Wir haben diese Woche Lena Schätte im SodaKlub zu Gast. Sie hat einen schmalen, kraftvollen autofiktionalen Roman (Opens in a new window) über einen alkoholkranken Familienvater und seine Tochter geschrieben.
Hier könnt ihr ein Stück daraus lesen.

1
Meine Mutter bringt uns Töchtern Dinge bei. Andere Dinge, als mit geradem Rücken am Esstisch zu sitzen, als Danke und Bitte zu sagen, andere Dinge als ihrem Sohn. Sie bringt uns bei, dass Schnaps Ärger bedeutet. Dass Männer, die Bier trinken, harmlos sind: Sie tanzen und lallen und plaudern private Dinge aus, doch schließlich lassen sie sich ins Bett schubsen und schlafen friedlich ihren Rausch aus. Männer, die Schnaps trinken hingegen, werden aggressiv, suchen Streit, werden von der Polizei nach Hause gebracht oder kommen gar nicht erst heim. Da passiert irgendwas im Kopf, erklärt sie uns oft und tippt sich dabei mit dem Zeigefinger an die Schläfe. Aber sie bringt uns auch bei, dass alles in Ordnung ist, solange sie nur am Wochenende trinken. Nur wer wochentags trinkt, ist süchtig. Und sie bringt uns bei, dass eine Frau immer Fluchtgeld haben muss. Hinter einer lockeren Kachel in der Waschküche, in einem alten Winterstiefel im Kleiderschrank oder in einer Tupperbox im Gefrierfach, auf deren Aufkleber Linsensuppe steht. Genug, um jederzeit die Kinder aus dem Bett holen und verschwinden zu können. Manchmal habe ich Angst, sie würde mich vielleicht vergessen, mich nicht mitnehmen, und dann gehe ich mit Jacke und Schuhen ins Bett.
2
Wenn mein Freund nachts nach Hause kommt, nach Lagerfeuer und Alkohol riecht, sich zu mir auf die Matratze legt, sein Atem sich im Raum ausdehnt, dieser Geruch, dann denke ich an meinen Vater.
Wir haben Zahnbürsten und Schlafsachen beieinander. Wir fischen die Post des anderen aus dem Briefkasten und reißen sie auf. Wir kramen im Kühlschrank des anderen nach etwas Essbarem, doch wir wohnen nicht zusammen. Das hat nicht funktioniert.
Wenn er dann am Sonntag bei mir ist und verschläft, staubsauge ich, drehe das Radio auf, poltere in der Wohnung herum, lache laut, wenn er mich fragt, ob ich ihm einen Kaffee mache. Tue alles, um nicht zu sein wie meine Mutter.
Manchmal schämt sich mein Freund, wenn man ihn anspricht auf mich. Wie ich war, letzte Nacht in der Kneipe oder letzte Woche auf der Geburtstagsparty. Wenn eine Frau zu viel trinkt, ist das was anderes.
Als ich beginne zu trinken, trinke ich keinen Schnaps. Ich trinke buntes, süßes Zeug. Ich sage Dinge, die ich nüchtern niemals sagen würde und die sich nicht mehr zurücknehmen lassen. Ich sage meiner Schwester, dass ich mich lieber aufhängen würde, als ihr spießiges Scheißleben zu führen. Ich sage meinem Nachbarn, dass ich schon immer heimlich verliebt in ihn war und dass ich seiner Freundin die Umzugskartons raustrage, wenn er endlich Schluss mit ihr macht. Ich sitze weinend in der Taxizentrale, die Telefonistin legt mir eine Wolldecke um die Schultern und kocht mir einen Kaffee. Ich schlafe im Hausflur, weil ich mit dem Schlüssel nicht mehr das Schloss treffe. Ich wache auf, die Kleidung voller Erbrochenem, blaue Flecken und Kratzer, deren Herkunft ich nicht kenne.
Ich verliere meine Sachen, hole meine Handtaschen an Nachmittagen bei Kneipenwirten ab, die sie beim Putzen wiederfinden. Im Tageslicht sehen sie mich mitleidig an, und ich lasse als Dank ein wenig Trinkgeld da.
Ich lasse fremde Hände auf meinem Körper zu und berühre.
Ich schaffe es montags nicht mehr zur Arbeit, lasse dafür Großmütter sterben, erfinde Magen-Darm-Infekte, und meine Chefin murmelt Gute Besserung.
Meine Freunde fragen mich nicht mehr, ob ich mitkommen will, wenn sie zusammen ausgehen.
3
Zu meinem Geburtstag plant Mama eine Übernachtungsparty mit meinen besten Freundinnen. Im Kinderzimmer legen wir die Matratzen auf dem Boden eng nebeneinander, trinken Kinderpunsch durch Plastikstrohhalme und schlafen irgendwann ein, ein großes schnarchendes Kinderknäuel. In der Nacht werde ich von Marlenes spitzem Schrei geweckt. Sie steht in der Badezimmertür, und mein Vater liegt vor der Badewanne und schläft. Ich rüttele an ihm, kneife fest in seinen Oberarm, steh auf Papa, hier kannst du nicht schlafen, doch er rührt sich nicht. Ich wecke meine Mutter, sie schafft es, ihn zu wecken, nimmt ihn mit ins Schlafzimmer, zischt ihn durch zusammengepresste Zahne an. Marlene geht auf die Toilette und legt sich danach wieder schlafen. Am Montag darauf ist wieder Schule. Marlene erzählt niemandem davon. Ich sage ihr nie, wie dankbar ich ihr dafür bin. Stattdessen schlage ich mich den Rest der Schulzeit für sie.
Ich sehe es meinem Vater auf zig Meter Entfernung an. Kenne all die Phasen. Erst ein Lächeln, dann glasige Augen, dann diese gehobene Augenbraue, die plötzlich absteht, als wolle sie nicht mehr zum Rest des Gesichts gehören, bis alles nur noch eine blasse, verschwitzte Maske ist. Er sitzt in der dunklen Küche, hört Phil Collins, redet mit sich selbst, weint manchmal. Ich weiß nicht, warum, mir kommt alles nicht so schrecklich vor. Schleiche ich an ihm vorbei, sieht er mich an, doch sein Blick scheint nach innen gerichtet.
4
Wir fahren in den Urlaub. Meine Eltern holen meinen Bruder und mich von der Grundschule ab, den Kofferraum voller Taschen, das Muster meiner Weltraumbettwäsche an die Innenseite der Heckscheibe gepresst. Meine Schwester fährt schon selbst Auto, mit ihrem Freund sitzt sie im roten Fiat hinter uns. Auf der Autobahn winken wir uns zu und schneiden Grimassen. Meine Mutter legt die Hand auf das Knie meines Vaters. Wir halten an einer Raststätte, er sagt, er müsse auf die Toilette. Bleibt lange weg, wir spielen auf dem Rasenstreifen Fangen, ich trete in einen Hundehaufen.
Von hier fährt meine Mutter weiter, mein Vater sitzt still auf dem Beifahrersitz, mit schiefen Augenbrauen. Mein Bruder schläft ein, das Gesicht auf meinem Schoß, der Speichel aus seinem Mundwinkel hinterlässt einen dunklen Fleck auf meiner hellen Jeans. Meine Mutter dreht sich nach hinten, drückt mir die Kopfhörer noch ein bisschen fester auf die Kinderohren, dreht das Rädchen an meinem Discman, bis Bibi Blocksberg so laut ist, dass ich nur noch sie höre. Es ist die Folge, in der Bibi alleine zu Hause ist, einen Elefanten ins Wohnzimmer hext, der das Mobiliar zertrümmert, und Barbara Blockberg kommt heim und schimpft mit ihr. Wenn du so zu mir bist, habe ich immer das Gefühl, du hast mich gar nicht mehr lieb, meint Bibi. Ach, ich hab dich doch immer lieb, sagt die Mutter. Dann hexen sie den Elefanten gemeinsam zurück in den Zoo, meine Mutter fängt an zu weinen und schlägt auf das Lenkrad.
Als wir an der Ferienwohnung ankommen, ist es schon dunkel draußen. Mein Vater steckt uns ins Bett, ich trage noch meine Jeans, als er mir die Decke über die Knie legt. Sein Atem riecht scharf, sein Kuss ist nass und schwabbelig auf meiner Stirn. Wenn du so bist, hab ich das Gefühl, du hast uns gar nicht mehr lieb, sage ich, doch da ist er schon weg, zieht die Zimmertür mit einem Ruck ins Schloss.
Das Schwarz an den Händen meines Vaters, 2025, S.Fischer