Schon die fünfte Ausgabe. Ich hoffe, Euch bereitet das Lesen genauso viel Spaß wie mir das Schreiben. Es geht auf jeden Fall weiter. Aber nur noch zweiwöchentlich. Ist ja schon auch irgendwie Arbeit, dieser Newsletter. Und da ich im Herbst viele Auftritte habe (seht HIER (Opens in a new window)), dachte ich: Okay. Jeden zweiten Montag ist doch ein guter Rhythmus.
AUßERDEM: Ihr könnt diesen Newsletters ab jetzt finanziell unterstützen. Müsst ihr aber natürlich nicht. Es bleibt alles gratis. Jedenfalls kann man ab jetzt Mitglied werden. Das heißt erstmal: Ihr könnt mich unterstützen, wenn ihr wollt.
WAS IST NEU?
Der Herbst.
“Der Herbst, der Herbst, der Herbst ist da.”, singt mein Sohn jetzt immer, wenn wir durch die Straßen laufen und die riesigen Laubhaufen betrachten. “Er bringt uns Wind, hei hussassa! / Schüttelt ab die Blätter, bringt uns Regenwetter. Und Kacka!”, singt er weiter. Die Kacka-Phase. Aber er hat ja auch recht: Spring mal in Berlin in einen Laubhaufen am Straßenrand. Unter der ersten Schicht von hübschen golden Blättern verbirgt sich das, wofür Berlin vor allem berühmt ist: Hundekacke. Klar, wir haben hier auch Currywurst und Wegebier und die Mauer und lange Kreuzberger Nächte. Doch was wird der Berlin-Tourist im Gedächtnis behalten, wenn er zurück in Manchester, Los Angeles, Stockholm oder Reutlingen ist? Den Geruch an seinen Schuhsohlen.
Was ich eigentlich erzählen wollte: Wenn der Herbst kommt, geht das Gartenjahr. Ich bin ja stolzer Besitzer eines Kleingartens, einer Datsche, wie man hier im Osten sagt. Vor ein paar Jahren habe ich darüber mal ein Buch geschrieben, das verwirrenderweise “Das hatte ich mir grüner vorgestellt” (Opens in a new window) heißt. Denn eigentlich ist mein Garten sehr grün. Giersch und Brennnesseln und Hecken sind nämlich überaus grün und wachsen einfach besser als die empfindlichen Gewächse mit bunten Blüten oder leckeren Früchten. Die einzige Zucchini, die wir dieses Jahr geerntet haben, war so groß wie der Oberarm von Dwayne Johnson und schmeckte leider nach Spülmittel. Seltsam, diese Natur.
Immerhin blühen überraschend doch noch ein paar Blumen. Hinter unseren Gartenhütte sprießen durch das braune Laub die unwirklich lila schimmernden Blütenkelche der Herbstzeitlose wie die Köpfe von Aliens. Das ist schön und gleichzeitig traurig: Die letzten Farbkleckse vor dem grauen Winter. Zieht Euch warm an!

GARTENFREUDEN
Das Sägen
Ich säge gern. Ein Satz, den ich mir nicht zugetraut hätte. Mein 22jähriges Ich hätte gedacht, ich wäre verrückt geworden. Sägen? Was haben zwanzig Jahren nur mit dir angerichtet? Und in was für einer Welt lebst du nur? Meine Antwort: In einer Gartenwelt. Und da muss halt gesägt werden.
Natürlich besitze ich keine Motorsäge. Ich möchte bei der Gartenarbeit keine Gliedmaßen verlieren. Aus dem gleichen Grund halte ich auch von Stich- und Kreissägen Abstand. Ich begnüge mich mit einem einfachen Fuchsschwanz und einer Bügelsäge. Das reicht vollkommen aus. Ich möchte keine ausgewachsenen Eichen fällen, nur ein paar aus der Form geratenen Büsche beschneiden, deren Äste zu dick für eine Heckenschere geworden sind. Oder ein paar Äste von der Eiche absägen und als Brennholz zerkleinern.
Ich bin ein guter Säger. Ja, ich weiß, Sägen ist nicht schwer, aber ich habe handwerkliche Arbeit nicht gelernt. Ich habe Geisteswissenschaften studiert. Das komplette Gegenteil von Handwerk: Man braucht selten seine Hände und man muss nie früh aufstehen. Und bekommt keinen Job.
Was fasziniert mich am Sägen? Es ist das Aufwand-Ergebnis-Verhältnis. Man beweget seine Arme hin und her, hält dabei mit einer Hand die Säge und mit der anderen das Holz fest - und schon hat man etwas formgerecht zerteilt. Maximales Ergebnis mit überschaubarem Einsatz. Wo gibt es das sonst noch? In den Geisteswissenschaften, die ich lange und ausführlich studiert habe, sicher nicht. Man kann zehn Bücher von Derrida lesen und danach immer noch nichts von der Welt oder auch Derrida verstehen.
Leider übertreibe ich es langsam mit dem Sägen. Denn inzwischen ist im Garten eigentlich alles gesägt, was gesägt werden muss.
"Brauchen wir diesen Stuhl eigentlich noch?", fragte ich kürzlich meine Freundin.
Sie sah mich verwundert an. "Wieso? Den haben wir doch erst vor zwei Monaten gekauft."
"Na ja, ich könnte ihn zu Brennholz zersägen?", schlug ich vor und zückte schon meinen Fuchsschwanz.
"Nein, auf gar keinen Fall!"
"Und was ist mit dem Tisch?", ließ ich nicht locker. "Braucht der wirklich vier Beine? Könnte der nicht auf drei stehen?"
"Gib mir sofort deine Säge, Sebastian!", rief meine Freundin.
Manchmal kann ich wirklich eine Nervensäge sein. Lol.
Inzwischen bin ich also ein unglücklicher Säger, der nicht mehr seiner Leidenschaft nachgehen kann.
Zum Geburtstag hat mir meine Freundin jetzt einen Bohrmaschine geschenkt. Aber es ist nicht das Gleiche.
SONGS FOR THE LEFTOVERS - Lieder, die ich gerade höre.
Nick Drake: Saturday Sun (Opens in a new window)
Diese Ausgabe des Newsletter ist ein wenig thematisch geworden: Herbst und Garten. Deswegen zum Schluss noch einer meiner Lieblingssongs für diese Jahreszeit. Eigentlich geht es ja um Sonne. Aber nach Sommer klingt Nick Drake und diese jazzige Melancholie nicht. Man denkt eher: Krass, Sonne - hatte man nicht mit gerechnet. Wird so schnell nicht mehr kommen. Vielleicht nie wieder. Grau. Winter. Dunkelheit.
Übrigens sollten alle Menschen mehr Nick Drake hören, nicht nur dieses Lied. Sondern alle seine leichten, folkigen Alben aus den frühen 70er Jahren. Es gibt eh nur drei. Sie klingen, als wären sie gerade aufgenommen worden. Das nennt man wohl zeitlos.
Und “Saturday Sun” endet textlich auch so, wie es klanglich begonnen hat: “But Saturday's sun / Has turned to Sunday's rain.” Hei hussassa! Der Herbst ist da. In diesem Sinne - habt eine schöne Woche.
VIELEN DANK FÜRS LESEN.
Dein Sebastian.