Mia / Introversion
Ich wusste lange nicht, was es bedeutet, introvertiert zu sein. Ich dachte introvertiert hieße schüchtern. Aber ich redete immer schon gern und viel, war überhaupt nicht schüchtern, sondern achtete im Gegenteil routiniert darauf, mein Mundwerk im Zaum zu halten, damit es nicht die sozial akzeptierten Abstandsregeln sprengte. Und obwohl ich sehr gerne alleine war, brauchte ich mindestens einmal am Tag menschlichen Kontakt.
Als ich dann nüchtern wurde, stellte ich seltsame Sachen an mir fest. Ich fand es auf eine neue Art anstrengend, lange irgendwo zu sein, wo die Post abging. Eigentlich sollte ich doch fitter sein und besser performen, jetzt, wo ich nicht mehr trinke? Ich beobachtete mich dabei, wie ich häufig die Toiletten benutzte, obwohl ich gar nicht pinkeln musste, um dann einfach ein paar Minuten dort herumzuhängen, bevor ich wieder genug Kraft gesammelt hatte, um mich zurück in die Veranstaltung zu werfen. Kraft?, dachte ich, wozu brauche ich denn Kraft?
Das Wundermittel Alkohol hatte mich mein ganzes erwachsenes Leben lang comfortably numb gemacht, und jetzt wo es nicht mehr zur Verfügung stand, mutierte ich zu einem Hypersensibelchen, das menschlichen Kontakt dosieren musste.
Introvertiertheit bedeutet nicht, dass man schüchtern ist. Es bdeutet, dass soziale Interaktionen enorm energieaufwändig sind – man also schnell sozial überhitzt, wie der Akku eines 2015er Macbook. Auch dann, wenn man die Leute toll findet und Spaß hat.
»Für echte Introvertierte sind andere Menschen im Grunde genommen Energievampire. Du hasst sie nicht, du musst nur strategisch vorgehen, wenn du dich ihnen aussetzt — wie die Sonne. Sie geben dir Leben, klar, aber sie können dich auch verbrennen.«
Amy Schumer
Besonders schlimm ist es für mich, wenn die Versammlung aus einer kritischen Masse von mehr als 5 oder 6 Leuten besteht (es ist also nicht mehr intim), aber weniger als 25 (es ist also nicht egal, wenn man sich in der Menge verliert). 12-15 Leute sind der Supergau.
Denn es bilden sich einzelne Grüppchen und man muss fortwährend Entscheidungen treffen, zu welcher Gruppe man gerade gehört. Als erschwerender Faktor kommt noch hinzu, wenn man die Leute wenig bis gar nicht kennt, und also bei jedem Neuverteilen der Grüppchen einen neuen Gesprächseinstieg und ein neues Smalltalkthema auf einer angemessen oberflächlichen – aber nicht belanglosen – Ebene finden muss und man sich selbst außerdem fortwährend sozial kontrolliert – denn man kennt ja die Leute nicht gut genug, um sich natürlich zu verhalten (sich also z.B. einfach mal eine Viertelstunde etwas abseits auf den Teppich zu legen oder einen verstörenden Traum zu erzählen, in dem man mit Christian Lindner BDSM ausprobiert hat).
Ich war diese Woche auf dem bisher einzigen Junggesellinnenabschied meines Lebens und obwohl ich alle anwesenden hochgradig nett und witzig und interessant fand, war ich am Ende eines langen Tages beim Dinner maximal ausgelaugt: Ich hatte einen solch brennenden Hunger danach, alleine zu sein und die Schnauze zu halten, dass es sich wie körperlicher Schmerz anfühlte. Die Gruppe bestand zudem nur aus Frauen und Frauen sind sozial darauf trainiert, besonders freundlich und vorsichtig miteinander zu sein, permanent zu lächeln und auf die anderen zu achten, sie einzubinden und ihnen ein gutes Gefühl zu geben – was paradoxerweise dazu führt, dass soziale Interaktionen noch viel energieaufwändiger sind.
Irgendwann passierte das, was meistens irgendwann passiert: Ich ließ die soziale Etikette aus Erschöpfung fallen und gab eine ehrliche Antwort, als mich die Frau gegenüber fragte, was ich vom Heiraten halte.
Das, was dann bemerkenswerterweise oft folgt, ist Erleichterung auf allen Seiten; darüber, dass man den Smalltalk hinter sich lassen und sich in das etwas weichere, angenehm schattige, nächst tiefere Level der Intimität sinken lassen kann. Schnell begannen die anderen, über ihr eigenes Liebesleben zu reden, über ihr Alleinsein oder ihre Affairen und darüber, wie alle um einen rum Kinder bekommen, weswegen man abwechselnd intensiv Mitleid hat und intensiv neidisch ist, und über die Natur der Liebe und der Freundschaft und der romantischen Beziehungen an sich.
Ich konnte an diesem Abend nicht das machen, was ich am liebsten mache (einfach verschwinden, ohne mich zu verabschieden), denn es war nicht diese Art von Party. Ich musste eine dieser unendlichen, alle restlichen Energiereserven verbrennenden Verabschiedungsrunden aushalten, über die ich mich in der aktuellen SodaKlub Folge so aufrege.
Ich werde dafür irgendwann eine Lösung finden. Ich werde vielleicht zu Beginn der Party meinen Gesprächspartnerinnen kleine Kärtchen zustecken, auf denen steht: »Wenn ich in ein paar Stunden einfach verschwunden bin, heißt das nicht, dass ich dich nicht großartig finde.« oder ich werde mir aufs Shirt drucken lassen: »Normalisiert polnische Abschiede« oder so.
Es ist mit den Introvertierten vielleicht ein bisschen so wie mit den Problemtrinkerinnen; es gibt mehr von ihnen, als man denkt. Und vielleicht ist deine Tischnachbarin dankbar, wenn du den Smalltalk überspringst und ein bisschen Intimtät schaffst.
Das Zitat stammt aus dem Essay »Introvert« aus Amy Schumers Autbiografie The Girl with the Lower Back Tattoo (deutsch: Inside Amy Schumer (Opens in a new window)) – ein guter Text, wenn man Introvertiertheit besser verstehen will.
Love 🖤 Mia