Mitte bleiben. Ebbstrom samt Flussstrom nehmen das Schiff mit. Bald liegt die letzte Biegung achteraus und der Blick nach draußen tut sich auf.</p><p>Das Meer. Der Englische Kanal. Die verkehrsreichste Wasserstraße der Welt. Es weht ein munterer Nordwest und wirft ordentliche Schaumkronen auf. Kein Schiff zu sehen. Wir wollen nach Westen, nach Falmouth aber der Kurs führt erst mal nach Südwest um Start Point herum. Das passt gut zum Wind.</p><p>»Klar zum Setzen des Großsegels und des Besansegels!«</p><p>Bernd, der Co-Skipper übernimmt das Ruder und ich gehe zum Großmast. Der Steuermann dreht das Schiff in den Wind. Ich schäkle das Fall in den Segelkopf und kurble zum ersten Mal auf der DAISY das Großsegel hoch. Ich will den Kraftaufwand kennenlernen. Es geht leichter als gedacht. Die beiden durchgelatteten Tücher knattern im Wind. Also Fahrt voraus aufnehmen und den Bug vom Wind wegdrehen. Schon füllen sich die Segel und die DAISY legt sich leicht nach Lee.</p><p>»Genua ausrollen und dicht holen!«</p><p>Augenblicklich greift der Wind in das riesige Tuch. DAISY neigt sich weiter und nimmt deutlich Fahrt auf.</p><p>War es ein Omen für die Reise?</p><p>Bernd am Steuer ruft plötzlich aufgeregt: »Das Ruder blockiert! Keine Ruderwirkung!«</p><p>Ach du Sch…</p><p>Ich renn nach achtern. Das Boot fährt eine Halse. »Holt die Segel dicht!«</p><p>Das chromblitzende Steuerrad lässt sich nicht bewegen. Weit über den Heckkorb nach außenbords gebeugt, versuche ich das Ruderblatt zu beäugen. Hängt doch tatsächlich eine Stange zwischen dem oberen Rand des Ruderblattes und dem Rumpf.</p><p>»Wo kommt das Trumm denn her?«</p><p>Der Bootshaken hilft, das Teil in Griffweite zu bekommen. Ein gut zwei Meter langes stabiles Schilfrohr, Treibgut. Ich schleudere es zurück ins Meer. »Vielen Dank auch. Behalt den Krempl.«</p><p>»Jetzt dreh mal!«</p><p>»Läuft frei, alles gut!«</p><p>Schiff wieder auf Kurs bringen. Die Bugwelle fängt an, gleichmäßig zu rauschen. Maschine aus! Das heißt bei diesem Schiff erst Leerlauf, dann Schraubenverstellung auf extrem, so daß die drei Propellerblätter horizontal zu stehen kommen und kaum noch Widerstand im Wasser leisten. Auskuppeln, Maschine stopp.</p><p>Das ist er, der Moment der Ruhe! Still gleitet die Ketsch durch die See. Nur das Zerplatzen der Wellenkämme am Bug ist zu hören. DAISY zieht eine schäumende Spur durch das Meer. Die Segelschiffszeit wird fühlbar.</p><p>Der Nieselregen bleibt zurück in Cornwall, der Himmel reißt auf und die Frühlingssonne trocknet das Deck.</p><p>Bis Falmouth liegen vierundsechzig Seemeilen vor uns. Direkt gemessen. Nach der Passage von »Start Point« würde der Kurs nach Westen weisen. Wird einige Kreuzschläge erfordern gegen den Wind und die Strecke beträchtlich verlängern.</p><p>Der Name »Start Point« kommt nicht von ungefähr. Nach Westen muss von diesem Kap an gekreuzt werden. Immer schon in allen Epochen der Segelschiffzeit.</p><p>Mein Platz ist jetzt am Kartentisch. Das Display des GPS zeigt es schwarz auf weiß: 6,4 bis 7,8 Knoten Fahrt über Grund. Kurs 192° Südsüdwest.</p><p>»Super. Raumschots,« murmle ich für mich. Ich klettere den Niedergang hoch und erzähle die Daten dem Co-Skipper.</p><p>»Wie lang bleiben wir auf dem Kurs?«</p><p>Bernd hat Spaß am Ruder. Nicht viel zu tun: Die Ketsch läuft gut getrimmt von allein geradeaus. Da der Kurs dicht unter Land verläuft, gibt es keine große Welle. Der Wind fällt über die flachen Hügel Cornwalls aufs Meer.</p><p>»Mal sehen, wie es hinter dem Kap ausschaut. Wenn wir viel anluven können, vielleicht noch acht Stunden.«</p><p>Die Damen und Herren verteilen sich auf Mittelcockpit und Achtercockpit. Es klappert in der Pantry. Sylvia! Ein zweites Frühstück ist allen willkommen.</p><p>An Start Point vorbei bewegt sich das Schiff heftiger, die Bugwelle wird lauter, Wellenkämme knallen gegen die Bordwand in luv. Gischt weht über das Vorschiff. Bernd kann ein paar Grad anluven, also höher an den Wind gehen, aber die Südkomponente bleibt doch noch heftig.</p><p>»Holt die Schoten von Groß und Besan bissl dichter!«</p><p>Hartmut und Heike kurbeln kurz an den Winschen.</p><p>»Wenn ich noch höher geh, werden wir zu langsam.«</p><p>»Passt schon. Lass sie rennen. Wir sollten nur nicht zu weit südlich von Lizard kommen. Da wird es mehr Welle geben.«</p><p>»Wieviel Meilen?«</p><p>»Vierzig schätz ich. Oder wir wenden früher. Kommt auf den Seegang an. Wir kommen sonst zu weit in den Kanal hinaus. Ich schau mal in die Navi.«</p><p>Am Kartentisch zeigt das GPS jetzt einen Speed über Grund von 5,5 bis 6,2 Knoten. Ich geh davon aus, dass der wahre Wind ungefähr aus zweihundertachtzig bis zweihundertneunzig Grad kommt. Westnordwest. Eine exakte Windanzeige gibt es nicht auf der DAISY. Nur den Windpfeil im Besantopp. Als Kurs zeigt das GPS-Display 246° bis 250° an. Da kommt ein Wert von etwa vierzig Grad gegen den Wind raus. Nicht schlecht Herr Specht.</p><p>Wären also an die zehn Stunden. Dann eine Wende nach Nord, wenn wir einen Wendewinkel von hundert Grad hinkriegen, Nordnordwest. Direkt in die Mündung des River Fal. Nochmal drei Stunden.</p><p>Warten wir es ab. In jedem Fall wird die Ankunft spät in der Nacht liegen.</p><p>Die Ketsch prescht gelassen durch die grün-blauen Fluten, ohne dass der Rumpf irgendein Geräusch vernehmen lässt. Anders als auf den knarzenden, scheppernden Plastikschiffen. Nur das Rauschen der Burgwelle, das Zerplatzen der Wellenkämme an der hohen Luvbordwand und das Singen des Windes in den Wanten begleiten uns.</p><p>Die Segel funktionieren hervorragend. Das Groß haben wir so weit dicht geholt, dass in den ersten dreißig Zentimetern am Mast noch ein wenig Spiel zu erkennen ist. Der Rest des Tuches steht glatt und leistet besten Vortrieb. Beim Spiel mit dem Besansegel lerne ich seine Wirkung auf Speed und Kurs. Nur nicht zu dicht holen!</p><p>Bernd will abgelöst werden.</p><p>»Hartmut, wie schauts aus?«</p><p>»Ja gern. Wo geht’s hin?«</p><p>»Fahr einfach gradaus weiter.«</p><p>»Geht‘s vielleicht bissl genauer?«</p><p>»So um die zweihundertfünfundfünfzig Grad am Kompass. Wenn‘s geht, bissl mehr.«</p><p>»Was heißt mehr?«</p><p>»Ja halt zweihundertsechzig vielleicht oder zweihundertsiebzig.«</p><p>»Hä? Das wär genau nach Westen!«</p><p>»Wäre ideal. Wird aber nicht klappen, solang der Wind nicht dreht.«  </p><p>»Schau ma mal.«</p><p>Das zweite Frühstück ist längst vergessen. Sylvia und Angela zaubern einen Lunch. Der wird im windgeschützten Mittelcockpit eingenommen. Dort gibt es einen Tisch aus massivem Teakholz.</p><p>Viel höher als 255° schafft es auch Hartmut nicht. Dazu werden auch noch die Wellen höher. Am Kartentisch sehe ich, dass wir die Breite von The Lizard nach Süden überschreiten.</p><p>»Leute, wir sollten eine Wende fahren.«</p><p>Heike und Hans-Peter besetzen die Winschen.</p><p>»Klar zur Wende!«</p><p>»Ree!«</p><p>Hartmut dreht das Rad. Das Schiff schwenkt rauschend auf den neuen Bug. Die Segel knattern, flappen auf die andere Seite. Heike kurbelt die Schot dicht. Die Besanschot hol ich selbst.  </p><p>Mit dem neuen Kurs schaffen wir es nicht direkt in die Mündung des River Fal. Bald kommen wir wieder in ruhigeres Wasser. Noch zwei Wenden werden nötig. Die zweite schon in der Abenddämmerung. Im Dunkeln blitzten dann die Leuchtfeuer auf an der Mündung des Flusses auf.</p><p>»Was ist das für ein weißer Blitz?«</p><p><a href="https://steady.page/941f8b60-a014-472b-907a-7d82d390cf3f/posts/2410643c-440b-4b73-a4d0-85b88531589a">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Komm an Bord!]]></category>
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      <pubDate>Tue, 04 Nov 2025 22:20:22 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Ein Tag im Februar.]]></title>
      <description><![CDATA[Der Typ soll 62 Jahre alt sein? Ein sportlich trainierter schlanker Kerl eher klein als groß blinzelt unter kurz gehaltenen blonden Locken in die Morgensonne im Hafen…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p><p>Der Typ soll 62 Jahre alt sein? Ein sportlich trainierter schlanker Kerl eher klein als groß blinzelt unter kurz gehaltenen blonden Locken in die Morgensonne im Hafen von Rhodos, ein erwartungsvolles Lächeln im Gesicht. Mit einem kleinen Rucksack auf der Schulter und einer dunkelblauen Reisetasche zu Füßen steht er auf dem Kai vor dem Heck der LOREA.</p><p>»Hey, Du bist der Jens?«</p><p>»Jo.«</p><p>»Prima, komm an Bord.«</p><p>Nur für einen kurzen Stopp liegt meine Segelyacht LOREA im Juli 2024 in der neuen Marina von Rhodos, Griechenland. Das Schiff ist als Ketsch getakelt, trägt also zwei Masten, ist etwa dreizehn Meter lang und seit acht Jahren mein einziges Zuhause. Als ihr Eigner und Skipper, begrüße ich in Rhodos morgens um acht einen neuen Mitsegler:</p><p>Jens.*</p><p>Er balanciert mit seinen Sachen über die schmale Gangway aufs Achterdeck, stellt die Tasche ab und mustert die Masten, das Deckshaus, das halboffene Steuerhaus mit dem hölzernen Ruderrad darin und der golden blinkenden Messingnabe. »Schön, schön.«</p><p>Er will das Hochseesegeln näher kennenlernen. Eher das Reisen über das Meer unter Segel. Das Reisen sei seine Leidenschaft. Ob mit Fahrrad und Zelt, mit Zug oder Flieger, oder eben mit einem Segelboot. Wir werden diese Reise zu dritt beginnen. Meine Partnerin Marina, Jens und ich. Die Tour soll uns über diverse griechische Inseln nach Kreta, dann nach Korfu und schließlich die ganze Adria hinauf nach Nordwesten, nach Piran in Slowenien führen. Fünf Wochen lang, voraussichtlich.</p><p>»Du kannst die Bugkabine belegen. Wir sind erstmal nur zu dritt.«</p><p>»Schön, schön.«</p><p>Wie es so ist auf solchen Reisen, fragt man nach dem Woher und Wohin und überhaupt. Jens kommt aus Köln aber seine Mundart verrät Anderes. »Nu, da klingt doch Sächsisches durch, oder?«</p><p>Ja, er ist in Görlitz geboren und aufgewachsen. Ah, die östlichste Stadt Deutschlands. Und eine sehr schöne dazu. Und was hat er dort gemacht?</p><p>»Ich bin abgehauen.«</p><p>Er sagt das ganz einfach so.</p><p>»Ja wie? Das war ja nun nicht so einfach, oder?«</p><p>»Weißt du, ich hab auf einer FDJ-Reise nach Moskau, also beim sozialistischen Brudervolk was erlebt. Da habe ich gemerkt, wie die uns verarschen. Und da habe ich mir geschworen, dass ich abhaue. Da war ich siebzehn.«</p><p>»Das war ja mal ein Plan. Und wie sollte das gehen?«</p><p>»Ziemlich einfach. Ich musste an die Grenze. Ganz dicht an die Grenze.«</p><p>»Hey, da sind etliche ums Leben gekommen!«</p><p>»Nu, ich hab das anders gemacht.«</p><p>Mich elektrisierte die Entschlossenheit, die dieser freundlich lächelnde Typ anklingen ließ. Die Entschlossenheit eines Siebzehnjährigen in der DDR?</p><p>»Ja und wie?«</p><p>»Kann ich Dir gern erzählen.«</p><p>Wir erledigten unsere Provianteinkäufe im nahen Supermarkt und verbrachten noch einen gemütlichen Abend in einer Taverne nahe des Hafens. Am nächsten Morgen warfen wir die Leinen los, legten ab. Hinüber nach Symi, in die Panormitis Bay, gingen vor Anker im Angesicht des ehrwürdigen Klosters mit der uralten Kirche in der Mitte.</p><p>Jens erzählte. Seine Eltern hätten sich im SED-System zurechtgefunden, eingerichtet. Die Mutter als Lehrerin, der Papa als Mitarbeiter im städtischen Bauamt. In der östlichsten Stadt Deutschlands war der Westen am weitesten weg. Ebenso Gedanken und Möglichkeiten dorthin zu gelangen.</p><p>An der Lausitzer Neiße mit der Brücke nach Polen entwickelten sich dennoch Reisegelüste, aber sie orientierten sich an den Möglichkeiten, zielten eher nach Norden und Osten: Polen, die masurischen Seen, Ungarn, die deutsche Ostseeküste, Rügen.  Wer politisch brav war, durfte auch weiter: Das riesige Russland hat gewaltige Natur zu bieten, der gigantische Baikalsee, Hochgebirge im Kaukasus. Jens hat zwei Brüder, einen älteren und einen jüngeren. Die fünfköpfige Familie urlaubte in Masuren oder an der Ostsee.</p><p>Jens absolvierte wie seine beiden Brüder die Schule, mit einer praktischen Ausbildung zwischendurch, wie es in der DDR üblich war. Es folgte das Abitur. Papas Job mag es beeinflusst haben, dass sich Jens für Architektur interessierte. Er strebte das Studium an. Aber nicht in der DDR.</p><p>Die FDJ-Gruppe des Siebzehnjährigen war mit einer Reise zum großen Bruder nach Moskau ausgezeichnet worden.  Den Teenagern wurde die Metropole der UdSSR vorgeführt. Eines Abends stromerten sie durch die Innenstadt und kamen an einem Interhotel vorbei. Sie hätten gerne das Restaurant besucht, erzählt Jens. Aber auf die Frage nach US-Dollars mussten sie passen und wurden harsch abgewiesen. Zur gleichen Zeit suchte eine Gruppe Studenten Zutritt zu dem feinen Laden.</p><p>Jens: »Ich höre sie noch heute. Sie redeten Englisch, amerikanisches Englisch. Wir haben ja Englisch gelernt in der Schule. Also boten wir uns als Übersetzer an. Sie luden uns zum Essen ein und schon waren wir drin. Stell Dir vor: Der Klassenfeind aus Maine hat uns ein Dinner in einem Moskauer Interhotel spendiert. Schön, schön. Nach diesem Abend war für mich die Sache klar: Unser sozialistisches Vaterland betrügt uns nach Strich und Faden. Da musste ich raus.«</p><p>Doch das sagte er niemandem. Nicht den Eltern, nicht den Brüdern, nicht den Schulfreunden, nicht den Freuden bei der FDJ und nicht den Genossen in der Gesellschaft für Sport und Technik. Er verfolgte sein Ziel, still, aber beharrlich.</p><p>Er wollte Architektur studieren. Um einen Studienplatz zu bekommen, musste er ein paar Jahre Dienst in der NVA leisten. Er lernte erst einmal Motorradfahren. Bei der GST, jener Gesellschaft für Sport und Technik, konnte er diesem Hobby frönen. Geländefahren, also querfeldein, über Sandpisten und Hügel, durch Wälder und über Felder. Freilich war das eine vormilitärische Ausbildung. »Aber hat Spaß gebracht. Ich hatte auch selbst ein Motorrad. Papa fuhr einen kleinen Lada und ich eine Simson Schwalbe KR51.«</p><p>Dann kam die Einberufung zur Volksarmee. Grundausbildung in Bautzen. Acht Mann auf einer Stube. Eingeschworen auf die Verteidigung des sozialistischen Vaterlandes. Jens konnte die Offizierslaufbahn einschlagen. Zur feierlichen Beförderung zum Unterleutnant kamen auch die Eltern nach Plauen. Man überreichte ihm einen Ehrendolch. Es waren die Traditionen der Wehrmacht. Die DDR zeigte beim Militär keine Berührungsängste mit den Traditionen der reichsdeutschen Armee unter den Nazis. Auch die Uniformen glichen jenen aus dem Dritten Reich.</p><p>Als es um die Verwendung ging, war der Fall für Jens schnell entschieden: »Ich wollte zur Grenztruppe. Als Görlitzer war ich dazu prädestiniert. Keinerlei Verwandtschaft im Westen. Kein Einfluss westlicher Medien.« Prompt folgte eine Spezialausbildung für den Dienst am »antikapitalistischen Schutzwall.« </p><p>Der Zwanzigjährige wurde mit den Sicherungsanlagen vertraut gemacht. Und er lernte sehr schnell, dass sich dieser Aufwand mit über mannshohem Doppelzaun, Todesstreifen, Minenfeldern, Selbstschussanlagen und Wachtürmen keineswegs gegen den Westen richtete, sondern gegen die eigene Bevölkerung. Gegen sogenannte »Grenzverletzer.«</p><p>Ein vieldeutiges Wort: Galt für beide Seiten. Diese galt es aufzuspüren und im Zweifel zu »vernichten«, wie es in der Ausbildung hieß. Dazu waren sogar Türen im Sperrzaun eingebaut. Durch sie konnten die Grenzsoldaten rasch auf die westliche Seite gelangen, um »Grenzverletzer« zu verfolgen, die es irgendwie geschafft haben sollten, Zäune, Todesstreifen und Minenfelder zu überwinden.</p><p>»Irgendwie praktisch,« fand Jens grinsend. </p><p>Er habe auch von tragischen Vorfällen gehört. Von Kameraden, die nach Westen wollten und von Kameraden erschossen worden waren. Viel geredet habe man darüber nicht. Sowas hatte nicht zu geschehen. Republikflüchtlinge waren wenig besser als Verbrecher. Potenziell dem Tod geweiht. Insgesamt waren dreihundert Menschen an dieser Grenze zu Tode gekommen.</p><p>Unmöglich, nachzufragen, welche Fehler den Opfern unterlaufen waren. Damit hätte man schon Verdacht geweckt. Jens brauchte einen todsicheren Plan, und zwar im Sinne von sicher vor dem Tod. </p><p>Es dauerte, aber eines Tages war Jens tatsächlich Kommandant eines Wachzuges der Grenztruppe. Er bekam den Job 1985 im Nirgendwo zwischen Thüringen und Hessen. Bucklige Felder und dunkle Wälder. Nichts los. Aber er war am Ziel, mit zweiundzwanzig.</p><p>»Schön, schön.«</p><p>Stationiert in Vitzeroda, Kreis Eisenach, einem netten Dorf mit Kirche und Fachwerkhäusern, in denen etwa zweihundertsiebzig Einwohner lebten. Dazu kamen die Soldaten der Grenztruppe, die in der neuen Kaserne am Ortsrand untergebracht waren. Vitzeroda war Grenzgebiet und damit für alle Normalbürger tabu. Wer hierbleiben wollte, musste »zuverlässig« sein. Zutritt nur mit Sonderausweis. </p><p>Von den Höhen um Vitzeroda konnte man die weiße Kalihalde sehen im Westen hinter dem bewaldeten Steinkopf bei Heringen an der Werra. Im Vordergrund eigentlich eine anheimelnd schöne Natur. Das Werratal, die Wälder. Bad Hersfeld, die nächste größere Stadt im Westen, fünfundzwanzig Kilometer Luftlinie entfernt. »Ich war dort näher am freien Westen als die Mehrheit der DDR-Bürger.«</p><p>Aber die Routinen hätten ein weiteres Hindernis aufgebaut, erinnert sich Jens. Die Dienstpläne seien auf komplette Kontrolle ausgetüftelt gewesen. Nicht nur Kontrolle der Grenze. Zum einen sollte verhindert werden, dass sich Beziehungen unter den Soldaten aufbauen ließen. Zum anderen sollten sich alle gegenseitig kontrollieren. Organisiertes Misstrauen. Distanz zwischen Zugführer und Truppe. Zwei auf dem Wachturm mit Telefon und dem Fernzugang zu allen technischen Einrichtungen: Elektro-Kontaktzaun, Schussanlagen, Minenfeldern, Scheinwerfern. Die anderen auf Streife zu Fuß als sogenannte Posten im Gelände am Zaun entlang. Egal mit wem er den Dienst teilte: Er war mit seinem Plan ganz auf sich selbst angewiesen.  </p><p>Seinen Dienst als Kommandant des Wachzuges versah er peinlich exakt. Mit der Militärversion des Trabant fuhr er täglich mit seinem Unteroffizier von der Kaserne in Vitzeroda zum Wachturm hinaus. Ablösung hieß: Schlüsselübergabe, Waffenübergabe, Munitionskontrolle, Ereignisprotokoll, Fahrzeug übergeben.</p><p>In einem Kellerraum unterhalb des Wachturms war der Generator für die Stromversorgung untergebracht samt Kraftstofftank. Auch diese Anlage wurde an die folgende Mannschaft übergeben. Der Generator war regelmäßig zu kontrollieren: Kühlwasser, Öldruck, Drehzahl, elektrische Leistungsabgabe. Oben im Wachraum des Turmes gab es Telefon, Funkanlage und die Armaturen der Sicherungssysteme. Und die Schlüssel für die »Notfalltore« im Metallgitterzaun. »Genau deshalb wollte ich dahin.« Er war am ersten Ziel angekommen. Endlich.</p><p>Die Fußstreifen, bestehend aus Posten und Postenführer, liefen nach einem abgestimmten Zeitplan. Sie wurden »unterstützt« von motorisierten Streifen, die jeweils die Einsatzabschnitte abfuhren. Die Zeit, in der Kommandant und Unteroffizier allein im Wachturm verbrachten war auf diese Weise reichlich begrenzt. Entweder kam die Fußstreife zurück oder der Armee-Trabbi oder Geländewagen.</p><p>Samstag, der 9. Februar 1985. Die Fußballbegeisterten der Westrepublik fieberten einer besonderen Begegnung entgegen. Im Weserstadion der Hansestadt Bremen sollten die Spitzenmannschaften der Fußball-Bundesliga, Bayern München als Tabellenführer und Werder Bremen als Tabellenzweiter, aufeinandertreffen. Geplanter Anpfiff: 15:30 Uhr. Hochspannung lag in der Luft. Überall.</p><p>Auch in der Polizeiwache des hessischen Städtchens Heringen an der Werra im Kreis Hersfeld-Rothenburg. Wer es irgendwie einrichten konnte, fand einen Platz vor dem Fernsehgerät im Aufenthaltsraum in der Wache mitten im Ort. Nicht viel anders lief dieser Nachmittag bei den diensthabenden Einheiten des Bundesgrenzschutzes in Bad Hersfeld, in den Ministerien und Verwaltungen der Regierung in Wiesbaden.</p><p>Den behördlichen Jourdiensten dieses Samstags bot sich bis ins Bonner Innenministerium und der BND-Zentrale in Pullach bei München indes ein ganz besonderes Programm. Fußball war es nicht direkt.</p><p>Kurz nach 15:00 ist es so weit, draußen hoch über dem Werratal in Thüringen. Unsichtiges Wetter, leichtes Schneetreiben auf den Hügeln um Vitzeroda. Die Fußstreife ist weg und die Motorstreife wird noch gut zwanzig Minuten brauchen. Der Unterleutnant der DDR-Grenztruppe Jens peilt mit dem Armee-Fernglas in seinem Dienstraum oben im Wachturm in beide Richtungen des Todesstreifens. Nichts Besonderes zu sehen im leichten Schneetreiben. Kein Posten und kein Postenführer. Kein Fahrzeug. Er trifft die Entscheidung: Das ist der Zeitpunkt. »Jetzt oder nie.«</p><p><a href="https://steady.page/941f8b60-a014-472b-907a-7d82d390cf3f/posts/01d9efbb-6716-441e-8b7e-68e37b19e233">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sat, 01 Nov 2025 19:27:29 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Von Turku nach Stockholm? Da kommt was auf mich zu.]]></title>
      <description><![CDATA[»Kannste mal einen Sizilientörn übernehmen? Palermo, Äolische Inseln und zurück?«  »Klar mach ich.« »Hast Zeit für eine Woche Korfu?« »Okay. Da war ich auch schon…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Turku nach Stockholm? Da kommt was auf mich zu.</h1><p> »Kannste mal einen Sizilientörn übernehmen? Palermo, Äolische Inseln und zurück?« </p><p>»Klar mach ich.«</p><p>»Hast Zeit für eine Woche Korfu?«</p><p>»Okay. Da war ich auch schon unterwegs.«</p><p>»Der Crew hat es gut gefallen mit Dir letzten Sommer. Hast Zeit für einen neuen Törn?«</p><p>Mein Leben füllte sich mit Seemeilen. Immer wieder andere Schiffe, nette Leute, neue Segelreviere. So ging das eine ganze Weile. Bis eines schönen Sommertages mitten zwischen den Inseln Dalmatiens mal wieder mein Telefon dudelte.</p><p>»Hey Skipper, Du bist mir empfohlen worden. Könntest Du eine Überführung machen?«</p><p>Diese Stimme kannte ich nicht.</p><p>»Ja, sicher. Was, wie und wo?«</p><p>»Eine größere Ketsch von Turku nach Stockholm. Hast zwei Wochen Zeit, solange brauchst aber gar nicht.«</p><p>»Von wo?«</p><p>»Turku.«</p><p>Die Frage »Wo is‘n das?« lag mir schon auf der Zunge. Ich hatte damals keine Ahnung von Turku. Für mich klang es deshalb nach einer weiten Segelreise und das war genau das Richtige für mich. Also unterdrückte ich meine Unkenntnis.</p><p>»Okay, wenn Du mir den Flug zahlst, kein Problem.«</p><p>»Gut. Ich melde mich morgen nochmal.«</p><p>Das tat er auch. Mit einer Absage. Die Tour habe nun ein anderer übernommen. »Aber wir sollten uns unbedingt mal kennenlernen. Ich habe noch mehr solche Törns vor.«</p><p>Genau, das fand ich auch. Wer solche Aufträge zu vergeben hat, war interessant für mich.</p><p>Wochen später in Bayern am Ostufer des Starnberger Sees saßen wir uns gegenüber. Ein sportlicher Typ, volles Blondhaar, tiefliegende blaue Augen paar Jahre jünger als ich. Ein hübsches altes Häuschen im schattigen Wald nah am Ufer. Nicht direkt seins, aber Eigentum der Familie. Er sei Sportmediziner auf dem Weg zur Habilitation. Deshalb fehle ihm die Zeit längere Seereisen zu unternehmen. Aber er habe eine Segelexpedition nach Spitzbergen organisiert und durchgezogen. Mit einer Ketsch aus Stahl, die er dafür gechartert habe. Gäbe auch einen TV-Film darüber. »Guck mal.«</p><p><a href="https://steady.page/de/sailingstories/about">Jetzt Mitglied werden!</a></p><p>Er schiebt die Videokassette in den Rekorder und los geht’s. Segeln im Eis. Eine elegante Ketsch in voller Fahrt, Gischt fliegt, Crew im gelben Ölzeug bis zur Nase zu, wirbelt an den Winschen im Manöver. Schiff landet in einer der Südbuchten auf Spitzbergen, Teil der Crew steigt aus, macht sich durch Eis und Schnee über Berg und Fels auf den Weg nach Norden über die Insel. Schiff läuft mit der Restcrew wieder aus, segelt um das Eiland herum, läuft im Norden in eine Bucht, nimmt die Alpinisten wieder auf, segelt zurück nach Norwegen. Schöne Bilder aus der Kälte.</p><p>»Das Schiff hab ich jetzt gekauft für mein Unternehmen SEA and MOUNTAIN. Grundgedanke: Mit dem Segelschiff zum Bergsteigen. Meine zweite Leidenschaft.«</p><p>»Ah, klingt interessant. Und wie läuft das?«</p><p>»Es gibt einen Etappenplan. Der führt rund um den Nordatlantik. Etappen von jeweils drei Wochen. Wir sind etwa ein Dutzend Skipper. Jeder verpflichtet sich pro Jahr mindestens eine Etappe mit eigener Crew das Schiff zu übernehmen.«</p><p>»Das klingt gut. Und wie viel?«</p><p>»Die DAISY, so heißt das Schiff ist etwas über achtzehn Meter lang. Es gibt zwölf Kojen. Du kannst also locker acht Leute mitnehmen. Der Skipper zahlt jeweils 2.250 Euro pro Woche. Was er der Crew berechnet, ist seine Sache. Für Versicherung und Reparaturen komme ich auf.«</p><p>»Moment, also wenn ich sechs Leute mitnehme, von denen jeder 500 Euro pro Woche…«</p><p>»Genau. So kann das laufen.«</p><p>»Okay. Was ist die nächste freie Etappe?«</p><p>»Moment…. Nächstes Jahr im April von Dartmouth nach Inverness. Im übernächsten Jahr wäre dann noch die Etappe von Miami nach New York frei. Du müsstest nur hier den Skippervertrag unterschreiben, dann bist Du mit von der Partie.«</p><p>Konnte das wahr sein?</p><p>Das klang wie ein Märchen in meinen Ohren. Echte Seereisen unternehmen in Regionen, wo es eher wenig Charterverkehr gibt. Mein Herzchen hüpfte. Dartmouth – Inverness, das musste doch durch diesen Kanal gehen in Schottland, genau den Kaledonischen Kanal. Loch Ness! Neunundzwanzig Schleusen. Die Hebriden! Miami, New York! Welch ein Abenteuer! Endlich mal in die weite Welt hinaussegeln.</p><p>»Aber wir sollten uns vorher noch etwas näher kennenlernen. Musst ja mit dem Schiff vertraut werden.«</p><p>»Klar. Wie und wo?«</p><p>»Im März segle ich die DAISY von Laboe nach Dartmouth, wo Du sie übernimmst. Könntest in Laboe an Bord kommen und paar Tage mitsegeln, vielleicht bis Terschelling und das Schiff kennenlernen.«</p><p>»Prima. So machen wir das.«</p><p>»Im Herbst veranstalten wir immer ein Skippertreffen in München. Da besprechen wir den nächsten Etappenplan und was es am Schiff so Neues gibt.«</p><p>»Klingt nach guter Organisation. Prima.«</p><p>Nun brauchte ich eine Crew.</p><p>Erst mal die Strecke in der Karte anschauen. Darmouth in Cornwall. Wie kommt man denn dorthin? Dann um Lands End herum, an den Scillys vorbei durch die Irische See, nach Dublin rein und weiter nach Schottland rauf. Isle of Man, Hebriden, Kaledonischer Kanal. Mein lieber Scholli, das nenn ich mal Seefahrt.</p><p>Vorsichtige Anfrage bei meinen Adria-Seglern. Lust auf Irische See und Schottland? Im April?</p><p>Brrr. Drei Wochen? Viel zu lang.</p><p>Die Zeit lief. Das hat sie mal so an sich. Ich brauchte eine Crew. Internet war noch in den Kinderschuhen. Also Zeitungsanzeigen. »Drei Wochen Segelreise mit 18-m-Ketsch Cornwall – Schottland. Vorher Crew-Treffen. Telefonnummer.«</p><p>Im Herbst fuhr ich zum Skippertreffen nach München. Es fanden sich weit mehr als zwölf Leute ein. Etliche jünger als ich, manche älter. Einige kannten das Schiff, die Stahlketsch DAISY offenbar bereits. Und die sorgten für einen ordentlichen Dämpfer meiner Begeisterung.</p><p>Es wurde über technische Probleme gesprochen. Der Generator, die Heizung. Die Propellersteuerung. Die was?</p><p>»Das Schiff verfügt über einen Verstellpropeller, praktisch kein Getriebe zum Umschalten.«</p><p>»Und funktioniert?«</p><p>»Ja meistens schon.«</p><p>Und die Frischwasserversorgung. Alles in der <br/>Achterlast untergebracht. »Alles bisschen kompliziert und verbaut.« Der Typ war Mediziner, wie der Schiffseigner. Der wies darauf hin, dass es auf jedem Schiff mal Probleme zu lösen gäbe und er für Reparaturen ja aufkomme.  Das hörte sich wiederum richtig gut an und sollte auch beruhigend klingen. Ich versuchte das Projekt als Herausforderung zu sehen.</p><p>Ein anderes Problem reichte tiefer in das System: Mitsegler finden. »Wer geht schon drei Wochen auf Segelreise? Und so weit vom Schuss wie etwa von Halifax zu den Azoren? Meine Freunde machen das einmal und das war‘s dann auch.« So lautete die Klage.</p><p>Mein Einwand: »Dann müsst Ihr halt neue Mitsegler anwerben,« stieß auf breite und lebhafte Ablehnung.</p><p>»Mit Fremden segeln? Drei Wochen lang? Bin doch kein Therapeut.«</p><p>»Na ja, wenn du vor der Reise ein paar Stunden mit dem zusammenhockst, ist er ja kein Fremder mehr.«</p><p>»Nee so schnell geht das nicht.«</p><p>Selbst der Eigner pflichtete dem bei: »Will doch meinen Urlaub nicht mit irgendwelchen Fremden verbringen.«</p><p>Sonderbar.</p><p>Meine Zeitungsanzeigen funktionierten jedenfalls. Für einen Freitag im Januar setzte ich das erste Crew-Treffen an. Ich suchte dafür einen soliden Gasthof etwas außerhalb Münchens aus mit S-Bahn- und Autobahnanschluss. Hab vergessen, wie viele Interessenten sich telefonisch gemeldet hatten.</p><p>Es erschienen zehn Menschen. Echt sympathische Leute. Seglerinnen und Segler halt. Heike war die erste. Eine hübsche große Dame Anfang der vierzig, schlank, halblanges dunkelblondes Haar.</p><p>»Grüß Dich, bist Du der Skipper?«</p><p>Der Ton verriet es: Eine Münchnerin. Walter, ein stattlicher Herr im Ruhestand war aus Saarbrücken angereist und hatte sich samt Ehefrau in dem Gasthof eingemietet. Hans-Peter, groß, sportliche Figur Ende Vierzig auch aus München, Wolfgang im gleichen Alter aus Stuttgart, Albrecht, ein großer Kerl an die Fünfzig aus München, Udo, ein quirliger untersetzter Rentner etwas über Sechzig, Sylvia, schlanke kleine energische Dame mit schwarzem Pagenkopf, aus Nürnberg, Angela, ein sportlich ambitioniertes Mädel dunkelblond, Anfang der Vierzig, Christian, leicht korpulent etwas behäbig mit Ende der Dreißig der Jüngste und Horst, Ende Vierzig ein sportlich großer Kerl auch aus der Umgebung von München. Hartmut, ein weiterer Interessent aus München, war dienstlich verhindert, wollte sich aber unbedingt mit mir treffen.</p><p>Es entwickelte sich ein sehr lebhafter Abend. Alle sprühten vor Segelbegeisterung und Lust auf Abenteuer auf dem Meer. Udo blätterte alle seine Segellizenzen auf den Tisch. Walter gab zu bedenken, er sei zwar nicht mehr sehr gut zu Fuß aber eine Rolle als Stewart unter Deck würde er gern übernehmen. Einige erzählten von Segelerfahrungen bei Adria-Reisen. Hans-Peter war vor allem an Schottland interessiert, ebenso Sylvia, die gerne als Köchin fungieren wollte, was ihrer Leidenschaft entspreche. Die anderen wollten einfach lang auf dem Meer segeln. Einige konnten oder wollten noch nicht fest zusagen.</p><p>Am Ende fanden sich fünf, die ganz sicher mitkommen wollten. Wir vereinbarten ein weiteres Treffen, um uns besser kennen zu lernen. Dort könnten auch Hartmut und eventuelle weitere Interessenten teilnehmen.</p><p>Mit dieser Gewissheit sah ich dem Probetörn auf der DAISY mit dem Eigner und Initiator des ganzen Unternehmens entgegen.</p><p>Laboe im März.</p><p>Damals besaßen Cornelia und ich ein kleines Häuschen mitten im schönen Eckernförde, ihrem Quasi-Heimatort. Ich hatte das Haus vermietet und etwas erweitern lassen. So waren die Mieter, ein jüngeres Paar mit kleiner Tochter, zu lieben Freunden geworden.</p><p>Meine Bindung an dieses malerische Städtchen an der Ostsee war gefühlsmäßig viel älterer Natur. In diesem Leben hatten sich Freundschaften und schließlich familiäre Bande ergeben. Deshalb lag es nahe, meine Reise nach Laboe mit einem Besuch in Eckernförde zu verbinden. Die Mieter-Freunde boten an, mich nach Laboe zu kutschieren. So kam ich an einem sonnigen Frühlingsmorgen im Hafen unter dem Marine-Ehrenmal an.</p><p>Und da lag die DAISY. Backbord längsseits festgemacht im Fischereihafen, Bug zum Land.</p><p>Ich musste schlucken.</p><p>Diese eleganten Linien des weiß lackierten Rumpfes! Vom nahezu horizontalen Bugspriet schwang das Deck leicht abwärts, um zum Achterschiff hin wieder leicht anzusteigen. Der Bugspriet wurde von einem starren Wasserstag verstärkt. Starke Teak-Scheuerleiste mit Messingschiene drauf. Flacher Decksaufbau begann knapp achterlich des Großmastes, Unter dem Großbaum das Mittelcockpit mit blitzendem Edelstahl-Targabügel. Achterlich des Besanmastes unter dem Besanbaum das Steuercockpit mit silbern glänzendem Chromsteuerrad und der Kompass-Säule zwischen den beiden Teakbänken. Schräges Yachtheck mit kleiner Plattform drüber, an der das Besan-Achterstag angeschlagen war. Unter der Plattform ein starres, starkes Wasserstag. An den beiden Masten die Salings jeweils aus doppelten chromblitzenden Stahlrohren mit gut vier Zentimetern Durchmesser.</p><p>Mir stockte tatsächlich ein wenig der Atem vor dieser soliden Eleganz wie sie in der Frühlingsonne vor mir lag.</p><p>Der Eigner begrüßte mich und stellte mir die Crew vor: Eine junge Frau in den Dreißigern, ein etwa gleichaltriger Mann, ein weiterer junger Kerl um die Zwanzig und die betagte Mutter des Eigners.</p><p>In Anbetracht der Jahreszeit hatte ich den Eigner schon in der Vorbereitung der Reise gefragt, ob Schlafsack oder Decken mitzubringen wären. Er hatte versichert, es seien ausreichend Decken an Bord. Nun zeigte er mir meine Koje im Durchgang zwischen Messe und Achterschiff. Es gab dort eine blanke Matratze. Auf meine Frage nach einer Decke, brachte er nach einigem Suchen einen dünnen Matratzenschoner.</p><p>»Dein Ernst?«</p><p>»Geht schon. So kalt wird’s schon nicht.«</p><p>Die Crew war noch eine Stunde mit Proviant besorgen beschäftigt. Ich konnte mich derweil im Schiff umsehen. Der große Salon mit altrosafarbenen alkantaraüberzogenen Polstern halb um den viereckigen Tisch, die lange weiße Pantryzeile an Steuerbord mit echten Steinfließen in freundlichem Sonnengelb an der langen Wand, der weiße Kühlschrank, der am Ende auf der Arbeitsfläche stand, der breite Niedergang aus dem Salon hinauf ins Mittelcockpit, die beiden Nasszellen mit elektrischen WCs, eine im Achterschiff und eine im Vorschiff. Achtern an der Steuerbordseite die Navigation neben der großen Schalttafel mit integriertem Radarschirm.</p><p>Für die Navigation fand sich auf dem Kartentisch ein GPS, das die aktuelle Position, den Kurs und die Fahrt über Grund anzeigte. Im Flur neben der Navi einen Schrank mit einem etwa einen Meter hohen Stapel gefalteter Seekarten. Daneben einen Schrank mit der kompletten Elektrik und einen weiteren zum Aufhängen von Klamotten des Skippers.</p><p>Aus diesem Flur führt ein Niedergang zum Achtercockpit hinaus. Vom Navigationsplatz im Achterschiff aus ergab sich bei offenen Türen ein beeindruckender Blick bis ins Vorschiff. Insgesamt zählte ich neun massive Mahagonitüren mit Rundbögen. Auch die Bordwand war durchgehend mit massivem Mahagoni verkleidet. Im Achterschiff gab es eine hohe, dick gedämmte Holztür zum Motorraum. Als drinnen die achtzig Zentimeter lange Leuchtstoffröhre aufflammte, glänzte mir der blitzsauber maisgelb lackierte Motor entgegen, ein Ford-Lehmann-Sechszylinder Diesel.</p><p>Dieses Schiff nahm mich gefangen. Es machte einen starken, soliden Eindruck und verband Gemütlichkeit mit Sportlichkeit und Eleganz. Die Idee seines Erbauers und ersten Eigners sei gewesen, eine große Swan zu segeln, so um die 60 Fuß, aber nicht aus Kunststoff wie die originalen Boote der finnischen Werft, sondern eine aus Stahl. Das erzählte mir der gegenwärtige Eigner. Der dänische Geschäftsmann habe den dänischen Konstrukteur Arne Borghegn beauftragt, ihm sein Traumschiff zu zeichnen. Das Ergebnis wurde die DAISY. Zusammengeschweißt und ausgerüstet von einer Schlosserei namens Blacksmith auf Fünen.</p><p>Ich stellte meine Reisetasche ans Fußende meiner Koje. Bis nach Terschelling in den Niederlanden sollte ich an Bord bleiben. Meine Rolle sollte die des Co-Skippers sein.  Für mich die erste Segelreise in Gezeitengewässern.</p><p>Spannend.</p><p>Kurz vor Mittag waren Schiff und Crew klar zum Ablegen. Die Sonne wärmte schon etwas, eine leichte Brise zog über die dunkelblaue Kieler Förde. Die elegante DAISY war zwischen zwei Schiffen festgemacht. Achteraus lag ein mittelgroßer Fischkutter, vor dem Bug ein etwas kleinerer. Auf dem achteren Kutter fiel mir ein Auspuffrohr ins Auge, das über dessen Bordwand nach steuerbord hinausreichte. Da musste die DAISY klar vorbei, und zwar in Achterausfahrt. Ich nahm deshalb eine Leine, um eine Vorspring zu legen zum Eindampfen, um das Heck klar und sicher von diesem Kutter freizubekommen.</p><p>Der Eigner startete die Maschine. Er bemerkte mich mit der Leine und rief mir zu, das brauche er nicht. Okay, dachte ich, bin ja mal gespannt, wie er das Schiff da raus kriegt. Leinen los! Aha, er arbeitete mit dem Radeffekt. Nach dem Einkuppeln schwenkte das Heck tatsächlich von der Pier weg. Aber nur ein wenig. Und dann noch ein wenig. Jetzt drehte er den Propeller auf achteraus und das Schiff glitt ins Hafenbecken hinaus, sehr dicht an diesem Kutter entlang und mein Herz wollte schon… Die vierzehn Millimeter starken Wanten der DAISY verfehlten dieses Auspuffrohr nur um Zentimeter. Glück gehabt. Nicht meine Art von Seemannschaft.</p><p>Er drehte das Boot um, bis der Bug zur Ausfahrt wies. Wir holten die Fender über die Reling an Deck. Drüben in Holtenau werden wir sie ohnehin wieder gebrauchen beim Festmachen, um die Kanalgebühr zu entrichten. Aber die drei Meilen konnten wir auch segeln. Also Groß rauf und Genua raus. Gute Übung. Erhebendes Gefühl, dieses Schiff segelnd zu erleben. Gelassen zieht die DAISY über die Kieler Förde, am Leuchtturm Friedrichsort vorbei. Eine Wende und schon bergen wir die Segel wieder.</p><p>Klar zum Anlegen in der Schleusenkammer. Das gestaltet sich etwas schwierig. Der Eigner kämpft mit dem Heck. Es will nicht an die Planken ran, um die Leine rüberzulegen. Endlich klappt es.</p><p>Der Eigner springt an Land, bezahlt im Büro, kommt zurück und meine erste Durchquerung des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Kanals beginnt. Vorbei an der schwarzen Marmortafel, auf der Cornelias Urgroßvater verewigt ist: Mit Kaiser Wilhelm II., Otto von Bismarck ist dort auch der Name Hermann Heinrich Dahlström eingemeißelt.</p><p>Der Kanal war die Idee des Hamburger Unternehmers. Er hatte ihn seit 1880 geplant, seine Finanzierung ausgetüftelt und beim Reichskanzler und dem Kaiser durchgesetzt. 1887 wurde mit dem Bau begonnen, 1895 fand die feierliche Eröffnung statt.</p><p>Dahlströms Tochter Else ehelichte am 25. November 1903 den Kieler Ingenieur und Unternehmer Hans Adolf Neufeldt, den Gründer von HAGENUK. Er wurde Cornelias Opa und Urgroßvater unserer drei Kinder. 1995 zur 100-Jahrfeier des Kanals, bekam meine Familie deshalb eine Einladung zur Jubiläumsfahrt durch den Kiel-Kanal. 52 Nautische Meilen von Holtenau bis Brunsbüttel an der Elbe. Ich war verhindert.</p><p>Aber jetzt ging’s los. Natürlich Motorfahrt. Acht Knoten machte die DAISY. Der Autopilot ist im Kanal nicht zu gebrauchen. Am frühen Abend erreichen wir die Tanke vor Brunsbüttel, vor dem westlichen Ende des Kanals. Es findet sich eine hölzerne Pier zum Festmachen. Die jungen Leute bereiten ein Abendessen. Auch die Seniorin, die Mutter es Eigners hilft mit. Es wird eine kühle Nacht unter dem dünnen Matratzenschoner.</p><p>Tags drauf passieren wir die Schleuse Brunsbüttel. Der Crew ist ein Mangel an Proviant aufgefallen. Also steuern wir Cuxhaven an. Die fünfzehn Meilen über die Elbe sind schnell geschafft. Das Anlegemanöver gestaltet sich wieder etwas langwierig. Offenbar war es nicht so einfach, dieses Boot steuerbordlängsseits an die Hafenmauer zu bringen. Es herrschte ablaufendes Wasser schon ziemlich fortgeschritten, fast Niedrigwasser, aber in der Wand dort sind Leitern eingelassen, über die man auf die Straße hinaufklettern kann.</p><p>Nach knapp einer Stunde war der Einkauf erledigt. Ablegen. Radeffekt funktioniert nicht nach backbord, die Schraube dreht rechtsrum und zwar immer. Also abstoßen und vorwärts weg. Irgendwie klappte es. Raus auf die Elbe gerade noch vor Flut. Vorbei an Kugelbake fand sich ein Nordnordwest.</p><p>Segel setzen. Der Wind bringt die DAISY flott an Neuwerk vorbei, das an backbord bleibt. Wir bleiben außerhalb der Schifffahrtstraße und segeln bei fast Halbwind mit gutem Speed nach Westen. An die hundert Nautische Meilen liegen vor uns bis Terschelling. Es ist trocken, ein sonniger Frühlingstag auf der Nordsee.</p><p>Die Crew bereitet ein Mittagessen. An der langen Pantryzeile können drei Leute gleichzeitig arbeiten. Die Benutzung des großen weißen Kühlschanks bedarf etwas Geschick bei der gegenwärtigen leichten Lage nach backbord: Das Teil öffnet genau dahin, nach backbord.</p><p>»Da würde sich doch eine Muldenkühlbox anbieten,« bemerke ich zum Eigner.</p><p>»Hab ich auch schon dran gedacht. Ist aber viel zu teuer. Würde fast fünftausend Euro kosten.«</p><p>»Huch, das ist freilich viel.«</p><p>Wieder hinauf ins Mittelcockpit, Ausguck. Dort gibt es eine Windschutzscheibe. Der Raum zwischen Windschutzscheibe und Targabügel ist offen. Das heißt, es gäbe schon eine Sprayhoud mit Reißverschluss entlang der Windschutzscheibe. Die Sprayhoud aber ist zurückgeschlagen und am Targabügel festgebändselt. So pfeift es über die festen Scheiben und unter dem Edelstahlbügel durch. Im März auf der Nordsee nicht wirklich kuschelig. Den Vorschlag, die Sprayhoud zu schließen, weist der Skipper und Eigner zurück: »Das wäre doch unsportlich.«</p><p>Das Mittagessen wird also im wärmeren Salon eingenommen. Als noch ein paar Wolken aufziehen, wird ein dickerer Pullover nötig unter der Ölzeugjacke.</p><p>Immer noch flott bei solidem Halbwind unterwegs, segelt die DAISY in die Abenddämmerung. Weit im Norden ziehen Frachter wie an einer Perlenkette in der Schifffahrtsstraße von West nach Ost in die Deutsche Bucht.</p><p>»Übernimmst du ab 20 Uhr?« fragt mich der Eigner.</p><p>»Ja klar, mach ich.«</p><p>Das Schiff läuft unter Genua und Groß gesteuert vom Autopiloten. Mein Platz als Skipper und Steuermann ist das Achtercockpit unter dem Besanbaum. Dort sind in der Wand unterhalb des Besan-Mastfußes auf einer schwarzen Tafel die Instrumente eingebaut: Das Panel des Autopiloten, das Echolot, die Geschwindigkeitsanzeige durch‘s Wasser, die Ruderstandsanzeige, die Drehzahlanzeige. Eine Windanzeige gibt es nicht, dafür im Besantopp eine beleuchtete Windex, also einen Verklicker, einen Windpfeil mit roten Luv- und Lee-Marken.</p><p>Auf den Bänken rund um das Ruderrad sitzt man kommod auf Teakholz. Rechts neben der Steuersäule, also an steuerbord, sind an der Wand die beiden großen Hebel für die Maschinen- und Schraubensteuerung angebracht. Die Propellerflügel können über die Wellenhydraulik stufenlos verdreht werden. Sehr praktisch, weil damit auch der Speed reguliert werden kann. Die Drehung reicht bis in Segelstellung, so dass die drei Flügel flach zur Fahrtrichtung stehen und kaum Widerstand im Wasser leisten.</p><p>Der zweite Hebel regelt die Drehzahl der Maschine. Die Kupplung wird elektrisch betätigt. Der Schaltknopf dafür befindet sich am Armaturenbrett, etwa anderthalb Meter vor dem Steuerrad. Unerreichbar für den Rudergänger. Bei Manövern muss dort ein weiteres Crewmitglied sitzen, um die Kupplung zu betätigen, also Propellerwelle von der Maschine zu trennen. Sehr seltsam.</p><p>An steuerbord neben dem Fuß des Besanmastes gibt es ein Schiebeluk aus dickem Plexiglas über dem Niedergang. Der führt ins Achterschiff hinunter zu Navigation, Motorraum, Bad und Skipperkabine.  </p><p>Heroben im Achtercockpit ist man vollständig dem Wetter ausgesetzt. Freie Sicht über den Bug hat nur, wer sich auf die Bank hinter dem Ruderrad stellt. Dennoch empfinde ich den Platz als sicher und einigermaßen komfortabel. Das liegt daran, dass sich zwischen Süll und Reling auf jeder Seite jeweils drei der langen Fender verstauen lassen. Komfortabel wie zwei Sofas. Achteraus erstreckt sich die kleine Heckplattform mit dem Anschlag des Besanachterstages.</p><p>Souverän pflügt die DAISY durch eine kleine See, deren Kämme an ihrem Stahlrumpf zu weißem Schaum zerplatzen. Der Wind legt etwas zu, damit auch der Speed und die Krängung nach backbord. Das Mädel und einer der Burschen sitzen vorn im Mittelcockpit. Unvermittelt taucht der Skipper und Eigner im Achtercockpit auf.</p><p>»Wir müssen eine Halse fahren. Da hinten kommt ein größeres Schiff auf.«</p><p>»Ja, ist was Größeres ein Segler,« sag ich. Ich hatte die Höhe der Toplampe dieses Aufkommers geschätzt. Er zeigte uns rot. Also seine Backbordlampe.</p><p>»Dem sollten wir ausweichen, der kommt zu dicht!«</p><p>Es ist immer so eine Sache auf einem Boot dem Skipper zu widersprechen. Für mich war klar, dass diese erheblich größere Segelyacht uns an steuerbord in gutem Abstand überholen würde.</p><p>»Wir brauchen doch nur bisschen abfallen.«</p><p>»Das reicht nicht. Wir müssen halsen.«</p><p>»Na gut.«</p><p>Also Großschot dicht holen, Winschkurbel der Genua umsetzen. Der Skipper machte das und ich stand am Ruder.</p><p>»Klar zur Halse!«</p><p>»Ist klar,« antwortet er und ich dreh das Ruder zum Anschlag. Die DAISY schwingt rauschend und gurgelnd herum. Aber er hat die Schot nicht unter Kontrolle. Die riesige Genua wird nach vorn geweht um das Vorstag rum. Nun holt er die Schot dicht und das Segel bildet ein sogenanntes Stundenglas: Ein Bauch oben und ein Bauch unten. Er zieht und zerrt an den Schoten, aber es lässt sich nichts ändern.</p><p>»Achtung,« sage ich, »wir gehen wieder auf den alten Bug, dann klärt sich das von selbst.«</p><p>Das Schiff hat noch Fahrt genug, um dem Ruder zu folgen. Die Genua wird wieder auf die Backbordseite geblasen. Er holt die Backbordschot dicht und das Boot nimmt wieder Fahrt auf. Indessen zieht der große Segler weit ab an steuerbord vorbei.</p><p>»Schau mal, der zeigt uns doch seine rote Lampe,« sag ich.</p><p>»Ja sorry. Ich kann doch nachts keine Farben unterscheiden.« </p><p>»Echt jetzt?« Das versetzt meinem Zutrauen den nächsten Riss. Normalerweise bekommt ein Mensch mit Rot-Grün-Schwäche überhaupt keine Segellizenz. Wäre einfach zu gefährlich.</p><p>Der Skipper zog sich wieder zurück in seine Kabine im Achterschiff. Ich führte das Schiff noch bis Mitternacht. Einer der Burschen und der Skipper übernahmen die Wache. Gerade hatte ich mich in meiner Koje mit dem Matratzenschoner einigermaßen zugedeckt und ins Leesegel nach backbord gelegt, da ließ mich ein Scheppern, Krachen, Plumpsen und Klirren zusammenzucken.</p><p>Kam aus dem Salon.  Ich rappelte mich wieder hoch und peilte nach vorn. Die Tür zu Salon und Pantry war offen. Und ebenso die Tür des großen weißen Kühlschranks. Dessen gesamter Inhalt kugelte auf dem Salonboden herum mit einer klaren Richtung: Nach backbord. Die Seniorin stand daneben und ihr Sohn krabbelte zu ihren Füßen auf dem Boden und sammelte das ganze Zeugs wieder ein. Einiges war wohl zu Bruch gegangen.</p><p>Sehr sonderbar. Dennoch fand ich etwas Schlaf. Der Wind blieb uns treu bis zur Einsteuerung in das Wattenmeer zwischen den niederländischen Inseln. Wir folgten der Fahrrinne nach West-Terschelling. Segel bergen.</p><p>Einsteuern in den Hafen von Terschelling. Dieser besteht aus zwei Teilen. Dem Kommerziellen Hafen für Fähren und Frachter und einem Yachthafen. Wusste ich nicht. Wir bereiteten die DAISY zum Längsseitsanlegen vor: Fender raus, Leinen klar.</p><p>Der Skipper steuert den kommerziellen Hafen an. Die Piers waren leer. Kein Schiff, kein Mensch. Das Anlegen gelingt diesmal auf Anhieb. Kaum sind die Leinen fest, kommt ein untersetzter Mann in Jeans, Karohemd und Schiffermütze auf einem Fahrrad herangeradelt. Er bleibt neben der DAISY stehen, nimmt die Pfeife aus dem Mund, stellt einen Fuß auf den Boden und betrachtet das Schiff.  Der Skipper wendet sich ihm zu und sagt: »Good morning.«</p><p>Der Mann nickt und erwidert den Gruß.</p><p>»Why do you berth here? Over there we have a nice marina for yachts«</p><p>Darauf der Skipper: »Because the ship is so big. I think over there we find no space enough...«</p><p>»No. Not any problem. In these times of year, the marina is pretty empty. This part here is for cargoships.«</p><p>»I will have a look.«</p><p>Der Skipper springt an Land und läuft zum Yachthafen hinüber. Wir klaren das Schiff auf. Ich packe meine Sachen, soll ja hier von Bord gehen und meine Heimreise antreten. Was mir sehr gelegen kommt.</p><p>Der Skipper kehrt zurück an Bord, gibt Anweisung zum Ablegen. »Da drüben können wir auch längsseits gehen.«</p><p>Okay. Maschinenstart, Leinen los. Der Wind hilft beim Ablegen. Der Skipper steuert die DAISY in den Yachthafen. Gähnende Leere. In der Saison legen die Yachten dort wohl mit Bug oder Heck an, um Platz zu sparen. Die hölzernen Dalben weisen darauf hin. Jetzt steuert er einen Längsseits-Platz an. Er gibt mir die Anweisung, mit der Heckleine auf den Steg zu gehen. Ich steh mit der Leine in der Hand in der offenen Relingspforte. Noch drei Meter zum Steg, noch zwei Meter.</p><p>»Jetzt spring!«</p><p>»Sorry, das ist mir zu weit. Komm näher ran.«</p><p>Er bringt das Schiff nicht näher an den Steg. Stattdessen verlässt er das Ruder und macht einen gewaltigen Satz auf den Steg. Hat Glück, dass die Planken dort drüben nicht feucht sind.</p><p>»Jetzt wirf!«</p><p>Er fängt die Leine auf und legt sie um den Poller. Wir ziehen das Schiff nah an den Steg, so dass auch die alte Dame bequem und sicher an Land kommt.</p><p>Mit meinem Rucksack auf dem Buckel verabschiede ich mich von allen. Und vom Skipper.</p><p>»Wir sehen uns in Dartmouth!«</p><p>»So machen wir das. Ich komme zu acht!«</p><p>»Echt jetzt, mit acht Leuten?«</p><p>»Ja. Sieben und ich.«</p><p>»Okay, die DAISY wird in der Darthaven-Marina in Kingswear gegenüber von Dartmouth liegen.«</p><p>»Wir werden sie finden. Gute Reise!«</p><p>Nun brauchte ich die Fähre von West-Terschelling nach Harlingen hinüber, um mit dem Zug nach Amsterdam zu kommen. Tochter Christiane absolvierte dort gerade ein Berufspraxisjahr im Rahmen ihres Touristik-Studiums. Ich wollte sie besuchen, hatte sie lange nicht gesehen. Mit ihr in Amsterdam. Ein schönes Erlebnis.</p><p>Danach ging es über Bremen, Hamburg und Kiel zurück nach Eckernförde zu meinem Auto.</p><p>Gemischte Gefühle waberten mir durch den Kopf. Was für ein großartiges Schiff! Mit seinen Eigenheiten strahlt es einen besonderen Charakter aus. Alles an ihm ist stark, hochdimensioniert. Segeln in Gezeitengewässern! Werde ich mit Schiff und Crew klarkommen?</p><p> <em>Deine Reaktion auf diese Geschichte würde mich interessieren und sehr freuen. Vielen Dank!</em></p><p> </p><p>© 2025 Hermann Engl 04711 Almerimar</p><p>www.hermann-engl.de</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Komm an Bord!]]></category>
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      <pubDate>Thu, 30 Oct 2025 15:06:34 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Im Mistral nach Sardinien]]></title>
      <description><![CDATA[Das Boot hatte ich in St. Lucia, in der Karibik kennengelernt.   Ein Freund hatte mich auf seine 38er Bavaria eingeladen. Die Segelreise nach Grenada stieß für mich eine…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Das Boot hatte ich in St. Lucia, in der Karibik kennengelernt.  </p><p>Ein Freund hatte mich auf seine 38er Bavaria eingeladen. Die Segelreise nach Grenada stieß für mich eine neue Welt auf. Atemberaubende Natur, faszinierende Farben, scheinbar unbeschwerte Lebensfreude, segeln im stetigen, starken Passatwind. Daraus entstand die schauerliche Geschichte: »Im Paradies der Haie«.</p><p>Genau dieses Schiff übernahm ich wenig später in Fuengirola, Spanien, um es nach Salerno in Italien zu überführen. Freund Michael hatte seine ANTARES aus der Karibik herübergesegelt. Mein Bruder Konrad (61), mein Sohn Maximilian (17), sein Schulfreund Tobi (17), Andreas (16) und mein Freund Manfred (54) begleiteten mich als Crew. Flieger von München nach Madrid, Großraumlimousine 560 Autobahnkilometer nach Andalusien. Michael der Eigner, fuhr den Wagen wieder zurück nach Madrid.</p><p>Böse Überraschung. Wir waren nicht allein an Bord. So wie wir nachts das Licht im Salon anknipsten, flitzten hunderte von hellbraunen Kakerlaken ins Dunkle.  Da half auch kein Schreikrampf. Wir sind trotzdem los, Richtung Balearen.</p><p>Der Kurs führte mich erstmals an Almerimar vorbei. Aber wir zielten auf Almeria für eine Übernachtung. Es ging weiter die Küste entlang die Costa Almeria, Costa Calida und die Costa Blanca lagen oft in Sichtweite. Wir ließen Ibiza und Mallorca hinter uns und schließlich lag auch Menorca im Kielwasser und diese ANTARES war auf dem Weg nach Korsika.</p><p>Manfred ist begeisterter Amateurfunker. Damals gab es auf Kurzwelle individuelle Wetterberatung. Auf unserem Weg von Menorca nach Korsika erhielt unser Funker eine Mistralwarnung.</p><p>»Wo seid ihr?«</p><p>»Zwanzig Meilen nördlich von Menorca.«</p><p>»Wo wollt ihr hin?«</p><p>»Ajacco, Korsika.«</p><p>»Vergesst es. In zehn Minuten habt Ihr Mistral! Vergesst Korsika!«</p><p><a href="https://steady.page/de/sailingstories/about">Jetzt Mitglied werden!</a></p><p>Schon war am Horizont der schwarze Strich zu erkennen. Zehn Minuten später machte die 38er mit sehr kleingerefften Segeln zehn Knoten über Grund nach Ostnordost.</p><p>»Okay, dann gehen wir eben nach Sardinien.«</p><p>Zehn Stunden später rollten sieben Meter hohe Wellen von achtern unter dem Schiff durch. War leicht abzuschätzen: Die gischtweißen Kämme hatten die Höhe der unteren Salings erreicht. Der Dreiviertelmond brachte die beinah schneeweißen Gischtfelder zu fahlem Leuchten. Voraus, weit voraus blinkte das weiße Leuchtfeuer auf dem 186 m hohen Berg vor der Bucht Porto Conte in Nordsardinien.</p><p>Für die Positionslichter, die Instrumente und den Kühlschrank brauchte es Strom. Deshalb musste regelmäßig die Maschine gestartet werden und ein, zwei Stunden mitlaufen. Funktionierte reibungslos. Bisher.</p><p> In dieser Nacht war alles anders.</p><p>Manfred weckte mich in meiner Koje in der Bugkabine. Kurz nach Mitternacht.</p><p>»Die Maschine spinnt.«</p><p>»Was ist los?«</p><p>»Nimmt kein Gas an. Keine Drehzahl…«</p><p>Raus aus der Koje. Erster Blick nach Achtern: Max steht am chromglänzenden Steuer, gut angeleint, hält hochkonzentriert Kurs. Hinter ihm und hoch über seinem Kopf rollt von achtern der weißgeschäumte Horizont heran. Ein riesiger Wellenberg, im fahlen Mondlicht weiß leuchtend. Das Schiff läuft unter einer winzigen Fock neun Knoten über Grund nach Osten.</p><p>Niedergang aufklappen zur Motorinspektion. Die Maschine läuft, wackelt, weniger als Leerlauf. Der Gaszug. Das Drahtseil ist ab. Mit der Hand kann ich den kleinen Hebel drehen und die Drehzahl geht sofort hoch. Das lässt sich flicken. Bis es fertig ist muss jemand in den Motorraum greifen und den Gashebel drücken. Bei sieben Meter hohen Wellen. Es gelingt.</p><p>Am frühen Morgen, aber noch in Finsternis steuerte ich das Schifflein um das Cabo Caccia hinter den Berg von Porto Conte in die Windstille. Dachte, die Geschichte wäre damit ausgestanden.</p><p>Der Berg schützt nur den Eingang in die Bucht. Nach Norden zu flacht das Land ab und die Nordwest-Böen pfeifen über die weite Wasserfläche. Wir finden einen Platz auf sechs Meter Wasser. Fünfzig Meter Kette raus. Der Anker hielt prima in der kurzen steilen Welle. Die ANTARES tanzte heftig.  </p><p>»Wir müssen hier wieder weg!« rief ich meiner erschöpften Crew zu.</p><p>»Lass uns wenigsten etwas Tee trinken und Pause machen,« bat Konrad.</p><p>»Gut. Aber macht schnell.«</p><p>Die erste Tasse war noch nicht ausgetrunken, da ließ uns ein heller Knall zusammenzucken. Das Schiff trieb sofort nach Lee ab. Noch zweihundert Meter blieben bis zu den Felsen am Ufer.</p><p>»Was…?«</p><p>»Die Kette!«</p><p>Maschine starten.</p><p>»Bleib am Ruder und fahr langsam voraus. Ich hol die Kette rein.«</p><p>Konrad stellte sich ans Rad, ich rannte zum tanzenden Bug nach vorn. Die Ankerwinsch spulte die Kette mit verdächtiger Leichtigkeit in den Ankerkasten. Da kam das Ende hoch. Nein, das Ende war es nicht. Ein rostiges Glied war durchgebrochen.</p><p>Adieu Anker.</p><p>Zurück ans Ruder.</p><p>»Los, gib Gas, raus aus der Bucht. Wir gehen nach Alghero.«</p><p>Die zauberhafte alte Stadt Alghero liegt ein paar Meilen weiter südlich. Der Mistral heulte nach wie vor in voller Stärke, aber auf der kurzen Strecke würden wir erst mal im Schutz des Cabo Caccia bleiben und ihn dann fast raumschots haben, bis wir hinter die hohe Hafenmole von Alghero gelangten. Kein Problem.</p><p>Eigentlich.</p><p>»Das Ruder. Irgendwas…« Konrad klang verzweifelt.</p><p>»Was ist mit dem Ruder?«</p><p>»Probier’s selbst mal.«</p><p>Noch befanden wir uns im Windschatten des hundertachtzig Meter hohen Berges.  </p><p><a href="https://steady.page/941f8b60-a014-472b-907a-7d82d390cf3f/posts/b73dc95d-4b66-4f60-bd39-f1f87f9d842e">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Ankergeschichten]]></category>
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      <pubDate>Wed, 29 Oct 2025 17:30:26 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Segeln ist schön. Aber wie anfangen?]]></title>
      <description><![CDATA[Wer sich an das Leben auf See und unter Segel herantasten will, macht nichts verkehrt, wenn er oder sie die ersten Meilen auf einer kippligen Jolle zubringt. Hat mir…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p> </p><p>Wer sich an das Leben auf See und unter Segel herantasten will, macht nichts verkehrt, wenn er oder sie die ersten Meilen auf einer kippligen Jolle zubringt. Hat mir sehr geholfen, denke ich.</p><p>Man erfährt sehr direkt, wie Aerodynamik in den Segeln auf das Schiff wirkt. Jede, auch die geringste Veränderung zeitigt sofort Folgen. Du lernst das Geräusch der Bugwelle einzuordnen und das Kielwasser zu lesen, das Gleichgewicht halten und genau dafür die Windkraft zu nutzen.</p><p>Am Starnberger See haben mein Bruder Konrad und ich auf einer geliehenen Holzjolle vom Typ »Pirat« die ersten Segelversuche unternommen. Ich war fünfzehn und Konrad sieben Jahre älter, aber am Leben auf See war ich irgendwie näher dran. Warum das so war, wurde mir erst viel später klar. Ich werde es noch verraten, wenn es sich ergibt.</p><p>Zunächst blieb der Ammersee in Oberbayern mein Segelrevier. Dort gab es bald auch simple Kielyachten aus GFK zu mieten. Massive Boote von der Firma Ernst in Utting, mit Schlupfkabine für die Badesachen und Proviant samt Biertragl. Etwa sechs Meter lang, natürlich ohne Motor.</p><p>Um mit diesen Booten und anderen auch offiziell segeln zu können, absolvierte ich den A-Schein und wenig später den Sportbootführerschein, der damals noch Binnen- und Hochseefahrt vereinte.</p><p>Das ging eine ganze Weile sehr gut. Segeln im Angesicht der Alpenkette, vorbei am hohen Kloster Andechs in der Herrschinger Bucht bis nach Eching hinauf und wieder zurück. Gezwiebelte Kirchtürme waren die eindeutigen Landmarken.</p><p>Dann schlug das Schicksal zu.</p><p>Cornelia trat in mein Leben, ein Mädchen von der See. Geboren in Kiel, in eine der Seefahrt verbundene Familie. Urgroßvater Heinrich Hermann Dahlström hat als Hamburger Reeder den Kaiser-Wilhelm-Kanal erfunden, Großvater Hans Adolf Neufeldt in Kiel Tiefseetaucher und allerlei andere Gerätschaften für die Seefahrt entwickelt, ihre Eltern lebten schließlich in Eckernförde an der Ostsee.</p><p>Diese hübsche Stadt kannte ich bereits hatte und habe Freunde dort. Aber Cornelia wollte im Süden bleiben, am Fuß der Alpen. Sie hat sich durchgesetzt. Familiengründung am Tegernsee.</p><p>Auch dort wird gesegelt, aber der Ammersee bietet weit mehr Möglichkeiten. Das war meinem Bruder und mir klar. Eines Tages zog er dort ein Schiff an Land.</p><p>Kann man so sagen, denn der Segelclub in Eching am Ammersee verfügte damals über keinen Steg, sondern lediglich über eine weitgehend naturbelassene Slipway. Dort war ein »Korsar« zu verkaufen. Ein elegantes weißes GFK-Boot mit hellbraun spiegelnd lackiertem Holzdeck, schwarzem Alumast und -baum.</p><p>Die Bootsklasse war auf Betreiben des Bayerischen Seglerverbandes 1958 entwickelt worden und die bayerischen Bootsbauer Mader und Vötterl hatten sich der Idee angenommen. So war eine fünf Meter lange Rennjolle entstanden mit leicht vollem Bug nach achtern flach auslaufend. Gesamtgewicht segelklar ca. 130 kg, 14,7 Quadratmeter Segelfläche am Wind und 14,8 Quadratmeter Spinaker, Steckschwert aus Holz mit einem Meter Tiefgang, Ruderblatt aus Holz.</p><p>Das Boot mit Namen LEO kam aus dem Hause Vötterl am Starnberger See. Dank ausgeschäumtem doppelten Boden im Vorschiff und Luftkissen unter dem Vor- und den Seitendecks bis mittschiffs war es unsinkbar. Eine ganz andere Nummer als der vergleichsweise schwere »Pirat« aus Holz.</p><p>Der »Korsar« kommt schnell schon bei leichten Winden ins Gleiten. Wenn du die Segel richtig trimmst, rauscht der auf seiner Bugwelle übers Wasser, die Wanten fangen an zu singen, das ganze Rigg summt wie eine Turbine. Bei stärkeren Winden hängt sich der Vorschoter weit nach luv ins Trapez, steht auf der Deckskante und du bekommst bald den Eindruck, übers Wasser zu fliegen. Es war eine Mordsgaudi.</p><p>Natürlich beteiligten wir uns an den Regatten auf dem See. Es zeigte sich aber bald, dass unsere Gewichtsklasse mit den Konkurrenten kaum mithalten konnte. Zusammen brachten wir locker 170 Kilogramm an Bord, ich 188 cm hoch Bruderherz 182 cm. Das zahlte sich nur bei stärkeren Winden aus, wenn unser Luvgewicht eine härtere Segelfläche erlaubte. Auch Holzschwert und Holzruderblatt konnten als Ausreden dienen, weil die Regattafreaks natürlich längst ultradünne GFK-Blätter fuhren mit entsprechend geringerem Widerstand.</p><p>Was soll‘s?</p><p>Wir hatten riesigen Spaß am Segeln und der endete regelmäßig noch lange nicht mit dem Überqueren der Ziellinie. Kam vor, dass wir Siegerehrungen verpassten. Den Tag auf dem See ausklingen lassen. Gibt’s Schöneres? </p><p>Ja. Gibt es. </p><p>Auf der westlichen Ostsee in den Sonnenuntergang segeln und im letzten Büchsenlicht in die Schlei einlaufen, an Maasholm vorbei, mindestens bis Kappeln. Oder gleich an Arnis vorbei bis ins Günebyer Noor. Seltsamerweise entwickelte ich dort regelmäßig starke Heimatgefühle.</p><p>Die Schwiegereltern ließen nichts unversucht, mich bei Besuchen auf Booten von Freunden und Verwandten unterzubringen. So kam ich zu der Ehre, mit dem Präsidenten des Eckernförder Yachtclubs und seiner Frau einen Tagesschlag Richtung Schleimünde zu segeln. Und auf der wunderschönen Ballad eines anderen Freundes der Familie durfte ich die klassische Aalregatta zur Eröffnung der Kielerwoche mitmachen. Die Crew holte den ersten Platz, woran ich eher nur durch Luvgewicht teilhatte.</p><p>Noch was Schöneres?</p><p>Ja.</p><p>Nach einem langen Segeltag in Kroatien in der Uvala Telascica hinter Dugi Otok den Anker fallen lassen, einfahren, Motor abstellen und ins glasklare Wasser springen. Ja, damals konnte man dort jede Einzelheit des Sandgrundes sehen.</p><p>Das war die nächste Stufe meines Seefahrerlebens. Der zweiwöchige Ausbildungstörn mit anschließender Prüfung in Istrien wurde zum Eintritt in mein Dasein als Segelskipper. Von da an charterte ich jedes Jahr für mindestens zwei Wochen seegehende Yachten. Zunächst auf der Adria, später auf der Ostsee.</p><p>Und anderswo.</p><p></p><p><em>Deine Reaktion auf diese Geschichte würde mich interessieren und sehr freuen. Vielen Dank!</em></p><p></p><p>© 2025 Hermann Engl 04711 Almerimar</p><p>www.hermann-engl.de</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Komm an Bord!]]></category>
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      <pubDate>Tue, 28 Oct 2025 12:40:37 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Weihnachtlich von Rhodos nach Zypern]]></title>
      <description><![CDATA[Eigentlich sollten wir zu dritt sein an Bord. Für Fred war dieses Weihnachten in Rhodos aber wohl zu kalt. Sarah aus Berlin und ihr Begleiter hatten sich in einem Hotel…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p> </p><p>Eigentlich sollten wir zu dritt sein an Bord. Für Fred war dieses Weihnachten in Rhodos aber wohl zu kalt. Sarah und ihr Begleiter hatten sich in einem Hotel eingemietet. Sie wollten hier an Bord kommen für eine Segelreise nach Zypern. </p><p>Schon eine Woche davor hatte ich die LOREA an dem westlichen Betonponton im Hafen Mandraki festgemacht, steuerbord längsseits. Mit Vor- und Heckleine und Spring lag die dreizehn Meter lange Ketsch dort sicher und ruhig. Es gibt eine Versorgungssäule für Wasser und Elektrizität. </p><p>Von hier sind es nur ein paar Schritte hinüber in die Altstadt hinter den wuchtigen Mauern aus der Zeit der des Johanniterordens. Jetzt spielt sich das Leben eher vor den runden Tortürmen ab. Bunt glitzernde Lichtergirlanden, erleuchtete Weihnachtsbäume und allerlei Marktstände fliegender Händler locken gleich jenseits der Uferstraße das Publikum an. Einheimische vorwiegend, denn Touristen sind in diesen Tagen dünn gesät. Obgleich es eigentlich nicht richtig kalt ist. </p><p>Im Sommer liegen die Yachten gegenüber an dem uralten straßenbreiten Kai. Der zieht sich am Fuß der mächtigen Mauer entlang, auf der drei historische Mühlen ihre spindeligen Windräder längst nutzlos in den Himmel recken. Man setzt dort den Buganker mitten ins Hafenbecken und vertäut das Schiff achteraus mit zwei Trossen an den in die Steinblöcke eingelassenen Eisenklampen. </p><p><a href="https://steady.page/de/sailingstories/about">Weiter als Mitglied </a></p><p>Sich auf den Anker zu verlassen, schien mir unter winterlichen Bedingungen hier eine eher unsichere Sache. Dieser Ponton nahe der Stadt hat eine ganz andere Qualität. Tatsächlich kommt der Hafenmeister auf seinem Motorrad herübergeknattert und erteilt mir seinen Segen für den sicheren und komfortablen Platz gegen einundsechzig Euro Liegegeld für die Woche. </p><p>Die flackernde Lichtergirlande, welche auf der LOREA den Großbaum zierte, hat ihm sehr gefallen. Die hatte mein Freund Roland besorgt. Der stammt aus Hessen, lebt seit zwanzig Jahren auf Rhodos, stadtbekannter Anarchist und Handwerker für alle Gelegenheiten. Eine andere Geschichte. </p><p>Fred und Sarah kommen am 23. Dezember an Bord. Fred Anfang der Siebzig, Sarah Ende Vierzig. Sie sportlich schlank, mittelblonder Lockenkopf, ein Engelsgesicht mit Brille. Sie kommt aus Berlin, segelt auf dem Wannsee. Er schlank und aufrecht, schmales Gesicht, voll ergraute dichte Bürste auf dem Kopf, kommt aus Bristol, Wales, erzählt viel von Seefahrt, freut sich auf die Reise, hustet und schnieft. Die Augen nicht ganz klar. Ich denke er hat Fieber. Sarah sieht das auch so. </p><p>»Perhaps is better you stay here for some days.« </p><p>»Yes darling, I will follow you by plane. Perhaps see a doctor in a hospital.« </p><p>Mich verwirrt die Situation etwas. Die hübsch gelockte Weihnachtsengelin vom Himmel über Berlin richtet sich in der Bugkabine ein. Am Morgen des 25. Dezember steht Fred im dunklen warmen Mantel gehüllt auf dem windigen Ponton, als in der LOREA der alte Volvo anspringt. Ich hole die Spring ein, Sarah die Bug- und ich die Heckleine. </p><p>Es gibt etwas Nordwest. Blöd zum Ablegen, weil das Schiff leicht gegen den Ponton gedrückt wird. Bisschen das Heck in die Fender drücken, damit der Bug wegkommt, dann Ruder gerade, Drehzahl rauf und schon geht es los. Fred bleibt winkend zurück. </p><p>Sarah grinst zufrieden. Endlich geht es los zu ihrer allerersten Seefahrt auf dem Meer. Raus aus dem Hafen zwischen den beiden Säulen durch, auf denen die italienischen Besatzer in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts einen monumentalen Hirschen auf der einen, und eine ebenso große Hirschkuh auf der anderen Seite platziert haben. Seitdem Wahrzeichen von Rhodos. </p><p>Genau an der Stelle soll in der Antike etwa 300 Jahre vor der Zeitenwende der Koloss von Rhodos gestanden haben: Der Sonnengott, vierunddreißig Meter hoch mit gespreizten Beinen über der Hafeneinfahrt, ein Fuß auf der Nikolaus-Mole, den anderen auf der Mühlenmole, in der erhobenen Rechten eine riesige brennende Fackel. Schon sechzig Jahre später soll die gewaltige Bronze-Statue bei einem Erdbeben eingestürzt sein. Historisch gesichert scheint die Geschichte nicht zu sein. Immerhin galt das Teil in der Antike als eines der sieben Weltwunder.  </p><p>Die Hirsch-Säulen liegen schnell achteraus. Wir wollen nach Osten. Da passt der Nordwest super. Raumschots. Also Besan und Genua. Maschine aus und LOREA zieht los. Bloß kommen wir ziemlich bald in den Windschatten von Rhodos. Da müssen wir erst mal rausmotoren. Dann wird’s was mit Segeln. </p><p>Allerdings auch mit Seegang. Nicht viel aber genug, um dem himmlischen Wesen mit dem sportlichen Anspruch ein grünes Näschen zu verpassen. </p><p>»Ich muss mich mal kurz hinlegen.« </p><p>Der Lockenkopf klettert behände in den Salon hinunter und verschwindet in der Bugkabine. Die folgenden elf Stunden rennt LOREA raumschots unter Besan und Genua ohne Maschine nach Osten. Zwischen vier und sechseinhalb Knoten über Grund. </p><p>Nun ist es wirklich kalt. Pullover unter der dicken Seejacke, dicken Wollschal um den Kragen. Raumschots heißt: Die Kälte kommt von achtern ins offene Steuerhaus. Heißer Tee aus der Pantry frisch aufgegossen hilft ein wenig. </p><p>Spätnachmittags kommt das Ziel weit vor dem Bug schemenhaft in Sicht. Schwarze Klötze im glitzernden Meer, an denen sich Wellen brechen und weiße Gischt hoch spritzt. Zuerst die winzige Insel Ro. Dahinter, also östlich davon, weist die Seekarte ein paar locker verteilte, Felsen, Klippen und eine Untiefe auf. Nur die Untiefe soll eine Markierung tragen, die Steine liegen bald in der Finsternis. </p><p>Und die bricht jetzt im Winter früh herein. Im Schein der Positionslichter sprühen am Bug die Wellen in roten und grünen Funken. </p><p>&lt;div id=&quot;steady_paywall&quot; style=&quot;display: none;&quot;&gt;&lt;/div&gt;</p><p>Unbehagliches Gefühl in der Magengegend. Wie vermeide ich diese Felsen und die Untiefe jenseits der Insel? Gegen 20:00 verflüchtigt sich der Wind. Der Volvo muss wieder helfen. Genua wegrollen, Besan mittig festsetzen. Im Bug vorne höre ich die Tür klappern. Die Engelin erscheint im Niedergang. </p><p>»Verzeih. Ich bin wohl ein Totalausfall heute.« </p><p>»Kein Problem. Gewöhnungssache. Hauptsache, es geht Dir wieder gut.« </p><p>»Geht schon.« </p><p>»Zieh Dich warm an. Ist bisschen kühl hier draußen.« </p><p>»Ich merk es grad.« Sie verschwindet wieder. </p><p>Das Inselchen Ro ist längst von der Nacht verschluckt. </p><p>Auf dem hellen Navionics-Display am Notebook sehe ich meinen Kurs, die Felsen, die Untiefe. Die Insel Ro bleibt an steuerbord, gut eine halbe Meile entfernt. Schon kann ich voraus die nachtschwarze Masse erkennen. Fast dreihundert Meter hoch: </p><p>Kastellorizo. </p><p>Der Name hat nichts mit Horizont zu tun, sondern mit Castelrosso. Die Kreuzritter des Johanniter-Ordens hatten auf dem Eiland eine mächtige Festung errichtet aus rötlichem Gestein. </p><p>Unten, an der Uferlinie des schwarzen Berges erkenne ich das Feuer. Weißer Blitz alle 4,5 Sekunden so steht es in der Karte geschrieben. Ganz automatisch zähle ich: einundzwanzig, zweiundzwanzig… bei fünfundzwanzig leuchtet der nächste Blitz auf. Stimmt. Das Feuer steht am Nordkap von Kastellorizo. Laut Karte hat es einen roten Sektor. In den sollte ich nicht hineingeraten. Noch nicht. Denn der blinkt über die Felsen und Klippen. </p><p>Erst eine halbe Meile vor der Insel dreh ich nach backbord. Hier ist das Wasser über hundert Meter tief. Keine Klippen in der Nähe. Das Feuer nun an steuerbord wird flugs rot. Noch eine Meile, dann wird sich die Bucht an steuerbord öffnen und es werden die Lichter des Hafenorts sichtbar sein. Sarah taucht jetzt wieder auf. Dicker Anorak über Pullover. </p><p>»Das ist jetzt echt neu für mich. Nachts auf dem Wasser. Man sieht gar nichts. Wo sind wir?« </p><p>»Gleich eine halbe Meile westlich von Kastellorizo. In einer halben Stunde im Hafen. Schau da drüben, das Blitzlicht, da müssen wir vorbei.« </p><p>»Hab ich die ganze Reise verpennt?« </p><p>»Naa, nur den ersten Tag. Unten ist noch Tee, wenn Du magst.« </p><p>Sie mag.  Das Blinklicht wechselt wieder die Farbe. Blinkt jetzt weiß und wandert rasch achteraus. Das Schiff läuft brummend sechs Knoten. Plötzlich sind an steuerbord eine Menge Lichter zu sehen. Die Lichterkette der Uferstraße, erleuchtete Fenster, Reklame.  Noch zwei Kabellängen geradeaus, um von der untiefen Küste wegzubleiben. </p><p>Sarah kommt wieder an Deck. »Ui, was ist das? Eine Stadt?« </p><p>»Kastellorizo. Nicht groß, aber recht hübsch.« </p><p>»Können wir da anlegen?« </p><p>»Im Prinzip schon. Wenn Platz ist.« </p><p>»Jetzt im Dezember?« </p><p>»Sollte gehen. Aber ich bin saumüde. Ich glaub wir schmeißen einfach den Anker rein. Können morgen mal schauen.« </p><p>»Bleiben wir hier eine Weile?« </p><p>»Können wir machen. Pressiert ja nicht.« </p><p>Höre ich da einen Seufzer der Erleichterung? Sie nimmt noch einen Schluck Tee. In ihren Brillengläsern spiegeln sich die Lichter. Die Locken quellen aus einer bunten Wollmütze hervor. Sie steht neben dem Steuerrad, hält sich am Griff neben dem Fenster fest, in der anderen Hand die Teetasse. Sie wendet sich nach Backbord. </p><p>»Und das ist die Türkei?« </p><p>»Ja. Die Lichter von Kas. Der nächste Hafen in der Türkei.« </p><p>»Ganz schön nah.« </p><p>»Zwei Meilen ungefähr.« </p><p>Es wird Zeit, Ruder zu legen. Der Bug dreht nach steuerbord in die Bucht von Kastellorizo, direkt auf die Lichterkette der Straßenlampen zu. Noch liegen die Ufer der Bucht weit auseinander. Wo an Backbord die ersten Lichter schimmern, verengt sich die Einfahrt auf weniger als hundert Meter. Dort drinnen erkenne ich ein großes dunkles Etwas an backbord. Ein großes Schiff, spärlich beleuchtet. Ich nehme das Fernglas zu Hilfe. </p><p>»Hey da drinnen liegt ein riesen Kriegsschiff.« </p><p>»Huch. Welche Flagge?« </p><p>»Weiß noch nicht. Denke mal… Ziemlich langes Teil. Die Flagge am Heck, weißblau, griechisch.« </p><p>»Haben wohl Manöver oder was.« </p><p>»Hab ich was verpasst? Ist irgendwas passiert? Der Erdogan…« </p><p>Auch ohne Glas war jetzt der Raketenwerfer auf dem Heck zu erkennen, die Kanone auf dem vorderen Deck. Wir passierten das lange dunkle Schiff in rund fünfzig Metern Abstand. </p><p>»Da vorne im Eck gibt es einen Kai aus Stein. Zwei Poller drauf.« </p><p>Vor Jahren hatte ich dort mal festgemacht. Sarah lehnte sich aus dem Cockpit und peilte nach vorn. </p><p>»Ich seh den Kai. Es liegt eine Yacht daneben.« </p><p>»Ich hol das Besansegel runter und mach den Anker klar. Der Autopilot ist aus. Bleibst Du am Ruder?« </p><p>»Ich?« </p><p>»Sicher. Ich nehme die Drehzahl runter, wir sind ganz langsam. Halt einfach Kurs.« </p><p>Sie stellt die Tasse ab und nimmt das hölzerne Ruderrad in die Hand. Die Maschine brummelt nun kaum hörbar. Ich steig aus dem Cockpit und geh nach achtern. </p><p>Das Besansegel ist schnell geborgen und festgebändselt. Dann zum Bug vor. Ich nehme den Sicherungsstift aus dem Schaft des Ankers, drücke an der Winsch den Abwärts-Knopf, wodurch die Ankerwinsch etwas Kette rauszieht, schiebe den Anker nach vorn, bis er schräg in der Waage hängt. Zurück ins Cockpit. </p><p>»Schon fertig?« fragt Sarah. </p><p>»Alles gut. Der Anker ist klar. Moment, bin gleich wieder da.« </p><p>Durch die Arbeiten ist mir echt heiß geworden. Schal weg, die dicke Seejacke ausziehen. Hier in der Hafenbucht gibt es kaum noch Wind. Im glatten schwarzen Wasser spiegeln sich die Lichter der kleinen Stadt, die sich in einem offenen Viereck um das Wasser zieht. </p><p>»Jetzt pass auf. Das ist ganz einfach.« </p><p>Ich übernehme das Steuer wieder. Wir sind tief in der Bucht. </p><p>»Schau, dort liegt eine große rote Boje. Von der müssen wir frei bleiben.« </p><p>Die LOREA reagiert auf das Ruder und wendet den Bug gegen die leichte Luftströmung, die aus Norden in die Bucht zieht. Sechs Meter Wassertiefe unter dem Kiel. Das ist der richtige Platz. Ich drücke am Armaturenbrett die beiden Knöpfe »Anker» und »Ab«. Am Bug surrt die Winsch los. </p><p>Der Anker platscht ins Wasser, die Kette läuft rasselnd raus. Ich schau auf die Uhr im Steuerhaus. Der Sekundenzeiger ist mir das Wichtigste. Gleichzeitig stelle ich den Motorhebel auf kleine Fahrt achteraus. </p><p>Nach fünfundvierzig Sekunden lass ich die Knöpfe los und kupple die Maschine aus. Noch läuft das Schiff achteraus. Jetzt bleibt es stehen. Jedenfalls relativ zu den Lichtern an Land tut sich nichts mehr, keine Bewegung. </p><p>»Wir sind da.« Ich stelle die Maschine ab. Welch eine Stille! Es ist 23:40 Uhr. Position 36°08‘875 N 029°35‘556 E. 75 Seemeilen zurückgelegt, 7,3 Meter Tiefe, 30 Meter Kette. Ich schreib die Daten ins Logbuch unter dem 25. Dezember 2019. </p><p>»Und jetzt zur Bescherung?« </p><p>»Welche, was?« grinst Sarah. </p><p>»Hunger?« Sie nickt. </p><p>In der Pantry entsteht eine kleine Mahlzeit. Der Gasherd heizt den Salon etwas. Kartoffelscheiben in die Pfanne, Eier dazu. Wurst und Brot, zwei Mythos. Ihr Mobiltelefon dudelt. Sie sieht aufs Display, verlässt den Salon, geht nach vorn. Spricht Englisch. </p><p>Das Bier schmeckt klasse. Sie kommt wieder. </p><p>»Es geht ihm angeblich besser. Er sucht einen Flieger nach Larnaca. Wann werden wir wohl dort sein?« </p><p>»Aha. Kommt darauf an. Wie lange…« </p><p>»Es eilt nicht. Er soll sich erstmal wirklich erholen.« </p><p>»Okay. Bleiben wir morgen hier. Bis Larnaca brauchen wir vermutlich zwei Tage, 48 Stunden.« </p><p>»Also Silvester oder so?« </p><p>»Ja könnte hinkommen. Da sind wir sicher dort. Wndk.« </p><p>»Was wndk?« </p><p>»Wenn nix dazwischen kommt. Wndk. Gilt immer beim Segeln auf dem Meer.« </p><p>Sie kichert allerliebst. </p><p>»Verstehe.« </p><p>Es bleibt bei einem Mythos. Nach der kleinen Mahlzeit räume ich die Teller in die Spüle und verabschiede ich mich. </p><p>»Gut Nacht. Ich bin übrigens kein Frühaufsteher.« </p><p>»Das beruhigt mich. Ich auch nicht.« </p><p>Es wird eine erholsam ruhige Nacht. Unter der dicken Bettdecke in meiner Achterkabine merkt man nicht, dass es Dezember ist. Das Boot liegt lautlos, schwankt nur ganz leicht in einer sanften Grunddünung, die den Weg in diese Hafenbucht findet. </p><p>Die Häuser am westlichen Ufer leuchten schon in der Sonne, als ich aus der Dusche komme. Warm anziehen und in die Pantry. Tee kochen, Frühstück bereiten. Spiegelei, gebratene Tomaten, Fruchtsalat. Blick durch das Kombüsenfenster. </p><p>Drüben auf dem Kriegsschiff ist jetzt Leben zu sehen. Es liegt im Schatten der östlichen Berge. Soldaten an Deck, Soldaten an Land, Militärfahrzeuge auf der Pier. </p><p>Aus dem Vorschiff der LOREA höre ich Bewegung. Die Wasserpumpe springt an, die Dusche rauscht. Während ich den Tisch im Salon decke, erscheint Sarah. Rosige Wangen sonniges Lächeln. Putzmunter. </p><p>»Wie kommen wir an Land? Nehmen wir das Schlauchboot?« </p><p>»Wäre eine Möglichkeit. Wir könnten auch verlegen an den Kai dort, nach dem Frühstück.« </p><p>»Das wäre ja klasse.« </p><p>So passiert es. Nach dem das Geschirr verstaut ist, Maschinenkontrolle. Öl, Kühlwasser, Keilriemen. Alles im grünen Bereich. Motorklappe zu, Maschinenstart. </p><p>»Komm ich zeig Dir wie das mit dem Anker funktioniert.« </p><p>Einkuppeln, einen kurzen Schub nach voraus geben, auskuppeln. Das Schiff liegt jetzt näher am Anker, die Kette fällt senkrecht ins Wasser. Wir gehen beide zum Bug, zur Ankerwinsch. Ich entferne das Tau der Kettenentlastung. </p><p>»Schau, das ist der Knopf für Kette aufholen. Drück mal drauf.« </p><p>Wir hocken beide neben der weißlackierten Ankerwinsch.« Sarah drückt den »Auf«-Knopf. Die Winsch zieht die Kette aus dem Wasser. Sie schüttelt ihre Locken aus dem Gesicht. </p><p>»Musst jetzt nur darauf achten, dass sich die Kette im Kasten schön verteilt. Kommt manchmal vor, dass sich drinnen ein Kettenberg bildet. Dann gibt es einen Stau. Dann muss man den Berg mit dem Ankerstock umwerfen. Hier durch das Kettenloch. Ganz einfach.« </p><p>Der Ankerstock ist neben der Winsch am Süllbord festgeklemmt. Die Kette läuft. Der Anker kommt aus dem Wasser. </p><p>»Jetzt stopp mal. Langsam. Der Anker darf nicht aus der Rolle springen, wenn er hochkommt.« </p><p>Sie macht das gut. Der Anker ist oben. </p><p>»Wir werden ihn gleich wieder brauchen, wenn wir achteraus an den Kai gehen.« </p><p>Ich schiebe den Anker wieder etwas raus in die Waage, klar zum Fallen. Zurück auf das Achterdeck bereite ich die Festmacher vor. Wieder ins Cockpit, Gang rein und los. Paar Schiffslängen vor dem Kai lass ich den Anker wieder ins Wasser, fahr achteraus an den steinernen Steg. </p><p>An Land spielen ein paar Buben Fußball. Nur auf dem Kai, Komisch. Sie bleiben stehen und schauen interessiert auf die LOREA. Als das Heck nur noch drei Meter vom Kai entfernt ist, geh ich zu Sarah auf das Achterdeck, nehme einen Festmacher und winke damit den Burschen. Die verstehen sofort. Ich werfe ihnen die Leine rüber. Der Größere nimmt sie auf, legt sie um den Poller und wirf mir das Ende zurück. </p><p>Sarah wirft die andere Leine. Schon sind wir fest. Ankerkette bisschen dicht holen, Badeleiter runterklappen damit die Relingspforte offen ist, Gangway rüber, festbinden. Fertig. Sarah balanciert an Land. </p><p>»Efkaristo!«ruf ich dem Buben zu. Er winkt lässig. Das Ballspiel auf der schmalen Pier geht weiter.  </p><p>Maschine aus, Türen zusperren, Landschuhe an und los. Es wird schnell klar, warum die Kinder nur auf dem kurzen Kai spielen. Die Gehwege sind überspült. Das Wasser reicht teilweise zentimeterhoch bis an die Hausmauern heran. Da hat es wohl bisschen viel Westwind gegeben und das Wasser nach Osten gedrückt oder Südwind. </p><p>Die touristischen Tavernen an der Uferstraße sind alle geschlossen. Am östlichen Ufer sitzen vier oder sechs Männer an kleinen Tischen. Hier hebt sich der Gehweg bisschen über das Wasser. Die Tür zu dem kleinen Café steht offen. </p><p>Wir folgen einem Schild mit der Aufschrift »Supermarket«. Nach ein paar Schritten über uraltes blankes Pflaster öffnet sich ein Platz. Hinter einer Hausecke präsentiert sich tatsächlich ein Laden. Obst- und Gemüsekisten davor, Stapel von Mineralwasserflaschen. Momentan brauchen wir nichts. Später vielleicht paar Sixpacks Wasser. </p><p>Wieder am Wasser wandern wir am östlichen Ufer entlang, kommen an dem Militärboot vorbei. Junge Soldaten sind mit irgendwas beschäftigt. Laden Zeugs aus Militärtransportern aus. Einige registrieren uns freundlich verwundert. Ich gehe auf einen zu und lass meiner Neugier freien Lauf. </p><p>»Whats the matter, why you are here? Exercise?« </p><p>Der Typ in der oliv-farbenen Arbeitsmontur nickt etwas schräg mit seinem kurzgeschorenen Kopf. Auf griechisch heißt das »ochy« Nein. Er ist vielleicht gerade mal zwanzig. </p><p>»No my friend. This is not an exercise. We have to watch,« und wendet sich wieder dem Lastwagen zu.</p><p>Wir wandern noch zum Kap. Reste einer Befestigung. Ein Leuchtturm. Hinter den Häusern der ersten Reihe ragt ein schlankes weißes Minarett auf neben der rosafarbenen Kuppel einer alten Moschee. »Archeological Museum of Kastellorizo« steht auf einem Hinweisschild. Der Uferweg führt über schmale steinerne Treppen weiter nach Osten. Die Felsen fallen fast senkrecht ins klare Meer ab. </p><p>»Könnte einen Kaffee gebrauchen,« lässt sie mich wissen. </p><p>»Okay, lass uns zurückgehen.« </p><p>Wir steigen zu einer Straße hinauf und wandern durch den Ort zurück zum Hafen. Uralte, teilweise verfallene Gemäuer zu beiden Seiten. Grauer Naturstein, Katzen schleichen um alle Ecken. </p><p>Wir finden zurück runter zum Ufer. Vor dem Café Mouray hocken immer noch dieselben Männer. Da ich keinen Kaffee trinke gibt es für mich ein Mythos. Muss ja nicht mehr fahren heute. </p><p>Sie sitzt mir mit ihrem brünetten Lockenkopf schräg gegenüber, genießt den Kaffee, den ihre Lippen schlürfen. Tut gut, hier einfach rumzuhocken. In den Brillengläsern blitzt das Meer, die grüngrauen Augen dahinter wandern zum gegenüberliegenden Ufer. </p><p>Auch das will erkundet sein und die Gassen im Inneren der Ortschaft. </p><p>»Gehen wir da noch rüber?« </p><p>»Gern.« </p><p>»Loagorismo parakalo!« rufe ich dem Wirt zu. Als er an den Tisch kommt, fragt er, woher wir kommen. »Germany,« Er gibt sich erstaunt. Und wohin es geht? »Zypern!« </p><p>»Ah! Very good, very nice.« </p><p>Wir bezahlen und wandern weiter um das Hafenviereck herum, am Supermarket vorbei wenden wir uns in die hinter Gassen. Vorbei an vielen verlassenen Häusern. </p><p>»Was war hier los? Die Häuser dahinten. Die sind alle kaputt.« Sarah blieb vor einer überwucherten Ruine stehen. Nur noch die Natursteinwände standen, kein Dach, keine Fenster, nur leere Löcher. Drinnen Müll und Sträucher. Paar Katzen natürlich. </p><p>»Als ich zum ersten Mal hier war, hat mich das auch gewundert. Hab nachgelesen. Es war mal eine blühende Insel, die größte Handelsflotte des Dodekanes. Zwanzigtausend lebten hier.« </p><p>»He? Zwanzigtausend?« </p><p>»So bis zum ersten Weltkrieg. In den zwanziger Jahren sind viele, eher die meisten, nach Australien ausgewandert. Die Italiener besetzten die Insel, dann die Engländer, dann Franzosen, und wieder die Italiener und dann die Deutschen im zweiten Krieg.« </p><p>Wir laufen die Straße weiter. Ruine reiht sich an Ruine. Wir gelangen durch schmale Gassen wieder zum Ufer. Hier sind viele Häuser frisch renoviert und an anderen ruht die Arbeit wohl wegen der Feiertage. Wir haben wieder den Blick auf den Hafen und das große Kriegsschiff drüben mit den Soldaten und die LOREA. Sie liegt friedlich in der Sonne an der kurzen Pier. </p><p>»In den vierziger Jahren ist ein Munitionsdepot explodiert. Dabei soll die Hälfte aller Häuser hier zerstört worden sein. Danach ist der Rest auch ausgewandert. Alle nach Australien. Jetzt leben nur noch paar hundert Leute hier.«   </p><p>»Ist ja gespenstisch. Was machen denn die Menschen hier?« </p><p>»Fischen, Tourismus. Im Sommer ist schon allerhand los. Der griechische Staat fördert die Leute angeblich. Die wollen die Inseln nicht verlieren.« </p><p>»Ach ja der Erdogan.« Sarah bleibt an der Wasserkante stehen. Das Meer ist auch hier glasklar. Jenseits der schmalen Uferstraße steht ein perfekt renoviertes oder eher neugebautes Haus, weiß mit klassischen Simsen um die Fenster, ganz im griechischen Stil, große Terrasse. Ein Restaurant im Winterschlaf. »Alexandras Restaurant« steht auf der Tafel über den Fenstern an der Hafenfront. </p><p>»Apropos, wir könnten was essen,« schlägt Sarah vor. </p><p>»Werfen wir die Bordküche an?« </p><p>»Haben wir was?« </p><p>»Klaro. Steaks oder Hühnerbeine, was magst?« </p><p>»Klingt gut.« </p><p>Damit schlagen wir den Weg zum Schiff ein. Die Fußballbande ist längst weg. Sarah balanciert flink und anmutig über die Gangway. </p><p>»Bratkartoffeln a la LOREA plus Hühnerbeine und Salat?« </p><p>»Klingt zumindest gut. Was heißt a la LOREA?«</p><p>»Rohe Kartoffelscheibchen in die Pfanne, Salz, Pfeffer darüber in Olivenöl anbraten, mit Weißwein weich garen.« </p><p>»Okay. Ich kann Kartoffel schälen.« </p><p>»Super dann schaffen wir das locker.« </p><p>»Was?« </p><p>»Nicht länger als eine halbe Stunde.« </p><p>»Wieso?« </p><p>»Länger will ich fürs Kochen einer Mahlzeit nicht brauchen. Paar Grundsätze braucht der Mensch.« </p><p>Sie lacht. »Okay versuchen wir’s« </p><p>Die Zusammenarbeit klappt. Bald duftet es nach gebratenen Hühnchen. Wir haben noch eine halbe Gurke und bisschen grünen Salat und zwei Tomaten. Es gibt noch ein Mythos. Wir sitzen im Salon gegenüber. </p><p>»Morgen durch die Nacht?« fragt sie. </p><p>»Ja geht wohl nicht anders, nach Zypern.« </p><p>»Wie machen wir das?« </p><p>»Ich bleib immer so bis Mitternacht rum an Deck. Dann brauch ich paar Stunden Schlaf. Da müsstest du aufpassen.« </p><p>»Das Wetter?« </p><p><a href="https://steady.page/941f8b60-a014-472b-907a-7d82d390cf3f/posts/e61da9fa-b85b-4faa-a53b-ad8cb05cb077">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Komm an Bord!]]></category>
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      <pubDate>Thu, 16 Oct 2025 22:38:45 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Werde kostenlos Subscriber]]></title>
      <description><![CDATA[Erhalte neue Inhalte von mir direkt in dein Postfach. So haben es nicht mehr die Social-Media-Algorithmen in der Hand, ob und wann du von mir hörst.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Dranbleiben an Hermanns Segelabenteuern</h1><p>Da hat sich Einiges angesammelt in vierzig Jahren Segeln auf dem Meer. Zwischen Trinidad und Halifax, Tel Aviv und Cancun, St. Petersburg und Philadelphia, Narvik und Lunenburg, zwischen Gibraltar und Antalya. Möglicherweise wirst Du mit Orten vertraut, von denen Du noch nie gehört hast.</p><p>Aufregende Geschichten auf jeder Reise, erzählt als stündest Du dauernd neben dem Skipper. Authentisch, packend und nix für schwache Nerven. Komm mit an Bord als Crewmitglied und hilf mit, nach und nach alle Stories aus den Logbüchern zu quetschen.</p><p>Das bedeutet einen Haufen Arbeit für den Skipper aber es lohnt sich vor allem für Dich. Du wirst schnell spüren, was Du davon hast: Du wirst mit dem Skipper und seiner Crew den nächtlichen Überfall auf sein Schiff in der Karibischen See überleben. Du wirst das schillernde Kuba von innen kennenlernen.</p><p>Du kannst den Lebenshunger der schönen Menschen dort erleben und in der Hemingway-Marina Jeff treffen, den Texaner, der vor Venezuela mit knapper Not sein Leben rettete, oder Jeanette, die Kanadierin, die ihre Ketsch selbst gebaut hat und den Winter in Havanna verbringt.</p><p>Oder Du lernst Anna-Maria kennen, die sich auf Jamaika niedergelassen hat und sich rührend um den Skipper kümmert. Nach alldem wirst Du erfahren, wie man unter Segel gemütlich von Nova Scotia nach Horta auf Faial kommt und von dort zurück nach Europa.</p><p>Du erfährst eine Menge über Häfen und Behörden und darüber, wie die verflixte Technik einer Segelyacht funktioniert. Du wirst es erleben, dass eigentlich immer drei Leute an Bord sein müssen: Der Skipper, der Mechaniker und der Koch. In meinem Fall ist es so, dass alle drei in einer Person vereinigt sind: Die nautische Dreieinigkeit.</p><p>Das ist praktisch. Denn der Koch weiß immer sofort, was den andern beiden am besten schmeckt. Und er kann mit dem Schraubenschlüssel ebenso gut umgehen wie mit Karte und Kompaß sowie mit Pfanne und Kochlöffel.</p><p>Kommt auch vor, dass der Skipper eine oder zwei der Rollen abgibt, wenn entsprechende Crew an Bord ist. So lernst Du nicht zuletzt spannende Beziehungen kennen. Denn jede und jeder bringt seine eigenen Vorstellungen und Geschichten mit. Du tauchst ein in das Leben an Bord. Hilf mir ein wenig, damit Du dran bleiben kannst.</p><h2>Werde kostenlos Subscriber</h2><p>Damit bekommst Du die neuesten Geschichten von mir direkt in dein Postfach. So hängt es nicht mehr an den Social-Media-Algorithmen, ob und wann du von mir hörst.</p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Komm an Bord!]]></category>
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      <pubDate>Sun, 21 Sep 2025 01:06:32 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Rettung unter Segel]]></title>
      <description><![CDATA[Von Südost kommend rauschte die 46-Fuß-Slup unter voller Segelmontur die sechzehn Meilen über die Kvarner Bucht, passierte Kap Kamenjak, die Südspitze Istriens. Der…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p> </p><p>Von Südost kommend rauscht die 46-Fuß-Slup unter voller Segelmontur die sechzehn Meilen über die Kvarner Bucht, passiert Kap Kamenjak, die Südspitze Istriens. Der Leuchtturm Porer steht schon im Abendlicht der Junisonne als die SUNMANU auf kleiner Welle an ihm vorüberfliegt nach Nordwesten. Genua und Großsegel setzen den leichten Nordost, der über Land strich, tadellos in Fahrt um.</p><p>Die Stimmung unter den Damen und Herren an Bord ist wie sie nun mal ist nach zwei Wochen voller sonniger Erlebnisse zwischen den Inseln Dalmatiens und obendrein bei einer so rauschend flotten Fahrt. Der Abstand zum dicht bewaldeten Istrien beträgt vielleicht eineinhalb Meilen.</p><p>Neben dem Ruder hockend bin ich auf die ideale Segelstellung zum Wind konzentriert, als Uschi weiter vorn im Cockpit plötzlich mit einem Ruck aufsteht und ruft: »Schau mal, sind die in Not, oder was?« Aller Augen folgen der Richtung, in die sie zeigt.</p><p>Etwa auf halbem Weg zwischen uns und der dunkel bewaldeten Küste dümpelt ein flaches Motorboot in dem kleinen Seegang. Ein schnittiges offenes Boot etwa vier Meter lang mit Windschutzscheibe aber gänzlich ohne Fahrt. Auf dem Vordeck steht ein dunkelhaariger Mann in Badeshorts und winkte heftig mit beiden Armen. Im Cockpit steht ein zweiter und macht das Gleiche. Kein Zweifel: Diese Art von Winken mit ausgebreiteten Armen gilt international als Notsignal.</p><p>»Das ist ein Notsignal,« stellt Hartmut trocken fest. »Aber was fehlt ihnen denn?«</p><p>»Da müssen wir halt hin und fragen,« schlägt Uschi vor.</p><p>»Jetzt, wo es so schön läuft? Die Kiste schwimmt doch. Scheint niemand verletzt zu sein.«</p><p>»Aber sie winken doch so. Die müssen einen Notfall haben!«</p><p>Jetzt trägt der Wind Rufe der beiden zu uns herüber. Klingt Italienisch und dann verstehe ich ein Wort, das alles klärt: »Gasolina!«</p><p>»De ham koan Sprit mehr,« übersetzt Hartmut.</p><p>»Okay, wir haben zwar auch kein Benzin dabei, aber schauma mal. Klar zur Wende! Wir segeln an dem Boot auf neuem Kurs vorbei, machen noch ein Wende und dann einen Aufschießer.«</p><p><a href="https://steady.page/de/sailingstories/about">Weiter als Mitglied!</a></p><p>Die Crew besetzt die Winschen wie wir es in den vergangenen zwei Wochen praktiziert hatten. Ich schätzt die Entfernung zum nächsten Wendepunkt ab, lasse das Schiff noch ein paar Längen laufen. »Reee!« Ich lege das Ruder rum, das Schiff dreht flott, die Segel knattern wild und füllen sich auf dem anderen Bug sogleich wieder. Die Winschen klickern und wir sind auf einem Kurs, der achtern an dem Boot vorbeiführt.</p><p>»Wir werden vielleicht eine Schleppleine brauchen. Hier gibt es doch die fünfzig-Meterleine in der Kiste. Mach das Ende an der Heckklampe fest, und halte das andere wurfbereit.« Gudula macht sich an die Arbeit.</p><p>Die beiden Typen dort drüben lassen die Arme sinken. Im Näherkommen werden die Gestalten deutlicher: Zwei gut gebaute braungebrannte Burschen, vermutlich keine dreißig.</p><p>»So meine Damen, da habt Ihr die armen Kerle aus der Nähe! Klar zur Wende!«</p><p>Die SUNMANU schießt an dem Motorboot vorbei. »Reee!« Dahinter lege ich wieder Ruder, das Schiff dreht durch den Wind, ich lass wieder Wind in die Segel und kann direkt auf das Boot zuhalten.  </p><p>Es funktioniert überraschend gut. »Klar zum Aufschießer!</p><p>Die SUNMANU kommt etwa sechs Meter neben den Motorboot zu stehen. Jetzt muss es schnell gehen. Der Wind beginnt die SUNMANU zu vertreiben. Der Kerl auf dem Deck ruft nun: »Il serbatoio è vuoto, siamo senza benzina. Puoi aiutarci?« Das ist der Moment Gudulas. Sie spricht perfekt Italienisch. Ich verstehe aber auch so.</p><p>»Wir haben kein Benzin aber wir können Euch schleppen.« Fragende Gesichter. Gudula übersetzt.</p><p>»To Pula per favore?«</p><p>»Pula? Nein, das geht nicht. Zu kompliziert. Nach Veruda, das geht leicht.« Nach Pula hinein hätten wir den Motor gebraucht und eine Menge Zeit verloren.</p><p>»Veruda, si si. Molto bene.«</p><p>»Schmeiß die Leine rüber, schnell!«</p><p>Die Leine fliegt auf das Vordeck des Motorbootes. Der Typ greift sie sich.</p><p>»Festmachen schnell! Pronto, rapido!« brülle ich rüber und mach mit beiden Händen ein Zeichen, das »Knoten« heißen soll. Die SUNMANU fällt schon wieder ab, das heißt Wind kommt in die Segel, sie müssen nur   dicht geholt werden, um Fahrt aufzunehmen. Der Typ fingert das Ende durch die Bugklampe des Motorbootes. Es sieht so aus, als mache er einen passablen Knoten.</p><p>»Schoten holen, wir nehmen Fahrt auf!« Die Winschen klickern und die Genua und das Groß füllen sich. Die SUNMANU neigt sich wieder etwas nach Lee und zieht los.</p><p><a href="https://steady.page/941f8b60-a014-472b-907a-7d82d390cf3f/posts/b9390967-65f5-4e20-9db0-c463c71595b7">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Verlorene Meilen]]></category>
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      <pubDate>Sun, 21 Sep 2025 00:35:53 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Pandemie: Ein Drama kommt selten allein.]]></title>
      <description><![CDATA[In der ganzen Welt wütete 2020 die Pandemie. Die Menschen wollten geschützt sein vor dieser bescheuerten Grippe aus China. Nur geimpft und ohne Symptome durften Segler…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p> </p><p>In der ganzen Welt wütete 2020 die Pandemie. Die Menschen wollten geschützt sein vor dieser bescheuerten Grippe aus China. Nur geimpft und ohne Symptome durften Segler an Land gehen. Und dort fanden sie ein sehr eingeschränktes Leben vor. Keine Gastronomie, geschlossene Geschäfte oder nur mit spezieller Einlassregelung, um das Nötigste zu erhalten. Parks, Spielplätze, Museen, Behörden alles verrammelt, gesperrt, geschlossen. Die Menschen sollten keinerlei Kontakt mehr untereinander haben.</p><p>Eigentlich war man infektionsmäßig an Bord und weit draußen auf See in der denkbar sichersten Position. Wer sollte mich an Bord meines Segelschiffes anstecken, zehn, dreißig oder hundert Meilen vom Land entfernt? Oder auch nur hundert Meter vom Ufer entfernt vor Anker liegend? Aus welchem Grund das Behörden ganz anders sahen, wird sich mir nie erschließen. Selbst im Hafen gewährleistet mein Schiff ausreichend Distanz zu möglichen Infektionsträgern. Ein Rätsel.</p><p>In Pytagorion auf Samos waren Hannes und Thomas an Bord gekommen. Helge, der mich spontan eine Woche von Kos herüber begleitet hatte, wollte wieder seinem Job in Brandenburg nachgehen. Der Junge hatte ein respektables Unternehmen für Photovoltaik aufgezogen. War begeisternd, ihn kennenzulernen. Es gibt sie also, die jungen Leute, die ihre Ideen erfolgreich umsetzen. Helge hat das aus dem Nichts geschafft.</p><p>Seine Eltern hätten solide alternative Vorstellungen von Ausbildung gehegt, erzählte er grinsend. Sie unterrichteten ihn also weitgehend selbst und daheim. So kam er ohne irgendeinen Schulabschluss ins Erwachsenendasein. »Ich habe mich halt umgeschaut, was möglich war. Habe gefunden, dass Photovoltaik ein Geschäft sein könnte. Energie von der Sonne. Irgendwie schlau. Habe mich informiert, die Technik studiert, einen Plan entworfen, die Dinger gekauft und installiert. Läuft.«</p><p>Eine der kürzesten Erfolgsstories, die ich je hörte. Auf Samos hatte sein Telefon gedudelt. Neue Kundschaft. Er musste zurück zu seinem Laden.</p><p>Anfang März 2020 geisterten ganz andere Nachrichten durch den Äther. Die Bekämpfung der Pandemie würde harte Maßnahmen erforderlich machen. Es sollen dadurch Leben gerettet werden, hieß es. Wir konnten noch ein Auto mieten und verwunschene Dörfer und Klöster in den hohen und dicht bewaldeten Bergen der Insel Samos besuchen.</p><p>Tags drauf liefen wir mit der LOREA aus. Die Reise sollte uns nach Westen führen, quer durch die ganze Ägäis bis in den Saronischen Golf. Es wurde eine der schönsten Segelreisen in Griechenland, über Maratakambos an der Südseite von Samos, Ermoupolis auf Siros, Kap Sounion, Ägina, Epidauros, Kolphos und schließlich wieder Ägina. Am 20. März 2020 machten wir die LOREA in Ägina vor der Uferpromenade achteraus vor Buganker fest.</p><p>Eigentlich wollten Hannes und Thomas in Piräus von Bord gehen. Die Nachrichtenlage führte allerdings zu einer anderen Entscheidung. Es war zu hören und zu lesen: Die griechische Regierung plane, die Seefahrt vollständig zu unterbinden. In Griechenland würden die Häfen geschlossen werden, alle. Wer drin ist, werde nicht mehr raus dürfen. Zuwiderhandlungen würden mit 5000 Euro geahndet. Dauer der Sperre unbekannt: »Bis auf Weiteres.«</p><p><a href="https://steady.page/de/sailingstories/about">Weiter als Mitglied!</a></p><p>Wenn die LOREA »bis auf Weiteres« in der ZEA-Marina in Piräus festläge, würde das eine sehr teure Angelegenheit werden: Rund sechzig Euro pro Tag. Hier in Ägina kostete der Liegeplatz außerhalb der Saison keine zehn Euro. Und es gibt eine Schnellfähre, Tragflächenboote, die in einer guten halben Stunde Piräus erreichen. Vierzehn Euro pro Person.</p><p>Die Pier an der bunten Uferpromenade von Ägina-Stadt war bis auf das graue flache Motorboot der Hellenic Coast-Guard und dem rot-weißen Rescue-Motorboot des Hafens total leer. Nein, nicht ganz. Jetzt lag auch eine schmucke Ketsch dort vor Buganker und Heckleinen: Die LOREA. An die achtzig Meter Kette hatte ich an dem alten CQR-Anker rausgelassen und zwei Heckleinen durch zwei Eisenringe am Kai gezogen. Sah ganz so aus, als ob sie sicher liegen würde auch »bis auf Weiteres«.</p><p>Der Bug zeigte nach Westnordwest genau zur Hafeneinfahrt. Erfahrungsgemäß sind starke Winde von dort eher selten. Deshalb wohl hat man den Hafen vor vielen Jahrhunderten genau so angelegt. Doch leider hält sich auch Äolus nicht immer an seine Traditionen.</p><p>Hannes und Thomas hatten nicht gezögert zuzustimmen. Sie packten ihre Sachen und holten sich Tickets für das Tragflächenboot.</p><p>Tags drauf montierten Gemeindearbeiter jede zweite der hübsch ergonomisch geschwungenen Ruhebänke auf der Hafenpromenade ab. Sie kippten jede zweit Bank jeweils über die erste. Das Leben in den engen Gassen erstarb weitgehend. Die Gastronomie war dicht, geschlossen. All die Bars, Cafés und Tavernen entlang der Promenade und weiter draußen am Strand: Verrammelt, leer. Nur Lebensmittelgeschäfte waren zugänglich und das nur in kleinen Gruppen von drei oder vier Menschen, mit einer Maske vor Mund und Nase natürlich.</p><p>Es wäre nicht Griechenland, würden die Menschen nicht Auswege finden, das Geschäftsleben dennoch florieren zu lassen.  Die Anmeldung der LOREA bei der Hafenbehörde lief digital per E-Mail. Den elektronischen Schlüssel für Strom- und Frischwasseranschluß warf eine freundliche Bürokraft vom Balkon im ersten Stock herunter. Die 50-Euronote dafür sollte ich bitte unter der Haustür unten durchschieben. Wie lange dieser Zustand andauern würde, konnte mir niemand sagen. Sie wussten es selbst nicht.</p><p>Mach das Beste draus! Am Schiff gibt es immer was zu tun. Und wenn du Material brauchst, geh zum Chandler. Ach, auch geschlossen! Nein. Die Tür ist nur angelehnt. Blick über die Schulter, keiner auf der Straße und schon bist du drin. »Kalimera!«</p><p>Der Laden bietet so ziemlich alles, was ein Skipperherz begehren kann. Neben einigen navigationstechnischen Kleinigkeiten erfüllte ich mir den lang gehegten Wunsch, das Schiffssiegel als Wappen groß und in Farbe zu produzieren. Das Material dazu hatte ich längst an Bord: Sperrholz, Stichsäge, Farbe, Lack. Das Cockpit wurde wieder mal zum Atelier.</p><p>So vergingen diese außergewöhnlichen Tage. In dem uralten reizvollen Städtchen gab es immer wieder was zu entdecken. Der Ort war immerhin zur ersten Hauptstadt Griechenlands erklärt worden, nach der blutigen Befreiung von der Türkenherrschaft im Jahr 1821. Als sicheres Zentrum der Staatsgründung galt die viereckige Burg mitten in der Stadt. Spaziergänge durch die Gassen und hinaus am antiken Tempelbezirk vorbei brachten Abwechslung und so manche neue Einsicht in die Geschichte. So ließ sich die Pandemie einigermaßen aushalten.</p><p>Bis das Wetter umschlug. Kein Scherz, auch wenn es der 1. April 2020 war.</p><p>Der Wind drehte auf Nordwest.</p><p>Er wurde von Stunde zu Stunde heftiger, pfiff direkt in die Hafeneinfahrt und erzeugte dazu natürlich erheblichen Schwell. Das Heck der LOREA kam der Kaimauer immer näher. Der Anker! Der 35 Kilogramm schwere CQR und die achtzig Meter Kette begannen zu rutschen.</p><p><a href="https://steady.page/941f8b60-a014-472b-907a-7d82d390cf3f/posts/df3559bc-d82c-4f38-9207-c26525ca906e">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Ankergeschichten]]></category>
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      <pubDate>Sun, 21 Sep 2025 00:34:50 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Eine ganz andere Geschichte]]></title>
      <description><![CDATA[Laut der alten Karte trug das Inselchen nur eine kleine Chora auf seiner höchsten Erhebung und zwei Dörfer unten am Wasser. Was das Eiland für mich interessant machte,…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p> </p><p>Laut der alten Karte trug das Inselchen nur eine kleine Chora auf seiner höchsten Erhebung und zwei Dörfer unten am Wasser. Was das Eiland für mich interessant machte, war die Bucht. Sie versprach Ruhe und die war erforderlich an Bord. Der kurze Riss in der Sprayhood sollte genäht werden, damit er nicht größer würde. Offensichtlich befand ich mich allein auf meiner Ketsch LOREA. Seit über drei Jahren lebte ich auf dem dreizehn Meter langen Schiff, genug, um sehr mit ihm vertraut zu werden. Hatte längst aufgehört, die Meilen zu zählen.</p><p>Mit ein paar Gewitterböen segelte ich auf die Einfahrt zu. Angesichts der dunklen Wolken hatte ich die Genua schon etwas kleiner gedreht und das erste Reff in das Großsegel gebunden. Die Bucht gab Raum genug, um hineinzusegeln und drinnen in der vergleichsweisen Windstille die Segel zu bergen. Die weißen Kronen auf den dunklen Wellen vor der Einfahrt verrieten, dass der Wind dort erheblich stärker auf das Wasser fiel als hier draußen. Klar, die Felsen drängten ihn zusammen, was die Böen beschleunigte. Kapeffekt.</p><p>In rauschender Fahrt lief die LOREA auf dieses Geschäume zu. Der Autopilot hielt eisern Kurs. Mit aller Kraft holte ich die Genua mit der Winsch noch einen Meter ein. Das war nicht zu früh. Jetzt fielen die ersten starken Böen in die drei Segel: Genua, Groß und Besan. Das Boot legte sich weiter nach Lee und das Rauschen der Bugseen wurde deutlich lauter. In Lee, noch ein paar Kabel voraus ragte dunkel der Fels gut zehn, fünfzehn Meter hoch aus dem Wasser. Oben thronte zwischen Gebüsch ein weiß gestrichenes Türmchen. Die südliche Markierung der Einfahrt.</p><p>Ihr gegenüber stieg die grauschwarze Felswand mindestens doppelt so hoch aus der schäumenden See in den finster bewölkten Himmel. Genau auf diese Wand musste ich zuhalten, um von dem Leefelsen so weit wie irgend möglich frei zu bleiben. Wieviel mögen dort wohl schon zerschellt sein? Ich gab dem Autopilot noch einen Grad nach steuerbord. Dort drüben zerplatzten die Wellen an der Klippe und weiße Gischt spritzte einige Meter hoch.</p><p><a href="https://steady.page/de/sailingstories/about">Weiter als Mitglied!</a></p><p>Wir waren mittendrin im Getöse vor der Einfahrt in die stille Bucht. LOREA schoss mit hoher Fahrt durch die Seen, so mancher Kamm donnerte gegen die luvwärtige Bordwand und schickte seinen Meeresschaum über das Deck.</p><p>Plötzlich war es vorbei. Der Wind war weg. Im Schutz der Felswand lief das Boot ins ruhige Wasser. Die Genua fiel zusammen. Ich startete den Motor, kurbelte das Vorsegel vollständig weg und holte die Schoten für Groß und Besan dicht. Wie ein stiller See lag die Bucht zwischen den Hügeln. An backbord, jenseits der Einfahrt waren dunkle Klippen auszumachen vor dem schmalen steinigen Uferstreifen. Nur zwei, drei Handbreit ragten die Felsen aus dem Wasser.<br/><br/>Vorne, weit vor dem Bug lag ein Schiff. Eine weiße, ältere Motorjacht schwoite souverän am Anker, mindestens zehn Meter lang. Elegant in ihrem schiffigen Stil. Ihr Bug wies im leicht gekräuselten Wasser zum Ufer hinüber. Also musste ein Luftstrom von dort vom Berg herunterfallen. Der Fels wich dort zurück und machte einem Uferstreifen Platz mit Strand, Wald und einem halben Dutzend niedriger Häuser. Da lag noch ein zweites Schiff. Ein kleineres Motorboot festgemacht an einer vorspringenden Pier, offenbar aus Stein gemauert. Klar, ist ja auch ein idealer Hafen, ging mir durch den Kopf. Man könnte doch auf der gegenüberliegenden Seite…<br/><br/>Erst mal die Segel bergen. Boot in den Wind stellen, Großsegel und Besan herunterholen. Die Fender raushängen und Vor- und Heckleinen klarlegen. Das Echo zeigt noch acht Meter Tiefe an. Ich steuere die Pier so an, dass ich mit der Steuerbordseite anlegen kann und der Bug vom Ufer weg zeigt. Mein Prinzip. Aus dieser Position kann ich am einfachsten wieder ablegen. Ich muss also das Schiff direkt vor der Pier heftig nach backbord drehen. Tiefe drei Meter. Am Ufer ist niemand zu sehen. An einem der niedrigen weiß gestrichenen Häuser steht eine Tür offen. Vor dem Fenster daneben stehen ein Holztisch und zwei schlichte hölzerne Stühle.  <br/><br/>Das Boot folgt dem Ruder und dreht fast auf der Stelle. Maschine kurz achteraus und einmal kurz voraus. Die Steuerbordseite legt sich sanft in die Fender und an die steinerne Wand. Auskuppeln. Mit der Vorleine an Land springen, sie um einen simplen steinernen Poller legen und an Bord festmachen, die Heckleine holen und ebenso festmachen. Maschine abstellen. Fertig.<br/><br/>Die silbern glitzernde Fläche der Bucht dehnt sich weit zum gegenüberliegenden Ufer, wo sich an den dunklen Klippen kleine Wellen brechen. Sieht friedlich aus, woran auch die dunklen Wolken nichts ändern. An das dumpfe Donnergrollen habe ich mich schon gewöhnt. Was soll hier drinnen schon Großes passieren? Die Motorjacht liegt still an ihrem Anker. Kein Leben darauf wahrzunehmen. Auch das kleine blaue Motorboot scheint verlassen zu sein. Man könnte sich eine Dose Bier genehmigen nach der langen Fahrt. Über dem offenen Hauseigang an Land hängt ein Schild mit blauer Schrift. Griechisch.<br/><br/>Im Cockpit hockend schenk ich das Bier ein. Die blaue Schrift. Ich entziffere: SYNERGEIO. Das heißt doch? In der Umgebung ist nichts zu sehen, was auf irgendeine Reparatur schließen ließe. Kein Material, kein Fahrzeug. Was soll hier eine Werkstatt?<br/><br/>Über dem dunkelgrünen Bergrücken zuckt ein Blitz aus den Wolken. Eine Bö fällt vom Hang herab und wirbelt kleine Wellen aus der Silberfläche. Das Bimini sollte über das Cockpit gespannt werden. Aber es hat ja diesen kleinen Riss. Vielleicht haben sie in der Synergeio was, um den zu flicken? Das halboffene Steuerhaus meines Boote schützt das halbe Cockpit. Ich stell das Bierglas ab und hole das aufgerollte Bimini aus dem Stauraum unter der Cockpitbank. Man könnte ja mal fragen.<br/><br/>Ich packe Geldbörse und Telefon in die Hosentaschen und klemme mir die Biminirolle unter den Arm. Ein Schritt aus dem Cockpit und noch einer und ich bin an Land, stehe auf den Steinquadern, aus denen vermutlich vor Jahrhunderten diese Pier gemauert worden war. Der Niedergang im Steuerhaus bleibt offen. Dort kommt kein Regen hin und ich werde das Schiff nicht aus den Augen lassen. Nicht über die hundert Meter zu den Häusern hinüber. Wieder zuckt ein Blitz, diesmal folgt der Donner nur ein paar Sekunden darauf. Dicke Wassertropfen platschen mit einem Mal auf den Boden. Nur noch ein paar Schritte zu dem Haus.</p><p></p><p><a href="https://steady.page/941f8b60-a014-472b-907a-7d82d390cf3f/posts/aa8a8c00-26d7-487e-b6e7-f3b0afc5af58">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Albtraum Tornado]]></category>
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      <pubDate>Fri, 19 Sep 2025 10:22:20 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Das Loch von Gerolimenas.]]></title>
      <description><![CDATA[Geologisch spektakulär, ankertechnisch eine Herausforderung. ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p> </p><p>Wir sind mal wieder aus der Ägäis gekommen, wollten südlich der Peloponnes nach Westen in die Adria. Zuvor sollte aber ein Besuch Kalamatas eingelegt werden, jenes gut geschützten Hafens am Scheitelpunkt der großen Bucht Messina, benannt nach der griechischen Provinz Messenien im Südwesten der Peloponnes. Die altgriechischen Auswanderer haben den Namen mit nach Sizilien genommen, wo sie die Stadt Messina gründeten. Eine andere alte Geschichte.</p><p>Unseren letzter Ankerplatz bevor wir das Kap Taimaros, das Südende der Halbinsel Mani rundeten, hatten wir in Porto Kayo gefunden. Übrigens einer herrlichen Bucht fast vollständig von Bergen umgeben. Auf Tiefen von bis zu vierzehn Metern kann man dort sehr gut ankern vor allem, wenn der Wind aus Nordost über West bis Süd weht. Ich habe dort immer mindestens vierzig Meter Kette gesteckt und immer gut geschlafen.</p><p>Das habe ich auch in Gerolimenas, auf der anderen, der westlichen Seite von Mani. Die Bucht schneidet tief ins Land und wird im Nordwesten von einer hohen steil aufragenden Felswand beherrscht. Das führt dazu, dass in der Bucht meist Winde aus Ost oder Ostnordost zu finden sind, die an der Wand entlangstreichen.</p><p>Das Gute daran: Der Bug des Ankerliegers zeigt dann zum Land und das Heck zur offenen See. Immer eine gute Position.  Aber die Wasserfläche ist relativ eng. Wenn dort schon drei Schiffe lagen, bin ich immer weitergefahren. Die Tiefen von bis zu zwölf Metern verlangen lange Ketten und damit einen weiten Schwoiraum. Weil zu viele Leute unterwegs sind, die zu wenig Kette stecken, meide ich das Risiko.</p><p>Aber an diesem Abend war die Situation perfekt. Der Kutter, der dort immer liegt, war an seiner Boje festgemacht und eine andere Segeljacht ankerte weiter drinnen. Ich fand auf sieben Meter einen schönen Fleck auf der südlichen Seite. Von hier aus war es mit dem Dinghi nicht allzu weit zu dem kurzen Felsanleger im Dorf, wo man das Dinghi an Eisenaugen festmachen kann. Es gibt einen kleinen Laden und drei oder vier Tavernen. In der größten davon haben wir mal ein Fußball-Weltmeisterschaftsspiel verfolgt. Lustiger Abend. Die Häuser sind im Mani-Stil gebaut: Kantige unverputzte Natursteingemäuer hoch wie kleine Burgen. Ich fühlte mich dort immer an den normannischen Stil erinnert.</p><p><a href="https://steady.page/de/sailingstories/about">Weiter als Mitglied!</a></p><p>Diesmal fiel der alte CQR also auf sieben Meter. Position 36°28&#39;N 22°23&#39;E. Beim üblichen Einfahren, also achteraus fahren, hielt er prompt. Es waren vierzig Meter Kette draußen. Maschine aus. Ich hakte den Ruckdämpfer in der Kette ein und setzte den Ankerball. Fertig. Ankerbier, Dinghi ins Wasser und landfein machen.</p><p>Nein, ein Frühaufsteher bin ich nicht gerade, vor allem, wenn das Schiff so schön ruhig und sicher liegt. Der Abend war nett und das Essen vorzüglich gewesen. Eine sehr leichte Brise zog durch die Bucht und das Wasser lud zum Baden. Danach den Außenborder verstauen und das Dinghi an Bord holen. So wurde es leicht Mittag bis zum Ankeraufmanöver. Die Maschine lief und die Ankerwinsch, eine Falkon von LOFRANS, spulte die blitzsaubere Kette in den Kasten. Bis zu den letzten sieben Metern. Dann war Schluss. Es ging nichts mehr. Die Kette war steif, fiel senkrecht ins Wasser.</p><p>Eigentlich kenne ich den Grund der Bucht als Kies eher locker als fest. Hat immer gut gehalten. Aber so fest?</p><p>Das Wasser war klar wie immer. Aber ich konnte von Bord aus den Anker nicht klar erkennen. Der Grund, soweit war das zu sehen, war hier kein Kies. Eine dunkle Fläche mit schwarzen Flecken. Und in einen dieser Flecken verschwand die Kette.</p><p>Erst mal bisschen tricksen. Über den Anker fahren, bis die Kette senkrecht stramm ist. Dann reichlich Kette stecken und langsam weiterfahren. Dadurch könnte der eingeklemmte Anker in die andere Richtung fallen und freikommen. Hat schon oft geklappt. Aber diesmal nicht. Es half nichts. Die Winde war stark, zog eher den Bug runter als den Anker hoch. Was tun Skipper?</p><p>Taucherbrille raus und rein ins Wasser. Sieh mal: Da liegt das Eisen wie ein Embryo im Mutterleib in einem kreisrunden Loch im Fels. Die ganze Gegend hier weist solche Löcher auf. Kreisrund, vielleicht achtzig Zentimeter bis einen Meter Durchmesser.</p><p>Geologisch interessant. Vielleicht waren das mal Blasen als der Fels noch flüssig gewesen war. Jedenfalls lag der Schaft genau da drin, quer und die Schaufel abgewinkelt mit beiden Flunken unter dem Felsrand.  Gut sieben Meter tief.</p><p>Würde tauchen was helfen?</p><p>An der Kette runterhangeln und die verklemmte Schaufel anheben? Wäre eine Möglichkeit. Aber ich bin kein guter Taucher. Bis vier, fünf Meter okay. Zurück an Bord zum Nachdenken.</p><p>Da lag doch in der Leinenkiste so ein Hufeisen mit zwei Augen am Rand. In jedem Auge eine Leine. Eine rote und eine blaue. Wenn man das Hufeisen mit der blauen Leine am Scheitelpunkt auf die Stange zwischen den Ankerflunken runterließ und dann mit der roten an der Seite des Hufeisens anzieht, legt sich das Hufeisen wie ein Haken um die Stange. Dann muss man nur noch kräftig anziehen und die Schaufel kommt frei. Vielleicht.</p><p>Erst die Kette bisschen fieren, um den Druck wegzunehmen. Guter Plan. Also lange Leinen dranknoten. Die rote, die seitliche so lang, dass sie an Bord hoch reicht. Dort hält sie ein Crewmitglied oder ich lege sie mit viel Spiel um die Festmacherklampe. Dann ab ins Wasser. Mit Schnorchel und Taucherbrille über dem Anker schwimmend das Hufeisen runterlassen.</p><p>Dauerte bisschen, bis es die Stange zwischen den Ankerflunken traf.  Die rote Seitenleine holen, kräftig holen und siehe da, die Schaufel kommt ganz locker frei.  Vor Erleichterung fliege ich fast die Badeleiter hoch. Vor an den Bug zur Ankerwinsch.</p><p>Als wäre nichts gewesen spult sie die restlichen sieben Meter Kette in die Kiste.</p><p>Aber wie sieht denn der CQR aus? Das Ende der einen Flunke ist total verbogen. Wird an der Haltkraft nicht viel ändern ist aber eben heftig angewinkelt. Ob man das wieder hinkriegt? Erst mal Anker festlaschen, fertig. Kurs nach Kalamata.</p><p>Tatsächlich hat Steve, der Inoxschmied in Almerimar Monate später die Flunke wieder geradebiegen können.</p><p><em>Deine Reaktion auf diese Geschichte würde mich interessieren und sehr freuen. Vielen Dank!</em></p><p>© 2025 Hermann Engl 04711 Almerimar</p><p><a href="http://www.hermann-engl.de/">www.hermann-engl.de</a></p><ol></ol>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Ankergeschichten]]></category>
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      <pubDate>Mon, 15 Sep 2025 00:30:50 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Gewitter über Silba]]></title>
      <description><![CDATA[Schon der Name hatte für mich immer etwas Abenteuerliches. Man könnte an einen Kapitän Frederico Silba denken, der als Freibeuter einst zwischen den dalmatinischen…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p> Schon der Name hatte für mich immer etwas Abenteuerliches. Man könnte an einen Kapitän Frederico Silba denken, der als Freibeuter einst zwischen den dalmatinischen Inseln und bis nach Griechenland hinunter sein Unwesen trieb. Vielleicht kam es daher, dass diese wunderschöne Insel südlich von Losinj in der kroatischen Adria Rückzugsort des geheimnisumwitterten Oberst Bogdan Gerlan wurde, der in dem Thriller »Tod auf der Adria« so manche Fäden zieht. Spannende Story.</p><p>Zwar habe ich seine hübsche Villa am Meer nie wirklich gefunden, obgleich ich dieses Eiland viele Male von beiden Seiten angelaufen habe. Dieses eine Mal aber werde ich nie vergessen. Es wurde mir ein Ankerlehrstück der schauerlichen Art.</p><p>Silba! Es gibt einen Westhafen und einen Osthafen und nur der Osthafen bietet eine größere Anzahl halbwegs sicherer Liegeplätze hinter einer hohen Hafenmauer. Im Sommer sind diese meist schon um vier Uhr nachmittags heillos überfüllt. Zwar hatte ich die schnellste Slup unter den Füßen, die ich je gechartert habe, die SUNMANU, eine Bavaria 46 aus der Charterflotte von Wolfgang Stecher, aber wir kamen dennoch zu spät an diesem heißen Frühsommertag. Von Vrsar in Istrien mit Übernachtung in Pula, quer über die Kvarner Bucht an Unje und Losinj vorbei waren wir gegen halb sechs nachmittags vor dem Osthafen von Silba angekommen.</p><p>Im milden rosigen Abendlicht war schon von weitem ein gutes Dutzend Masten von Jachten auszumachen, die vor dem Hafen ankerten. Ich fand noch einen Platz am östlichen Rand des Ankerfeldes, auf sechs Meter Wasser. Anker runter fünfundzwanzig Meter Kette raus, einfahren, hält. Ankerball hoch, Ankerlicht an, Dinghi ins Wasser, Motor dran und in den Hafen kurven. Wir waren acht Segelfreunde und -freundinnen und alle freuten sich auf ein leckeres Pleskavica, ein Thunfischsteak oder sowas in der Konoba mitten im Dorf. Ich musste zweimal fahren, weil jeweils nur vier Personen im Schlauchboot Platz fanden.</p><p>Im Osten hatten sich ein paar wuchtige Wolken aufgetürmt. Könnte sein, dass sich die Schwüle in einem Gewitter entlädt, vielleicht da drüben über der langgezogenen Insel Pag. Immerhin gut zwölf Seemeilen entfernt. Sah schon nach einem ausgeprägten Amboss aus.  </p><p>Der Osthafen auf Silba zeigte sich erfüllt vom Seglerfeierabend. Dicht an dicht lagen Yachten vertäut, die Pier fröhlich bunt bevölkert. Gegenüber im kleinen Hafenbecken eine Ansammlung von Schlauchbooten. Wir klemmten das unsere noch dazwischen.</p><p>Für mich gehört es dazu, nie den Kontakt zu dem Schiff zu verlieren, das mich beherbergt und für das ich Verantwortung trage. So sah ich mich auch diesmal gründlich um. Da draußen über der Hafenmauer identifizierte ich das Ankerlicht »meines« Schiffes. Der Mast der 46er gehörte mit seinen rund einundzwanzig Metern zu den höheren in seiner Umgebung.</p><p>In der Konoba fand sich noch ein Tisch für alle acht. Bald standen acht Karlovac auf dem Tisch. Wir stießen auf einen sonnigen Segeltag an. Der Ober kam, um unsere Bestellung aufzunehmen. Kaum war er weg, fauchte eine Bö über die Dächer und durch die Gasse. Die Geräuschkulisse in der Konoba brach abrupt ab. Alle lauschten dem Pfeifen und ich bekam ein mulmiges Gefühl. Und dann waren sie auch schon da, die Wolken.</p><p>Ein Raunen ging durch die Reihen der Tische. Es waren wohl alles Segler und Seglerinnen. Bange Blicke zum Himmel. Der Ober balancierte die Teller voll saftiger Leckereien an den Tisch. Urplötzlich prasselte es. Es schüttete wie aus Kübeln auf das Dach. Die Gasse wurde zum Bach, Blitze zuckten und mächtige Böen pfiffen über die Dächer. Ich zählte automatisch die Sekunden bis zum Donner. Ich kam bis zwölf, aber es hielt mich nichts mehr, ich musste nach »meinem« Schiff sehen.</p><p>Nur um eine Ecke und ich konnte die Ankerlichter über der Hafenmauer erkennen. Dort der hohe Mast, das musste die SANMANU sein. Klar das war sie. Beruhigend. Aber dann sah ich nochmal hin. Bewegte sich das Licht? Da war noch ein anderes Licht, und das war deutlich unterwegs in Windrichtung. Und meins?</p><p>Klatschnass zum Tisch zurück. »Ich muss zum Schiff!« Hartmut ließ das Besteck fallen und sprang auf: »Ich komm mit.«</p><pre><code>___STEADY_PAYWALL___</code></pre><p>Durch prasselnden Regen rannten wir zum inneren Hafenbecken. Rein ins Schlauchboot, anlassen und los. Die hübsche Abendstimmung, längst weggeblasen. Der Himmel dunkelblau. Blitze erhellten die finstere Szenerie. Ich kam immer noch bis zehn. Zehn mal 343 ergibt etwa dreitausendvierhundert und dreißig. Die Gewitterzelle ist ungefähr noch dreieinhalb Kilometer entfernt. Keine unmittelbare Blitzschlaggefahr.</p><p>In der Hafenbucht draußen flog uns Gischt entgegen. Nur kleiner Seegang aber die Böen peitschten das Wasser, Regen prasselte drauf. Da lag sie, die SUNMANU. Sie hatte ihren Platz verlassen. Es waren etwa drei Schiffslängen. Ich fuhr die Heckplattform an, Motor aus, kletterte an Bord. Hartmut kümmerte sich um das Dinghi. Ich stürmte in den Salon. Licht an.</p><p>Genau dieser Moment beeindruckte mich schwer:  Die Stille im Schiff. Der hell erleuchtete Salon, der saubere Holzriemenboden, der Navitisch, die Pantry. Die SUNMANU lag still obgleich draußen Weltuntergang gespielt wurde. Diese Gelassenheit wirkte ansteckend. Ölzeugjacke raus und reinschlüpfen.</p><p>»Hartmut, wir holen den Anker und ankern neu!« Decksscheinwerfer an. Er ging zum Bug. Ich startete im Cockpit draußen die Maschine und fuhr langsam gegen die Kette. Dann hörte ich die Ankerwinsch singen. Die fünfundzwanzig Meter waren rasch aufgeholt. Er gab mir das Zeichen und ich fuhr einen neuen Ankerplatz an. Wieder auf sechs Meter und diesmal mit vierzig Metern Kette. Ich fuhr den Anker heftig ein. Maschine aus.</p><p>In der Navi trug ich die Koordinaten des neuen Platzes ins Logbuch ein. Sie unterschieden sich nur um ein paar Meter zum alten. An meinem GPS beobachtete ich die Schiffsbewegung. Die SUNMANU schwoite lediglich etwas zu Seite. Nicht nach achteraus. Der Anker hielt sie nun fest. Wir blieben noch etwa fünfzehn Minuten an Bord, schlüpften in trockene Klamotten. Der Regen hörte auf, das Gewitter zog nach Südosten Richtung Küste ab. Mit dem Schlauchboot zurück in den Hafen. Dinner Teil zwei. Es wurde noch sehr gemütlich.</p><p>Seit dieser Reise, die uns noch weit nach Dalmatien hinein führte, setze ich immer die maximal mögliche Kettenlänge ein. Der Anker muss möglichst in jeder Wettersituation horizontal über den Grund geschleppt werden. Eine zu kurze Kette führt unweigerlich zum Ausbrechen, sobald der Wind entsprechend auffrischt.</p><p><em>Deine Reaktion auf diese Geschichte würde mich interessieren und sehr freuen. Vielen Dank!</em> </p><p>© 2025 Hermann Engl 04711 Almerimar</p><p><a href="http://www.hermann-engl.de/">www.hermann-engl.de</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Ankergeschichten]]></category>
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      <pubDate>Mon, 15 Sep 2025 00:30:11 +0000</pubDate>
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