Heute ist der zweite Tag meiner Arbeitslosigkeit. Noch nicht offiziell, denn erstens ist Wochenende und da muss ich sowieso nicht arbeiten und zweitens befinde ich mich noch bis Ende des Monats im Resturlaub meines sozialversicherungspflichtigen Anstellungsverhältnisses. Trotzdem: Ab jetzt muss ich nicht mehr ins Büro. Diensthandy, Laptop, Transponder, Hausausweis, das alles habe ich zurückgegeben. Und jetzt?
Ich denke: Jetzt erstmal chillen
Jetzt kann ich endlich mal chillen, in den Tag hineinleben, frei über meine Zeit verfügen und die »Seele baumeln lassen«, wie Frauenmagazine das nennen. Endlich Schlagzeug üben (habe ich vernachlässigt), meinen Bücherstapel angehen (er ist wieder sehr groß geworden) oder meine Türschwellen abschleifen (daran scheitere ich seit zwei Jahren). Ich könnte mich auch an die Steuererklärung setzen, dann wird das nicht so kurz vor knapp. Ich merke jetzt schon: Das mit dem Baumeln-Lassen geht mir leicht von der Hand.
Ich denke: Krass! So viel unnützes Wissen!
In den letzten Tagen ist mir immer wieder aufgefallen, wie viel ich weiß - und wie obsolet dieses Wissen jetzt ist. Ich weiß, wen ich ins CC und wen ins BCC setze. Ich weiß, was wirklich drängt und was nur, weil daran Egos hängen (und ich weiß, wessen Ego wichtig ist). Ich erkenne die Handynummer der Grafikerin auf dem Display und wenn jemand etwas sucht, sage ich die Pfade auf dem Server auf wie ein Gedicht. Ich weiß, wann der Schließdienst das Tor zumacht, und dass ich besser mein Fahrrad nicht auf dem Hof stehen lasse, wenn es mal spät wird. Dieser riesige Wissensschatz der Alltäglichkeiten liegt jetzt brach. Alle offen gebliebenen Aufgaben, jede unbeantwortete Email, jedes Versäumnis in der Übergabe bleibt genau das: offen, unbeantwortet, versäumt.
Ich denke: Fuck.
Ich überschlage im Kopf: Miete + Gaspreis + 3 Lebensmittel - gutbezahlter Job = Das wird knapp. War diese Kündigung ein riesiger Fehler? Folge ich zu vielen spirituellen Instagram-Coaches, die mir erzählen, ich müsste nur mein best self sein, damit das Universum mich belohnt?
Irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass dem Finanzamt mein best self egal ist, und ich meine Miete nicht in positiven Gedanken zahlen kann.
Und selbst wenn: Jetzt gerade denke ich die ja ohnehin nicht.
Ich denke: Was ist das eigentlich… Arbeit?
Als Arbeitslose darf ich nicht mehr als 15 Stunden in der Woche arbeiten. Ich frage mich: Wenn ich morgens in mein Notizbuch schreibe, ist das dann Arbeit? Wohl kaum. Aber wenn ich Gedanken aus den Morgenseiten aufgreife und einen Text daraus mache, werden sie rückwirkend zur Arbeit? Wenn ich mich abkämpfe, aber den Text nie fertigstelle? Wenn ich es anstrengender finde, Wäsche zu waschen und eine Freundin zurückzurufen, als eine Podcastfolge aufzunehmen, was davon ist Arbeit? Was ist mit Alleinerziehenden ohne Einkommen? Oder Menschen, die ihren Job aufgeben müssen, um Angehörige zu pflegen? Denen zu sagen, sie wären »arbeitslos«, ist absurd. Wen fragt man da? »Möchten Sie mit uns eine Grundsatzdebatte über das tätige Leben führen - drücken Sie die 2« Möglicherweise ist die Agentur-Hotline nicht die Anlaufstelle für strukturierte Begriffsarbeit.
Ich denke: Vielleicht auch mal weg sein?
Ich könnte für ein paar Monate auf einem Bauernhof Schafe hüten, mit der Sonne aufstehen und mit dem Mond ins Bett gehen. Ich würde von gehobelten Holzbrettern grobes Brot essen und morgens Kaffee aus einer Blechtasse trinken. Oder ich könnte mit dem Zug Richtung Süden, vielleicht durch Frankreich nach Portugal. Ich würde meinen großen Reiserucksack vollpacken und von Backpackern genervt sein, die mir auf gammeligen Hostel Sofas was von Nick Drake auf der Gitarre vorspielen. Oder ich gehe ins Kloster, wo ich in Meditiation versunken zwischen kühlen alten Steinmauern sitze oder draußen auf einer Wiese und das Licht sich in den Blättern über mir bricht.
Das könnte ich sein.
Ich denke: Ich sollte eine Ratgeber-Kolumne schreiben
Seit einiger Zeit hege ich den geheimen Wunsch, eine Ratgeber Kolumne zu schreiben. Zugegeben, so geheim ist der Wunsch nicht, denn ich erzähle allen davon. Dabei sage ich das so halb scherzhaft, halb ernst und prüfe, ob die anderen über mich lachen. Denn ein Teil von mir denkt natürlich, wie absurd das wäre: Mika, Ex-Alki und arbeitslos, erzählt den Leuten jetzt mal, was sie machen sollen. Aber ich gebe einfach so verdammt gerne Ratschläge.
Ich denke: Guck mal an, wie weit ich gekommen bin
Es ist nicht das erste Mal, dass ich einen Job verlasse oder etwas abbreche - im Gegenteil. Lange Zeit schien ich nicht im Stande zu sein, etwas geordnet zu Ende zu bringen. Meistens litt ich einfach so lang, bis ich nicht mehr leiden konnte und trat dann die Flucht an. Veränderung war kein sanfter, gradueller Prozess, sondern eine Explosion, die an den Grundfesten meines Lebens rüttelte und immer auch Ärger und Frust bei jenen hinterließ, die zu nah dran standen. Das ist jetzt anders. Diesmal nehme ich Abschied. Diesmal muss ich nicht losrennen, um nicht an das zu denken, was ich zurückgelassen habe. Das hat mich Kraft gekostet: Die Fäden in der Hand zu behalten, als alles Richtung Ende ging, hat im Grunde alle meine Kapazitäten der letzten Wochen aufgebraucht. Ideal ist das nicht, aber besser als vorher.
Ich freu mich
Weil sich das alles weniger wie eine Flucht anfühlt, sondern mehr wie eine selbstbestimmte Entscheidung, überwiegt die Freude. Ich lasse die Gedanken tanzen und die Gefühle vor sich hin rumoren. Da sind Unsicherheit und Angst, aber auch Freude, Aufregung, Erleichterung und Tatendrang. Das ist auch etwas, das mir die Nüchternheit geschenkt hat: Die Facetten, der Friede mit den eigenen Entscheidungen, die sanfte Veränderung, die bei näherem Hinsehen nicht weniger radikal ist, als die Explosion.
»Anleitung zum Alkoholismus« jetzt auch als Song
Der Musiker und Autor Martin Spieß hat sich so sehr in unserer Folge #113 wiedererkannt, dass er kurzerhand einen Song draus gemacht hat. Könnt ihr euch direkt auf Steady anhören!
SodaKlub bei Selbsthilfe To Go
Nach Mias Interview (Opens in a new window) für den Podcast Selbsthilfe To Go, ist nun auch Mikas Interview erschienen.
https://selbsthilfe-to-go.podigee.io/11-new-episode (Opens in a new window)