Samuel Barber: Second Essay for Orchestra (1942)
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Paul Klee: Fuge in Rot (1921, gemeinfrei, via Wikimedia Commons (Öffnet in neuem Fenster))
Samuel Barber kennen die meisten Menschen nur wegen eines einzigen Stücks: dem Adagio for Strings. Das Stück wird zuverlässig gespielt, wenn irgendwo öffentlich getrauert wird. Der Erfolg dieses Stücks wirft einen unangenehmen Schatten auf Barbers übriges Werk. Dazu gehört das zweite Essay für Orchester.
Ein Essay ist ja eigentlich eine Textgattung ohne strenge Form. Es ist der Versuch, ein Thema von verschiedenen Seiten zu betrachten (das Wort kommt vom französischen essayer: versuchen). Einen Essay erkennt man intuitiv – nach dem Prinzip I know it when I see it.
Wenn man das kurze, einsätzige Stück gehört hat, muss man feststellen: Ja, das ist tatsächlich ein Essay, aber wir sind am Ende wieder da, wo wir am Anfang waren.
Das musikalische Material ist sehr übersichtlich. Es gibt nur ein Motiv und das wird sofort im ersten Takt von der Querflöte vorgestellt. Dann wandert es tastend von Instrument zu Instrument, von Gruppe zu Gruppe, durchs Orchester. Es ist aber kein Variationenwerk (Öffnet in neuem Fenster), dafür ist die Form zu frei.
Im Laufe des Stücks wird der musikalische Text immer dichter, aber Barber bleibt konsequent bei dem schlichten Ausgangsmaterial. Er kommt immer wieder auf denselben Gedanken zurück – er dreht und wendet ihn, formuliert ihn anders, aber mit dem Motiv passiert nichts, es verwandelt sich nicht in etwas anderes, es wird auch nicht an einem anderen Motiv gerieben, wie es in der Klassik (also von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts) üblich war. Wir sind hier in der amerikanischen Spätromantik und die war ganz besonders spät dran – diese Musik war schon nicht avantgardistisch als sie ganz neu war. Aber das scherte das amerikanische Publikum nicht (und muss uns auch nicht scheren). Denn was diese Musik hat, ist ein Vibe. Es geht nicht um viel, aber das sehr schön.
In dem unten verlinkten Video kann man ab 4:23 besonders gut erkennen, wie appetitlich man mit so wenig Material umgehen kann: Da dürften die Holzbläser mit dem Thema spielen, erst nacheinander, dann zusammen und kunstvoll überlagert. Bei 4:57 sind die Blechbläser an der Reihe, bei 5:13 die Geigen (gestrichen und gezupft) bei 5:28 Celli. Wenn man gemein wäre, könnte man sagen: Es ist schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem.
Aber nicht nur die Instrumentengruppen werden durchgearbeitet, auch erscheint das Motiv in ganz verschiedenen Atmosphären, so wird es bei 6:11 geradezu lyrisch, bevor bei 6:30 ein Ausbruch des Orchesters folgt.
Ab 10:12 kündigt sich an, dass eine Auflösung folgen muss. bei 10:37 insistieren die Geigen auf einer Note, als ob sie sagen wollten: Gut jetzt, wir haben es verstanden! Und so leiten die Auflösung bei 10:51 ein.
Dieser Essay ist absolute Musik, er hat kein außermusikalisches Programm, er bezieht sich auf nichts außer auf seine eigene Musik (außer vielleicht angedeutungsweise auf den Zweiten Weltkrieg durch die einsame Trommel bei 8:03, immerhin schreiben wir das Jahr 1942).
In der Aufnahme, die ich euch empfehle, dirigiert die Amerikanerin Marin Alsop das NDR-Elbphilharmonie-Orchester. Sie nimmt sich Zeit – mehr als andere Dirigenten. Aber gerade dadurch wird das elegante Gewebe, das Barber aus sehr wenig gestaltet hat, ganz klar. Der Versuch ist gelungen.
https://youtu.be/8Ct-hRCwnm8?si=8Fw7MuE6fvXATxdN (Öffnet in neuem Fenster)Hier findet ihr das Stück im Streaming: bei Spotify (Öffnet in neuem Fenster), Qobuz (Öffnet in neuem Fenster), Apple Music und anderen Diensten (Öffnet in neuem Fenster).
Schöne Grüße aus Berlin
Gabriel