Mia denkt auf einem Rosenheimer Rauchbalkon über Privilegien nach
Die ZEIT hat gerade einen Artikel (Öffnet in neuem Fenster) darüber veröffentlicht, dass die Feministinnen dieses Landes immer nur um sich selbst und ihr Äußeres kreisen und darüber die wahren Belange—nämlich die der weniger Privilegierten, wer auch immer das gerade sein mag—aus den Augen verlieren.
Ich veröffentliche nicht gerne Bilder von mir selbst auf Instagram. Ich schreibe lieber kleine Caption-Essays und illustriere sie mit interessanten Fotos. Aber wenn ich ein Bild von mir veröffentliche, bekommt das dreimal so viele Likes wie irgendwas anderes. Auch komplett ohne Caption. Und Likes sind eben auch eine Währung. Und Social Media Profile sind ungefähr das erste, was ein Verlag sich anguckt, wenn er Bücher einkauft. Ich habe immerhin viel zu wenige Follower, um als instaprivilegiert zu zählen.
Wir sind in Rosenheim bei Nathalie und lassen es uns gut gehen.
Wir wohnen in einem rustikalen Hotel mit schnörkelig verzierten Hinweisschildern und den Geruch aus Jahrzehnten des sorglosen Rauchens in den Mauern, wie Mika beim Eintreten feststellt. Jetzt gibt es nur noch einen Rauch Balkon auf unserer Etage.
Am Ende des Tages, als es schon dunkel ist, schließe ich mich der Gruppe an, die schon da ist; ein paar Typen Mitte Fünfzig in Arbeitsklamotten, mit einer kleinen Box, aus der sowas wie Metal wummert, einer Batterie 0,5 l Bierdosen und einem überquellenden Aschenbecher.
Sie drehen die Musik vorsichtshalber aus, als ich erscheine, und schieben mir, nachdem sie mich kurz taxiert und sich überzeugt haben, dass ich in Frieden komme, den Ascher rüber. Sie haben glasige, verwundete Augen. Sie sind schon ganz schön dicht. Ich lächle und rauche und sie bieten mir ein Bier an.
»Ohne das« – der Drahtige von den Dreien hebt seine Bierdose – »gehts gar nicht.« Sie sind auf Montage hier gewesen, drei Monate, morgen fahren sie wieder nach Hause. Sie kommen aus NRW, ich höre jede Art von dat-und-wat-Slang immer als ein Echo meiner frühen Kindheit, die ungehobelte Sprache der Ruhrpott Arbeiter. Ihre Sprache kommt direkt von der Straße und ist jetzt schon ziemlich verwaschen.
Der Drahtige von den Dreien erzählt Saufgeschichten. Ein Herbstfest, zwei Maß, drei Maß, dann die Füße in einen kalten Quellbach gehalten, später nichts mehr gewusst, Filmriss, dat war total abgewichst.
Er fragt mich, was ich mache. Das frei in freie Autorin inspiriert ihn zu einem leidenschaftlichen Riff über die Arbeit. Er würde gerne den ganzen Tag nur seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen: Lampen bauen, die er seinen Freunden und Kindern schenkt. Aber er muss für andere Leute Maschinen aufstellen, drei Wochen hier, drei Wochen dort. Das geht nicht ohne Bier, sagt er.
»Du bist frei, aber ich bin nur Knecht, ich mache, was andere sagen, niemand klopft mir dafür auf die Schulter, niemand dankt mir das.«
Ich nicke und rauche. Ich sage, dass ich vor sechs Jahren mit dem Trinken aufgehört habe. Sie gucken mich eine Weile ungläubig an: »Das war sicher schwer?«
»Trinken war irgendwann schwerer« sage ich. Ich versuche generell, so wenig wie möglich zu sagen, weil sich alles, was ich sage, zwangsläufig abgehoben und weltfremd anhört.
Mein Vater war Arbeiterkind im industriellen Westdeutschland. Würde er noch leben, wäre er 65, er wäre in seinen Ansichten wahrscheinlich durch und durch ein alter weißer Mann, trotz seiner Mitgliedschaft bei den Grünen und seiner Achtundsechziger-Prägung. Abgesehen davon, dass er ein weißer Mann war, waren ihm viele meiner Privilegien fremd. Seine Familie war weit weg von irgendeiner Art von Bildungsbürgertum. Sie lebten zu fünft in einer 70 m2 Drei Zimmer Wohnung, seine Mutter war die meiste Zeit betrunken, körperliche Gewalt war ein normaler Bestandteil der Kindererziehung, er zog mit 15 zuhause aus, er hatte nicht studiert, er erbte nichts.
Meanwhile in meiner Bubble:
Wir gehen zum Brunch, machen Wochenendtrips nach Istanbul, haben Geld für Clean Eating übrig und können easy alle paar Monate vierhundert Euro für Filler und Botox ausgeben, von unserem eigenen Geld, das wir damit verdient haben, Artikel darüber zu schreiben, auf welche Art Filler und Botox feministisch oder unfeministisch sind, je nachdem, welche andere Feministin gerade in einem anderen Artikel die Gegenposition vertreten hat. Meistens konzentrieren wir uns darauf, wie privilegiert andere sind, aka die Männer in unserer Bubble oder eine Generation drüber.
Vor einiger Zeit habe ich wieder mit einem weißen Mann der GenX diskutiert, der behauptete, er habe keine Privilegien, obwohl er offensichtlich ziemlich viele hat. Er ist blond und blauäugig und im mittleren Management eines großen deutschen Unternehmens, seine Eltern kommen aus dem westdeutschen Bildungsbürgertum, die Mutter war Hausfrau, die Eltern sind immer noch zusammen, es fehlt an absolut nichts. Die Männer, die überzeugt sind, keine Privilegien zu haben, denken das fast immer deswegen, weil ihre Eltern keine Millionäre waren und sie sich alles selbst erarbeitet haben.
Es gibt auch immer noch Frauen, die in der Hierarchie über uns stehen. Man trifft sie auf dem Spielplatz im Prenzlauer Berg, makellos gekleidet, teuer gecremt und frisiert, wie sie mit warmen Timbre Sachen sagen wie: »Ich würde ja arbeiten, aber mein Kind braucht mich einfach noch zu sehr.« Ihre Männer sind fast immer in Finance und die Miete ist deswegen kein Thema. Ihre 20k Hochzeit war für sie Low Budget und sie haben den Namen ihrer Männer angenommen, weil es so eine schöne Tradition ist. Das sind Frauen, die es sich leisten können, die Ehe als romantisch zu framen und ihren ganzen historischen, partriarchalen Unterbau lässig zu ignorieren.
Das sind die, denen wir Vorträge über intersektionalen Feminismus halten und die wir auf Social Media dafür shamen würden, dass sie nicht konsequent genug gendern, wenn sie uns zuhören würden. Aber das tun sie nicht, deswegen versuchen wir sie zumindest als Kundinnen unserer diversen Startups zu gewinnen.
Ich saß mal in einem Meeting, wo ein Typ rein kam, der nicht lesen konnte.
Es gingen die Zwölf Schritte rum und es war offensichtlich, dass er die Worte nicht dechiffrieren konnte, das aber nicht zugeben wollte und ich denke immer noch regelmäßig daran, dass ich damals nicht irgendwie reagiert habe, dass ich nicht geistesgegenwärtig genug war, ihn aus dieser schrecklichen Situation zu retten, dass ich nicht gesagt habe, keine Ding, kann jeder Mal seine Brille vergessen oder so. Dann wäre er vielleicht wieder gekommen.
Einmal sagte es einer im Meeting laut: Ein junger Maurer sagte, eigentlich sei ihm dieses Meeting fast zu elitär, zu fein, er würde nicht regelmäßig kommen, wenn er nicht davon überzeugt wäre, dass die Leute hier gutherzig seien.
All diese Sachen gehen mir gleichzeitig durch den Kopf auf diesem Raucherbalkon in Rosenheim, ich wünschte, ich könnte all das mir einem schönen Fazit versehen, wie eine Schleife an einem Geschenk, oder eine Grafik zeichnen mit all den Schichten von Privileg in diesem Land, in dieser Welt, und dann eine Punkt darauf: You are here (irgendwo im oberen Viertel schätze ich) und dann irgendwelche Verhaltensregeln daraus ableiten, die nicht nur auf Gefühlen basieren.
Einer der weißen cis Männer, mit dem ich über seine Privilegien diskutiert hatte, hat diese inzwischen gecheckt und mir ein paar Wochen später gesagt, wie dankbar ihn das gemacht hat und ich denke auf dem Raucherbalkon in Rosenheim wieder daran:
Privilegienlisten sind Dankbarkeitslisten.
Ich habe mein Nüchternwerden mit meinen Privilegien teilfinanziert. Ich sage nicht, dass es nicht schwer war, ich sage nicht, dass ich nicht dafür gearbeitet habe. Alle arbeiten hart. Aber ich musst nicht alles selbst bezahlen.