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5 Jahre sober: Cool sein kannst du, wenn du tot bist

Mika: Sagt man was?

“Was macht man da, wenn man sowas beobachtet”, fragt Mias Freund Ben am Tag nach einer Hochzeit. Es geht natürlich um Alkohol: Es wurde getrunken, klar. Aber bei einem der Gäste reihten sich die Biere aneinander wie ein Domino an den nächsten. Es gab Dringlichkeit, es gab kein Ende, aber dafür eine Freundin, die sichtbar interessiert daran war, noch etwas zu Essen in ihren Freund hineinzubekommen. Es gab ein paar Witzeleien am nächsten Tag beim Brunch. Und jetzt fragt Ben uns: Sagt man da was? 

Ich antworte ein paar der üblichen Sätze: Wichtig sei, zu unterscheiden, ob man selbst darunter leidet oder ob man es einfach nur beobachtet. Bei ersterem: Selbst Hilfe finden, Abgrenzen, Grenzen kommunizieren, keine Ultimaten, auf sich achtgeben. Bei zweiterem: Kannste nicht viel machen. Vielleicht - zumindest bei Freund:innen - kann man versuchen, Raum für ein Gespräch zu schaffen, mal generell nachzufragen, wie es so geht und sich nicht mit einem dahingeworfenen “gut” zufrieden geben. Offenheit signalisieren.

“Was mache ich, wenn ich sowas beobachte?” frage ich mich dann selbst ein paar Tage später. Seit der Nüchternheit ist meine Wahrnehmung ein fein kalibrierter Alkohol-Radar. Ich kann nicht anders, als ihn zu sehen, zu riechen und Trinker:innen zehn Meter gegen den Wind zu erkennen. Ich sehe, wo in einer Wohnung eine geöffnete Sektflasche steht, weiß noch Tage später, wo bei wem die Flaschen stehen. Ich höre am Nebentisch, wie ein alter Mann mit Segelschuhen sagt: “Ich fahre noch zur Tankstelle und ins Büro und komme dann wieder” und ohne ihn direkt anzuschauen, sehe ich, wie er sein Glas Weißwein ext (!), bevor er sich ins Auto setzt. Die Mustererkennung ist AN und ich kann sie nicht abstellen. Die kleinen und großen Red Flags setzen sich in meinen Gehirnwindungen fest und starten die immerselben Schleifengedanken: Habe ich das wirklich richtig gesehen? Übertreibe ich? Nerve ich mein Normie-Umfeld, wenn ich ständig irgendwem ein Problem diagnostiziere? Aber ist es nicht umso wichtiger, schon für die kleinen Zeichen zu sensibilisieren? Und ich? Renne ich blind meinem Helfersyndrom hinterher? Bin ich zu einem spaßbefreiten Moralapostel geworden, das seine Abstinenz-Agenda ungefragt auf andere projiziert? Oder ist es Feigheit, dass ich nichts sage? Ist es übergriffig, Leute - vermeintlich - zu outen, die ihr Trinken offenbar geheimhalten wollen? Hören diese Gedanken irgendwann auf?

Was macht man da? Sagt man was?

Die Klarheit der üblichen Antworten auf diese Fragen ist plötzlich gar nicht mehr so klar, wenn man selbst davorsteht. “Kannste nicht viel machen” klingt dann wie eine Ausflucht, wie unterlassene Hilfeleistung. Und am Ende muss ich mir selbst meine eigenen Antworten geben, die ich wie Mantren wiederhole: Ich kann niemanden retten. Ich signalisiere Offenheit. Es ist okay, dass ich mich hilflos fühle. Das ist ganz normal. Und wenn jemand wirklich reden will, dann bin ich da. 

Die innere Sicherheit 

Mias Tagebuch August / Gedanken über 5 Jahre Nüchternheit

Das Ende meines fünften nüchternen Jahres sollte eigentlich der Arbeit am Buch gewidmet sein. Ich hatte mir vorgenommen, ganze Tage lang zurückgezogen und auf Innenschau in leeren Räumen zu sitzen, zu meditieren und zu schreiben. My ass. Der Sommer hat andere Pläne.

Ich war ja auch naiv. August in Berlin ist nicht die richtige Zeit um zu reflektieren und sich zu besinnen, es ist nicht die Zeit, melancholisch aus dem Fenster zu blicken – der August will passieren und er will ungeteilte Aufmerksamkeit.

Ben kommt nach Berlin, Mika kommt. Wir planen die Zukunft und sehen Leute und gehen permanent essen. Ich bin zu 100 % im Holiday Modus, trinke literweise Kokoswasser in Dosen, gehe zum Schreibworkshop, flirte mit zu jungen Typen, habe ein Date mit einer Frau, die aussieht wie Scarlett Johansson, nehme doch wieder Aufträge an, schlafe zu wenig, benutze zu viele Adjektive, gebe all mein Geld in Restaurans aus, trage Weiß und bunte Farben, knallige Blumenprints, ein blaues T-Shirt, dick BOSS vorne drauf gedruckt, dazu graue Jeans und ein fettes Strasscollier. Ich bin eifersüchtig, weil mein Lover andere Loverinnen hat, und er stellt mir eine nach der anderen vor, was die Eifersucht schnell und nachhaltig zerstreut. Der Typ, mit dem ich fast mal rumgemacht hätte, als er 16 war und ich 25, sagt: »Ich bin ins Zölibat gegangen, als ich gemerkt habe, dass ich nur noch Sex habe, um hinterher zu kuscheln.« Wow. Das gibt mir Hoffnung für die nächste Generation Männer. 

Mein Lover ist zehn Jahre älter als er und hat keinen blassen Schimmer, warum er Sex hat. Aber das ist egal, denn wenn er mit mir fertig ist, ist jede meiner Zellen mit Sauerstoff und Endorphin versorgt und mein Hirn ist ein leeres Blatt Papier. Es ist nichts romantisches daran. Ich bin ein Tier. Julian sagt stattdessen: »Dein Körper erinnert sich daran, dass er lieben kann.«

Cool sein kannst du wenn du tot bist

Irgendwann sind alle weg und es zieht sich zu und regnet sogar ein wenig und ich setze mich doch mal hin zum Schreiben. Ich beginne das Kapitel über den Ex, um das ich mich lange herumgedrückt habe. Aber ich bin jetzt stark genug: mein neuer Sex hat den letzten Rest von Liebeskummer neutralisiert, die Vergangenheit ist starr, wie geronnen.

Ich war laufen und hatte zwei Kaffee und bin so fit und klar, dass ich mühelos 1.500 Wörter runter schreibe und als ich an das Ende des Kapitels komme und den narrativen Bogen schließe – die Heldin hat alles verloren und ist brandneu und weiser wiederauferstanden – bricht etwas in mir wie eine Eierschale und ich weine, plötzlich, das erste Mal seit Monaten. Ich weine ein paar Minuten und dann ist es vorbei, wie ein kurzer Regen, die Luft danach ist frischer als zuvor.

»Das ist doch überhaupt das allergeilste am Nichtmehrtrinken«, sagt Kathrin später, als ich ihr davon erzähle: »Man weint, man regnet, man fühlt den Schmerz. Und dann: ist es wieder vorbei.« Der gesunde Kreislauf naturbelassener Gefühle.

Gefühle und das Betäuben der Gefühle ist ein großes Menschheitsthema. Nicht nur die Alkis und die Ex-Alkis kennen es, auch wenn immer mal wieder im Meeting einer intensive Gefühle als Charakterfehler klassifiziert: »Himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt – das ist Teil meiner Krankheit.« Ich denke dann immer: So ein Bullshit, das ist doch das beste an allem, das ist doch das, weswegen wir alle hier sind, das ist doch überhaupt der Grund für all den Hassle. Es zu ERLEBEN.

Ich habe im August schon alles gefühlt: Ich war wütend, ich war traurig, ich war dankbar, happy und horny. Ich habe ein Stück Wut wiedergefunden, dass sich 10 Jahre lang in mir versteckt hatte. Ich war unsicher und ängstlich und einmal sogar intensiv neidisch. Ich nehme alles und versuche nicht zu werten. Ich bin ein durchlässiges, lebendiges Wesen voller Licht und Elektrizität.

Nebenbei hatte ich 5 Jahre Sober Birthday. Die wichtigste Erkenntnis vielleicht: Ich erkenne, dass ich ziemlich gut darin geworden bin, hochemotional zu sein. Früher war mein Emotionsmanagement eine Katastrophe. Die einzige Strategie, die mein Cool Girl Selbst hatte, mit dem Emo-Overkill umzugehen, war Gefühle betäuben und so tun, als wären sie nicht da, bis sie dann alle auf einmal ins Gesicht von irgendeinem Typen explodierten.

Jetzt finde ich Gefühle das beste an mir und an anderen Leuten. Ich kann sie feiern und auf ihnen surfen wie eine Möve im Wind, als wären sie alle bloß zu meiner Unterhaltung da. Ich lasse sie ihr Ding machen, solange sie wollen, denn ich weiß, dass sie immer immer immer von selbst verschwinden. Das bedeutet: Ich bin emotional nicht erpressbar. Und es bedeutet: Absolutes Vertrauen in meine eigene innere Sicherheit.

Das ist das beste Geschenk von 5 Jahren nüchtern: Ohne hart zu werden, ohne abzustumpfen, habe ich etwas bekommen, was ich immer schon wollte: emotionale Souveränität.

(Plus: Der Sex wird auch immer besser.) 

Topic Bi-Weekly

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